Part 7
Ist jemand von einer Krankheit befallen, dann wenden sich die Angehörigen zuerst an einen eingeborenen Arzt. Wenn dessen medizinische Behandlung nach einigen Tagen ohne Wirkung zu bleiben scheint, nehmen sie an, daß die Krankheit auf diese Weise nicht gehoben werden könne, sondern von einem feindlichen Einflusse, entweder von einem bösen Blick oder einem Dämon oder einer schädlichen Einwirkung der Gestirne herrühren müsse. Sie wenden sich jetzt an einen Wahrsager, der, nachdem er sich hat Bericht erstatten lassen, für gewöhnlich erklärt, daß das Leiden die Tat eines bestimmten Dämons sei, und daher empfiehlt, ihm eine Opfergabe zu versprechen. Der Priester, der diese vollzieht, befestigt als äußerlich sichtbares Zeichen, daß dieser Forderung Genüge geschah, an die kranke Person ein Bare (Merkmal), entweder eine in ein Stückchen gelbgefärbten Kattuns eingewickelte Münze um den Hals oder Arm, auch einen dreifachen ebenso gefärbten Faden, oder ein zusammengelegtes Taschentuch und anderes mehr, hängt auch ein entsprechendes Merkmal in seinem Hause oder Kornspeicher auf. Soll daraufhin die Versöhnung des Dämons vor sich gehen, so kommt an einem festgesetzten Tage oder Abend der Priester mit noch einem oder mehreren anderen ins Haus des Kranken, wo sich auch bereits Tamtamschläger eingefunden haben. Auf einem auf vier Stöcken hergerichteten Tischaltar wird eine Speise gekocht, deren Auswahl sich nach dem zu versöhnenden Dämon richtet, und diesem auf Bananenblättern als Tellern geopfert. Den Altar umstehen kleine Dochtlämpchen. Alles, was für die Zeremonie verwendet und geopfert wird, muß drei Reinigungen oder Läuterungen durchmachen. Es wird Weihrauch in einem Fäßchen geschwungen oder auf einen brennenden Stock gestreut, und die Enden eines weißen Tuches von genügender Länge werden von dem Priester in Form einer Acht in horizontaler Richtung geschwungen. Der Priester ist mit einem weißen Tuch bekleidet, das Haupt und Schultern bedeckt. Gleichzeitig werden die Tamtame so laut wie möglich geschlagen und Rohrpfeifen und Trompeten geblasen, um die Aufmerksamkeit des Dämons auf sich zu lenken. In manchen Fällen erfassen die Priester die Fackeln, schwingen sie und tanzen umher; die ganze Szene macht auf jeden Zuschauer einen ganz unheimlichen Eindruck, auch auf den Kranken, der ihr von Anfang bis zu Ende beiwohnt. Wird der oberste der Teufel, Sanni Yaka, der Krämpfe, heftige Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und so weiter veranlaßt, angerufen, so kommen Masken in Anwendung. Es gibt deren nicht weniger als zweiunddreißig, jede von ihnen, ausgenommen die letzte, läßt äußerlich bestimmte, meistens verzerrte Züge eines Leidens erkennen, die er verursacht; die letzte Maske zeigt den Teufel aber in seiner wahren Gestalt als eine milde, gutartig aussehende Persönlichkeit. Wird er um Gnade angegangen, dann legt einer der Priester eine der Masken an, tritt aus dem Hintergrunde hervor, berührt die Speise, tanzt ein wenig und zieht sich darauf wieder zurück. Sodann erscheint er oder ein anderer mit einer neuen Maske; dies geht immer so weiter, bis alle zweiunddreißig Masken vorgeführt worden sind. Nach Ablauf dieser Zeremonie muß der Kranke dann genesen sein.
Das Ritual, bei dem es sich darum handelt, die +schädlichen Einflüsse der Planeten+ und anderer Himmelskörper zu vertreiben, weist fünfunddreißig verschiedene Formen auf und besteht hauptsächlich aus Tänzen und Gesängen zu Ehren der Macht, welche die Krankheit veranlaßt hat, sowie in Anrufen des Inhaltes, daß sie ihre Wirkung auf den Kranken aufhören lassen möge; die Zeremonie dauert für gewöhnlich die ganze Nacht hindurch. Der Patient sitzt oder liegt dabei auf einer Matte dem Amtierenden gegenüber, ihm zur Seite je ein Freund. Bei jeder Pause in den Bittgesängen des Priesters rufen diese beiden der angeredeten Macht „Ayibo, Ayibo“, das heißt „Langes Leben, langes Leben“ zu. Der ganze Vorgang wird reichlich beleuchtet, die Tänzer tragen auch noch Fackeln; Tamtamschläger begleiten die Tänzer im Takt. Vor dem Kranken ist außerdem noch auf einem Rahmen ein farbiges Lehmrelief seiner selbst, sowie die Sinnbilder einiger Himmelskörper aufgestellt; er hält das Ende eines Fadens in der Hand, der an der Mittelfigur befestigt ist. -- Der +Glaube an den Einfluß der Gestirne+ ist in dem Singhalesen fest eingewurzelt, und seine stete Sorge ist es, überall die Gunst des Standes der Gestirne auszunutzen und ihre schädlichen Wirkungen abzuwenden. Vor Schluß des Jahres läßt er sich von dem Astrologen eine Zusammenstellung geben, in der alle glück- und unheilbringenden Stunden -- hierzu gehören in erster Linie die Finsternisse -- des neuen Jahres verzeichnet stehen, sowie alle Handlungen und Zeremonien, die man zu diesen Zeiten vorzunehmen, beziehungsweise zu unterlassen hat. In einem solchen astrologischen Kalender heißt es unter anderem: „Das Zeichen des kommenden Jahres wird ein roter Löwe sein, der gerade aufgerichtet auf einem Pferde reitet und aus einem Loch herauskommt, das wie das Maul eines Pferdes gestaltet ist. Dies wird am Anfange des Jahres geschehen, neun Stunden und vierundfünfzig Minuten nach Sonnenuntergang; in diesem glücklichen Augenblick soll man Milch an allen vier Ecken des Hauses kochen“ und so weiter.
Das +neue Jahr+ beginnt man mit verschiedenen Zeremonien, dem Anzünden des ersten Feuers, der Aufnahme der ersten Nahrung und ein paar Tage später mit der Ölung aller Familienhäupter mittels einer Mischung von fünf Ölen, die in günstigen Augenblicken, welche die Astrologen feststellten, gemischt wurden, um sich dadurch die allgemeinen Glücksfälle des Jahres zu sichern. Der Familienvater stellt sich mit dem Gesicht nach der Richtung gewendet, die für die günstige erklärt worden ist, vor einen Tisch, auf dem ein Licht und eine Tasse mit Öl steht, taucht einen oder auch alle Finger hinein und zieht die Fingerspitzen über die rechte Seite des Kopfes oberhalb des Ohres; unter tiefem Schweigen wiederholt er diesen Vorgang an den anderen.
Das große +Peraharafest+ wird im Juni gefeiert, da um die Zeit der Sonnenwende die Regenperiode einsetzt; man veranstaltet diese besonders für Kandy großartige Zeremonie, um Fruchtbarkeit für die Äcker zu erzielen. An jedem Abend während der zwei Wochen, die das Fest dauert, trägt man die Waffen und Abzeichen von vier indischen Gottheiten in feierlichem Zuge, an dem Elefanten, Musikbanden und Tänzer bei Fackelschein teilnehmen (Abb. 97), durch die Stadt, am letzten Abend kommt noch die angebliche Zahnreliquie des Buddha (Abb. 75 und 98) hinzu. An diesem Abend begibt sich der Aufzug schließlich noch nach dem Mahawäligangafluß zum Wasserschneiden. Bei Anbruch des nächsten Tages beschreiben die vier Priester der Tempel der indischen Gottheiten mit ihren Schwertern einen Kreis im Flusse, füllen vier Gefäße mit Wasser aus diesem Kreis und kehren damit zu ihren Tempeln zurück, wo man die Gefäße bis zum nächstjährigen Peraharafest stehen läßt. An anderen Stellen spielt sich der Vorgang etwas anders ab; hier wird ein weißes Tuch von zwei Männern über das Wasser gehalten und in der Mitte von den Symbolen der Gottheiten niedergedrückt; das in dem Tuch befindliche Wasser wird in den Tempel mitgenommen. Solches Wasser wird auch verabreicht, um Krankheiten zu heilen. -- Ein anderes wichtiges Fest wird alljährlich zu Ehren der Göttin Mariamma zu Periyapalayam gefeiert (Abb. 99 und die farbige Kunstbeilage).
Sobald dem Singhalesen ein +Kind+ geboren ist, eilt der Vater zum Astrologen, um sich für das Neugeborene das Horoskop stellen zu lassen. Früher wurde das Kind, falls der Stand der Gestirne ungünstig war, lebendig begraben, ertränkt oder dem Hungertod preisgegeben. Auch wenn man sonst bei kinderreicher Familie ein Kind aus dem Wege schaffen wollte, gab man als Grund hierfür an, daß es unter einem unglücklichen Planeten geboren sei. Selbst heute soll man von der Unsitte, die Kinder, im besonderen die Mädchen zu töten, wozu hauptsächlich Opium verwendet wird, noch nicht ganz abgekommen sein; auch Abtreibung soll im Schwange sein, um keine zu große Familie zu bekommen. Die Neugeborenen werden von der Mutter ernährt, und zwar ziemlich lange, oft drei, vier und noch mehr Jahre; vom fünften Monat an erhalten sie aber auch Reis als Beikost. Der Augenblick, in dem ihnen zum ersten Male diese Speise gereicht wird, wird unter großer Feierlichkeit begangen. Dabei erhalten die Kleinen auch ihren ersten Namen, den Reisnamen. Natürlich wird auch hier der Astrologe wieder zu Rat gezogen. Auf Grund des Horoskops bei der Geburt soll er den ersten Buchstaben des Namens ermitteln und die Eltern die übrigen nach ihrem Belieben hinzufügen.
Die Singhalesen +heiraten+ sehr früh. Sobald das Mädchen die Reife erreicht hat, wird es für mehrere Tage abgesondert und muß für gewöhnlich noch mehrere Monate im Hause verbleiben. Nachdem es dann ein Bad genommen hat, darf es sich zum ersten Male im Spiegel beschauen, was vordem für unschicklich galt. Die Heirat ist für die Beteiligten das reine Geschäft, keine Herzensangelegenheit. Bei der Auswahl ihrer Schwiegertochter, welche die Eltern treffen, ist die erste Bedingung, daß sie derselben Kaste angehört; sodann kommt für sie die Vermögensfrage in Betracht, in dritter Linie, ob sie gesund, häuslich und so weiter ist. Genügt ein Mädchen diesen Vorbedingungen, so muß man sich weiter versichern, ob die beiden Auserwählten als Brautleute zusammenpassen, das heißt unter Planeten geboren wurden, die einander nicht feindlich sind. Stimmen ihre beiderseitigen Planeten überein, dann werden vom Sterndeuter auch Tag und Stunde festgesetzt, die für die Vereinigung günstig sind. Inzwischen werden die erforderlichen Vorbereitungen zur +Hochzeit+ getroffen, ein großer Speisesaal hergerichtet, seine Wände und Decke mit weißem Tuch ausgeschlagen, das Haus der beiden Parteien geschmückt, viel Kuchen gebacken und Früchte eingekocht. Am Hochzeitstage wird der Bräutigam in feierlichem Zuge von den Seinigen, die alle in Festgewänder gekleidet sind, zum Hause der Braut geleitet. Hier finden sie den Eingang der Umfriedigung versperrt und von zwei männlichen Mitgliedern der Partei der Braut bewacht; durch Singen machen diese den Ankömmlingen verständlich, daß ihnen der Zutritt verboten sei. Einer aus der Gruppe des Bräutigams erwidert in Versen, welche die Wächter veranlassen, die Sperre zu entfernen und dem Zug Eintritt zu gewähren. Die Besucher werden darauf im Hause von den Verwandten der Braut empfangen; sie bringen Geschenke und Speise mit, welche die Angehörigen der Braut verzehren. Die Brautmutter erhält von den Geschenken ein Stück weißes Tuch und Kleider, die Braut ihr Hochzeitsgewand nebst reichem Schmuck. Ärmere Leute leihen sich, um diese Sitte der Vornehmen ebenfalls nachahmen zu können, von ihren Freunden einen großen Teil der Schmuckstücke und geben sie, nachdem die Braut in ihrem neuen Heim angekommen ist, nach ungefähr einer Woche wieder zurück. Sodann setzen sich Braut und Bräutigam Seite an Seite auf ein weißes Tuch, das auf einer Matte ausgebreitet wurde, nehmen mit der rechten Hand gekochten Reis aus einer gemeinsamen Schüssel und stecken ihn sich dreimal gegenseitig in den Mund. Es werden ihnen nun durch den älteren Bruder der Brautmutter, der der Hauptzeremonienmeister ist, die Hände aneinandergelegt und die kleinen Finger zusammengebunden. Damit ist die Ehe vollzogen. Nachdem es mit einem Ruck den Faden zerrissen hat, stellt sich das neue Paar der Reihe nach vor jeden Gast mit erhobenen Händen hin, verneigt sich und sagt: „Langes Leben dir!“ Jeder Gast erwidert die Begrüßung und reicht dem Paar ein Geschenk. Danach findet für alle Teilnehmer eine Unterhaltung und Bewirtung statt. Nach einigen Tagen begleiten die Hochzeitsgäste die Neuvermählten in das Heim des Bräutigams; die gute Sitte erfordert es, daß die junge Frau Tränen vergießt, ehe sie das Elternhaus verläßt, zum mindesten sich betrübt stellt und fortzugehen zögert. Auf dem Wege zum neuen Heim muß sie ihrem Manne vorangehen, damit dieser sie stets vor Augen haben und sie nicht mit einem etwaigen Geliebten entfliehen kann, wie es vorgekommen sein soll. Auch wird die junge Frau manchmal in ihren weißen Brautschleier ganz eingehüllt und muß vor männlichen Bekannten, die ihr begegnen, die Augen niederschlagen. Die Ankunft wird so eingerichtet, daß sie zu einer glückbringenden Stunde erfolgt, die der Astrologe festsetzt, desgleichen wird das Brautgemach auch nur in einer solchen betreten. Eine Woche später findet in dem Begießen der jungen Eheleute mit Wasser noch eine Zeremonie statt, die durch einen Bruder oder eine Schwester der Mutter oder durch einen anderen angesehenen Verwandten der jungen Frau vollzogen wird, natürlich auch wieder an einem glückbringenden Tage. Neben seiner rechtmäßig angetrauten Gattin ist es dem Singhalesen erlaubt, sich noch andere Frauen zu nehmen, vorausgesetzt, daß jene und ihre Angehörigen nichts dagegen haben; ist die erstere aber nicht befragt worden, dann hat sie das Recht, sich von ihrem Manne zu trennen. Die +Lösung der Ehe+ ist unter den Singhalesen leicht gemacht; sie kann von beiden Seiten, oft auf geringfügige Veranlassung hin, erfolgen. -- Im allgemeinen herrschen unter den Singhalesen laxe Auffassungen von der sexuellen Reinheit. Eheirrungen scheint man nicht besonders ernst zu nehmen; nur wenn sich eine Frau mit einem Mann aus niederer Kaste vergangen hat, dann gilt dies für ein schweres Verbrechen.
Die +Begräbniszeremonien+ bei Armen und Leuten niederer Kaste sind sehr einfach. Der in weiße Tücher gehüllte Tote wird von weißgekleideten Freunden auf einer Bahre, die an einer Stange hängt, unter lautem Wehklagen der Frauen aus dem Hause nach dem Walde oder einem besonderen Begräbnisplatze getragen, wo man ihn lang ausgestreckt auf dem Rücken in die Erde legt und einen flachen Grabhügel darüber aufschüttet; oft wird dieser noch mit Dornensträuchern bedeckt, um die Leiche vor Schakalen zu schützen. Die Bahre verbleibt neben oder auf dem Grabe, Speiseopfer werden aber nicht dargebracht. Da eine Grabstätte ein Ort ist, der von einem schrecklichen Dämon, dem Sohon Yaka, dem Grabdämon, heimgesucht wird, meidet man ihn bei Eintritt der Dunkelheit. Nach etwa vier bis fünf Tagen finden sich Mönche aus dem nächstgelegenen Kloster ein, um eine oder zwei Stunden vor den versammelten Freunden und Verwandten aus den heiligen buddhistischen Büchern vorzulesen; sie erscheinen unter Vorantritt von Tamtamschlägern und Flötenbläsern. Am nächsten Tage erhalten die Mönche Speisen vorgesetzt; was sie übrig lassen, verzehren die Freunde und Nachbarn. Damit ist die Totenzeremonie beendet. Man nimmt an, daß der Geist des Verstorbenen sich zu diesen Feierlichkeiten einfindet und durch das Darbringen des Speiseopfers von seinen irdischen Fesseln befreit wird, so daß er sich nunmehr nach der anderen Welt, nach Paraloka, begeben kann. Vor dieser Opfergabe darf er die Erde nicht verlassen und muß so lange als entkörperter Geist auf ihr verweilen. -- Während früher die Leichen der einfachen Leute vielfach verbrannt wurden, beschränkt sich diese Bestattungsart heute auf die vornehmen Familien, die höheren Kasten, Häuptlingsfamilien und Buddhistenmönche. Der Tote wird auf einer Bahre, die den Verhältnissen entsprechend vornehm hergerichtet ist, zu einem Scheiterhaufen getragen, der aus Lagen von trockenem Holz und Kokosnußschalen aufgebaut ist (Abb. 100 u. 102). Eine Anzahl Mönche, bei wichtigen Persönlichkeiten etwa achtzig, gehen dem Zuge voran, ihnen folgen die Musikkapelle, darauf die Träger mit dem Sarg, schließlich die Angehörigen und Bekannten; auf dem Wege, den der Leichenzug nimmt, wird manchmal weißes Tuch ausgebreitet. Ehe man den Sarg auf den Scheiterhaufen legt, wird er dreimal um ihn herumgetragen. Über der Leiche türmt man noch Holz auf und gießt reichlich Erdöl darüber. Während ein Mönch eine Predigt über die Eitelkeit der Welt und das Flüchtige im Leben hält, die Erfüllung religiöser Pflichten preist und um Glück für den Verstorbenen im neuen Leben bittet, zündet ein naher männlicher Verwandter mit einer Fackel den Scheiterhaufen (Abb. 103) an. Ist dieser heruntergebrannt, dann wird die Asche zunächst nur durch ringsherum in die Erde gesteckte Kokoszweige umgrenzt und erst nach sieben Tagen von den Angehörigen gesammelt und in einem irdenen Gefäß in aller Stille an geeigneter Stelle neben einem buddhistischen Tempel oder auf dem allgemeinen Begräbnisplatze beigesetzt. Auf den niederen Hügel pflanzt man einen Schößling, oft einen Bobaum; über den Aschenresten eines höher stehenden Mönches legt man im allgemeinen einen höheren Hügel an und umschließt ihn mit einer festen Mauer. Nur solche Personen, die an einer ansteckenden Krankheit, wie Cholera, Pocken und Ähnlichem, gestorben sind, werden, auch wenn sie der höheren Kaste angehören, nicht verbrannt, sondern begraben, denn man will den Krankheitsdämon, der in der Leiche sitzt, durch Feuer nicht noch mehr reizen.
Die +Tamilen+ gleichen in ihrem Äußeren sowie in ihren Sitten und Gewohnheiten (Abb. 101) ihren Stammesbrüdern auf dem vorderindischen Festlande. Da sie im nächsten Abschnitt eingehende Berücksichtigung finden, so wollen wir uns mit ihnen an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen.
Vorderindien.
Der südliche Teil der großen vorderindischen Halbinsel ist im wesentlichen das Verbreitungsgebiet der +Drawida+, eines dunklen Volkselementes, das den Hauptbestandteil des ausgedehnten Hinduvolkes dieser Gebiete ausmacht und auch Ausläufer nach Ceylon entsandt hat, wo die Tamilen seine Vertreter sind. Indessen sind die Drawida nicht als die Ureinwohner Südindiens anzusehen, sondern nur als Einwanderer, die auf eine Rasse von kleiner Gestalt, dunkler Hautfarbe und breiter Nase stießen, deren Reste sich bis auf unsere Tage, wenn auch nicht mehr rein, in den Wald- oder Dschungelvölkern, wie den Bhil, Mahair, Khond, Bhumidsch, Kurumba, Irula, Santal, Kolh, Munda und anderen, die man insgesamt als Munda-Kolh oder Kolarier zusammenfaßt, erhalten haben und die Angehörige der großen indo-australischen Grundrasse zu sein scheinen, deren Vertreter wir bereits in den Wedda, Sakai, Toala und auch Australiern kennen gelernt haben. Einen Beweis für einen solchen Zusammenhang der Australier mit den Ureinwohnern Südindiens erblickt man in der Übereinstimmung in ihrem Äußeren (lange Schädelform, kleine Gestalt, welliges oder lockiges Haar, schwarze Augen, breite, niedrige Nase mit weiten Löchern und dicke Lippen), in der Verwandtschaft der Sprache und in dem Vorkommen des Bumerangs in Neuholland sowohl wie im Tamillande; hier findet letzterer bei der Jagd auf kleines Wild Verwendung und wird einer alten Sitte gemäß zwischen Braut und Bräutigam auf der Hochzeit ausgetauscht. Allerdings besitzt der tamilische Bumerang nicht die klingenartige Form und die spiralige Drehung des australischen.