Part 2
Die Japaner genießen einen Ruf als tüchtige +Handwerker+, die eine Reihe von aus China überkommenen Fertigkeiten zu einer wahren Kunst weiterentwickelt haben. Es sei nur an die Seidenindustrie, die Email- und Tauschierarbeiten, den Bronzeguß, das Waffenschmiedehandwerk, die Lackierkunst, die Malerei, die feinere Keramik, die Kleinplastik in Elfenbein, Holz, Horn und so weiter erinnert. Stets erwiesen sich die Japaner weniger als Erfinder eigener Ideen, denn als Verarbeiter der ihnen von außen zugetragenen Gedanken, womit sie im geraden Gegensatz zu den Chinesen stehen, die an ihrer althergebrachten Kultur mit Zähigkeit festhalten. -- Die Japanerinnen bekunden eine besondere Fertigkeit in dem künstlerischen Zusammenstellen von Blumensträußen, worin sie eine sorgfältige Ausbildung erfahren. Das Geheimnis der japanischen Blumenstraußkunst besteht in der Ausarbeitung scharfer Silhouetten, in der sorgfältigen Harmonie zwischen Strauß und Gefäß, die sich auf eine Übereinstimmung in der Linie sowie in der Farbe erstrecken muß, und in der Vermeidung jeder gleichmäßigen oder langweiligen Anordnung der Blumen, die leicht, graziös und originell zusammengestellt sein müssen.
Die Japaner sind stets +heiteren Charakters+, und diese ihre Fröhlichkeit kommt unter anderem auch in ihren zahlreichen Festen und anmutigen +Tänzen+ (siehe die Kunstbeilage) zum Ausdruck. Am bekanntesten sind das Kirschblütenfest und das Chrysanthemumfest; bei beiden herrscht große Lustigkeit. Beim Einsetzen der Kirschblüte strömen Tausende und aber Tausende hinaus, um sich an der Blütenpracht zu erfreuen und sich dem lustigen Spiel des Dichtens hinzugeben; man verfertigt kleine Gedichtchen, schreibt sie auf Zettel und hängt sie an den Zweigen auf. Beim Chrysanthemumfest finden großartige Ausstellungen dieser Pflanze, deren Kultur sich die Japaner besonders angelegen sein lassen, statt, und lebensgroße Figuren werden aus den Topfpflanzen in wirksamer Anordnung zusammengestellt. Im Herbst, wenn die Ernte gelungen ist, feiern die Bauern das Strohpuppenfest gleichsam als Erntedankfest für die Götter. Sie tanzen dabei unter Singen und Begleitung von Trommel und Flöte im Kreise umher. Die Tänzer sind mit einer eigenartigen Kopfmaske bekleidet, die einer Garbe gleicht, wie sie auf dem Felde aus Reishalmen, mit nach unten gerichtetem Fruchtständer, aufgestellt werden (siehe die Kunstbeilage). Sehr beliebt sind auch die Onotänze, eine Art dramatischer Aufführungen aus alter Zeit in jetzt schwer verständlicher, wenn auch schöner Sprache, bei der die Vorführenden besonders prächtig gekleidet sind (Abb. 27 und 28).
Bevor abendländische Ideen in Japan Eingang fanden, herrschte hier ein streng ausgesprochenes +Kastenwesen+. An der Spitze stand der Hochadel, dessen verschiedene Familien sich wieder im Range abstuften und aus deren vornehmsten der Mikado sich seine ebenbürtige Gattin holte. Den zweiten Stand bildeten die Krieger, deren wichtigste Klasse die Samurai (Abb. 29), die Ritterschaft, waren. Sie standen als Vasallen unter den Schogunen und Daimyo und hatten das Recht, das Schwert zu tragen. Traditionell und in hohem Grade entwickelt war bei ihnen der Ehrbegriff, das Bushido, unter dessen Einfluß die Ritter, sofern sie die Reinheit ihrer Ehre für angetastet hielten und keine Vergeltung üben konnten, Harakiri vornahmen, das heißt sich durch Aufschlitzen des Bauches selbst entleibten.
Die +Nationalreligion+ der Japaner ist der +Shintoismus+ (Abb. 21 und 24), „der Pfad der (einheimischen) Götter“, ein Name, der diesen Kultus von dem im sechsten Jahrhundert nach Christus eingeführten Buddhismus (Butsu-do = „Weg des Buddha“) unterscheiden soll. Infolge der anderthalbtausend Jahre, während deren der Buddhismus (Abb. 23) mit dieser primitiven Naturreligion zusammen ausgeübt wird, hat er manches von dieser angenommen. Die Hunderte von Gottheiten umfassende Götterwelt des Shinto kannte nicht nur die Naturgötter der Bäume, Felsen, Berge, des Windes, des Meeres, der Sonne, des Mondes, des Donners und Feuers, sondern auch solche Gottheiten, die um das Wohl des Hausstandes besorgt sind, wie einen Gott des Brunnens, des großen Kessels, der Badestube und sogar der Bratpfanne; auch berühmte Helden und Vorfahren wurden in diese Götterwelt versetzt. Man nimmt an, daß der Shintoismus sich selbständig aus dem japanischen Gedanken entwickelt hat, den die Vorfahren bereits nach dem Insellande mitbrachten, und daß der Ahnenkultus, der jetzt seinen Grundzug vorstellt, aus den alten Begräbnisgebräuchen hervorgegangen ist. Nach der Shintolehre formten zwei hohe Wesen, Izanagi und Izanami, die japanischen Inseln und erzeugten eine Anzahl himmlischer und irdischer Gottheiten, deren bedeutendste die Sonnengöttin Amaterasu war. Einer ihrer Nachkommen wurde der erste Mikado, daher sind alle japanischen Kaiser göttlicher Abstammung und gleichzeitig Hohepriester des Volkes. Der Shintoismus hat niemals ein festes Glaubensbekenntnis formuliert, noch bestimmte Gebote aufgestellt. Er lehrte nur, daß der Mensch mit der Erkenntnis dessen, was gut und böse ist, im Herzen geboren werde und daß er, wenn er der Eingebung dieses seines himmlischen Gewissens folge, von dem „Pfad der Götter“ niemals abweichen könne. Er predigte auch den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, ein Fortleben nach dem Tode in einer unsichtbaren Welt. Er unterscheidet sich ferner von anderen Glaubensbekenntnissen des Ostens durch die hohe Stellung, die er der Frau einräumt. Die in Ise, dem Hauptverehrungsorte, angebeteten Gottheiten sind weiblich, die Göttin der Sonne und die der Nahrung, und ein jeder Ortstempel hält sich jungfräuliche Priesterinnen, die zu Ehren der Gottheit tanzen (Abb. 25). Erst durch die Einführung des Konfuzianismus und Buddhismus ist die Stellung der Frau herabgesetzt
worden.
Der Shintoismus kannte ursprünglich keine Tempel; diese sind erst ungefähr seit Beginn unserer Zeitrechnung aufgekommen und zählen jetzt zu Hunderttausenden. Es sind einfache Gebäude aus glattem weißem Holz, das notdürftig durch Bronze und Eisen zusammengehalten wird, mit einem Strohdach gedeckt. Vor ihnen steht ein Torii, ein Galgentor, das aus zwei Pfosten, die von einem dritten Balken überdeckt werden, besteht.
Der Shintoismus ist voll von +phallischen Vorstellungen+; unter seinem Schutze konnte sich daher die Verehrung des männlichen Zeugungsgliedes ausgedehnter Verbreitung erfreuen. Man stellte Nachbildungen von ihm (Phalli) als Wahrzeichen ursprünglich an Wegen auf, die durch Wildnisse führten, und hoffte dadurch einem Unglück vorzubeugen, besonders gegen die bösen Geister den Wanderer zu schützen. Früher begegnete man in Japan ganz allgemein, jetzt noch vielfach in abgelegenen Gegenden der Nachbildung des männlichen Gliedes in Gestalt von hölzernen oder steinernen Phalli auf Landwegen, besonders an Kreuzungen, vor Brücken und Paßübergängen, an Wohnhäusern als Schutzgott für Reisende und die Bewohner; die Vorübergehenden brachten ihnen Opfer von Papierschnitzeln, Kleiderfetzen, Blumen und so weiter dar. Ja schon einfache Naturgebilde, wie Baumwurzeln, aufrechte Steine, die Ähnlichkeit mit einem männlichen Gliede hatten, genossen die gleiche Anbetung von seiten der Shintoanhänger. Man begnügte sich schon damit, die eigenen Geschlechtsteile zu entblößen oder die phallischen Zeichen an das Haus oder an den zu behütenden Gegenstand zu malen, um das Unheil der bösen Geister abzuwehren. Ursprünglich besaßen die phallischen Gottheiten der Japaner keine Tempel; man verehrte sie im Freien, teils offen dastehend, teils mit einem Schirmdach versehen. Das Volk wallfahrte zu ihnen und verrichtete hier seine Andacht. In neuerer Zeit flüchtete sich der Phalluskultus vor der Öffentlichkeit mehr in geschlossene Heiligtümer. In ihnen finden sich glänzendrot oder goldfarbig angestrichene Nachbildungen des Gliedes auf den Altären aufgestellt. Ihnen werden von den Frauen, die sich einen Gatten oder Kinder wünschen, oder von Personen, die von Geschlechtskrankheiten befreit sein wollen, Votivgaben in Gestalt kleiner hölzerner, bronzener oder steinerner Nachbildungen von Phalli dargebracht. Auch werden von den Altären solche Phalli von Kranken ausgeliehen, um als Amulett getragen zu werden. Nach erlangter Genesung bringen die Betreffenden sie wieder zurück und stiften einen neuen Phallus aus Dankbarkeit. Auch zu Geschenken, besonders zu Liebesamuletten, werden allerlei phallische Schnitzereien benutzt. Früher veranstaltete man auch Prozessionen, bei denen ein mächtiger Phallus umhergetragen oder auf einem Wagen mitgeführt wurde. -- Neben dem männlichen Gliede war in Japan auch die weibliche Scham vielfach Gegenstand göttlicher Verehrung. Häufig waren es auch hier wieder natürliche Steingebilde, die Ähnlichkeit mit einem weiblichen Geschlechtsteil aufweisen und vom Volke angebetet wurden, in der Hoffnung, durch sie dasselbe zu erlangen wie durch Anbetung des Phallusgottes.
Der gebildete Japaner bekennt sich zur +Lehre des Konfuzius+, die ungefähr um dieselbe Zeit wie die Buddhas in Japan Eingang fand. Sie stimmt mit dem Shintoismus insofern überein, als auch sie predigt, daß das Wesen des Menschen ursprünglich ein vollkommenes sei, und die Wichtigkeit kindlicher Pietät und der Unterwerfung unter die Obrigkeit ihren Anhängern einschärft, weswegen sie auch gut zum japanischen Lehnsystem paßt und gerade bei den militärischen Klassen ihre Bekenner gefunden hat. Dagegen sind die religiösen Übungen, die im Kaiserpalast abgehalten werden, reiner Shintoismus; der oberste Leiter des Reiches ist auch sein oberster Priester. Der Neujahrstag ist der Hauptfeiertag; dann betet der Kaiser mit allen Prinzen und Beamten die Sonnengöttin an und bringt den Geistern seiner Vorfahren Opfer dar; er richtet seine Gebete gegen die vier Himmelsrichtungen hin für den Frieden und das Wohl seiner Untertanen. Außer dem Neujahrsfest kennt der Japaner noch eine ganze Reihe festlicher Tage, an denen Umzüge und Volksbelustigungen stattfinden (Abb. 26, 30 bis 33, 37 und die farbige Kunstbeilage). Um eine Gottheit zur Erfüllung eines Wunsches gleichsam zu zwingen, geht er viele Male um ihren Tempel herum (Abb. 38).
Der japanische +Buddhismus+, das Mahayana oder „größere Fahrzeug“, unterscheidet sich von dem indischen Buddhismus, dem Hinayana oder „kleineren Fahrzeug“, ganz bedeutend. Während letzterer, die ältere, einfachere Lehre, sich darauf beschränkt, die Gläubigen durch Entsagen von allem Weltlichen zu der Stufe eines Arhat hinaufzuführen und von zahlreichen Wiedergeburten absieht, legt ersterer gerade auf eine Unendlichkeit von ihnen Gewicht, vermöge deren es einem Menschen möglich gemacht wird, über die Stufe eines Arhat hinaus zum Bodhisatwa hinanzukommen, der in seiner nächsten Wiedergeburt dann Buddha selbst wird. Zahlreiche Tempel und Klöster finden sich in Japan, in denen eine Unmasse Götter von den einfachsten Stufen des Arhat bis zu den Bodhisatwa und zum Buddha selbst dargestellt sind. Zahlreiche Sekten, sowohl des Shintoismus wie des Buddhismus, haben sich im Laufe der Zeiten gebildet und auch ihre Anhänger gefunden. Die japanische Regierung übt nämlich die weitgehendste Toleranz auf dem Gebiete der Religionsübung aus.
Der +Aberglaube+ treibt in Japan so viele Blüten wie wohl bei keinem Volke der Erde. Wollte man die Unmasse von Legenden und Gebräuchen aufzählen, die mit dem Aberglauben des japanischen Volkes zusammenhängen, dann würde dies ganze Bände füllen. Tierkunde und animistische Philosophie spielen eine große Rolle darin. Von gewissen Tieren glaubt man, daß sie die Boten bestimmter Götter seien, weswegen man ihnen kein Leid antut und beim Landvolke direkt mit Achtung begegnet. So zum Beispiel gibt der Schiffer, wenn er eine Schildkröte findet, die dem Gott des Meeres heilig ist, ihr zuvor Sake zu trinken, ehe er sie wieder freiläßt.
Besonders an den +Fuchs+ knüpft sich eine Unmenge von Aberglauben und Sagen. Diese Vorstellungen scheinen von der ursprünglichen Annahme ausgegangen zu sein, daß Füchse, die in den Reisfeldern gesehen werden, den Reisgeist verkörpern. Allmählich verband sich dieser Aberglaube mit der Verehrung der Shintogöttin des Überflusses zu Ise, und so kommt es, daß heutzutage viele Leute aus dem Volke irrtümlicherweise den Fuchs anbeten, dem sie alle möglichen übernatürlichen Fähigkeiten zuschreiben. Im Winter werden ihm besonders Opfergaben gespendet; man bringt ihm außer seinen Lieblingsleckerbissen noch Fettkerzen und Seidenwatte dar, damit er sich erwärme. Ein weitverbreiteter Aberglaube ist, daß er sich in die Gestalt einer schönen Frau verwandeln könne, um junge Männer zu bezaubern und zu verführen; der Tod ist für diese stets der Ausgang des Liebesabenteuers. Daher gilt der Fuchs auch in gewissem Sinne als Schutzpatron der Teehäuser. Man meint auch, daß ein solcher verwandelter Fuchs eine große Freude daran verspüre, verspätete Wanderer auf falsche Wege oder in Gefahr zu bringen, sowie daß er imstande wäre, den Leuten Visionen von Häusern und Dienern vorzuzaubern und Prozessionen in dünne Luft aufgehen zu lassen. Man erzählt sich Geschichten von Männern, die jahrelang mit verwandelten Füchsen verheiratet waren, ohne dies zu wissen, und daß die Fuchsfrau so lange die Rolle einer liebenden und treuen Gattin spielte, bis sie durch die Geisteraustreibung eines Priesters gezwungen wurde, ihre richtige Gestalt wieder anzunehmen, oder durch den Angriff von Hunden entlarvt wurde, die imstande sind, solche verwandelte Füchse zu unterscheiden. -- Der +Dachs+ spielt im japanischen Aberglauben ebenfalls eine wichtige Rolle; er steht hier im Geruche eines listigen Betrügers, der gern auf Kosten des Landvolkes Possen und Schabernack spielt. Den Pferden schneidet er die Schwänze ab, macht, daß man bei der Bezahlung falsches Geld weiter gibt, läßt Fische aus der Bratpfanne verschwinden, Pferde aus verschlossenen Ställen entlaufen und anderes mehr. Der Dachs soll sogar Priester täuschen, indem er vor ihnen die Gestalt Buddhas entstehen läßt und sich in einen Mönch verwandelt, um mit ihnen die heiligen Bücher durchzustudieren. -- Von alters her glauben die Japaner auch an die Macht zum Guten beim +Hunde+. Dieses Tier gilt als besonderer Beschützer der Frauen, kleinen Kinder und Häuser; das Zeichen für Hund wurde den Kindern mit roter Farbe auf die Stirn geschrieben, und heutigentags werden Hundebildnisse dem Kinde, wenn es sich im Tempel vorstellt, mitgegeben. Der Kaiser hielt sich eine besondere Leibwache, deren Pflicht es war, zu bestimmten Zeiten wie Hunde zu bellen, um böse Einflüsse und Teufel zu vertreiben. Schließlich sei noch der +Katze+ gedacht, an die sich ebenfalls allerhand unheimliche Geschichten knüpfen. Von solchen Tieren mit langem Schwanz glaubt man, daß sie im Alter Kobolde werden, weswegen man jungen Kätzchen, die mit einem langen Schwanz zur Welt kommen, diesen kürzt. Der Katzenkobold soll den Menschen stillstehende Spinnräder drehen, ihnen im Schlafe die Decken entfernen, auf dem Fußboden und auf den Dächern nachts unheimliche Lichter tanzen lassen und manchmal sogar zu einem Vampyr werden, in diesem Falle alte Frauen anfallen, sie verschlingen und ihre Gestalt annehmen.
Auch +alte Bäume+ sind vielfach von Aberglauben umgeben. Man umzäumt sie oft mit geweihten Strohseilen oder den weißen Papierstreifen des Shinto und stellt winzige Torii und Stein- oder Holzschreine an ihrer Wurzel auf, beziehungsweise legt solche in die Höhlung ihres Stammes. Solche alte ehrwürdige Bäume denkt man sich von Geistern bewohnt und meint, daß die Geister der Pflaumen-, Kirsch- und Weidenbäume die Gestalt lieblicher junger Frauen annähmen. Es gibt hierüber mancherlei Legenden, daß solche weibliche Wesen sich mit guten und heldenhaften Männern ehelich verbunden hätten, auch daß die Baumgeister, weil man ihnen Generationen hindurch Pflege angedeihen ließe, den Schutz über die Familie übernähmen, ihre Mitglieder vor Unheil warnten und ihnen verborgene Schätze offenbarten. Auch einigen Blumen, wie der Päonie, der Lotusblume und der Chrysantheme, spricht man Geister zu. Werden sie von einer Stelle, die ihnen lieb geworden ist, entfernt, dann welken sie und gehen ein; anderseits erweisen sie sich für liebevolle Pflege auch erkenntlich. So erzählt man sich, daß ein Päoniengeist einem alten Gelehrten, der die Pflanze mit großer Geduld und Sorgfalt gepflegt hatte, in seiner Einsamkeit als blühendes junges Mädchen erschienen sei, um ihn aufzuheitern.
+Gespenster+, die den Gegenstand vieler Erzählungen bilden, werden meistens als Wesen mit wirren und lose über die abgemagerten Gesichter fallenden Haaren, von durchsichtigem Körper, dessen unterer Teil wie ein Dunst ohne Füße entlang ziehe, geschildert. Allgemein glaubt man, daß die Geister der Verstorbenen aus dem Grabe zurückkehren, um die Angehörigen entweder zu trösten und ihnen Gutes zu erweisen, oder auch die, die ihnen bei Lebzeiten Unrecht zugefügt hatten, zu bestrafen. Man meint sogar, daß allzu starke Liebe oder Haß imstande seien, zu bewirken, daß der Geist eines lebenden Menschen sich vom Körper loslöse, um sich dem Gegenstand seiner Liebe oder seines Hasses zu nahen.
Auch das tägliche Leben des Japaners ist von unzähligen +abergläubischen Gebräuchen+ durchsetzt. Ebenso wird den +Vorbedeutungen+ ein großer Wert beigelegt und bestimmte Handlungen, wie Hochzeit, Umzug, Reise nicht unternommen, ohne einen Wahrsager vorher um Rat gefragt zu haben. Ganz besonders aber herrscht der Aberglaube auf dem Gebiete der Heilkunde. Unsere Abbildung 34 zeigt eine alte Japanerin, die sich vom Rheumatismus zu heilen sucht, indem sie den bronzenen Stier an der Stelle streicht, an der in ihrem eigenen Körper das Leiden sitzt. Von Kind auf ist ihr diese Heilmethode vertraut. Das bronzene Standbild ist ganz blank von dem jahrhundertelangen Darüberstreichen der Hände.
Abergläubische Furcht setzt auch bereits bei dem werdenden Menschen im Mutterleibe ein. Eine Frau, die gern Kinder haben möchte, muß an der Stelle niederknien, wo eben vorher ein Kind geboren wurde. Um sich ihre schwere Stunde zu erleichtern, darf sie über keinen Bambusbesen schreiten, ebensowenig auf Eierschalen treten, die Kochpfanne, aus der man ihr zu essen gegeben hat, nicht abwaschen, sondern muß sie halb mit Wasser gefüllt stehen lassen, auch muß sie eine Kormoranfeder in den Händen halten, ein Stückchen Papier mit der Abbildung des Schutzpatrons der Gebärenden verschlucken, einen Absud von ungeborenen Hirschkälbern trinken und anderes mehr. Früher scheinen die Schwangeren allgemein in besonderen Hütten niedergekommen zu sein, was noch heute auf einzelnen kleinen Inseln üblich ist. Die +Geburtshilfe+ lag vordem und jetzt noch auf dem Lande in den Händen weiser Frauen (Samba-san, das heißt verarmtes Frauenzimmer oder Toriage-baba, das heißt aufhebendes Mädchen genannt), die zur Beschleunigung der Geburt den Unterleib zu kneten (ambuk) pflegten. Der +Nabelstrang+, der niemals mit einem eisernen Messer abgeschnitten werden darf, sondern nur mit einem Bambusspan, einem Dornen oder Porzellanscherben, wobei siebenmal auf ihn gehaucht werden muß, wird in mehrere Bogen Papier eingewickelt, mit dem Namen der Eltern versehen und dem Familienarchiv übergeben. Stirbt das Kind, dann wird er mitbegraben, erreicht es das erwachsene Alter, dann bekommt es den Nabelstrang zurück und trägt ihn beständig bei sich. In wohlhabenderen Kreisen schneidet man ihn in zwölf Stücke und legt jedes Stückchen in ein aus Zedernholz angefertigtes, mit Kranichen, Schildkröten, Bambus, das heißt mit lauter glückbringenden Dingen bemaltes Tönnchen und vergräbt dieses zusammen mit Reis, Hanf, Stroh und Geld im Hofe in der Richtung der in zwölf Teile eingeteilten Windrose. Die +Nachgeburt+ wird ebenfalls unter dem Hause an einer vom Priester näher bezeichneten Stelle tief vergraben, und zwar die von Knaben zusammen mit einem Schreibpinsel und einem Stückchen Tusche, von einem Mädchen mit einer Nadel und etwas Garn. Am Nabel des Neugeborenen wird eine sogenannte Moxe (Zunder) abgebrannt, was Bauchweh im späteren Leben verhüten soll.
Bei der großen Liebe, mit der die Japaner an Kindern hängen, wird die +Geburt+ eines neuen Erdenbürgers mit Freuden begrüßt; besonders die eines männlichen Nachkommen, was schon in dem Sprichwort zum Ausdruck kommt: „Der Glanz des Mannes ist siebenfacher Glanz.“ Verwandte und Freunde eilen auf die Nachricht hin mit Gratulationsgaben herbei; sie schenken Eier, Obst, Kuchen und getrockneten Fisch, auch Krepp, Seide oder Kattun für das Kindchen.
Der +wichtigste Tag im Leben des japanischen Kindes+ ist der Muja-Mairi, das ist der „Tag des Tempelbesuches“ (der einunddreißigste für die Knaben und der dreiunddreißigste für die Mädchen), an dem es aufs kostbarste geschmückt feierlich zum Altar des Schutzgottes der Gegend getragen und unter den Schirm desselben gestellt wird (Abb. 35). Innig betet hier die Mutter, daß das kleine Leben vor jeglichem Schaden und Krankheit bewahrt bleiben möge, und der Priester überreicht dem Kinde in liebevoller Weise ein Amulett in Gestalt einer kleinen Holztafel, die es fortan immer in einem gestickten Täschchen oder einem solchen aus Brokat um die Taille mit sich trägt. An diesem glückbringenden Tage werden rote Bohnen mit Reis gekocht und in Lackkästchen mit Deckeln (Jubako), die man hierfür besonders herstellt, getan; man schickt diese, mit besticktem Krepp oder Brokat bedeckt, an alle Verwandten und Freunde, die dem Kinde bei der Geburt Geschenke machten. Außerdem wird dieses ihnen zum erstenmal zu Besuch gebracht und erhält hier allerlei Spielzeug, von dem am beliebtesten ein Hund aus Papiermaché ist; dieser soll, am Kopfende des Bettes aufgestellt, die Teufel vertreiben. Ein zweites Fest, das ungefähr am hundertundneunten Tage nach der Geburt stattfindet, ist die +Zeremonie des „ersten Essens“+ des Kindes. In Anwesenheit der Freunde der Familie wird vor ihm ein Tablettchen mit Reis, Suppe und Fisch (der aber ganz sein und noch den Kopf haben muß) hingesetzt und seine Lippen mit dieser Speise befeuchtet. Auch hieran schließt sich ein fröhliches Zusammensein. Überhaupt hat das Leben des japanischen Kindes recht viele Festtage zu verzeichnen.