Die Schwestern im Kreuz

Part 7

Chapter 73,645 wordsPublic domain

– Was brüllst du so? – schrie ihn eine knarrende Stimme an, und aus den Winkeln zeigte sich Gorbatschows haarige Nase.

Das Klopfen aber dauerte fort. Das war Werotschka, allein in ihrem Zimmer – sie war nicht eingeschlafen und wird nicht einschlafen – sie schlug mit dem Kopf gegen die Wand, ohne Tränen, ohne Klage, mit weitaufgerissenen trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.

Grausame Augenblicke, Herumtreiben ohne Arbeit und Erschöpfung beschlossen das erste Burkowsche Jahr Marakulins.

Als erste machte sich Adonja Iwoilowna auf die Reise: sie fuhr nach Kaschin zu der ehrwürdigen Anna von Kaschin, und aus Kaschin auf den Murman in das Petschenegische Kloster zum ehrwürdigen Tryphon. Nach Adonja Iwoilowna verreiste Wera Nikolajewna, nachdem sie ihre Prüfungen abgelegt, bis zum Herbst zu ihrer Mutter, in ihr kleines weißes Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, in die alte vergessene Stadt Kostrinsk. Sie sah zum Umblasen schwach aus. Als letzte reiste Werotschka. Sie hatte sich zu gar keiner Prüfung gemeldet und ihre Theaterschule aufgegeben, da sie offenbar ein anderes sicheres Mittel gefunden, „sich den Weg zu bahnen“, – sie sagte aber nicht was für eins.

Sie sagte nur:

– Im nächsten Jahr werdet ihr sehen, ich werde ganz Rußland zeigen, wer ich bin!

Marakulin brachte sie zum Nikolajewschen Bahnhof: Werotschka reiste über Moskau irgendwohin nach der Krim. Nach dem ersten Glockenzeichen fühlte er es besonders stark, wie bitter es ihm war, daß Werotschka nicht mehr da sein wird und stand schweigend vor dem Wagen. Sie aber streckte sich so sonderbar, indem sie die Vorübergehenden ungeduldig ansah und die Blicke auf sich zog, schlank, biegsam und leicht.

Plötzlich lächelte Marakulin zum erstenmal in seiner ganzen Burkowschen Zeit, ohne zu wissen weshalb und warum, – er lächelte einfach. Und sie mußte es sicher bemerkt haben, denn es war so ungewöhnlich und unerwartet!

– Weinen müßte man um mich! – sagte sie theatralisch und kniff die Augen zusammen, halb mit Bedauern, halb mit Ekel, und während sie ihm mit dem Schirm auf die Hand schlug, sagte sie ganz ernst, übertrieben ernst, mit einer Falte auf der Stirn: – Ich bin eine große Schauspielerin!

Er glaubte es damals gern und von ganzem Herzen, daß Werotschka eine große Schauspielerin sei und daß sie sich im nächsten Jahr wirklich auszeichnen würde in ganz Rußland und daß ihr Name bald in ganz Europa, in der ganzen Welt berühmt sein werde.

Als er vom Bahnhof zu sich nach der Fontanka kam und sich mit Akumowna allein fand, da fühlte Marakulin, wie ihm das Leben jetzt zuwider war und daß er nicht so leben konnte.

Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzutun und in der Welt er selbst zu sein, der andre muß töten, um durch den Mord seine Seele aufzutun und wenigstens als er selbst zu sterben, er aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen, aber nicht der Person, der sie zukam, um seine Seele aufzutun und in der Welt zu sein, und zwar nicht mehr als irgendein Marakulin, sondern als Peter Alexejewitsch Marakulin: sehen, hören, fühlen.

Aber er war nicht mehr damit einverstanden, weil er es nicht mehr ertrug; er wollte nicht mehr so dahinleben ohne einen Zweck, nur um zu sehen, zu hören und zu fühlen, – und auch das Leben einer Laus, das unsterbliche, sündenlose, kummerlose Leben, das königliche Recht, jenen Tropfen Wasser, den die sündige Seele im Jenseits sucht, wünschte er nicht mehr. Er will leben und wird es, aber um nur noch einmal wenigstens jene ungewöhnliche Freude zu fühlen, die er in seiner Kindheit kannte und die er nicht mehr kennt, die nur das eine Mal in ihm hochgestiegen war, in jener Frühlingsnacht, als Anissim zu Werotschka nicht kam, in jener Frühlingsnacht, als jedes Stenglein sich mit einem Stenglein verflocht, jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem Blättchen. Und wie klebrige junge Blättchen waren ihm in der Erinnerung die Frühlingsworte der von der Sonne gerührten Akumowna.

Und es war ihm so bitter, noch bitterer als an jenem Abend, weil Werotschka nicht mehr da war; als wenn seine ganze ungewöhnliche Freude – der Quell seines Lebens nur in ihr sich bergen würde.

Viertes Kapitel

Wera! Weruschka! Werotschka!

Marakulin, der gerade damit beschäftigt war, eine lustige altertümliche russische Erzählung in Halbfraktur abzuschreiben, eine Arbeit, über der er vom Morgen bis in die Nacht hinein saß – ein seltener und einträglicher Auftrag, der wie erfrischende paradiesische Manna auf ihn herabgefallen war. – Marakulin fuhr auf, so daß er den Schnörkel am Anfangsbuchstaben W nicht zu Ende brachte.

Von der Treppe her aber tönte immer beharrlicher der bekannte Name:

– Wera! Weruschka! Werotschka!

– Wen rufen Sie da, Akumowna?

Marakulin konnte es nicht aushalten und sah in die Küche hinein.

– Wera! – sagte Akumowna, ohne sich umzuwenden, – ach, die Unverschämte! – und sie stampfte die Treppe hinunter in den Hof.

Es war spät – etwa elf Uhr. Schon verbreitete sich der windige Sonnenuntergang staubig hinter dem Obuchowschen Krankenhaus, und zusammen mit der kurzen Nacht krochen aus den sumpfigen Vorstädten die Nebel herauf; aber auf dem mit Kehricht, Schutt und Ziegeln bedeckten Hof lärmten noch immer die Kinder, und klagend klimperte die Balalaika – von dieser nicht russischen, armseligen Habe gab es reichlich auf dem Burkowschen Hof – und in den Fenstern, auf Kissen gestützt, steckten zerzauste, von der steinernen Petersburger Glut zermarterte Köpfe, in der Hoffnung, etwas Kühle zu schöpfen.

Die Tusche vertrocknete auf der Feder, die Buchstaben wollten nicht werden, und Marakulin schien es, daß Akumowna nicht wiederkommen, daß sie mit ihrer geheimnisvollen Wera irgendwo im Burkowschen Schutt untergehen würde. Und als in der Küche wieder Stampfen vernehmbar wurde, und nicht Akumowna, sondern noch eine zweite Stimme, halb kindlich und halb mädchenhaft rasch zu sprechen begann, bald in fröhliches Lachen, bald in ein schmerzliches Klagen übergehend, da zog er wie erleichtert wieder den Vorhang zu und begann weiterzuarbeiten.

Die Abschrift war für Marakulin sehr wichtig, und er wollte sie unbedingt heute fertigmachen, da er fast zwei Monate schon über ihr saß. Diese seltene Arbeitsgelegenheit hatte ihm Sergej Alexandrowitsch vor der Abreise in sein Sommergastspiel verschafft. Marakulin hatte ganze fünfzig Rubel dafür zu bekommen und seine Verhältnisse sollten sich dadurch ganz bedeutend verbessern.

– Wer wohnt denn bei Ihnen in der Küche? – fragte Marakulin am nächsten Abend, als Akumowna ihm den roten blitzenden Sänger, den Samowar hereinbrachte.

– Weruschka – antwortete Akumowna und lächelte und blickte so eigentümlich idiotisch von der Seite, – Weruschka, die Wundertätige.

Und die Spülschale brachte schon nicht Akumowna herein – sie blieb in der Tür stehen –, sondern es brachte sie die „wundertätige“ Weruschka.

Es war ein kleines Mädchen – ein Backfisch von fünfzehn Jahren, wie ihrer so viele auf dem Burkowschen Hof als Kindermädchen dienen, und doch schon völlig wie ein junges Mädchen entwickelt. Als er sie aber aufmerksamer ansah, fand Marakulin in ihren Augen etwas ihm sehr Bekanntes und ungewöhnlich Verwandtes, er konnte es nur nicht benennen und vermochte sich nicht zu erinnern, wo er Derartiges schon gesehen: ein Feuer, – nein, noch etwas anderes, das man auf keinen Fall verbergen kann, denn es würde selbst beim Schlafenden unter den Lidern hervorblinken.

– Sie heißen Wera?

– Werutschka ... Werotschka – antwortete das Kind verwirrt, leise und mürrisch und trat zurück, als hätte es etwas verlegen gemacht.

– Werotschka gar, so! – rief Marakulin entzückt, das Kind betrachtend und erhob sich plötzlich.

Doch das Mädchen zog sich hinter Akumowna in den Korridor zurück und machte sich hörbar in der Küche zu schaffen. Oder war es sein Herz, das so hörbar klopfte, Gott weiß warum?

– Gnädiger Herr, ich möchte Sie bitten, gnädiger Herr, rühren Sie sie nicht an!

– Was fällt Ihnen ein, Akumowna, Gott schütze Sie!

Aber wie ertappt ließ er sich auf seinen Stuhl fallen.

– Ich fürchte Wassilij Alexandrowitsch – fuhr Akumowna fort, – mir ist Angst, wenn er aus der Sommerfrische zurückkommt. Er muß ja immerzu eine haben, der Unbezähmbare. Sobald es Nacht wird, kriechen auch die hier auf der Treppe herum und kratzen an der Tür, die Herumtreiber!

Nachdem sie es von der Straße aufgelesen hatte, behütete Akumowna das kleine Mädchen eifersüchtig vor den Burkowschen Herumtreibern, vor Stanislaus dem Kontoristen und vor Kasimir, dem Monteur; sie schloß oft die Küche noch bei Tageslicht ab und bettete die Kleine sicherheitshalber auf ihr eignes Bett unter den drei Oellämpchen. Und wundertätig nannte sie Wera darum, weil ein Wunder an ihr geschehen war.

– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – bis zum fünften Jahre war sie ohne Zunge, sie sprach nicht, man hat sie dem Doktor Nikolai Franzewitsch gezeigt, vergebens; zu der Schmerzensreichen hat die Mutter sie gebracht, auch wurde ihr geraten, barfuß zu Matrionuschka zu pilgern – nichts hat genützt. Aber am dunkeln Freitag gingen sie in die Pulverfabriken, – am Iljinischnen-Freitag ist da eine Prozession, zwölf große Heiligenbilder werden da herumgetragen und fast tausend kleinere. Als die Messe zu Ende war und sie nach Hause gehen wollten, da verlangte das Kind plötzlich zu trinken: „Mama – sprach sie – gib mir zu trinken!“ Seitdem spricht sie.

Weras Vater war Buchhändler: er handelte mit Büchern, Haken, Knöpfen und allerlei Kleinkram. Ihre kränkliche Mutter ging als Tagelöhnerin Fußboden scheuern und reinmachen. Sie wohnten im Kusnetschnygäßchen, in den „Winkeln“, wo der Chiromant wohnt – die Fenster dort sind von venezianischer Art und unheimlich. Als Wera etwas größer wurde, gab man sie zu einer Goldstickerin in die Lehre, ein Jahr blieb sie da, aber sie taugte nicht dazu, da ihre Augen krank wurden; so wurde sie Kindermädchen. Da passierte es, daß ihr Vater mit seinem Stand über den Wladimirsky vor einem Schutzmann floh; an den fünf „Winkeln“ bei der Kreuzung geriet er unter die Elektrische und wurde zermalmt. Zur gleichen Zeit wurde Wera gekündigt. Es ging ihnen damals sehr schlecht. Und so kam die Mutter auf den Gedanken, sie zum Onkel zu schicken, welcher auf dem Murinsky-Prospekt in Lesnoj als Hausmeister lebte, vielleicht, daß er für sie eine Stellung finden würde. Die Kleine ging fort, erreichte Lesnoj erst am Abend, und unterwegs, während sie das Haus suchte, blieb sie vor einem Gasthaus stehen, um die Musik zu hören. Sie stand da und hörte zu, ihre Augen glühten, der Mund war weit aufgesperrt, da kam aus dem Gasthaus ein Herr, der eine Gnädige untergefaßt hielt und sah Wera sehr freundlich an. Er blieb ebenfalls stehen und fragte sie freundlich aus. Sie erzählte ihm alles, auch wie sie stehengeblieben war, um die Musik zu hören. Und sieh da, welch glücklicher Zufall: die Herrschaften brauchten gerade gleich ein Kindermädchen und ihre Bedingungen waren günstig. Wera war erfreut und willigte ein. Sie nahmen eine Droschke und brachten sie zu sich nach Hause – sie wohnten auch gar nicht weit. Welch ein glücklicher Zufall! – Es war schon spät, es dämmerte, und als sie zu Hause anlangten, gingen sie sofort zu Tisch und ließen auch Wera neben sich Platz nehmen. Und als sie sich satt gegessen hatte, da führte sie der Herr in ein Zimmer, das im Korridor gegenüber lag. Nachts kam er wieder. Sie wollte schreien, aber er verschloß ihr den Mund mit den Händen. So fing es an. Als Wera zu sich kam, war es bereits Tag. Sie trat aus dem Zimmer und streifte im Korridor herum, um den gnädigen Herrn und die gnädige Frau zu suchen und geriet in das Büfettzimmer: sie hatte also in einem Gasthaus übernachtet. Sie fragte den Büfettier, wo der gnädige Herr und die gnädige Frau seien? Der Büfettier lachte: es gäbe weder einen gnädigen Herrn noch eine gnädige Frau; wenn sie aber gewillt sei, könne sie auch bei ihm als Kindermädchen bleiben. Das war eine schlimme Lage! Wenn sie nicht einwilligte, hatte sie Angst zur Mutter zurückzukehren, doch wie, wenn der Büfettier, wie der Herr von gestern, ihr ebenfalls den Mund mit den Fäusten stopfen würde! ... Das eine war schrecklich, das andere war ebenfalls schrecklich, und ein drittes gab es nicht. So blieb sie beim Büfettier als Kindermädchen. Es waren viele Kinder und sie konnte kaum mit der Arbeit fertig werden. Es verging eine Woche. Nach einer Woche aber, kaum, daß sie sich etwas eingelebt hatte, quartierte sie der Büfettier in ein besonderes Zimmer ein, damit sie von den Kindern getrennt schlafe – es waren eben viele Kinder – es würde bequemer und ruhiger für sie sein. Und wieder begann es: erst der Wirt selbst, der Büfettier, nach ihm der Reviervorsteher. Sobald die Nacht kam, erschien jemand – man brachte ihr im Laufe der Nacht fünf Männer. Man ließ sie nicht mehr aus dem Zimmer, die Kinder sah sie auch nicht wieder; es war bereits ein neues Kindermädchen da. Sie weinte, aber was half es, man lachte sie nur aus. Nur durch ein Wunder entkam sie aus diesem Zimmer und dem Büfettier. Ein glücklicher Zufall kam ihr zu Hilfe: ein Brand! Im Gasthaus war Feuer ausgebrochen. Sonst wäre sie zugrunde gegangen. Im Trubel sprang sie aus ihrem Zimmerchen und begann zu laufen. Sie kam an die Kusnetschnybrücke gelaufen, in die Winkel, wo der Chiromant wohnt, die Mutter aber war nicht mehr da: sie war an der Cholera gestorben. Das war eine schlimme Lage: es wäre ihr schließlich nichts anderes übriggeblieben, als zum Büfettier ins Zimmerchen zurückzukehren. Aber die Hausmeisterin hatte Mitleid mit ihr – sie pflegte ebenso wie Antonina Ignatjewna, die Gattin des Oberhausmeisters, in den Hafen von Kronstadt zum „Bruder“ zu pilgern – sie war barmherzig und mit Antonina Ignatjewna bekannt. So schickte sie das Mädchen zu ihr ins Burkowsche Haus, ob sich da für das Kind vielleicht eine Stellung fände. Aber Wera geriet statt zu Antonina Ignatjewna zu Akumowna.

– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – nur eins ist schrecklich – diese Herumtreiber; sobald es Nacht wird, da kriechen sie herum und rütteln an der Tür, – es wird einem ganz Angst! –

Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig. Es war heiß und fast in ganz Petersburg waren die Straßen gesperrt: das Pflaster wurde ausgebessert, wie immer im Sommer; es war nirgends ein Durchgang, nirgends eine Durchfahrt, und es herrschte eine große Schwüle.

Am Abend beim Samowar legte Akumowna Karten für Marakulin, wie sie es im Winter für Adonja Iwoilowna tat. Sie wahrsagte viel und ausgiebig, nicht nur für den Treffkönig oder Kreuzkönig, wie ihn Akumowna nannte und der Marakulins Karte war, sondern auch für andere Könige und Damen – für die Kreuz-, Coeur-, Karo- und Pik-Dame, als für alle die Personen, die ihm in den Karten zulagen, um auch ihr Schicksal zu erfahren und dadurch besser zu erforschen, wer sie seien und was sie vorhaben.

Die Karten logen nicht. Das gleiche Orakel kehrte immer wieder und brachte meist etwas unsinnig Bedeutungsloses: ein wenig Langweile, ein wenig Geld, ein wenig Veränderung, ein wenig Tränen, Verdruß, eine junge Person, ein eigenes Haus, ein eigener Gegenstand, ein vornehmer, einflußreicher Herr mit einem Schriftstück, eine behördliche Anstalt, Langweile der jungen Person, eine kleine Unannehmlichkeit, eigene Sorgen, Gespräch mit sich selbst. Und das letzte war stets das Gespräch mit sich selbst.

Wenn Akumowna zum letztenmal die Karten ausbreitete, pflegte sie zu flüstern: – Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es enden wird. Womit es beruhigen wird. Womit überraschen. Sagt die ganze Wahrheit reinen Herzens. Was sein muß, wird sich erfüllen.

Und auch zum letztenmal kam das gleiche – dieselben Karten: unsinnig bedeutungsloses Zeug und das Gespräch mit sich selbst.

Die Karten logen nicht. Nur zuweilen wurden sie offenbar selbst der Sache überdrüssig und ärgerten sich: dann waren sie bissig, zeigten große Veränderungen an oder einen weiten Weg, viel Geld und Erfüllung aller Wünsche.

Beim Kartenlegen erinnerte sich Akumowna oft an ihre Herrin, an den alten Herrn, an den Bruder der Herrin und an ihren eigenen Sohn, was für Träume sie alle geträumt hatten, welche Ereignisse nach ihnen eintraten und was jeder Traum bedeutete.

– Unser Priester in Turij-Rog – er war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij – erzählte Akumowna aus ihren Erinnerungen – vor seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit!“ – Was für Pferde, ehrwürdiger Vater? – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich zur Hochzeit ins Ausland!“ Und starb. – Sechs Tage, bevor der alte Herr sterben mußte, sah meine gnädige Frau, daß sie einen Stiefel vom Fuß verloren hatte. Und vor dem Tode der gnädigen Frau träumte ich, ich sitze vor einem Ofen, den Ofen habe ich eingeheizt, das Holz brennt hell, die Scheite verkohlen schon. Ich zerschnitt Speck, tat ihn in einen Topf und stellte den Topf in den Ofen, aber kaum, daß ich ihn hineinstelle, da zerfällt der Topf in zwei Hälften, die Glut prasselt und ein Qualm erhebt sich ... Mein Vater gab mir keinen Segen. Und so kam es auch! Wie ein rollender Stein um die weite Welt.

– Wie geht es Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin?

– Sie plagen sich auch, haben weder Wald noch Holz noch Weide. Und ihre jüngere Tochter Fedossja, meine Nichte, ging nach Turij-Rog als Taglöhnerin zur Feldarbeit; sie gefiel dem gnädigen Herrn, dem jungen Bujanow, er ist ein toller Kerl. Er nahm sie für einen Monat zu sich in Dienst. Als der Monat zu Ende war, behielt er sie noch für einen Monat, dann für den ganzen Winter. Mein Bruder verstand wohl alles, sagte aber zur Schwägerin nichts. Sie hatten keinen Wald, kein Holz, keine Weide; vom gnädigen Herrn aber kam Holz und Geld, es war vorteilhaft. So verlebte Fedossja dort den ganzen Winter. Im Frühjahr aber reiste der gnädige Herr in die Stadt und verheiratete sich dort. Da kehrte Fedossja wieder heim zum Vater, und alle wußten es bereits; es war auch schon zu sehen. Ihre Brüder machten ihr Vorwürfe, daß sie so eine war, daß ihr so etwas geschehen konnte. Wie die Raben haben sie auf sie eingehackt, sie hielt es nicht aus; zehn Tage vor Pokrow starb sie. Sie war gerade zwanzig Jahre alt geworden, – so jung noch. Und Wassilij, dem Vetter, sind in der Butterwoche die Füße erfroren ...

Während sie sich an Turij-Rog und Ssosna-Gora erinnerte, konnte Akumowna ab und zu einen Ausspruch tun, von so echt Turij-Rogischer Art, daß man sich wundern mußte, wie es ihr hier auf dem Burkowschen Hof in den Kopf konnte.

– Jetzt – konnte sie sagen – ist das Korn schon reif, gelobt sei Gott! – sie bekreuzigte sich. – Regen wäre jetzt nicht gut.

Wera gewöhnte sich an Marakulin und hatte keine Scheu mehr vor ihm. Auch er hatte sich an sie gewöhnt, und es tat ihm wohl, wenn sie sein Zimmer betrat. Voran schritt dann Akumowna mit dem Samowar und ihr folgte Wera mit der Spülschale.

„Aus der Spülschale reichen die Teufel im Jenseits den Teufeln und Sündern das Abendmahl!“ Marakulin erinnerte sich einmal an Akumownas Vision aus ihrem Passionsweg und lächelte zum erstenmal seit Werotschkas Abreise.

Und als hätte sie seine Gedanken erraten, erwiderte ihm Wera mit einem Lächeln. Und noch lange sah er dieses halbkindliche, halbmädchenhafte Lächeln vor sich.

Wie leer erschien es ihm im Hause, als Wera, die eine Stellung gefunden, aus Akumownas Küche in die vierte Etage desselben Burkowschen Hofes verzogen war, in den Flügel, wie der nicht herrschaftliche an der belgischen Fabrik belegene Teil des Hauses genannt wurde.

Akumowna begann jetzt öfters fortzubleiben. Sie ging, um nach ihrer „Wundertätigen“, nach ihrem Flämmchen, nach ihrer Wera zu sehen. Sie lehrte sie gewiß Zimmer aufräumen, Feuer aus Birkenholz anmachen und dergleichen mehr. Marakulin blieb allein, es schien ihm ganz öde.

Ein Herr aus dem Flügel hatte folgende Gewohnheit: sobald es Abend wurde, steckte er seinen Kopf aus dem Fenster, das Gesicht zu Marakulin gewandt und pfiff. Daß der Herr kein Auge von ihm wandte – Marakulin hatte sich überzeugt, daß es ihm galt, – und daß das Pfeifen nicht aufhörte, brachte ihn zur Raserei, und ob er wollte oder nicht, er mußte den Vorhang zuziehen und in der Schwüle sitzen bleiben.

Es war öde um ihn und die Wut machte ihn fast ersticken.

Am Morgen beim Zeitungslesen suchte er mit einer Art Ungeduld alle Berichte über Morde, Brande, Katastrophen, Ueberschwemmungen, Wolkenbrüche und Erdbeben und las sie mit großer Schadenfreude, indem er sich einbildete, man könne den Menschen mit Furcht besiegen, ihn erschüttern, sein Gehirn und seine Seele umstülpen; dann würde vielleicht dieses abendliche selbstzufriedene, freche Pfeifen an seinem Ohr ein Ende nehmen.

In Weras neuer Stellung ging aber nicht alles glatt: es war doch wohl nicht leicht, sie vor den Herumtreibern zu schützen; auch mochte sie selbst schwer zu bewachen sein, die Unverschämte.

Wenn sie das Kartenlegen unterbrach und von Wera anfing, sagte Akumowna jedesmal unter Tränen:

– Ich werde zum Kaiser gehen – die Hände so, wie im Sterben, – und werde alles erzählen.

– Man wird Sie nicht zulassen.

Nackt geh’ ich hin, splitternackt – die Hände so, wie im Sterben. – Alles werde ich erzählen.

– Auch splitternackt wird man Sie nicht zulassen.

Aber sie blieb dabei: sie glaubte, der Kaiser würde sie in Schutz nehmen und die Kleine nicht zugrunde gehen lassen. Beharrlich blieb sie dabei, dann wurde sie auf einmal still und gab nach. Und Marakulin hörte, wie sie ihren Wahlspruch, ihr Sterbegebet flüsterte: – die Sühne und den Lohn für alle Taten!

– Man darf niemand beschuldigen.

– Wer ist aber schuldig, Akumowna?

– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – antwortete Akumowna und lächelte und sah idiotisch zur Seite.

Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig.

Marakulin wartete auf die Feiertage: wie immer sie waren, es waren doch Feiertage!

* * * * *

Als erster kam Wassilij Alexandrowitsch, der Clown zurück. Er trat zwar auch im Sommer in Petersburg auf, wohnte aber in der Sommerfrische in Schuwalowo und kam in die Stadtwohnung nur ab und zu, um nachzusehen. Auch die Sklavin Kusjmowna war bei ihm in Schuwalowo. Nach Wassilij Alexandrowitsch erschien nach absolvierter Gastspielreise Sergej Alexandrowitsch und brachte aus den warmen Ländern, oder aus jenen Gegenden, wo man mit Ochsen fährt, wie Akumowna sagte, hundert Gläschen mit Honig mit; – er war eben ein wirtschaftlicher Mensch. Bald nach Sergej Alexandrowitsch kam auch Wera Nikolajewna zurück, mit eingemachten nordischen Himbeeren aus ihrem kleinen weißen verlassenen Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, von ihrer Mutter aus Kostrinsk. Nach Wera Nikolajewna erschien Adonja Iwoilowna selbst.

Alle waren zurückgekehrt, nur Werotschka fehlte. Es kamen auch keine Nachrichten von ihr. Und bereits im September wurde Werotschkas Zimmer mit Hilfe eines grünen Zettels, der beim Portier Nikanor ausgehängt war, vermietet.

Die neue Nachbarin Marakulins hieß Anna Stepanowna Schianowa, nach ihrem Manne Lestschowa genannt, und war eine Lehrerin aus Purchowez.