Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 11

Chapter 113,163 wordsPublic domain

Den hauptsächlichsten +Lebensunterhalt+ liefert den Eskimo die +Jagd+ (Abb. 156 und 157) auf Robben, Walfische und andere Seesäugetiere, auch auf Landtiere, wie Moschusochsen, Renntiere und Vögel, sowie der +Fischfang+ (Abb. 158) (Lachse, Forellen und so weiter). Sie sind ein Seevolk, das sich selten von der Küste entfernt. In ihrem harten Kampfe ums Dasein sind sie in erster Linie vom Seehund abhängig, der ihnen Nahrung und Kleidung liefert und sie auch mit Licht und Feuerung versorgt. Sie sind echte Fleischesser. Im Sommer wagen sie sich in ihren Kajaks auf das weite Meer hinaus oder jagen hinter Moschusochsen und Renntieren her. Der +Kajak+ ist ein aus Treibholz hergestelltes Einmannsboot, das mit einem strammsitzenden Überzug aus Seehundshaut versehen ist; in diesem ist nur eine kreisrunde Öffnung gelassen, in die der auf dem Boden des Bootes sitzende Mann vollständig hineinpaßt. Es wird daher von dem Erbauer dem Besteller wie ein Kleidungstück angemessen, und der Mann bildet mit seinem Boot gleichsam ein Ganzes. Zur Ausrüstung eines Kajaks gehören ein sogenannter Vogelpfeil, eine Harpune, eine Lanze und eine Fangblase aus Seehundleder, die hinter dem Ruderer liegt. Zur Fortbewegung bedient sich der Eskimo eines Doppelruders, dessen Handhabung besondere Geschicklichkeit erfordert. Eine andere Art Boote sind die +Umiaks+ oder Frauenboote, so genannt, weil sie früher ausschließlich von Frauen gelenkt wurden; es sind dies offene Boote von der üblichen Form, ebenfalls aus einem Holzgerippe bestehend, das mit Fell überzogen ist.

Während des langen arktischen Winters leben die Eskimo eingepfercht in dem einzigen Raum ihrer Hütten, essen, trinken, schlafen, lieben und sind vergnügt. Niemals scheint es zu Unzuträglichkeiten zwischen ihnen zu kommen; +Duldsamkeit+ und +Liebenswürdigkeit+ sind die hervorstechenden Charaktereigenschaften der Eskimo; ja sie sollen nicht einmal ein Wort besitzen, mit dem Schelten ausgedrückt wird, auch keine Bezeichnung für Krieg. Überhaupt gehen sie sparsam mit ihren Worten um; ihre Sprache ist so wortarm, daß ein einziges Wort vielerlei ausdrückt, wofür andere Sprachen verschiedene Bezeichnungen haben. Entstehen +Streitigkeiten+ unter den Eskimo, so pflegen sie sie auf ganz gelungene Art zu schlichten. Wer sich gekränkt fühlt, bringt seine Klage in einem Liede zum Ausdruck; hat er es beendet, so wird sein Gegner aufgefordert, zu erscheinen und das Lied anzuhören. Dabei entwickelt sich eine allgemeine gesellige Unterhaltung, zu der sich die Freunde beider Parteien einfinden. Der Beleidigte trägt sein Lied unter Trommelbegleitung vor; findet es Beifall, so wird dies als ein Sieg des Sängers angesehen, und seine Klagen werden als berechtigt anerkannt; drückt die Versammlung aber Unzufriedenheit mit seinem Liede aus, so gilt dies als Strafe. Bei solchen Zusammenkünften pflegt man auch noch zu tanzen, was die allgemeine Stimmung erhöht. -- Die Eskimo sind auch außerordentlich +gastfrei+, besonders wenn ein Stamm einen anderen besucht. Dabei sind ein höchst merkwürdiges Vorkommnis sogenannte +Grußduelle+, bei denen die einander Begrüßenden mit Ohrfeigen einen richtigen Zweikampf ausfechten, anscheinend ein Überrest der ursprünglichen Abneigung gegen Fremde.

Die +Kleidung+ der Eskimo ist für beide Geschlechter ziemlich dieselbe. Sie besteht aus einem Ober- und Untergewand; jedes dieser beiden ist aus einer Ärmeljacke, die aber nur eine Öffnung zum Hineinschlüpfen besitzt und daher über den Kopf gezogen werden muß, und Hosen zusammengesetzt. Diese sind beim weiblichen Geschlecht kürzer, gleichen sozusagen Badehosen. Die Männer Südgrönlands tragen an ihrer Jacke noch eine Kapuze, die Frauen (Abb. 159) einen hohen Kragen aus schwarzem Seehundsfell, über ihm ein buntes, breites Halsgeschmeide aus Perlen. Dazu kommen noch die Kamils, Strumpf und Stiefel in einem Stück, die bei den Frauen wegen ihrer kurzen Hosen weiter hinaufragen. Sie bestehen aus einer inneren Socke von Seehundsfell, dessen Haar nach innen gewendet ist, und einem äußeren Schuh aus haarlosem, wasserdichtem Fell. Die Eskimo lieben es, ihre Gewänder mit farbenprächtigen Lederstreifen zu benähen. Diese werden mit dem Weibermesser (Ulo) in Form geometrischer Muster (Kreise, Rauten, Quadrate) zurechtgeschnitten, bunt gefärbt und in geschmackvoller Anordnung auf die Kleider aufgenäht. Hierin bekunden die Frauen eine ganz besondere Geschicklichkeit und guten Geschmack. Auf diese Weise hergestellte Gürtel bilden sogar einen Gegenstand lebhafter Ausfuhr.

Das +Haar+ der Eskimo läßt sich wegen seiner Straffheit nicht leicht geschmackvoll anordnen; dessenungeachtet verstehen die Frauen es doch hier und da, sich ein nettes Aussehen zu geben. Die Männer lassen ihr Haar meistens wachsen, wie es will, und schneiden es sogar vielfach überhaupt nicht; aus dem Gesicht wird es mit einem Band oder Riemen zurückgehalten. Die Frauen dagegen vereinigen ihr Haar in einem Knoten oben auf dem Scheitel und fassen es hier durch ein Band zusammen. Dieser Haarknoten ist Gegenstand großen Stolzes; das Hauptbestreben seiner Trägerin geht dahin, den Knoten so steif wie möglich in die Höhe ragen zu lassen. Interessant ist die verschiedene Farbe des Bandes, das den Schopf zusammenhält. Jungfrauen tragen es rot, uneheliche Mütter grün, verheiratete Frauen blau und Witwen schwarz oder im Alter weiß. Von +Körperverzierungen+ kommen vor Tatauierung (Abb. 160), Unterlippenpflöcke, Backenknöpfe und Ohrgehänge.

Die Eskimo sind große Freunde von +Gesang+ und +Tanz+ unter Begleitung moderner Musikwerkzeuge. Auch ihre heutigen Tänze gleichen den europäischen. Erwachsene wie Kinder erfreuen sich auch an Spielen (Abb. 162 und 165), zum Beispiel an einer Art Fußball mit der Fangblase oder an einem Peitschenspiel, bei dem es darauf ankommt, auf einer glatten Fläche (fest gefrorenem Schnee oder Eis) einen Knochen durch Peitschenhiebe nach einem bestimmten Ziel zu bringen. Alt und jung sind sehr sangesfroh und pflegen nicht selten ganz alltägliche Begebenheiten in Musik zu setzen.

Die +Religion+ der Eskimo besteht in Geisterglauben. Der von ihnen am meisten gefürchtete Geist ist der des Todes, Torngak genannt. Er wohnt angeblich in einer Höhle im einsamen Gebirge. Da man annimmt, daß in seiner Hand Leben und Glück der Menschen liegen, so werden die verschiedensten Vorkehrungen getroffen, um ihn zu versöhnen. Vermittler zwischen ihm und dem Volke ist der +Schamane+ oder +Angekok+. Der Schamane ist auch der Hüter und Herr der Familiengeister; davon rührt seine große Macht her. Wenn ein junger Eskimo mannbar geworden ist, dann kauft er sich seinen Familiengeist vom Angekok. Sehr drastisch schildert Stefansson einen solchen Einkauf. Ein junger Eskimo hatte erfahren, daß ein alter Schamane sein Geschäft allmählich aufgeben und ein paar gute Geister billig abgeben wollte. „Ich brauche sie nicht länger,“ sagte der Alte, „und dir werden sie nützlich sein. Möchtest du vielleicht meinen Polarbärengeist haben?“ „Am liebsten würde ich den Stromzerbrechergeist besitzen,“ erwiderte der andere. „Nein, den brauche ich bis zuletzt,“ gab der Alte zur Antwort. „Aber du sollst meinen Rabengeist haben. Das ist ein zuverlässiger und wirksamer Geist. An ihm wirst du gewiß deine Freude erleben.“ Daraufhin erstand der junge Eskimo den Rabengeist für ein neues Boot, zwanzig frische Häute, zwei Krüge mit Robbentran und einige andere nützliche Dinge. Entfaltet ein auf diese Weise erworbener Geist die versprochene Wirksamkeit nicht, so wird der Schamane als Ausrede sagen: „Ich kann dir nicht helfen; ich habe ihn dir in guter Absicht übertragen, und wenn du zu jenen gehörst, von denen die Geister nichts wissen wollen, dann kannst du mir leid tun.“ -- Ein anderes Beispiel dafür, auf wie vertrautem Fuße die Schamanen vorgeblich mit den Geistern stehen, erzählt uns ebenfalls Stefansson. Eine der üblichsten Unterhaltungen während der langen Winternacht bildet bei den Eskimo die Reise des Schamanen nach dem Monde. Das ganze Dorf versammelt sich in der Hütte, Männer, Frauen und Kinder; sie sitzen auf den Bänken unten, während der Schamane oben am Dach in der Nähe des einzigen vorhandenen Fensters hockt. Einige Männer binden ihn hier mit Stricken ganz fest; darauf wird der Raum völlig verdunkelt. Außerdem müssen alle Teilnehmer die Augen schließen, den Kindern werden sie von den älteren Leuten zugehalten. Der Schamane hat ein Seil, an das ein fester Gegenstand, ein Hammer oder ein Stein, gebunden ist, in der Hand und läßt diesen umherschwirren; gleichzeitig stimmt er einen Gesang an. „Ich fühle mich nicht so schwer wie sonst,“ beginnt er, „mir ist, als säße ich nicht fest auf der Erde. Nun werde ich leicht wie eine Feder.“ Darauf fährt er mit verstellter Stimme, wie wenn sie aus der Höhe komme, fort: „Jetzt erhebe ich mich, nun fliege ich schon, und schneller und immer schneller ...“ schließlich: „jetzt schwebe ich hoch über euren Köpfen, jetzt fliege ich durch das Fenster“ und so fort. Die Stimme verschwimmt dabei immer mehr, und zuletzt flüstert der Schamane nur noch wie aus unendlicher Ferne. Darauf erlebt er alles mögliche auf dem Monde, unterhält sich mit dem Mann im Monde und mit dessen Frau über Jagdaussichten, wobei die Versammlung in tiefstem Dunkel und Schweigen verharrt. Schließlich, nach etwa einer halben Stunde, wird seine Stimme wieder lauter, und zuletzt hört man den Schamanen wieder deutlich rufen: „Jetzt schwebe ich wieder durchs Fenster zurück und komme auf den Boden. Nun öffnet die Augen und zündet die Lampen an.“ Er muß dann von seinen Erlebnissen auf dem Monde erzählen, wobei er seiner Phantasie nach Möglichkeit die Zügel schießen läßt, und alles hört andächtig zu. Das ist der Höhepunkt der Feier. Ebenso wie mit dem Monde versteht der Schamane mit allen möglichen Geistern zu verkehren, sei es, daß sie tief im Meere oder an geheimen Orten auf dem Lande hausen. -- Bei den religiösen Festen trägt man groteske Holzmasken.

Die heidnischen Gebräuche sind mehr und mehr im Abnehmen begriffen, denn die Eskimo sind dem Einflusse der Missionare sehr zugänglich gewesen, und viele von ihnen haben ohne Zögern das Christentum angenommen. Überhaupt bekunden die Eskimo eine große Neigung, sich die europäische Kultur anzueignen, da sie überzeugt sind, daß sie dabei besser fahren.

+Hochzeitsgebräuche+ kennen die Eskimo nicht; die Ehe ist bei ihnen eine ganz nüchterne Sache. Braucht ein Mann eine Frau, so holt er sich einfach eine, die nun ihm gegenüber die eheliche Pflicht erfüllt; besondere Förmlichkeiten finden nicht statt. Wenn der Mann mit seiner Frau nicht zufrieden ist, so schickt er sie wieder nach Hause und versucht es mit einer anderen, oder er behält sie wohl auch bei sich, nimmt aber neben ihr eine zweite Frau. In diesem Falle erhält die zweite die Stellung einer Konkubine, rückt aber, falls die erste Frau sterben sollte, an deren Platz. -- +Polygamie+ ist nichts Ungewöhnliches. Auch ein Austausch von Frauen kommt vor. Als genügende +Mitgift+ gilt es, wenn die Frau ihre Kleidung, eine Lampe und ein Messer mitbringt. Trotz der geschilderten leichten Art, Ehebündnisse zu schließen, legen die Eskimo großen Wert auf Verwandtschaft. -- Das +Los+ der Eskimofrau ist kein freudevolles, denn in ihrer häuslichen Beschäftigung steckt recht viel Arbeit. So muß sie die Felle zubereiten, um daraus Kleider zu machen. Die abgezogenen Seehundsfelle werden zu diesem Zweck zunächst mit dem Weibermesser und Schabern bearbeitet, gegerbt, gewalkt und geschmeidig gemacht, wobei die Frauen sie nicht selten mit den Zähnen kauen. Behandeln die Frauen das schwer zu bearbeitende Material, wie es oft vorkommt, andauernd auf diese Weise, so werden die Zähne vielfach bis auf das Zahnfleisch abgenutzt. Darauf werden die Felle zu Kleidern zurechtgeschnitten, und diese mit Knochennadeln und Seehunddarmstreifen zusammengenäht.

Jeder verheiratete Eskimo hat den Wunsch, männliche Nachkommenschaft zu erhalten. Für ihre +Kinder+ haben die Eltern sehr viel übrig; sie behandeln sie mit einer solchen Sorgfalt und Liebe, wie man es unter den obwaltenden ungünstigen Verhältnissen nicht erwarten sollte. Von der Wiege bis zum Grabe muß der Eskimo um sein Dasein kämpfen, und dennoch tut er für seine Kinder, was er nur irgend kann. Ja vielfach beschränkt er sich nicht auf die eigenen Kinder, sondern nimmt auch bereitwillig Waisen an, selbst wenn er schon eine Anzahl Kinder zu versorgen hat. Diese angenommenen Kinder behandelt er dann mit derselben Güte und Gewissenhaftigkeit wie seine eigenen. -- Die kleinen Kinder werden allgemein rücklings über den Schultern in einer Art Tasche, einer Erweiterung des Oberkleides, getragen, die mit Seehund- oder Renntierfell ausgefüttert ist und den Kleinen einen behaglichen, warmen und gesicherten Unterschlupf gewährt. Dadurch wird die Mutter nicht an der Ausführung ihrer Arbeit und sonstigen Pflichten gehindert.

Die Eskimo sind dem Untergang geweiht. Sie erreichen in der Regel +kein hohes Alter+, da ihr harter Kampf ums Dasein und im besonderen die oft unzureichende Nahrung manches Opfer unter ihnen fordert. Die Schwindsucht hat schon viele dahingerafft. -- Die +Leichen+ werden entweder in die Erde begraben oder in die See geworfen. Die Habe des Verstorbenen wird entweder auf dem Strande niedergelegt oder auf seinem Grabe (Abb. 161); man tut dies einmal, um nicht mehr an den Toten erinnert zu werden, und zum anderen, weil man annimmt, daß er sein Eigentum in der Geisterwelt gebrauchen könne. In früheren Zeiten wurde die Leiche in Häute eingewickelt und auf kahle Felsen gelegt; die Kleider und die einfachen Gegenstände, die der Tote bei Lebzeiten benutzt hatte, wurden ihm mitgegeben. Bei manchen Stämmen ist dies noch heute Sitte. Unter den mehr zivilisierten Stämmen werden Holzkisten, die man sich von Händlern beschafft, zu Särgen verwendet. Das Holz ist bei den Eskimo sehr rar und daher sehr gesucht; die wichtigste Quelle bildet das Treibholz von untergegangenen Schiffen. Die auf die angegebene Art beschafften Särge werden nur wenig tief in die Erde begraben, so daß es nicht selten vorkommt, daß die Hunde der Eskimo sie ausgraben und bei ihrer Gefräßigkeit die Leichen auffressen (Abb. 163), zumal es ihnen ohne Schwierigkeit gelingt, die in Ermangelung haltbarer Särge als Notbehelf dienenden schwachen Kisten zu erbrechen. Die Gewohnheit des Umherziehens bringt es mit sich, daß die Eskimo den Ort, an dem ein Begräbnis stattgefunden hat, nach kurzer Zeit verlassen, so daß die Hunde dann bald an ihre Arbeit gehen können. Diese Tiere, halb Wolf, halb Hund, sind sehr gefährlich und heimtückisch und fallen gelegentlich auch Menschen an. Ganze Menschenalter hindurch waren sie Freunde und Genossen der Eskimo in Labrador und wurden hauptsächlich als Vorspann der Schlitten verwendet (Abb. 164), sie werden aber neuerdings mehr und mehr durch das Renntier verdrängt, das von der Regierung in das Land eingeführt wurde. Der Vorteil des Renntiers besteht darin, daß es sich nicht nur als Zugtier bei den häufigen Reisen der Eskimo bewährt hat, sondern ihnen durch sein Fleisch auch eine willkommene Abwechslung in der Ernährung bietet.

Das übrige Nordamerika.

Die +nordamerikanischen Indianer+ bilden eine auffallend gleichmäßige Völkermasse im Vergleich zu den verschiedenen Völkern von ähnlich großer Ausdehnung in der Alten Welt. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Nachkommen von Vertretern einer Verschmelzung aufeinander folgender +Einwanderungswellen+, die in sicherlich sehr weit zurückliegender Zeit +teils von Asien, teils von Europa her+ auf früher in größerer Ausdehnung vorhandenen Verbindungsbrücken -- in der Miozän- und Pliozänzeit stand Nordamerika mit beiden Erdteilen noch in festem Zusammenhang -- dorthin gelangten. Diese Einwanderung muß schon stattgefunden haben, bevor der Mensch die Metalle bearbeiten gelernt hatte; dies ergibt sich daraus, daß, als Kolumbus ankam, die meisten Stämme noch im Steinzeitalter lebten, nur ein paar von den weiter fortgeschrittenen, wie die Mexikaner und Peruaner, es bis zur Verwendung von Bronze gebracht hatten. Auch hatte der Mensch zur Zeit jener Einwanderung noch nicht viel auf dem Gebiete der Tierzähmung getan, da die Nachfolger des Kolumbus in Nordamerika einzig den Hund als Haustier antrafen; schließlich konnte der Mensch damals auch noch nicht angefangen haben, Ackerbau zu treiben, da feststeht, daß jene Einwanderer noch keine Kulturpflanzen aus der Alten Welt mitbrachten, sondern erst später eine einheimische Pflanze, den Mais (aus Zentralamerika), für ihr tägliches Brot zu bauen begannen. Dementsprechend können die ersten Ankömmlinge in Amerika sich erst auf der Stufe der paläolithischen Jäger und Fischer der Eisperiode befunden, möglicherweise einer der Zwischeneiszeiten angehört haben. Die bisherigen Ausgrabungen stehen im Einklang mit dieser Annahme: sie haben ergeben, daß das +Vorhandensein des Menschen in Nordamerika bis in die warme Interglazialzeit+ zurückreicht, die anscheinend mit dem gleichen Zeitraum in Europa zusammengefallen ist. Für die Tertiärzeit ist der Mensch in Amerika noch nicht nachgewiesen. Als er hier erschien, müssen sich die Sprachen noch in einem so wandelbaren Zustande befunden haben, daß sie sich leicht spalten konnten. Der Ethnograph J. W. Powel hat allein nördlich von Mexiko achtundfünfzig getrennte Sprachgruppen unterschieden, die sich wiederum in unzählige verschiedene Dialekte teilen. -- Für Südamerika weisen verschiedene Anzeichen darauf hin, daß hier auch noch von der Südsee her eine Einwanderung erfolgt sein muß. Die Forschungen hierüber befinden sich noch ganz im Anfangstadium.

Aus diesen europäischen und asiatischen Einwanderern hat sich im Laufe der Zeiten unter dem Einfluß der veränderten Umgebung und der Abgeschlossenheit ein besonderer Menschenschlag entwickelt, den wir als Indianer oder (wegen der roten Körperbemalung) als Rothäute bezeichnen. Er ist in seinen Grundzügen, wie schon gesagt, ganz einheitlich, zeigt aber in einigen Einzelheiten, im besonderen in der Körpergröße und der Schädelform, große Mannigfaltigkeit. Entsprechend ihrer verschiedenen Zusammensetzung erinnert der +Typus der Indianer+ sehr an den der Mongolen, unterscheidet sich von ihm aber auch wieder durch die größere und kräftig vorspringende Nase, das größere Auge mit nur schwacher oder gänzlich fehlender Schrägstellung der Lidspalte und das braune Haar. Auf der anderen Seite aber lassen sich auch wieder Anklänge an den europäischen Typus nicht ableugnen, wie die Gesichtsbildung, im besonderen die kräftig gebogene Adlernase, die Körpergröße und manches andere. Die Indianer (Abb. 167 und 168) sind im allgemeinen von übermittelgroßer, kräftiger, ebenmäßiger Gestalt, die hier und da wohl sehr niedrig (Pueblos), aber auch wieder ausnehmend hoch (Irokesen, Patagonier) ausfallen kann. Ihre Hautfarbe ist kein Rot, wie Laien fälschlich annehmen, sondern ein rötliches ober gelbliches Braun; es kommen dabei alle Schattierungen von Schwarzbraun bis zum Hellbraun vor. Das Kopfhaar ist grob, straff, schwarz mit bräunlichem Glanze, oft sehr lang (auch beim männlichen Geschlecht). Am übrigen Körper wie auch im Gesicht ist das Haarsystem spärlich entwickelt; der Bart wird übrigens meistens entfernt (Abb. 169). Die Schädelform ist im allgemeinen kurzköpfig, es kommen aber auch langköpfige Stämme vor. Die Stirn ist gut gewölbt, das Gesicht breit, oval oder rund. Die Augen sind stets schwarz und liegen tief. Die Nase ist durchweg groß und vortretend, ihr Rücken gerade oder gebogen (Adlernase).

Die nordamerikanischen Indianer lassen sich in wirtschaftlicher Hinsicht in drei Gruppen unterscheiden. Die meisten von ihnen stehen auf der Stufe der Hackbauern, sind daher seßhaft und besitzen wohlangelegte Häuser. Eine zweite Gruppe, die Prärieindianer -- die bekanntesten die Sioux --, liegen hauptsächlich der Jagd (auf Büffel, Elch, Biber und Hirsch) ob, sind daher stets auf der Wanderschaft begriffen und führen ihre Behausung in Form eines zerlegbaren Zeltes aus Fellen mit sich (Abb. 170 und 171). Die dritte Gruppe endlich bilden die Indianer Kaliforniens und Oregons; sie stehen alle noch auf recht niedriger Stufe. Sie verfügen zum Teil wohl schon über feste Häuser (Rundbauten), zum Teil nur über Windschirme. Ihre Nahrung beziehen sie durch Einsammeln von Pflanzen und Früchten (im besonderen Eicheln). Unter den Prärieindianern stand früher die Lederbereitung in Blüte; dementsprechend bestand auch ihre Kleidung ausschließlich aus diesem Stoffe, den bekannten Leggins (Beinfutteralen), den Mokassins (Schuhen), einem Ärmelwams und einem großen Mantel aus Büffelfell (Abb. 172). Die meisten Indianer kleiden sich heute bereits nach Europäerart.

Die Pueblos weisen eine ganz besondere Kultur auf, für die unter anderem die Bauart ihrer Siedelungen bezeichnend ist. Es sind dies die sogenannten Dorfhäuser auf isolierten Plateaus (Abbildung 173) oder auch in der Ebene, die einen ganzen Stamm beherbergen (deswegen Pueblos genannt) und daher aus zahlreichen einzelnen Zellen sich terrassenartig und gleichzeitig reihenweise über-, neben- und untereinander aufbauen; der Zugang zu ihnen ist nur auf Leitern möglich. Die Pueblos betreiben Ackerbau; einige Stämme verfügen über eine hochentwickelte Fertigkeit auf dem Gebiete der Flechtkunst, Weberei und Keramik (Hopi) (Abb. 174 und 175). Eigenartig ist das Verfahren der Puebloindianerinnen beim Frisieren des Haares (Abbildung 176 und 177).