Die vom Niederrhein

Part 13

Chapter 133,592 wordsPublic domain

Draußen auf der Straße wartete Springe auf sie. Er tat keine Frage, und sie gingen eine ganze Weile, ohne zu reden, nebeneinander her. Aber das Schweigen brachte sie einander näher.

»Sie sind also meiner Ansicht?« fragte sie endlich unvermittelt und blieb stehen.

»Umgekehrt, gnädige Frau, Sie sind der meinen, und das macht mich froher, als ich sagen kann.«

»Des kleinen, herzigen Mädchens wegen?«

»Nein, Ihretwegen, Frau Margot. Sie verstehen mich.«

Und sie verstand, was er meinte.

»Hat die Kleine besondere Talente, die man ausbilden könnte? Ich möchte für alle Fälle etwas für sie tun.«

»Sie ist überraschend musikalisch. Es würde sich lohnen, sie im Gesang ausbilden zu lassen.«

»Sie soll mir morgen etwas vorsingen. Dann werde ich mit einer Gesangsmeisterin sprechen.«

»Werden Sie mir erlauben, mein Scherflein dazu beizutragen?«

»Springe,« meinte sie, »können Sie mir denn gar keine Freude gönnen?«

»Geteilte Freude ist doppelte Freude. Wenigstens für mich. Ich bin nun einmal ein Egoist.«

»Ja,« sagte sie, »mir wird es auch so gehen. Wir beide als gemeinsame Pflegeeltern — —.«

»Nun haben wir schon ein gemeinsames Kind.«

»Springe!« verwies sie ihn empört, aber sie mußte doch über ihn lachen. »Sie sind und bleiben ein unverbesserlicher —«

»Optimist,« vollendete er. »Man muß seinem Herrgott für alles danken.«

Er brachte sie bis vor ihr Haus, und sie verabschiedeten sich mit einem kameradschaftlichen Händedruck.

Am nächsten Tage war Hannes gekommen, und sie kam fast Tag für Tag. Es dauerte lange, bis sie die Scheu vor den glänzenden Räumen überwunden hatte. Nicht der Komfort war es, der auf ihr lastete, sondern das ungewisse Gefühl, daß sie hier wie ein heimlicher Dieb aus- und eingehe. Der Geist Philipp Steinherrs ging sichtbar für sie durch die Räume. Und ob sie auch den Fabrikanten tagsüber draußen auf seinen Eisenwerken wußte und keinerlei Überraschung zu befürchten hatte: daß sie nicht wie ein von allen gern gesehener Gast das Vaterhaus ihres Hans betreten konnte, bedrängte um des Liebsten willen ihren Mädchenstolz.

Frau Margot beobachtete die junge Gesellschafterin mit ungetrübtem Auge. Sie wünschte den Charakter in allen seinen Phasen zu ergründen. Und gerade der stumme Seelenkampf, den sie wahrnahm, war es, der ihr die stärksten Sympathien einflößte. Als sie sich sicher wußte, daß ihre Zuneigung zu dem äußerlich seltsamen und innerlich so klaren Wesen eine unerschütterliche geworden sei, begann sie mit festen Händen in den Bildungsgang ihrer Schutzbefohlenen einzugreifen. Sie brachte sie persönlich zur Gesangsmeisterin, und als die ernste Frau beinahe enthusiastisch erklärte, in der Kleinen stecke eine Altistin von seltener Begabung und seltenem Wohllaut der Stimme, schloß sie auf der Stelle den Studienvertrag ab, demzufolge Hannes dreimal in der Woche das Haus der Meisterin zu besuchen hatte. Doch hierbei blieb Frau Margot nicht stehen. Sie wies das Mädchen an, ihre Sprachstudien wieder aufzunehmen, führte nach einiger Zeit die Konversation öfters im englischen oder französischen Idiom, wählte vornehme, deutsche Lektüre aus und ließ sie wie spielend alle die kleinen Handgriffe lernen, die eine schöne Frau im Salon als Wirtin oder Gast erst recht liebenswert erscheinen lassen. Als der Herbst vorüberging und die Saison anhob, schickte sie das bildungshungrige Mädchen zuweilen in die großen Konzertaufführungen oder auch ins Theater, das sich damals eines hohen Rufes erfreute. Und beim nächsten Zusammensein ließ sie sich die Eindrücke schildern, korrigierte unauffällig den Geschmack und erläuterte freundlich, was ihrem Fassungsvermögen noch unklar geblieben war.

Und der Herbst war nun lange schon vorüber, die Universitätsferien waren zu Ende gegangen, und Hans war nicht gekommen. Er hatte mit einigen seiner Kommilitonen sofort von Bonn aus eine Ferienreise angetreten, die vom Vater mit Vergnügen gesehen wurde und ihn auf fröhlichen Mittelmeerfahrten zurückhielt. Dann war Philipp Steinherr ihm entgegengereist, hatte ihn in Bonn equipiert, und Hans hatte seinen Dienst bei den blauen Husaren angetreten.

»Der Prophet gilt nichts im Vaterland, wenn er seine Entwicklung unter den Augen der Nachbarn abmacht,« hatte Philipp Steinherr dem Sohne erklärt. »Zeige dich den Leuten daheim nicht zu oft in deiner unreifen Zeit, tobe deine Dummheiten außerhalb der Mauern Düsseldorfs aus, und man wird, wenn du nach ein paar Jahren zurückkehrst als Doktor der Rechte, Reserveoffizier und was weiß ich, stets eine Art Respektsperson in dir sehen und nicht den Allerweltsduzbruder, dem man mit der alten, plumpen Vertraulichkeit begegnen kann. Ich möchte, daß du daheim einmal Numero eins wirst.«

Und Hans hatte sich vorgenommen, sich nicht eher daheim zu zeigen, als bis er zum mindesten die Tressen erlangt hätte und ihm dadurch, als Offiziersaspirant, unter den Besuchern seines väterlichen Hauses von vornherein eine angemessene Stellung gewährleistet sei. Er tat seinen Dienst mit einem Ehrgeiz, der ihm schnell die Beachtung und das Wohlwollen seiner kavalleristischen Vorgesetzten eintrug.

Die Briefe an Hannes wurden in dieser Zeit noch seltener. Er entschuldigte sich mit seinen tausend Dienstobliegenheiten, Strapazen und Ärger, und vertröstete auf ein Wiedersehen, das alles klären würde. Was er sich unter dieser Klärung gedacht hatte, war ihm selbst nicht bekannt. Nur jetzt nicht nachdenken.

Daß Hannes bei seiner Mutter verkehrte, war ihm unbekannt geblieben. Frau Margot hatte gewünscht, daß die Mitteilung unterbliebe, damit der Junge eines Tages umsomehr von dem Ereignis und den sich an Hannes so augenfällig bemerkbar machenden Folgen überrascht würde. Aber dem Jungen eilte es scheinbar ja gar nicht, sich überraschen zu lassen. Ein Grund mehr, ihn nicht unnötig und voreilig in den inneren Konflikt zwischen Vater und Mutter hineinzutreiben.

Ruhig ging das Leben in Düsseldorf seinen Weg. Die geschäftliche Krisis, welche die ganze deutsche Industrie ergriffen hatte, war zwar nicht gewichen, aber schon sahen einige Wetterkundige der Großindustrie Zeichen auftauchen, die auf einen baldigen und jähen Umschwung hindeuteten. Philipp Steinherr war nicht der letzte, der sie bemerkte. Aber er sprach kein Wort von besseren Zeiten, von Zeiten, die der Industrie eine bis dahin in Deutschland unerhörte Hausse bringen sollten; er handelte auf seine Weise. Als der Sommer kam, hatte er zu seinen Werken in aller Heimlichkeit einige Etablissements hinzugekauft, die sich allein nicht mehr zu halten vermochten, und ließ alsbald unauffällig alle Betriebe in Stand setzen und die Vorräte an Rohmaterialien für billiges Geld verdoppeln, um beim ersten beutekündenden Morgenrot sofort gerüstet auf der Schanze zu stehen.

Da trug man an einem frühen Sommerabend den unersättlichen Mann auf einer Bahre ins Haus. Während einer hitzigen Auseinandersetzung auf dem Werk war er vom Schlag getroffen umgesunken.

Es war noch Leben in ihm, als man ihn in seinem Zimmer bettete. Zwei der besten Ärzte hielten bei ihm Wacht, bis ihm das Bewußtsein dämmernd zurückkehrte. Frau Margot, furchtbar erregt und an nichts anderes denkend als an die Linderung seiner Schmerzen, wich und wankte nicht von seinem Lager.

Philipp Steinherr öffnete den Mund. Sein Bestreben, Laute hervorzubringen, war schrecklich anzusehen. Er rollte die Augen hin und her, als ob er jemand suche. »Hans — —« quoll es ihm undeutlich über die Lippen. Er hatte seinem Nachfolger noch so viel zu sagen.

»Es ist nach ihm depeschiert, Philipp,« beruhigte Frau Margot, kaum im stande, sich auf den Füßen zu halten. »Er kann bald hier sein.«

Sie legte ihm die Hand auf die feuchte Stirn, und der Mann, der nie im Leben nach einer schmeichelnden Frauenhand viel Verlangen getragen hatte, empfand im Sterben den wohltuenden Zauber der Berührung. Seine angstvoll starrenden Blicke wurden weicher, er hob mit Aufbietung aller Kräfte die Hand, um sie auf ihre Hand zu legen. Dann verschied er in den Armen seiner Frau. — — —

Als Frau Margot totenblaß durch die Zimmer schritt, schlug ein leises Weinen an ihr Ohr. Sie stutzte. Wer konnte da so heiß um den Toten trauern, der im Leben keine Freunde besessen und sie auch nie gewollt hatte? Sie schlug die Portière zu dem Kabinett zurück, das an ihr Schlafzimmer stieß, und erblickte Hannes.

»Was machen Sie hier, Kind?« fragte sie tonlos.

Da warf sich das Mädchen an ihren Hals und schluchzte in wilder Angst.

»Wie wird er das nur ertragen, wie wird er das nur ertragen — — —«

»Sei still, mein Töchterchen,« sagte Frau Margot, »wir müssen einer dem anderen beistehen.«

Sie hatte dem fremden Kinde gegenüber das erste Du gefunden.

»Im Salon — ist — noch jemand,« brachte Hannes unter den Tränen hervor.

Frau Margot befreite sich sanft aus der Umarmung und schritt durch die Zimmer weiter zum Salon. Sie wußte, daß es Springe war. Und Heinrich Springe ging ihr, als er ihren Schritt hörte, entgegen und nahm stumm ihre Hände in die seinen und drückte sie.

»Ich bleibe hier,« sagte er dann, »vielleicht kann ich Ihnen etwas abnehmen. Aber Sie müssen sich jetzt unbedingt zurückziehen. Tun Sie es Ihrem Jungen zuliebe, der jeden Augenblick kommen kann, damit Sie ihm Fassung zeigen können, wenn er die seine verliert.«

Sie nickte bloß zu seinen Worten und ging.

Die Dienstboten hatten die Rollläden heruntergelassen und im Treppenhaus das Licht entzündet. Der Sommerabend senkte sich tief herab.

Da rasselte ein Säbel auf der Treppe, Sporen klirrten, und bald darauf gellte ein Schrei durch das Haus: »Papa, Papa — — —!«

Nach einer halben Stunde wankte Hans aus dem Zimmer. Er hatte die besänftigenden Worte der Mutter kaum gehört, wiederum war sein Leben widerstandslos von den neuen Eindrücken überwältigt worden, und er fand nicht den Halt in sich selbst.

Er vermochte die schwere Luft im Hause nicht zu ertragen, nach anderthalbjähriger Abwesenheit kamen ihm die Räume fremd vor, die Dienstbotengesichter waren ihm unbekannt. Und allein wollte er sein, allein, um alles zu begreifen und eine äußerliche Haltung zurückzugewinnen.

Er stolperte durch den dunklen Garten nach der Laube, in der er als Primaner so oft Verse gedichtet hatte. Vom Gartentisch, an dem sie gesessen hatte, erhob sich eine Gestalt, die der Mond hell beschien. Das feine Gesicht, die tiefen Augen, das leuchtende Haar — das war doch, das war doch — —

»Hans —« sagte da die Stimme, die nur der Liebsten gehören konnte.

Und als er vor ihr stand, schreckhaft weiß, trocken brennenden Auges und der Sprache beraubt, trat sie auf ihn zu und nahm sein kaltes Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn leise zum Willkommen.

»So weine doch,« sagte sie, »so weine doch nur ...«

Da löste es sich in seiner Brust, da war ihm, als hörte er ferne Heimatsglocken rufen, und sie riefen näher und näher und löschten aus, was zwischen fern und nah lag. Den Kopf an der Schulter des Mädchens, weinte er und weinte — um alle seine Verluste.

Zehntes Kapitel

Das Trauerjahr war zu Ende gegangen.

Nach wie vor leuchtete der Name »Philipp Steinherr« in großen Metallbuchstaben an den Oberbilker Eisenwerken, aber der, der den Namen in harten, unvergänglichen Zügen geschaffen hatte, war nicht unersetzlich geblieben.

»Ist es nicht ein schwermütiger Gedanke,« hatte einst Frau Margot im Gespräch mit dem Freunde geäußert, »daß kein Mensch eine Lücke hinterläßt? Es wird Morgen und es wird Abend und wieder Morgen, und das Leben schreitet fort und Handel und Wandel, und keiner dreht sich um nach dem, der einst war und ohne dessen Stimme sonst kein Unternehmen möglich schien. Was hat da aller Ehrgeiz genutzt, wenn jedes Ding so bald unpersönlich wird?«

»Nein, Frau Margot,« hatte Heinrich Springe geantwortet, »darin kann ich keinen Grund zur Klage sehen. Für mich liegt gerade in dem Umstand, daß kein Mensch unersetzlich ist, etwas ungemein Tröstliches und — Aufrüttelndes. Inwiefern Tröstliches, meinen Sie? Nun, weil es auf die Dauer auch den größten Schmerz paralysiert, wenn die beständig mahnende Kluft fehlt; denn sonst würde die Vernichtung eines jeden Menschenlebens die Vernichtung einer Anzahl anderer Menschenleben nach sich ziehen und so fort bis ins Unendliche. Die Selbstzerfleischung aber kann nie der Zweck einer Schöpfung sein. Der Mahner Tod schwindet hin wie ein Phantom, weil wir seine Spur nicht mehr sehen, die Lust zum Leben, die erschreckt den Kopf unter die Flügel gezogen hatte, wagt sich scheu hervor, blinzelt mit den Augen und bemerkt, daß sie nach wie vor und trotz heftigen Sträubens den Duft der Rosen empfindet, den Gesang der Vögel vernimmt und das Licht der goldenen Sonne sieht. Und damit komme ich zu dem, was ich das Aufrüttelnde der Idee nennen möchte. Wenn wir erst einmal gewahr geworden sind, daß das Leben nach der Spanne, die es uns läßt, uns nicht vermißt, so sollen ~wir~ hingegen, ~während~ dieser Spanne, nichts vom Leben missen wollen, sondern bei dem kurzen Besuch alle Gastgeschenke entgegennehmen und, wenn’s not tut, sie seinem Reichtum entreißen. Damit nehmen wir unserem Toten nichts und schaffen uns Lebendigen unser Recht. Es ist eine fixe Idee, wenn man glaubt, man komme über den Schmerz um einen Dahingeschiedenen nie mehr hinweg, wenn man sich um diesen Schmerz lebendig begraben will, und läßt doch bei dem geringsten Zahnweh einen Arzt zur Hilfe rufen. Für ehrliche Naturen sollte es keine Inkonsequenzen geben, auch aus Gefühls- und Pietätsgründen nicht. Entweder — oder!«

»Also Witwenverbrennung — ich meine damit natürlich mehr, das Auslöschen alles dessen, was er hinterlassen hat —« sagte sie nachdenklich, »oder —?«

»Hand ans Steuer,« vollendete er. »Nur nicht das widersinnige Vegetieren, dies halbe Verzichtleisten und Nirgendhingehören, das vielleicht einer Generation Schaden und uns keine Zufriedenheit bringt.«

»Und wenn wir nun die Hand ans Steuer legen? Auch uns wird es eines Tages entzogen.«

»Verstehen Sie denn darin nicht die Größe des Gedankens, Frau Margot? Es wird kein Unterschied gemacht! Auch bei unseren Nachfolgern nicht! Ein endgültiges Triumphieren gibt’s nicht! Herr Gott, bei solchem maschenlosen Kommunismus verliert der Tod doch jeden Schrecken.«

»Und die Werke, die wir zurücklassen müssen und die in fremde Hände übergehen? Ist das nicht quälend?«

»Der Kopfschmerz, den wir uns darüber machen, vergeht in dem Moment, in dem wir die Augen schließen. Sind wir am Abend unseres Daseins mit dem Bestand unserer Werke und mit uns zufrieden, so ist uns die Krone des Lebens geworden. Und wissen wir überdies, daß wir kein Glück vorbeiließen, soweit es uns erreichbar war, so sind wir selbst nach unserem Tode noch glücklich zu schätzen. Darum sag’ ich: bis zum letzten Atemzug die Hacken einschlagen in die Felsen und Quellen hervorrufen, aus denen wir trinken können. Austrinken, wenn es uns schmeckt. Das nachfolgende Leben ist nicht auf unsere zwei Augen gestellt, so wenig wie das unsere auf die Augen unserer Vordermänner. Es rauschen immer wieder neue Brunnen.«

»Sie sind ein Lebenskünstler, Heinrich Springe. Woher haben Sie diese hieb- und stichfeste Weisheit genommen — —«

Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den Garten, zu den Rosen.

»Wie sie blühen und duften,« sagte er. »Und sie schießen und sprießen aus demselben Stock hervor, der im letzten Herbst verblüht war. Liebste Frau: es gibt kein Jahr, in dem nicht Rosen blühen.« — — —

Und auch in Frau Margot blühten die Rosen auf, die so lange durchwintert hatten.

Hans Steinherr hatte am Tage nach der Beerdigung seines Vaters den Freund in seiner Wohnung aufgesucht, um sich wegen der Fortführung der Werke Rats zu holen. Nach längerer ernster Konferenz war man übereingekommen, sich zu Frau Margot zu begeben, um ihr die einstweiligen Pläne zur Begutachtung vorzulegen.

»Ich habe ja nicht die geringste Ahnung von dem Wesen der Betriebsführung und rationeller Fabrikationswirtschaft,« hatte Springe geäußert, »und daß Hans mir in diesen Dingen nichts weniger als überlegen ist, bedeutet auch gerade keinen Trost. Wollen Sie jedoch die Meinung eines sonst ziemlich klarblickenden Menschen haben, so ist es die: Lassen Sie den Oberingenieur der Firma rufen. Der Mann ist zwanzig Jahre im Dienst und hat die ganze Entwicklung der Werke mit durchgemacht. Er weiß um alle Zukunftspläne und hat Interesse an ihrem Werden, weil sein geistiges Kapital darin angelegt ist. Das ist aber nicht genug. Soll die ganze Leitung in seine Hände übergehen, so muß seine Bedeutung nach außen hin gesteigert werden. Seiner selbst wegen, damit er nicht auf Konkurrenzgedanken kommt, und der Beamten und Arbeiter der Fabrik wegen, damit sie mit Respekt seinen Weisungen folgen. Das scheint mir aber nur möglich, wenn Sie ihn zum Teilhaber ernennen. Geben Sie ihm den Titel und beteiligen Sie ihn — neben seinem festen Gehalt — mit einem gewissen Prozentsatz am Reingewinn. Sie werden pekuniär gut dabei fahren und vor allem jeder Sorge überhoben sein.«

Der Abend war mit Verhandlungen mit dem Oberingenieur ausgefüllt worden, der sich als ein kluger und ruhiger Mann erwies. Die Eintragungen in das Firmenregister hatten bald darauf stattgefunden. Hans war zu seinem Regiment zurückgekehrt, und nun lief die Zeit wieder hin, als wäre in ihrem Gleise keine Unebenheit gewesen.

Hans hatte von seinem Kommandeur die Erlaubnis erhalten, die erste achtwöchentliche Reserveübung sofort an das Dienstjahr anschließen zu dürfen. Dadurch wurde er der Notwendigkeit enthoben, sich bis zum Beginn des neuen Semesters nach Hause begeben zu müssen, denn eine andere Reise erschien ihm jetzt nicht passend. Vor den Verhältnissen daheim aber bangte ihm. Er wußte nun um das Verhältnis Johannas zu seiner Mutter, er sah voraus, daß man ihm keine Hindernisse mehr in den Weg legen, sondern im Gegenteil an seinen Besuch frohe Erwartungen knüpfen würde. Und diese Erwartungsfreudigkeit war ihm unbequem, sie war ihm geradezu fatal.

Nun stand er dicht vor dem Reserveoffizier, und er setzte allen Ehrgeiz darein, nicht zum Train abgeschoben zu werden, sondern beim Regiment weiter zu bleiben. Die Anschauungen seiner neuen Freunde, seiner ganzen Umgebung, hatten viel zu stark auf ihn abgefärbt, als daß er im stande gewesen wäre, sich ein anderes Glück zu denken, als das von seinem ganzen Kreise akklamierte und — beneidete.

Hannes’ auffallende Mädchenschönheit tauchte vor ihm auf. Er wich dem Bilde betreten aus, dann aber blickte er verstohlen hin und sein Auge begann zu strahlen und sein Herz zu schlagen, je länger er es ins Auge faßte. Dies letzte Wiedersehen! Als sie in der Laube vor ihm stand, eine andere, schönere; und doch dieselbe, liebe. Nie, nein nie und nirgends hatte er ein so starkes, überquellendes und wiederum so beruhigendes Heimatsgefühl gehabt, wie in der Stunde, da er an ihrem Halse hing und sie ihn das befreiende Weinen lehrte ...

»Keine würde sie übertreffen,« dachte er selig, »keine ihr gleichkommen. Sie hat den Mund einer Geliebten und die Augen einer Mutter.«

Plötzlich übergoß flammende Röte seine Stirn, und er wandte sich rasch ab und trommelte nervös gegen die Fensterscheiben.

»Aber wenn es auskäme? Ihre Herkunft, ihre Familie, ihre — Geburt? Und es kommt aus,« rief er laut, »so was bleibt nie verheimlicht, dafür sorgen die guten Freunde. Man wird zu tuscheln anfangen und sich erzählen und alles mehr noch übertreiben, als ob es nicht so schon genug wäre. Man brauchte nur zu erfahren, daß sie als Kind zum Modell gesessen hat. Ob nur zu einem Engelsköpfchen, danach fragt ja die Menschheit nicht. Da heißt es einfach: Modell! Und jeder denkt sich ein Manko an Schamhaftigkeit dabei. Himmel und Hölle, weshalb mußte die Alte auch einen solchen Unfug zugeben. Vererbtes Blut, schlechte Erziehung — wo sind da die Kautelen? Als Primaner denkt man ja an nichts anderes, als an das Gesichtchen. Aber ich bin kein Primaner mehr. Ich habe Verpflichtungen gegen meine Gesellschaft. Ich würde mich mit sehenden Augen unmöglich machen, nicht den Verkehr einhalten können, den ich haben will und muß. Wenn’s ein anderer wäre, ich würde doch ganz genau so darüber denken. Da kann und darf ich mich nicht ausschließen wollen.

Und dabei hab’ ich doch das Mädchen so lieb —«

»Ruhe, Ruhe. Nichts überstürzen. Zeit gewinnen, nur Zeit gewinnen.« —

Von Bonn ging er auf zwei weitere Semester nach Heidelberg. Auch hier wurde er bei einem Korps aktiv, aber er betrieb doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit seinen Studiengang. Als der Herbst kam, bereitete er sich auf die Übersiedlung nach Berlin vor; da erhielt er einen Brief Heinrich Springes, der ihn bat, diesmal einen Teil der Ferien zu Hause zu verbringen, da er verschiedenes mit ihm zu besprechen habe, das am angenehmsten an Ort und Stelle seine Erledigung fände. Es war ihm nicht sympathisch. Aber er mochte auch den alten Freund nicht vor den Kopf stoßen und reiste an einem der nächsten Tage ab. — —

Für Hannes war das letzte Jahr wie das vorletzte geblieben. Sie nahm das Studium mit einem Ernst, der weit über ihre achtzehn Jahre ging, und wenn sich Ermüdung einstellte, dachte sie an den Geliebten, lächelte jede Mattigkeit hinweg und sprach vor sich hin: »Ich tue es ja nicht für mich, ich tue es ja für ihn.«

In ihren äußeren Verhältnissen waren einige Änderungen eingetreten. Großmutter Stahl brauchte nicht mehr von Haus zu Haus ihrer Kundschaft nachzugehen. Die Herren von Burg Springe hatten sie feierlich zur Palastdame, Verwalterin und Oberschließerin auf Burg Springe ernannt, eine Beschäftigung, die den Tag der alten Frau nicht allzusehr bedrückte, aber dennoch ausfüllte. Zuerst hatte sie nicht gewollt. Sie witterte ein verstecktes Almosen. Als ihr aber Herr Friedrich Leopold in beweglichen Worten seine Not klagte und die aus Rand und Band gehende Junggesellenwirtschaft beschrieb, da bedurfte es nur noch eines kläglichen Hinweises auf den Verfall von Leib- und Tischwäsche — der alte Herr raunte mit bekümmertem Gesicht der alten Frau einige Worte ins Ohr und zeichnete dazu mit der Hand ein paar riesenhafte Ellipsen in die Luft, um ihr die schreienden Defekte in ihrer Größe einigermaßen klar zu machen — und Frau Stahl quittierte ihre sämtlichen Dienste in anderen Häusern, um den Rest ihrer Kräfte der Ordnung auf Burg Springe zu weihen. Die Wohnung in der Pempelforterstraße aber behielt sie bei; nur die Einrichtung wurde nach und nach etwas komplettiert. »Sie könne in ihren Jahren keine Luftveränderung mehr vertragen,« sagte sie zu Frau Margot, die ihr riet, eine bequemere Wohnung zu nehmen. »Wie gelebt, so gestorben.«

In Burg Springe schlug das Leben seitdem höhere Wogen. Wenn Hannes kam, um ihre Großmutter abzuholen, oder mit Herrn Friedrich Leopold ein Stündchen zu verschwatzen und Herrn Heinrich beim Malen zuzusehen, »dann wurde es Tag«, wie der alte Kavalier strahlend erklärte. Dann zog die Jugend durch alle Räume und ließ die seinen Silberglöckchen klingen, und die sonderbaren Burgbewohner, die immer die Fallbrücke in Bereitschaft hielten, um die Jugend bei sich einzulassen, schworen, sie wären keinen Tag älter als Hannes. Es ging von dem Mädchen ein Fluidum aus, rein und stärkend wie die Wasser eines Jungbrunnens.