Die Schwestern im Kreuz

Part 6

Chapter 63,677 wordsPublic domain

Eine Woche oder länger lebte Marakulin in einer Art Raserei und erreichte, wie es ihm schien, den Punkt. Und als er den Punkt erreicht hatte, fand er einen Schlupfweg, um wieder in die Welt zu gelangen, er fand sein Recht in der Welt zu sein, welches seit dem Herbst schon schwankte, oder richtiger, nicht bloß schwankte, sondern ihm abhanden gekommen war, zusammen mit dem Schlaf, mit der Geduld, mit der Ruhe.

Gorbatschow hatte, so dachte Marakulin, nach all seinen Umtrieben und Klügeleien erkannt, wie er leben muß: er wollte seine Seele erlösen, und deshalb räucherte er seine Winkel mit Weihrauch, alles übrige aber: ob man die Kinder alle auf einen Strick aufhängen oder sie mit Bonbons in rosa Papierchen füttern müßte – das betrachtete er als unwesentlich für die Erlösung seiner Seele. Maria Alexandrowna hatte ebenfalls nach allen ihren Fragen erkannt und begriffen, wie sie leben mußte: nicht daß sie die Gefahr besonders liebte und ein Leben, neben dem der Tod einherging – nein, sie wollte verderben, ihre Seele für andre hingeben, sie hatte sich zum Opfer auserkoren für ein Gesetz und eine Wahrheit, von deren Herrschaft das Glück der Menschen abhängt, und sie hatte gewiß getötet, oder einen Totschlag vorbereitet, oder war bei irgendeinem Attentat gegen eine Person, die ihrer Meinung nach dem Gesetz und dem Recht schadete, behilflich gewesen. Lisaweta Iwanowna hat durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt und begriffen, wie sie leben muß: sie denkt weder an sich, noch an die anderen, sondern sie denkt an das Jenseits und an das jenseitige Leben, und indem sie sich für das Jenseits und für das jenseitige Leben vorbereitet, handelt sie dementsprechend. Aber mit Weihrauch räuchern und dabei sich gegen die Kinder wehren, ebenso wie ein Attentat vorbereiten oder sich für das jenseitige Leben vorbereiten – das alles ist Tat, Aktion, Arbeit, und setzt zu seiner Verwirklichung eine Menge wichtiger Entschlüsse voraus. Vor allem muß man wissen, gleichviel ob vor seinem Gewissen oder aus Verantwortung vor der Vergangenheit und ihren Werken, muß man sich selbst antworten können, daß man seine Seele erlösen, oder daß man seine Seele verderben soll – oder daß man sich für das jenseitige Leben vorbereiten soll, und es sich fest vornehmen im Namen eines Unwiderruflichen. Die Generalin dagegen rührt keinen Finger, tut nichts – man kann doch das Besuchen des Dampfbades nicht eine Tat nennen! – erreicht aber alles, und wie glänzend! Der Erfolg ihrer Abhärtung ist handgreiflich und ganz zweifellos, so daß ihrem Leben kein Ende abzusehen ist – der Chiromant hat sich in diesem Falle nicht geirrt, und sie ist vielleicht schon unsterblich. Dabei sucht sie weder ihre Seele zu erlösen, noch zu verderben – denn verderben ist dasselbe wie erlösen – und sie gedeiht, indem sie auf jede Erlösung verzichtet und nichts und niemand etwas schuldet. Und hat Gorbatschow, welcher weiß, wie man leben muß, ein Daseinsrecht, und haben Maria Alexandrowna und Lisaweta Iwanowna, die ebenfalls wissen, wie man leben muß, ebenfalls ein Daseinsrecht, so hat die Generalin, wie ein Kelch der Auserwähltheit, nicht nur ein einfaches Recht, sondern ein königliches!

– Und jetzt ist zu überlegen und sehr genau zu überlegen, – räsonierte Marakulin, als er den springenden Punkt, wie ihm schien, erreichte, – um einen entscheidenden Schluß zu ziehen, ein für allemal: wie würde die Menschheit handeln, wenn, sagen wir, wenn alle Großmächte, ein Bündnis aller Mächte der Welt, mit England an der Spitze, ihren Untertanen, der ganzen Menschheit, durch die Parlamente und Reichstage in besonderen Manifesten dieses sorgenlose Lauseleben, das sündenlose und unsterbliche Leben der Generalin anbieten würden? – Gesetzt, so etwas wäre möglich, sei es durch eine wirkliche Erfindung – wenn etwa der gelehrte Deutsche Wittenstaube es mit Hilfe seiner Röntgenstrahlen herausgefunden hätte; oder durch einen Betrug – oder wenn etwa einer unserer gewesenen Gouverneure wie Burkow der Selbstvertilger – wie viele solcher Vertilger gibt es in Rußland, die fanatisch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten gegen sich selbst richten! – also, wenn so ein Burkow einen Trick erfunden hätte, meinetwegen einen vorübergehenden Betrug, aber natürlich so, daß alles glatt ginge; oder durch ein freches Wagnis, wenn etwa ein lichtspendender, hochheiliger Starez Kabakow, nachdem er ein Grammophon in seinen Keller eingemauert, sich durch eine Himmelsstimme der Welt als Hirte und Richter offenbaren ließe – als der Erlöser von Murkas Erbsünde – und ein neues, nicht von Menschenhand geschaffenes Zion aufgebaut hätte, voll Frieden und Gnade, schnell, einfach und billig, – wie würde sich die Menschheit dazu verhalten, wie würde sie darauf reagieren? Ich denke – fuhr Marakulin fort zu räsonieren, als er mit Marakulinscher Hartnäckigkeit bis zu seinem springenden Punkt vorgedrungen war – alle Untertanen würden ohne alle überflüssigen Worte und Zeremonien, das Soll und Nichtsoll und jeden Gedanken an Erlösung vergessend, ganz leise, ohne die Hüte oder sonst den Rang bezeichnenden Kopfputz abzunehmen, die Hosen ausziehen und auf den mutigen, freien, stolzen, heiligen Anruf, sich bekreuzigend, in einen gigantischen mit Pferdehaaren bedeckten, vielleicht bei uns in der belgischen Fabrik hergestellten Kopf, hineinschlüpfen. Sie würden in dieses neue, nicht von Menschenhand erschaffene Kabakowsche Zion voll Frieden und Gnade hineinstürzen, um ein neues Lauseleben, ein schmerzloses, sündenloses, unsterbliches, und vor allem ruhiges Leben anzufangen: ernähre dich, verdaue und härte dich ab! Ein Klappstühlchen könnte man sich noch immer anschaffen; vielleicht wäre es sogar möglich, unter diesen allgemeingültigen und deshalb zwingenden, freiwillig angenommenen Bedingungen, da bei jedem am Hals ein Kuhglöcklein läuten würde, damit man, sorglos weidend, nicht verloren gehe, sich auch ohne Klappstühlchen auf der Fontanka Motion zu machen, oder auf dem Sagorodny in die Kirche zu gehen. Und es ist anzunehmen, daß jeder Vernünftige und Gute so handeln würde – denn wer ist sein eigener Feind? – und er würde nach dem Gesetz richtig, weise und menschlich handeln: denn in der Tat, wer hätte Lust sich zu quälen, zu ersticken ohne Schlaf, ohne Geduld, ohne Ruhe!

Als Marakulin einst in seiner Kindheit Gardist bei der Kavallerie werden wollte, betete er, Gott möge ihm helfen, ein Gardekavallerist zu werden, und als er Räuber werden wollte, betete er mit denselben Worten, nur daß der Gardekavallerist durch den Räuber ersetzt wurde, und ebenso betete er, als er Kalligraphielehrer zu werden wünschte. Das waren seine Hauptgebete für sich in Moskau auf der Taganka, denn um ein gutes Zeugnis hatte er nie gebetet. Später pflegte er beim gewohnheitsmäßigen Beten, während er morgens beim Erwachen und nachts beim Einschlafen „Gott sei mir gnädig“ aufsagte, von Gott nichts mehr zu verlangen. Dann hatte er auch dies: „Gott sei mir gnädig“ vergessen. Jetzt aber, als er, wie ihm schien, in seinen Betrachtungen bis zu jenem springenden Punkt angelangt war und das königliche Recht entdeckt hatte und dieses königliche Recht auf der Welt zu sein auch für sich begehrte, warf er sich nachts inbrünstig auf die Erde und betete in der Raserei, die Stirn gegen den Boden schlagend:

– Herrgott! – flehte er – gewähre mir für einen Augenblick nur dieses wahre Lauseleben, mach mich deiner Gnade teilhaftig, Herrgott, laß mich nur für einen Augenblick aufatmen, dann mag dein Wille geschehen!

Und hätte sich Marakulin in seiner Verzweiflung, während er mit der Stirn gegen den Fußboden schlug, den Schädel gespalten, und man hätte ihn am nächsten Morgen dafür zur Verantwortung gezogen, so hätte er, zur Besinnung gekommen, nur eins zu seiner Rechtfertigung sagen können, daß nicht er sich getötet, sondern die grausame Burkowsche Nacht.

Hier muß noch gesagt werden, daß seine Geschäfte, die auch sonst nicht besonders waren, zu Weihnachten überhaupt stillstanden. Er fand gar keine Arbeit mehr; ein Entehrter findet sehr schwer Arbeit, besonders wenn auf die Frage: „Womit beschäftigen Sie sich sonst?“ der wirkliche Grund der Untätigkeit nicht verheimlicht wird. Marakulin verheimlichte ihn auch nicht, und erzählte naiv wie ein zwölfjähriges Kind von seinen Streichen, von seinen Quittungsbüchern und wie er wegen jener Quittung herausgeflogen war.

Seine Lage war schlimm. Die Artisten Damaskin halfen ihm aus, und ohne Sergej Alexandrowitsch, Wassilij Alexandrowitsch und Wera Nikolajewna wäre ihm nichts übrig geblieben, als eine Bittschrift zu verfassen, gleich dem ruhelosen alten Gwosdjow, der damals an Murkas Tag bei ihm erschienen war, am letzten Tag in seiner eigenen Wohnung.

Und am Ende wird man sie doch verfassen müssen, denn das königliche Recht, dieses nächtliche königliche Recht, wird einem offenbar nicht so leicht gewährt, und wenn man keine Renten hat, die bis ans Lebensende reichen, da ist es vielleicht besser, Gott gar nicht zu beunruhigen: man erreicht ja doch nichts.

Zu Weihnachten gab es bei den Artisten einen Weihnachtsbaum, und alle Mieter Adonja Iwoilownas waren eingeladen. Es war da eine Menge Leute, gewiß lauter Artisten. Sergej Alexandrowitsch war sehr geschäftig und reichte den Gästen Aschenschalen, damit die Zigarettenstummel nicht auf den Boden geworfen werden, und Wassilij Alexandrowitsch ging so aus sich heraus, ließ solche Raketen steigen, daß alle vor Lachen beinahe umkamen. Im Kartenspiel verloren die Brüder das Letzte. In der Gesellschaft taute auch Wera Nikolajewna auf und sang ihre Kostrinskischen uralten Weisen, wie sie sie von ihrer Mutter Lisaweta Iwanowna gelernt hatte.

Und seitdem, seit jenem Damaskinschen Weihnachtsabend, sang Wera Nikolajewna an den Abenden der Weihnachtswoche allein in ihrem Zimmer, zuweilen von den Lehrbüchern sich losreißend, mit halblauter Stimme vor sich hin. Sie sang auf altertümliche Art, und in ihren Weisen atmete das uralte Rußland.

Gewöhnlich begann sie mit dem Gesang von den sieben wilden Stieren und von ihrer Mutter, der Stierin; wie die sieben goldgehörnten wilden Stiere am Gestade des blauen Meeres wanderten, wie sie über das blaue Meer schwammen und auf der berühmten Insel Bujan landeten, wo sie ihrer Mutter, der Stierin, begegneten. Und die Stiere erzählten ihr, wie sie an Kiew vorbeikamen und an der Auferstehungskirche, und was sie da für ein Wunder gesehen hatten: aus der Kirche kam eine Jungfrau, sie trug auf dem Kopf ein goldnes Buch, trat bis zum Gürtel in den Newafluß, legte das Buch auf einen weißen, heißen Stein, las im Buch und weinte. Und die Stierin deutet den Stieren dies übergroße Wunder: die Jungfrau war die Mutter Gottes und sie las ein goldnes Buch – das Evangelium, und sie weinte, weil sie Ungemach über Kiew heraufkommen sah, Ungemach über das ganze heilige Rußland.

Und nach den Stieren erhob sich in seiner ganzen reckenhaften Größe der Riese Ilja Muromez; wie der Recke am Grabe des Swjatogor den reckenhaften Geist einatmet – den dritten, weißen Grabesschaum, – und es treibt ihn und es hebt ihn, er weiß nicht, wo er mit seiner Kraft hin soll. Dann folgte die Nachtschwalbe, die Aebtissin, die blonde Füchsin; vierzig schwarze Jungfrauen folgen ihr wie die Dohlen, und schon donnert und poltert der schreckliche Alte, Igrimistsche-Kologrenistsche. Er tritt aus dem Bogoljubowschen Kloster aus, er will seine Seele retten, sie ins Paradies bringen und schleppt in einem Sack weißen Kohl, bitteren Rettich, rote Rüben – und ein schwarzlockiges Mägdelein.

Und wieder schwimmen auf dem blauen Meere die goldgehörnten Stiere, begegnen ihrer Mutter, der Stierin, und erzählen ihr das übergroße Wunder. Die Stierin deutet ihnen das Wunder: die Jungfrau ist die Mutter Gottes, und lesen tut sie ein goldenes Buch, das Evangelium, und sie weint, weil sie ein Ungemach über Kiew ahnt, Ungemach über das ganze heilige Rußland.

Wera Nikolajewna sang auch die Räuberweise, von dem Scnurrbart, dem Teufelskerl; sie sang von Gauklern und von lustigen Leuten ...

Leise spielt, ihr Spielmänner, Leise spielt, ihr Lustigen, Mir tut der Kopf so weh, Mir ist mein Herz so schwer ...

In der Küche betet Akumowna vor den drei ewigen Lampen; sie betet für ihre Herrin, für den Bruder der Herrin, für ihren eigenen Sohn. Im hintersten Zimmer betet vor den drei ewigen Lampen Adonja Iwoilowna; sie denkt an Paraschas Schiffe und weint, weil sie es nicht versteht.

Mit Wera Nikolajewna schien etwas vorzugehen: sie sang viel und war nicht mehr so fleißig.

– Bei Gott, Sie sind in Sergej Alexandrowitsch verliebt –, sagte einmal Werotschka Wechorjowa plötzlich in Wera Nikolajewnas Zimmer eintretend, und sah sie schelmisch, herausfordernd und boshaft an.

Und die sonst so Blasse flammte plötzlich auf und wurde still – kein Wort. Und auch ihm wird sie kein Wort sagen, sie wird eher sterben, als etwas sagen – es gibt Solche. Und darum klang in ihren alten Weisen, in denen das uralte Russland atmete, eine so dumpfe beklommene Sehnsucht.

Werotschka – so wurde vom ersten Tage an Wera Iwanowna Wechorjowa genannt –, welche Akumowna auch die Unverschämte nannte, nicht etwa als Schimpfwort, sondern als Kosename – Werotschka verbrachte selten einen Abend zu Hause. Am Tage war sie in der Schule, dann kam sie für ein Stündchen nach Hause und bald darauf lief sie irgendwohin, ins Theater. Wenn sie nichts vorhatte, dann saß sie bei den Damaskins. Sergej Alexandrowitsch unterrichtete sie in allerlei Tänzen. Sie war biegsam, schlank und leicht, wie ein Federchen, und wenn beide miteinander tanzten, so schien es, als hätten sie Flügel wie Vögel. Die Zeit verging ihnen lustig.

Einmal fand sie Marakulin beim Tanzen, und seitdem kam er öfters zu den Nachbarn, und daß Werotschka dort war und tanzte, das tat ihm wohl. Wera Nikolajewna aber kam seit Weihnachten nicht mehr zu Damaskins; sie fand stets eine Ausrede und saß allein, in ihre Lehrbücher vertieft, oder hatte Wache im Krankenhaus.

Werotschka gefiel Marakulin. Sie tanzte schön und las gut vor – mit einem schönen Organ. Im Süden geboren, war sie in Moskau erzogen worden, und in ihrer Sprache war weder das lästige südliche Zwitschern, noch die nordische Kälte – die gebändigte Freiheit, dafür aber Festigkeit und jene besondere Moskauer Lieblichkeit. Nach dem Tanzen bat sie gewöhnlich Sergej Alexandrowitsch, der Verse liebte, etwas vorzulesen. Und Onjergins Brief: „Ich weiß voraus, beleidigen wird Sie des traurigen Geheimnisses Erklärung ...“ mußte sie ihm einigemal wiederholen.

Was Marakulin auffiel und ihn am Anfang von Werotschka abgestoßen hatte, war ihr äußerst starkes Selbstgefühl, eine maßlose Selbstüberhebung und Prahlerei, die marktschreierisch wirkte. Man mußte sich für sie schämen. Und jeden Widerspruch faßte sie als Beleidigung auf. Sie konnte sich dermaßen versteigen bis zu einer Höhe, wo alle Worte einander gleichen und nur einen Sinn haben: – es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines Hoffenden, sondern eine Herausforderung, ein unheimlicher Schrei nach dem Recht, die himmlischen Scharen kurz und klein zu schlagen, wenn es nur eine Himmelsleiter gäbe, wie es in der alten Weise heißt, – oder die Erde auf den Kopf zu stellen, wenn man nur einen Griff zu fassen kriegte! – Dabei hört ein so Verstiegener, ein so unheimlich nach seinem Recht Schreiender ja niemals seinen eigenen Schrei. Und Werotschka tat einem leid.

Sie behauptete, sie sei eine große Schauspielerin, sie brauche bei niemand zu lernen, vielmehr müßten alle bei ihr lernen. Und wenn sie dennoch in diese dumme Schule eingetreten sei, so wäre es nur geschehen, um sich den Weg zu bahnen. Ohne das komme man eben nicht vorwärts. Und sie werde sich ihren Weg schon bahnen, sie werde ihren Schatz heben, dann würden alle sehen ...

– Und dann werden alle sehen – Werotschka zerriß sich fast vor Schreien, – Vielen wird es leid tun, aber zu spät! – Und die Namen der Berühmtheiten aufzählend, als wollte sie sie mit sich vergleichen, lächelte Werotschka halb verächtlich, halb mitleidig, – Ihr werdet mich noch sehen! – und ihre Augen flammten begeistert auf und loderten in brennendem Haß, – ich werde zeigen, wer ich bin, der ganzen Welt, – mögen sie dann sehen ...

„Aber wer sind denn diese sie?“ fragte sich Marakulin nicht einmal, je öfter er über Werotschka nachdachte. Werotschka erzählte gern von sich, aber auf allerlei Art, und es war nicht herauszubringen, was daran echte Wahrheit war und was bloß so Wahrheit.

Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war. Er war Offizier. Aus Wosnessensk im Chersonschen Gouvernement, wo sein Regiment stand, übersiedelte die Mutter nach Moskau; hier wurde sie Haushälterin bei einem alten General, einem Verwandten ihres Mannes. Werotschka wurde im Institut erzogen, doch bevor sie es noch absolviert hatte, starb ihre Mutter. Zum General pflegte ein reicher Fabrikant, Wakujew mit Namen, zu kommen – ein nicht mehr junger, aber schöner gesunder Mann – wie man in Moskau von ihm sagte. Er hatte einträgliche Geschäfte mit dem General. Anissim Nikititsch begann Werotschka den Hof zu machen und gefiel ihr auch. Und so kam es, daß Werotschka mit der Zustimmung des Generals zu Wakujew zog. Wakujew besaß auf dem Arbat ein altes herrschaftliches Einfamilienhaus. Seine Frau war tot, seine Kinder versorgt; nur drei schon ziemlich bejahrte Fräulein, seine Nichten, die er nach dem Tode seines ruinierten Bruders ins Haus genommen, führten ihm die Wirtschaft. Ein Jahr blieb Werotschka bei Wakujew, und es ist anzunehmen, daß er ihrer im Laufe dieses Jahres überdrüssig wurde; ferner ist anzunehmen, daß ihr Leben auf dem Arbat nicht besonders heiter war. Anissim liebte, wie sie selbst erzählte, Abwechslung, Zerstreuung, und es wurde ihm alles nachgesehen. Anissim war es auch, der sie in Petersburg studieren ließ und ihr fünfunddreißig Rubel monatlich schickte; von diesem Geld lebte sie.

„Ist es dieser Anissim und seine drei Nichten, die ihr so zugesetzt haben, sind sie es, diese _sie_, die dann sehen werden?“ fragte sich Marakulin nicht einmal, als er jetzt immer häufiger über Werotschka nachdachte.

Eines Tages, es war in der Theodorwoche, ganz am Anfang des Frühlings, da kam Werotschka so lustig und aufgeräumt nach Hause, daß sie die Hausgenossen beinahe überrannte. Selbst die sonst weinerliche und unbewegliche Adonja Iwoilowna vergaß ihre Tränen, und begann mit noch tränenfeuchten Augen herumzuwirtschaften, als wäre Werotschka ihre Tochter, die jetzt so lustig und aufgeräumt heimgekommen. Akumowna drehte sich ebenfalls flinker herum, als wäre es ein Feiertag, und sah ihre „Unverschämte“ besonders zärtlich an.

Der Tag war sonnig, der Frühling, die Wärme lockte, im belgischen Hof schmolz der Schnee zusammen mit dem Steinkohlenberg dahin. Aus den vier Ziegelschloten stieg gleichmäßig der Rauch in die Höhe, die Burkowschen Fenster vermeidend, und der Burkowsche Hof war voll von Kindern; sogar die Säuglinge waren mit ihren Ammen draußen.

Anissim Nikititsch Wakujew war in eigener Person nach Petersburg gekommen, und Werotschka war ihm auf dem Newsky begegnet – das war es: daher die Freude und diese ungewöhnliche Ausgelassenheit.

Diese Nacht schlief Werotschka nicht zu Hause. Und als sie am Morgen wiederkam, machte sie sich sofort daran, ihr Zimmer aufzuräumen. Wieviel Erfindungsgeist zeigte sie dabei, sie, die sonst doch – ganz anders als Wera Nikolajewna – so zerfahren und unordentlich war! Jetzt blies sie jedes Stäubchen fort, legte Papier unter den wackelnden Tisch, damit er fester stand und brachte die Haarnadeln in eine Schachtel unter. Und wieviel Lauferei gab es und welche Geschäftigkeit entwickelte sie – sogar einen Blumentopf hatte sie irgendwo erstanden, wie zu Pfingsten. Sie erwartete einen Gast, Anissim Nikititsch Wakujew selbst. Und der Tag war ebenfalls sonnig, es lockte der Frühling, die Wärme.

Der Tag verstrich langsam, es kam der Abend, ein unruhiger Abend, und als dann in der Wohnung die Klingel anschlug, da hielt die ganze Wohnung, alle vier Zimmer und die Küche, den Atem an, und Marakulin wollte sogar die Lampe auslöschen, aber die Lampe erlosch von selbst, ohne zu fragen, als hätte sie ein krachender Donner, ein moskauischer Donner getroffen.

Es war ein Student, ein Techniker, der auf der Suche nach seinem Bekannten an die falsche Tür geraten war. Und Akumowna hatte noch lange mit ihm zu schaffen, da er sich auf keine Weise dabei beruhigen konnte, daß es hier keinen Ljubimow gab und nie gegeben hatte.

– Es kann nicht sein – sperrte sich wichtigtuerisch der Student, – das ist Willkür!

Der Student wurde mit Mühe und Not fortgeschickt; der betrunkene Student verzog sich endlich wie Rauch, aber nun konnte man niemand mehr erwarten.

Werotschka ging in ihrem Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie mit ihren eigenen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre „unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem unheimlich.

Vom sonnigen Frühlingstag aufgescheucht, ließ sich Adonja Iwoilowna beim abendlichen Samowar von Akumowna über ihre sommerliche Pilgerfahrt wahrsagen: es war schon Zeit für sie, sich auf den Weg zu machen, der Frühling war schon da.

– Jedes Stengelchen verflicht sich mit einem Stengelchen – tönte Akumownas gerührte Stimme, – jedes Zweiglein mit einem Zweiglein.

Und Wera Nikolajewna, die mit ihren Arbeiten fertig war, sang leise ihre geliebten alten Weisen, und in ihren Liedern atmete das uralte Rußland und eine dumpfe beklommene Sehnsucht:

Leise spielt, ihr Spielmänner, Leise spielt, ihr Lustigen, Mir ist mein Kopf so weh, Mir ist mein Herz so schwer ...

Und plötzlich wurde sie still. Kein Wort mehr. Sie wird auch ihm nichts sagen, sie wird eher sterben als etwas sagen.

– Jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem Blättchen – tönte Akumownas gerührte Stimme, – der Frühling ist da.

Und es wurde immer bedrückender. Denn Adonja Iwoilowna begann zu weinen, und noch lauter als sonst; sie erinnerte sich gewiß an ihren Mann, und daß die Erde an dem Friedhof unter ihm weggeht und von seinem Grabe abbröckelt.

Werotschka ging im Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie mit ihren eignen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre „unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem unheimlich.

Doch der Sänger, der Samowar, erlosch, die Tränen waren ausgeweint und die Schritte verstummt. Alles schlief im Haus und im Hof, die Hupen der Automobile tönten nicht mehr von der Fontanka herüber, im Obuchowschen Krankenhaus blinkte das Licht schon auf nächtliche Weise wie ein Stern, und über den belgischen Ziegelschloten ging ein Stern an und sah in die Fenster hinein, so ein großer Frühlings-Abendstern – die Stunde der Nacht war da. Und Marakulin war es, als klopfte jemand – ein seltsames Klopfen. Er horchte auf und erkannte: das Klopfen kam aus Werotschkas Zimmer. Und nun verstand er, daß Werotschka allein in ihrem Zimmer nicht eingeschlafen war und nicht einschlafen würde, und daß sie mit dem Kopf gegen die Wand schlug, ohne Tränen, ohne Klage, mit weit aufgerissenen trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.

Und all sein Gefühl, seine ganze Erbitterung, seine ganze Verzweiflung, die für eine Weile sich gelegt hatte, loderte hell auf und ergoß sich wieder auf seine auserkorene, verhaßte Generalin. Fiebernd wie im widerlichsten Rausch und zähneknirschend malte er sich aus, wie diese unglückselige Generalin, diese kerngesunde, unsterbliche, sündenlose, kummerlose Laus – dieser Kelch der Auserwähltheit – süß schlafe. Und er mußte es jemand sagen, einerlei wem, aber sofort, solange das Herz noch nicht gesprungen war.

Und fast erstickend sprang er ans Fenster und schrie aus Leibeskräften hinaus:

– Ihr rechtgläubigen Christen, die Laus schläft, so helft doch!

Und als er es hinausgeschrien hatte, da fühlte er, wie seine einstige ungewöhnliche Freude langsam in ihm hochsteigt, hinaufbrandet und bald sein Herz überfluten und die Brust überfüllen werde.