Die Stadt am Inn

Part 2

Chapter 23,909 wordsPublic domain

Das hellblonde Bübel kaute und kaute und putzte sich die Nase. Schips, der struppige Köter, erhielt auch ab und zu einen Bissen, weil er gar so schön betteln konnte. Und die Sophie stand vor dem Bruder, der mitsamt seinem schönen Staat auf dem aufgeweichten Erdboden saß, und suchte den Tonl vor den Blicken des Vaters zu verstecken. Denn der Vater duldete keine „Fresserei“ während der Arbeit. Das wußten die beiden Kinder, und deshalb würgte der Tonl auch das Brot hinunter, so rasch er nur konnte.

Trotzdem entdeckte der Karrner den kleinen Sünder. Der Gaudenz stand abseits und probierte mit zweien seiner Söhne, die auch nicht älter als sieben und acht Jahre sein mochten, verschiedene Kunststücke. Nun rief er die Sophie herbei. Das Mädel war der Kraftathlet der jungen Künstlerschar. Sie hatte die Aufgabe, zwei ihrer Geschwister mit freien, weit vor sich hingestreckten Händen zu halten, während der Tonl mit einem geschickten Sprung auf ihren Kopf gelangen mußte.

Die Buben und Mädeln von Rattenberg, die den fahrenden Leuten bis vor das Tor gefolgt waren, kamen während der Probe voll Neugierde und mit immer wachsendem Interesse näher heran. Der Gaudenz Keil verjagte sie zwar, doch umsonst. Den Karrner konnte nichts so sehr in Harnisch bringen, als wenn man ihn bei seinen Proben belauschte.

Er drohte den fremden Kindern mit der Peitsche. Lachend stoben sie auseinander, um sich dann gleich wieder, frecher und kühner werdend, zu nähern. Was konnte der Karrner ihnen schließlich auch antun! Sie fühlten sich ganz sicher und reizten den Mann durch kecke Zurufe.

Gaudenz Keil spürte es, daß er den fremden Kindern gegenüber ohnmächtig war. Er durfte ihnen nicht grob kommen. Sonst verdarb er sich’s mit denen da drinnen in der Stadt; und die brauchte er ja. Denen mußte er ja zu gefallen suchen, damit sie ihm ein paar lumpige Kreuzer zu verdienen gaben.

Eine plötzliche Wut überkam den Gaudenz. Der Herrenmensch in ihm empörte sich dagegen, daß er vor Straßenbengeln kuschen sollte. Der Karrner fühlte, wie ihm das Blut schwer zu Kopfe stieg. Er mußte einen Gegenstand haben, an dem er seinen Zorn auslassen konnte. Sonst passierte etwas, und er vergriff sich an der Bande. Zornig fuchtelte er mit der Peitsche in der Luft herum.

„Hau mi, Karrner, wenn du di traust!“ schrie einer der Buben höhnisch zu ihm herüber.

„Hennenstehler!“

„Karrnerleut!“

„Pfannenflicker!“

„Diebsg’sindel!“ schrien die Kinder abwechselnd.

Gaudenz Keil stierte wütend zu der kleinen Bande herüber. Mit einem Sprung war er bei ihnen, die nun in jäher Flucht der Stadt zujagten. Einen Augenblick noch, und er hätte einen von den Buben am Kragen gehabt und jämmerlich verhauen. Da fiel sein Blick zufällig auf den kauenden Tonl, der noch immer mitten im Schmutz saß und den Vater ängstlich beobachtete.

Die angsterfüllten Augen des Kindes reizten den Mann noch mehr. Drohend näherte er sich dem kleinen Sünder, der ein letztes Restchen des guten Brotes in der Hand hielt.

„Wer hat dir ’s Brot gegeben?“ frug der Vater mit einer unheimlichen Ruhe, die nur ein Vorbote des hereinbrechenden Gewitters war.

„I ... i ... i woaß nit!“ log das Bübel und blinzelte verstohlen zur Sophie hinüber.

„Woaßt nit, ha?“ Ein harter Schlag mit der flachen Hand traf das zitternde Kind, das beide Händchen bittend und flehend über das blonde Köpfchen hielt.

Mit einem raschen Satz war die Sophie zwischen den Vater und den Bruder gesprungen und beugte sich schützend über den Tonl.

„I hab’s tan, daß d’s woaßt!“ sagte sie trotzig.

„Du Teufelsbrut, verfluchte!“ Mit geballter Faust hieb der Mann auf das Mädel ein. „Woaßt du nit ...“

„Der Tonl ist hungrig g’wesen. Drum hab’ i ihm a Brot bracht!“ verteidigte sich das Mädel.

„Saumensch du!“ schimpfte der Karrner und schlug in blinder Wut auf das Mädel ein.

Die Sophie wand und krümmte sich vor Schmerz, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Sie biß die Zähne zusammen und schlug dann plötzlich mit den Füßen aus. Geschickt und kräftig traf sie den Gaudenz gerade in der Magengegend, so daß er unwillkürlich einen Augenblick von ihr abließ. Dann aber packte er sie mit eisenharter Faust, drückte sie zu Boden und schlug unbarmherzig auf sie ein. Das Mädel wand sich wie ein Aal. Kratzte und biß ihn in die Hand gleich einer tollgewordenen Katze, so daß die Hand des Karrners blutete.

Die Buben und Mädeln von Rattenberg waren geschwind wieder umgekehrt. Sie umkreisten den Gaudenz Keil und beschimpften ihn mit Zurufen.

„Schamst di nit, Karrner!“

„A Madel so zu verhauen!“

„Mistkarrner! Saufbruder!“

Daß sie für das Mädel Partei nahmen, machte den Gaudenz nur noch rasender. Die Sophie wehrte sich tapfer, stieß nach ihm mit den Füßen, kratzte ihn und spie ihm ins Gesicht. Keine Bitte um Hilfe oder um Mitleid kam über ihre fest zusammengepreßten Lippen. Wie ein junger Teufel war sie. Der Mut des Mädels gefiel den Buben.

„Laß dir nix g’fallen, Diandl!“ riefen einige unter ihnen. „Wir helfen dir!“

Und wirklich kamen sie dem Mädel zu Hilfe. Von rückwärts packten sie den Karrner an. Das brachte den Gaudenz völlig zur Raserei. Er ließ plötzlich von dem Mädel ab und lief zu der Gruppe seiner Kinder hinüber, wo die Peitsche lag. Im Laufen versetzte er dem Tonl, der ihm nicht rasch genug auswich, einen Stoß, daß der kleine Kerl gegen ein Wagenrad kollerte.

Zitternd verkroch sich das Bübel unter den Wagen und beobachtete ängstlich, was der Vater nun beginnen würde. Die Karrnerkinder rannten, als sich der Vater näherte, kreischend und heulend auseinander und flüchteten in das Innere des Wagens zur Mutter.

Benedikta Zöttl kam, den Säugling noch immer krampfhaft an der Brust haltend, aus dem Wagen, und schimpfte mit keifender Stimme: „Laß mei Madel in Ruah, du Ruach, du gottverlassener!“

Aber Gaudenz Keil kümmerte sich nicht darum. Mit der Peitsche hieb er auf die fremden Kinder ein, die sich mitleidig über das mißhandelte Kind beugten. Nun rannten die Kinder geängstigt davon, hinein in die Stadt, um dort Hilfe zu holen gegen den wilden Mann.

Gaudenz Keil drosch jetzt stumm, verbissen und zähneknirschend mit der Peitsche auf das Mädel, so daß sie wund vor Schmerzen laut aufheulte. Dann krallte sie sich mit den Händen in den vom Regen aufgeweichten Erdboden. Nein, er sollte und sollte es nicht merken, wie weh er ihr tat, dieser Mann, den sie haßte mit der ganzen Inbrunst ihres jungen, stürmischen Herzens. Sie krallte ihre Hände in die Erde, so fest sie konnte, und biß sich die Lippen blutig.

Die Karrnerkinder lugten neugierig aus den Fenstern. Ein paar wagten sich sogar heraus und schrien dabei in allen Tonarten aus lauter Erbarmen mit der Sophie. Schips, der Hund, sprang winselnd und schweifwedelnd an der Karrnerin empor, als wollte er sie für das arme Mädel um Hilfe betteln.

Der Tonl in seinem Versteck unter dem Wagen verhielt sich mäuschenstill. Dicke Tränen kugelten ihm über die blassen Wangen, und die kleinen Hände waren wie vor Schmerz ineinander verkrümmt.

Immer unmenschlicher hieb der Karrner auf das Mädel ein. Wie eine Furie stürzte sich nun die Benedikta auf den Mann. Den Säugling legte sie vorerst in sicherer Nähe des Wagens nieder, wo ein trockenes Plätzchen war. Und dann fiel sie gleich einer Tigerin von rücklings über den Gaudenz her.

Sie umklammerte ihn und preßte ihm mit festem Griff den Hals zu, so daß er von dem Mädel ablassen mußte und mit den Fäusten taumelnd in die Luft faßte. Aber nur einen Augenblick. Dann packte er das Weib. Mit eiserner Faust zwang er sie zu Boden. Und mit den groben genagelten Stiefeln trat und stieß er sie und zerrte sie dann durch den Schmutz hinüber gegen den Wagen.

Das Weib schrie gellend und schleuderte wilde Flüche und Verwünschungen gegen den Mann. Ihre langen, schwarzen Haare hatten sich ihr vom Kopf gelöst und fielen in wirren Strähnen herab in den Schmutz. Mit aller Kraft wehrte sich die Karrnerin.

„Laß mi aus!“ schrie sie verzweifelt. „Ruach, verfluachter ... i bring’ di um ... i schneid’ dir den Hals ab!“

„Halt’s Maul, Bestie du!“ Voll blinder Wut stampfte ihr der Mann mit dem Stiefel ins Gesicht, daß ihr das Blut von Mund und Nase kam.

„Hilfe ... Hilfe ... er bringt mi um ... Hilfe!“ schrie die Karrnerin gellend auf.

Die Karrnerkinder waren an wüste Szenen der Eltern gewöhnt. Sie hatten es oft mit angesehen, wie der Vater die Mutter und die Sophie verprügelte, daß sich beide einige Stunden nicht mehr rühren konnten. Aber Blut hatten sie noch nie gesehen. Deshalb erschraken sie jetzt ernstlich, als sie das Blut von dem Gesicht der Mutter rinnen sahen, und sie heulten noch lauter als zuvor. Ein paar der größeren Kinder rannten der Stadt zu, um von dort Hilfe für die Mutter zu holen.

Von der Stadt her kamen die Leute gelaufen. Der lange Schmied, und der Schuster Naz, und der Tischlergesell Weber kamen zuerst. So, wie sie waren, ohne Rock und Hut und ohne Schutz gegen den Regen liefen sie, durch die Kinder herbeigerufen, von ihrer Arbeit fort, um draußen vor dem Tore den Streit zu schlichten. Und voraus rannten etliche Stadtbuben und schrien keuchend vor Aufregung und Eile ...

„Der Karrner ist narrisch worden!“

„Er bringt’s Madel um! Naa, nit’s Madel, sei’ Weib schlagt er tot!“

„Naa, er hat sie tot g’schlagen!“ brüllten einige in höchster Aufregung.

„I hab’s g’sehen!“

„Holt’s den Gendarmen!“

„Eing’sperrt g’hört er!“

Die Männer eilten in großen Sprüngen und hinter ihnen drein ein paar neugierige Weiber und die Mädeln und Buben von Rattenberg.

Benedikta Zöttl hatte sich ganz heiser geschrien. Die Sophie lag wimmernd und regungslos auf der nassen Erde. Schips, der Hund, beschnupperte sie ängstlich und lief wedelnd und winselnd von einem der Kinder zum andern. Endlich ließ er sich traurig und mit gesenktem Kopf wie zum Schutz neben dem Säugling nieder und heulte laut und in langgezogenen, kläglichen Tönen.

„I zeig’ di an! Mörder ... Dieb ... Saufaus!“ schrie die Benedikta jetzt mit rauher, heiserer Stimme und krümmte sich unter den wuchtigen Schlägen des Mannes. Immer und immer wieder raffte sie sich zu ihrer Verteidigung auf und schlug und stieß aus ihrer halbliegenden Stellung auf ihren Gegner, obgleich sie sich vor Schmerzen kaum mehr rühren konnte.

Die drei Männer aus der Stadt hatten sich jetzt des wütenden Karrners bemächtigt und zerrten ihn mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft von dem Weib weg. Immer mehr Leute kamen zum Tor heraus und umstanden das Karrnerlager.

„Laßt’s mi aus!“ schrie der Gaudenz Keil und wehrte sich kräftig gegen den festen Griff der Männer. „Was geht das enk an, wenn i mei’ Weib prügel! I kann mei’ Weib prügeln, wie i mag!“

„Halt’s ihn fest! Er bringt mi um!“ kreischte die Benedikta leidenschaftlich.

„Mistmensch ... vermaledeits ... halt’ dei’ Goschen!“ Da er die Hände nicht mehr frei hatte, so stieß der Gaudenz jetzt mit beiden Füßen nach ihr. „Heut’ no drah’ i dir den Kragen um! Dir und dei’m Balg, dei’m gottverdammten!“ drohte er.

Dabei machte er so wütende Anstrengungen, sich aus der Gewalt der drei Männer zu befreien, daß es ihm tatsächlich für einen Augenblick gelang. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Denn der lange Schmied, der über die Roheit des Karrners ehrlich empört war, stieß ihm seine eisenharten Fäuste so fest ins Gesicht, daß der Gaudenz wie betäubt hintenüber fiel.

„Recht so, Schmied! Gib’s ihm, dem Ruachen, dem verfluachten!“ schrien einige der Leute.

Gaudenz Keil erhob sich etwas schwerfällig. Seine ganze Wut war mit einem Male verflogen. Jetzt, da er den Herrn fühlte, wurde er klein. Er fuhr sich, wie wenn er sich erst besinnen müßte, mit der Hand über die Augen und sah mit dem Ausdruck einer Bulldogge, die den Stock zu spüren bekam, auf den langen Schmied.

Der stand vor ihm, groß, massig und sehnig. Der Schmied überragte alle Männer der Stadt um fast eines Hauptes Länge. Kohlschwarz war er und voller Haare, wie ein halber Waldmensch. Er stemmte die muskulösen, behaarten Arme vor sich hin und zeigte dem Karrner die sehnigen Fäuste.

„Da, Manndl ... da geh her, wenn d’ a Schneid hast!“ rief er mit herausforderndem Hohn. „Nacher raufen wir’s aus! Wir zwoa ... verstehst!“ fügte er drohend hinzu.

„Kinder und Weiber schlagt man nit halbtot!“ keifte ein altes Weibele.

„Saukerl, schlechter!“ rief eine andere Frau und spie verächtlich vor dem Gaudenz aus.

Den Karrner flog schon wieder die Wut an. Er sah die erbitterte Haltung der Leute und erblickte die Fäuste des langen Schmieds dicht unter seiner Nase. Das zähmte ihn für den Augenblick. Er wandte sich gegen die Frau, die vor ihm ausgespuckt hatte, und sagte höhnisch und mit verhaltenem Ingrimm: „A alt’s Weib ... mei, a alt’s Weib!“

„Ja ... a alt’s Weib!“ gab diese resolut zurück und trat ganz dicht an den Karrner heran. „Nix wie a alt’s Weib. Hast recht. Aber wenn i jünger wär’, Karrner, schau her, da mit dö zwoa Händ’, dö i hab’ ... kratzet i dir die Augen aus! Das g’höret dir, du Schandmensch du!“

„Hast recht, Ennemoserin!“ stimmten ihr einige der Leute bei.

„Die Ennemoserin, die ist halt oane!“ meinte das alte Weibele und nickte beifällig mit dem Kopf.

„Hat Haar’ auf die Zähnd, die Ennemoserin!“ sagte der Tischlergesell nicht ohne Bewunderung und trat einige Schritte vor ihr zurück.

Der Schuster Naz forderte den langen Schmied auf: „Schmied, hau’ ihm oane in die Fotzen, dem Karrner!“

Die Ennemoserin war eine große, hagere Frau, nicht mehr weit von sechzig Jahren entfernt. Sie hatte ein blasses, strenges Gesicht und hellblonde Haare, die kaum ergraut waren und die sie glatt gescheitelt trug. Die dunkle Kleidung war höchst einfach, aber äußerst sauber. Das Auftreten der Ennemoserin war barsch und resolut. Mit Energie bahnte sie sich auch jetzt den Weg durch die versammelten Leute und ging hinüber zu dem braunen Mädel, das noch immer leise vor sich hinweinte.

Der Tonl hatte sich neben die Sophie gesetzt, mitten in den Schmutz hinein. Steckte den Daumen in den Mund und sah recht verzagt und hilflos drein. Er war selber dem Weinen nahe, und sein kleines Stumpfnäschen tropfte schon recht bedenklich.

„Nit rearen, Sophal ... Tonl nit haben wollen!“ tröstete das Bübel das braune Mädel mit weinerlicher Stimme und fuhr ihr mit seiner feuchten und schmutzigen Hand streichelnd über das Gesicht.

Die Ennemoserin beugte sich über das mißhandelte Kind. Neugierig näherten sich die weißblonden Karrnerkinder. Eins nach dem andern kamen sie heran und sahen auf die große, hagere Frau.

Diese hob mit kräftigem Arm die Sophie empor und setzte sie sanft auf den Boden, so daß der Kopf des Kindes eine Stütze an den Knien der Frau fand. Mit ihrem großen bunten Taschentuch säuberte die Ennemoserin das braune Gesicht des Karrnermädels, so gut sie es vermochte. Ihre groben Arbeitshände waren zart und lind, als sie dem Mädel die arg zerrauften Haare aus der nassen Stirn strich. Und ihre harte Stimme klang weich, als sie leise zu ihr sagte „Arm’s Madel, ist er oft so zu dir?“

Die kleine Sophie sah forschend und verwundert zu der fremden Frau hinauf. Sie hatte wenig Liebe genossen in ihrem jungen Leben, fast nur Härte und Grausamkeit. Die Liebe ihrer Mutter fühlte sie nur dann, wenn diese sich, wie das heute der Fall war, für ihr Kind von dem Karrner prügeln ließ. Dann wußte es die Sophie, daß sie doch einen Menschen besaß, der zu ihr gehörte und der sie wohl auch lieb haben mußte, weil er für sie zu leiden verstand.

Benedikta Zöttl kümmerte sich wenig um das Mädel. Zärtlichkeiten sind unbekannte Dinge bei den Karrnern. Und doch hängen sie mit einer Art blinder Liebe an ihren Kindern.

Die Sophie war stets herumgepufft und herumgestoßen worden. Sie mußte springen und arbeiten und die kleineren Geschwister warten. Selten fiel ein gutes Wort für sie ab. Fremde Menschen schalten sie als Karrnerfratzen. Und sie fühlte es deutlich, daß sie von ihnen verachtet wurde, daß man die Türen mißtrauisch vor ihr versperrte.

Das braune Mädel machte sich nicht viel daraus. Sie streckte den Leuten die Zunge heraus, drehte ihnen eine lange Nase und bestahl sie zu einer Art Vergeltung, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bot. Und wenn man sie schlug, dann schlug sie zurück und biß und kratzte und wehrte sich mit affenartiger Behendigkeit.

So wuchs die Sophie heran und wußte wenig Gutes vom Leben. Und doch barg das Mädel eine heiße Sehnsucht nach Liebe und Güte in ihrem jungen Herzen. Das zeigte sie aber bei Leibe nicht. Sie hätte sich vor sich selber geschämt, wenn jemand eine Ahnung von ihrem Sehnen gehabt hätte.

Sie hatte es manchmal auf ihren Wanderungen und Bettelgängen mit angesehen, daß eine Mutter ihr Kind herzte. Dann war es der Sophie heiß in die Augen gestiegen, und ein bitterer Geschmack kam ihr in die Kehle. Sie hatte es aber jedesmal tapfer überwunden. Und dann tat sie was Garstiges. Ging hin zu der Mutter, die mit weicher Hand ihr Kind liebkoste, und bestahl sie, oder sie bettelte sie an. Und zum Dank für die Gabe beschimpfte sie die Frau und lief dann wie eine junge Hexe davon.

Die kleine Sophie haßte diese Menschen. Sie haßte sie deswegen, weil sie Liebe geben konnten und sie sich selber davon ausgeschlossen fühlte. Sie war ein garstiges, böses Kind, die Sophie. Das wußte sie selbst. Wozu sollte sie auch anders sein? ... Sie mochten sie ja doch alle nicht leiden. Niemand mochte sie. Nur der Tonl, der hing an ihr, und sie war anders zu ihm, wie zu den übrigen Kindern. Sie liebte dieses Kind mit einer fast leidenschaftlichen Liebe.

Der Tonl war so ganz anders geartet als die übrigen Geschwister. Er zankte sich nicht und prügelte sich nicht mit ihnen; er war verschüchtert und weinte gern. Die Sophie fühlte es instinktiv, daß der Bub gleich ihr Sehnsucht nach jenen kleinen Äußerungen der Zärtlichkeit und der Besorgtheit hatte, für die Kinderherzen so empfänglich sind. Diese Sehnsucht nach Liebe führte die beiden Kinder zusammen, daß sie einander alles wurden und auch für einander Übles erduldeten.

Gaudenz Keil sah mit einem bösen Blick auf die Ennemoserin. „Laß mei’ Madel in Ruh, Weib!“ rief er mit scharfer Stimme.

„Dei’ Madel!“ höhnte die Benedikta. „+Mei’+ Madel ist sie, nit deins!“ schrie sie leidenschaftlich.

Die Ennemoserin näherte sich der Karrnerin.

„Hast sie vor der Eh’ g’habt?“ frug sie.

Der Karrner brach in ein lautes, rohes Lachen aus. „Eh’! Das gibst guat!“ wieherte er.

Der lange Schmied sah mit ernstem Blick auf die Benedikta, die sich jetzt mühsam erhoben hatte und mit der Schürze das Blut, das ihr übers Gesicht lief, zu stillen suchte. „Also seid’s nit verheiratet ös zwoa?“

„Naa!“ sagte die Benedikta. Das kam so einfach und selbstverständlich über die Lippen des Weibes, daß die Umstehenden an diesem offenen Bekenntnis nicht einmal sonderlich Anstoß zu nehmen schienen.

Jetzt stemmte die Ennemoserin ihre hageren Arme in die Hüften. Kerzengerade stand sie da. Man hätte ihr das Alter kaum angesehen, so ungebeugt, zäh und kräftig war sie.

„Warum ziehst denn du nacher mit dem Loder durchs Land, Karrnerin, wenn d’ nit amal verheiratet bist damit?“ frug sie im harten, strafenden Ton.

Erstaunt sah das Weib auf die Frau. „I? ... Ja, weil i Kinder hab’ von ihm!“

Sie waren alle ruhig, die um sie herum standen. Keiner gab ihr eine Widerrede. Wozu auch? Sie fühlten es alle, daß dieses Karrnerweib kein Verständnis für ihre Moralbegriffe besaß.

Auch die Ennemoserin blieb ruhig. Über eine Weile frug sie, auf das kleine Mädel deutend: „Und die, die ist von an andern?“

„Ja!“

Die Ennemoserin erhaschte den Blick des Karrners, mit dem er auf das Mädel schaute. Ein Blick voll Haß und Abneigung war es, und voll brutaler Grausamkeit.

„Er ...“, die Ennemoserin deutete mit dem Daumen auf den Karrner ... „mag sie nit, gelt?“

„Naa!“ gab die Benedikta kleinlaut zu.

„Warum tust sie dann nit weg?“ frug die Ennemoserin mit ihrer lauten, harten Stimme.

Die Karrnerin sah erstaunt auf die Frau. „Ja, wohin soll i sie denn geben?“

„Frag nit so dumm!“ polterte der Gaudenz gegen die Ennemoserin los. „Du woaßt es ja selber am besten. Wer nimmt denn a Karrnerkind?“

Eine Welt von Haß lag in den Worten des Karrners. Haß gegen sie alle, die da um ihn standen. Haß gegen eine Gesellschaft, die ihn ausstieß, weil sie seinen ungebändigten Freiheitsdrang nicht verstehen konnte. Er wußte es genau ... alle, wie sie ihn hier umringten, waren nicht allein empört über seine Roheit, sie ekelten sich auch vor ihm und seinesgleichen.

Mit überlegenem Hohn sah der Karrner auf die Leute. Sah auf den langen Schmied, der ihn mit ruhigen, gleichgültigen Blicken beobachtete. Und Gaudenz Keil sah die Mienen der Weiber, die immer weiter von ihm und der Benedikta abrückten. Da war auch nicht eine unter ihnen, die der blutenden Karrnerin beigestanden wäre. Sie ekelten sich vor ihr und hüteten sich, ihre Hände in ihre Nähe zu bringen. Und Gaudenz Keil wußte, daß eine ganze Welt von Vorurteil und Abneigung ihn und seinesgleichen von diesen Menschen trennte.

Seine stahlblauen Augen hatten einen stechenden Ausdruck, wie er jetzt mit geringschätziger Verachtung von einem zum andern schaute. Unwillkürlich zogen sich alle von dem Karrner zurück. Sogar der lange Schmied machte ein paar Schritte nach rückwärts.

Der Gaudenz lachte laut auf. „Wer nahm’ denn a Karrnerkind?“ frug er nochmals höhnisch. „Tat’s enk ja grausen, unseroans nur anzurühren!“

Die Ennemoserin hatte ihre blassen, schmalen Lippen, wie das ihre Art war, fest zusammengepreßt. Ruhig und mit einem entschlossenen Blick sah sie dem Karrner ins Gesicht.

„I nimm’s Madel, wenn du mir sie gibst, Karrnerin!“ sagte sie dann laut.

Gaudenz Keil schien das als einen guten Witz aufzufassen. Roh und unbändig lachte er heraus.

„Tua’s nit, Ennemoserin!“ warnte der lange Schmied mit seiner tiefen, wohltönenden Stimme. „’s tuat koa guat nit!“

„Mei, Ennemoserin,“ meinte das alte, zahnlose Weibele, „laß grad du die Hand von der Butten. Hast amerst Sorg’ genua. Karrnerleut ... woaßt wol!“

Sie schupfte bedauernd die schiefgewachsene linke Schulter in die Höhe und wandte sich zum Gehen. Es interessierte sie nicht im geringsten, was jetzt hier noch vorfallen mochte. Die Ennemoserin hatte offenbar wieder ihren narrischen Tag. Der Schmied würde ihr die Mucken schon austreiben. Da wollte sie lieber nicht mit dabei sein; denn die Ennemoserin tat ihr leid, wirklich leid.

Auch der Schuster Naz dachte so. Er und noch einige von den Leuten. Die wandten sich alle langsam weg und gingen der Stadt zu. Einer nach dem andern. Es verdroß sie, da noch länger zuzuhören. Gescheites sah doch nicht viel heraus. Der Karrner hatte sich jetzt sichtlich beruhigt. Eine Beihilfe zur Schlichtung des Streites war nicht mehr notwendig. Die Schaulust und Neugierde kamen auch nicht mehr auf ihre Rechnung. Einige, die ganz besonders Neugierigen, verließen allerdings auch jetzt ihren Posten nicht. Sie wollten mit dabei sein bei der Verhandlung und harrten aus trotz Regen und Wind.

Lange dauerte die Verhandlung freilich nicht. Die Ennemoserin hatte einen starren Schädel, und was sie sich in den Kopf setzte, das geschah. Da half auch das Zureden des langen Schmieds nichts.

„Was willst denn du machen mit dem Madel, Ennemoserin? Bist a oanschichtigs Weib und hast koa Glück mit Kindern. Dös woaßt.“

„Ja, dös woaß i!“ gab die Ennemoserin trocken zurück. „Aber a Seel’ kann i dem Herrgott retten. Ist aa eppas!“

Die Benedikta stand noch immer da und preßte die farbige Schürze gegen die blutende Stirn. Sie begriff es nicht ganz, was die Ennemoserin von ihr wollte. Ein bißchen verwundert sah sie erst auf den Gaudenz, dann auf den Schmied und von diesem zur Ennemoserin.

Der Schmied redete noch immer eifrig auf die Ennemoserin ein. Er wollte ihr die Mucken austreiben, wie er meinte. Aber die Ennemoserin blieb unerschütterlich dabei.

„Wenn du mir’s Madel gibst, Karrnerin, i nimm sie!“ sagte sie fest.

Die Benedikta zuckte gleichgültig die Achseln und wandte sich ab. „Meinetwegen kannst sie haben. I bin froh, wenn i sie los krieg.“