Part 11
Vielseitig und manchmal auch sehr sinnig sind die Gebräuche, die man mit der +Asche des Toten+ vornimmt. Die Bergkoyi vermischen sie mit Wasser und formen Kugeln, vergraben diese in einem Loch und decken eine Steintafel darüber. Wenn Freunde des Mannes an der Stelle vorübergehen, legen sie ein paar Tabakblätter für ihn auf diese Tafel. Die Bergsavara begraben Reste der verbrannten Gebeine mit einem zerschlagenen Hühnerei in einer Miniaturhütte; auch schicken sie Stücke verkohlter Knochen an Verwandte, die entfernt wohnen, damit diese an ihnen bestimmte Begräbniszeremonien vornehmen. Manche Kasten legen ein Stück Knochen in einen Topf unter einen heiligen Feigenbaum; der Sohn des Verstorbenen nimmt diesen schließlich fort und vergräbt ihn in der Nähe seines Hauses. Andere wieder pflanzen eine Tulsipflanze an der Stelle, wo die Asche begraben liegt; manchmal werden die Aschenreste auf einen Baum, einen Ameisenhaufen, in fließendes Wasser oder auch in die See geschüttet. Vielfach besteht auch die Sitte, die Asche als Postpaket an einen bestimmten Agenten in Benares zu senden, auf daß er sie in den heiligen Ganges schütten läßt. -- Bildnisse des Verstorbenen werden oft aus seiner Asche, Reismehl, Stroh und Schlamm hergestellt oder auf ein neues Tuch aufgezeichnet und dann durch Opfergaben geehrt. Die Strohfiguren verbrennt man dann oft, die Bergkondh aber stellen sie vor oder auf dem Dache ihrer Häuser auf. Die Oriya Gaudo stecken sieben kleine Fahnen aus gelbgefärbtem Stoff in die Schultern, den Unterleib, die Beine und den Kopf einer Figur aus Asche und bringen ihr Speise dar. Von vielen Kasten wird ein Topf mit Wasser oder Reis von dem Hauptleidtragenden, in der Regel der Witwe des Verstorbenen oder seinem Onkel mütterlicherseits, auf dem Hinwege zum Verbrennungsplatz oder auch auf diesem selbst zertrümmert.
Zahlreich sind die Methoden, zu denen man seine Zuflucht nimmt, um die +ruhelosen Geister der Verstorbenen zu versöhnen+ und zu beruhigen. Manche Bergstämme schießen zu diesem Zweck ein Gewehr ab, während das Begräbnis stattfindet. Im Tamilgebiet wird manchmal gerösteter Reis auf dem Wege zum Verbrennungsplatze ausgestreut, um dadurch den Geist, der am Abend versuchen wird, nach Hause zurückzukehren, zu veranlassen, daß er sich mit dem Auflesen der Speise aufhalte und sich dann zurückziehe. Um den boshaften Geist eines Menschen, der an einer ansteckenden Krankheit starb, an seiner Rückkehr zum Dorf zu verhindern, legen die Bergkoyi eine Fischfalle und dornige Zweige über den Weg, der zu ihm hinführt. Am dritten Tage nach dem Tode sollen die Khond eine Spinne vom Begräbnisplatze holen, sie einen Tag lang zu Hause behalten und mit Reis, Fleisch und einem neuen Tuch zu versöhnen suchen, weil sie annehmen, daß dieses Tier eine feindlich gesonnene Wiedergeburt des Verstorbenen vorstelle. Von den Bergkoyi wird bei Eintritt eines Todesfalles eine Kuh oder ein Bulle erschlagen, der Schwanz abgeschnitten und der Leiche in den Mund gesteckt. Auch pflegen sie einen solchen Schweif auf dem Begräbnisplatze an jeden der einzelnen Steine, die hier errichtet sind, zu binden; er bleibt hier, um den Geist des Verstorbenen zu besänftigen, dem man dadurch einreden will, daß er das ganze Tier erhalten habe. Manchmal werden dem Verstorbenen auch ein paar Rupien, die den Wert eines Ochsen darstellen, anstatt des Schweifes in den Mund gesteckt.
Eine ganz besondere Form erhält das Totenzeremoniell bei den +Hirtentoda+ und den ackerbautreibenden Badaga der Nilghiriberge. Bei ersteren weichen die Bräuche zwar sehr voneinander ab, je nach dem Geschlechte des Verstorbenen und den sonstigen Verhältnissen, aber im allgemeinen verfährt man mit der Leiche folgendermaßen. Der Tote wird in eine zu diesem Zwecke gebaute einfache Hütte gelegt, meistens innerhalb eines Steinkreises in der Nähe des Haines, in dem der Scheiterhaufen hergerichtet worden ist. Vor ihr gruppieren sich die Frauen, zu zweien zum Zeichen der Trauer die Stirnen aneinander gelegt (Abb. 160), wobei ihnen die Tränen über die Wangen rollen. Männer und Knaben gehen nun auf die Suche nach einem oder mehreren Ochsen, die sie nach der Stelle, wo der Tote liegt, hintreiben (Abb. 161 und 164). Hier packen die ersteren die Tiere mit aller Kraft bei den Hörnern, ducken sie nieder und versetzen ihnen auf die Stirn einen Axthieb. Der Tote wird sodann herbeigebracht und am Kopfe des seine Seele aushauchenden Tieres, das mit Butter beschmiert worden ist, niedergelegt (Abb. 162 und 163). Männer, Frauen und Kinder drängen sich dann heran, um das tote Tier zu begrüßen und die Hände auf seinen Kopf und seine Hörner zu legen. Bei dem Leichenbegängnis eines Mannes pflegt man dreimal Erde auf den Leichnam und in eine Viehhürde oder einen Steinkreis zu werfen. Nach Ablauf einer gewissen Zeit wird eine zweite Totenfeier veranstaltet, bei der die Hinterlassenschaft des Verstorbenen samt einem Stück seines Schädels und einer Haarlocke in einem Steinkreis verbrannt werden.
Bei einem +Leichenbegängnis der Badaga+ wird der Tote auf einen aus mehreren Stockwerken aufgebauten, mit Tüchern und Wimpeln festlich geschmückten Wagen (Abb. 165) gelegt. Eine Anzahl Frauen, Verwandte und Befreundete des Toten, stürzen sich auf seine Lagerstätte (Abb. 166) und erheben abteilungsweise großes Wehklagen; eine Frau läutet dabei eine Glocke. Die Männer aber tanzen, mit bunten Röcken und schmucken Turbanen herausgeputzt, um den Leichenwagen herum. Nachdem der Tote zum Einäscherungsplatz gebracht worden ist, wird der Wagen seines Schmuckes beraubt und in Stücke zerschlagen. Großen Eindruck macht es, wenn der Stammesälteste dann noch die herkömmlichen Sünden des Toten absingt; er erwähnt dabei unter anderem auch, daß er junge Vögel den Katzen zum Fressen reichte, Schlangen und Kühe tötete und die Schwiegertochter quälte.
Bei den Billawa in Südkanara begegnen wir dem interessanten Beispiel einer +Totenhochzeit+. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, daß ein Mädchen, das unverheiratet starb, das Haus heimsucht und daher durch einen nachträglichen Ehebund versöhnt werden muß. Seine Verwandten nehmen aus einem Hause, in dem sich eine Knabenleiche befindet, eine kleine Münze (Viertelannastück), binden sie zwischen zwei Löffel fest und hängen diese an dem Dache des Hauses auf, das der Familie des verstorbenen Mädchens gehört. Damit soll die Verlobungsfeier angedeutet werden. An einem bestimmten Tage, der nun für die Hochzeit festgesetzt worden ist, werden zwei Figuren, Braut und Bräutigam darstellend, mit ineinander gelegten Händen auf den Fußboden gezeichnet, Viertelannastücke, schwarze Perlen, Spangen und ein Nasenschmuck auf die Hände des Paares gelegt und darüber Wasser gegossen, wie bei einer Hochzeit im wirklichen Leben. Die Kaste der Idayan verheiratet eine menschenähnliche Figur aus Stroh mit der Leiche und vollzieht an diesem Paar einige Hochzeitsriten.
Die Sitte des Sati, das ist die +Selbstopferung der Witwe+ beim Leichenbegängnis des Mannes, hat längst aufgehört. Eine Erinnerung daran lebt noch bei den Tottiyan fort, deren Kastengöttinnen zu Gottheiten gewordene Frauen sind, die sich auf solche Weise opferten. Ihnen zu Ehren wird noch alle vier Jahre ein Fest veranstaltet; das Hauptereignis dabei ist ein Ochsenkampf, bei dem ein Preis für den Gewinner ausgesetzt wird.
Viele Hindustämme sind mit der Zeit von den Zeremonien für ihre Ahnen mehr und mehr abgekommen, die ihre Vorväter aufs peinlichste auszuführen sich angelegen sein ließen. Nur die Brahmanen und gewisse andere Hindukasten feiern noch ein Jahresfest als Erinnerung an die Toten, das Srādh. Hierbei wird den Vorfahren dreier Generationen ein Reisball dargebracht und sodann den Krähen vorgeworfen. Fressen diese davon, dann wird dies als ein günstiges Vorzeichen aufgefaßt. -- Die Dschungelnayadi Malabars stellen um einen Mangobaum Steine herum, die ihre verstorbenen Stammesmitglieder darstellen sollen; an sie richten sie in regelmäßigen Zeitabschnitten Gebete, auf daß ihre Geister sie vor den Verheerungen der wilden Tiere und besonders der Schlangen beschützen möchten. In ähnlicher Weise verehren die Yerrakolla Tottiyan des Tamilgebietes Steine als Vorfahren, die sich innerhalb ihrer Dorfgrenze in Kreisen aufgestellt finden; sobald jemand stirbt, wird ein Stein in die Asche des Toten gelegt und dann dem Ahnenkreise eingereiht. Die Vekkiliyan Tottiyan, bei denen die kürzlich Verstorbenen unter einem kuppelartigen Strohdach um eine geschnitzte Säule herum in Gestalt von Steinen verschiedener Größe verehrt werden, Māle genannt (Abb. 167), lassen bei ihren Festen eine Anzahl Stiere darauf los; das Tier, welches das Māle zuerst erreicht, wird geschmückt und in Ehren gehalten. -- Die Coorg verehren ihre Vorfahren entweder ebenfalls in Gestalt von Steinen, die sie auf einem aufgeschütteten Hügel unter einem Baum aufstellen, oder auch von Figuren, die sie in Silberplatten einschlagen oder in Topfsteinscheiben einritzen, oder von Bronzebildnissen. Sie werden in einem kleinen Hause oder in einer Nische des Wohnhauses untergebracht. -- Viele Kasten verbinden mit der Hochzeits- oder einer anderen Feier eine Versöhnung der Vorfahren. So bitten die Mādhvabrahmanen gelegentlich einer Hochzeit die Ahnen, die durch ein Männertuch und ein Mieder dargestellt werden, um ihren Segen für das Brautpaar. Um die Ahnen bei der gleichen Gelegenheit gutzustimmen, zeichnen die Telugu Puni Golla auf den Fußboden mit farbigen Pulvern ein Bild auf, das die Göttin Ganga, eine Lotusblume, eine Schlange und anderes mehr vorstellt (Abb. 168), und beten dieses in einer sehr sorgfältig durchgearbeiteten Zeremonie an. Im Laufe der Andacht wird ein Mann, der sich Glocken um die Beine gebunden hat, von dem Geiste eines Vorfahren besessen und verletzt sich mit einem Schwert. Dieses wird ihm entwunden und auf die Gestalt der Ganga gelegt. Zu guter Letzt wird auch noch der Bräutigam besessen; er wirft seinen Turban und sein Leibtuch fort und ergeht sich in wilden Bewegungen.
Nordindien.
Hindu und Mohammedaner.
Je weiter wir in Indien nach Norden vordringen, um so reiner treten uns die Hindu entgegen, reiner insofern, als sie in höherem Grade die charakteristischen Züge ihrer Vorfahren bewahrt haben, die im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aus Europa über Iran in das Fünfströmeland einwanderten und sich von da aus über ganz Indien ausbreiteten. Je weiter nach Süden, um so stärker wurde ihre Mischung mit den bereits vor ihnen hier ansässigen Drawida und Ureinwohnern. Die +äußere Erscheinung+ der Hindu ist eine ansprechende; besonders sind beim weiblichen Geschlecht wirkliche Schönheiten keine Seltenheit. Die Hindu sind im allgemeinen ein mittelgroßer, schlank gewachsener Menschenschlag von geschmeidigen, aber verhältnismäßig langen Gliedmaßen, samtweicher, glänzender, ziemlich lichter Hautfarbe, die vielleicht der des Südeuropäers entspricht, üppigem, glänzendschwarzem, welligem oder lockigem Haupthaar und verhältnismäßig reichlichem Bartwuchs. Ihr Kopf ist klein, lang und schmal; das schmale, hohe (ovale) Gesicht mit wohlentwickelter Stirn und anliegenden Jochbogen zeigt regelmäßige, feine Züge, eine ebenfalls schmale, fein geschnittene Nase mit hohem, häufig konvexem Rücken, horizontal stehende, große Augen ohne Mongolenfalte, einen mittelgroßen Mund und ein kleines, rundes Kinn. Die reinsten Vertreter dieses dem europäischen nahekommenden Typus finden sich in den oberen Kasten des Fünfströmelandes, von Kaschmir und Radschputan, im besonderen unter den Brahmanen. Je niedriger eine Kaste in der sozialen Stufenordnung der Hindu steht, um so dunkler ist ihre Hautfarbe. Das Bestreben der arischen Einwanderer, die Rasse rein zu erhalten, hat im Laufe der Zeiten dazu geführt, daß sie sich in kleine Gemeinschaften absonderten, die unter gleichen Lebensbedingungen miteinander lebten und nur untereinander heirateten. Ein jeder, der außerhalb des so geschaffenen Ringes stand, galt als ein Fremder; mit ihm hörte eine soziale Gemeinschaft, im besonderen eine Heirat, auf. Auf diese Weise entstanden besondere Gesellschaftsklassen, die sogenannten +Kasten+ -- das Sanskritwort für Kaste, „Warna“, bedeutet direkt Farbe -- deren es heutzutage eine ungeheure Menge gibt (im Jahre 1901 sollen deren nicht weniger als zweitausenddreihundertachtundsiebzig gezählt worden sein), zumal sie sich wieder in kleinere Unterkasten gliedern, die aber wieder häufig genug soziale Unterschiede, wenn auch nur geringfügige, unter sich machen. So ist zum Beispiel die Kaste der Brahmanen unter diesem Namen über ganz Indien verbreitet, aber in Wirklichkeit zerfällt sie wieder in eine Menge differenzierter Abstufungen -- die nördlichen sollen ihrer allein vierhundertneunundsechzig zählen -- die hinsichtlich des geselligen Verkehrs vollständig voneinander getrennt leben. Für einen Brahmanen aus Kaschmir, der wohl den ursprünglichen arischen Typus noch am reinsten vertritt, würde ein solcher aus Madras, wenngleich er nominell derselben Kaste angehört, nicht als gleichgestellt gelten, ebensowenig ein Brahmane aus Bombay einen aus Bengalen als einen solchen anerkennen. Über den Verkehr der indischen Kasten herrschen strenge Gesetze. Wer sich dagegen vergeht, ja etwas von einem Angehörigen einer niederen Kaste auch nur berührt, gilt als unrein. Daß ein Mensch aus einer niederen Kaste in eine höhere übergeht, tritt wohl sehr selten ein, dagegen aber häufig der umgekehrte Fall, daß er in eine niedere verstoßen wird. Ein solches soziales System hat notgedrungen dazu geführt, daß bestimmte Kasten sich einem besonderen Handwerk zugewandt haben; daher decken sich vielfach Kaste und bestimmte Handwerke. Ursprünglich gab es in Indien nur vier große Kasten: die Brahmanen oder Priester, die Kshatriya oder Krieger, aus der die regierenden Fürsten hervorgingen, die Vaishya oder Ackerbauer und Kaufleute, und die Sudra oder Handwerker. Die letzteren wurden von den unterworfenen Eingeborenen gestellt. Diese Kasten unterschieden sich auch äußerlich in ihrer Tracht, die sich bis auf unsere Tage erhalten hat. Die Angehörigen der Brahmanenkaste tragen um den Hals ein Band aus locker mit der Hand gedrehten Baumwollfäden, die der Kshatriya ein solches aus Hanf, die Vaishya aus Schafwolle. Paria heißen die keiner Kaste Angehörigen, sowie die Ausgestoßenen.
Die +Kleidung+ der Hindu besteht bei den niederen Klassen meistens nur in einem Hüfttuch, bei den höheren in weiten kurzen Beinkleidern und einem Obergewand, manchmal auch in einem mantelartig umgeschlungenen Tuch; um den Kopf wird ein Tuch nach Art eines Turbans, unter die Füße Sandalen gebunden. Für die Brahmanen ist vollständig weiße Kleidung vorgeschrieben. Die Frauen bekleiden sich mit einem mehrere Meter langen Schal aus Musselin oder bunter Seide, mit dem sie Kopf und Oberkörper leicht umhüllen und auch einen Teil des Unterkörpers umschlingen, einen trikotartigen, fest anliegenden Jäckchen, das eigentlich nur für die Einhüllung der Brüste bestimmt ist, denn von da an bis zum Nabel bleibt der Körper für gewöhnlich entblößt, und einem weiten, von den Hüften herabhängenden Rock aus Baumwolle oder Seide (Abb. 172). Die Mohammedanerinnen gehen vollkommen bekleidet und tragen noch eng anliegende Beinkleider. Besondere Vorliebe bekunden die Hindufrauen für +Schmuck+, der bei den wohlhabenderen auch sehr reichlich ausfällt: die entblößten Arme, die Handgelenke, der Hals, die Knöchel und selbst die Zehen (Abb. 171), ferner die Ohren und die Nase werden mit Ringen und Spangen, beziehungsweise Ketten, meistens aus Edelmetall mit wertvollen Steinen hergestellt, förmlich überladen. Ein Ring im linken Nasenflügel (Abb. 170) zeigt an, daß seine Trägerin verheiratet ist. Die Vornehmen beider Geschlechter salben sich mit wohlriechenden Ölen; die Frauen färben sich die Fußsohlen und Hände rosa, andere den ganzen Körper gelb, bemalen sich auch das Gesicht, schwärzen sich die Augenbrauen und tatauieren sich. Junge Mädchen tragen öfters ein kleines rundes Goldplättchen, Tica genannt, oberhalb der Nasenwurzel.
Die Beschaffenheit der +Wohnungen+ hängt von dem Rohmaterial ab, das die Gegend liefert. Im allgemeinen wohnen die Vornehmen in Häusern aus Backsteinen oder aus Holz, die einfacheren Leute hausen in Hütten, die aus Bambus oder Lehm aufgebaut und mit Matten oder Palmblättern bedeckt sind. -- Die +Nahrungsweise+ der Hindu ist seit Zeiten ziemlich dieselbe geblieben; Pflanzenkost ist bevorzugt, für manche Kasten direkt vorgeschrieben. Daher machen Reis und Milch, in anderen Gegenden mehr Hirse und Weizen die Hauptnahrung aus.
Die ursprüngliche +Religion+ der arischen Einwanderer in Nordindien war der Animismus oder die Seelenanbetung, die in allem in der Natur eine Seele erblickte und im Dämonen- und Zauberglauben ihren Ausdruck fand. Erst später trat die Vorstellung an bestimmte höhere Wesen hinzu, an Naturgötter, wie Agni, Indra, Surya, Waruna und andere mehr, die uns in der ältesten indischen Religionsliteratur, den Veden, begegnen. Aus dieser Lehre entwickelte sich allmählich eine hochphilosophische Lebensauffassung, die mit der Ausbildung des Brahmanentums (Abb. 174), der alles beherrschenden Priesterkaste, Hand in Hand ging. Durch Spekulation entstand aus der Naturreligion die Idee des Brahma, des All-Einen, der Weltseele, und schließlich die konkrete Gestalt des höchsten Gottes Brahma selbst. Diese Lehre führte weiter zur Annahme des Dogmas vom Weltübel und von der Seelenwanderung. Daher müssen alle von der Weltseele ausgestrahlten Wesen in sie auch wieder zurückkehren, zuvor aber sich einem Reinigungsprozeß unterwerfen, der sie von der Materie schließlich gänzlich frei macht. Die Bestrebungen des Gläubigen gehen dementsprechend darauf hinaus, schon bei Lebzeiten die Seele vom Körper unabhängig zu machen, was nur durch selbstlosen Lebenswandel, Sichlossagen von allen Begierden und Vergnügungen, intensives Versenken in sein Inneres erreicht werden kann. Je mehr man alle Lebensäußerungen einschränkt, um so eher gelangt man zu seinem Ziele. Diese merkwürdige Lehre hat in ihrer extremen Auffassung ganz merkwürdige Heilige großgezogen, denen man gerade in Indien auf Schritt und Tritt begegnet; es sind dies die sogenannten +Fakire+, deren es wiederum verschiedene Klassen gibt, vom Yogi, der niedrigsten Stufe, an bis zum Mahatma, der höchsten, hinauf. Diese Fakire, die sich aus allen Lebensaltern zusammensetzen und durch Leute aller möglichen geistlichen Fähigkeiten vertreten werden, sind zumeist echte Fanatiker und Asketen, oft genug aber wohl auch schlaue, geriebene Schwindler, Taugenichtse und selbst Geisteskranke. Ein außergewöhnliches Äußere und absonderliche Gewohnheiten gehören zum Teil zu ihrem Handwerk; sie gehen nämlich fast unbekleidet einher, reiben sich den Körper ganz mit Asche ein, verstümmeln ihn, liegen beständig auf einer nagelgespickten Unterlage (Abb. 175) oder gehen barfuß darüber (siehe die Kunstbeilage), stehen jahrelang an einer und derselben Stelle, setzen sich dem Feuer aus (Abb. 178), leben ohne ein Wort zu sprechen und nehmen noch andere Selbstpeinigungen vor (Abb. 176 u. 177). Nebenbei betreiben sie noch allerlei übernatürliche Künste, hypnotisieren sich selbst, lassen sich, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, monatelang begraben und anderes mehr.
Wenn wir auch von solchen Extravaganzen absehen, die der Brahmanismus gezeitigt hat, so leuchtet doch ein, daß ein auf so tief-philosophischer Spekulation aufgebautes Religionssystem, wie er es ursprünglich war, unmöglich eine volkstümliche Lehre abgeben konnte. Eine dem Geschmack des Volkes wirklich entsprechende Religion entstand erst, als diese Lehre sich mit dem Kult der von den Eingeborenen übernommenen volkstümlichen Götter zum Hinduismus vereinigte, der eine Dreieinigkeit von Göttern aufstellte: Brahma als den Schöpfer, Wischnu als den Erhalter und Schiwa als den Zerstörer des Weltalls. Dieser +Hinduismus+ (Abb. 180) der Gegenwart kann als ein systematisierter Animismus im weitesten Sinne des Wortes angesehen werden; feste Dogmen kennt er nicht, wenngleich er doch wieder im allgemeinen sich gleichbleibende Grundsätze besitzt.