Die Stadt am Inn

Part 1

Chapter 13,661 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1917 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke und Dialoge in Tiroler Mundart wurden nicht korrigiert.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen in gesperrter Schrift werden hier mit +Pluszeichen+ hervorgehoben.

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Die Stadt am Inn

Roman

von

Rudolf Greinz

Zweiundzwanzigstes bis sechsundzwanzigstes Tausend

Leipzig

Verlag von L. Staackmann

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.

Für Amerika: Copyright 1917 by L. Staackmann, Leipzig.

Altenburg Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co.

Erstes Kapitel.

Schwere weißgraue Nebelwolken lagerten über dem Tal, hüllten die Berge ein in ihre dichten Schleier und drückten lastend auf das kleine romantische alte Städtchen im Unterinntal. Zu Füßen eines steilen Berges, eingeengt zwischen diesem und dem Flusse, liegt der alte Rest einer stolzen Vergangenheit. Düster selbst an sonnenhellen Tagen. Doppelt öde und bedrückend schwer an endlos langen Regentagen wie in letzter Zeit.

Nichts rührte sich da in der alten Stadt. Kaum ein vereinzelter Fußgänger war zu sehen in den engen Gassen oder auf der breiteren Landstraße, die als Hauptstraße das Städtchen von West nach Ost durchzieht. Nicht ganz fünf Minuten erstreckt sie sich zwischen den altersgrauen Häusern, dann mündet sie in den Hauptplatz ein und führt durch ein altes Tor wieder zur Stadt hinaus, hinunter ins Unterland.

Unaufhörlich fällt der Regen in schweren Tropfen vom grauen Spätherbsthimmel. Das eintönige Geräusch der Regentropfen wirkt traurig und melancholisch. Unlustig und kalt ist’s in den Gassen, trotz des lauen Windes, der vom Oberland kommend jäh in die dichten Wolken fährt, sie zerreißend und in zerstreuten Fetzen durch das Tal hetzend.

Wie eine wilde Jagd sieht sich’s an. Kleine weiße Schleiergebilde und wieder dunkle schwere Wolkenballen, die sich abermals bleiern auf das Tal herniederwälzen. Und neuerdings umzieht sich der Himmel mit noch schwärzeren Wolken. Langsam und schwer senken sich die Nebelmassen tiefer und immer tiefer ins Tal und lösen sich dann in dünnen grauen Regenschleiern.

So ist es nun schon seit Tagen. Endlos traurige Tage sind es. Wie ausgestorben liegt die kleine Stadt da. Nur ab und zu wagen sich ein paar lose Buben ins Freie und versuchen ihr Spiel im Schmutz und in den Pfützen, die sich überall angesammelt haben. Öfters steuert auch ein einsamer Bürger im gemächlichen Schritt, wohl beschirmt und vermummt gegen Wind und Wetter der Innbrücke zu und sieht mißtrauisch auf das unruhige Wasser.

Ein dumpfer Geruch von mitgeführten Erdmassen steigt aus den braunen Fluten des Flusses. Lange wird’s nicht mehr dauern, und Rattenberg kann in ein Klein-Venedig verwandelt werden, wie das bei Überschwemmungen des Inn schon häufig der Fall war.

Völlig eingezwängt zwischen dem steil ansteigenden Schloßberg mit seiner verfallenen Ruine und dem breiten Flußbett des Inns ist das altertümliche Rattenberg. Zu dem breiten Hauptplatz streben die engen Gassen mit ihren hohen Häusern, die an der Bergseite vielfach ganz knapp an dem Felsen des Schloßberges liegen, auf der Wasserseite nur durch einen Weg vom Inn getrennt sind.

Alte gewölbte Hausflure und enge krachende Stiegen finden sich in diesen Häusern, die auf Jahrhunderte zurückschauen und noch lebhafte Zeiten gesehen haben, da Rattenberg eine mittelalterliche Handelsstadt war, wo die Warenfrachten nach dem Süden durchgingen und vom Süden herauf. Auf diese Zeit schreiben sich auch noch die vielen Wirtshäuser des alten Städtchens zurück, die heute ein beschauliches Dasein zwischen den Bürgerhäusern führen.

Die Sonne scheint spärlich in die kühlen Gassen von Rattenberg, das im Schatten des felsigen Schloßberges liegt. Im Winter verschluckt der Berg für geraume Zeit ganz und gar das Sonnenlicht und verwehrt ihm den Zutritt in die alte Stadt.

Dumpf und feucht riecht es in den Häusern. Das Grundwasser des Inns steigt in die Keller und von dort in die Mauern. Auf der Bergseite nehmen sich die engen Höfe der Häuser, die sich zwischen die Rückenmauern und den Felsen des Schloßberges drängen, manchmal fast aus wie düstere Felsenschlünde.

Alte, längst vergangene Zeit träumt in diesen Mauern, Gewölben und Stuben. Sie liegt auf den Dächern und Zinnen, spinnt ihre Erinnerungen um die ausladenden Erker der Häuser, hockt unter den Toren und schleicht über Stiegen und Gänge.

Lang erstreckt sich am Inn das stattliche Kloster der Serviten, und die Kuppeltürme der Klosterkirche bilden ein weithin sichtbares Wahrzeichen von Rattenberg. Auf einem Felsen erhöht thront die Pfarrkirche mit uralten Gräbern in ihrem Schutz.

Drüben aber am andern Ufer des Inn breitet sich das Tal aus, freundlich und sonnenhell. Weit verstreut erstrecken sich die Häuser von Kramsach durch Wiesen und Obstanger. Stattliche Höfe und wiederum kleine Bauernhäuser mit ihrem traulichen Holzbau auf dem weißen Mauergrund des Erdgeschosses.

Über Hügel sacht ansteigender Wald führt zu den drei Reinthalerseen ... träumerischen Augen der Bergwelt im Schweigen der Waldeinsamkeit.

Felsige Anstiege recken sich zum mächtigen Sonnwendjoch. Zu seinen Füßen breitet sich dichter Nadelwald mit dem Einschnitt des Brandenberger Tales. Wo sich dieses Bergtal öffnet und das schmale steinige Bauernstraßel in die Höhe führt, da liegt wie ein stiller Gruß romantischer Weltabgeschiedenheit das alte Frauenklösterlein Mariathal mit seiner stattlichen Kirche und den paar Häusern der kleinen Gemeinde.

Wald und Berg, Wiesengrund und fruchtbares Ackerland. Ein liebes lachendes Land das Unterinntal, in dessen Mitte als ein altes, unberührtes Juwel das schattige Nest Rattenberg gebettet ist. Ein verblichenes Schmuckstück in längst verschollener Fassung ... auf dem grünen Samtgrund des breiten Tales ... selbst grau, dämmernd, verwittert ...

Und drunten, weiter drunten im Unterland, da schließt das herrliche Panorama des Kaisergebirges die Talsicht ...

Vom Turm der Rattenberger Pfarrkirche tönt jede Viertelstunde der dumpfe Schlag der Glocke. Und manchmal hört man gedämpft das Rollen der Eisenbahn, die außerhalb der Stadt, knapp an der erhöht stehenden Kirche vorbei in einem Tunnel den Schloßberg durchquert.

Die Zeit der Maschinen und des Weltverkehrs stampft, saust und rattert durch den Leib des Berges, auf dem die alte Schloßruine träumt. Von vergangenen Jahrhunderten träumt, als da droben Wilhelm Biener, der Kanzler von Tirol, ein Opfer welscher Tücke und welscher Ränke, sein blutiges Ende fand. Ein edles Haupt fiel durch das Beil des Henkers, wo heute karge, rissige, von Wind und Wetter zerklüftete Mauertrümmer in den Himmel ragen.

Nach den endlos grauen Regentagen war heute zur Mittagsstunde Leben in die stille Stadt gekommen. Ein Wagen fahrender Leute, von einem Pferd gezogen und geführt von einem großen, finster dreinschauenden Mann, war langsam durch die Hauptstraße gefahren und zum Stadttor hinaus gewandert. Mit Peitschenknallen und Hüh und Hott hatte der Mann sich bemerkbar gemacht. Neugierig schauten die Leute zu Türen und Fenstern heraus, und die Gassenbuben liefen ihm nach und begleiteten ihn mit Gejohl trotz des Regengusses bis vor das Stadttor hinaus.

Dort lagerten nun die fahrenden Leute. Die Straßenjugend von Rattenberg wich nicht von ihnen. Eine solche Begebenheit war selten und mußte ausgekostet werden. Da spürten die Buben keine Nässe und auch keinen Hunger. Nur ab und zu lief so ein kleiner Bengel als Berichterstatter hinein ins Städtchen und erzählte atemlos von dem Tun und Treiben der Karrner.

Aber auch für die Erwachsenen, für die ehrsamen Bewohner und Bürger der kleinen Stadt bildete das Eintreffen der fahrenden Leute ein Ereignis, nur daß sie die naive Freude über die erwünschte Abwechslung nicht so unverhohlen zum Ausdruck brachten, wie die liebe Jugend dies tat. Man war jedoch froh, freute sich innig und kindlich über die Sensation des Tages und hoffte nur sehnlich, daß der Himmel ein Einsehen haben und daß der Regen bis zum Abend aufhören möchte.

Der Himmel hatte kein Einsehen. Es regnete und regnete in einem fort, und der Inn draußen vor der Stadt stieg zu einer immer bedenklicheren Höhe an.

Trotz der Unbill des Wetters durchzogen die fahrenden Leute in später Nachmittagstunde mit lautem Trommelgewirbel die Stadt. Voran der große, finstere Mann, ein Hüne von Gestalt, hellblond, mit gelblich braunem Gesicht und harten, stahlblauen Augen. Tiefe Furchen waren in dem wetterfesten, knochigen Antlitz eingegraben. Ein dichter, rötlich blonder Schnurrbart fiel über die dicken aufgeworfenen Lippen. Ein dunkler, abgetragener Filzhut saß ihm tief in der Stirne, und sein langer Wettermantel verlieh ihm ein noch unheimlicheres Aussehen.

Mit aller Kraft und mit einer Art verbissenen Ingrimms schlug der Mann die Trommel. Hinter ihm führte ein schwarzes, schlankes Mädel, als Knabe gekleidet, das mit bunten Bändern geschmückte kleine Pferd, auf dem ein allerliebstes, blondes Büblein saß. Weißblond waren die Haare und fein und zart die Glieder des ungefähr fünfjährigen Kindes.

Der kleine Kerl war in blasse, rosafarbene Trikots gesteckt, mit bloßen Füßen und ohne jeden Schutz gegen den Regen. So saß das hellblonde Bübel auf dem braunen Bosniakenrößlein und verteilte große, bunte Zettel unter die Straßenjugend, die von allen Seiten herbeiströmte und mit bewundernden Blicken nach dem kleinen Reitersmann schaute.

Das Bübel schien sich trotz der allgemeinen Bewunderung nicht sehr wohl auf seinem erhöhten Sitz zu fühlen. Das von der Sonne leicht gebräunte Gesichtel war blaurot vor Kälte, und der kleine Mund verzog sich krampfhaft und unterdrückte nur mühsam das Weinen. Die hellblauen Augen schauten verzagt und wie um Hilfe flehend auf das braune Mädel, das das Pferd sorgsam am Zügel führte.

Das Mädel nickte dem blonden Brüderchen aufmunternd zu, und manchmal blieb es etwas zurück und streichelte ganz verstohlen die nackten Beinchen des Buben.

„Sei nur stad, Tonl!“ flüsterte sie dann. „’s dauert nimmer lang, nacher kommst hoam zur Muatter!“ Dann war das flinke Ding wieder mit einem Sprung vorne beim Pferd und führte es am Zügel.

Das junge Gassenvolk hatte seine helle Freude an den fremdartigen Kollegen. Ein Mädel in Bubenkleidern war nichts Alltägliches in Rattenberg.

Einige unter den Buben, die ganz frechen, versuchten eine Annäherung und zogen das Mädel erst schüchtern und dann immer dreister an einem der kurzen, dicken Zöpfe oder zwickten sie derb in die Waden.

Da kamen sie aber schlecht an. Das Mädel verstand sich zu wehren. Wie eine junge Wildkatze war sie, kratzte und zwickte und stieß um sich mit einer Fertigkeit, wie es kaum die geübtesten Raufer unter den Buben hätten besser machen können. Wär’ auch kein echtes Karrnerkind gewesen, wenn es sich von den paar Lausbuben hätte unterkriegen lassen.

Das mochte der finstere Mann, der vorausging und unbekümmert seine Trommel schlug, wohl auch denken. Es entging ihm nicht, wie die Buben immer dreister hinter dem Mädel drein waren, aber er kümmerte sich nicht darum; tat, als bemerke er es nicht, und hieb nur um so energischer auf seine Trommel ein.

Heida, war das ein lustig Völkel, wie es trotz des strömenden Regens durch die alte Stadt zog. Das Mädel lachte schadenfroh und fletschte dabei die Zähne gleich einem jungen Raubtier, und die schwarzen Augen funkelten nur so in dem braunen Gesicht.

Am Stadtplatz, dort wo sich der schöne Blick in die Hauptstraße bot mit ihren alten Häusern und Erkern und mit den alten, kunstvollen Schildern aus Schmiedeisen, machte der muntere Zug halt. Der Mann mit der Trommel schlug noch ein paar extra kräftige Wirbel und fing dann mit lauter Stimme an, seine Einladung für die heutige Abendschaustellung vorzubringen.

Hier am Hauptplatz sollte die Vorstellung stattfinden. Seilkünstler und jugendliche Akrobaten würden ihre Künste sehen lassen. Der kleine Reitersmann schlug schon jetzt einen Purzelbaum über den andern auf dem Rücken des Pferdes, um eine Probe seiner Kunstfertigkeit zum besten zu geben. Das wirkte derart aufreizend auf einzelne der Buben, daß sie trotz Regen, Schmutz und Pfützen den fremden Künstlern gleichfalls mehrere Purzelbäume vorführten.

Vor dem Stadttor lagerten die Karrner. Dort stand das fahrende Heim, auf welches das braune Mädel sein frierendes Brüderlein vertröstet hatte. Ein grüner, schon recht baufälliger Wagen. Kleine Fenster mit roten Vorhängen waren an dem alten Rumpelkasten angebracht. Ein rauchender Kamin von Eisenblech reckte sich aus der Dachlucke. Zu der schlecht schließenden Tür des Wagens führte eine kleine wacklige Leiter empor.

Dies war das Heim der fahrenden Künstler und bot ihnen Schutz gegen Sturm und Regen. Gesundes Blut gedeiht überall, wächst auf wie Unkraut und vermehrt sich gleich ihm. Kümmert sich nicht um Lebensbehagen und um die einfachsten Satzungen der Hygiene. Krankheit ist ein unbekanntes Ding unter den Karrnern.

Erstaunlich viele Menschen birgt so ein fahrendes Heim. Schier stolpern sie einander über die Füße. Die Inneneinrichtung des Wanderkastens war höchst einfach. Ein Tisch, ein altes abgebrauchtes Ledersofa und mehrere Holzstühle und Rohrsessel, die schon halb zerbrochen waren. Knapp neben einem Fenster stand ein kleiner eiserner Herd. Der Rauch mußte nur schlechten Abzug durch den Kamin finden, denn der enge Raum war eingehüllt von beißenden Schwaden.

Anschließend an dieses Gemach befand sich durch eine Tür getrennt noch ein Abteil. Da drinnen war es ganz dunkel. Es war eigentlich die Theatergarderobe der fahrenden Leute. Der enge Raum war zum größten Teil angefüllt mit Schachteln, Lumpen und alten Kleidern. Ein breites, unordentlich gemachtes Bett stand an der Längsseite der Wand. Zu dessen Füßen erstreckte sich auf dem Boden ein Strohsack mit einem Polster und einer alten Pferdedecke. Darauf balgten sich ein paar größere Kinder, zankten und schlugen sich und verursachten einen Heidenlärm.

Draußen im Wohnraum beim Herd stand die Mutter der Kinder, eine große, schwarze Frau, derb und üppig, in nachlässiger Haltung, mit schlampig gekämmtem Haar und in schmutzigen, herabhängenden Kleidern. Auf dem linken Arm hielt sie einen Säugling, der sich an ihrer Brust festsog. Mit der freien rechten Hand rührte sie in einer Pfanne Milch und Mehl zu einem Mus für das Abendessen. An ihrem Rock hielten sich ein paar kleine Kinder fest und zerrten an ihr, daß sie ihr den schmutzigen Kittel halb vom Leib rissen.

Ein anderes kleines Kind, das noch nicht gehen konnte und mit einem farbigen Hemdchen nur notdürftig bekleidet war, saß gravitätisch auf dem Sofa und schlug mit einem Kochlöffel um sich, unaufhörlich und nach allem, was ihm in die Nähe kam. Und es kam immer etwas in die Nähe. Eines der kleinen oder der größeren Kinder. Unbarmherzig hieb der kleine Wicht am Sofa auf die Köpfe seiner Geschwister. Die brüllten dann jedesmal aus Leibeskräften, liefen zur Mutter und wischten sich an deren Rockfalten die Tränen ab oder die schmutzigen kleinen Nasen.

Die Frau am Herd ließ sich durch keinen Lärm aus ihrer Ruhe bringen. Sie kochte unbeirrt weiter und preßte den Säugling mit dem linken Arm fest an ihre Brust.

Ein struppiger, häßlicher Köter umsprang mit lautem Gebell die kleinen, weißblonden Kinder, hüpfte an ihnen empor und drängte sich wedelnd und mit der Zunge leckend zwischen sie. An einem der rot verhangenen Fenster baumelte in einem winzigen Vogelkäfig ein einsamer Kreuzschnabel und zirpte seinen sehnsüchtig wehmutsvollen Sang.

Die Karrnerin stand mit einer Art stolzer und hoheitsvoller Genugtuung vor dem Herd. Wie eine Königin in ihrem Reich, so kam sie sich inmitten ihrer Kinderschar vor.

Es war aber auch eine ganz besondere Stellung, die sie unter ihren Standesgenossen einnahm. Einen Wagen, einen richtigen, echten Wagen als Wohnstätte und ein lebendes Pferd hatte sie. Zu solchem Besitz brachten es nur wenige unter den Karrnern. Es war auch gar nicht so lange her, seit sie zu diesem Wohlstand gekommen waren. Früher zogen sie herum wie die andern fahrenden Leute. Da besaßen sie nur einen Handkarren, der mit einem großen Segeltuch überspannt war und drunter die wenigen Habseligkeiten der Familie barg.

Den Karren zogen sie gemeinsam, sie und ihr Gaudenz, den sie ihren Gatten nannte, obwohl weder Kirche noch Staat diesen Bund besiegelt hatten. Aber bei den Karrnern nimmt man das nicht so genau. Das sind freie, ungebundene Menschen, sind Menschen ohne den Zwang strenger Sitten.

Die führen ihr ungebundenes Leben von Jugend an. Und wenn sich Männlein und Weiblein gefunden haben, so ziehen sie zusammen ihren wilden Ehestandskarren, ohne Pfarrer und Gemeinde erst lange um Erlaubnis zu fragen. Und trotzdem halten sie fest aneinander. Ohne Schwur und Gelübde nehmen sie es mit der Treue genauer, als viele in strenger Sitte und Zucht auferzogene Kulturmenschen.

Gemeinsam getragene Not ist ein fester Kitt. Und es ist ein hartes Leben, das diese Tiroler Zigeuner führen. Von Ort zu Ort ziehen sie. Durch das ganze Land wandern sie und noch weit über die Grenzen hinaus in fremde, unbekannte Gegenden.

Überall sind sie geächtet und überall gemieden. Aber sie ertragen alles, Not und Hunger, Frost und Regen, Sonnenglut und Straßenstaub, Schande und Verachtung. Ihr Freiheitstrieb ist so groß und unbändig, daß sie lieber in Gottes freier Natur elend zugrunde gehen, als daß sie sich den Gesetzen einer geordneten Lebensweise unterwerfen würden.

In Gottes freier Natur, ohne Hausdach, ohne Hilfe und Beistand bringt die Karrnerin ihre Kinder zur Welt. Es müssen kerngesunde, lebenskräftige Kinder sein. Wer nicht ganz fest ist, geht zugrunde. In Wind und Wetter, Schnee und Regen und im glühenden Sonnenbrand, ohne Furcht, in Freiheit und Ungebundenheit, so wächst das Karrnerkind auf.

Von der Hand in den Mund lebt die ganze Familie. Kann der Vater keinen Verdienst finden, so ziehen die Kinder zum Betteln aus, und wenn’s nicht anders geht, auch zum Stehlen. Sie lernen wenig Gutes von den Menschen. Überall werden ihnen die Türen vor der Nase zugeschlagen, oder man wirft ihnen Gaben hin wie jungen Hunden. Und gierig wie junge Hunde schnappen sie darnach. Denn immer sind sie hungrig, und die kleinen Mägen knurren ihnen oft unbarmherzig.

Seit Gaudenz Keil, der Karrner aber den genialen Einfall hatte, sich ein Pferd und einen Wagen zu erstehen und seine Kinder zu Akrobaten heranzubilden, seit jener Zeit ging es ihm und seiner Familie viel besser. Woher der Gaudenz das Geld auftrieb zum Kauf, wußte niemand. Das Korbflechten und Pfannenflicken brachte ihm jedenfalls keine Reichtümer ein. Aber der Gaudenz war von jeher ein ganz gerissener Bursche gewesen, und einer seiner obersten Grundsätze war, sich nicht erwischen zu lassen.

Erwischt hatte ihn niemand. Und Benedikta Zöttl, die Karrnerin, die vielleicht über den plötzlichen Reichtum hätte Auskunft geben können, war verschwiegen wie das Grab. Sie hielten zusammen, diese beiden, trotz Zank und Streit und trotz mancher wüsten Szenen, die es oft zwischen ihnen gab. Die gehörten jedoch mit zur rechten Karrnerliebe. Streit und Prügel. Der Karrner muß fühlen, daß er der Herr im Hause ist.

Gaudenz Keil war eine ausgesprochene Herrennatur. Das Regiment, das er führte, war ein strenges. Wenn er seinen schlechten Tag hatte, dann fürchteten sie sich alle vor ihm. Die Benedikta und die Kinder, die großen wie die kleinen. Sogar der kleine, struppige Köter zog den Schweif ein und verkroch sich. Der Herr hatte einen festen Fuß, und so ein Stoß oder Tritt tat weh.

Am widerspenstigsten war von jeher die Sophie gewesen. Das war das braune zwölfjährige Mädel, das als Bub verkleidet herumlief. Die hatte wirklich den Satan im Leib.

Wenn Gaudenz Keil ganz besonders schief gewickelt war, dann rannte sie ihm sicher im Weg herum, reizte ihn auf irgendeine Weise oder spielte ihm sonst einen Possen. Über die Sophie entlud sich dann gewöhnlich der ganze Groll des Karrners. Er schlug und prügelte sie unbarmherzig, wohin er sie nur traf. Drosch auf sie ein in blinder Wut, daß das Kind heulte vor Schmerz und es doch nicht lassen konnte, ihn immer und immer wieder in rasenden Zorn zu bringen.

Sie haßten sich gegenseitig, der Gaudenz und die Sophie. Gaudenz Keil haßte das Mädel, weil es der lebende Zeuge war, daß Benedikta Zöttl ihre Gunst einmal einem andern Manne geschenkt hatte.

Sie war schön gewesen, die Benedikta. Ein südländischer Typus, wie er unter den Karrnern nicht oft anzutreffen ist. Meist sind diese Zigeuner der Tiroler Berge hellblond, von einem unschönen, schmutzigen Blond. Ihre Gesichter sind knochig und häßlich, die Haut ist von der Sonne gelb gebrannt.

Benedikta Zöttl war ein wildes, unbändiges Mädel gewesen. Ihr heißes Blut hatte sie schon in früher Jugend von einem Mann zum andern getrieben, flüchtig und unstät, bis der Gaudenz kam und sie mit sich führte.

Das kleine, braune Ding, die Sophie, mußte er allerdings mit in den Kauf nehmen. Das Mädel war ihm ein Dorn im Auge. Es bildete zwischen ihm und der Benedikta einen Zankapfel auf Weg und Steg.

Die Sophie haßte den finstern, harten Mann, der so roh und grausam werden konnte. Das heiße, unbändige, wilde Blut der Mutter hatte sich auf die Tochter vererbt. Der Gaudenz hatte die Benedikta gezähmt. Es gibt ein sicheres Mittel, wildes Karrnerblut zu bändigen. Kinder auf Kinder entsproßten dieser freien Ehe. Die Mutterpflichten hatten das Weib milder und gefügiger gemacht.

Benedikta Zöttl war mit den Jahren ziemlich stumpfsinnig geworden. Nur wenn es der Gaudenz in seiner brutalen Art zu weit trieb, wenn er wie ein gereiztes Tier blindwütig Hiebe und Fußtritte austeilte und die Kinder sich wimmernd und heulend verkrochen, dann stellte sie sich dem Manne furchtlos gegenüber, schlug wohl auch kräftig mit einem Stock oder einem Scheit Holz oder sonst einem Gegenstand, der ihr gerade zur Hand war, auf ihn ein. Bis dann doch schließlich seine Kraft die Übermacht gewann.

Der Tonl, das hellblonde Bübel, hatte am meisten Angst vor dem Vater. Bei jedem rauhen Wort zitterte er und kämpfte mit den Tränen. Und gerade der Tonl war es, den die Sophie am meisten ins Herz geschlossen hatte. Seinetwegen hatte sie schon viele Prügel vom Vater eingeheimst. Der Tonl, so putzig und zierlich er aussah, so herzlich ungeschickt war er. Das Akrobatentum wollte ihm gar nicht einleuchten. Und jedes neue Kunststück hatte er nur dadurch erlernt, daß er des Vaters harte Faust zu spüren kriegte.

Auch heute wieder stellte sich der Tonl ganz besonders ungeschickt an. Gleich nach dem Umzug in der Stadt hielt der Karrner draußen vor dem Tor eine Generalprobe für den heutigen Abend. Mitten in Wind und Regen. Das störte ihn nicht.

Mit harten Worten rief er seine Kinder zusammen. Der Tonl machte ein weinerliches Gesicht. Er war ganz durchnäßt, und es fror ihn jämmerlich. Der Tonl war überhaupt ein bissel aus der Art geschlagen. Empfindlich wie ein Stadtkind. So gar kein richtiger Karrnerbub. Das ärgerte den Gaudenz. Für das Zimperliche und Überfeine besaß er nicht den geringsten Sinn. Der Tonl hatte sich schon die ganze Zeit her auf die warme Stube und einen Bissen Brot gefreut. Und nun hieß es wieder an die Arbeit gehen, ausharren im Regen trotz Hunger und Kälte.

Die Sophie sah die Enttäuschung des kleinen Bruders. Wie ein Wiesel rannte sie dem Vater davon, sprang mit ein paar Sätzen über die Stufen der Leiter hinein zur Mutter und brachte dann triumphierend ein großes Schwarzbrot für den Tonl.