Die Schwestern im Kreuz

Part 9

Chapter 93,781 wordsPublic domain

Nachts träumte er, er läge auf dem Burkowschen Hof. Der Hof aber war größer als in Wirklichkeit, und obwohl er an den Seiten von den Häusern zusammengedrückt war, so lagen doch die Stände und Kästen der fliegenden Händler viel weiter als sonst, und die Wagenremise, die Müllgrube und der Abguß waren viel entfernter. Es waren unter den Fenstern viel mehr Ziegelsteine, Schutt und Kehricht angehäuft. Er lag nicht allein auf dem Hof, neben ihm lagen die Mieter aus dem Vorderhaus und aus dem Hinterhaus, aus den Seitenflügeln, aus den Gorbatschowschen „Winkeln“. Und obwohl er viele von ihnen nicht kannte, so erriet er doch, wer sie waren, und irrte sich bestimmt nicht darin, daß dieser Herr und diese Dame Herr und Frau Oschurkow waren, die zehn Zimmer und allerlei Nippes, die die Wohnung ganz ausfüllten, und ein Aquarium mit Goldfischchen hatten. Und dieser da, der Bewegliche im Zylinder, war der Rechtsanwalt Amsterdamskij, ein lustiger Kerl, – er verstand es, Prozesse gut zu führen; die Portiers im Senat warteten auf ihn, wie auf das Osterfest. Und Burkow selbst, der frühere Gouverneur, der Selbstvertilger, lag da, aber man sah nur seine Uniform. Neben der Uniform lag der älteste Hausmeister Michail Pawlowitsch mit seiner Gemahlin, der gottesfürchtigen Antonina Ignatjewa, und der Händler Gorbatschow mit einem kleinen Mädchen – mit seiner Tochter, der er einst in der Rattenkammer die Fingerchen zerbrochen, und Wera mit Akumowna, Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur, Adonja Iwoilowna und die Artisten Damaskin, Sergej Alexandrowitsch und Wassilij Alexandrowitsch, Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, die Hebamme Lebedjowa in ihren Pelz eingewickelt, den man ihr um Weihnachten gestohlen hatte, und der Portier Nikanor; auch lagen hier die Studenten, welche nachts Totenmessen sangen, in neuen studentischen Uniformen und mit ihrem Messinghahn, dann alle sieben Hausmeister und der Paßaufseher Jerkin – die Hausmeister mit Holz und Jerkin mit Krankenhausmarken, jede Marke ein Rubel, Gesicht und Hände ganz mit Marken beklebt. Kleine Kinder lagen in Haufen, der Perser – der Masseur aus der Badeanstalt und jenes kleine Mädchen, welches Murka damals Milch gebracht hatte, mit der Scherbe; es lagen da alle Schuster, Bäcker, Bader, Friseure, Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Krankenschwester aus dem Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirm- und Bürstenmacher, Kommis, Wasserleitungsmonteure, Setzer und allerlei Mechaniker, Techniker und elektrische Meister mitsamt ihren Familien und ihrem Gerümpel, mit Gläsern, Flaschen und Schwaben, und allerlei Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny, kleine Nähmädchen, Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus der Badeanstalt, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, die alte Frau, welche Sonnenblumensamen und sonst allerlei Kram feilbietet, stellenlose Köchinnen, Maler und Schreiner, fliegende Händler mit Datteln und Zuckerwerk, das nach Mistpilzen riecht, – mit einem Wort: der ganze Burkowsche Hof, ganz Petersburg. Und nachdem Marakulin alle diese Burkowschen Gestalten feststellte, erblickte er auch noch andre: seine Mutter, seinen Vater, seine Schwestern, den alten Gwosdjow, den Buchhalter Awerjanow, Tschekurow, Lisaweta Iwanowna und Maria Alexandrowna, Rakow mit dem Lotterielos von Zweihunderttausend, Lestschow, Pawlina Polikarpowna und alle Idioten, Geistesarmen, Eremiten und heiligen Brüder, allerhand Belgier und Deutsche, die Deutschen um den Doktor Wittenstaube zusammengedrängt, der alle Krankheiten mit Röntgenstrahlen heilt, – überhaupt das ganze vagabundierende Rußland.

Da lagen sie alle auf dem Burkowschen Hof, wie auf einem Totenfeld, nur war es nicht trocknes Gebein, sondern es waren lebendige Menschen, und in jedem lebte und schlug ein Herz. Und Tiere lagen da zusammen mit den Menschen: der schöne rothaarige Hund des Gouverneurs, Revisor, an der lästigen Stahlkette hob zuweilen seine kluge Schnauze, und Murka lag auch daneben, von einem rauchfarbenen Kater belegt. Neben Marakulin aber lag die Generalin Cholmogorowa, die Laus, und die elektrischen Lampen brannten wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde tief im Nebel über dem Burkowschen Hof.

– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist übervoll, die Strafe ist nah! – sang Gorbatschow im Halbschlaf, die Worte durch die mit Pferdehaaren bewachsene Nase dehnend.

Da klirrte etwas wie ein Säbel, und aus einem Schrank trat ein Feuerwehrmann, überlebensgroß, in einem riesigen messingnen Helm, und begann zu schreiten, mit den Stiefeln polternd. Und rasch über die Maler, Schlosser und fliegende Händler hinwegschreitend, nahte er Marakulin und blieb vor ihm stehen.

Es war ein ganz gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.

Da fühlte Marakulin, wie es ihm so schwer wurde, daß er weder einen Fuß noch eine Hand rühren konnte, und er wußte, daß er nicht mehr lange leben werde und daß ihm nur noch die Freiheit zu reden übriggeblieben war. Er fühlte auch, daß es Allen – dem ganzen Totenfeld – ebenso schwer war; sie konnten weder einen Fuß noch eine Hand rühren und hatten nur noch die Freiheit zu reden; und während er seine letzten Augenblicke nahen fühlte, hörte er die Automobile auf der Fontanka tuten.

Ueber ihm aber stand unbeweglich der Feuerwehrmann. Es war ein ganz gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.

Erst wollte Marakulin es wagen, gleich jenem Starez Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels befragte, den Feuerwehrmann für Alle, für die ganze Welt auszufragen, aber er hatte nicht den Mut, wie Kabakow für Alle, für die ganze Welt, für das ganze Totenfeld zu fragen, sondern er fragte nur für sich.

– Wird es mir gut ergehen?

– Warte – sagte der Feuerwehrmann.

– Gut? – fragte Marakulin nochmals mit stockendem Atem, und hörte dabei, wie auf der Fontanka die Automobile tuteten.

Und der Feuerwehrmann antwortete ihm, jedoch sehr kleinlaut, kaum daß er das Wort zu Ende sprach:

– G–u–t.

Fünftes Kapitel

Vor Weihnachten zerbrach Marakulin sein Kreuz.

Anna Stepanowna nahm es mit, um es reparieren zu lassen, ging aber aus dem Gymnasium erst auf den Gostinij-Markt. Dort wurde ihr das Portemonnaie gestohlen und mit ihm auch Marakulins Kreuz, sein kleines goldenes Taufkreuz.

In den Weihnachtstagen wahrsagte Akumowna wieder aus den Karten, und Marakulin schien es, daß die Karten jetzt ganz erbost seien und ihn mit ihrem schonungslosen „reinen Herzen“ verspotteten. Sie orakelten: ein fröhlicher Weg; ein wohlgeborener einflußreicher Herr; viel Geld; wenn Sie heute keinen Brief bekommen, so bekommen Sie ihn morgen; er trinkt ein wenig, – und in den Ecken Gras und Tannen.

Aber die Karten logen diesmal nicht. Sei es, daß Akumowna es mit ihrem Wahrsagen heraufbeschworen hatte, oder, daß es ihm sonst bestimmt war – Marakulin mußte in der Tat bald nach dem Tag der hl. Tatjana und ganz unerwartet nach Moskau verreisen.

Marakulin war ein Moskauer. In Moskau geboren und aufgewachsen, war er auch dort zur Schule gegangen. Nur die fünf Jahre vor seinem Petersburger Aufenthalt hatte er in der Provinz verlebt und in Geschäften auch solche Städte wie Kostrinsk und Purchowez besucht. Er hatte in Moskau in einer Privatrealschule in der Handelsabteilung studiert. Kaum daß er in die Schule eintrat, starb seine Mutter, und bevor er die Schule verließ, verlor er den Vater. Die letzten Schuljahre waren sehr schwierig, er mußte selbst für sich sorgen. Er hatte zwei Schwestern, beide älter als er und beide verheiratet. Als er noch in Moskau lebte, besuchte er die Schwestern, erst oft, dann seltener, endlich ganz selten. Als er klein war hatten sie ihn sehr gern gehabt und ihn verwöhnt. Er wußte es noch genau, sie aber hatten es vergessen. Als er in der Provinz wohnte, schrieb er den Schwestern im Anfang oft, dann seltener, dann ganz selten und nur noch Gratulationsbriefe, dann hörte er überhaupt auf zu schreiben. Sie waren es, die zuerst den Briefwechsel abbrachen. Und seit er in Petersburg lebte, hatte er sich an den Gedanken gewöhnt, daß er in Moskau niemand hatte. Nur auf dem Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich zwei Gräber, zwei Kreuze: das Kreuz des Vaters und das Kreuz der Mutter.

Sein Vater war der älteste Buchführer bei Plotnikow gewesen. Plotnikows Fabrik befand sich auf der Taganka, das Engrosgeschäft auf der Iljinka. Der Vater war ein Mann der Arbeit, der sich mit Energie seinen Weg bahnte. Seine Mutter war anders; sie war ein Mensch von besonderer Art.

Jewgenja Alexandrowna – so hieß sie – war aufrichtig, einfach und herzlich. Ihre Aufrichtigkeit kannten alle; ihr Vater kannte sie und alle, die im Hause verkehrten kannten sie. Man klatschte in ihrer Gegenwart nicht über Bekannte, man schärfte nicht unnütz die Zungen – man sagte nichts, was man den andern nicht ins Gesicht hätte sagen können. Die Gepflogenheit, zwei Meinungen über jemand oder über etwas zu haben: eine Meinung sozusagen für’s Haus, welche nur im engen Familienkreis ausgesprochen wird, und eine andere für die Straße, welche vor Fremden geäußert wird, wenn es nützlich erscheint, – diese üblichen Formen des Umgangs waren ihr fremd. Es fehlte ihr der praktische Sinn. Daraus konnte oft ein kleiner Skandal, zumindest eine Verlegenheit entstehen, und ihr Vater mußte sie häufig davor warnen. Dieser praktische Sinn, der zwei Meinungen kennt, dieser einfältige und oft niederträchtige Selbstschutz ist keine Weisheit. In der echten Weisheit, die nicht nur zwei, sondern zwanzigmal zwei Meinungen kennt, ist Wissen und Schonung. Diese höhere Weisheit konnte sie natürlich noch nicht haben, aber sie besaß jene, die aus dem Instinkt stammt und die das Herz begreift. Es fehlte ihr dagegen völlig an jener Schlampigkeit des Herzens, an der Gewöhnlichkeit der Seele, die wie grobe Geradlinigkeit aussieht. Alles berührte und quälte sie; sie hatte keine Gleichgültigkeit in sich, im Gegenteil: ungewöhnlich barmherzig und mitfühlend, war sie bereit, jedem zu helfen. Kaum aus der Schule, verliebte sie sich in einen Studenten, in den Hauslehrer ihres Bruders, und wie zu Gott sah sie zu ihrem Studenten auf. Der Student aber – sagte nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur, lächelte und dankte. Jenjas Vater – Marakulins Großvater – war Arzt, und als Fabrikarzt bei Plotnikow angestellt, nahm er das junge Mädchen oft in die Fabrik mit. Bei Plotnikow war aber auch ein junger Techniker namens Ziganow. Dieser machte sich mit den Fabrikarbeitern zu schaffen, veranstaltete Vorlesungen und Theatervorstellungen für sie, und soll auch, wie die Wissenden behaupteten, einen Streik angezettelt haben. Die Fabrikarbeiter liebten Ziganow und gehorchten ihm. Jenja, der das Leben in der Fabrik, das sie allmählich kennen lernte, die Seele verwundete, bot Ziganow ihre Mithilfe an. Sie verbrachte viel Zeit mit dem Techniker und arbeitete mit, so weit ihre Kräfte reichten. Und wenn eine Sache gelang, – mit welcher Freude erzählte sie von ihrem Erfolg dem Hauslehrer ihres Bruders, ihrem Studenten, zu dem sie wie zu Gott aufsah! Der Student aber – sagte nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur, lächelte und dankte. So traf es sich auch einmal, daß Jenja bei Ziganow in der Wohnung war. Sie half ihm Lektüre für die Fabrikarbeiter zusammenstellen; es waren Broschüren. Sie war sehr eifrig dabei, sie brannte darauf, daß die Broschüren bald gelesen werden, denn sie glaubte, daß in ihnen die Wahrheit stand und ein Ausweg aus dem erbärmlichen Leben, das ihr die Seele verwundete. Sie brannte vor Eifer – es war ja das erstemal. Ziganow arbeitete am selben Tisch mit ihr und wich nicht von ihrer Seite; auch er wollte die Arbeit möglichst rasch erledigen, denn die Sache war gefährlich! Als dann alles fertig war, die Broschüren geordnet, ausgesucht und verteilt, und sie, befriedigt, freudig erregt und davon träumend, wie sie alles dem Studenten, ihrem Abgott erzählen würde – (er hatte wohl jetzt die Lektion mit ihrem Bruder beendigt, saß vielleicht mit ihrem Vater im Eßzimmer beim Tee und spielte mit ihm Schach) – gerade im Begriff war, nach Hause zu gehen, – da fiel Ziganow über sie her und warf sie zu Boden ...

An diesem Abend, als sie nach Hause zurückkehrte und den Studenten, wie sie erwartet hatte, im Eßzimmer beim Tee mit ihrem Vater Schach spielend fand, – sagte sie nichts; weder dem Vater, noch dem Studenten. Sie verriet nicht mit der leisesten Andeutung, was eben zwischen ihr und Ziganow vorgefallen war, sie verriet mit keiner Silbe das Entsetzen, das sie erfüllte.

Entsetzen und Scham besiegten all ihre Wahrhaftigkeit und zwangen sie, das Schreckliche zu verheimlichen. Sie schwieg, und obwohl sie, die sich nicht verstellen konnte, sich so gab, wie sie war, bemerkte dennoch niemand etwas, nur dem Vater fiel eine Trauer in ihrem Gesicht auf, die früher nicht in ihm war. Erst viele Jahre später sah es auch manch andrer, sprach aber nicht darüber. Denn diejenigen, die sie oft sahen, mochten sie dann vielleicht zum erstenmal aufmerksam angesehen haben und konnten deshalb nicht feststellen, ob diese Trauer in ihrem Gesicht schon immer dagewesen und von ihnen nur nicht bemerkt worden war, oder ob tatsächlich eine Veränderung in ihm stattgefunden hatte.

Wohl war diese Trauer schon immer in ihr, seit ihrer Geburt vielleicht, vielleicht war sie zusammen mit ihr zur Welt gekommen, hatte sich all die siebzehn Jahre in ihrer Seele verborgen gehalten und trat erst an jenem Abend hervor, an dem Jenja bei Ziganow die Broschüren ordnete und glücklich, freudig erregt daran dachte, wie sie ihrem Studenten, ihrem Abgott von ihrer Freude erzählen würde; – damals mochte das Entsetzen die eingeborene Trauer hervorgeholt und über ihr Gesicht gebreitet haben.

War es nur Trauer, was ihr Gesicht verriet, als sie sich auf dem Boden wälzte und vor tierischem Schmerz, vor Ekel und Entsetzen geschrien haben würde, wenn sie ihre Schreie nicht hätte unterdrücken müssen? War nur Trauer in ihrem Gesicht, da sie schweigend und doch unverstellt sich quälte?

Wenn die Menschen einander genau sehen und beobachten würden, wenn Alle Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre, wenn die Menschen einander sehen würden, das eiserne Herz gar nicht nötig?

Wie war das alles so gekommen, und weshalb? Und wie erklärte Jenja es sich selber?

An jenem Abend war Ziganow geblendet, – einen andern Grund gab es nicht – es war nicht vorgefaßte Absicht, er war einfach geblendet. Und hätte er auch sieben Augen gehabt, wer weiß, ob er nicht an allen sieben Augen geblendet worden wäre vor ihren beiden, mit denen sie so freudig dreinblickte, bereit, im nächsten Augenblick von ihrer Freude dem Studenten, ihrem Abgott zu erzählen: ihre Freude war so gewaltig; es war ja das erstemal, die Sache war gefährlich und sie glaubte die Erlösung gefunden zu haben aus dem erbärmlichen Leben, das ihre Seele verwundete.

So erklärte Jenja das, was vorgefallen, indem sie niemand beschuldigte, außer sich selbst.

Ob es so war oder nicht, ob er tatsächlich geblendet war oder nicht, ob er dem Zwang nicht widerstehen konnte, sich auf sie zu stürzen, oder ob er sich hätte zurückhalten müssen – einerlei: am Ende wäre es auch einem andern so ergangen wie Ziganow, der sich mit einer gefährlichen Sache befaßte, die heimlich und verborgen getan werden mußte, und der vor lauter geschäftigem Mißtrauen seine Augen verloren hatte? Jedenfalls aber hatte er seine Augen verloren, gleichviel warum: denn hätte er sehen können, so wäre das nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam aber, daß jedesmal, wenn Jenja bei ihm war, um Broschüren zu ordnen, oder in ähnlichen Angelegenheiten, sich jener gefährliche und freudig erregte Abend wiederholte. Sie flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, aber er wollte nichts hören, weil er taub und blind war. Und so verging ein ganzes Jahr.

Als dann Ziganow aus der Plotnikowschen Fabrik verschwunden war – manche behaupteten, er wäre nach Sibirien verbannt worden, andre dagegen, daß er jenseits der Trechgornaja-Maut in einer Fabrik eine gutbezahlte Stellung angenommen hatte, wieder andre, daß er der Welt so etwas wie ein „neues Zion“ verkündete – mit einem Wort, als Ziganow nicht mehr da war, und Jenja aufatmen konnte, da widerfuhr ihr das gleiche, nur daß diesmal an Ziganows Stelle ihr eigener Bruder, der Kadett war. Sie bat ihren Bruder, flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, er aber wollte nichts hören, und darum nicht, weil er in diesem Augenblick taub und blind war.

Ja, auch er war in diesem Augenblick geblendet, und nur, weil in ihr selbst etwas Sinnberaubendes, Blendendes war; denn sonst hatte doch dieser Bruderabend nichts gemeinsames mit jenem Ziganowschen, jenem gefährlichen und freudig erregten Abend.

So erklärte sich Jenja alles, was vorgefallen, indem sie niemand als sich selbst beschuldigte.

Ob es nun so war oder nicht, ob der Bruder ebenfalls geblendet war oder nicht – jedenfalls ist es klar, daß er, ohne sich mit gefährlichen Dingen zu befassen, wie Ziganow und nicht wie dieser durch die Heimlichkeit und die Gefahr der Arbeit in gemeinsame Erregung mit der Schwester gedrängt, – im Gegenteil: er hatte einen offenen Weg vor sich, frei von jedem Spähen und Horchen – jedenfalls ist es klar, daß er, wie so viele Menschen von Beruf oder Handwerk, von Meisterschaft oder Leidenschaft, sich eben durch keinen besonderen Scharfblick auszeichnete. Nein, er zeichnete sich nicht durch besonderen Scharfblick aus, denn hätte er etwas gesehen, so wäre nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam aber, daß sich jedesmal, wenn er sie allein fand, das wiederholte, was an jenem Schwesterabend geschah. So verging wieder ein Jahr.

Als der Bruder dann von Moskau abgereist war und sie, allein geblieben, aufzuatmen hoffte, da wurde der Bruder von dem Gehilfen ihres Vaters, von einem jungen Arzt ersetzt, so wie einst der Bruder Ziganow abgelöst hatte. Und nach dem Arzt kam noch einer und wieder einer; alle traten sie kühn an sie heran und taten mit ihr, was sie wollten.

Sie taten es aber nicht deshalb, weil sie es freiwillig gewährte, nein, sie taten nur das, wozu es sie, die Geblendeten, trieb.

So erklärte sich Jenja alles, indem sie niemand als sich selbst beschuldigte.

Ob es so war oder nicht, ob sie wirklich geblendet waren oder nicht, ob es sie trieb, oder ob sie sich selbst über sie warfen, jedenfalls beschuldigte sie keinen von ihnen, nur sich selbst: dies etwas in ihrem Wesen, das blendete und betäubte.

Sie schwieg – ganze drei Jahre schwieg sie. Sie machte nie eine Andeutung, verriet sich mit keinem Wort. In ihr aber war Entsetzen, Scham und Qual. Sie wurde geliebt, hatte viele Freundinnen, und wußte, wie sehr man sie liebte und wie gut man von ihr dachte; und trotz aller Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, die in ihr war, vermochte sie es nicht, ihnen zu sagen, wie sehr sie sich irrten: daß sie nicht so war, wie sie von ihr dachten. Hätten sie die Wahrheit gewußt, dann würden sie sich von ihr losgesagt haben, so aber stahl sie ihre Liebe dadurch, daß sie die Wahrheit verheimlichte.

Die Menschen traten kühn an sie heran und taten mit ihr was sie wollten, sie aber konnte sich nicht wehren und gab, erfüllt von tierischem Ekel und Schmerz, nach. Und dafür, daß sie nachgab, daß sie trotz Ekel und Schmerz nachgab und nachgeben mußte, für dies blendende und betäubende Wesen in ihr, das die Menschen trieb, sich über sie zu werfen, reichte eine von Menschen verhängte Strafe nicht aus. Es wäre ihr ja ein leichtes gewesen, ein Ende mit sich zu machen, aber das hätte ihr nicht genügt. Auch wenn man sie gefoltert und gemartert, wenn man sie zu Tode gefoltert hätte, was hätte ihr das genützt? Für sie war eine von Menschen bestimmte Strafe zu gering, sie mußte sich selbst ihr Urteil sprechen und sich selbst hinrichten. Aber wie sich strafen, wie sich hinrichten? In den drei Jahren des Entsetzens, der Scham und der Qual hatte sie sich in den schlaflosen Nächten die Haare gerauft, hatte mit dem Kopf gegen die Eisenstäbe ihres Bettes, – ihres schmalen Mädchenbettes – geschlagen, aber was war damit erreicht? Nichts, gar nichts! Wer sollte ihr die Strafe diktieren und wie sollte sie sie vollziehen?

Wenn die Menschen einander genau sehen und beachten würden, wenn Alle Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre das eiserne Herz gar nicht nötig, wenn die Menschen einander sehen würden!

Jenja verließ Moskau und lebte einige Zeit auf dem Lande, in der Familie eines ihrem Vater befreundeten Arztes. Ihr Vater, der jetzt nicht nur Trauer in ihrem Gesicht bemerkt hatte und unruhig geworden war, erklärte sich ihr Aussehen mit Uebermüdung und redete Jenja zu, sich auf dem Lande zu erholen. Folgendes geschah nun während ihres Landaufenthaltes: Am Dienstag in der Karwoche reiste sie von da ab, aber nicht nach Hause zum Osterfest, wie man annahm, sondern sie begab sich in den Wald und betete dort drei Tage und drei Nächte mit der ganzen Glut des Entsetzens, der Scham und der Qual eines sich selbst verurteilenden Herzens, und flehte nur um eins: um Strafe, – daß ihr eine Strafe angezeigt und eine Buße auferlegt werde. Am Karfreitag aber erschien sie in der Kirche zur Zeremonie des Grabtuches, ganz nackt, mit einem Rasiermesser in der Hand. Als das Grabtuch hinausgetragen wurde, folgte sie ihm – alle wichen vor ihr zurück, wie vor dem Grabtuch selbst. Sie stand ganz nackt da, mit dem Rasiermesser in der Hand: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ rief sie aus. Jemand erwiderte „Amen“. Da erhob sie das Messer und schnitt sich Kreuze hinein in die Stirn, in die Schultern, in die Arme, in die Brust, und ihr Blut ergoß sich auf das Grabtuch.

Ein ganzes Jahr oder noch länger lag Jenja im Krankenhaus, wohin man sie bewußtlos aus der Kirche gebracht hatte. Von den Kreuzen waren keine deutlichen Male zurückgeblieben, nur eine schwache Narbe auf der Stirn, aber auch diese war unter dem Haar nicht zu sehen. Und als man fand, daß sie sich genügend erholt hatte, schickte man sie zu ihrem Vater zurück.

Hatte sie sich nun beruhigt? Nein. Aber sie betete nicht mehr um Strafe. Tief in ihrem Innern war es still geworden. Mag sein, daß man durch irgendwelche Heilmittel auf sie gewirkt hatte, oder daß sie, sich erholend und gesundend, nicht mehr so fein in sich hineinhorchen konnte, um zu vernehmen, was in der Tiefe redete. Aber bald sollte sie es doch vernehmen, und ganz unerwartet.

Zu ihrem Vater kam häufig der Buchführer der Plotnikowschen Fabrik, Alexej Iwanowitsch Marakulin. Jenja gefiel ihm sehr, und er erklärte sich bald. Da vernahm sie plötzlich, was in der Tiefe sprach.

Niemand wußte bis dahin, wofür sie eine Strafe für sich herabgefleht hatte, kein Mensch ahnte etwas von den drei qualvollen Jahren und von dem vierten Jahr ihrer Buße. Nicht einmal dem Priester in der Beichte hatte sie etwas verraten: sie sprach es in Gedanken unter dem Epitrachelion, wenn der Priester über ihr gebeugt die Vergebung las. Sie konnte sich nicht entschließen, ihm etwas zu sagen: es hätte ihm vielleicht nicht genügt zu erfahren, was sie getan; er hätte sie jederzeit über die Personen ausfragen können, die mit ihr verkehrt hatten. Vielleicht hätte er auch angesichts ihres Entsetzens, ihrer Scham und ihrer Qual, um ihr einen weltlichen Trost zu verschaffen, zu erfahren gewünscht, wie sich alles zugetragen hatte, und dann gar, über die Umstände unterrichtet, jene Personen verurteilt und sie selbst von aller Sünde freigesprochen! Sie aber beschuldigte niemand als sich selbst, ihr eigenes blendendes und betäubendes Wesen. Außerdem hätte der Geistliche jene Menschen auch denunzieren können. Jetzt aber wollte sie es dem Menschen offenbaren, der sie liebte. Sie mußte _alles_ sagen – so sprach es in ihrem Innern – sie mußte diesem Menschen alles sagen.