Part 10
Die +religiösen Ansichten+ der Melanesier sind ziemlich unklare, wenigstens für uns, zumal sich die bisherigen Forschungen nur auf wenige Stämme erstrecken. So viel scheint aber festzustehen, daß ein Glaube an ein einzelnes höheres Wesen bei ihnen nicht besteht. Hauptsächlich beruht ihre religiöse Anschauung auf der Macht der Seelen Verstorbener sowie der Geister, das heißt solcher überirdischer Kräfte, die keine bestimmte Form angenommen haben. Der Untergedanke, der dieser Auffassung zugrunde liegt, ist der an eine +übernatürliche Macht+, an das +Mana+, die zunächst den Geistern und Seelen der Abgeschiedenen innewohnt, aber auch auf gewisse Menschen und andere lebende Wesen, ja selbst leblose Gegenstände übergehen kann. Beim Menschen äußert sich das Mana in besonderer physischer Kraft oder in sonstiger Überlegenheit und Vortrefflichkeit, überhaupt in solchen Eigenschaften, die die Macht des gewöhnlichen Sterblichen übersteigen, die außerhalb des natürlichen Verlaufs der Dinge liegen. Hat ein Mann zum Beispiel im Kampfe ein besonderes Glück, so ist dies nicht etwa seinen persönlichen Fähigkeiten zuzuschreiben, sondern das Mana eines Geistes oder verstorbenen Kriegers hat ihm die Macht dazu verliehen, vielleicht durch irgend ein Amulett (Stein), das er am Halse trug, oder ein Blätterbüschel, das er im Gürtel stecken hatte, oder einen Zahn am Finger der Hand, die den Bogen führte, oder auch nur durch eine Formel, kraft deren er sich übernatürliche Kräfte zu verschaffen wußte. Stirbt ein solcher mit Mana ausgerüsteter Mann, so lebt seine übernatürliche Kraft nach seinem Tode in seiner Seele in verstärktem Maße und mit größerer Bewegungsfreiheit weiter fort. Aber, wie schon gesagt, kann Mana auch auf Tiere, Pflanzen und sogar leblose Dinge übergehen. Findet ein Mann einen seltsam geformten Stein, der ganz anders aussieht als die, die er bisher kannte, der vielleicht einer Yamsknolle oder einer Kokosnuß gleicht, so ist er überzeugt, daß diesem Gebilde Mana innewohnen muß; er nimmt daher den Stein mit sich und vergräbt ihn in seinem Garten oder auf seinem Acker, damit er hier Wirksamkeit entfalte. Stellt sich daraufhin wirklich eine reichliche Ernte ein, dann erblickt er hierin eine Bestätigung seiner Annahme. In letzter Linie scheint das Mana von den Geistern herzurühren, die seine Quelle vorstellen und es durch Übertragung in andere lebende und leblose Wesen ausstrahlen lassen. Jede Person oder jedes Ding, das Mana aufzuweisen hat, kann es dann wieder weiter übertragen, also auch auf Steine und andere Dinge. Mana selbst ist etwas Unpersönliches, doch ist es in seiner Wirkung stets mit einem persönlichen Wesen verknüpft. Ein Stein zum Beispiel besitzt Mana, weil ein Geist sich mit ihm verbunden hat, oder ein Knochen eines Toten ist damit ausgestattet, weil des Betreffenden Seele bei ihm weilt, oder ein ausgesprochener Zauber hat Kraft, weil der Name einer Seele oder eines Geistes, der in der Formel ausgedrückt wird, ihm diese Macht überträgt. Jeder sichtbare Erfolg eines Menschen beweist, daß er Mana besitzen muß, und je größer dieser Erfolg ausfällt, um so größer muß auch sein Gehalt an Mana sein.
Die +religiösen Übungen+ der Melanesier, zu denen die absonderlichsten Götzenbilder dienen (Abb. 141 u. 144), gipfeln vor allem auf Neuguinea -- denn hierüber sind wir am besten unterrichtet -- in dem Bestreben, durch Gebete und Opfer die Macht des Mana sich anzueignen oder zum eigenen Wohle nutzbar zu machen. In einigen Teilen Melanesiens bezieht sich diese Verehrung hauptsächlich auf die Seelen Verstorbener, zum Beispiel auf den Salomonen und den mehr westlich gelegenen Inseln, auf anderen wieder sowohl auf diese wie auch auf Geister, zum Beispiel auf den Neuhebriden und östlicheren Inseln. Gebete, die an diese Mächte gerichtet werden, sind meistens Formeln, von denen man glaubt, daß sie dem angerufenen Wesen angenehm und nur solchen bekannt sind, die zu ihm Zutritt haben. Die +Opfer+ entspringen verschiedenen Motiven; sie werden entweder dargebracht, um an Stelle des Menschen, der gefehlt hat, die betreffende Macht durch ein Tier zu versöhnen, oder um etwas von ihr zu erbitten, oder um sie zu erfreuen, mit dem stillen Wunsche, dabei etwas zu erreichen, oder zum Ausdruck gebührender Aufmerksamkeit oder Achtung. -- Auf den Neuhebriden und benachbarten Inseln werden zur Erinnerung an Verstorbene von Rang große, aufrechtstehende Trommeln errichtet, die nur bei Bestattungsfeierlichkeiten geschlagen werden (Abb. 146).
Der einfachste und verbreitetste Opferakt ist der, daß den Seelen der Toten ein kleiner Teil einer Yamswurzel oder einer anderen Speise, die zum Essen zubereitet wurden, zugeworfen wird als Zeichen des Gedenkens oder des Anteils für den Geschiedenen. Dieser Brauch herrscht über ganz Melanesien. Er erfährt eine weitere Entwicklung dadurch, daß man Speisen auf die Begräbnisstelle oder vor ein Gedenkbild des Toten legt (Abb. 145), sie aber nicht verbrennt, sondern später wieder fortnimmt und verzehrt. Eine noch höhere Stufe des Totenkultus stellt die Sitte dar, die Speisen ebenfalls auf das Grab, vor das Gedenkbild oder auf einen Altar zu legen, aber anzubrennen und später auch wieder zu essen. Als Beispiel für ein solches Opfer führe ich die Schilderung einer Zeremonie an, die auf der Insel San Cristobal (Salomonengruppe) vorgenommen wurde, bevor man einen Kriegszug unternahm.
Die Macht, der ein solches Opfer dargebracht wurde, war der Seelengeist eines Mannes genannt Harumä, der vor noch nicht zu langer Zeit gestorben war, denn einige ältere Männer erinnerten sich noch seiner. Dieser Geist stand in dem Glauben, stark und mächtig im Kriege zu sein, etwas zwar Seltsames, wenn man bedenkt, daß Harumä, als er lebte, ein freundlicher und wohlwollender Mann gewesen ist, der wohl gut mit Mana ausgestattet, aber durchaus kein großer Krieger war. Harumäs Totenschrein war ein kleines Haus im Dorfe, in dem seine Überreste aufbewahrt wurden. Alte Männer des Dorfes versammelten sich hier, der Hauptopferbringer wählte einen Mann aus, der an dieser Stätte ein Schwein erdrosselte. Das tote Tier legte man nun in eine Schüssel und zerschnitt es darin, damit sich das Blut in ihr ansammle und nicht auf die Erde fließe. Nachdem dies geschehen war, nahm der Auserwählte ein Stück Fleisch, schöpfte mit einer Kokosnußschippe etwas Blut aus der Schüssel, betrat dann den Schrein und nahm das Stück Fleisch, sowie die mit Blut gefüllte Schale mit hinein. Nun legte er erst seine Tasche weg, wusch sich die Hände, damit der Ahne ihn nicht mit Widerwillen abweise, und rief laut aus: „Harumä, Häuptling im Kriege! wir bringen dir dieses Schwein zum Opfer, damit du uns beistehen mögest, jenen Ort zu bestrafen; alles, was wir von dort forttragen werden, soll dein Eigentum sein, und wir werden dir angehören.“ Hierauf brannte er das Fleisch am Feuer auf einem Steine des Altares an und goß Blut in die Glut. Diese flammte hoch auf und der Schrein füllte sich mit dem Geruch des angebrannten Schweinefleisches, ein Zeichen, daß der Geist des Harumä die Bitte erhört hatte. Das Fleisch wurde darauf verzehrt. Die geschilderte Zeremonie wurde von einem einzelnen zum Wohle der Gesamtheit vorgenommen, um einen Erfolg in dem bevorstehenden Kriege zu erzielen.
Es kommt aber auch vor, daß ein Eingeborener durch Mitteilung anderer von gewissen Dingen Kenntnis erhalten hat, die ein besonderer Vorfahrengeist sehr liebt, und diese zu seinem eigenen Vorteil verwertet. Dies ist gewöhnlich im Kampf oder im Streit gegen einen persönlichen Feind der Fall. Denn ohne diese Geisterhilfe würde sich der hoffnungsvolle Sieger nicht nur der Gefahr des Mißerfolges aussetzen, sondern auch der Wahrscheinlichkeit, daß, selbst wenn er sein Opfer töten sollte, er dem Geiste dieses Gefallenen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert würde. Daher nimmt er nur unter dem Schutze eines noch stärkeren Ahnengeistes, der seiner Ansicht nach mehr Mana besitzt, den Kampf in dem Gefühl der Sicherheit auf. Er bietet zunächst seinem befreundeten Geist etwas von dessen Lieblingsspeise an und ruft seine Hilfe und seinen Schutz herbei, bevor er den in Aussicht stehenden Angriff unternimmt. Befindet sich ein Melanesier in Gefahr oder bedrängter Lage, so ruft er natürlich ebenfalls ein Wesen an, von dessen Macht und Bereitwilligkeit ihm zu helfen er überzeugt ist. Er tut es auch, damit dieses ihn vor Gefahren auf der See bewahre, seinem Kanu schnelle Fahrt verschaffe, ihm in Krankheitsfällen beistehe, beim Fischen oder bei der Ernte ihm einen guten Erfolg beschere und anderes mehr. Fällt das Ergebnis zur Zufriedenheit aus, so richtet der Betreffende Lobsprüche an seinen Geist. Aber, wie gesagt, muß es sich um den Geist oder die Seele solcher Männer handeln, die bei Lebzeiten Mana in sich trugen; die Seelen unbedeutender Männer sind ebenso wie vor so auch nach ihrem Tode ohne Gewicht und vermögen nichts auszurichten. Dagegen wird die Seele eines bedeutenden Mannes an Mana nach dem Tode noch mehr erhalten und daher imstande sein, die Wünsche derer zu erfüllen, die sich darauf verstehen, sich ihrer Hilfe zu versichern.
Die +eigentlichen Geister+, das heißt diejenigen, die niemals als Wesen in menschlicher Gestalt gesteckt haben, sind häufiger Gegenstand einer Zeremonie auf den westlichen Inselgebieten Melanesiens. Die Art und Weise ihrer Verehrung weicht indessen von der oben geschilderten nicht unwesentlich ab. Diese Geister haben nämlich weder Totenschreine noch Gedächtnisbilder, wie sie für die abgeschiedenen Seelen großer Leute errichtet werden, sondern die ihnen geweihten Stätten sind hauptsächlich das Werk der Natur. Das einzige, was für gewöhnlich mit einem solchen Geist verknüpft ist, besteht in einem Stein von etwas seltsamer Form. Solche Steine mögen manchmal wohl individuellen Geistern aus alter Zeit heilig gewesen sein; oftmals weiß nur ein einzelner Mensch darüber Bescheid, in welcher Weise man sich ihnen nähern kann, und zwar kam diese Kenntnis auf ihn durch Überlieferung von Generation zu Generation. Daher vermag er allein sich dem Steine zu nähern, weil nur er eine persönliche Bekanntschaft mit dem Geist besitzt. Jeder andere, der den Vorzug genießen will, von dem Geist etwas zu erreichen, muß dies durch Vermittlung dieses Mannes tun. Zunächst macht er diesem ein Geschenk in Gestalt eines Schweines, mit Matten, einheimischem Muschelgeld und anderen Kostbarkeiten. Letzterer opfert nun, indem er seine Gabe auf den geweihten Stein legt, dem Geist, und ruft seine Hilfe an.
Über das +Wesen der Ahnenseelen und Geister+ haben sich die Melanesier folgende Ansicht gebildet. Der Mensch beherbergt während seines Lebens in seinem Körper sein „Seelenich“, das ihn bei seinem Tode als Ahnenseele verläßt. Es kann sich auch während des Schlafes aus dem Körper entfernen; erwacht der Mensch aber, bevor die Seele zurückgekehrt ist, so wird der Betreffende wahrscheinlich krank; bleibt die Seele zu lange fort, dann stirbt der Mensch. Niesen gilt bei den Koita für ein Anzeichen, daß die Seele wiedergekehrt ist; wenn ein Mensch wochenlang nicht niest, so wird dies als eine üble Vorbedeutung angesehen. Stirbt ein Mensch, dann geht seine Seele nach einem bestimmten Ort, der von den einzelnen Völkern ganz verschieden lokalisiert wird, im allgemeinen aber für eine Art Paradies gilt, das heißt eine Stätte, wo die Seele ein ähnliches glückliches Dasein führt wie bei Lebzeiten, unter anderem Häuser, Gärten, Weiber, Nahrung und so weiter zur Verfügung hat. Wichtig ist, daß dem Verstorbenen bei Lebzeiten die Nasenscheidewand durchbohrt worden ist; andernfalls muß dies nach dem Tode noch nachgeholt werden. Denn käme er ohne diese Verschönerung des Körpers im Paradies an, dann hätte er zu gewärtigen, dort mit einem blindschleichenähnlichen Tiere in der Nase einherspazieren zu müssen. Nach dem Glauben der Eingeborenen von Neupommern muß die Seele auf ihrer Wanderung zu ihrem zukünftigen Aufenthaltsort an zwei Felsen vorbei, an denen sie über ihr Leben ausgefragt wird. War ihr Besitzer freigebig, dann darf sie weitergehen, war er aber geizig, dann muß sie wieder zurück nach Süden in ein Gebirge, wo sie in einen Felsen verwandelt wird und in der Brandung stehen muß. Indessen bleibt die Seele, die den Körper verlassen hat, nicht dauernd in diesem Geisterreich, sondern zieht es vor, gelegentlich, meistens in der Nacht in ihre frühere Heimat zurückzukehren, aber keineswegs immer mit dem Gefühle des Wohlwollens; im Gegenteil, sie sucht die Zurückgebliebenen zu schädigen, besonders wenn sie etwas verbrochen haben, zum Beispiel die Begräbnisgebräuche vernachlässigten, die Stammessatzungen verletzten und ähnliches mehr. Für solche Taten schickt die Seele Krankheit und Unglück. Daher opfert man den Seelen der Verstorbenen, um sie gut zu stimmen oder zu versöhnen. Verschiedentlich nimmt man an, daß die Seelen bestimmte Gestalt annehmen können, zum Beispiel nach dem Glauben der Mafululeute, daß die Seele eines jungen Menschen zu einem schimmernden Lichte auf dem Erdboden oder im Unterholz werde, oder die eines älteren Mannes zu einer großen Pilzart, die auf den dortigen Bergen wächst, nach dem Glauben der Sulka (Neupommern), daß sie sich in eine Sternschnuppe verwandle und anderes mehr. Die Mafulu sind davon überzeugt, daß die Seelen manchmal in die Dörfer herabsteigen, um sich Nahrung zu holen, oder auch in anderer Absicht, und da sie ihre Besuche fürchten, so verschließen sie nachts alle Öffnungen in ihren Häusern, durch welche die Geister etwa eindringen könnten. Sie waren daher nicht wenig erstaunt, als sie sahen, daß die katholischen Missionare bei Eröffnung der Mafulustation alle bei offenen Türen und Fenstern zu schlafen wagten. Die Mafulu halten überhaupt jeden Ort, der etwas ungewöhnlich aussieht, wie einen Wasserfall, eine tiefe Stelle in einem Fluß, eine schmale, tiefe Felsschlucht oder einen seltsam geformten Felsen für den möglichen Wohnort einer Seele. Sie glauben auch, daß gewisse Bäume und Schlingpflanzen von Seelen bewohnt werden, und wagen es daher nicht, diese zu fällen oder abzuschneiden. Geht eine plaudernde Gruppe Eingeborener an Stätten vorbei, die vermutlich von einer Seele bewohnt sind, so verstummen sie; ein jeder hat sich zuvor mit einem Grasbündel, das zu einem Knoten gebunden ist, bewaffnet, und legt es beim Vorübergehen auf die geheimnisvolle Stelle; dadurch glaubt er jede Gefahr von sich abzuwenden.
Bei den Papua westlich des Flyriver führen Männer, die aus dem Lande der Toten zurückgekehrte Geister darstellen sollen, vor den eingeborenen Frauen einen Tanz auf. Ihr Körper nebst dem Gesicht ist ganz mit Blättern bedeckt (Abb. 148), so daß sie nicht erkannt werden können. Die Frauen glauben, daß die Tänzer ihre verstorbenen Verwandten sind, und weinen während des Tanzes. -- Auch Geister spielen in dem Glauben der Melanesier eine große Rolle. Sie glauben sich beinahe auf Schritt und Tritt von ihnen und ihren Einflüssen umgeben. Man meint, daß sie bestimmte Orte oder Bezirke, auch Gegenstände, wie Felsen, Bäume, Quellen, Wasserlöcher bewohnen, die Gestalt von gewissen Tieren, wie Schlangen, Sternfischen, Krabben und dergleichen, annehmen können und innerhalb ihres Bereiches ihre Macht ausüben. Wird zum Beispiel ein Mitglied einer im Freien lagernden Gruppe von irgend einer Krankheit oder dem Tod befallen, bekommt es durch den Biß eines Insektes Wunden oder Geschwüre, erfährt es überhaupt eine Widerwärtigkeit, dann schreibt man dieses Ereignis dem Werke eines Geistes der betreffenden Stelle, wo der Verunglückte sich gerade aufhielt, zu. Man fürchtet sich daher vor diesem Orte und meidet ihn beim nächsten Male. Gegen solche Zufälle sucht man sich durch Zauber zu schützen, beziehungsweise ihnen vorzubeugen. In der Nähe von Port Moresby zum Beispiel liegt ein seltsam geformter Hügel, der für den Sitz eines Geistes gilt und daher nicht betreten wird; mit einem Knüttel oder einem Holz von einem Baume seiner Umgebung könnte man einem anderen schwere Wunden beibringen. Tötet jemand in der Umgebung dieses Hügels auf der Jagd ein Wallaby, so achtet er sorgfältig darauf, daß kein Tropfen Blut auf die Erde fällt. Sollte dies unglücklicherweise doch geschehen, so wird das Stück Erde behutsam fortgenommen und in den Fluß geworfen; denn sonst würden die Menschen, die von dem Tiere essen, erkranken. Wollen Menschen aus einem bestimmten Wasserloch trinken, das von einem Geiste bewohnt wird, so müssen sie erst in das kegelförmig zusammengerollte Blatt, mit dem sie schöpfen, ein Loch machen, damit der Geist herausfalle. Täten sie dieses nicht, dann würde er in den Menschen, der das Wasser trinkt, einziehen und ihn zum Anschwellen und Sterben bringen. Bisweilen nimmt auch ein böser Geist von dem Seelenich eines Mannes Besitz. Wenn zum Beispiel jemand auf seiner Rückkehr aus dem Busch das Fieber mit dem es begleitenden Schüttelfrost bekommt, so nimmt man an, er sei gefallen und ein Geist habe sein Seelenich mitgenommen. Es ist dann eine besondere Zeremonie nötig, um den Geist zu veranlassen, daß er wieder herausgeht. Wertvolle Zieraten werden an ein langes Bambusrohr gebunden, und der Kranke sowie seine Freunde gehen an die Stelle zurück, von der er glaubt, daß er dort hingefallen sei und die Besinnung verloren habe; zwei andere Männer bringen das Rohr mit. Jetzt stellen sie einen Topf auf die Erde, füllen ihn mit einer besonderen Grasart und einem brennenden Feuerstock und halten das Bambusrohr in horizontaler Lage darüber. Während das Gras knisternd brennt und die Männer den Topf umstehen, jeder mit einem Steine in der Hand, schlagen sie mit diesem auf den Topf und zertrümmern ihn unter Stöhnen. Dann kehrt die Gesellschaft mit ihrem Bambus in das Dorf zurück, aber niemand darf sich dabei umsehen. Zu Hause angekommen legt sich der Kranke nieder, der Bambusstock wird über seinem Lager aufgehängt. Es scheint dabei der Aberglaube zu bestehen, daß der Geist die Seelen der Ziergegenstände, die an dem Bambusstock befestigt sind, als Ersatz für die Seele des kranken Mannes hinnehme und daß daraufhin sich dieser wieder erhole.
+Zauberei und Magie+ nehmen einen großen Platz in den abergläubischen Vorstellungen der Melanesier ein. So verwenden die Wahrsager auf den Inseln der Torresstraße eigens dazu präparierte Menschenschädel (Abb. 149 und 150). Wir haben bereits mehrfach diese beiden Punkte berührt. Der Zauberer, der seine geheimnisvolle Kraft ausübt, tut dies mit Hilfe eines Geistes, und zwar vermöge des Mana, das dieser ihm verliehen hat. Solche Fähigkeiten werden von ihren Inhabern wieder auf andere vererbt, indem diese von ihnen darin eingeweiht werden. Jegliche Krankheit, die nicht gerade eine gewöhnliche ist, also im natürlichen Verlaufe des Lebens vorkommt und dann auch als eine solche aufgefaßt wird, gilt ihnen als das Werk eines Geistes oder einer Ahnenseele. Die Wesen jedoch, denen für gewöhnlich die Verursachung von Krankheiten zugeschrieben werden, sind Seelen, die entweder beleidigt wurden, oder die um ihre verderbliche Hilfe von den mit ihnen verbundenen Menschen durch Opfer und Zaubersprüche angegangen wurden, oder die aus reiner Bosheit gegen die Lebenden so handeln. Der gewöhnliche Glaube geht dahin, daß der Geist den Menschen dabei auffrißt. Oft muß zunächst erst die Seele oder der Geist ausfindig gemacht werden, welche die Krankheit hervorgerufen haben; hat sich zum Beispiel herausgestellt, daß der Kranke verbotenerweise einen geweihten Ort betrat, dann liegt die Annahme nahe, daß der Geist dieses Ortes seine Krankheit herbeigeführt haben muß. In diesem Falle wird der Vertraute dieses Geistes geholt, der daraufhin eine Zeremonie mit dem Kranken vornimmt -- so kaut er auf Florida (Salomoinseln) Ingwer und bläst ihn in das Ohr des Patienten -- und den Geist bittet, die Krankheit zu beseitigen. Wird der Kranke nicht gesund, dann versucht man es mit einem anderen, möglicherweise beleidigten Geist auf die gleiche Art. Kann man das betreffende überirdische Wesen überhaupt nicht feststellen, so wendet sich jemand, der mit einem mächtigen Geist vertraut ist, an diesen und bittet ihn um Vermittlung bei dem beleidigten Geist, wobei ohne weiteres vorausgesetzt wird, daß jener diesen kenne. In manchen Fällen vermutet man auch, daß irgend ein Mensch, der dem Kranken übel will, seinen eigenen ihm vertrauten Geist angerufen und dazu gebracht hat, die Krankheit zu verursachen; dann bemüht man sich, einen mit einem noch mächtigeren Geist verbundenen Menschen zu veranlassen, daß er aus Mitgefühl den verzehrenden Geist abrufe. Weigert er sich, dies zu tun, dann bleibt immer noch die Möglichkeit, seine Zuflucht zu einem zu nehmen, der zu einem noch mächtigeren Geiste Beziehungen unterhält, damit der den anderen austreibe. Der Ausgang, ob Genesung oder Tod, beeinflußt dann die öffentliche Meinung über die relative Macht der verschiedenen Seelen oder Geister.
Von den Eingeborenen Neumecklenburgs, Neulauenburgs und noch anderer Inseln Melanesiens wird zur Behandlung von Schädelverletzungen, die zumeist durch Schleudersteine entstehen, sowie zur Beseitigung von Epilepsie oder Linderung andauernder heftiger Kopfschmerzen die Trepanation vorgenommen, das heißt die Freilegung der Schädeloberfläche und unter Umständen die Öffnung der Schädelhöhle. Man begnügt sich auch in weniger ernsten Fällen mit einem Schaben des Stirnknochens; auch hiervon können tiefe Narben zurückbleiben (Abb. 151). Ein Obsidiansplitter, ein scharfer Haifischzahn oder eine geschärfte Muschel geben das primitive Handwerkszeug für diese Operationen ab.