Part 5
So verbrachte Akumowna ein Jahr unzertrennlich von der Herrin: sie wurde zu allem angeleitet, lernte Plätten und Waschen. Vor Mariä Schutz und Fürbitte fuhr der Herr in die Stadt und wurde da krank. Dem Herrn geschah dies oft: man behauptete, daß _sie_ ihn quälten: – der Wald hat seinen Herrn und das Wasser seinen, die Wald- und Wasserbeherrscher. Der Wald in Turij-Rog war früher dicht und undurchdringlich, ein Käfer konnte kaum durchfliegen; Bujanow hatte den Wald gelichtet. Zu den Seen konnte man früher nicht gelangen, er aber hatte Wege gebaut und die Seen gereinigt. Ihnen aber ist so etwas nicht recht. Und von Zeit zu Zeit kamen sie zu ihm und machten ihm Vorwürfe, daß er sie umgebracht hatte. Dies eben war seine Krankheit. So sagten die Menschen. Man benachrichtigte die Herrin in Turij-Rog, sie machte sich auf und fuhr zu ihm.
– Die gnädige Frau befahl mir, auf das Schönchen acht zu geben, – erzählte Akumowna, – jede Nacht nach der Kuh zu sehen. Es gab da viele Kühe, aber das Schönchen war ihre Lieblingskuh. Das Schönchen sollte kalben. Damit fing’s an. Im Dorf war grade eine Hochzeit und ich bat um Erlaubnis hinzugehen. Ich versprach um Zwölf heimzukommen, vergaffte mich und kam erst um Zwei. Inzwischen hatte das Schönchen um Zwölf gekalbt und das Kalb mit einem Fußtritt erschlagen. „Eins von uns bleibt am Leben, entweder du oder ich!“ sagte der Aufseher des Viehhofs, – entweder ich werde davongejagt oder er. Und so gehe ich zum jungen Herrn – der Bruder der gnädigen Frau war bei uns damals Verwalter – und fürchte mich hineinzugehen: ich versuche die Tür aufzumachen und laufe zurück. „Was hast du, Käfer?“ Er hatte mich also kommen gehört. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, verzeihen Sie, ein Unglück ist passiert!“ „Komm her!“ Er ließ mich eintreten. Ich werfe mich auf die Knie, erzähle ihm auf den Knien alles und weine. „Hinaus! Pack deine Sachen!“ Und jagt mich hinaus. Ich ging zu mir aufs Zimmer – meine kleine Kammer lag hinter dem Speisezimmer – und wußte gar nicht, was für Sachen zu packen, denn ich hatte keine, ich weinte nur. Und so weinte ich die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kommt der Herr. „Hast du schon eingepackt?“ Ich fange wieder an. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld!“ „Schweig, wag es nicht zu weinen, – ruft er – sonst laß ich dich aufhängen“ und ging fort. Ich denke mir, aufhängen läßt er mich doch nicht, er will mir nur Angst machen, und dennoch fürchte ich, und mir ist so bange. Es war Samstag, das Bad wurde geheizt. Ich scheuerte die Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte eben gehen, da kommt der gnädige Herr. Ich will zur Tür hinaus. „Halt, hast du schon deine Sachen gepackt?“ Ich wiederhole das meinige: „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld, jagen Sie mich nicht fort!“ – Er überlegt und sagt zu mir: „Wenn du einwilligst mit mir zu leben, dann bleibe hier, brauchst dann nicht fortzugehen!“ Und stieß mich hinaus. Ich wollte aber nicht fortgehen, wollte nicht von meiner gnädigen Frau verstoßen werden, und wohin sollte ich auch gehen? – wieder zum Bruder, zur Schwägerin? Und so gehe ich herum und weine. Der Viehhofaufseher wiederholt aber nur: „Eins von uns bleibt am Leben, du oder ich!“ Entweder er wird fortgejagt oder ich. Wäre die gnädige Frau nur zu Hause gewesen, aber sie kam immer noch nicht. Es wurde wieder Samstag. Wieder wurde das Bad geheizt. Ich scheuerte die Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte mich beeilen, vor dem gnädigen Herrn fortzugehen, mir war so bange, ich fürchtete mich. Er trat aber schon ein. „Bist du nun einverstanden?“ – „Ja.“ – Natürlich, ich war ein dummes Mädchen, hab’ nichts verstanden. „Geh, zieh dich aus, ich will dich ansehen.“ Ich zog mich aus. Am nächsten Tag fuhr der gnädige Herr in die Stadt – er hatte mich noch nicht angerührt – und brachte mir ein seidenes Tuch und ein Band ins Haar mit. Ich erzählte es der Kinderfrau, – eine alte, ganz alte Kinderfrau war da im Hause. „Das macht nichts,“ sagte die Kinderfrau, „verlange du aber fünfhundert Rubel auf ein Büchlein, zur Sicherstellung!“ Ich konnte nicht verstehen, was für ein Büchlein sie meinte. Ich war eben ein kleines dummes Mädchen und verstand nichts. Am Abend ruft mich die Kinderfrau: „Wenn du dem gnädigen Herrn den Samowar hineinbringst, dann geh nicht fort!“ Das Zimmer des gnädigen Herrn lag neben dem Speisezimmer. Ich nahm das seidene Tuch um, flocht mir das Band ins Haar, brachte den Samowar und setzte mich an den Tisch, – und es schüttelte mich nur so.
Die Schande und die Schmach! – Akumowna schämte sich sehr, sie wollte sich erhängen: ihre Herrin war zurückgekehrt, ihre Herrin – und Akumowna ging so herum. Die Herrin beruhigte sie, versprach ihr das Kind zu erziehen, verzieh ihr das mit dem Schönchen und verwies sie nicht von sich. Akumowna brachte einen Knaben zur Welt, bald darauf bekam auch die Herrin einen Knaben. Die Kinder wurden zusammen erzogen, sie hatten eine Kinderfrau, und wurden später auch gemeinsam unterrichtet. Mit neun Jahren wurden beide nach Petersburg gebracht. Der Bruder der gnädigen Frau adoptierte Akumownas Sohn. Sie kamen nur zu den Sommerferien, zu Weihnachten und zu Ostern heim. Im gleichen Jahr beendigten sie beide ihr Studium und wurden Offiziere. Da blieben sie kurze Zeit auf dem Gut und fuhren bald nach Petersburg zurück. Als Akumownas Sohn klein war, da war er sanft und zärtlich, später aber als er groß wurde, begann Akumowna sich vor ihm zu fürchten: wenn er sie ansah, hätte sie sich verkriechen mögen, sie hätte nicht gewagt ein Wort zu ihm zu sprechen.
Die Zeit aber wartet nicht, die Zeit nimmt das ihrige! Der alte Herr starb – _sie_ hatten ihn erwürgt: der Wald hat seinen Herrn und das Wasser hat seinen Herrn, Wald- und Wasserherren, so sagt man. Und nach dem Tod des alten Herrn stieß auch dem Bruder der Herrin ein Unglück zu: an einem Kirchenfest ihres Sprengels wurden sieben Menschen auf der Hauptstraße ermordet; man begann zu untersuchen und der Weg führte gradeaus nach Turij-Rog in den Hof, und so wurde er wegen Mitwisserschaft eingesperrt. Ein Jahr blieb er im Gefängnis, und als er wieder frei wurde und sich zu einer Reise ins Ausland rüstete, starb er. Akumowna hatte den gnädigen Herrn nicht gesehen, als er im Sterben lag, sie hatte ihn nur gesehen, als er aus dem Gefängnis kam. Sie hätte ihn nicht erkannt: er war schwarz, wie die Erde. Man sagte, seine Lungen hätten sich abgelöst.
Akumowna blieb wieder allein mit der Herrin zurück, wie einst. Sie gingen wie einst wieder ins Feld und in den Wald. Akumowna sammelte Blumen für ihre Herrin, allerlei blaue Blumen, und wand ihr einen Kranz; die Herrin lag wieder unter einer Kiefer, nur weinte sie nicht mehr, sie schlief; – sie trank jetzt, schon längst hatte sie sich ans Trinken gewöhnt: sie nahm einen Schluck, aß eine Pfefferminzpastille dazu und schlief ein.
Der gnädige Herr, der Bruder der Herrin, starb im Frühling, und im Herbst wurde Akumownas Sohn aus Petersburg nach Turij-Rog gebracht. Er hatte gebeten, daß man ihn vor dem Tode nach Turij-Rog bringe: er war schwindsüchtig. Er wurde auf dem Gut bestattet, auf dem Turij-Rogschen Kirchhof. Seine Uniform und seine Mütze bekam Akumowna. Und das Jahr war noch nicht um, da starb die Herrin. An ihrem Todestage sah sie im Traum den alten Herrn mit einem weißen Hund kommen ... Und auch die Herrin wurde bestattet.
Turij-Rog war nun vereinsamt. Akumowna war allein auf dem Gut. Der junge Herr wollte sie nicht mehr behalten und entließ sie nach der Beerdigung. Und so war sie ganz allein. Sie weinte aber nicht, – wenn es einem gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.
Zum letzten Mal ging sie ins Feld, in den dunkeln Wald und in das junge Gehölz, saß zum letzten Male im Wald auf dem Abhang, wo die Sonne am stärksten brennt und wo die Beeren so rot stehen, und unter der Kiefer, wo ihre Herrin zu liegen pflegte, verneigte sich tief vor dem jungen Wald, vor dem Feld – vor dem alten dunkeln Wald und vor der Kiefer, und ging. Sie ging die Hauptstraße aus Turij-Rog an Ssosna-Gora vorbei, vorbei am Bruder und an der Schwägerin, an Wassilijs Haus, am Kirchhof, an den Grabkreuzen des Vaters und der Mutter, immer gradeaus von Turij-Rog, immer gradeaus die Hauptstraße lang, wie ein rollender Stein um die weite Welt.
Und manches Jahr dehnte sich der Weg von Turij-Rog nach Petersburg. Bis sie Petersburg erreichte, ging sie oft hinter dem Pflug und mit der Sense, oder mußte wie eine Zigeunerin in den Hohlwegen herumlungern.
Neun Jahre lebt nun Akumowna in Petersburg. Die Uniform und die Mütze wurden ihr noch auf dem Weg von Turij-Rog nach Petersburg gestohlen, und nur ein Andenken ist ihr geblieben: ein Paar warme Schuhe und ein Paar Gummischuhe hängen mit Naphtalin bestreut in einem Karton an der Decke ihrer Küche.
– Ich sehe diese Sachen an, als wenn er es selbst wäre! – sagt Akumowna, wenn sie an den Feiertagen den Karton öffnet.
Neun Jahre wohnt nun Akumowna auf der Fontanka im Hinterhaus des Burkowschen Hofes, Sommer und Winter, und weiter als auf die Sennaja oder bis zum Fischteich ist sie noch nicht gekommen, und sie sehnt sich nach freier Luft.
– Wenigstens etwas Luft atmen! – sagt sie manchmal und lächelt und blickt idiotisch von der Seite – die sanfte, göttliche, verwaiste, unglückliche Akumowna.
Drittes Kapitel
Die Zimmer, die im Herbst leergestanden hatten, wurden zu Anfang des Winters vermietet, und Marakulin hatte nun zwei neue Nachbarinnen: Wera Nikolajewna Klikatschowa, Hörerin der Nadeschdinschen Kurse, und Wera Iwanowna Wechorjowa, Schülerin der Theaterschule.
Wera Nikolajewna war sehr mager, so mager, daß man Angst um sie bekommen konnte, besonders nachdem sie die Nacht über den Büchern verbracht hatte. Wie ein solcher Mensch bloß leben kann: nicht ein Blutstropfen war in ihrem Gesicht, und ihre Augen waren jene verlorenen Augen des herumschweifenden heiligen Rußland.
Sie hatte mit ihrer Mutter in der Provinz gelebt, in der alten Kreisstadt Kostrinsk. Sie hatten ein eignes Häuschen, das Häuschen aber brannte ab, und sie verloren dabei alle ihre Habseligkeiten. Man hätte sie retten können, wenigstens ein Teil konnte gerettet werden, aber die Mutter, die alte Klikatschowa stellte sich mit dem Heiligenbild den Flammen gegenüber und ließ nichts wegtragen, – alles verbrannte. Wenn man dem Feuer erlaubt, alles aufzufressen, ohne sich zu widersetzen, dann ersetzt es alles hundertfach, – so glaubte die Alte. Zwar hatte sie vorher schon eine Erscheinung gehabt, ein Zeichen hatte ihr den Brand verkündet: eine Woche früher hatte der Tisch und die Heiligenbilder unheimlich geknistert, doch die Alte besann sich erst darauf, als alles schon verbrannt war. Nach dem Brande wohnten sie in einem alten Badehäuschen. Wera Nikolajewna absolvierte die Kostrinskische Gemeindeschule und wäre in ihrem alten Badehäuschen sitzen geblieben, wenn nicht eine Verbannte aus Petersburg hingekommen wäre, die sie zu unterrichten begann und zur Aufnahme in die vierte Gymnasialklasse vorbereitete. Wera Nikolajewna reiste in die Gouvernementstadt, machte da das Examen und blieb dort drei Jahre in der Heilgehilfenschule am Gouvernementkrankenhaus. Darauf ging sie nach Petersburg, wo sie jetzt im Begriff war, die Nadeschdinschen Kurse zu absolvieren.
Das Lernen fiel ihr nicht leicht, – bis zum Weinen schwer war ihr das Lernen. Aber sie wollte es nicht aufgeben, sie war von einem unheimlichen Fleiß. Nach Absolvierung der Nadeschdinschen Kurse beabsichtigte sie, das Abiturientenexamen zu machen, um in das medizinische Institut aufgenommen zu werden.
Voller Sorgen, von den Lehrbüchern und von Arbeit erfüllt – sie mußte als Masseuse ihren Lebensunterhalt verdienen – saß sie nie mit im Schoß müßig gefaltenen Händen, und es war schwer, ein Wort aus ihr herauszubringen; sie erzählte selten und war nicht gesprächig. Sie erwähnte nur zuweilen ihre Mutter und jene Verbannte, Maria Alexandrowna, die sie unterrichtet und in ihr die Lust zum Lernen erweckt hatte, – nur von diesen beiden sprach sie.
Wera Nikolajewnas Mutter, Lisaweta Iwanowna, lebte seit ihrer Kindheit in dem kleinen, weißen, verlassenen, alten Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Ufer des Flusses Ustjuschina, – und in Beziehung auf das Trauergeläute der Glocken eine erste Stadt, eine Klagestadt. Alte Leute können sich noch erinnern, wie Lisaweta Iwanowna jung war, eine lustige Reigenführerin, Märchenerzählerin und Sängerin uralter Weisen. Sie erinnern sich noch, wie sie im Dom getraut wurde und wie der Priester, der doch Braut und Bräutigam kannte, sich fortwährend irrte und die Namen verwechselte, und wie Jutschicha, eine alte Waschfrau, dazu traurig den Kopf schüttelte, weil sie in ihrer ahnenden Seele wußte, daß das junge Paar nicht lange zusammenbleiben wird: ein Dritter stand zwischen ihnen unter dem Baldachin. Die Alte wußte es, aber sie schwieg.
Und diese Jutschicha war auch dabei, als Lisaweta Iwanownas Mann starb, und dabei, als das Haus brannte. Sie war es auch, die ihr beigebracht hatte, nichts hinauszutragen und alles dem Feuer zu überlassen. Und nicht das allein bloß hatte sie sie gelehrt, sondern all ihr nicht einfaches, ahnungsvolles Wissen. Denn Jutschicha wußte viel, ja, vielleicht alles, was dem Menschen zugestanden ist. So sagte man in Kostrinsk. Und sie stieg ruhig ins Grab, weil sie in der Welt einen andern Menschen an ihrer Statt zurücklassen konnte. Lisaweta Iwanowna würde für sie besonders zu Gott beten, weil ihr die Alte alles überliefert und für sie mehr getan hatte, als Vater und Mutter tun könnten, so viel, daß es wohl keinem Menschen gegeben ist, mehr zu tun. So urteilte man in Kostrinsk.
Zehn Jahre waren nach Jutschichas Tod und nach dem Brand des Hauses vergangen. Noch immer im alten Badehäuschen lebend, träumte Lisaweta Iwanowna davon, sich ein neues stattliches Haus zu bauen, ähnlich wie das verbrannte. Jeden Sommer ließ sie Bauholz aus dem Wald in ihrem Gemüsegarten aufstapeln. Sie war auch schon beim Vater Johann von Kronstadt gewesen, um seinen Segen zu erbitten und brachte ihm ein altes Heiligenbild im Stroganowschen Stil zum Geschenk, und er schenkte ihr dagegen hundert Rubel für den Anfang. Wie oft schon hatte sie sich von Verbannten einen Plan zeichnen lassen und ihn scharfsichtig genau geprüft und untersucht: ob die Speisekammer oder die Rumpelkammer nicht vergessen worden sei, ob auch alles genau so wäre, wie im alten verbrannten Hause. Aber ein neues, stattliches baute sie doch nicht. Das Bauholz verfaulte im Gemüsegarten, der Plan wurde sorgfältig in einem Kästchen aufbewahrt und die hundert Rubel, das Geschenk des Priesters hatten auf der Rückfahrt nicht einmal Moskau erreicht. Sie hatte nie in ihrem Leben soviel Geld beisammen gehabt – ihr Mann war ein kleiner Beamter in Kostrinsk gewesen und mußte mit Kopeken rechnen – und des ehrwürdigen Vaters regenbogenfarbener Schein verflüchtigte sich im Handumdrehen: sie brachte allerlei Nippes, Schächtelchen und Schachteln, nötige und unnötige, zerbrochene und ganze, als Geschenke aus Kronstadt mit, und jeder Gegenstand, jedes Schächtelchen hatte seine Bestimmung; das größte Paket aber sollte seine Bestimmung nach näherer Erwägung erhalten, und für diese „nähere Erwägung“ war fast ein halbes hundert Rubel daraufgegangen. Wie sollte man da ein Haus bauen!
Lisaweta Iwanowna ist gebückt, zahnlos, ihre schweren weißen Flechten umwickeln den ganzen Kopf, und die blauen Augen sind noch heller geworden und leuchten. Sie hat vieles in dieser Welt gesehen, obwohl die ganze Welt für sie die kleine weiße verlassene alte Stadt mit den fünfzehn weißen Kirchen war, und alle ihre Tage waren besungen vom Trauergeläute. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem Trauergeläute der Glocken nach eine erste Stadt, eine Klagestadt. Viele Menschen hat Lisaweta Iwanowna schon zu Grabe geleitet; sie besucht ihre Gräber und am Ostersonntag trägt sie rote Eier hin, um den Toten den Gruß: „Christ ist erstanden“ zu entbieten; denn es ist viel wichtiger, den Toten diesen Gruß zu bringen als den Lebenden, so glaubte die Alte. So lebte sie in ihrem Badehäuschen, wie in einem richtigen Haus dahin und genoß den Anblick der Sonne, wenn sie hinter dem Kirchturm unterging, und das Kreuz vergoldete, freute sich, wenn man zum erstenmal Schlitten fuhr, oder wenn die Kinder im Frühjahr auf den Brettern sich schaukelten, und wartete nur auf den Menschen, dem sie all das Wissen, das ihr die alte Waschfrau Jutschicha überliefert hatte, weiter überliefern könnte. Und der Mensch, dem sie es überliefern würde, wird ebenso glücklich werden wie sie selbst; denn es gebe kein größeres Glück als das ihre, – so dachte die Alte. Ihr Glück aber bestand darin, daß sie durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt hat, wie man leben muß. Sie lebte nicht für sich und nicht für die anderen, und wenn sie etwas tat, so dachte sie weder an sich noch an die Einwohner von Kostrinsk, sondern sie bereitete sich fürs andere Leben vor, fürs Jenseits, und dachte bei ihren Handlungen nur an das andre Leben und an das Jenseits; deswegen war ihr selbst wohl, und deswegen tat sie den anderen wohl.
Lisaweta Iwanowna war für Kostrinsk dasselbe, was irgendein Bruder im Hafen für die arme Petersburger Bevölkerung.
Da kam nach Kostrinsk eine Verbannte aus Petersburg, Maria Alexandrowna. Um sich die Tage abzukürzen und auf irgendeine Weise die Zeit zu vertreiben, die in der Unfreiheit sich so ausdehnende Zeit, begann sie Wera Nikolajewna zu unterrichten. Wera Nikolajewna gefiel ihr, und sie kam oft zu Klikatschows. Auch Lisaweta Iwanowna interessierte sie und sie fragte die Alte aus, wie sie denkt, daß man leben und wofür man leben müsse, wie man vergessen könnte, was nicht zu vergessen ist, und was man tun müsse, daß man keine Angst hätte und nicht begehre, was man nicht nehmen darf, – Alles das fragte sie die Alte. Und aus diesen Fragen erkannte die Alte und ihr Herz flüsterte ihr zu, daß diese Verbannte eben der Mensch war, dem sie ihr nicht einfaches ahnungsvolles Wissen überliefern und ihn glücklich machen müßte.
Ein Jahr lang lebte Maria Alexandrowna in Unfreiheit in dieser kleinen, weißen, verlassenen, alten Stadt. Zu Ostern kam sie zu Klikatschows, um am geweihten Mahl teilzunehmen; – zu Ostern aber ist für den Wissenden alles besonders sichtbar und klar. Und so erblickte Lisaweta Iwanowna bei ihrem Liebling, bei ihrer Auserwählten auf der Stirn zwischen den Augenbrauen das Zeichen des Todes. Und sie wollte erst nicht glauben, als sie dieses Geheimnis erkannte. Aber schon in der Osterwoche war Maria Alexandrowna nicht mehr in Kostrinsk, sie war ganz spurlos verschwunden.
Vieles hatte Lisaweta Iwanowna gesehen: sie hatte ihren Mann begraben, hatte auch viel fremden Kummer mit angesehen – wo gibt es ihn nicht! – aber niemals hatte sie so viel geseufzt, wie damals, als der Morgen kam, der Tag verstrich und es Abend wurde und Nacht, und ihre Auserwählte, ihr Liebling, die dem Tod Geweihte verschwunden blieb. Sie, die Glückliche, hatte dank ihrem nicht einfachen, ahnungsvollen, gleichviel ob eingebildeten oder tatsächlichen Wissen erkannt, wie man leben muß, aber sie hat die ihr bestimmte göttliche Tat nicht vollbracht, sie hat ihr Wissen nicht überliefert, und wenn Maria Alexandrowna nicht zurückkehrte, müßte sie als Unglückliche sterben. Und die Alte wartet; ihr von schweren weißen Flechten umwundener Kopf wackelt, sie betet leise, sanft und demütig, und über ihr läuten die Glocken ihr Trauergeläute und besingen sie. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem Trauergeläut nach eine erste Stadt, eine Klagestadt.
– Wohin ist denn Maria Alexandrowna verschwunden? – fragte einmal Marakulin.
Aber Wera Nikolajewna sagte nichts, nur ihre verlorenen Augen, die Augen des herumschweifenden heiligen Rußland lohten auf wie zwei Scheiterhaufen, und sie weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht, als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr eng zusammengezogen.
Marakulin konnte diese Nacht auch nicht einschlafen. Er horchte, er verstand, und es war ihm unheimlich zumute.
– Dem Gorbatschow aber, – dachte er, – werden seine Nonnen und Jungfrauen in schwarzen Kopftüchern bis in die Ewigkeit hinein „Christ ist auferstanden“ zu Ostern singen.
Dieser Gedanke wiederholte sich in ihm und zog durch ihn schleppend und zäh und drückte sich in Worten aus. Als er aber erschöpft war, überkam ihn eine Unruhe: er vergaß Gorbatschow, Maria Alexandrowna und Lisaweta Iwanowna, nur eins wollte er erkennen: was man wegräumen müßte, um seine Ruhe wiederzufinden.
Da erinnerte er sich plötzlich an die Generalin Cholmogorowa, wie sie satt und gesund, so zufrieden und sieghaft herumgeht, diese Laus, die nichts zu bereuen hat und nur der Motion wegen herumgeht, wie sie mit ihrem Klappstuhl auf der Fontanka herumspaziert oder auf dem Sagorodny-Prospekt aus der Kirche zurückkommt, – und es war, als wenn modriges Spinnweb sich ihr nachziehen würde, wie es in den Winkeln ungelüfteter Rattenkammern hängt, oder zwischen dem Fußboden und unverschiebbaren schweren Kästen, – dieses Spinnweb zieht sich ihr nach und dringt einem gradezu in den Mund – es ist um sich ins Wasser zu werfen!
Schon lange hatte er das bemerkt, aber erst jetzt erkannte er es. Und er überlegte die ganze Nacht bis zum Morgen ingrimmig, wie man die Generalin möglichst geschickt beseitigen könnte, so daß nicht einmal eine nasse Spur von ihr zurückbliebe; denn er konnte nicht leben, ohne daß sie beseitigt wäre, es fehlte ihm die Luft zum Atmen, sie ließ ihn nicht atmen mit ihrem modrigen Spinnweb. – Es läßt einen nicht frei aufatmen, dachte er, man hat keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe.
Hätte Marakulin im Moment der Verzweiflung die Generalin ermordet, und wäre am Morgen vor Gericht gestellt worden, so hätte er zu seiner Rechtfertigung sagen können, daß nicht er gemordet hat, sondern die grausame Burkowsche Nacht.
Und Wera Nikolajewna weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht bis zum Morgen, als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr eng zusammengezogen.
Es waren jetzt grausame Nächte für Marakulin. Wo blieb seine Bereitwilligkeit, alles zu ertragen, nur um zu sehen, nur um zu hören, nur um zu fühlen? Immer derselbe Gedanke an die Generalin ging ihm nicht aus dem Sinn, die unglückliche Generalin war ihm im Halse stecken geblieben! – Ein verrückter Mensch und in seiner Verrücktheit beharrlich.
Als er einmal am Morgen in der Zeitung von einem Arzt las, der des Giftmordes beschuldigt wurde, versteckte er die Zeitung unter sein Kissen und las am Abend vor dem Einschlafen wieder die Stelle.
– Wohltäter der Menschheit, Doktor – flüsterte er im Dunkeln, – du magst wohl nicht eine Laus nur ins Jenseits befördert haben und vielleicht wirst du ... noch jemand befördern!
Und angesichts der allgemeinen Entrüstung der Zeitungen sprach er zu sich ganz trunken:
– Das sind Schwestern meiner Generalin, die für diese vom Doktor vergiftete Laus so einmütig eintreten.
Er stand mitten in der Nacht auf, zündete eine Kerze an, las nochmals die Zeitung und versteckte sie unter dem Kopfkissen. Darauf legte er sich wieder hin und flüsterte im Dunkeln und dachte bis zum Morgen. Und er übertrug seine eigene Burkowsche Verzweiflung auf die ganze Menschheit, deren Wohltäter vielleicht dieser giftmischerische Arzt werden könnte, der eine Laus nach der anderen ins Jenseits befördert und die Luft reinigt, damit man atmen kann: denn sonst hätte er keine Luft zum Atmen, keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe. Ein verrückter Mensch war er und in seiner Verrücktheit beharrlich.