Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 35

Chapter 353,200 wordsPublic domain

Über die +Totengebräuche+ nur wenige Worte. Wenn bei den Permiern der Tod eingetreten ist, dann werden die Verwandten oder auch Fremde eingeladen, um die Leiche zu waschen und den Sarg anzufertigen. Bevor man mit dem Waschen beginnt, sagt der damit Beauftragte zu dem Toten: „Ärgere dich nicht; ich will dich waschen.“ In ähnlicher Weise entschuldigt man sich bei ihm, wenn der Sarg hereingebracht wird. Im allgemeinen schafft man die Leiche möglichst bald aus dem Hause nach dem Friedhof, und zwar geschieht dies im Trab auf einem Schlitten. Auf den Sarg wird ein Laib Brot gelegt, den man dem ersten besten, der dem Zuge begegnet, zuwirft, anscheinend der letzte Rest eines Totenopfers. Beim Hinablassen des Sarges wird der Deckel hochgehoben, damit der Verstorbene zum letzten Mal die Welt betrachten könne. Vielfach bleibt der Schlitten, der den Toten hinausbrachte, über dessen Grabhügel liegen, in welchem Falle ein Friedhof durch die vielen Schlittenüberreste einen ganz merkwürdigen Anblick bietet; auch die Werkzeuge, die beim Auswerfen des Grabes benutzt wurden, werden zurückgelassen.

Bei dem sich anschließenden Totenmahl werden brennende Lichter auf die Fensterbretter und zu beiden Seiten neben die Tür gestellt, eine Zeitlang auch diese offen gelassen; außerdem wird der Schatten des Verstorbenen aufgefordert, sich am gemeinsamen Mahle zu beteiligen. Er erhält auch einen Platz an der vorderen Ecke der Tafel angewiesen, was äußerlich dadurch gekennzeichnet wird, daß eine Mütze oder ein Kopftuch (je nach dem Geschlecht) dorthin gelegt und Gefäße für Kuchen, Sauermilch, Branntwein und Haferbrot darum gestellt werden. Jeder Gast hält es für seine Pflicht, einen Teil seiner Speisen in diese Schüssel zu tun mit der Aufforderung: „Iß, Brüderchen“ oder „Iß, Gevatter“. Nach der Mahlzeit stellt man die Schüssel in einem abseits gelegenen Winkel des Feldes ins Gras und sieht nach einiger Zeit nach, ob etwas von den Speisen darin geblieben ist. Sind sie nicht vollständig verschwunden, das heißt von den Krähen und Raben nicht ganz aufgefressen worden, dann erblickt man darin ein Zeichen dafür, daß der Verstorbene die ihm vorgesetzten Speisen aus Zorn verschmäht hat. Am neunten und am vierzigsten Tage nach dem Tode sowie am Jahrestage desselben finden nochmalige feierliche Bewirtungen des Toten statt.

+Die Basken.+ Die Basken oder Euskaldunak, wie sie selbst sich nennen, wohnen zu beiden Seiten der Pyrenäen am Biskayischen Meerbusen. Sie sind hinsichtlich ihrer Herkunft bislang immer noch ein rätselhaftes Volk geblieben. Die abenteuerlichsten Vermutungen sind hierüber geäußert worden, ohne daß man zu einem einwandfreien Ergebnis gekommen wäre. Nach dem augenblicklichen Stande der Forschung wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß sie aus Nordafrika stammen, schon in der Vorzeit nach Spanien einwanderten, wo sie ursprünglich eine viel größere Verbreitung als heute hatten -- die alten Iberer dürften als ihre Vorfahren anzusehen sein --, und infolge ihrer Isolierung auf einer früheren Kulturstufe stehen geblieben sind. Denn sie zeigen noch mancherlei Gebräuche und Gewohnheiten, die an ähnliche primitive Zustände der Vorzeit oder an solche bei wenig vorgeschrittenen Naturvölkern erinnern. Das Merkwürdigste und am wenigsten Aufgeklärte bei diesem Volke ist seine +Sprache+, die, wie zum Beispiel das Chinesische und einige amerikanische Sprachen, Agglutination aufweist. Die baskische Sprache steht daher unter den übrigen westeuropäischen Sprachen ganz vereinzelt da; v. der Gablentz und andere Forscher wollen Ähnlichkeit zwischen ihr und den Berbersprachen Nordafrikas herausgefunden haben.

Auch die +äußere Beschaffenheit+ der Basken läßt deutliche Verwandtschaft mit der nordafrikanischen Bevölkerung erkennen. Wenngleich kein einheitlicher Menschenschlag, so ist der Baske doch durch eine Anzahl besonderer Eigentümlichkeiten gekennzeichnet, wie mittlere Körpergröße, schlanke, aufgeschossene Gestalt, kurzen oder auch länglichen, an den Schläfen merkwürdig stark gewölbten Schädel, langes, schmales, von den Jochbeinen an auffallend scharf nach unten sich zuspitzendes Gesicht mit außerordentlich spitzem, leicht fliehendem Kinn, dünne gebogene Nase, die sich in die gerade aufsteigende, etwas schmale Stirn unmittelbar fortsetzt, dunkle Augen, dunkles Haar und brünette Hautfarbe. Die Untersuchung hat ergeben, daß diesem Typus der der sogenannten mittelländischen Rasse zugrunde liegt, also derjenige, dem die Bewohner von Südeuropa und Nordafrika angehören. Offenbar haben sich zu diesem noch kurzköpfige Elemente (alpiner Typus) hinzugesellt, und durch große Abgeschlossenheit unter lange Zeit sich gleichbleibenden äußeren Bedingungen hat sich in Verbindung mit Inzucht der heutige Typus der Basken entwickelt.

Die +nationale Tracht+ (Abb. 465) der Basken bestand bei den Männern aus breiten schlaffen Kniehosen, schwarzen Strümpfen, weißem Hemd mit hohem, bis auf die Wangen reichendem weichen Kragen, schwarzer Jacke und runder, flacher, aus Wolle gewirkter Mütze, der Chapelak; die Frauen trugen blauen Rock mit bunter Schärpe silbergesticktes, schwarzes Mieder, das vorn über dem sichtbar bleibenden Hemd verschnürt wurde, bunte Umhängetücher und ein kleines Tuch für den Haarknoten. Bis auf die typische Mütze und die Kopftücher ist diese Tracht jetzt so ziemlich im Aussterben begriffen.

Die Basken sind vorwiegend +Ackerbauer+, treiben aber auch +Viehzucht+ und etwas +Schiffahrt+. Ihre Sprache nimmt die Bezeichnungen für die verschiedenen Abschnitte des Jahres von der Landwirtschaft her. So heißt der November der Saatmonat (_Azilla_), der Juni der Gerstenmonat (_Garagarilla_), der Juli der Weizenmonat (_Garilla edo Uzteilla_), der Oktober der Einsammlungsmonat (_Bildilla_), der Februar der Stiermonat (_Zezeilla_) und so weiter. Vom Sommer leitet man die Namen für den Frühling (_Udaberri_ = neuer Sommer) und für den Herbst (_Udazkena_ = letzter Sommer) ab. Bei der Ausübung des Ackerbaus haben die Basken noch einige ursprüngliche Arbeitsweisen bewahrt. So benutzen sie Karren (Abb. 476) mit mächtigen massiven Holzscheiben als Rädern, die sich zugleich mit der fest mit ihnen zusammenhängenden runden Achse drehen; den Aufbau dieser Karren bildet ein Kasten aus Brettern oder ein Rutengeflecht, die Deichsel läuft bis nach hinten durch. Beim Kochen von Flüssigkeiten, besonders von Milch, wenden die Basken das althergebrachte Verfahren der Steinkocherei an, das heißt des Hineinwerfens von glühend gemachten Steinen in einen mit der zu kochenden Flüssigkeit gefüllten Holztrog.

Die Basken sind große Freunde von +Tanz, Musik und Spiel+. Der Nationaltanz, eine Art Haschtanz, hat allerdings schon vielfach den neuzeitigen europäischen Tänzen weichen müssen, dagegen haben sich die alten Musikwerkzeuge, mit denen er begleitet wurde, noch immer erhalten. Das Nationalspiel der Basken ist die Pelote, ein Ballspiel, das sich bei alt und jung großer Beliebtheit erfreut, so daß, wie man sagt, bei ihm der Baske Essen und Trinken vergessen kann. Es wird vor dem Fronton gespielt, einer breiten und hohen, oben mit einem Fangnetz gekrönten Mauer; von dieser läuft ein viereckiger Spielplatz aus, der links und rechts eingezäunt, an der Zugangseite aber offen ist (Abb. 460). Zwei Parteien, blau und rot, spielen gegeneinander. Ein Spieler wirft mit der Chistera (Abb. 459), einem aus starken Weidenruten hergestellten Wurfwerkzeug in Kahnform, an dessen hinterem Ende in einem dort angebrachten Ledersack die Hand fest eingeschnürt ist, einen Ball kräftig gegen den Fronton, während ein Spieler der Gegenpartei die Aufgabe hat, ihn im Rückflug oder nach dem ersten Aufprall vom Boden aufzufangen und seinerseits gegen die Mauer zu schleudern. Das Spiel erfordert ungemeine Geschicklichkeit.

Bei den Basken besteht noch die +Auffassung, daß die Frau die Untergebene des Mannes+ sei, was auf mancherlei Art zum Ausdruck kommt. Bei der +Trauung+ sagt der Priester zu den Brautleuten: „Mann und Frau sind wie die beiden Hände des Menschen, jener entspricht der rechten, kräftigeren, diese der linken, schwächeren Hand.“ Nach der Trauung bekleidet der Küster die Jungvermählten mit der Stola; während er sie aber dem Manne um die Schultern hängt, legt er sie der Frau auf den Kopf zum Zeichen ihrer Unterwerfung unter die Herrschaft des Gatten. Das +männliche Wochenbett+ kommt heutigestags unter den Basken wohl nicht mehr vor; nach der, allerdings fraglichen, Annahme verschiedener Gewährsmänner soll es aber in vergangener Zeit unter den Basken bestanden haben. Dagegen ist erwiesen das +Vorrecht der ältesten Tochter+ vor allen Söhnen in der Erbschaft, sofern sie älter als die Söhne ist und im elterlichen Hause verbleibt. Dies ist offenbar ein Überrest des Mutterrechts früherer Zeiten.

An den +kirchlichen Festen+ finden fast immer Kinderumzüge statt, bei denen gesungen und um Almosen gebettelt wird. In der Karwoche, wo die Kirchenglocken nicht läuten dürfen, machen die Kinder Lärm mit Knarren. Am Tage vor Ostern bringen sie Wasser und Feuer in die Kirchen, lassen den priesterlichen Segen darüber aussprechen und schaffen beides dann in die elterlichen Wohnungen, damit die Häuser vor Blitzschlag und Ungewitter verschont bleiben. Mit demselben geweihten Wasser besprengt man auch das Korn auf den Feldern, um es vor allerlei Schädlichkeiten zu schützen und sein Gedeihen zu fördern. Für noch wirksamer gilt das Wasser, das man in der Johannisnacht schöpft. In der dem San-Juan-Tage (24. Juni) vorausgehenden Nacht strömen die Leute aus dem gesamten Baskenlande nach Cambos und eilen mit dem Glockenschlage zwölf auf die Brunnen zu, um sich in gierigen Zügen so viel einzupumpen, als sie nur fassen können; denn je mehr sie sich davon einverleiben, um so besser leben sie im neuen Jahre. Auch schleppen sie in Kesseln und Krügen schwere Lasten des heilkräftigen Wassers mit sich, um ihre Lieben zu Hause desselben ebenfalls teilhaftig werden zu lassen. Am Johannistage selbst segnet der Priester Blumen, meist Lilien und Weißdorn, die später an den Haustüren angebracht werden, ebenfalls zu dem Zwecke, Unheil abzuwehren.

Von besonderen +Begräbnisgebräuchen+ ist folgendes zu erwähnen. Kinder, die noch nicht der ersten Kommunion teilhaftig geworden waren, werden in offenem, weißem Sarge zum Friedhof gebracht, während Erwachsene in einem schwarzen, alte Jungfern in einem ebenfalls schwarzen, aber mit weißen Schleifen geschmückten Sarge beigesetzt werden. Alten Leuten wird ein geweihtes Hemd angezogen, das man im nächsten Kloster kauft. Wer gestorben ist, ohne gebeichtet zu haben, findet im Grabe keine Ruhe, sondern muß umgehen. Doch kann auch ein solcher noch den Eingang ins Himmelreich finden, wenn der unmittelbar vor ihm im Dorfe Verstorbene ein kleines Mädchen gewesen ist.

+Die Zigeuner.+ Das „fahrende Volk“ der Zigeuner ist von einer gewissen Romantik umwoben. Bis vor etwa fünfzig Jahren wußte man nicht einmal, von wo sie herstammten. Bei ihrem ersten Erscheinen in Deutschland verbreiteten sie selbst die Fabel, daß ihre Vorfahren in Ägypten gesessen und die Eltern Christi auf ihrer Flucht dorthin nicht aufgenommen hätten, weswegen Gott sie verflucht und zu beständiger Wanderung, wie den Ewigen Juden, verdammt habe. Daraufhin galt als Heimat der Zigeuner bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein allgemein das Pharaonenland; die englische (Gipsy), spanische (Gitano), ungarische (Pharaonenvolk) und ähnliche Bezeichnungen für sie gaben dieser vermeintlichen ägyptischen Herkunft auch Ausdruck. Die neueren Forschungen indessen, im besonderen solche sprachlicher Natur, haben zweifellos festgestellt, daß als Urheimat der Zigeuner Vorderindien anzusehen ist, wo in den Sümpfen des Indus und des Pendschab ihre Verwandten noch heute unter dem Namen Dschab hausen. Als deren und ihre gemeinsame Vorfahren bezeichnet die Wissenschaft die Zott. Die Körperbeschaffenheit der Zigeuner, die dem europäischen Typus, vor allem demjenigen der südländischen Bevölkerung sehr ähnelt, spricht dafür, daß die Zott den Indern, das heißt den Nachkommen europäischer Einwanderer (vermischt mit einheimischen Elementen) verwandt gewesen sein müssen. Der Zeitpunkt, wann die indischen Zott sich von ihren Stammesgenossen trennten und auf die Wanderschaft begaben, ist nicht mehr genau festzustellen. Nur das eine ist geschichtlich belegt, daß im fünften Jahrhundert nach Christus eine größere Anzahl Zott, etwa zwölftausend, auf Veranlassung des persischen Herrschers Bahram Gur aus Indien nach Persien kamen, damit sie die Einwohner dieses Landes im Lautenspiel unterrichteten. Demnach scheinen die Zigeuner bereits damals eine große Vorliebe für Musik gehabt zu haben, wie dies noch jetzt für sie zutrifft. Der persische Dichter Firdusi (um 1000 nach Christus) nennt diese Einwanderer Luri, und noch heute bezeichnet man die Zigeuner in Persien so.

Von Persien aus überschwemmten die Zott zunächst die Ebene des Euphrat und Tigris, Armenien, wie überhaupt Kleinasien; hier blieben sie anscheinend längere Zeit ansässig. Darauf teilten sie sich. Die eine Gruppe setzte um die Mitte des neunten Jahrhunderts nach Europa über, wo sie zunächst auf der Balkanhalbinsel festen Fuß faßte, der Zug der anderen Gruppe richtete sich über Syrien nach Ägypten und Nubien bis nach dem Sudan und dem übrigen Nordafrika. Auf dem Balkan erfolgte wiederum eine Zweiteilung: ein Zug ging längs der Donau nach Ungarn, Böhmen, Polen, Finnland. Skandinavien, Deutschland und Spanien, ein anderer von Serbien aus über Slawonien nach Italien und Frankreich. Nicht einmal an den Grenzen Europas machten die Zigeuner halt, denn sie sind auch über das große Wasser nach Amerika gezogen. -- In Deutschland tauchten sie im fünfzehnten Jahrhundert zum erstenmal auf.

Der +Zigeunertypus+ ähnelt im allgemeinen dem des Südeuropäers. Mittelgroßer, schlanker Wuchs, meist länglicher Schädel, gerade Nase, breites bis ovales Gesicht, gelbbraune Hautfarbe, schlichtes, schwarzes Haar, reichlicher Bartwuchs von derselben Farbe und braune Augen (Abb. 469 und 474) kennzeichnen ihn. Unter den Frauen finden sich häufig wirkliche Schönheiten (Abb. 464 und 477).

In ihrer +Tracht+ (Abb. 469 und 475), +Ernährung+ und +Religion+ schließen sich die Zigeuner im allgemeinen dem Volke an, unter dem sie als Schmarotzer leben. Teils sind sie ansässig, manchmal auch zwangsweise angesiedelt worden (wie auf dem Balkan und in Ungarn); sie +wohnen+ dann in halb unterirdischen Lehmhütten dicht bei den Städten und Dörfern, seltener in eigenen Ortschaften. Teils führen sie ein Nomadenleben, sind auf beständiger Wanderschaft begriffen und hausen dann in Leinwandzelten oder auf ihren Wagen (Abb. 463). Ihre +Gesellschaftsordnung+ ist eine patriarchalische. Die nomadisierenden Zigeuner beschäftigen sich zumeist mit solchen +Gewerben+, die sich im Umherziehen betreiben lassen; sie sind Kupferschmiede, Kesselflicker, Korbmacher, auch Schirmmacher und Schirmflicker, Bärenführer, Artisten, Gaukler, Seiltänzer und Pferdehändler. Die bereits ansässig Gewordenen bevorzugen den Pferdehandel und die Musik (Abb. 470). Besonders die ungarischen Zigeuner erfreuen sich als Musikanten einer großen internationalen Beliebtheit. Dabei kennen sie meistens keine Noten -- die Zigeunermusik weist daher auch keine Musikliteratur auf --, spielen vielmehr alles aus dem Gedächtnis oder auch aus dem Stegreif. Die musikalischen Gedanken und Weisen pflanzen sich auf dem Wege der Überlieferung von einem Geschlecht zum anderen fort und werden unaufgeschrieben mit ängstlicher Treue bewahrt. -- Die Darbietungen der Zigeuner sind durchweg solche instrumentaler Art, besonders im Geigenspiel sind sie wahre Meister. Der Gesang tritt bei ihnen stark in den Hintergrund. -- Die Zigeunerweiber gehen, wo die Stämme ansässig sind, auf die Felder zur Bestellung und schleppen Holz herbei; ihre Hauptbeschäftigung besteht aber in Wahrsagen, Kartenschlagen und Traumdeuten. Mit bewunderungswürdiger Schlauheit verstehen sie es, ihren Opfern dabei Geld abzuschwindeln. Alle diese +Beschäftigungen+ der Zigeuner sind indessen fast nur scheinbare; in Wirklichkeit gehen sie dem Diebstahl in den verschiedensten Formen nach und fristen auf diese Weise ihr Leben.

Im ganzen zählt man noch etwa eine halbe Million Zigeuner auf der Erde, von denen gut drei Viertel auf Südosteuropa kommen.

Obwohl dem Namen nach Christen beziehungsweise Mohammedaner, verharren die Zigeuner durchweg noch in krassem +Aberglauben+. Eine große Rolle spielen dabei die Urmen oder Schicksalsfrauen, denen ein Haupteinfluß auf das menschliche Leben zugeschrieben wird. Die Urmen sind „ausgereifte Baumseelen“ und leben unter der Oberhoheit einer Königin in unzugänglichen Schluchten hoher Gebirge, und zwar in Palästen, die aus Gold und Silber erbaut sind. Man stellt sie sich als weibliche Wesen von ungewöhnlicher Schönheit vor, solange sie jungfräulich bleiben, ausgestattet mit zwei Flügeln, vermöge deren sie durch die Lüfte ziehen können. Solange sie sich mit keinem Manne eingelassen haben, bleiben sie, wie gesagt, jung und schön; nach etwaigem Verkehr mit einem männlichen Wesen aber gebären sie sogleich drei Urmen auf einmal, verwandeln sich in alte Weiber, werden als ehrlos von der Königin verstoßen und ziehen sich in einsame Hütten zurück. Von den drei Urmengeschwistern ist die eine ein böses, schlechtes Wesen, die beiden anderen dagegen gute. Jene sucht das Schicksal des Menschen zum Schlechten zu wenden; die beiden guten Urmen dagegen sind die Beschützerinnen der Menschen und Tiere und haben jede unter den Menschen sieben Lieblinge, denen sie Hilfe und Schutz angedeihen lassen, und ebensoviele Tiere. Eine andere Art von Schicksalsfeen sind die Keshalyi oder Waldgeister, die im Hochgebirge auf Felsvorsprüngen sitzen und ihr oft meilenlanges Haar in die Täler wallen lassen, wodurch sich die Entstehung des Nebels erklären soll. Ihr Verhältnis zu den Menschen ist ein ähnliches wie das der Urmen. Außer den genannten Naturgeistern verehren die Zigeuner noch eine ganze Reihe anderer Dämonen, wie die Niwaschi oder Wassergeister, die Pçuvusche oder Erdmenschen, Riesen und Zwerge, Jiuklanusche oder Hundemenschen und verschiedene Krankheitsdämonen.

Dem Einfluß der bösen Geister sucht man auf alle nur mögliche Weise zu begegnen, durch Opfer, Amulette, Beschwörungen und manches andere. Bevor man die Zelte zur neuen Wanderung abbricht, umreitet man dreimal das Lager, um die bösen Geister zu bannen. Aus demselben Grunde speit man dreimal in das Wasser, wenn man auf der Wanderung eine Brücke überschreitet. Erwachsene tragen häufig Stechapfelsamen als wirksames Abwehrmittel in den Schuhen bei sich, um bei wichtigen Unternehmungen Glück zu haben, hängen sich kleine aus Lindenholz, gleichfalls einem kräftigen Zaubermittel, geschnittene Täfelchen auf den bloßen Leib, um vor ansteckenden Krankheiten bewahrt zu bleiben, schlingen sich eine aus Eselshaaren geflochtene Schnur um den linken Oberschenkel, um bei Frauen Glück zu haben, und wenden noch eine ganze Reihe ähnlich gearteter Maßnahmen an. Helferinnen erstehen den Menschen in den +Zauberfrauen+. In erster Linie sind diese ihnen sowie den Tieren nützlich als Heilkünstler, denn sie gelten als mit besonderen Kenntnissen und Kräften ausgestattet, um das Schlechte, die Krankheitsdämonen, aus dem Körper zu vertreiben. Hiervon abgesehen, verstehen sie sich aber auch darauf, das Gelingen eines Unternehmens zu fördern, Liebe und Haß zu entfachen, die Seele des Menschen zu „binden und zu lösen“, das Wetter zu regeln, das Bild der Zukünftigen herbeizuzaubern, die Toten zu bannen und dergleichen. Ihre übernatürlichen Kräfte werden meistens vererbt und von den älteren Zauberfrauen bei den dafür Begabten weiterentwickelt. Aber auch durch geschlechtlichen Verkehr mit den Wassergeistern (Niwaschi) oder Erdmenschen (Pçuvusche) kann man zur Zauberin werden.

Die Zauberfrauen sind auch bei der Geburt zugegen, um diese durch Gebete und andere Mittel zu fördern. Kinder sind ein unbedingtes Erfordernis der Ehe. Ein kinderloses Weib wird verachtet; man behauptet von ihm, daß es vor der Ehe ein Liebesverhältnis mit einem Vampir gehabt habe. Mancherlei Aberglaube beeinflußt das Leben einer +Schwangeren+. Frauen, die sich in anderen Umständen befinden, tragen Bärenklauen am Gürtel; sie müssen ihn, wenn sie einen Regenbogen erblicken, diesem zuschwenken, damit das Kind schön werde.

Naht die +Geburtsstunde+, so löst man an den Kleidern der Kreißenden und an denen ihrer Umgebung alle Knoten. Ferner wird vor dem Zelt ein Feuer angefacht, um die bösen Geister abzuschrecken; die Weiber, denen diese Pflicht obliegt, speien dreimal in die Flamme, rufen dabei: „Komm, gute Urme, und hilf!“ und murmeln dann noch weitere Sprüche; bei den siebenbürgischen Zigeunern läßt man dieses Feuer bis zur Taufe brennen. Um die feindlich gesinnten Dämonen zu verscheuchen, ziehen die Zeltzigeuner um Mutter und Kind einen kreisförmigen Ring, innerhalb dessen Stechapfelsamen ausgestreut wird. Die Balkanzigeuner stellen zu Häupten der Mutter einen Napf mit in Honig gekochter Hirse oder Weizen auf und stecken drei Löffel in den Brei, damit sich die Urmen daran laben können; zuweilen stellen sie auch drei Stückchen Speck und drei Gläschen Schnaps bereit. Darauf müssen sich alle Leute aus dem Zelte oder der Hütte und ihrer allernächsten Nähe entfernen. Nur die Zauberfrau bleibt vor dem Zelte, in dem Mutter und Kind liegen; hier sitzt sie und murmelt Gebete bis zur Morgendämmerung. Außer ihr ist es nur äußerst selten den Menschen vergönnt, die Urmen zu sehen; so zum Beispiel ist dazu nur die siebente Tochter in einer durch keinen Knaben unterbrochenen Mädchenreihe imstande, und umgekehrt sogar nur der neunte Sohn in einer durch kein Mädchen unterbrochenen Knabenreihe. -- Gegen Mitternacht nach der Geburt des Kindes erscheinen dann die drei Urmen und bestimmen das zukünftige Geschick des neuen Weltbürgers. Die erste bestimmt die Zahl der Lebensjahre des Kindes und seine dereinstige Todesart, die zweite, ob es reich oder arm, in der Ehe glücklich oder unglücklich werden soll, und die dritte endlich sucht die Wünsche ihrer Schwestern zu entkräften.