Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 31

Chapter 313,031 wordsPublic domain

Verschiedene Madagassenstämme, im besonderen die Betsileo und Antaokara, befolgten früher die von Ozeanien her übernommene Sitte, ihre Toten nicht sogleich zu begraben, sondern über der Erde erst die Verwesung abzuwarten und Leichenwachen daneben zu stellen. Um sich diese Pflicht nach Möglichkeit erträglich zu gestalten, betranken sich die Angehörigen und Freunde tüchtig in Rum und verbrannten Unmassen von Weihrauch, Talg und sogar Leder. Bei den Betsileo (Abb. 420) begräbt man jetzt den Toten möglichst bald, nimmt aber nach einiger Zeit noch ein zweites Begräbnis mit seiner Nachbildung vor, die die Frauen, während die eigentliche Beisetzung stattfindet, in dem Hause anfertigen. Sie rollen eine Matte zusammen, umkleiden sie mit Lambas und legen diese Nachbildung des Toten in einen aus Bambusstangen geflochtenen Käfig, weswegen dieses ganze Erzeugnis Trano vorona, das heißt „Käfig mit Vögeln“, benannt wird. Dieser Trano vorona wird etwa zwei bis sieben Tage ausgestellt, das heißt so lange, als die Mittel ausreichen, um die zahlreich versammelten Trauergäste mit Rum und Fleisch reichlich zu versorgen, und sodann entweder neben der wirklichen Leiche mit vielem Lärm und Gesang begraben oder einfach so wie er ist ausgesetzt. +Begräbnisse+ auf Madagaskar sind stets von Festlichkeiten begleitet. Früher wurden massenhaft Tiere geschlachtet; die Regierung hat aber, um einer zu starken Schmälerung der Herden vorzubeugen, diese Unsitte auf ein einziges Tier beschränkt. Die Köpfe der Ochsen mit den daran bleibenden Hörnern werden auf das Grab ihres verstorbenen Besitzers gelegt. Viel Rum wird getrunken und vielfach auch zahlreiche Gewehrsalven abgeschossen. Ein solches Fest dauert so lange, als Essen und Getränke eben vorhalten.

Bei den Sakalaven erfahren die Könige eine besondere Behandlung. Sie wickeln deren Leichen zunächst in Ochsenhäute und hängen sie tief im Busch an Bäumen auf. Nach einigen Monaten gehen die Häuptlinge hin und entnehmen dem verwesten Leichnam einige Reliquien, nämlich einen Halswirbel, einen Fingernagel und eine Haarlocke. Während der übrige Körper unter großen Feierlichkeiten begraben wird, bringt man die oben genannten Stücke nach einer heiligen Stätte, wo bereits ähnliche Reliquien von früher begrabenen Königen her aufbewahrt sind. Mit ihrem Besitz ist das Recht der königlichen Gewalt verbunden.

+Trauernde+ Madagassen lassen sich das Haar zerzausen und tragen grobe und schmutzige Kleidung (Abbild. 423); sie dürfen sich auch nicht waschen, auch nicht in den Spiegel sehen, falls sie etwa einen solchen im Besitz haben sollten. Die Frauen müssen alle Gedanken an Gefallsucht aufgeben und ihre Umgebung durch ihren jämmerlichen Anblick geradezu zum Abscheu bringen. Die Farbe der Trauer ist, wie überall sonst im Osten, auch bei den Madagassen weiß.

Ostafrika.

Das große Gebiet südlich von Abessinien und dem Golf von Aden bis herab zum Nyassasee, beziehungsweise dem Unterlauf des Zambesi bezeichnen wir als Ostafrika. Es bildet ein ebenso interessantes und vielleicht noch bunteres Völkergemisch als Südafrika. In seinen Teilen südlich vom Gleicher, ganz allgemein gesagt, herrschen die schon von Südafrika her bekannten Bantustämme vor, wenngleich hier bereits verschiedentlich vom Osthorn her andere Rassenelemente zugewandert sind, die Hamiten heißen. Zu letzteren gehören die Wahima, Kavirondo (oder Wagaia), Masai, Wandorobbo (Abb. 425) und Watatura (Abb. 428) im sogenannten Zwischenseengebiet. In Deutsch-Ostafrika sind die bekanntesten Bantustämme die Wanyamwesi, Waschambala, Wanguru, Wakami, Kirundi, Waganda, Wasoga, Wakikuyu, Wakamba, Wadigo, Wagogo, Wanyuturu, Wadschagga (Abb. 427), Wapare, Warangi, Wahehe, Wabena, Wapoto und andere mehr. Längs der ganzen Küste haben sich im Lauf der beiden letzten Jahrtausende zahlreiche Araber, Inder und Perser auf die altangesessene Bantuschicht aufgelagert und durch Vermischung mit ihr ein ziemlich homogenes neues Volk entstehen lassen, die Suaheli (Abb. 426). -- In den nördlichen Gebieten Ostafrikas (Somalland) dagegen sitzen Stämme hamitischer und semitischer Zugehörigkeit, mit denen wir uns an anderer Stelle beschäftigen werden. Hier wollen wir uns darauf beschränken, nur zu erwähnen, daß sich ihr Typus vollständig von dem der Bantuneger unterscheidet. Wo beide Rassenelemente aufeinander gestoßen sind, wie in den nördlichen Teilen Ostafrikas, da haben natürlich vielfach mehr oder minder starke Kreuzungen zwischen ihnen stattgefunden. Ebenso sind die Bantu mehrfach Vermischungen mit den zwischen sie versprengten Zwergvölkern eingegangen.

Die übliche +Wirtschaftsform+ der ostafrikanischen Bantu ist der Ackerbau, nebenbei auch vielfach die Viehzucht. Die mit hamitischen Elementen gekreuzten Bantu bevorzugen die letztere. Auch Jagd wird von den meisten ostafrikanischen Stämmen eifrig betrieben (Abb. 430).

Die +Wohnungen+ der ostafrikanischen Bevölkerung sind teils Kegeldachhütten, teils Temben. Vor der Besitznahme des Landes suchten sich die übermütigen Sultane durch Palisadenfesten zu schützen (siehe die Kunstbeilage).

Dieselben Ursachen, die dazu beigetragen haben, daß man in Ostafrika so vielen und verschiedenen Mischtypen begegnet, wie Wanderungen, Aufnahme von Kriegsgefangenen in den Stamm, Sklavenraub, Ausübung der Exogamie, Zuflucht bei fremden Stämmen bei Eintritt einer Hungersnot und Dürre oder bei Bedrängung von seiten vorrückender Stämme und anderes mehr, haben auch dazu geführt, daß die verschiedenen alten Gebräuche und Sitten der einzelnen Völker sich ebenfalls miteinander vermischten, so daß es vielfach ein Ding der Unmöglichkeit ist, zu entscheiden, ob ein bestimmter Brauch bei dem einzelnen Stamm heimisch ist oder zu ihm eingeführt wurde. Im großen und ganzen können wir wohl sagen, daß, soweit die Bantu in Betracht kommen, bei den ostafrikanischen Stämmen die Sitten und Gebräuche so ziemlich dieselben sind, wie wir sie oben bereits in dem Abschnitt Südafrika schilderten. Daher beschränken wir uns an dieser Stelle auf die Wiedergabe einiger Eigenheiten.

Was die +Kleidung+ anbetrifft, so begegnen wir bei den Jaluo und den südlichen Wagaia (Abbild. 429) noch vollständiger Nacktheit, und trotz oder vielmehr gerade wegen dieser Nacktheit stehen diese Stämme sittlich so hoch wie wohl selten Negerstämme. Man ersieht hieraus, daß die Bekleidung nichts mit der Moral zu tun hat. Manchmal wird ein kleiner Schamschutz (Abb. 431) oder ein Ziegenfell (auch um den Hals gelegt) getragen. Auf diese Häute werden seltsame Flecken- oder Streifenmuster eingebrannt, so daß sie von weitem wie Tiger- oder Leopardenfelle aussehen (Abb. 434). Bei den Wagaia erfordert es der gute Ton, daß ein verheirateter Mann, der bereits Vater ist, vor seiner Schwiegermutter niemals ohne Ziegenfell erscheinen darf, sonst würde sie ernstlich beleidigt sein und auf Zahlung einer Ziege bestehen. Ältere Frauen bekleiden sich mit einer Art Troddel oder Bindfadenschwanz, der von ihrem Taillengürtel herabhängt (Abb. 432). Berührt etwa ein Mann, und wäre es selbst der eigene Gatte, dieses Anhängsel, so muß er eine Ziege opfern, andernfalls würde dem Aberglauben zufolge die betreffende Frau schwer krank werden oder gar sterben. Der Taillengürtel besteht meistens aus Perlen oder Kaurimuscheln; er wird von allen afrikanischen Schönen getragen; selbst wenn noch andere Kleidung darüber gezogen wird, behält man ihn bei. Andere Stämme, besonders die Frauen bei ihnen, kleiden sich in gegerbte Häute, die entweder wie ein Schurz vorn und hinten herunterhängen oder den Unterkörper ganz umhüllen (siehe die Kunstbeilage), oder in selbst durch Klopfen angefertigte Rindenstoffe (Abb. 433). Diese werden togaähnlich um den Körper geschlungen und oft über der einen Schulter zusammengeknotet, so daß entweder beide Arme oder wenigstens einer frei bleibt (Abbild. 436). Eigenartig ist die Kleidung der Waheia, ein Rock aus feinen geschlitzten Fasern der Raphiapalmenblätter oder von Grashalmen, die auf einer Schnur aufgereiht sind. Dieser wird meistens wie ein Rock um die Hüften getragen oder auch nach Art eines Mäntelchens um den Hals gelegt. Die mehr südlich und nach der Küste zu wohnenden Bantustämme haben in manchen Gegenden die Kleidung vom Sansibartypus (Abb. 435) angenommen, die für gewöhnlich in einem Lendentuch aus weißem oder gemustertem Kattun, einer Hose und einer ärmellosen Jacke oder in einem langen Araberhemd, beziehungsweise einer Zusammenstellung beider Trachten (siehe die farbige Kunstbeilage) und einem Fes besteht. An der Küste kennt man auch bereits Anzüge nach europäischem Schnitt. Die Bantufrauen dieser Gegenden tragen vielfach lange baumwollene Gewänder, die den ganzen Körper einhüllen und unter den Armen befestigt werden, oder auch geradezu arabische Frauenkleider. -- Die mohammedanischen Frauen der besseren Kreise gehen nach den Vorschriften des Islams verhüllt über die Straße (Abb. 437).

Der +Pflege der Haare+ wird vielfach besondere Sorgfalt zuteil, auch von seiten der Männer (Abb. 438). Darüber trägt man zuweilen ganz sonderbaren Kopfputz (Abb. 440 und 443). In einzelnen Gegenden wird das Haar allerdings vollständig abrasiert oder nur in kleinen Büschelchen stehen gelassen. Die Masaimänner verlängern durch Einflechten von Rindenfasern ihr Kopfhaar und machen sodann starke Zöpfe daraus, von denen einer hinten weit herabhängt und noch mit Zeugstreifen fest umwickelt wird, der andere oder auch mehrere kürzere, neben- und übereinander angeordnet, nach vorn fallen (Abb. 441). Ihre Frauen rasieren sich häufig den Kopf (Abb. 442 und 446), so daß ihr Haar kaum länger als einen Zentimeter ausfällt. Ganz eigenartig ist die Haartracht der Wahima. Die Männer dieses Volkes lassen sich Streifen in Spiralform auf ihrem Schädel ausrasieren und ziehen die stehengebliebenen Haare nach oben aus. Die jungen Mädchen drehen sich unter Zuhilfenahme von Butter das Haar zu langen dicken Strähnen, die ihnen über Ohr und Augen herabfallen, und flechten als Schmuck noch Kaurimuscheln und Perlen in sie hinein.

Zur +Verschönerung+ des Körpers wird er mit Ziernarben bedeckt oder mit Farbe (Ocker oder weißem Ton) angemalt (Abb. 444), entweder ganz oder nur einzelne Teile, zum Beispiel bei den Waganda die Beine; auch werden die Zähne teilweise ausgeschlagen, sowie allerhand Gegenstände in die durchbohrten und manchmal mächtig erweiterten Ohrläppchen (Abb. 446, 447 und 449), Nasenflügel und Lippen (Abb. 445) eingefügt. Die Wagogo tragen wohl die größten Ohrpflöcke; die Wagaia stecken durch das Bohrloch des Ohres dünne Rindenholzstückchen, die mit eingebrannten Strich- und Kreismustern verziert sind und überdies an ihren Enden häufig noch ein Federbüschelchen aufweisen; die Masai hängen sich mächtige Spiralscheiben (Abb. 448) mittels kleiner Riemchen an die Ohren und so weiter. Das Drolligste an Lippenschmuck bieten jedoch die Sarafrauen, die sich die Lippen durchbohren und diese Öffnung durch stetes Einstecken immer größer werdender Holzscheiben derart erweitern, daß ihre Lippen, mit diesem Zierat ausgestattet, wie ein Schnabel vorstehen (Abb. 451) und sie am Essen, Trinken und Sprechen ziemlich behindern. An sonstigem +Schmuck+ sind sehr beliebt und allenthalben in Ostafrika verbreitet eiserne oder messingene Ringe, die um Arme und Beine und um den Hals getragen werden, manchmal einer über dem anderen (Spiralen) bis zu ganz anständigem Gewicht (Abb. 453). Besonders die Masai sind große Verehrer solchen „gewichtigen“ Schmuckes (Abb. 450); ihre Krieger tragen sogar ganze Kragen aus Eisendraht.

Die Afrikaner sind alle auf ihre Art ziemlich +musikalisch+, doch ist ihre Musik eher als rhythmisch denn als harmonisch zu bezeichnen. Die großen Negerfürsten halten sich meistens eigene Musikbanden (Abb. 452). Das Lieblingsinstrument, das wohl bei keinem Stamme fehlen dürfte, ist die +Trommel+, ein aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestehender Zylinder, der mit Fell, meistens Ziegenfell, oder Eidechsenhaut überzogen ist. Die Masai kennen kein weiteres Instrument. Die Trommel kommt in allen Größen vor und spielt bei jedweder Zeremonie eine große Rolle; sie erschallt im Kriege wie im Frieden, um Regen herbeizuführen, als Ruf zu den Waffen und als Werkzeug zum Signalisieren. Zur Feier fast jedes Ereignisses werden Tänze abgehalten (Abb. 454 und 455), bei denen die Trommel und Biertrinken die Hauptsache ausmachen. Die Suaheli verwenden die Trommel in Verbindung mit Opfern auch dazu, Teufel auszutreiben. Steht von einem Menschen fest, daß er von einem bösen Geiste besessen ist, so ordnet der Medizinmann an, daß ein Trommeln abgehalten und gewisse Tiere geopfert werden. Dieses Trommeln wird oft viele Tage lang ununterbrochen fortgesetzt, bis die bösen Geister gewichen sind.

Mehr den wirklichen +Musikinstrumenten+ nähern sich die +Blashörner+ aus Elefantenzähnen und Antilopenhörnern, ferner kleine +Pfeifen+ aus Elfenbein, Holz oder Knochen, sowie +Flöten+ (Abbild. 458) aus Rohr (auch Panflöten). Die Hörner werden allerdings häufiger zu Signalzwecken benutzt. Ein über ganz Afrika sehr verbreitetes Instrument ist ferner die +Sansa+, in ihrer einfachsten Form ein Brett, auf dem eine Anzahl elastischer Stäbe oder Plättchen aus Holz oder Eisen angebracht sind, die an dem einen Ende fest aufliegen, während sie an dem anderen frei in die Luft ragen. Man spielt die Sansa in der Weise, daß man die Plättchen mit dem Daumen herabdrückt und sie wieder zurückschnellen läßt. Die Banyoro besitzen ein eigenartiges Instrument, das an unsere Xylophone erinnert: an zwei Stangen sind Holzbalken von verschiedener Länge befestigt, die mit einem Stock geschlagen werden. Von den Saiteninstrumenten findet sich in Ostafrika die über ganz Afrika verbreitete +Sese+, die Negergitarre, sowie +Harfe+ und +Lyra+, die aus Nordostafrika stammen.

Für Unterhaltungsspiele hat der Neger großes Interesse (Abb. 456 u. 457). Sehr beliebt, nicht nur unter den Negern Ostafrikas, sondern unter den Schwarzen des ganzen Erdteils überhaupt, ist das Nsolo (Abb. 463). Es wird entweder in achtundvierzig, in vier Parallelreihen angeordneten Löchern, die man auf dem Erdboden aushebt, oder auf einem Brett, das die erforderliche Anzahl Aushöhlungen besitzt, mit Steinchen, Scherben oder Samenkörnern gespielt.

Das Handwerk steht unter den ostafrikanischen Negern in ziemlicher Blüte. In erster Linie ist hier die Eisentechnik zu nennen, sowohl die Gewinnung und Verhüttung des Rohmaterials (Abb. 459) wie auch im besonderen die weitere Verarbeitung, und das Schmiedehandwerk, in dem es einzelne Stämme zu wirklich meisterhafter Fertigkeit gebracht haben. Die Öfen, in denen man das Erz verhüttet, sind über einen Meter hoch und aus Lehm gebaut (Abb. 439); sie werden abwechselnd mit einer Schicht Holzkohle und einer Lage Eisenerze beschickt; um den Ofen herum sind eine größere Anzahl Löcher angebracht, die zur Aufnahme der Düsen des Blasebalges, für gewöhnlich eines Ziegenfelles, dienen (Abb. 466). Auch in der Schnitzkunst (Herstellung von Milchgefäßen, Schnitzen von Löffeln und Köchern), Bearbeitung von Elfenbein (Abb. 460), Anfertigung von Booten und so weiter verraten die Neger ein ziemliches Geschick. In den Bereich der Frauentätigkeit fällt die Herstellung von Tongefäßen (Abb. 461) und Flechtarbeiten.

Abgesehen von denjenigen Stämmen, wo der Islam und das Christentum bereits Eingang gefunden haben, huldigen die Völker Ostafrikas +animistischen Anschauungen+, soweit man dies bei der Unnahbarkeit vieler Stämme in religiösen Dingen hat feststellen können. Verschiedentlich besteht aber auch der Glaube an einen Gott, ein allmächtiges Wesen oder einen ebenso beschaffenen Geist, dem manchmal noch andere Götter untertan sind. So verehren die Masai ein höchstes Wesen unter dem Namen ’Ng ai als den Schöpfer der Welt, der Erde und aller Dinge, die sie beherbergt; daneben kennen sie noch seine erstgeborene Tochter Barsai, die den Menschen Regen bringt, seinen ältesten Sohn Ol gurugur, der den Menschen durch Blitz und Donner den Unwillen des ’Ng ai verkündet, und so weiter. Die Wagaia glauben an zwei Götter; der eine, Awafra, gilt als der oberste der guten Geister, der andere, Ischischemi, als der oberste der Teufel; die Waganda beten eine höchste Macht namens Mukasa an, die der Gott des Nyanzasees ist, daneben Chiwuka und Nanda, die Kriegsgötter, und so weiter. Für gewöhnlich kümmert man sich um diese Gottheiten wenig; nur in Zeiten der Gefahr, sei es, daß es sich um ein Naturereignis, wie Dürre oder Hungersnot, oder um einen Einbruch des Feindes, das Auftreten einer epidemischen Krankheit oder irgendeine andere Heimsuchung handelt, nimmt man durch Bitten und Opfer seine Zuflucht zu ihnen.

Aus solchen Anlässen besteigen bei den Kikuyu die Priester einen heiligen Berg oder betreten einen geweihten Hain und opfern dort ein Schaf, dessen Fleisch gekocht und von ihnen verzehrt wird, während sie in das Fett Zweige eintauchen und damit die umstehenden Bäume bestreichen. Diese heiligen Haine (Kahinga) kommen im Kikuyulande häufig vor; sie heben sich hier von der sonst baumlosen Ebene auf Hügeln ab. Kein Mensch darf einen Baum in ihnen niederhauen; bei Nichtbeachtung dieses Gebotes würden Krankheit und Unglück die Folge sein. Wo sich kein Hain finden sollte, wird ein großer Baum als solcher heiliger Ort bestimmt. Die Masaifrauen beten morgens und abends zu ihrem Gott ’Ng ai; dabei heben sie die Hände, in denen sie Grasbüschel halten, zum Himmel empor. Bei jedem Gebet opfern sie auch ein wenig Milch, entweder drücken sie etwas aus ihrer eigenen Brust heraus oder gießen es aus einer Kalabasse auf die Erde. In schweren Krankheitsfällen wird von den Masai ein schwarzer Schafbock oder auch ein schwarzer Ochse geschlachtet und ein Teil seines Blutes als Opfer auf den Fußboden gegossen.

Die große Mehrzahl der Stämme bringt den Geistern, beziehungsweise den Ahnen Opfer dar, meistens an den Gräbern der letzteren oder den Wohnstätten der ersteren, die man in große oder auffallende Bäume, Steine und so weiter verlegt. Die Waganda glauben, daß die Geister ihrer verstorbenen Könige in die rahmenartigen Gestelle aus Perlenarbeit eingehen, die sie auf den Gräbern derselben aufbewahren (Abb. 464). Die späteren Könige statten den Grabstätten ihrer Vorgänger Besuche ab und bringen ihnen Opfer dar; in früheren Zeiten bestanden diese sogar in Hunderten von Menschen, die bei solchem Besuch zur Versöhnung der Geister ihr Leben lassen mußten. Viele Stämme bauen den Geistern kleine Miniaturhütten und stellen Speise und Opfergaben für sie hinein (Abb. 462). Die Wagaia setzen in der Nähe ihrer Hütten Steine in die Erde, opfern an ihnen den Geistern ihrer Vorfahren Ziegen und schütten deren Blut über sie, während sie das Fleisch verzehren. Die Waganda opferten früher viele Hunderte von Menschen dem Mayanja und Kitinda, den Geistern des Leoparden und Krokodils; den Opfern für die zuletzt genannte Gottheit pflegten sie die Ellenbogen- und Kniegelenke zu zerbrechen und sie dann entweder ins Wasser zu werfen oder am Ufer als Fraß für die Krokodile liegen zu lassen. -- Die Suaheli und Waganda sind die wichtigsten Vertreter des Islams in Ostafrika (Abbild. 465).

Mit der Religion der ostafrikanischen Stämme ist allgemein der +Aberglaube an Zauberei+ (Abbild. 467) so eng verknüpft, daß es vielfach schwer hält, beides voneinander zu trennen. Man glaubt allgemein, daß ein Mensch anderen Menschen durch Zauberei Unglück, Krankheit und selbst den Tod anhexen könne. Daher trägt wohl jeder Ostafrikaner zum mindesten ein Amulett oder einen Talisman bei sich, um entweder damit einen Zauber, der ihm zugefügt werden könnte, zurückzuweisen oder auch einen Vorteil für sich zu erwirken. Gehen zum Beispiel die Masaifrauen in die benachbarten Ortschaften zum Einkauf, so schützen sie sich vor Zauberei durch Bestreichen von Stirn und Backen mit Rindermist oder durch Anlegen einer Schnur um den Hals, auf der kleine gespaltene Stäbchen aufgereiht sind. Die Masaimänner tragen ein bestimmtes Amulett, um sich vor dem Zorn ihrer Ehefrauen zu schützen, wenn sie etwa auf Abwegen gegangen sein sollten. Ihre Weiber tragen ferner ein anderes Amulett um den Hals, um die Empfängnis zu fördern, oder eines um die Knöchel, um einer Erkältung der Beine zu entgehen. Die Lugware binden ein Zaubermittel an ihre Bogen, damit der Pfeil gerade gehe, die Madi legen ein Stückchen Holz um ihren Hals, um Erfolg in der Liebe zu haben, und so weiter. Als Amulette werden alle nur denkbaren Gegenstände verwendet, wie Holzstäbchen, Steine, Maiskolben, Tierzähne und -krallen, Schlangenhautstückchen, Säckchen, in die Pflanzenmehle, Holz, Samen oder -- bei den Anhängern des Islams -- Zettel mit frommen Koransprüchen eingenäht sind, und anderes mehr.