Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 19

Chapter 193,011 wordsPublic domain

Um den Toten möglichst an der Wiederkehr zu verhindern, werden eine Reihe Vorkehrungen getroffen. Oft versucht man seinen Geist durch Drohungen, Geschrei, den Lärm von Musikinstrumenten (Abb. 245), Flintenschüsse und ähnliche Mittel einzuschüchtern, sowohl während des Begräbnisses wie auch nach demselben. Das üblichste Lärmgerät ist das uns schon von Australien her bekannte Schwirrholz, ein längliches, flaches Stück Holz, das an einer Schnur geschwungen wird und einen unheimlichen, summenden Ton von sich gibt. Wie anderwärts besteht auch hier für die Frauen das strenge Verbot, ein Schwirrholz jemals zu sehen; wer ein solches zu Gesicht bekommt, kann mit dem Tode bestraft werden. Drollig ist die Art, wie man den Toten irreführen will, damit er die Spur verliere. Die Araukaner in Chile gehen beim Verlassen des Dorfes nach dem Tode eines Angehörigen kreuz und quer, damit der Geist ihren Fährten nicht folgen könne. Wenn die Bororó den Korb mit den Gebeinen eines kürzlich Verstorbenen aus dem Dorfe tragen, um sie an einem entlegenen Orte zu begraben, läuft einer hinter den Trägern her und zieht einen Palmzweig nach sich, damit alle Fußspuren verwischt und es für den Geist des Toten unmöglich werde, nach Hause zurückzufinden. Das wirksamste Mittel aber, um dem Toten die Rückkehr unmöglich zu machen und sich so vor seiner Belästigung zu schützen, besteht darin, daß man die Leiche festschnürt, so daß die Knie an das Kinn und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kommen, oder ihn in einen Korb, ein großes Gefäß oder einen Trog einzwängt und die darauf geworfene Erde eigens feststampft, oder daß man die Grabstätte mit Steinen oder wuchtigen Holzkloben beschwert. Manche Stämme gehen in ihrer Furcht vor dem Toten sogar so weit, daß sie es vermeiden, seinen Namen auszusprechen und sich bemühen, jede Erinnerung an ihn aus ihrem Gedächtnis zu verwischen. So darf zum Beispiel bei den Goajiro in Kolumbia niemand in Gegenwart der Familie des Heimgegangenen dessen Namen aussprechen. Hat jemand gegen dieses Gebot gefehlt, dann wird er entweder sofort getötet oder muß eine schwere Strafe zahlen, die oft in zwei oder drei Ochsen besteht. Verweigert er diese Buße, dann wird ihm sein Vieh gewaltsam weggenommen. Im Gran Chaco ist es bei einigen Stämmen Brauch, daß nach einem Todesfall alle Überlebenden den Namen wechseln, damit der Geist nicht imstande sei, den herauszufinden, an dem er vielleicht seinen Zorn auslassen möchte. -- Schließlich ist noch die +Klage um den Toten+ ein Brauch, der bei vielen südamerikanischen Stämmen vorkommt. Er steht offenbar in engem Zusammenhang mit den oben geschilderten Schutzmaßregeln und ist stets unmittelbar mit etwaigen sonstigen Begräbniszeremonien verbunden. Die Angehörigen pflegen das Lob des Toten, im besonderen seine Heldentaten, in allen Tonarten zu singen, durch Lieder und durch sonstige Vorträge; die Feier endet dann meist mit lautem Weinen und Jammern. Bei den Coróado ziehen sich nur die weiblichen Angehörigen nach dem Begräbnis in eine abseits gelegene Hütte zurück, wo sie heftig weinend den Verlust betrauern.

Der Aberglaube, daß das Essen von dem Fleisch bestimmter Tiere die Eigenschaften dieser auf den, der es genießt, und selbst auf die Frucht in dessen Leibe übergehen lasse, mag Veranlassung dazu gegeben haben, daß viele Stämme die Aschenreste ihrer Vorfahren unter ihr Getränk mischen, um sich so deren gute Eigenschaften anzueignen. Die Kobéua, die diese Unsitte üben, halten dabei zugleich Tänze ab, wo die Masken eine große Rolle spielen, die wir eingangs schon kennen gelernt haben. Wir erinnern ferner an die unter vielen Naturvölkern verbreitete oder richtiger verbreitet gewesene Sitte der +Menschenfresserei+, die zumeist ähnlichen Zwecken dienen sollte wie das erwähnte Vermischen des Getränks mit der Asche Verstorbener. Sie war früher allgemein üblich und soll auch jetzt noch bei gewissen Stämmen, zum Beispiel den Uitóto, vorkommen. Der Indianer, der dies tut, will dadurch sowohl die guten Eigenschaften seines Feindes in sich aufnehmen als auch dessen Persönlichkeit vollständig vernichten und sich dadurch gegen die Rache des Geistes des Verstorbenen schützen.

Die +Art und Weise der Bestattung+ ist ganz verschieden. Vielfach zwängt man den Verstorbenen in einen engen Behälter und vertraut diesen der Erde an, meistens auf einem allgemeinen Begräbnisplatz außerhalb des Dorfes. Auch ein Kanu, das dem Toten gehört hat, ist als Sarg üblich. Ein Chiriguanomann, der von einem Jaguar getötet wurde, wird mit dem Kopf nach unten begraben, damit er nicht als Jaguar umgehe. Die Beisetzung erfolgt häufig auch in der eigenen Hütte des Verstorbenen, die man dann aber verläßt. Befindet sich die Grabstätte außerhalb des Hauses, so wird über ihr noch häufig ein niedriges Dach errichtet, unter das man in der ersten Zeit immer noch Nahrungsmittel für den Toten zu stellen pflegt. Die Carayá graben die Leiche nach einiger Zeit aus, sammeln die Knochen und setzen sie in einer Urne von neuem bei. Hier werden der überlebenden Ehehälfte nach Ablauf der Trauerzeit auch wieder die Kniebänder angelegt zum Zeichen, daß nunmehr zu einer neuen Ehe geschritten werden darf.

Europa

Die heutige Bevölkerung Europas ist in der Hauptsache aus einer Kreuzung dreier Rassen hervorgegangen, der sogenannten nordeuropäischen, der alpinen und der mittelländischen Hauptrasse.

Die +nordeuropäische+ oder indogermanische +Hauptrasse+ ist durch einen hohen Wuchs, länglichen Schädel, längliches Gesicht, ebenmäßige Züge, längliche, schmale Nase mit geradem oder leicht gebogenem Rücken, blondes oder rötliches Haupthaar von lockiger oder gewellter Beschaffenheit, blaue oder hellgraue Augen und weiß-rosige, pigmentlose Haut ausgezeichnet. Sie hat ihre reinsten Vertreter noch unter der Bevölkerung Schwedens, wo sie nachweislich seit Beginn der Steinzeit ansässig gewesen ist und höchstwahrscheinlich auch ihren Ausgang genommen hat. Die schwedische Bevölkerung besitzt eine durchschnittliche Körperlänge von 170,8 Zentimeter. Die nordeuropäische Rasse hat bereits in der vorgeschichtlichen Zeit weitgehende Wanderungen angetreten; sie ist dabei bis nach den äußersten Ecken Südeuropas vorgedrungen und hat selbst darüber hinaus auf der einen Seite bis Nordafrika und auf der anderen bis Indien hin sich verbreitet. Die westlichen und südlichen Gebiete des Ostseebeckens waren eine unerschöpfliche Quelle, aus der immer neue Völkerstämme strömten und Europa nach allen Richtungen hin überfluteten. Zu dieser nordischen Rasse gesellte sich bereits zur jüngeren Steinzeit von Osten her eine zweite hinzu, die +alpine+ oder mitteleuropäische +Rasse+, Leute von untersetzter Gestalt (im Mittel 163 bis 164 Zentimeter), leicht hellbrauner oder auch weißer Hautfarbe, hellbraunen oder schwarzen Augen, braunem oder rötlichbraunem Kopfhaar von welliger Beschaffenheit, rundem, breitem Kopf und rundlichem Gesicht. Ihre eigentümliche Verteilung auf unserem Erdteil läßt darauf schließen, daß sie von Osten, von Rußland oder noch weiter von Mittelasien herankam und sich wie ein Keil zwischen die nordische und die sogleich zu besprechende südeuropäische Rasse bis an die Cevennen hineinschob. Die +südeuropäische+ oder mittelländische +Hauptrasse+ endlich gleicht in ihrer Schädel- und Gesichtsbildung der nordeuropäischen, weicht aber in ihrer Körpergröße (im Mittel 161 bis 162 Zentimeter) und in ihrer Hautfarbe deutlich von ihr ab. Der Farbenton der Haut schwankt von einem gelblichen Weiß oder Blaßbraun zum Rötlichen oder Rotbraun, die Augen sind schwarz oder tiefbraun, die Kopfhaare tiefschwarz. Als ihre Bildungstätte dürften die östlichen Gebiete der Mittelmeerländer anzusehen sein. Infolge der zahlreichen Wanderungen, die sich im Laufe der Zeiten in Europa von Norden nach Süden und gelegentlich auch in umgekehrter Richtung abspielten, sowie infolge des regen Verkehrs zwischen den drei Rassen hat sich eine starke Vermischung zwischen ihnen vollzogen, so daß reine Vertreter der einzelnen Typen zu den Seltenheiten gehören.

Zu diesen drei vorgeschichtlichen Hauptrassen gesellte sich in geschichtlicher Zeit von Osten her noch ein anderer Rassenbestandteil hinzu, die Vertreter der +finnisch-ugrischen und türkischen Unterrasse+, die in den östlichen Teilen Europas gleichfalls dazu beigetragen haben, eine noch weitere Rassenmischung herbeizuführen.

Ganz allmählich haben sich aus den genannten Rassen gewisse Gruppen herausgebildet, deren Angehörige weniger durch anthropologische Merkmale als vielmehr durch bestimmte kulturelle Anschauungen und Gewohnheiten zu einer Einheit verbunden werden. 1. Die +germanische oder teutonische Kulturgruppe+, die die Deutschen, einschließlich eines Teiles der Österreicher, die Niederländer und Flamen in Holland und Belgien, die Engländer, die aus Angelsachsen, Kelten und Normannen hervorgegangen sind, die Schweden, Norweger und Dänen umfaßt. 2. Die +romanische Gruppe+, zu der die Franzosen im Norden und Süden ihres Landes, die ersteren vorwiegend mit germanischem Einschlag, die Wallonen Belgiens, die Spanier, Portugiesen, Italiener, Rumänen und schließlich die Rätoromanen (Ladiner, Friauler) gehören. 3. Die +slawisch-lettische Gruppe+, in der sich die Letten und die große Masse der Slawenstämme Osteuropas vereinigen. Die letzteren zerfallen wieder in westliche, östliche und südliche Slawen; zu den westlichen zählen die Wenden, Kaschuben, Slowinzen, Tschechen, Polen und Slowaken, zu den östlichen die Russen (Groß-, Weiß- und Kleinrussen), zu den südlichen endlich die Serben, Montenegriner, Kroaten und Slowenen. 4. Die +griechisch-illyrische Gruppe+, die die Griechen, Albaner und Arnauten umfaßt. 5. Die +keltische Gruppe+, die nur in den Kelten der Bretagne, von Wales, Schottland (Gaëlen) und Irland ihre Vertreter besitzt. 6. Die +finnisch-ugrisch-türkische Gruppe+, die die Litauer, Ost- und Westfinnen (Karelier, Tawasten, Esten, Liven, Wogulen, Tscheremissen) und Ugrier sowie die Türken (Tataren, Baschkiren, Tschuwaschen, Bulgaren und Osmanlitürken) umfaßt.

Infolge der zahlreichen Völkerbewegungen, die sich im Verlaufe der Jahrtausende und besonders in neuer Zeit in Europa abgespielt haben, sind auch die Grenzen der ursprünglichen Sitten und Gebräuche mehr und mehr verwischt und diese teilweise zum Gemeingut aller Völker geworden; nordeuropäische Sitten und Gebräuche fanden daher Eingang in Südeuropa und umgekehrt, ebenso wurden osteuropäische Sitten nach Westen zu verbreitet. Ferner hat die christliche Religion das ihrige dazu beigetragen, daß die alten heidnischen Anschauungen und Gewohnheiten unserer Altvorderen unterdrückt oder auch vielfach durch eine der Kirche angepaßte Deutung umgewandelt wurden, und schließlich hat die alles gleichmachende moderne Kultur zur Folge gehabt, daß die etwa noch vorhandenen letzten Reste mehr und mehr hinweggewischt wurden. Alle diese Umstände vermochten jedoch nicht, die ursprünglichen Sitten, Gebräuche und Anschauungen gänzlich auszurotten. Allenthalben begegnen wir ihren Überbleibseln noch im Volke, besonders bei der ländlichen Bevölkerung in abseits gelegenen Gegenden, wohin der Einfluß der modernen Kultur nur langsam einzudringen vermochte.

Der germanische Kulturkreis.

Der germanische Kulturkreis umfaßt die Völkerstämme im Süden der Ost- und Nordsee bis etwa nach den Alpen zu, also, ganz allgemein gesagt, die Bewohner Skandinaviens, Englands, Hollands, teilweise auch Nordfrankreichs, ferner Deutschlands (einschließlich der deutschen Ostseeprovinzen), Deutsch-Österreichs und der deutschen Schweiz. Die Sitten und Gebräuche aller dieser Länder ähneln sich im großen und ganzen, sie hängen zu einem wesentlichen Teile mit altgermanischen heidnischen Anschauungen (Abb. 253 bis 256) zusammen. -- Der Quellenkultus sowie die Verehrung vorgeschichtlicher Denkmäler sind unter anderem solche Überreste (Abb. 258 bis 260 und 265). -- Leider ist viel von dem Ursprünglichen bereits abgebröckelt, aber es steht zu hoffen, daß die letzten Reste (Abb. 252), die oft genug auch an geschichtliche Ereignisse anknüpfen, erhalten und weiter gepflegt werden dank den Bestrebungen der Vereine und Persönlichkeiten, denen die Erhaltung deutscher Art und Sitte am Herzen liegt. Zunächst gilt dies für die teilweise recht malerischen +Volkstrachten+ (Abb. 261 bis 264 und 266 bis 271), an denen die germanischen Stämme besonders reich sind. Belohnungen sind verschiedentlich ausgesetzt worden für diejenigen, die sich befleißigen, die alte, kleidsame Tracht ihrer Vorfahren wieder zu Ehren zu bringen, anstatt sie in den Truhen vermodern zu lassen. Verschiedentlich sind aus besonderen Anlässen die alten Gewänder der Großeltern wieder hervorgeholt worden und in festlichen Aufzügen von neuem zu Ehren gekommen. Volkstümliche Feste (Abb. 272 bis 275, 277 und 278) bieten dazu die beste Gelegenheit. In engem Zusammenhang mit den Volkstrachten stehen die +Volkstänze+ (Abb. 276, 279 bis 284 und 286), die man ebenfalls der Vergangenheit vielfach entrissen und zu neuem Leben hat erstehen lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch altertümlicher Musikwerkzeuge (Abb. 285 und 289) und mit den Volksspielen (Abb. 290). Ebenso hat man verschiedentlich die volkstümliche Hauskunst und Heimindustrie (Abb. 287) wieder neu belebt. Die alten anheimelnden Haustypen (Abb. 288) sind leider nicht mehr zu ersetzen, jedoch besteht neuerdings auch hier das Bestreben, die neu entstehenden Häuser dem althergebrachten Dorfbild nach Möglichkeit anzupassen. Es steht zu hoffen, daß auf diese Weise noch manche althergebrachte schöne Sitte ihre Wiederauferstehung feiern werde.

Die Namen unserer +Wochentage+, um mit diesen zu beginnen, sind heidnischen Ursprungs. Der Sonntag war der Sonne gewidmet und galt beim Volke als glückbringend. Wer an ihm geboren wurde, ein sogenanntes Sonntagskind, ist mit dem zweiten Gesicht begabt, das heißt er besitzt die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und Geister zu schauen; seine Handlungen sind stets von günstigem Erfolge begleitet. Im Gegensatz dazu steht der Montag, der Tag des Mondes, vielfach im Rufe eines Unglückstags. Daher wechseln im Hannöverschen und in Schleswig-Holstein die Dienstmädchen an ihm niemals ihre Stelle; wer am Montag etwas unternimmt, wird immer Pech haben. Dem Dienstag, dem Tage des Gottes Tiu oder Tyr (englisch Tuesday, in Schwaben auch Zieseldi genannt), kommt keine besondere Bedeutung zu. Der Mittwoch, der ursprünglich dem Gotte Wodan heilig war (daher noch die englische Bezeichnung Wednesday und die westfälische Gauns- oder Godensdag), wurde im Mittelalter in den Tag der Jungfrau Maria umgewandelt und zu einem Fasttag gemacht. Der Donnerstag verrät wieder recht deutlich seine heidnische Herkunft von Thor oder Donar (englisch daher Thursday, skandinavisch Thorsdag), dem höchsten Gotte der altgermanischen Götterwelt. Mit ihm sind noch verschiedene abergläubische Vorstellungen im Volke verknüpft; solche Überreste des alten Thorkultus erblicken wir noch heutigestags in dem vielfach in Norddeutschland am Donnerstag üblichen Erbsengericht, denn die Erbse war eine dem Thor geheiligte Pflanze. Desgleichen geht der Name Freitag auf eine germanische Gottheit, Freia oder Frigga, die Gemahlin des Wodan, zurück. Auch dieser Tag gilt vielfach in den Augen des Volkes für einen Unglückstag, an dem nichts Neues unternommen, zum Beispiel keine Reise angetreten oder mit dem Schiff in See gestochen werden darf. Anderseits wieder werden gerade am Freitag in Dänemark mit Vorliebe Hochzeiten abgehalten, was damit zusammenhängt, daß bei den alten Römern dieser Tag der Venus, der Göttin der Liebe (daher im Französischen Vendredi, entstanden aus _Veneris dies_), geweiht war. Die katholische Kirche hat den Freitag zum Fasttag gestempelt. Der Sonnabend endlich, das heißt der Vorabend des Sonntags, soll seinen zweiten Namen Samstag von dem lateinischen _Saturni_ dies erhalten haben; indessen wird diese Ableitung mit Recht angezweifelt. Die skandinavische Bezeichnung Löwerdag und Lördag wird mit dem alten nordischen Laugadagr in Verbindung gebracht und soll Badetag bedeuten, weil am Schlusse der Woche allgemein gebadet wurde, wie es übrigens noch heutigestags Familiensitte in Deutschland ist.

Ebenso wie die Namen der Wochentage gehen auch unsere +kirchlichen und weltlichen Feste+ auf die religiösen Anschauungen unserer Altvordern zurück, und zwar in erster Linie auf ihren Sonnenkultus. Die Sonne spendet der Erde Licht und Wärme und damit die notwendigen Grundbedingungen für alles Leben. Daher feierten auch die alten Germanen, ebenso wie andere Völker des Altertums, den Zeitpunkt der Sonnenwende beziehungsweise des höchsten und tiefsten Standes der Sonne sowie der Tagundnachtgleiche und begingen dementsprechend das eine Fest um die Mitte des Sommers und des Winters, das andere im Frühling. Die altgermanische Vorstellung faßte den Wechsel der Jahreszeiten als einen Kampf des Lichtes mit der Finsternis auf; der Winter als böse Macht hat die Natur in Eis und Kälte erstarren lassen, also anscheinend die den Menschen gutgesinnte Macht, die Sonne, überwunden. Die Wintersonnenwende ist der Zeitpunkt, an dem es der Sonne nun gelingt, wiederum zu neuem Leben zu erwachen und mit der Dunkelheit des Winters den Kampf aufzunehmen. Zwölf Tage lang (die sogenannten Zwölften) währt derselbe, bis es sich deutlich an der zunehmenden Länge des Tages zeigt, daß die Sonne als Siegerin aus ihm hervorgehen wird. Daher sahen die alten Germanen den Tag der Wintersonnenwende mit Recht als den Anfang einer neuen Zeit an und begingen ihn festlich. Um den heidnischen Anschauungen sich anzupassen, verlegte die christliche Kirche auf diesen Tag der Wiedergeburt des Lichtes auch die Geburt des neuen Verkünders des Heils, des Messias. -- Der endgültige Ausgang des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, der vollendete Sieg des Lichtes gab unseren Altvordern wiederum Gelegenheit zu einem Feste, der Feier der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Dementsprechend wurde von der christlichen Kirche der Sieg Christi über den Tod auf den gleichen Zeitpunkt verlegt und zum Osterfest gemacht. -- Der Augenblick, an dem die Natur ihre Höhe erlangt und ihre größte Pracht entfaltet, ist der Mittsommertag, an dem auch die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat. Er war für unsere heidnischen Vorfahren ebenfalls Gegenstand ausgelassener Freude. Die christliche Religion setzte diesen Tag der Erfüllung der Verheißung, der Ausgießung des heiligen Geistes über die Menschheit, gleich und verlegte in ungefähr dieselbe Zeit (allerdings einige Wochen früher) das letzte ihrer drei großen Hauptfeste, Pfingsten. Wir sehen also auf der einen Seite, der heidnischen, das Ringen zwischen Licht und Finsternis, auf der anderen, der christlichen, den Kampf zwischen Sünde und Erlösung, beidemal Anfang, Wachsen und Vollendung.

Das +Weihnachtsfest+ hängt, wie wir soeben sahen, eng mit dem Kultus der Sonne und der Lichtgottheit zusammen. Die christlichen Lehrer verlegten bereits um die Mitte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung auf den 25. Dezember, also den Zeitpunkt der heidnischen Feier der Wintersonnenwende, die Geburt des Heilandes. Im siebenten bis achten Jahrhundert fand diese Feier in Deutschland Aufnahme, wo man von jeher schon das Julfest beging. Wie der altheidnische Glaube es mit sich brachte, spähte man um diese Jahreszeit von hohen Bergen nach dem Wiederaufkommen der Sonne aus und begrüßte die Nachricht von ihrem Erscheinen mit größtem Jubel und festlichen Gelagen.

Das Hauptstück der ältesten christlichen Weihnachtsfeier machte die +Weihnachtskrippe+ aus, eine Art Dramatisierung der Ereignisse bei der Geburt des Jesusknäbleins und vielfach auch geradezu die dramatische Vorführung dieses Vorgangs. Der strahlende Weihnachtsbaum (Abb. 291) ist erst verhältnismäßig spät in Erscheinung getreten -- man sagt, vor etwa drei Jahrhunderten -- hat sich aber heutigestags so ziemlich die ganze Kulturwelt erobert. Wenigstens ist er zu einem unbedingten Erfordernis der +deutschen+ Weihnachtsfeier geworden; vor allem dort, wo es Kinder gibt, ist eine Feier ohne Baum nicht denkbar. Wo Mangel an Tannen oder verwandten Bäumen bestand, wurde der Weihnachtsbaum früher vielfach durch eine hölzerne, gleichfalls mit Lichtern besteckte +Pyramide+ (Abb. 292) ersetzt, eine Sitte, die sich in manchen Gegenden bis in die Gegenwart herein erhalten hat. Daß gerade die Tanne oder ein ihr verwandtes Nadelgewächs im Lichterglanz des Heiligen Abends erstrahlt, mag wohl damit zusammenhängen, daß dieser Baum in den Augen des Volkes das schlummernde Leben in der Natur versinnbildlicht, denn er behält trotz des nordischen Winters mitten im Schnee allein von allen Bäumen des Waldes sein frisches Grün. Unter den strahlenden Weihnachtsbaum kommen bekanntlich allerlei Geschenke zu liegen; in den skandinavischen Ländern und auch vielfach in Norddeutschland pflegt man diese in zahlreiche, oft genug scherzhafte Umhüllungen mit besonderen Aufschriften einwickeln und durch vermummte Personen mit dem Rufe „Julklapp“ zur Tür hineinwerfen zu lassen.