Part 33
Die +Werbe- und Hochzeitsgebräuche+ sind bei allen Balkanvölkern ziemlich dieselben, was nicht wundernehmen wird, da sie alle jahrhundertelang unter der gemeinsamen Herrschaft der Türken gestanden haben. Vor Eingehung der Ehe wird im allgemeinen die materielle Frage erörtert, was indessen nicht ausschließt, daß gelegentlich auch Neigungsheiraten vorkommen. Für gewöhnlich bedient man sich eines Vermittlers, der die wichtige Frage der Mitgift zu regeln hat. Sind die Eltern nicht imstande, alle Kosten zu tragen, so nehmen wohl auch die Brüder des Mädchens einen Teil derselben auf sich. Im allgemeinen bleiben die Söhne so lange ledig, bis alle Schwestern unter die Haube gekommen sind, zumal wenn keine großen Altersunterschiede zwischen Söhnen und Töchtern bestehen. Außerdem ist es Sitte, daß die Töchter der Reihe nach verheiratet werden, so daß eine jüngere keine Ehe eingehen darf, bevor nicht die älteren versorgt sind. Bei der Verlobung werden Ringe zwischen den beiden jungen Leuten gewechselt, während die anwesenden Bekannten sie mit wohlriechenden Blüten des Mandelbaumes überschütten und ihnen eine recht baldige „Krönung“ (das heißt Trauung) wünschen. Erfrischungen werden herumgereicht, in manchen Gegenden wird auch ein festliches Mahl eingenommen. Auf Korfu besteht die Sitte, daß ein junges Mädchen, das verlobt ist, fortan eine Menge falscher Haare anlegt, die zu beiden Seiten des Gesichts aufgetufft und mit Streifen von rotem Stoff durchflochten werden. Diese unechten Haare werden später das ganze Leben lang getragen und vererben sich von einem Geschlecht auf das andere. -- In Griechenland findet sich vielfach noch die Sitte des Kinderverlöbnisses (siehe die Kunstbeilage).
Zu Berlad in Rumänien findet im Frühling immer noch ein richtiger Heiratsmarkt statt, zu dem Mädchen armer Herkunft von ihren Eltern gebracht werden, um einen Freier zu finden. Die Männer, die sich dort einfinden, gehören auch den ärmeren Klassen an, sie müssen aber, falls sie eine Wahl treffen, den künftigen Schwiegereltern den Nachweis erbringen, daß sie eine Frau unterhalten können; auch erfordert es die gute Sitte, daß die Schwiegermutter zur Bekräftigung der getroffenen Abmachung ein kleines Geldgeschenk von ihnen erhält.
Die Hochzeit findet bei dem griechischen Volke für gewöhnlich an einem Sonntag statt, doch beginnen die Hochzeitsfeierlichkeiten bereits drei, bei den Bewohnern des südlichen Mazedoniens sogar schon acht Tage vorher. Hier wird nämlich am vorausgehenden Sonntag dem Bräutigam feierlich eine Abschrift des Ehevertrags übersandt, der seiner Verlobten dafür einige bescheidene Geschenke überbringen läßt, wie Süßigkeiten, Henna, Schminke und dergleichen, sowie für die Schwiegereltern einen Krug Wein. Während der folgenden vier Tage beschäftigt man sich mit dem Backen des Hochzeitskuchens. Am Freitag werden die Geschenke, die meistens in nützlichen Haushaltsgegenständen bestehen, im Zuge durch die Straßen getragen. Am Samstag fertigt man bei den Rumänen den Brautkranz an; auch pflegt man in Griechenland dann bereits die Braut für den folgenden Tag anzuputzen (Abb. 440). An manchen Orten trägt die Braut auch schon an diesem Vortage den Kranz, wenn der Bräutigam sie besucht. Bei der Ankunft tritt der Brautführer vor und sagt einen artigen Vers auf die Braut. Diese, die ein Gefäß mit Wasser und den Hochzeitskuchen neben sich stehen hat, besprengt zum Scherz die jungen Leute und verteilt an sie von dem Kuchen. Darauf begibt sich der Bräutigam noch einmal nach Hause und übersendet der Braut seine Geschenke, unter denen nie die Gewänder für den nächsten Tag fehlen einschließlich des Schleiers, der Goldschnüre und Blumen. An manchen Orten werden die Hochzeitsgeschenke erst am Samstag in feierlichem Zuge nach dem Hause des Bräutigams geschafft; beim Verlassen des Hauses und bei der Ankunft im neuen Heim werden Flintenschüsse abgegeben. Der nächste Tag ist der eigentliche Hochzeitstag. Die Braut wird von den Brautjungfern angezogen und geschmückt, die ihr auch das Haar kämmen und Orangenblüten hineinflechten sowie lange, bis an die Knie reichende Goldschnüre, für gewöhnlich auch heimlich eine silberne Münze, damit sie sich nie in Geldnot befinde; den Schluß bildet die Anlegung des Schleiers. Bei den Mazedoniern nimmt die Braut hierauf in einem Winkel des Zimmers, der besonders schön ausgeputzt ist, Platz, um ihren Bräutigam zu erwarten. Beim Verlassen des Hauses wird von der Mutter vor diesem und seinen Freunden ein Gefäß mit Wasser ausgegossen, auch ein Gürtel über den Weg gelegt, über den er hinwegschreiten muß. Auf dem Weg nach dem Brauthause wird von den Begleitern gesungen. -- Einen wichtigen Bestandteil der Trauung bildet die sogenannte Kranzzeremonie oder die Krönung. Zwei kronenartige Kränze (Abb. 441) von Blumen oder Metall werden Braut und Bräutigam mit Hilfe der Trauzeugen aufs Haupt gesetzt und auf ein gegebenes Zeichen gewechselt. Darauf vereinigt der Priester die Hände des jungen Paares und ihrer Zeugen, und alle gehen dreimal um den Altar herum. Dabei stimmt der Geistliche einen besonderen Gesang, „Jesaias tanzt“, an, während dessen alle Anwesenden die jungen Eheleute mit Süßigkeiten, Weintrauben und Haselnüssen überschütten.
Nach der Trauung begibt sich alles in das neue Heim (Abb. 443). Hier wird die junge Frau bei den Rumänen von der neuen Schwiegermutter mit Salz und Brot, manchmal auch mit Honig und Butter bewillkommt. Bei den Griechen Mazedoniens empfangen die Mutter des Bräutigams und der Vater der Braut, die der Trauung nicht beigewohnt haben, das junge Paar und bewerfen es mit Zuckerpflaumen, Reis, Baumwollsamen, Gerste und auch Geld, das sich die Kinder, die dann nie fehlen, aufsammeln. Wenn die junge Frau ihr neues Heim betritt, muß sie erst über eine Pflugschar, die auf der Schwelle liegt, schreiten. Bei den Griechen ist es Sitte, daß sie bei ihrer Ankunft viermal über den Rücken des Maultieres, auf dem sie geritten ist, gehoben und dann rückwärts vor die verschlossene Haustür geführt wird. Auf deren Mitte muß sie eine Stelle mit Honig bestreichen, darauf wieder ein paar Schritte zurückgehen und einen Granatapfel gegen die Tür werfen, bis er bricht. Es gilt für eine gute Vorbedeutung, wenn aller Same am Honig hängen bleibt. Jetzt öffnet der junge Ehemann endlich die Tür und bietet seiner angetrauten Gattin ein Stück Brot mit etwas Salz an; diese tupft das Brot in das Salz und ißt davon. Bevor sie aber das Haus endgültig betritt, muß sie erst noch Wasser und Öl berühren. Nach diesem allen hebt der Gatte sie über die Türschwelle und setzt sie in eine Ecke mit dem Rücken gegen die Wand, worauf ihre ganze Aussteuer und alle anderen Geschenke vor ihr aufgebaut werden. Dort muß sie ruhig sitzen bleiben, ohne zu sprechen oder sich zu bewegen, während der Gatte und seine Freunde schmausen. Am nächsten oder an einem der folgenden Tage muß sie sich mit ihren Freundinnen zu der nächsten Wasserquelle begeben und ein Gefäß mit Wasser füllen, um die Najaden der Quelle zu versöhnen, auch eine Münze in diese fallen lassen. Bei ihrer Rückkehr gießt sie ihrem Gatten etwas Wasser über die Hände und erhält von ihm gewöhnlich ein kleines Geschenk.
Die Hochzeitszeremonien der Türken ähneln im allgemeinen denen der Moslems, über die an anderer Stelle dieses Werkes bereits berichtet wurde. Die +Heirat wird+ meistens durch alte Frauen +vermittelt+, die von Harem zu Harem ziehen, um mit Gebrauchsgegenständen für das weibliche Geschlecht Handel zu treiben, dabei aber auch nach geeigneten Personen, die sie verkuppeln könnten, Umschau halten. Ist ein Paar, das zusammenzupassen scheint, von einer solchen Frau ausfindig gemacht worden, dann werden Geschenke zwischen den beiden Parteien ausgetauscht. Die Mutter des jungen Mannes sucht daraufhin das Haus ihrer zukünftigen Schwiegertochter auf und bringt rote Seide sowie einige Zuckerpflaumen mit. Nachdem die Seide auf der Erde ausgebreitet worden ist, tritt das junge Mädchen darauf und küßt seiner demnächstigen Schwiegermutter die Hand, die ihm darauf den Segen erteilt und einige Süßigkeiten überreicht. Ein Stück von diesen beißt das Mädchen entzwei und behält die eine Hälfte für sich, während sie die andere der Mutter ihres zukünftigen Gatten für diesen mitgibt. -- Die bürgerliche +Trauung+ findet acht Tage nach diesem Verlöbnis statt. Nachdem der Ehevertrag vollzogen und unterschrieben worden ist, erklärt der junge Mann vor dem Imam, dem türkischen Priester, dreimal seinen Willen, mit dem jungen Mädchen die Ehe einzugehen; die Verlobte gibt eine entsprechende Erklärung ab, wobei sie aber hinter der Tür des Frauengemaches steht. Vor dem Schluß der Hochzeitsfeierlichkeiten, die sich oft genug über einige Wochen und selbst Monate erstrecken, dürfen sich die beiden jungen Eheleute nicht sehen.
Die eigentliche +Hochzeit+ beginnt in der Regel an einem Montag; an diesem Tage nämlich senden die Brauteltern die Ausstattung in das künftige Heim ihrer Tochter. Am folgenden Tage wird die Braut durch ihre Freundinnen ins Bad geleitet. Am Mittwoch empfängt ihre Mutter die weiblichen Verwandten des Schwiegersohnes und stellt ihnen ihre Tochter vor. Diese küßt ihrer Schwiegermutter die Hände und nimmt neben ihr Platz. Eine ältere Frau steckt letzterer ein Stück Zucker in den Mund und reicht es darauf der Schwiegertochter als Sinnbild der angenehmen Beziehungen zwischen beiden. Darauf verabschieden sich die Verwandten und gehen nach Hause, kehren aber gegen Abend noch einmal zurück, um der Zeremonie des Hennafärbens beizuwohnen, die unter großer Feierlichkeit mit Musikbegleitung vorgenommen wird. Am Donnerstag begibt sich die junge Frau in die Wohnung ihres Gatten; beim Verlassen des Elternhauses legt ihr der Vater einen Gürtel um, während er wie auch die Mutter über das Scheiden der Tochter Tränen vergießen. Bei ihrer Ankunft begrüßt der junge Ehemann seine Braut, zieht sich dann aber in die Männergemächer zurück, währenddessen die Frauen die Brautgeschenke besichtigen; darauf begibt er sich in die Moschee. Erst nach dem fünften Gebet darf er den Harem betreten und seine Frau zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht sehen, nachdem zuvor eine alte Frau ihr den Schleier abgenommen hat. Ehe diese sich zurückzieht und das junge Paar allein läßt, hat sie noch eine eigentümliche Zeremonie vorzunehmen, nämlich den beiden Eheleuten einen Spiegel vorzuhalten und gleichzeitig deren Köpfe gegeneinander zu halten, so daß ihre Bilder im Spiegel dicht nebeneinander erscheinen. Mit dem Tage der Hochzeit hört für die junge Frau fast jeglicher Verkehr mit der Außenwelt auf; der Mann kann ihr verbieten, die eheliche Wohnung ohne seine Erlaubnis zu verlassen, ebenso ihr den Empfang von fremden Frauen in ihrem eigenen Hause untersagen. Auch die Erziehung der Kinder steht dem Vater zu, doch hat die Mutter das Recht, Knaben bis zum siebenten und Mädchen bis zum neunten Jahre zu beaufsichtigen und zu pflegen. Die Frau ist verpflichtet, ihrem Mann überallhin zu folgen, sofern der neue Wohnsitz nicht weiter als drei Tagereisen entfernt ist. Wenn ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet ist -- der Koran erlaubt deren bis vier, indessen wird nur in den seltensten Fällen von dieser Vergünstigung Gebrauch gemacht; gegen neunzig Prozent der Türken leben in Einehe --, so muß er alle gleich behandeln, gleichviel wie lange die Ehe mit den einzelnen Frauen besteht oder ob diese Mohammedanerinnen, Christinnen oder Jüdinnen sind. Der Gatte setzt selbständig die Zeit fest, die er bei jeder seiner Frauen zubringt; er darf aber keine von ihnen besonders bevorzugen und bei keiner über die festgesetzte Zeit hinaus verweilen. Geht er auf Reisen, so darf er sich nach Belieben von einer seiner Frauen begleiten lassen, ohne daß die zurückbleibenden berechtigt wären, dies als Zurücksetzung aufzufassen.
Die +Begräbnisgebräuche+ der Griechen sind im großen und ganzen dieselben wie sie bei den slawischen Völkern geschildert wurden. Die Beerdigung findet meist schon ein bis zwei Tage nach dem Tode statt. In dem Augenblick, wo die Leiche das Haus verläßt, wird ein Krug mit Wasser ausgegossen. In Mazedonien tut man dies auch, wenn ein Leichenzug bei einem Hause vorüberkommt; dabei ruft man aus: „Möge Gott ihm seine Sünden vergeben, damit sie uns nicht erreichen.“ Offenbar handelt es sich bei diesem Brauch um eine Abwehrmaßnahme. Bei den Rumänen (Abb. 437) erfordert es die Sitte, daß, wenn jemand im Sterben liegt, man ihm eine Wachskerze in die Hand gibt; ist er selbst nicht mehr imstande, sie zu halten, dann muß ein Verwandter oder Freund ihm diesen Liebesdienst erweisen. Die Leiche wird mit heißem Wasser gewaschen. Das Leichenwasser darf aber nicht achtlos fortgeschüttet werden; man muß es vielmehr sorgfältig an einem Baum ausgießen und die Stelle mit dem Gefäß bedecken, in dem es gekocht wurde. Es gilt für Sünde, über eine solche Stelle hinwegzuschreiten. -- In Griechenland trägt man die Leiche offen ohne Sargdeckel zum Friedhof; der Deckel wird dem Sarge aufrecht vorangetragen (Abb. 444). Bei den Griechen und Albaniern werden die Knochen einige Zeit nach dem Tode, im allgemeinen aber nach drei Jahren, ausgegraben und in kleineren Särgen von neuem beigesetzt. Stirbt ein Albanier im Ausland, so werden seine Gebeine in die Heimat übergeführt, wenigstens aber, wenn das Zurückbringen der ganzen Leiche Schwierigkeiten macht, einige wenige Knochen. Auch Seelensabbate sind den Griechen bekannt, an denen die Kirche feierliche Gedenkgottesdienste veranstaltet; sie finden am Pfingstsamstag statt. An diesem Tage begibt sich die ganze Bevölkerung in großen Scharen zu den Friedhöfen, um zu beten. Das türkische Begräbnis erfolgt nach mohammedanischer Sitte. Die nur mit einem Tuch bedeckte Leiche wird auf einem Brett zur Grabstätte getragen.
Die übrigen in Europa vertretenen Stämme:
Lappen, Finnen, Basken, Zigeuner.
+Die Lappen.+ Das Gebiet, das wir als Lappland bezeichnen, liegt über den nördlichen Polarkreis hinaus, teils in Rußland, teils in Norwegen und Schweden. Seine Bewohner sind wahrscheinlich mongolischer Herkunft; sie zeichnen sich durch eine äußerst kleine Gestalt -- beim Manne geht sie kaum über hundertfünfzig Zentimeter hinaus --, im Verhältnis zum übrigen Körper kurze, meist krumme Beine und lange Arme, breite Backenknochen, breite, platte Nase, schiefstehende Augen, schwarze Haare und schmutziggelbe Gesichtsfarbe aus. Im allgemeinen kann man sie als äußerst häßlich bezeichnen. Doch begegnet man unter ihnen hin und wieder auch Personen, besonders Mädchen, mit hellblauen Augen, blonden Haaren, schöner Gesichtsfarbe und edleren, europäisch anmutenden Zügen. Es handelt sich da um eine Folge der zahlreichen Mischungen zwischen Lappen und Norwegerinnen. Nicht selten nämlich gehen norwegische Mädchen armer Herkunft Ehen mit reichen Lappen ein. Es gibt unter diesen manche wohlhabende; einige Familien nennen gegen fünftausend Renntiere ihr Eigentum. Der umgekehrte Fall, daß ein norwegischer Bursche eine Lappin heiratet, dürfte äußerst selten eintreten, da die lappischen Mädchen gewiß nichts Verlockendes an sich haben.
Männer und Frauen sind fast gleich +gekleidet+ (Abb. 448). Sie tragen Beinkleider aus Fell, die in hohen Pelzstiefeln stecken, ein Wams und eine mit einer Troddel geschmückte Spitzmütze. Die Küstenlappen pflegen während des Sommers an Stelle der sonst üblichen Gewänder aus Renntierfellen solche aus blauem Tuch von demselben Schnitt zu tragen, die meist mit reicher roter Stickerei versehen sind.
Ebenso einfach wie ihre Kleidung ist die +Behausung+ der Lappen. Sie leben in Zelten (Abb. 445 und 447), die im Innern des Landes im Winter mit dicken Renntierfellen behängt werden, im Sommer dagegen nur aus einem leichten Stangengerüst aufgebaut und mit Birkenrinde oder Rasenstücken bedeckt sind. Oben an der Spitze des Zeltes befindet sich ein Abzugsloch für den Rauch, unten in der Mitte die Feuerstätte. Um sie herum lagert sich auf Renntierfellen als Bettstatt die ganze Familie; Eltern, Kinder und Verwandte schlafen sämtlich gemeinsam in diesem einzigen Raum.
Die +Nahrung+ der Lappen besteht in der Hauptsache aus der Milch der Renntiere, der sie eine Art Brot aus Sauerampfer beimengen. Der Sauerampfer wird im Sommer gesammelt, breiartig eingekocht, in flachen, fladenartigen Broten getrocknet und für den Winterbedarf aufbewahrt. Renntierfleisch wird nur sehr selten genossen, meistens nur, wenn ein verunglücktes Tier geschlachtet werden muß. Die Renntiere machen den ganzen Reichtum der Lappen aus und bilden ihren wertvollen Handelsartikel, den sie bei ihrem Aufenthalt an der Küste gegen mancherlei Bedarfsgegenstände austauschen. -- Männer und Frauen sind eifrig dem Genusse des +Tabakrauchens+ ergeben.
Die Lappen führen alle ein +äußerst bescheidenes Leben+. Zum größten Teile sind sie Jäger und Fischer. Die umherziehenden Lappenstämme wohnen im Winter am Saume der großen Wälder und sorgen hier für ihre Herden. Kommt der Sommer, dann verlassen sie ihre kegelförmigen Fellzelte und ziehen in die Berge, den Renntieren nach, die frei umherlaufen. Bei der Rückkehr in die Zelte fangen sie ein Tier aus der Herde ein und hängen ihm eine Glocke um den Hals; durch diese werden die übrigen Tiere herbeigelockt und dann durch Hunde zusammengetrieben und zusammengehalten. Die Hunde spielen im Leben der Lappen eine wichtige Rolle als +Haustiere+; sie sind die ständigen Begleiter ihrer Herren, gehen sogar in die Kirche mit ihnen und halten sich während des Gottesdienstes bei ihnen auf; teils liegen sie dann still, teils balgen sie sich auch miteinander herum. Sie dienen zur Bewachung der Renntierherden. Auf ihren Reisen ziehen die Lappen in Schlitten (Abb. 455) oder auf Skiern (Abb. 446) umher und führen spatenähnliche Stöcke mit sich, um mit ihnen das Moos unter dem Schnee für die Renntiere auszugraben, die es sich übrigens auch selbst mit den Vorderhufen hervorholen. -- Die Küstenlappen leben ausschließlich vom Fischfang, bei dem sie eine überraschende Geschicklichkeit bekunden.
Die +Religion+ der Lappen ist das Christentum, für die skandinavischen das der lutherischen, für die russischen das der griechischen Kirche. Die kirchlichen Hauptfeste werden ebenso wie bei uns zu Ostern und im Dezember gefeiert; zu Ostern finden auch die meisten Einsegnungen und die meisten Hochzeiten statt. Oft werden drei bis vier Paare zu gleicher Zeit getraut. Als die Lappen noch Heiden waren, durfte in keinem ihrer Stämme ein +Zauberpriester+ fehlen, ein sogenannter Noide, der sich mit Hilfe einer besonderen Trommel mit den unsichtbaren Mächten, den Göttern und den Geistern der Verstorbenen, in Verbindung setzen konnte. Nicht ein jeder vermochte Noide zu werden; man mußte dazu auserlesen sein, bereits mit einem Zahn im Munde zur Welt gekommen sein und sich durch Hunger, Einnehmen von Kräutersäften und dergleichen Maßnahmen, die das Nervensystem stark aufregten und reizten, vorbereitet haben, schließlich durch einen erfahrenen alten Noiden zuvor in die Geheimnisse eingeführt werden. Die +Zaubertrommel+, die eine große Rolle spielte, war von verschiedener Größe, aber stets von länglichrunder Form. Sie war aus einem Baumstamm durch Aushöhlen hergestellt und mit einem Renntierkalbfell überspannt; auf dieses waren mit rotem Saft aus Ebereschenrinde Zeichen und Bilder gemalt. Außerdem gehörte zu einer solchen Zaubertrommel noch ein Zeiger oder Weiser und ein Hammer, der in Form eines _T_ aus Renntierknochen angefertigt war. Die Trommel diente in erster Linie zum Wahrsagen. Der Zeiger wurde unter Verbeugungen und dem Hersagen von Sprüchen auf das Bild der Sonne in der Mitte des Trommelfells gelegt und dadurch in Bewegung gesetzt, daß in seiner Nähe anfangs leise, dann stärker mit dem Hammer aufgeschlagen wurde. Machte der Zeiger bei einer Figur halt, dann war die Zeremonie, die von dem Zauberer und den Umhersitzenden mit dem eintönigen Absingen von Liedern zu Ehren der Gottheit, an die man ein Anliegen hatte, begleitet wurde, beendet und die Kundgebung geschehen. Das betreffende Bild zeigte dann an, was für ein Tier geopfert werden sollte, ferner welcher Gottheit und an welcher Stelle, ob ein Krankheitsfall tödlich verlaufen werde oder nicht und so fort. Die Trommel wurde auch, obwohl seltener, geschlagen, wenn der Zauberpriester einen Zustand von Verzückung herbeiführen wollte, um sich in ferne Gegenden zu versetzen. Er verfiel dabei infolge seiner hochgradigen nervösen Reizbarkeit in eine Art Dämmerzustand und berichtete nach seinem Erwachen, welche Orte er auf seiner Wanderung in die Ferne aufgesucht und was er dort gesehen habe. Es bedarf wohl keines weiteren Nachweises, daß der Zauberpriester der Lappen mit seiner Trommel an den Schamanen der nordsibirischen Völker erinnert, und es ist wohl anzunehmen, daß die Lappen diese Gebräuche von dorther mitgebracht haben.
Die kleinen +Kinder+ der Lappen werden in eine Art Lederfutteral (Abb. 450) eingewickelt, aus dem sie nur gerade mit dem Gesicht herauslugen; sie sehen dann eingewickelten Mumien nicht unähnlich. Diese Futterale werden gleichzeitig als Wiegen benutzt, die man zwischen zwei Birkenstämmen aufhängt und schaukelt.