Part 8
Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. Es waren in Purchowez im Mädchengymnasium, wo Anna Stepanowna unterrichtet hatte, zwei Lehrer, zwei Berühmtheiten: der Lehrer für Geschichte: Rakow, und der für Literatur: Lestschow. Sie waren Freunde und beide – nach ihrer eigenen Definition – Menschen von Bestrebungen. Das Schicksal Anna Stepanownas war mit dem Schicksal Lestschows eng verbunden; Lestschow aber und Rakow waren wie zwei Hälften und nach der Uebereinstimmung von Gemüt und Gesinnung – ein Ganzes. Nur war Rakow etwas älter. Sie wohnten beide bei derselben Wirtin, sie lebten eingeschränkt, nüchtern, einsam. Ihre Wirtin Pawlina Polikarpowna, obschon nicht mehr sechzehnjährig, so doch munter und fest, hatte in längst verflossenen Zeiten als Köchin beim Gouvernementsrat Gerassimow gedient; und Gerassimow hatte sie vor seinem Tode „in allem eingeschränkt“, wie Pawlina Polikarpowna sich auszudrücken pflegte, das heißt: er hatte sie versorgt und ihr für ihren musterhaften Dienst ein teures Lotterielos geschenkt. Pawlina Polikarpowna kaufte sich ein Häuschen und lebte vom Vermieten.
Als Rakow von diesem Gerassimowschen Lotterielos erfuhr, konnte er es als gewissenhafter Historiker nicht unterlassen, dessen Nummer in sein Notizbuch einzutragen und verfolgte wachsam die Ziehungen in den Zeitungen. Pawlina Polikarpowna behandelte er respektvoll, streng und freundlich. Und so vergingen die Jahre, still, einsam und erwartungsvoll.
Pawlina Polikarpowna war zwar nicht mehr sechzehnjährig, doch hatte sie manchmal ihre bestimmten Gedanken, und zuweilen weinte sie, einfach so, ohne jeden Grund. Besonders im Frühling, wenn die Sonne zu brennen begann, die Hühner zu legen anfingen, die Gärten ergrünten und die Nächte warm, schwül und sehnsuchtsweckend waren, wenn die Nachtigall schlug und selbst Rakow auf der Gitarre wie auf einer Harfe spielte und dazu wie eine Nachtigall sang: „Auf den blauen Wogen des Ozeans, kaum daß die Sterne am Himmel erglühen, treibt ein einsames Schifflein“ – dann konnte kein Herz es länger ertragen, und Pawlina Polikarpownas Herz sank dahin.
Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf Nachtigallengesang eine erste Stadt, eine Nachtigallstadt!
Eines Morgens, als Rakow die „Purchowezschen Gouvernementsnachrichten“ durchflog, begann er plötzlich laut zu lachen, so laut, wie ein Mensch nur vor Freude lachen kann, wenn ihm zumute ist, als reiche die eigne Kehle nicht aus. Und wie sollte er auch nicht lachen? Das Gerassimowsche Los hatte gewonnen, und zwar keine Kleinigkeit, sondern die ganzen Zweimalhunderttausend! Er besann sich aber rechtzeitig, steckte die Zeitung in die Tasche, hustete absichtlich laut und begab sich mit dem Geheimnis von Pawlinas Glück ins Gymnasium, als wäre nichts vorgefallen.
Nachdem er mit Mühe seine Stunden gegeben hatte, wurde Rakow vor Aufregung noch am selben Abend krank, und Pawlina Polikarpowna mußte die ganze Nacht den Kranken pflegen. Am nächsten Morgen ging es ihm auch nicht besser, und so die ganze Woche. Eine Woche lang pflegte ihn Pawlina Polikarpowna, und um Fastnacht hielten sie Hochzeit. Sofort nach der Trauung, als die Neuvermählten allein blieben, lautete die erste indiskrete, aber durchaus berechtigte Frage des jungen Ehemannes: „Wo ist das Los?“ – „Was für ein Los?“ – „Was für eins? Das Gerassimowsche!“ Das Gerassimowsche Los aber war längst verkauft; es war nicht mehr da.
Um Fastnacht, fast am gleichen Tage, heiratete auch Lestschow Anna Stepanowna Schianowa. Die Schianows waren einst die reichsten Leute in Purchowez, aber Anna Stepanownas Vater hatte das ganze Vermögen verspielt, und so mußte die Familie nach großer Ueppigkeit in Armut weiterleben. Dann starb der Vater, es starb auch die Mutter. Anna Stepanowna war bereits mehr als zwanzig Jahre alt, und obwohl in ihrem Gesicht nichts Abstoßendes war, nichts, was man häßlich oder entstellend nennen konnte, im Gegenteil, – so gefiel sie dennoch niemand besonders und wurde überhaupt nicht begehrt. Sie gehörte nicht zu den Heiratskandidatinnen von Purchowez, hielt sich auch selbst nicht dafür, und hatte sich bereits damit abgefunden, allein und ledig zu bleiben, oder vielmehr, sie hatte sich nicht damit abgefunden, – man kann sich damit nicht abfinden, – sondern sie redete sich das eben ein. Eines schönen Tages aber fiel ihr die Erbschaft von einer Tante zu, von der sie nie etwas gehört hatte, und zwar eine nicht geringe Erbschaft: etwa Fünfzigtausend. Natürlich wurde es im Gymnasium, an dem sie unterrichtete, bald bekannt, – war sie doch selbst die erste, die es erzählte, – und so erfuhr es auch Lestschow. Sofort ging er ans Werk: er begann, Anna Stepanownas Spuren zu folgen, wurde mit einem Male sehr unglücklich, beklagte sich, jammerte, erfand allerlei Verfolgungen seiner Person, ersann sich Feinde; auf einmal brachen auch sämtliche Krankheiten bei ihm aus, und lauter unheilbare, so daß er im Begriff war, Selbstmord zu begehen. Und die verzweifelte Liebe sang aus ihm wie eine Nachtigall, ja, er übertraf die Nachtigall ...
Purchowez ist eine uralte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. So heiratete Lestschow Anna Stepanowna, nahm ihr die Erbschaft der Tante ab, die ganzen Fünfzigtausend und wies ihr die Tür: „Ich brauche dich nicht,“ sagte er, „ich brauche dein Geld.“
Wera Nikolajewna mußte man bedauern; um Werotschka hatte man Angst, aber Anna Stepanowna tat einem weh. Sie lächelte so, daß es in die Seele hinein weh tat.
Wera Nikolajewna wollte studieren. Warum? Weil es ihr Maria Alexandrowna so geraten hatte, an die sie glaubte wie an die Iwerskaja Mutter Gottes[6]. Und sie wird studieren, solange ihre Kräfte reichen, und eines Tages wird sie vielleicht über der Physik von Krajewitsch[7] die Seele aushauchen.
Werotschka wollte eine große Schauspielerin werden, berühmt in ganz Rußland, in ganz Europa, in der ganzen Welt – und sie wollte das, um sich an Anissim zu rächen: nur damit Anissim Nikititsch Wakujew, dem alles gelingt und dem man alles durchgehen läßt, nur einen Augenblick lang es bedauern und bereuen solle, daß er sie um andere, die ihn liebten oder sich ihm verkauften, verlassen hatte. Und so bahnte sie sich jetzt den Weg mit ihrem sicheren, erprobten Mittel, und wird sich ihn weiterbahnen, solange ihre Kräfte reichen.
Was aber wollte Anna Stepanowna? Sie war allein geblieben und ohne Mittel, aber das war es nicht: sie hatte ja auch früher allein und ohne Geld gelebt. Hier war es etwas anderes, etwas Seelisches: sie hatte mit der ganzen Seele geglaubt, daß man sie liebte und hatte wieder geliebt. Was wollte sie nun? Was konnte sie wollen! Das, was ein Mensch will, dessen Seele beschmutzt, dessen Seele vergewaltigt worden ist.
Und während Marakulin Anna Stepanowna näher betrachtete, überzeugte er sich immer mehr, daß sie auf der Welt nichts zu tun hatte. Und weil sie so lächelte, tat es ihm weh bis in die Seele hinein.
Es begann ein böser Herbst; es ging ihnen allen schlecht. Nach dem Kirchenfest der Kreuzeserhöhung geschah es, daß Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, als er im Zirkus auf dem Trapez in der Luft sich schwang, herabstürzte und verunglückte; er verletzte sich – wie man auf dem Burkowschen Hof sagte – die Wirbelsäule und den „Stamm der Beine“. Es stand um ihn nach diesem Sturz aus den Lüften so schlecht, daß er sogar einen Priester holen ließ, um die heiligen Sakramente zu empfangen. Der Arzt aber meinte, er würde sechs Monate liegen und sich einer schweren Operation unterziehen müssen.
– Sie werden ihm von der Ferse ein Stück abschneiden und das Fleisch öffnen – bedauerte Akumowna, – sie werden den Knochen mit einem Bohrer wegbohren, beide Fersen abschneiden. Hätte er aber einen Aufguß von Pferdemist getrunken, so wäre alles fort, wie mit der Hand ...
Marakulin hatte seit jenem Glückszufall im Sommer keine Arbeit mehr gefunden. An allen Orten und Anstalten, an die er sich wandte, wurde höchstens seine Adresse notiert, und bekanntlich hat man nichts mehr zu erwarten, wenn die Adresse notiert wird. Um diese Zeit fand gerade in Petersburg eine Hundezählung statt. Eine Woche lang ging er auf den Burkowschen und belgischen Höfen herum, zählte die Hunde und lernte dabei einen Studenten Lichowidow kennen, der, so wie er, Hundezähler war. Der Student Lichowidow, ebenfalls ein Mensch in den letzten Zügen, verstand es jedoch schließlich, sich noch irgendwelche Hundearbeiten zu verschaffen, und auch für Marakulin fiel dabei etwas ab. Es begann ihm schon etwas besser zu gehen, da mußte Lichowidow ein kleines Malheur passieren: er arbeitete damals in irgendeinem Bureau und trat eines späten Abends nach seinem Dienst auf die Straße, als ihm sein Vorgesetzter, der Bureauchef – gut angezogen, im Pelz, mit einem kostbaren Kragen – entgegenkam. „Was meinen Sie, Herr Lichowidow, was wäre jetzt besser, Tee oder Kaffee zu trinken?“ Lichowidow aber hatte seit dem Morgen nichts gegessen, er war hungrig wie ein Hund, auch hatte ihn gerade der Petersburger Wind angeblasen, seine Zähne klapperten nur so. Er sah den Chef an, als überlegte er, was jetzt besser wäre, Tee oder Kaffee zu trinken und haute ihm eine in die Fresse. Seitdem war Lichowidow verschwunden, und Marakulins Mühle stand still.
Dem guten Jäger läuft das Wild in’s Garn. Nach langem Suchen fand Anna Stepanowna eine Anstellung in einem Privatgymnasium. Es war ein Mustergymnasium und seine Vorsteherin Lednjowa war eine Frau von Bestrebungen. Sie verstand die große Kunst, zu wirtschaften, ohne einen Heller aus eigener Tasche auszugeben, und sie tat es sehr einfach und gleichzeitig ziemlich verzwickt: sie verschleierte ihre Manipulationen mit einem echten Petersburger Nebel. Man sagte, sie bezahle die Lehrer aus geheimnisvollen Equipierungsgeldern, die ihr gar nicht gehörten, und daß die Lehrer im Lednjowschen Gymnasium jedes Jahr wechselten. Rakow und Lestschow waren, was Bestrebungen betrifft, im Vergleich mit der Lednjowa die reinen Waisenknaben, so wie der schönste Gardesoldat in Beziehung auf Köchinnen gegen Kasimir den Monteur und Stanislaus den Kontoristen gar nicht in Betracht kommt.
Zwei Monate bekam Anna Stepanowna keinen Gehalt: die Zahlung wurde unter allerlei Vorwänden hinausgeschoben. Erst im dritten Monat wurde er ihr ausgezahlt, aber selbstverständlich nicht als gewöhnlicher Gehalt, sondern als eine Anleihe aus eben jenen geheimnisvollen Equipierungsgeldern. Als sie das Geld bekam, lud sie Marakulin und Wera Nikolajewna zum Besuch des Marijinschen Theaters ein, zu einer Opernvorstellung. Die Billetts kosteten nicht wenig, dafür waren es gute Plätze; es war alles gut zu sehen und zu hören.
An diesem Abend begegnete Marakulin im Theater Werotschka. Wie oft hatte er im Sommer und im Herbst an sie gedacht und im Meldeamt nach ihrer Adresse geforscht – immer wieder aber hieß es: verreist. Jetzt traf er sie. Im ersten Augenblick erschrak er, dann verwandelte sich sein Schreck in Unruhe: Werotschka war nicht allein; mit Werotschka ging Glotow, der Kassierer, Alexander Iwanowitsch, Marakulins ehemaliger Freund.
Werotschka hatte sich gar nicht verändert. Verändern sich denn die Menschen überhaupt? Werotschka erkannte ihn gleich, Glotow aber nicht, oder er tat so, absichtlich, aus wohlerwogenen und unwiderleglichen Gründen.
– Das ist aber eine Ueberraschung, denn wir haben dich längst begraben, weißt du, Petruscha! – sagte er.
Und als Werotschka erfuhr, daß Wera Nikolajewna ebenfalls im Theater sei, ging sie sie aufsuchen und kam nicht wieder.
Glotow führte Marakulin ins Theaterrestaurant.
– Woher kennst du sie? – fragte Glotow seinen Freund.
– Wir haben einen Winter lang bei derselben Wirtin gewohnt – erwiderte Marakulin.
– Du kennst sie also gut?
– Wie man es nimmt.
Und plötzlich verwandelte die Wut ihre Gesichter. Sie verstanden einander nur zu gut. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Aber es war peinlich, so auseinanderzugehen, und auch das Schweigen war peinlich.
Glotow schlug vor, etwas zu trinken. Marakulin dankte. Und so traten sie aus dem Restaurant, gingen Schulter an Schulter nebeneinander und suchten Werotschka. Marakulin schwieg. Glotow aber wiederholte mit einer Art Vergnügen und als hätte er es einstudiert, immer dasselbe:
– Das ist aber eine Ueberraschung! Denn wir haben dich ja längst begraben, Petruscha, weißt du!
Marakulin traf Werotschka auch in der nächsten Pause nicht: sie hatte Wera Nikolajewna versprochen, sie noch zu treffen und kam nicht. Er sah sie an dem Abend nicht wieder.
Nach dem Theater ging Marakulin mit Wera Nikolajewna und mit Anna Stepanowna in ein Café auf dem Newsky.
Die Begegnung mit Werotschka und mit Glotow, und daß er sie zusammen getroffen, das Theater, das Café, alles wühlte Marakulin auf, und was dort im Theaterrestaurant verborgen in ihm brodelte, als er neben Glotow stand, sammelte sich jetzt zu brennender Verzweiflung. Und gemartert fühlte er: wenn jetzt dieser Glotow, sein Bruder oder sein Verwandter, einer, der Werotschka kennt und den auch Werotschka gut kennt, aufstehen und ihm, Marakulin, eine herunterhauen würde, wie der Student Lichowidow dem Bureauchef, so würde er, Marakulin, ihm zum Dank dafür die Füße küssen und ihm noch seinen Nacken hinhalten, daß er nach Herzenslust dreinhaue, oder ihm die Zähne einschlage, daß die Kiefer knacken. Und in seinem grausamen Martyrium das ganze Brennen des freiwillig auf sich genommenen Schmerzes fühlend, erinnerte er sich an seine geliebte, verhaßte, unglückselige Generalin, und es verging ihm die Lust an seinem Leid – er wollte keine Ohrfeigen, keine Faustschläge, keine Fußtritte, weder von diesem gestutzten Schnurrbart, der so selbstgefällig mit diesem andern widerlichen Glattgesicht plauderte, noch von jenem roten, nach oben gekräuselten Schnurrbart, der auch vielleicht Werotschka kennt und den Werotschka sehr gut kennt. Nein, in seiner Verzweiflung dachte er jetzt, wie gut es wäre, die Generalin mit kochendem Wasser zu übergießen, sie ein wenig nur zu verbrühen. Mit welcher Wut würde sie sich auf alle stürzen und beißen, – alle zerbeißen!
– Warum heißt Werotschka nicht mehr Wechorjowa, sondern Rogowa?
– Weil sie keine Generalin ist – antwortete Marakulin.
– Was für eine Generalin?
Wera Nikolajewna verstand nichts und sah bald ihn, bald Anna Stepanowna an, welche lächelte und deren Lächeln bis in die Seele hinein weh tat.
Marakulin hätte jetzt aufstehen und der einen die Augen ausstechen mögen – diese verlorenen Augen des vagabundierenden heiligen Rußland, des verschüchterten, freiwillig bettelnden, von Armut, wie von einem geweihten Gürtel umgürteten, alles ertragenden, demütigen, geduldigen Rußland, das sich nicht einmal einen Sarg zusammenzuzimmern vermag, höchstens einen Scheiterhaufen zusammenbringen und sich darauf verbrennen! Die andre aber hätte er ersticken mögen, damit sie aufhörte zu lächeln, damit es dieses Lächeln nicht mehr gäbe, aus dem mit frecher Schamlosigkeit eine beschmutzte, vergewaltigte Seele jedem in die Augen sticht: sie braucht nicht zu leben, sie hat hier nichts zu tun, es ist kein Platz für sie auf der Erde!
Oder war für ihn selbst kein Platz mehr auf der Erde?
– Und was meinen Sie, Wera Nikolajewna? – fragte er.
– Werotschka gab mir ihre Adresse und bat mich, nicht nach Wechorjowa, sondern nach Rogowa zu fragen – antwortete Wera Nikolajewna.
Marakulin schloß die Augen. Er empfand plötzlich eine äußerste Müdigkeit und Erschöpfung, eine so vollkommene Gleichgültigkeit, daß er sich nicht gerührt und nicht einmal sich umgesehen haben würde, wenn das Café in Brand geraten oder die Decke herabgestürzt wäre.
Als Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna bemerkten, wie verstimmt er war, wollten sie ihn nicht beunruhigen, und um seiner Seele nicht lästig zu sein, unterhielten sie sich leise miteinander.
Wera Nikolajewna erzählte von einer Krankenschwester:
– Man brachte ins Krankenhaus ein Kindchen: es war verbrüht. Um die Operation zu machen, brauchte man Haut, und wo sollte man sie hernehmen? Vom Kindchen selbst? – das hätte es nicht ausgehalten, es war zu schwach. So bot sich die Schwester dazu an, und man schnitt ihr so viel Haut aus, als man brauchte.
– Und wie ist es verlaufen?
– Gott sei Dank, beide leben.
Anna Stepanowna bekreuzigte sich lächelnd:
– Gott sei Dank!
Marakulin erhob sich, und sie gingen nach der Fontanka zurück.
* * * * *
Werotschka bewohnte eine kleine möblierte Wohnung an der Mojka, die sie nur mit ihrer Wirtin teilte. Die Zimmer waren mit allerlei Sofachen und Tischchen vollgepfropft und mit Sächelchen angefüllt, wie sie wohl auch das Ehepaar Oschurkow in seinen zehn Zimmern haben mochte. Die kanariengelbe Farbe war in der Wohnung vorherrschend: gelbe Kissen, gelbe Wandschirme, – alles hier war gelb.
Marakulin, der Werotschka endlich gefunden hatte, begriff schon im Vorzimmer, daß Werotschka hier nicht aus eigener Wahl wohnte, sondern daß sie in diese möblierte gelbe Wohnung von jemand einquartiert worden war.
Er fand sie zu Hause und freute sich sehr über sein Glück: sie war allein, sie kamen einfach und leicht ins Gespräch. Wie immer, redete sie erst äußerst herausfordernd, und ihre Erzählung war von solcher Art, daß man aus ihr nicht klug werden konnte, ob es echte Wahrheit war oder bloß so eine Wahrheit. Sie habe ihren Namen geändert, weil sie jetzt beim Theater sei; sie sei bei einer kleinen Bühne engagiert, in einem Petersburger Café chantant.
– Ich tanze dort – erzählte sie – kommen Sie einmal hin, um mich zu sehen.
Doch abgesehen vom Theater und vom Tanzen stand es mit ihr so, daß Anissim Wakujew ihr kein Geld mehr schickte. Statt seiner war jetzt ein vornehmer alter Herr ihr Gönner. Er hatte ihr diese Wohnung gemietet und seinetwegen hatte sie den Familiennamen geändert, – oder richtiger: sie mußte einen andern Familiennamen annehmen. Warjaginskij war eine einflußreiche Persönlichkeit und verkehrte bei Hofe.
– Er ist ein ganz altes Kerlchen. Mit dem linken Auge sieht er immer eine Maus; wenn er es zukneift, dann verschwindet die Maus, macht er es aber auf, dann ist die Maus wieder da, ein graues, ganz kleines Mäuschen.
Anissim schicke ihr längst kein Geld mehr, sie aber brauche Geld. Sie müsse es soweit bringen, daß der alte Warjaginskij auf ihren Namen ein Kapital deponiere, dann ...
– Dann werde ich zeigen, wer ich bin – der ganzen Welt, – dann sollen sie sehen!
Ja, sie werde sich schon erweisen, ihr Name werde in ganz Rußland berühmt sein, in ganz Europa, in der ganzen Welt! Sie habe ihren Weg durch den Scheiterhaufen gewählt; denn auf dem gewöhnlichen Wege gelange man nirgends hin; man komme auf andre Weise nicht vorwärts; ohne Geld lasse man einen nirgends hin; man werde zerrieben, und wäre man der Teufel selbst! Man müsse lügen können und Geld haben – Lügen und Geld haben, das sei notwendig. Sie hätte ja auch versucht, auf die gewöhnliche Weise durchzukommen – sie kenne es gut! Sie könne ja schließlich nicht Waschfrau werden – oder sollte sie in der Tat Waschfrau werden? Sie sei durchaus nicht damit einverstanden, im Kusnetschnygäßchen zusammen mit dem Chiromanten oder in den Gorbatschowschen „Winkeln“ zu wohnen. Wenn der Alte aber erst ein Kapital auf ihren Namen deponiert und sie viel Geld haben würde, dann ... ja dann ...
– Für Geld kann man alles kaufen! – schrie Werotschka mit ihrem unheimlichen Schrei. Es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines Hoffenden, sondern eine Herausforderung, ein Schrei nach dem Recht, die ganzen himmlischen Heerscharen kurz und klein zu schlagen, wäre nur eine Leiter bei der Hand – wie es in einer alten Weise heißt – oder die Erde aus den Angeln zu heben, bekäme man nur einen Griff zu fassen! – Es war eine Herausforderung, ein Schrei der Verzweiflung auf ihrem Weg durch den Scheiterhaufen.
– Ich bin eine Dirne und bleibe eine Dirne. Aber im nächsten Jahre werde ich mich zeigen. Sie werden mich dann sehen. Jawohl, auch Wera Nikolajewna würde kein Geld ausschlagen, und auch diese Ihre Andre, mit dem kläglichen Lächeln, würde es annehmen! Es gibt ihnen bloß niemand etwas, mir aber gibt jeder, ich verstehe zu lügen und werde mein Ziel erreichen!
Sie begann hastig ihre Toiletten zu zeigen, riß alle Schubfächer auf und öffnete den Kleiderschrank; Kleider und Wäschestücke flogen haufenweise zu Marakulin hin, und ein bunter Berg von Seide und Spitzen türmte sich zwischen den gelben Sofas, wie der schwarze Berg auf dem belgischen Hof.
– Und alles das ist mein – schrie sie, – sehen Sie, es sind Geschenke, alles gehört mir!
Marakulin erhob sich, er wollte sie zurückhalten, aber es war unmöglich; er setzte sich wieder auf das gelbe Sofa. Werotschka aber war in Raserei geraten, sie zerknüllte und zerfetzte die Sachen und warf sie um sich her. Und als die Kommoden entleert und alle Schubfächer von unterst zu oberst gekehrt waren, begann sie die Nippes abzuräumen, zerschlug alles und warf es auf einen Haufen.
– Und alles das gehört mir, lauter Geschenke! – schrie sie mit dem letzten Aufwand ihrer Stimme, fast schon ohne Stimme. Einen Augenblick stieg in Marakulin der heftige Wunsch auf, ein Streichholz anzuzünden und alles in Brand zu stecken, alles zu vernichten, den ganzen Haufen, den Berg, die gelben Kanapees, gelben Wandschirme, gelben Lampenschirme, gelben Kissen – alle diese Geschenke!
Werotschka riß von der Etagere eine kleine bronzene Schildkröte herab und reichte sie ihm, offenbar in der Absicht, sie ihm zu schenken.
– Man kann nur schenk–, man kann nur schenk–, man kann nur schenk– – stieß Marakulin hervor, als wollte er mit den Worten dreinschlagen, und sah Werotschka fest an, aber der Atem verging ihm, bevor er das Wort zu Ende brachte. Seine Schultern zitterten plötzlich.
Ja, sie wisse es selbst. Hier sei nichts, was ihr gehöre. Und fremde Sachen dürfe man nicht verschenken. Geschenke verschenke man zwar nicht, doch dürfte man es tun; hier aber gehöre ihr nichts, es seien nicht Geschenke, es seien lauter fremde Sachen. Fremde Sachen aber dürfe man nicht verschenken. Eigentümer sei hier der alte Warjaginskij, der Mäuse sieht, und Glotow der Kassierer, und sonst jeder, der Geld hat und Geld ausgeben kann – und je mehr einer Geld gebe, desto wichtiger sei er. Alles an ihr sei beschmutzt, alles abgegriffen, sie könne Wera Nikolajewna nicht einmal einen Kuß geben, sie habe nichts mehr zu geben, alles sei eingesetzt, alles bespuckt.
– Und Sie, Petruscha, Sie möchten wohl auch? – fragte sie plötzlich voll Bosheit, – ja, wollen Sie? – nicht?
Marakulin erhob sich.
– Da – Werotschka zeigte ihm die Zunge – nichts kriegen Sie, Sie Bettler! Bettler empfange ich nicht, verstehen Sie! – und ihre unverschämten Augen blitzten auf wie zwei scharfe Klingen und ihr aufgelöstes Haar brannte wie Feuer.
Ohne die Straßen zu unterscheiden ging Marakulin wohin ihn seine Füße trugen. Es war im Dezember und Tauwetter. Ein warmer Wind wehte, die Laternen sahen aus wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde und schienen im Nebel aufgehängt. Beim Hinaustreten aus der Podjatscheskaja auf die Ssadowaja blieb er plötzlich stehen: vor dem Tor des Spaßeschen Polizeireviers, da, wo die Glocke hängt, stand ein Feuerwehrmann in einem riesigen Messinghelm, ein wirklicher Feuerwehrmann, aber überlebensgroß, und sein Messinghelm reichte über die Torwölbung hinauf.
Marakulin begann vor Entsetzen zu laufen. Etwas stieg ihm die Kehle hinauf und preßte sie zusammen. Und erst als er zu Hause war, allein in seinem Zimmer im Burkowschen Hof, fühlte er, daß er weinte, so wie er nur einmal im Leben geweint hatte, als seine Kinderfrau ihn verlassen.