Die vom Niederrhein

Part 14

Chapter 143,835 wordsPublic domain

An schmeichelnden Sommerabenden setzte sich Heinrich Springe an seinen Flügel und Hannes ließ ihren warmen Alt erklingen. Und wenn die Lieder ausgeströmt waren und die Stimmung sich so seltsam verdichtet hatte, daß nur noch etwas Außergewöhnliches geschehen durfte, um den glücklichen Zauber zu halten, dann führte Herr Friedrich Leopold an zierlich gespreizter Hand die rüstige Altersgenossin Frau Stahl vor, und sie mochte wollen oder nicht, sie mußte mit ihm zu Heinrichs Begleitung ein köstlich-steifes Menuett aus der guten alten Zeit exerzieren. Das war an den Abenden, an denen Frau Margot zugegen war, die nach der Eintönigkeit des vergangenen Trauerjahres nun oft im Vorbeigehen heraufgeschlüpft kam, um, wie sie sagte, ihre Seele zu füttern. Und an dem Abend, an dem das Weinlaub der Veranda herbstlich rot erglühte, hatte sie mit Heinrich Springe an der Brüstung gestanden, und die Fröhlichkeit, die aus dem Zimmer zu ihnen drang, gab ihrer stummen Stimmung das Relief.

Sie lehnten nebeneinander und sahen geradeaus, in den farbenprangenden Abend hinein.

»Frau Margot,« sagte dann Springe, aber keins von ihnen änderte die Richtung des Blickes, »ich habe Sie bis heute nicht fragen wollen.«

»Lieber Freund, ich bin nicht mehr die kleine Margot, die Sie im Gedächtnis haben. Ich bin eine Frau, die den Höhepunkt überschritten hat. Bedenken Sie das.«

»Wir beide haben erst den Höhepunkt überschritten, wenn wir uns nicht mehr lieben.«

»Und das ist nicht möglich,« sagte sie und legte ihre Hand auf die seine.

Sie schauten, nebeneinander lehnend, in den Abend wie vorher; aber es war ihnen, als wäre Luft und Licht noch wohltuender geworden.

»Wann, Margot?« fragte er nur.

Und sie antwortete: »Wann du willst. Nur ordne mir auch das Glücksbedürfnis meines Jungen ...«

Da beugte er sich über die feingeäderte Hand, die wie ein Marmorgebilde auf der Verandenbrüstung ruhte, und küßte sie.

* * * * *

Hans war angekommen.

Als Frau Margot, die ihren Jungen von der Bahn abgeholt hatte, ihm im Wagen gegenübersaß, wußte sie nicht das rechte Wort zu finden, ihn im Sturm einzunehmen. Hans hatte sich bei der Begrüßung sehr zärtlich gezeigt, aber es war doch mehr die liebenswürdige Aufmerksamkeit eines chevaleresken Sohnes zur Mutter gewesen. Nun suchte sie ihn während der Fahrt zu beobachten und Vergleiche zwischen früher und jetzt anzustellen. Sie hatte sich ihren Jungen nicht gar so erwachsen gedacht. Hans war stärker geworden und breiter in den Schultern. Sein welliges braunes Haar war der Schere zum Opfer gefallen und so kurz geschnitten, wie es der durchgeführte Scheitel nur eben zuließ. Auch sein kräftiger dunkler Schnurrbart zeigte eine offiziersmäßige Form. Das Gesicht war röter geworden und die Studentennarben auf Stirn und Wangen zogen scharfe, purpurne Linien hinein. Um die Augen herum liefen tiefe Schatten, die von durchtollten Nächten sprachen.

Es wurde Frau Margot eigentümlich zu Mute bei dieser Entdeckung. Hatte sie geseufzt? Worüber? Weshalb?

Der Sohn erkundigte sich teilnehmend, ob sie sich nicht ganz wohl fühle?

»O doch,« gab sie freundlich zur Antwort. »Ich bin nur froh, daß du da bist.«

»Weißt du, was Springe von mir will? Er zitierte mich mit solcher Bestimmtheit her.«

Welchen Ton er sich angewöhnt hatte — —. In den wenigen Worten schon lag die ganze Veränderung seines Wesens.

»Ich möchte unserem Freunde nicht vorgreifen,« erwiderte sie reserviert. »Du wirst wohl gleich zu ihm wollen?«

»Es eilt nicht, Mama. Jedenfalls möchte ich mich zunächst umkleiden und, wenn du gestattest, ein Glas Wein bei dir trinken. Diniert habe ich bereits in Köln auf dem Bahnhof.«

Sie nickte nur, und schweigend kamen sie zu Hause an.

Eine Stunde später verabschiedete er sich von der Mutter. Der rasch genossene Wein brauste ihm im Blut, und er freute sich auf einen Spaziergang durch den kühlen Herbsttag. Als der Hofgarten in Sicht kam, zog es ihn unwiderstehlich nach der Pempelforterstraße. Er wollte nur an dem Hause vorübergehen und dann zurückkehren, um Springe aufzusuchen. Doch nachher konnte er sich nicht enthalten. Weshalb nicht auf einen Sprung hinauf? Die Großmutter würde nicht daheim sein und Hannes — Hannes allein. Alle Pulse klopften ihm. Da war er auch schon oben und klingelte.

»Hans!«

Das Mädchen war zuerst einen Schritt zurückgetreten. Dann kam sie hastig vor, faßte ihn bei den Händen und zog ihn in das Zimmer. Seine Hände in den ihren, starrte sie ihn eine Minute an. Das Schweigen wurde ihm peinlich, und er machte eine Bewegung. Da schüttelte sie den Kopf, als wollte sie die aufsteigenden Gedanken verjagen, und warf, einem jähen Impulse folgend, die Arme um seinen Hals.

»Da bist du, da bist du,« wiederholte sie nur immer, und ihr junger, warmer Mädchenkörper zuckte vor Erregung in seinen Armen.

»Kind, Kind, wer wird sich denn so aufregen!«

»O laß mich doch, laß mich doch. Ich wußte ja kaum noch, ob du lebtest.«

»Mir ist das viele Briefschreiben ein Greuel. Damit wird dich auch Mama getröstet haben.«

»Mama —?« Sie ließ seinen Nacken los und lächelte eigen vor sich hin.

»Nun, Johanna, was soll denn das?«

»Mama ist der Meinung, daß ich regelmäßig Nachrichten von dir gehabt hätte.«

»Wie ist denn das möglich? Hat sie denn nie gefragt?«

»Doch, doch. Gerade, weil sie gefragt hat. Da hab’ ich ihr das ja gesagt.«

»Daß du Nachrichten von mir hättest? Ja warum denn, um alles in der Welt?«

Sie sah ihn an. Sie fühlte, daß er sie nicht verstand, daß er ihre Tapferkeit nicht verstand. Und plötzlich merkte sie, daß all ihre Freude erstorben, daß ihr Blut eiskalt geworden war.

»Weil ich mich für dich schämte,« sagte sie und richtete sich ruhig auf.

»Was —?« fragte er erstaunt, als hätte er nicht recht gehört. »Weil du dich — für mich — —? Ach, du scherzest wohl.«

»Wie du dich verändert hast,« entgegnete sie nur und betrachtete ihn ernst. Sein Gesicht hatte keine Geheimnisse für sie. Sie las aus den kleinen Spuren sein ganzes Leben.

»Darf ich vielleicht wissen, weshalb du es für nötig hieltst, dich für mich zu schämen?« fragte er zornig.

Da fuhr auch sie auf.

»Nein! Das darfst du ~nicht~ wissen, wenn du es wirklich nicht längst schon weißt.«

»Ich bitte mir ein besseres Benehmen aus. Das ist nicht der Ton, in dem wir eine Unterhaltung führen können.«

»O — —! Und ~dein~ Benehmen? Dein Benehmen gegen mich? Daß du mich fast ein Jahr lang auf eine Zeile warten ließest? Das ist wohl ganz was anderes!«

Er suchte nach einer Antwort, um der aufsteigenden Scham zu begegnen. Und plötzlich, nur von dem Gefühl getrieben, nicht als der Besiegte zu erscheinen, stieß er brüsk hervor: »Vergiß doch nicht, daß wir durchaus nicht offiziell verlobt sind. Dann freilich, dann wäre es unverantwortlich von mir gehandelt gewesen. So aber trifft mich auch nicht der kleinste Vorwurf.«

Sie wurde mit einem Male merkwürdig ruhig. Noch ein paar schnelle Atemzüge, und sie konnte lächeln.

»Reden wir nicht davon. Es hat keinen Zweck. Einer von uns spricht Chinesisch.«

Dann bot sie ihm mit heiterem Wesen einen Stuhl an und setzte sich mit einer kleinen Handarbeit an den Tisch. Ganz korrekt, ganz über der Situation stehend, wie eine große Dame, dieses junge Geschöpf ...

»Großmama wird sehr bedauern. Es ist zwar nicht ganz schicklich, daß wir hier so mutterseelenallein sitzen. Aber für ein paar Minuten — das hat wohl nichts zu bedeuten.«

Er biß sich auf die Lippen. Sie machte sich lustig über ihn! — — Da verlor er den Kopf.

»Hannes,« begann er, und nun sprudelten die Worte hervor und überstürzten sich, »Hannes, ich hab’ dich lieb. Daran zweifelst du doch hoffentlich nicht. Ich habe dich genau so lieb wie früher. Aber dem Leben da draußen ist nicht nur mit der Liebe gedient. Wir — ich mein’ die Menschen, die auf sich halten — wir haben ernstere Pflichten gegenüber der Gesamtheit als die große Masse gegen sich. Wir bilden die Elite. Und deshalb dürfen wir uns nicht leichtsinnig eine Blöße, eine Angriffsfläche geben. Was den einzelnen von uns trifft, das trifft uns alle. Wir sind sozusagen ein Körper und eine Seele. Verstehst du das?«

»Ich wußte bisher nur, daß zwei, die sich lieben, das zu sein hätten ...«

»Aber natürlich. Das hab’ ich doch wohl nicht in Abrede gestellt. Ich spreche hier aber von dem Kreise, in dem ich zu leben habe, von den Leuten aus gutem Hause und von guter Erziehung. Siehst du, Hannes, das sind die Konflikte, die an mir herumreißen. Ich habe dich so lieb — wer könnte dich nicht lieb haben — aber nun sei einmal mein vernünftiges Mädchen.«

»Ich bin dein vernünftiges Mädchen,« sagte sie und zwang den stürmischen Atem zurück.

»Also, Hannes; dann wird es uns leicht werden. Ganz offen, nicht wahr, ganz offen! Ich habe nun einmal einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Und deine Mutter — deine Mutter besaß keinen Frauennamen.«

»Nein; aber sie besaß die Frauenliebe.«

»Aber davon versteht die Welt doch nichts,« rief er aufgebracht, »dazu ist doch die Welt zu dumm!«

»Und trotzdem — —? Armer Hans.«

»Du scheinst bei meiner Mutter viel gelernt zu haben,« sagte er und stand auf.

»Ich wollte dich nicht kränken. Aber ich habe dich viel zu lieb, als daß ich dich so hören könnte.«

»Hannes,« bestürmte er sie von neuem und zog sie an sich, »es ist ja nur eine bloße Formalität, die ich verlange. Ich habe ja allen Respekt vor deiner Mutter, aber die Leute, auf die es für uns ankommt, denken darüber anders. Wir wollen zu Springe hingehen. Wir wollen ihm alles vorstellen und ihn bitten, zu helfen. Er soll dich adoptieren. Dagegen wird er bei seinen Anschauungen nichts haben. Du erhältst einen guten Namen und wir heiraten und ziehen nach München, nach Berlin, wohin du willst. Mit der Fabrik will ich ja doch nichts zu tun haben. Hannes, ich bitte dich. Hannes — — was hast du denn? Was fällt dir denn ein?«

Sie hatte sich mit einer energischen Bewegung freigemacht und vom Wandhaken ihren Hut gerissen.

»Soll ~ich~ gehen, oder willst ~du~ gehen?«

»Hannes, Liebste, versteh mich doch nicht falsch. Kannst du mir denn kein Opfer bringen?«

»O doch,« lachte sie und nestelte ihren Hut auf, »das größte; dasselbe Opfer, das meine Mutter gebracht hat. Wenn es darum ging’! Wenn es nicht anders wär’! Das wär’ doch wenigstens Stolz! Kein feiges Einschleichen, wie du es von mir verlangst. Gib dir keine Müh’ mit mir. Ich will nichts mehr hören, als das eine: Soll ~ich~ gehen, oder willst ~du~ gehen?«

Er war gegangen. Rot vor Zorn und Scham. Aber wie in einer Muschel, in der sich, unentrinnbar, die Stimme des ewigen Meeres gefangen hat, so schallte, unentrinnbar ihr, eine Stimme in seinem Innern. »Scham ist Feigheit — Scham ist Feigheit.«

Die alte Frau Stahl hatte es gesagt, droben in dem Stübchen. Und droben in dem Stübchen rang jetzt ein junges, wildes Blut mit dem ganzen Stolz die Verzweiflung nieder. Der Sommernachtstraum, den sie im Park zu Benrath geträumt hatte — Sommernacht? Es war doch Herbst gewesen, Herbst wie heute. Der Ring hatte sich geschlossen.

Sie saß gerade aufgerichtet auf dem Stuhl, den Hut auf dem Schoß, und starrte ins Leere. Nicht mit der Wimper wollte sie zucken. Aber die Tränen nahmen keine Notiz davon. Sie kamen tief aus dem Innern und rollten langsam über die Wangen und tropften heiß auf die Hände. Ein Abschied — —.

* * * * *

Heinrich Springe ging auf dem Trottoir vor seiner Haustür auf und ab und zog jeden Augenblick aufs neue seine Uhr. Wo nur der Hans blieb? Er hätte schon seit Stunden bei ihm sein können. Sollte Frau Margot vorgezogen haben, zuerst mit ihrem Sohne zu sprechen, und Hans Einwendungen zu machen haben? Dem wartenden Manne war es auf seinem Atelier ordentlich unheimlich geworden. Ahnungen durchflatterten das Zimmer und schreckten ihn auf. »Wie Fledermäuse,« dachte er und sah sich um. Er hatte doch sonst nicht an Nervosität gelitten.

»Die Liebe macht doch selbst die Vernünftigsten zu schreckhaften Kindern,« sagte er kopfschüttelnd. »Vielleicht, weil ihre Vernunft begreift, was das Herz zu verlieren hat.«

Damit nahm er seinen Hut, um vor dem Hause nach Hans auszuspähen.

Endlich! Dort kam er von der Oststraße her, den Hut etwas schief, das Jackett aufgeknöpft und den Stock wagrecht unter dem Arm.

»Achtung, mein Junge, du läufst zu weit.«

»Ah, da bist du ja selbst. Guten Tag, Heinrich. Wie geht’s? Wollen wir einen Spaziergang unternehmen? Es plaudert sich im Freien am besten.«

»Lieber wär’s mir, wenn du mit mir hinaufgehen wolltest. Wir sind oben ungestörter.«

»Na, gar so feierlich wird’s doch nicht sein.«

»Wie man’s nimmt, mein Junge. Für mich soll’s, so Gott will, eine Feierstunde werden.«

Sie saßen sich im Atelier gegenüber, wie vor Jahren. Aber der Jüngere war älter geworden, und der Ältere jung geblieben. Das sahen sie beide auf den ersten Blick, und es schlich sich ein Fremdes zwischen sie.

Heinrich Springe schüttelte den Bann ab. Freimütig blickte er den einstigen Schützling an und legte ihm die Hand aufs Knie.

»Laß mich gleich mitten in die Sache hineingehen, Hans. Umschweife würden sich für uns nicht schicken, und sie passen auch nicht zu meiner Art. Nur eines sollst du mir vorher sagen: ob du mir noch so vertraust ...«

»Aber gewiß ...«

»Das genügt mir. Ich brauche also nicht zu erwähnen, daß keinerlei Interessen bestimmend für mich sein konnten. Hans, ich habe deine Mutter gekannt, als sie noch ein kleines Mädchen war, und ich habe sie mit meiner Knabenliebe geliebt. Du weißt ja selbst, was Jugendliebe bedeutet, nur daß du glücklicher darin bist, als ich es war. Wir waren beide arm, deine Mutter konnte nicht warten und heiratete deinen Vater, und ich — ich habe keine andere Frau mehr lieb gehabt. Und nun, Hans, und nun — haben wir uns wieder zusammen gefunden. Und der Kindheitsglaube an das Glück hat sich auch wieder eingefunden. Und nun möchten wir drei für immer zusammen bleiben: deine Mutter, dein Freund und der Kindheitsglaube.«

Er stand auf und fuhr sich über die Stirn.

»Das war’s, was ich dir persönlich sagen wollte, was sich brieflich überhaupt nicht ausdrücken läßt. Deshalb bat ich dich her. Und ich meine, dies Atelier, in dem auch du mir einmal von deiner Jugendliebe erzähltest, war die richtige Umgebung für diese Minute. — Du antwortest nicht? Hat es dich so überrascht?«

»Das — das — verstehe ich nicht,« stieß Hans kurz hervor und erhob sich gleichfalls.

»Soll ich es dir — ausführlicher erklären?«

»O ich danke dir. Die Erzählung selbst ist mir schon aufgegangen. Aber daß meine Mutter es über sich gewinnt, daran zu denken, in ihren Jahren daran zu denken —«

»Schau sie dir doch an, Junge,« sagte Springe lächelnd, »und dann wiederhole das von den Jahren.«

»Einerlei. Und gerade ~du~ und sie. Spürt ihr denn nicht die Indezenz, die darin für mich liegt?«

»Was sollen wir spüren?« fragte Springe verblüfft. »Was liegt für dich darin? Ja, mit wem sprech’ ich hier denn eigentlich? Hans, Hans, wach auf, es ist doch dein alter Freund, der vor dir steht.«

»Ein Freund, der im Begriff ist, sich in meinen Vater zu verwandeln. Ein Freund, mit dem ich geschwärmt habe, mit dem ich gezecht habe, mit dem ich meine Liebesaventiuren beraten habe; der mir wie ein Gleichaltriger war. Und diesen Gleichaltrigen, diesen Kameraden der Jugend soll ich mir vorstellen als — als — den Gatten meiner Mutter? Wird es dir jetzt klar, was ich mit dem Worte ›Indezenz‹ aussprach?«

Heinrich Springe war blaß geworden.

»Nein,« sagte er und zog die Augenbrauen zusammen, »das wird mir ~nicht~ klar. Aber es schwant mir ziemlich klar, daß du da draußen dein Liebesempfinden verloren oder — verhandelt hast.«

»Möchtest du mir irgend etwas unterschieben?« brauste Hans auf. Die Szene, die er soeben erst mit Hannes erlebt hatte, stand ihm so greifbar vor Augen, daß er meinte, auch der andere müsse sie sehen. Das brachte ihn außer sich.

»Ich denke, ich spreche ganz deutlich,« erwiderte Springe, »und so offen, wie es sich unter Männern ziemt. Du scheinst mir überhaupt den wahren Kern des Wortes Liebe noch gar nicht entdeckt zu haben. Ja, glaubst du denn, die Dezenz von Liebe und Eheliebe wäre unterscheidbar? Mein Junge, wer die Indezenz hineinträgt, das seid ihr! Ihr mit eurem lächerlichen Grenzregulieren und Schematisieren der Frauengefühle, die nach bestimmter Frist so schnell als möglich mit Anstand und Geräuschlosigkeit zu ersterben haben. Ich will dir was sagen: ich wäre in diesem Falle so geschmacklos, auf die ganze sogenannte Liebe zu pfeifen.«

»Der Ausdruck macht dir im Rahmen dieser Unterhaltung alle Ehre.«

»Nein, Hans,« sagte Springe schnell, »so dürfen wir beide nicht miteinander verhandeln. Ich habe dich falsch verstanden und bin übers Ziel geschossen. Aber sieh, wir sind alle Menschen. Deine Mutter und ich, du und Hannes. Und deshalb bleibt uns nichts, als menschlich zu fühlen. Das aber ist doch das Schönste. Wir fühlen, daß wir uns lieben, und wir lieben uns. Wo wir das rein und wahr erkennen, da fällt jede falsche Scham ab. Da versinkt das künstliche Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Da stehen nur noch liebende Menschen neben liebenden Menschen.«

Er durchmaß das Zimmer und kehrte zu dem Schweigenden zurück.

»Hans,« und das alte, strahlende Lächeln stand auf seinem Gesicht, »als ich — damals — deine frische, ringende Jugend antraf und dein Mentor wurde, da wurde ich es, um deinem Leben gerade dieses Ziel zu geben. Du solltest ein echter Mensch werden, durch jeden Firnis hindurchschauen lernen und mit klingendem Spiel noch ins Alter einmarschieren wie der Soldat ins Himmelreich. Jedem aber das Seine! Auch deine Mutter und ich nehmen das für uns in Anspruch, nicht weil wir älter sind, sondern gerade weil wir uns in dieser Beziehung euch immer gleichaltrig dünken werden. Mein lieber, alter Junge, in unseren Jahren ist der Vater nicht nur Vater, sondern auch Bruder, Freund, Kamerad. Das alles, und nur das, siehst du in mir. Und deine liebe, kleine Braut findet in ihrer Mutter auch eine Schwester.«

»Meine — Braut? Von wem sprichst du denn?«

»Herr Gott, sei doch nicht so offiziell! Von Hannes sprech’ ich.«

»Dann gestatte, daß ich dich berichtige. Fräulein Stahl und ich denken nicht an eine Heirat.«

Heinrich Springe trat ein paar Schritte zurück. Dann streckte er die Arme aus, kam vor und rüttelte seinen Gast an den Schultern.

»Hans —«, er suchte nach Worten, »Hans! Auf der Stelle sagst du mir, daß du lügst. Ich will nicht wissen, was zwischen euch vorgefallen ist. Aber daß du es wieder gut machst, und wenn es dich die Zeit deines Lebens kostet. Eine Träne von ihr ist mehr wert, als der ganze Plunder deiner Errungenschaften. Sag es; auf der Stelle sag es.«

»Bitte sehr,« versetzte Hans und machte sich kurz los. »Der Vater spricht etwas vorzeitig aus dir. Ich wüßte nicht, daß ich dir über mein Tun und Lassen irgendwelche Rechenschaft schuldig wäre. Ich lebe mein Leben, du — deins.«

»O du armer Junge,« sagte Springe und ließ die Arme sinken, »du armer, verblendeter Tor!«

»Für heute ist wohl unsere Unterhaltung zu Ende,« erwiderte Hans und ging zur Tür.

Springe schaute ihm traurig nach.

»Du hast noch etwas vergessen,« sagte er ernst, nahm ein Buch vom Schreibtisch und brachte es ihm. »Das gehört mir nicht.«

Dann fiel die Tür zwischen ihnen ins Schloß.

»Er wird durch eine bittere Schule gehen,« murmelte der Zurückbleibende, »und der arme, blinde Narr reißt sich selbst die Schwungfedern aus, um eine fremde Sprache schreiben zu lernen, die er nie sprechen lernt.« — —

Hans Steinherr war, das Buch in der Hand, ziellos durch die Stadt gewandert. Eine unsagbare Leere spürte er in seiner Brust, ein quälendes, schmerzendes Heimverlangen. Aber er wollte es vor sich selbst nicht Wort haben. Was wußten die hinter ihm von seinem Ehrgeiz? Wer nicht mit ihm war, der war gegen ihn. Für den Philister sind die Höhen nicht getürmt, dem behagt es nur in der Niederung wie dem Frosch im Teich. »Ah, vorwärts,« sprach er sich Mut zu, »mit leichtem Gepäck marschiert es sich am besten. Wenn ich wiederkomme, sollen sie zu mir aufblicken.«

Er war durch das Rheintor gegangen, über die Schiffsbrücke, und wanderte durch die Rheinwiesen, an den Erlen- und Weidenbüschen vorbei. Plötzlich zuckte er zusammen und griff nach dem Buch. Es war ihm eingefallen, daß er an dieser Stelle sein erstes Gedicht gedichtet hatte. Hier — hier hatte er zum ersten Male seine Jugend verspürt. Begierig führte er das Buch dicht unter die Augen.

Es war dunkel geworden. Fern über Neuß stand ein Wetter. Schmutziggelbe Streifen zogen sich am schwarzbewölkten Himmel entlang. Aber die Widmung, die vermochte er noch zu lesen.

»Meinem Mentor — Telemach.«

Der Mentor hatte auf diesen Telemach freiwillig verzichtet. Und die Liebe auf ihren Sänger ...

Ein Schwung — und das Buch klatschte in die Wogen des grollenden Rheins.

Da schwamm ein Stück Jugend — — —.

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Die Nacht ist herabgesunken auf das schweigende Nordmeer.

Noch lustwandeln auf den Promenadendecks des Luxusdampfers fröhliche Menschen in heiterem Geplauder, und aus den Rauchsalons schallt das Lachen lustiger Zecherrunden. Aber die Macht der Gewohnheit berührt sie an der Schulter, und die Menschenlust wird müde, die sich nur an sich selbst zu entzünden vermag in der lauten Vielheit. Das Leben erlischt über der lautlosen See.

Auf Achterdeck lehnt eine Gestalt gegen die Brüstung und träumt in die schaumweiße Kielspur nordische Märchen hinein. Scheu ist der Schlafgott an dem Manne vorübergegangen, als spürte er den Widerpart der alten, starken Götter, die in der Nacht über das einsame Nordmeer schweben. Und auch der sinnende Mann spürt ihre Gegenwart. Das Wunderbare, Rätselvolle, Nie-Gelöste in Luft und Wasser. Und seine Menschenseele möchte sehnend sich dehnen in dem unsagbaren, schmerzlich süßen Empfinden und unsichtbare Bande sprengen, um zu verschmelzen mit der Allmutter Natur, und sie ringt vergeblich nach einem armseligen Wort ...

»Gute Nacht, Herr Doktor!«

Der Träumer fuhr herum und blinzelte mit den Augen in den Lichtstreifen der Schiffslaterne. »Sie sind noch auf, gnädige Frau? Sie werden morgen das Frühstück verschlafen.«

»Selbst auf die Gefahr Ihrer Ironie hin.«

»Meiner Ironie —? Was hätte wohl meine Ironie damit zu tun?«

»O, bitte, keine Entschuldigung. Daß Sie sich über die ganze Schiffsgesellschaft lustig machen —«

»Pardon, meine Gnädige, ich denke nicht daran.«

»Nun also, Sie denken nicht einmal daran; das wäre Ihnen schon zu viel der aufgewandten Ehre. Sie verachten sie ganz einfach.«

»Sie gefallen sich heute in starken Ausdrücken, gnädige Frau. Ich tue weder das eine noch das andere, was Sie mir unterstellen. Wenn ich mich während der Nordlandsfahrt, die leider ihren Kurs nun wieder heim nimmt, für mich gehalten habe, so bedeutete das keinerlei Affront gegen die Reisegesellschaft, so wenig, als sie mich affrontieren kann. Keine Berührungspunkte zu finden, ist doch kein Verbrechen.«

»Weshalb suchen Sie sie nicht?«

»Meine gnädige Frau, ich bin trotz meiner verhältnismäßig jungen Jahre viel auf Reisen. Wenn ich den Gang des gesellschaftlichen Lebens beobachten wollte, könnte ich zu Hause bleiben. Aber gerade weil ich anderen Stimmen, unverfälschten und ergreifenderen, lauschen wollte, zog es mich aufs Meer. Da haben Sie den Unterschied. Frühstücken, dinieren, soupieren, Musik oder ein Spielchen machen und von Zeit zu Zeit einen Erholungsblick in die Natur tun — ja, dazu brauche ich nicht nach dem Nordkap zu segeln. Eine Reihe von festlichen Veranstaltungen finde ich überall. Wenn ich könnte, wie ich wollte, so ließ’ ich mir hier auf dem Achterdeck ein primitives Bett aufschlagen, nähme hier ganz nebenbei meine Mahlzeiten ein und rührte mich im übrigen nicht von der Stelle.«

»Ohne jede Unterhaltung?«

»Ich plaudere den ganzen Tag, wenn auch wortlos. Und wenn ich nicht plaudere, so staune ich.«

»Über was, Herr Doktor?«

»Über das, was mir die Elemente zu sagen haben.«

»Und was sagen sie Ihnen gerade jetzt, Herr Doktor?«