Part 13
Die kurze Skizze, die im vorstehenden von den religiösen Ansichten der nordamerikanischen Indianer entworfen wurde, gibt bei weitem keine erschöpfende Darstellung dieser Verhältnisse; sie sind viel zu verwickelt und zu verschieden, als daß man sie auf wenigen Seiten abtun könnte. Aber sie dürfte genügen, um einen ungefähren Überblick zu gewähren. Im Anschluß hieran seien dem +Totem- und Clanwesen+ der nordwestlichen Jäger- und Fischerindianer noch einige Worte gewidmet. Bei ihnen zerfällt jeder Stamm in eine Reihe von matriarchalischen Clans oder Sippen mit je einem festen Totem. Unter einem Totem wird ein bestimmtes Tier (viel seltener eine Pflanze) verstanden, zu dem sein Besitzer in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu stehen glaubt, insofern er es für seinen Ahnherrn hält. Die Bilder des Totems, meistens ein Bär, Wolf, Adler, Rabe, Biber oder Walfisch, werden auf allen möglichen Gebrauchsgegenständen, Werkzeugen, Booten, Häusern und so weiter entweder in Malerei oder in erhabener Arbeit angebracht, ja selbst auf dem Körper eintatauiert. Vor den Häusern der Häuptlinge werden mächtige, bis zu zwanzig und mehr Meter hohe, längsgeteilte Stämme aus Zedernholz errichtet, die auf ihrer Rundseite mit allerhand Tieren in erhabener Darstellung bedeckt sind, sogenannte Totem- oder Wappenpfähle (Abb. 192). Diese Darstellungen beziehen sich auf den mutmaßlichen Ahnherrn und die verschiedensten Totemtiere aus der Sage des Clans; das oberste Bild gibt das Totemtier des Besitzers, das darunter befindliche das seiner Frau wieder. Die Sage des Clans kommt übrigens auch in dramatischen Veranstaltungen der Stämme zum Ausdruck. Clans, die dasselbe Totem besitzen, gelten als unter sich verwandt, selbst wenn sie verschiedenen Stämmen angehören; ihre Mitglieder dürfen nicht untereinander heiraten, sondern sich nur mit Angehörigen fremder Clans verbinden. Das Kind gehört dem Geschlecht der Mutter an (Matriarchat).
Außer seinem Wappentier besitzt jeder Clan noch eine Reihe +persönlicher Schutzgottheiten oder Dämonen+, die seinen Mitgliedern, sofern sie in die Geheimnisse eingeweiht sind, bestimmte Gaben oder Fertigkeiten verleihen, wie zum Beispiel unverwundbar zu sein, Menschenfleisch essen zu können und dergleichen. Diese Personen bilden Geheimbünde und führen, besonders zur Winterszeit, Maskentänze auf, in denen in dramatischer Weise die Gewinnung des Dämons und die durch ihn erlangten Fähigkeiten zur Darstellung gebracht werden. Die Religion hat mit diesen Geheimbünden wenig zu schaffen, denn eine eigentliche Verehrung der Schutzdämonen besteht nicht. Der vornehmste der zahlreichen Geheimbünde ist der der Hametzen (Hamatsa heißt Menschenfresser), deren Mitglieder in der Tat noch dem Kannibalismus huldigen. Gleich bei der Aufnahme muß der Kandidat den ersten besten Menschen, der ihm entgegenkommt, in den Arm beißen und Blut aus der Wunde saugen. In früheren Zeiten aßen die Hametzen Sklaven, heute verspeisen sie eingetrocknete Leichen, die ein bis zwei Jahre lang in Holzkisten auf Bäumen ausgesetzt waren. Ihr Fleisch wird in Wasser aufgeweicht, von den Knochen abgeschält und dann verzehrt.
Wir können die Beschreibung der barbarischen Bräuche unter den nordamerikanischen Indianern nicht schließen, ohne noch des +Skalpierens+ zu gedenken, des Abziehens der Kopfhaut erschlagener Feinde als Siegeszeichen, einer Unsitte, mit der die Europäer zum ersten Male im Jahre 1520 unter Francesco de Garay während seines unglücklichen Zuges nach Panuco bekannt wurden. Das Skalpieren -- der Name ist der englischen Sprache entnommen; Skalp bezeichnet ursprünglich Schale, Hirnschale -- ist sowohl bei zahlreichen nordamerikanischen Stämmen, wenngleich nicht bei allen, als auch bei einzelnen südamerikanischen Indianerstämmen (im Chaco und in Guyana) Brauch gewesen; er scheint von den Gebieten um den Golf von Mexiko (Florida) seinen Ausgang genommen zu haben. Die Europäer haben seit der Entdeckung des neuen Erdteils nicht wenig zu seiner Verbreitung beigetragen, indem sie, wie Friederici festgestellt hat, durch ihre Feuerwaffen, die die Kriege viel verlustreicher gestalteten, durch ihre Stahlmesser, die das Skalpieren bedeutend erleichterten, und durch Aussetzen von Belohnungen auf die Herbeischaffung von Skalpen, wodurch das Verlangen nach Erbeutung solcher bedeutend gesteigert wurde, einen ungeheuren Aufschwung der betreffenden Jagden herbeiführten. Friederici hat ferner nachgewiesen, daß das Skalpieren aus den Kopfjagden, die früher sehr gepflegt wurden, hervorgegangen ist; die ursprüngliche Schädeltrophäe verwandelte sich in eine Skalptrophäe, weil die durch die leichtere Gelegenheit und größere Nachfrage stark vermehrte Zahl der erbeuteten Köpfe ihre Beförderung auf beschwerlichen Wegen und große Entfernungen sehr schwierig machte. Deshalb verfiel man auf den Gedanken, sich mit der abgezogenen Kopfhaut zu begnügen, denn nach der Ansicht der Indianer, wie der Naturvölker überhaupt, sind nicht nur Teile des Körpers gleichbedeutend mit ihm in seiner Gesamtheit, sondern auch Teile vom Teil mit dem vollständigen Teil. Die Gründe, die zu den Skalpjagden Veranlassung gaben, waren mannigfacher Natur; es sind ziemlich dieselben, wie wir sie bereits an anderer Stelle bezüglich der Kopfjägerei kennen gelernt haben, nämlich das Verlangen nach Ruhm und Ehre durch Beibringung dieses Zeichens der Tapferkeit, der Glaube an geheime Kräfte, die man sich durch die Erbeutung des Kopfes oder der Kopfhaut seines Feindes anzueignen hoffte, schließlich auch die Rachsucht. Der Vorgang beim Abziehen des Skalps war verschieden, je nach der Art, wie das Opfer das Haar trug. Friederici hat trotz der zahlreichen Haartrachten der Indianer doch zwei Hauptformen festgestellt: bei der einen lag die Skalplocke in der Mitte des Kopfes, hier gab es nur einen Skalp; bei der anderen war das Kopfhaar durch Scheitel oder zwei und mehr geflochtene Zöpfe in mehrere Teile geteilt, was zur Zerlegung der Kopfhaut in mehrere Skalpe führte. Um sich seiner Siegestrophäe zu bemächtigen, setzte der Indianer im ersten Falle seinem am Boden liegenden Opfer einen Fuß oder ein Knie auf Brust, Nacken oder Rücken, ergriff mit der linken Hand die Haare und zog sie fest an, während seine Rechte mit dem Messer oberhalb oder unterhalb der Ohren einen Kreis um den Kopf zog. Das ganze Abziehen, bei dem manchmal die Zähne, ein Strick oder die Bogensehne mithalfen, wurde bei einiger Geschicklichkeit in kaum einer bis zwei Minuten ausgeführt. Ein auf diese Weise gewonnener Skalp war verhältnismäßig groß und mußte, um echt zu sein, die Krone des Scheitels aufweisen. War der Haarschopf geteilt, so wurde eine Handvoll Haare oder einer der Zöpfe erfaßt, die Haut emporgehoben und mit dem Messer darunter durchgefahren; auf diese Weise wurden mehrere Skalpe beziehungsweise ein mehrteiliger Skalp gewonnen. Die blutige Trophäe pflegte der Sieger unter lautem Geheul in die Höhe zu halten und dann an seinem Gürtel zu befestigen. Die Indianer waren in so hohem Grade auf die Erlangung von Skalpen erpicht, daß sie keine Anstrengung und keine Entfernung scheuten, um in den Besitz des kostbaren Gutes zu gelangen.
Während der +Schwangerschaft+ bestehen auch für die Indianerin, wie wohl überall bei den Naturvölkern, gewisse Vorschriften, die sie befolgen muß, damit das Kind keinen Schaden nehme, indessen scheinen diese bei den nordamerikanischen Stämmen nicht mehr so streng zu sein wie bei den südamerikanischen. Die Indianerinnen Kanadas essen während ihrer Schwangerschaft überhaupt wenig, und die Utah-Indianerinnen fasten geradezu in den letzten Wochen vor ihrer Niederkunft. -- Bei den Ten’a-Indianern Alaskas muß die Schwangere vom dritten Monat an jede Nacht zwei- bis dreimal für etwa eine halbe Stunde ihren Schlaf unterbrechen und diese Zeit über sitzend auf ihrem Lager zubringen, auch am Tage sich körperlich viel betätigen, im besonderen Holz klein machen, wodurch die Geburt einen leichteren Verlauf nehmen soll. Wenn die Kreißende während des Geburtsvorgangs Stuhl oder Wasser unter sich läßt, dann wird dies als eine üble Vorbedeutung für das Kind angesehen. Man zieht in diesem Falle vor, das Neugeborene sogleich zu töten, indem man es unter der Nachgeburt erstickt. Die Ten’a-Indianer pflegen diese in ein Bündel einzuwickeln, zu trocknen und im Walde an einen Baum zu hängen, wo sie ihrem Schicksal überlassen bleibt. Nur wenn eine Frau fernerhin kein Kind mehr bekommen will, vergräbt sie den Mutterkuchen in der Erde und läßt ihn hier verfaulen; noch besser soll dies Mittel wirken, wenn sie ihn zuvor in etwa ein Dutzend Stücke zerreißt. Etwa vorhandenes Kindspech wird an den Handflächen des Kindes gelassen, da man glaubt, daß dies seine Nahrung im Mutterleibe gewesen sei und daß bei Befolgung dieser Vorschrift das Kind in seinem späteren Leben immer reichlich zu essen haben werde. Ist das Erstgeborene ein Mädchen, so halten die Ten’a dies für ein böses Vorzeichen. Nach der Geburt haben sich beide Eltern zwei bis drei Tage lang davor zu hüten, mit einem scharfen Werkzeug, Axt, Messer, Säge und dergleichen zu hantieren; man befürchtet nämlich, daß sie dadurch zufällig den vermeintlichen Lebensfaden des Kindes durchschneiden könnten. Darum holen in dieser Zeit Nachbarinnen und gute Freunde für die Eltern Holz aus dem Walde und zersägen und spalten es auch.
Der +Nabelstrang+ wird vielfach einfach abgebissen, aber auch durchgeschnitten; früher benutzte man dazu ausschließlich Steinmesser. Die Tscheroki vergraben den Nabelstrang der Mädchen unter einem Kornmörser, damit das Kind eine tüchtige Brotzubereiterin werde, den der Knaben aber hängen sie im Walde an einem Baume auf, damit sie sich zu guten Jägern entwickeln. Die Kaiowäh nähen die Nabelschnur der Mädchen in kleine Perlensäckchen ein, die später von diesen am Gürtel getragen und nach ihrem Tode an einem Stock auf ihr Grab gesteckt werden. Die Scheyenne schließen die sorgfältig zusammengelegte Nabelschnur in einen Kasten oder Sack, der außerdem noch Kleidungstücke und Schmuck enthält, und behaupten, daß das Kind nicht eher Ruhe finde, als bis es darin seine Nabelschnur aufgestöbert habe.
Das +Neugeborene+ wird bei vielen nordamerikanischen Indianerstämmen sogleich in kaltes Wasser getaucht, selbst bei strengster Kälte, was ihm im allgemeinen auch gut bekommt, darauf verschiedentlich mit Öl, Butter und Farbe eingerieben. Dadurch soll die Haut widerstandsfähiger gegen die Witterung gemacht werden. -- +Zwillinge+ werden verschiedentlich für glückbringend angesehen. Die Dakota halten sie für übernatürliche Wesen, die aus einer anderen Welt, dem Zwillingslande, stammen, und behandeln sie daher mit besonderer Sorgfalt. Die Nootka-Indianer Vancouvers setzen Zwillinge zu den Lachsen in Beziehung und sehen eine Zwillingsgeburt als günstiges Vorzeichen für ein reiches Lachsjahr an. Die Eltern errichten abseits vom Dorfe an einem Fluß im Walde eine kleine Hütte und stellen um sie herum hölzerne Bildnisse und Masken auf, die Vögel und Fische darstellen; in ihr müssen sie zwei Jahre lang fern von ihren Stammesgenossen verweilen. Der Vater muß sich ein ganzes Jahr lang durch Baden reinigen und sein Gesicht rot färben. Beim Baden muß er bestimmte Lieder singen, die nur für diesen Zweck in Gebrauch sind und ein Lob der Lachse sowie die Aufforderung enthalten, sich einzufinden, um die Zwillinge zu sehen. Wenn die Tiere diesen Gesang vernehmen und die zahlreichen Masken erblicken, dann kommen sie in großen Scharen an. Daher wird aus der Geburt von Zwillingen auf ein gutes Lachsjahr geschlossen. Nun kommt es allerdings auch vor, daß die ersehnten Lachsscharen ausbleiben; dann erblickt man darin eine Mahnung, die Zwillinge zu töten. Zwillingen ist es verboten, Lachse zu fangen; auch dürfen sie frische Lachse weder essen noch auch nur berühren. Ebenso dürfen die Eltern während der Zeit ihrer Absonderung weder Lachse essen noch anfassen. Zwillingen werden besondere Kräfte zugeschrieben, zum Beispiel die Fähigkeit, gutes und schlechtes Wetter zu machen. Um Regen zu erzeugen, füllen sie einen kleinen Korb mit Wasser und spritzen dieses in die Luft; um gutes Wetter zu machen, schwingen sie ein Stück Holz, das mit einer Schnur an einem Stock befestigt ist, und um Sturm hervorzubringen, streuen sie von einem Baume die Sprossen der Zweige herab. Solange Zwillinge noch Kinder sind, vermag die Mutter an ihrem Spiel zu erkennen, ob ihr Gatte erfolgreich von seiner Jagd zurückkehren wird oder nicht. Hauen oder beißen sie sich bei ihrem Spiel, dann wird der Mann bei seinem Ausflug von Glück begünstigt sein; verhalten sie sich aber ruhig, dann wird er mit leeren Händen zurückkehren. Ähnlichen Vorstellungen von der Bedeutung der Zwillinge begegnen wir noch bei anderen nordamerikanischen Indianerstämmen.
+Fruchtabtreibung+ ist unter den Indianern ziemlich verbreitet, was zur Folge gehabt hat, daß viele Stämme dem Aussterben nahe sind. Die Gründe, die dazu führen, die Schwangerschaft durch künstliche Mittel zu unterbrechen, sind ziemlich dieselben, die wir schon anderwärts verschiedentlich kennen gelernt haben, wie Furcht vor Überbürdung und Mehrarbeit bei einer zahlreichen Familie, Nahrungssorgen, Besorgnis der Frauen, ihre Schönheit durch zu viele Kinder zu verlieren und frühzeitig zu altern, das verschiedentlich bestehende Gebot, jeglichen geschlechtlichen Verkehr während des Stillgeschäftes, das unter Umständen recht lange dauert, zu meiden, bei unverheirateten Mädchen auch die Furcht vor der Schande und anderes mehr. Auf eigenartige Weise wird die Abtreibung bei den Krähen- und Assiniboin-Indianerinnen vorgenommen. Die Schwangere läßt sich den Bauch kräftig kneten oder wälzt sich auf einem kleinen in der Erde steckenden Pfahl umher; auch streckt sie sich auf dem Boden aus, legt sich ein Brett auf den Bauch und läßt ihre Freundinnen auf dasselbe herauf- und hinunterspringen, bis die Frucht abgeht. Auch das +Aussetzen neugeborener Kinder+ aus Mangel an Nahrungsmitteln ist bei einer Reihe Indianerstämme üblich. -- Die Indianerin pflegt ihre Kinder ziemlich lange zu +säugen+, meistens zwei bis drei Jahre lang, aber auch Zeiträume von sechs bis sieben Jahren sind keine Seltenheit.
Die Odschibwä und andere nordamerikanische Stämme veranstalten +bei der Geburt+ eines Kindes +eine besondere Feierlichkeit+ religiösen Charakters. Kind, Eltern und Verwandte kommen mit den Medizinmännern im Tempelwigwam zusammen; letztere tanzen umher und machen mit ihren Trommeln und Kalabassen großen Lärm, während das Kind in der Mitte des Raumes liegt. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit geben sie dem Vater Zaubermittel und Amulette, die für das Gedeihen des Kindes von Wert sein, im besonderen Schutz gegen Krankheit gewähren sollen.
Für gewöhnlich pflegen die Indianer ihren Kindern sogleich nach der Geburt oder doch nur kurze Zeit danach einen +Namen zu geben+, manchmal allerdings erst bei der Entwöhnung. Auch wird der ursprüngliche Name gelegentlich geändert, zum Beispiel bei Eintritt der Mannbarkeit oder eines ungewöhnlichen Ereignisses oder infolge besonders hervorragender Eigenschaften des Betreffenden. Maßgebend für den dem Kinde beizulegenden Namen sind entweder feste Regeln (in bestimmter Aufeinanderfolge) oder die Namen gewisser Tiere beziehungsweise von Teilen solcher und ihren Eigenschaften, wie roter Fuchs, weißer Marder und so weiter. Die Foxindianer legen ihren Kindern Namen bei, die zu dem Stamme des Vaters in Beziehung stehen; ist ein Stamm zum Beispiel dem Adler zugeordnet, so erhalten die Kinder Namen wie „Grauer Adler“, „Habicht“, „Große Feder“, „Großer Schnabel“ und so fort.
Sehr verbreitet ist unter den nordamerikanischen Indianern die Unsitte der +Schädelverunstaltung+ bei Kindern. Allerdings ist diese oft genug nicht beabsichtigt, sondern rührt von der eigentümlichen Form der Wiegen her, in denen die Frauen ihre Kleinen unterbringen und beständig belassen. Meistens sind diese Wiegen trogartig ausgehöhlte Brettchen, auf denen das Kind in ausgestreckter Haltung mit Riemen oder Bindfäden festgeschnürt wird. Einer dieser Querriemen pflegt auch über die Stirn beziehungsweise über ein auf ihr ruhendes Polster geführt zu werden, ein Kissen von Gras oder auch ein dreieckiger Klotz mit aufgerichteter Kante als Stützpunkt für den Nacken des Kindes zu dienen. Die Mutter führt ihr in solcher Wiege fest verschnürtes Kind gewöhnlich mit sich, wobei sie es an einem um ihre eigene Stirn gehenden Riemen oder an Achselbändern auf dem Rücken trägt; bei der Arbeit stellt sie die Wiege mit dem Kinde neben sich oder hängt sie am nächsten Baume auf. Zu Hause stellt sie sie an dem Pfosten der Hütte hin. Auf jeden Fall wird das Kind beständig in senkrechter Stellung gehalten und, damit es nicht rutscht, festgebunden; die Mutter pflegt es nur für kurze Zeit aus seiner Umschnürung herauszunehmen. Es leuchtet ein, daß durch eine derartige Vorrichtung auch die Form des kindlichen Kopfes beeinflußt werden muß, zumal wenn dieser als Schirm gegen die Sonnenstrahlen noch ein hartes Schutzdach erhält, das dem Schädel ebenfalls fest angepreßt wird. Die so entstehende Form läßt den Kopf von vorn nach hinten zusammengedrückt, abgeflacht und nach oben zu keilartig verlängert erscheinen. Zum Teil hilft man sogar einer derartigen Verunstaltung noch absichtlich nach, wenigstens wird von einer Reihe nordamerikanischer Stämme (zum Beispiel den Tschinuk, Natchez, Creeks, Maskoki, Athacapenen und anderen) berichtet, daß sie die Binden um den Kopf von Zeit zu Zeit immer fester anziehen. Ein Stamm der Selisch, bei dem die Schädelverunstaltung ganz besonders auffiel, wurde früher von den Europäern deswegen die Flatheads oder Flachköpfe genannt.
Die Indianer behandeln ihre +Kinder+ im allgemeinen freundlich, teils weil sie an sich recht gutmütig zu sein pflegen, teils mit Überlegung, um zu verhüten, daß das Gemüt der zukünftigen Krieger eingeschüchtert, ihre Willenskraft gebrochen werde. Daher sind die Indianerkinder sehr frühzeitig selbständig, mutwillig und ungehorsam gegen ihre Eltern. Wie unsere Kinder treiben auch sie +Spiele+. Die Mädchen mögen Puppen gern -- schon in den vorgeschichtlichen Mounds hat man solche gefunden --, die sie wie unsere Mädchen versorgen und in Wiegen schaukeln; die Knaben spielen mit Bällen und Kreiseln, Pfeil und Bogen, handhaben die Schleuder und so fort. Es reizt sie wie alle Kinder, die Hantierungen der Erwachsenen nachzuahmen; vielfach werden sie zu solcher Beschäftigung auch schon frühzeitig von Vater und Mutter angehalten, die Mädchen zum Kochen, Feueranzünden, zum Besorgen von Zelt oder Wigwam, die Knaben zum Gebrauch der Waffen, zum Jagen und Reiten -- bei den Krähenindianern wird ihnen dieses, wie Irving sah, schon im dritten Lebensjahre beigebracht --, zur Verfolgung von Fährten und zum Viehhüten. Auch Bewegungspiele im Freien sind sehr beliebt. Bei den Choctaw war früher ein gemeinsames Spiel der Männer und Knaben sehr in Gebrauch, mit verbundenen Augen durch einen breiten Fluß zu schwimmen und an einem bestimmten Ziel zu landen, oder in Felle und Decken eingewickelt einen Hügel hinabzurollen; wer zuerst am festgesetzten Mal anlangte, war Sieger. Eines der Lieblingspiele der Omahakinder besteht darin, daß sie sich, etwa zehn bis zwanzig Kinder hintereinander, in einer Reihe aufstellen, die Knaben unter acht Jahren nackend bis auf eine Schnur, die um ihren geschmeidigen kleinen Körper gebunden ist, die Mädchen mit einem kurzen Rock angetan, und daß nun jedes Kind den Gürtel des vor ihm stehenden erfaßt und alle watschelnd im Gänsemarsch davontraben, im Takt eines im Kauderwelsch gesungenen Liedes. Während des Zuges, der um Bäume herum- und zwischen Zelten hindurchführt, wird allerlei kleiner Unfug verübt. So passen sie zum Beispiel die Gelegenheit ab, einer alten Frau, die gerade mit Maisstampfen beschäftigt ist, eine Rispe fortzureißen; versucht diese nun der Kinder habhaft zu werden und sie zu bestrafen, dann rennen sie auseinander, um Deckung in irgendeinem Versteck zu finden. Ein unter den Tschippewäindianern sehr beliebtes Spiel ist ein Schlagball, wobei sie aber nicht mit einem Scheit Holz, sondern mit einem aus ledernen Riemen geflochtenen Netz von der doppelten Größe des Balles den im vollen Lauf befindlichen Ball auffangen und über die Köpfe der Spielenden zurückschleudern; der Gegner hat dabei die Aufgabe, dem Ball möglichst schnell eine andere Richtung zu geben. Manchmal bilden die Kinder auch einen Kreis um das Herdfeuer in der Hütte, und Großvater erzählt ihnen dann Geschichten aus alter Zeit oder singt ihnen Lieder vor, zu denen sie tanzen.