Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 9

Chapter 92,981 wordsPublic domain

Die +Fetische+ (Abb. 125, 132, 133, 134 und 140) sind von mancherlei Gestalt. Jeder Medizinmann oder Hexendoktor besitzt ein Bündel mit Zaubermitteln, von denen er annimmt, daß die Geister mit Vorliebe darin Wohnung nehmen, oder einen Beutel mit Dingen, die sie gern verspeisen. Um den Geistern eine Freude zu bereiten, werden diese Sachen in ein Fetischbildnis getan; dadurch erreicht der Zauberer, daß der Geist sich fortan in dem Fetisch aufhält und daß er ihn unter besonderer Aufsicht hat. Jeder Medizinmann muß einen solchen +Fetischbeutel+ haben. Dieser enthält eine Mischung aller Zaubermittel, die einem bestimmten Geist gegenüber für wirksam gelten; je nach der Krankheit, auf die man ihm Einfluß zuschreibt, ist der Inhalt des Beutels verschieden. Er setzt sich demnach aus allen möglichen Dingen zusammen. Einer, den Doktor Bentley untersuchte, enthielt Federn von der Brust und den Flügeln eines Perlhuhns, zwei kleine Stücke Leopardenfell, einen Hirschkäfer, ein paar Perlen, Eisensteinspäne, einen Skarabäus, zwei kleine Kieselsteine und eine blaue Kalabarbohne. Die meisten Hexendoktoren des unteren Kongo ziehen +Fetischgötzen+ vor, da sie sich bequemer tragen lassen als die Beutel, die oft groß und von ziemlichem Gewicht sind. Das Bildnis ist ein gewöhnliches Stück Holz, das eine grob geschnittene menschliche Person, Mann oder Frau, gelegentlich auch ein Tier darstellt und in seinem Inneren ein Teilchen von jedem Zaubermittel aus dem Fetischbeutel birgt; dadurch erhält es seine Kraft. Wenn nun ein Laie ein Zaubermittel zu kaufen wünscht, dann geht er zu einem Medizinmann, der einen mit den erforderlichen Eigenschaften ausgestatteten Fetisch besitzt, und erwirbt diesen für sich. Hat er die verlangte Gebühr dafür entrichtet, so nimmt der Medizinmann winzige Teilchen von allen Mitteln aus seinem Beutel, mischt sie gründlich und tut sie in ein kleines Horn, eine Muschel oder in einen Götzen; diesen Gegenstand überläßt er dann seinem Kunden. Das Horn wird als Schutzmittel getragen und kostet nicht viel. Die Muschel ist schon teurer, weil sie mehr Wirksamkeit besitzt; ihr Besitzer trägt sie entweder in seinem Schultersack mit sich herum oder läßt sie auch zu Hause, da sie auf jede Entfernung hin für ihn wirksam sein kann. Das teuerste ist aber der Fetischgötze, da er sozusagen die gleichen Fähigkeiten besitzt wie des „Doktors“ Fetischbeutel selbst; ihm wird die Eigenschaft zugeschrieben, er könne alles das bewirken, was sein Besitzer von ihm verlangt.

Am unteren Kongo werden den Fetischen regelmäßig +Opfer+ dargebracht; indessen darf man nicht annehmen, daß diese etwa eine Art Anbetung bedeuten, vielmehr liegt solchem Opfer einfach der Gedanke zugrunde, daß es die Macht in dem Fetischbildnis oder in dem Bündel der Zaubermittel auf irgendeine Weise erneuere, den Fetisch gleichsam auffrische und ihn befähige, sein Amt als Beschützer seines Besitzers, als Strafvollstrecker an dessen Feinden und als Glückspender wirksamer auszuüben. Das Opfer soll auch einen etwa grollenden Fetisch besänftigen, damit er sich für seinen Besitzer aufs neue Mühe gebe. Es besteht darin, daß ein Huhn oder eine Ziege getötet und das Blut über den Fetisch oder das Bündel verspritzt wird; manchmal schneidet man auch einem Huhn oder einem Frosch die Zehe durch und läßt das hervorquellende Blut über den Fetisch tropfen. Soll dem Fetisch seine volle Kraft erhalten bleiben, dann ist es nötig, ihm regelmäßig Opfer darzubringen, das heißt, immer am Neumond oder an bestimmten Markttagen; eine je größere Gefälligkeit man von ihm erwartet, um so wertvoller muß die Gabe ausfallen. Die Stunde des Opfers pflegt der Sonnenuntergang zu sein; der Opfernde muß sein Gesicht der Sonne zukehren. -- Schweine werden niemals als Opfer verwendet, weil sie für unreine Tiere gehalten zu werden scheinen.

Will ein Fetisch trotz der regelmäßigen Opfer nicht mehr richtig arbeiten, mit anderen Worten, hat sein Besitzer nur Mißerfolg in den verschiedensten Lebenslagen, dann bringt dieser ihn dem Zauberdoktor, von dem er ihn kaufte, zurück und trägt ihm auf, ihm neue Kraft zu verleihen. Die Maßnahmen, die der Medizinmann in solchem Fall vornimmt, sind verschieden; jeder hat sein besonderes Verfahren. Zumeist wird aber der angeblich unbrauchbar gewordene Fetisch, um ihn neu zu beleben, in folgender Weise behandelt: er wird geschlagen und es wird dabei auf einer Pfeife gepfiffen, um ihn aufzurütteln, oder es wird um ihn herum Schießpulver zur Explosion gebracht und er selbst in den Rauch gehalten.

Theorie und Praxis des Medizinmannes laufen darauf hinaus, entweder einen Menschen durch den Fetisch zu verfluchen, oder den Fetisch zu beruhigen und dadurch einen Fluch hinwegzunehmen. Glaubt jemand, ein bekannter oder unbekannter Feind habe ihm ein Leid zugefügt, und wünscht er, daß diese Person von Krankheit oder Tod betroffen werde, dann geht er zu einem Medizinmann und sucht ihn durch Bezahlung dafür zu gewinnen, daß er jenen Feind durch den Fetisch verfluchen lasse. Der Fetisch wird zu diesem Zweck mit einem Stocke geschlagen, wobei er den Auftrag erhält, dies oder jenes zu tun; darauf wird er dreimal in die Luft gehoben, ebenso oft in die Nähe des Erdbodens gesenkt und schließlich vor dem feindlichen Hause aufgehängt. Man nimmt dann an, daß der in dem Fetisch wohnende Geist nach dem betreffenden Orte hinfliege, um die ihm zuteil gewordenen Befehle auszuführen. Durch das nämliche einfache Verfahren kann jeder Laie seinen Feind verfluchen. Daher kann sich auch jeder, der keinen eigenen Fetisch besitzt, der mächtig genug ist, seinen Haß zu befriedigen, sich aber keine großen Unkosten durch Neubeschaffung eines solchen oder durch Inanspruchnahme eines Medizinmannes machen will, einen starken Fetisch zu einem geringen Preise borgen und durch ihn seinen Feind verfluchen. Der Name des Betreffenden braucht dabei gar nicht ausgesprochen zu werden; es genügt schon, zu sagen: „Der Dieb, der meine Sache stahl,“ oder: „Mein Feind, der mir Unglück sandte,“ oder: „Derjenige, der mich behext hat.“

Bei dieser großen Verbreitung des Zauberwesens im Kongogebiete kann es nicht wundernehmen, wenn das +Kind+, und zwar schon vor seiner +Geburt+, von allerlei Zaubermitteln umgeben wird. Steht seine Ankunft bevor, dann ruft man einen weiblichen Hexendoktor. Dieser kocht verschiedene Sorten Fleisch und Fische und zieht Perlen zu einer Halskette auf, der eine Muschel als Mittelstück gegeben wird. In diese tut das zauberkundige Weib etwas Kreide, ein bestimmtes Blatt, eine Prise Salz und einen Teil der durcheinander gekochten Speise. Die angehende Mutter hat nun die Pflicht, jeden Morgen an diesem Mischmasch zu lecken, damit sie ein gesundes Kind bekomme und dieses sich später leicht an allerhand Nahrung gewöhne. Nach der Zubereitung der geschilderten Speise gibt die Medizinfrau der Schwangeren etwas davon zu essen und trifft dann weiter eine ganz sonderbare Maßnahme. Sie kocht ein Huhn und legt ein Bein von ihm für das älteste Kind der angehenden Mutter beiseite oder, falls diese zum ersten Male niederkommt, für deren Schwester oder nächste weibliche Verwandte. Diese Person muß nun so tun, als wolle sie das Bein stehlen, worauf alle anwesenden Familienmitglieder sie einzufangen suchen und „Dieb, Dieb“ hinter ihr herrufen.

Das +neugeborene+ Kind wird mit warmem Wasser gewaschen und von einer der anwesenden Frauen (aber nicht von der Mutter) den ersten Tag über gepflegt. Ist es nach einiger Zeit imstande, schon festere Speisen zu sich zu nehmen, so erhält es geröstete Kassava oder geröstete Erdnüsse, die ihm die Mutter vorgekaut hat; nach ungefähr drei Jahren wird es entwöhnt. Im Hause der +Wöchnerin+ befindet sich stets ein Tiegel in der Nähe des Feuers, und derjenige Mann, der, ob alt oder jung, innerhalb der ersten zwei Tage eine Perle hineinwirft, kann das Kind, wenn es ein Mädchen ist, als seine zukünftige Frau beanspruchen; es muß aber ein Mann aus einem Klan sein, in den das Mädchen hineinheiraten darf. Wirft ein Fremder oder ein Mann aus einem für eine Heirat nicht in Frage kommenden Klan eine Perle in den Tiegel, dann wird sie ihm zurückgegeben. Erfolgt die Rückgabe der Perle aus keinem stichhaltigen Grunde, so wird dies als schwere Beleidigung aufgefaßt. Der Tiegel wird im allgemeinen streng bewacht, und nur ein kleiner Teil der neugeborenen Mädchen wird auf solche Weise versprochen. In diesem Falle darf niemand anders das Mädchen heiraten. Die hineingeworfene Perle wird als ein Geschenk an das Kind aufgefaßt und verleiht, wie gesagt, dem Spender das ausschließliche Recht auf dessen Hand, sobald es das heiratsfähige Alter erreicht hat. Ist dieser Zeitpunkt eingetreten, dann muß der Verlobte auch das Heiratsgeld, das man entsprechend der sozialen Stellung des Mädchens fordert, bezahlen. Ist die Forderung zu hoch gestellt, dann hat der Mann das Recht, seine „Geschenke“ zurückzuverlangen; auch ist es Rechtens, daß er einen entsprechenden Zinsfuß fordern darf, was unter Umständen zu Prozessen Anlaß gibt.

Gleich nach der Geburt wird ein frisch gebrochener Palmzweig über der Tür des Hauses befestigt, um das Kind vor einer doppelten Gefahr zu schützen. Sollte am Orte plötzlich ein Kampf ausbrechen, dann würde es kein Mensch, auch nicht der Feind, wagen, ein Haus zu belästigen, das durch einen solchen Palmzweig gekennzeichnet ist. Ferner verbietet der Zweig jedem, der das Tier ißt, das die Familie des Neugeborenen mit einem Tabu belegt hat, das Haus der Wöchnerin zu betreten; täte er es doch, so würde das Kind krank werden oder sogar sterben. Am Ende des ersten Monats wird der Palmwedel entfernt, weil man das Kind dann für kräftig genug hält, um von bösen Einflüssen unberührt zu bleiben. -- Sollte eine Frau während ihrer Schwangerschaft von fließendem Wasser, von Schlangen oder Wassergeistern geträumt haben, dann fürchtet sie, das Kind könnte eine Wiedergeburt von einem Wassergeist sein. Daher wird das Neugeborene sofort in ein Tuch gewickelt, und niemand mit Ausnahme der Medizinfrau erfährt sein Geschlecht, bis es einen Namen erhalten hat. Einige Tage nach der Geburt eines solchen Kindes leitet die Medizinfrau einen Tanz ein, der die ganze Nacht hindurch anhält und Anlaß zu vielem Essen und Trinken gibt. Eine Laube aus Palmwedeln wird gebaut, in der Vater, Mutter und Kind Platz nehmen; alle Teller und Schüsseln, die bei der Entbindung gebraucht wurden, werden in der Nähe dieser Hütte aufgestellt. Bei Tagesanbruch nun taucht der „Doktor“ in einen Teller mit Palmwein einige Blätter, besprengt Eltern und Kind damit und fragt die Versammelten dreimal, ob sie den Namen des Kindes wissen; diese antworten mit „Nein, wir kennen seinen Namen nicht“. Darauf ruft der Doktor laut: „Er lautet Lombo.“ Die Leute machen sofort einen Heidenlärm, indem sie sich mit der flachen Hand auf den Mund schlagen. Sie wissen sofort, wenn sie diesen Namen hören, daß das Kind ein Mädchen ist; denn wäre es ein Knabe, so würde der Zauberer es Etoko genannt haben. Sie erkennen ferner an dem Namen, daß die schwangere Mutter von fließendem Wasser, Schlangen oder Wassergeistern geträumt hat. Die Geister bewohnen die Flüsse, und die Schlangen hausen zwischen Steinen in der Nähe von Wasserläufen; daher kommt es auf dasselbe hinaus, ob man geradezu von den Geistern oder ob man von Wasser und Schlangen träumt. Der Doktor erhält als Gebühr für seine Bemühungen ein Huhn, fünfzehn Perlschnüre und alle Gerätschaften in der Nähe der Hütte. Alle Mädchen, die Lombo, und alle Knaben, die Etoko genannt wurden, gelten als wiedergeborene Wassergeister und stehen in dem Ruf, nicht nur Glück verleihen, sondern auch Unglück verhängen zu können, weswegen sie von ihren Nachbarn mit großer Ehrerbietung behandelt werden und viele Geschenke von ihnen erhalten. Diese werden ihnen gemacht, um sie dem Spender geneigt zu stimmen. Bald merken aber die Kleinen ihren vermeintlichen großen Einfluß, unter anderem auch daran, daß Verwandte und Nachbarn sich scheuen, ihnen eine Forderung abzuschlagen, und fallen ihrer Umgebung sehr lästig. Man glaubt allgemein am Kongo, daß das einzig Neue an einem Kinde sein äußerer Körper sei, daß dagegen sein Geist oder seine Seele etwas Altes vorstelle und schon entweder in einer verstorbenen Person geweilt habe oder auch einer noch lebenden oder einem Wassergeist angehöre. Zweierlei hat zu solchem Aberglauben geführt: einmal der Umstand, daß ein Kind frühzeitig von fremdartigen Dingen spricht, die seine Mutter es nicht gelehrt haben kann, und zum anderen, daß es irgendeinem Vorfahren oder einem lebenden Verwandten ähnlich sieht. Im letzteren Falle ist dies für die betreffende Person keineswegs erfreulich, denn man glaubt dann, daß diese bald sterben werde. Darum ist auch niemand, dem man sagt, ein Kind habe Ähnlichkeit mit ihm, angenehm davon berührt. Ebensowenig darf man sagen, ein Kind sei fett, denn dann könnte die Vermutung aufsteigen, man wolle es „im Geiste“ verzehren, was seinen baldigen Tod zur weiteren Folge haben würde; auch ein schönes Kind darf man es nicht nennen, denn dann würde der böse Geist (Ndoki) es hören und das Kind wegnehmen, dieses also ebenfalls sterben. Dagegen darf man es, ohne Anstoß zu erregen, als stark bezeichnen. Eltern zählen ihre Kinder niemals, aus Furcht, der böse Geist könnte sie hören und ihnen einige durch den Tod entreißen.

Kongofrauen haben ungern +Zwillinge+, weil sie ihnen doppelte Last machen, daher lassen sie den einen Zwilling für gewöhnlich verhungern. Ist eines der Kinder gestorben, auf natürliche oder unnatürliche Weise, dann wird aus einem Stück Holz ein Bildnis geschnitzt, das dieses Kind vorstellt, und zu dem lebenden gelegt, damit es sich nicht einsam fühle. Sollte auch dieses Kind sterben, dann kommt das Bild mit in dessen Grab. Die Leiche wird auf Blätter gelegt, mit einem weißen Tuch bedeckt und an der Kreuzung zweier Wege begraben, wo man sonst auch Selbstmörder oder vom Blitz Erschlagene, also Ehrlose, beisetzt. Auch kommt es wohl vor, daß, wenn von Zwillingen der eine stirbt, die Mutter sich ein Kind in demselben Alter borgt und zu dem am Leben gebliebenen Zwilling legt, damit dieser sich nicht gräme. Das erste Zwillingskind wird mit einem feststehenden Namen benannt, ebenso das zweite, desgleichen das erste Kind, das nach einer Zwillingsgeburt auf die Welt kommt. Auch ein sechsfingriges Kind bekommt einen bestimmten Namen. -- Am oberen Kongo sind bei Zwillingsgeburten bestimmte Gebräuche vorgeschrieben. Drei Tage nach der Geburt nimmt die Mutter die Kinder in die Arme und tanzt vor ihrem Hause; die Nachbarn sehen zu und singen einen bestimmten Kehrreim, nämlich „Die Zwillinge rufen nach dir“. Die Mutter wird am ganzen Körper mit vielem Grün geschmückt, und die Kinder erhalten die feststehenden Namen, die für Zwillinge üblich sind. Sie dürfen den Namen niemals wechseln, was anderen erlaubt ist. Der erstgeborene Zwilling wird stets auf dem rechten Arm, der zweitgeborene auf dem linken getragen. So oft die Mutter gegrüßt wird, muß sie zweimal danken, für jedes Kind einmal, und wenn sie selbst jemanden grüßt, dann muß sie dies zweimal tun, damit kein Kind etwas versäume. Aus demselben Grunde muß sie mit beiden Händen essen, sonst würde das eine Kind in seiner Ernährung zurückbleiben; sie erhält auch doppelte Geschenke, damit nicht das eine Kind sich zurückgesetzt fühle, erkranke oder gar sterbe. Man glaubt allgemein, daß Erkrankung oder Tod eines der Zwillinge auf eine solche Vernachlässigung von seiten der Mutter zurückzuführen sei. Von den Zwillingen selbst wird erwartet, daß sie zusammen lachen oder weinen und auch sonst stets die gleiche Gemütsverfassung bekunden. Die Bopoto stellen bei einer Zwillingsgeburt zu beiden Seiten des Weges, der in das Dorf führt, je ein Gefäß in das gablige Geäst eines Pfahles, um dadurch etwaigen bösen Einflüssen vorzubeugen, die den Zwillingen schaden könnten (Abb. 135).

Wenn sich Sternschnuppen zeigen, dann schließen die Mütter ihre Kinder schleunigst in den Hütten ein, aus Furcht, die Sternschnuppen, die sie für am Firmament spielende Geister halten, könnten auf die Kinder fallen und in sie hineingehen, wodurch die Kinder natürlich von einem bösen Geiste, dem Ndoki, besessen würden. Der erste Zahn, den ein Kind verliert, wird gegen die aufgehende Sonne geworfen und dabei die Bitte ausgesprochen: „Bring mir einen neuen Zahn, wenn du wiederkommst.“ Außerdem wird ein Stück Holzkohle gegen Westen geworfen mit der Bemerkung: „Nimm meinen alten Zahn fort; ich will ihn nicht wieder haben.“ Wenn sich dann mit der Zeit ein neuer Zahn einstellt, wird dies dem Einfluß der Sonne zugeschrieben. -- Wenn ein Kind sich sehr eigensinnig oder ungehorsam gebärdet, dann schneidet sein Vater ein Stück von seinem eigenen Zeug ab, wickelt von seinem Haar etwas hinein und verbrennt das Bündel mit dem +Fluche+: „Du sollst niemals reich werden, sondern Gegenstand des Unglücks sein.“ Die Kinder haben eine schreckliche Angst vor einem solchen Fluch; jedes Unglück, das sich daraufhin einstellt, etwa eine Wunde, ein Unfall, eine Krankheit oder etwas derart, wird ihm schuld gegeben. Manchmal ändert ein Knabe in solchem Fall sein Betragen und erweist sich den Wünschen seiner Eltern zugänglicher; er bittet dann auch darum, daß der Fluch wieder von ihm genommen werde. Der Vater tut dies, indem er drei kleine Staubhäufchen auf jedes Knie legt, den Knaben vor sich niederknien und ihn die Häufchen hinwegblasen läßt, wobei der Vater zu ihm sagt: „Ich vergebe dir. Ich habe dir nicht mit dem Herzen, sondern nur mit meiner Zunge geflucht, und nun werde fortan reich.“ Sollte der Vater sterben, bevor er seinen Sohn von seinem Fluche befreit hat, dann sucht dieser einen Namensvetter seines Vaters, mit dem letzterer auf freundschaftlichem Fuße stand, auf, bringt ihm ein Huhn und bittet ihn, ihn von dem Fluch in der geschilderten Weise zu erlösen. Der Kongoneger kennt auf der anderen Seite auch wieder +Segenswünsche+ für seine Kinder, die er aus besonderen Anlässen, entweder wenn sie eine längere Reise antreten oder der Familie ganz besondere Freude bereitet haben, über sie ausspricht. Dies geschieht in der Weise, daß der Vater oder auch die Mutter auf das Kind ausspeien und dabei feierlich ausrufen. „Mögest du besitzen alles, was ein Mensch besitzen soll; möge dir Segen und Glück zuteil werden und mögen deine Worte Anerkennung bei den Menschen finden.“ Ein solcher Segen wird von den jungen Leuten sehnsüchtig begehrt.

Kongoknaben und -mädchen müssen auch gewisse +Familientabus+ beobachten, die ersteren ihr ganzes Leben lang, die letzteren nur bis zu ihrer Verheiratung; denn dann nehmen sie die Verbote ihrer Männer an. Diese anererbten Tabus bestehen zum Beispiel in dem Verbot des Genusses aller Vögel und Fische, die Flecke oder Zeichen haben. Wird ein solches Familientabu verletzt, dann glaubt man, daß als Strafe der Übertreter von einer bösen Hautkrankheit befallen werde. Außer diesen ständigen Tabus kommen auch vorübergehende vor. So legt zum Beispiel ein Medizinmann einem kranken Kinde ein Tabu auf und nimmt es ihm später wieder ab. Der verbotene Genuß kann eine Schweineschnauze, ein Ziegenkopf, ein bestimmter Fisch oder eine besondere Pflanzensorte sein; der Gegenstand solchen Verbotes ist rein willkürlich und steht außer Zusammenhang mit der Krankheit.