Die Schwestern im Kreuz

Part 4

Chapter 43,837 wordsPublic domain

Die Wirtin Marakulins Adonja Iwoilowna Jurawljowa – eine nicht mehr junge, dicke und sehr gute Frau, ist seit fünfzehn Jahren Witwe, seitdem ihr Mann infolge einer Krebskrankheit den Hungertod starb. Er wurde auf dem Smolensky-Kirchhof begraben. Sie selbst ist keine geborene Petersburgerin, sie stammt von der Meeresküste, vom Weißen Meer. Ihr Mann besaß ein Geschäft auf der Ssadowaja, einen Schnittwarenladen – Baumwolle und Zwirn – jetzt hat sie es verpachtet. Sie hat keine Kinder und die Verwandten von seiten ihres Mannes sind auch kinderlos, nur ein Neffe ist da. Der Neffe pflegt an den Feiertagen zu Weihnachten und Ostern zu kommen, um ihr zum Fest zu gratulieren, ebenso an ihrem Namens- und Geburtstag. Sie ist reich – hat viel Geld und weiß nichts damit anzufangen; sie grämt sich sehr, daß sie keine Kinder hat und seufzend klagt sie über das ihr von Gott bestimmte kinderlose Leben.

Adonja Iwoilowna bewohnt das äußerste Zimmer; gleich am Eingang rechts liegt ihr Zimmer. Den ganzen Tag sitzt sie zu Hause; auf die Straße geht sie nicht – es ist ihr beschwerlich, die Treppen hinunterzusteigen –, der eine Fuß schleppt etwas nach, und beim Hinaufsteigen vergeht ihr der Atem; auch hat sie Angst vor der Elektrischen. Es bleibt ihr nur eine Zerstreuung: in die Küche zu Akumowna zu spazieren und mit ihr vom Essen zu sprechen.

Adonja Iwoilowna ißt gern.

Die Zimmer liegen alle in einer Reihe. Das zunächst an der Küche gelegene ist das Marakulins, und Peter Alexejewitsch kann am Morgen schon hören, wie sie das Mittagsessen bespricht. Adonja Iwoilowna ißt besonders gern Fische. Und sie belehrt Akumowna über den Sterlet, über die Zubereitung einer Sterletsuppe, von einem wahrhaft die Seele aus dem Leibe schmeichelnden Geschmack.

– Zuerst mußt du, Uljanuschka – spricht sie zu Akumowna mit einer Stimme, als schlucke sie Tränen – zuerst mußt du die Barsche bis zur Erschöpfung kochen, dann tu’ den Sterlet hinein, das gibt eine schmackhafte Suppe.

Und in der Tat wurde da eine schmackhafte Fischsuppe gekocht; ein die Seele aus dem Leibe schmeichelnder, süßer, fetter Sterletgeruch erfüllte die Küche und alle vier Zimmer, und Marakulin konnte es kaum aushalten, kaum den glücklichen, seligen Augenblick erwarten, bis er in die Garküche auf den Sabalkansky gehen konnte.

Adonja Iwoilowna versteht sich aufs Essen.

Den ganzen Winter sitzt sie fest, sie ist seßhaft und wird wegen ihrer Seßhaftigkeit im ganzen Hof nicht anders als die Schmiede genannt; aber kaum, daß der Frühling beginnt, ist sie nicht mehr in Petersburg: den ganzen Sommer zieht sie von Ort zu Ort, zu allen heiligen Stätten pilgernd.

Adonja Iwoilowna liebt die Einfältigen und Narren, die Starzy[4], Brüder und Propheten. Sie war bei dem rasenden Starez in der Nähe von Kischinew, hatte seine schrecklichen Schilderungen des Jüngsten Gerichts und der Qualen der Sünder gehört; – sie waren so entsetzlich, daß die Pilger wie von Sinnen davongingen und tobsüchtig wurden; manche starben auf der Stelle vor Angst vor den Höllenqualen – so entsetzlich waren diese Schilderungen. Sie war auch schon im Ural bei Makarij: – dieser Starez wohnt auf einem Geflügelhof, pflegt das Geflügel, spricht mit dem Geflügel, und ihm gehorcht alles Vieh: wenn sich der Starez bei Sonnenuntergang zum Beten hinstellt, so stellt sich auch das ganze Vieh hin, wendet die gehörnten, bärtigen Köpfe nach der Richtung, wohin der Starez betet und steht und rührt sich nicht; es erklingt kein Glöcklein, es klirrt keine Schelle. Sie war auch in Werchoturje bei Fedotuschka Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels herabruft; sie war auch bei jenem Starez, der durch seine Berührung engelhafte Reinheit schenkt und in den paradiesischen Zustand versetzt; sie war auch bei dem Kitajewschen Propheten: dieser Heilige läßt die Frommen an seiner Zunge saugen – er steckt seine Zunge heraus, man saugt an ihr und ist geheiligt – die Gnade hat sich auf einen herabgesenkt. Noch bei vielen anderen heiligen Männern war sie in ihrem Leben gewesen: im Heiligengeistkloster, wo der Starez die bösen Geister vertreibt, indem er durch den Beischlaf das Fleisch abtötet; beim Bossoj-Iwanowskij-Starez, beim Starez Damian und bei Phoka Skopinskij, der sich selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte.

Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geist, die Narren, die Starzy, Brüder und Propheten. Sie möchte ihr Leben lang ihren unverständlichen Gesprächen, ihren Parabeln und Sprüchen lauschen, sie möchte in ihren Zellen beten, wo die Oellampen sich von selbst entzünden, wie die Kerzen Jerusalems. Sie hat nur einen Kummer: sie sprechen nicht mit ihr, – einzig ihr allein hat noch niemand von diesen Heiligen etwas gesagt! Ob sie nun zu alt an Jahren ist, oder ob sie vor Rührung die prophetischen Worte nicht hört, oder ist es ihr vielleicht nicht gegeben zu hören –? Nur die heilige Schwester Parascha hatte ihr einmal gesagt:

– Schiffe werden gehen, viele Schiffe – weit!

Und im Winter in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend, wiederholt Adonja Iwoilowna sehr oft:

– Schiffe, Schiffe! – und kann diese Worte nicht begreifen, und die Tränen rollen ihr wie die Erbsen die Wangen herab.

Adonja Iwoilownas Aehnlichkeit mit einer Seerobbe ist erstaunlich – eine echte murmanische[5] Seerobbe.

Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geiste, die Narren, die Starzy, Brüder und Propheten, aber sie hat noch eine andre Leidenschaft und eine ebenso unbezwingliche: das Meer, das Meer – sie liebt das Meer. Alle russischen Meere hat sie befahren, sie ist auf dem Murman, auf dem Eismeer geschwommen, wo der Wal lebt, und hat auch das Mittelmeer gesehen.

Und im Winter allein in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend denkt sie oft an das Weiße Meer, ihre Heimat, und an das warme Schwarze Meer und an das smaragdgrüne Mittelmeer, und bei dem Gedanken an das Meer wiederholt sie Paraschas einzige prophetische Worte:

– Schiffe, Schiffe! – und sie kann es nicht verstehen und Tränen rollen ihr wie Erbsen die Wangen herab.

Nachts quälen Adonja Iwoilowna Träume. Sie träumt bunte Träume: sie träumt von der Heimat, von den heimatlichen Flüssen, dem Onegafluß, dem Dwinafluß, dem Pinegafluß, den Meshafluß, den Petschorafluß, vom schweren Brokat altrussischer Gewänder, von weißen Perlen und rosa Perlen aus Lappland, von Walfischen, Seerobben, Lappen, Samojeden, von Märchen und alten Weisen, von langen Winternächten und von der Mitternachtssonne, vom Kloster Ssolowski und vom Reigen. Sie träumt von cholmogorischen ungehörnten Kühen, einer ganzen Herde; – und diese Kühe haben menschliche Augen, sie schmiegen sich alle mit dem Rücken an sie, dann tritt eine vor, reicht ihr einen Fuß wie eine Hand und sagt: „Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen.“ Nach ihr tritt eine andre vor, und so eine Kuh nach der anderen, jede reicht ihr einen Fuß wie die Hand, und alle haben sie die gleiche Bitte: „Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen!“ Sie träumt von Skorpio-Chamäleonen; – alle sind sie im Frack, sitzen an den Wänden und wedeln mit den Schwänzen, die bald smaragdgrün sind und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Sie sehen sie alle nur an, und bald sind alle Wände voll von Skorpio-Chamäleonen, überall sind sie: auf den Heiligenbildern und hinter den Heiligenbildern, und ein Schweif, wie aus tausend kleinen Schweifen zusammengesetzt, winkt ihr zu und lockt sie, bald smaragdgrün und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Und manchmal träumt sie auch baren Unsinn: als esse sie einen Käsekuchen, und so viel sie auch essen mag, sie wird nicht satt und der Käsekuchen nimmt nicht ab.

Jeden Tag deutet Akumowna die Träume, und abends beim Tee legt sie Karten. Akumowna kann wahrsagen aus den Weidenkätzchen, aus den Wagenkerzen und zur Winterzeit aus den Frostblumen auf den Fenstern; doch am genauesten kann sie aus den Karten wahrsagen.

Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Dachrinnen schlägt dumpf, wie ein Hund aufheulend, das Wasser auf die Steine. Die belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses blinkt nur ein Licht.

Im äußersten Zimmer bei Adonja Iwoilowna singt der Samowar – er geht nicht aus, er ist voll und kochend heiß, der Dampf wallt nur so – der Sänger summt sein Lied. Der Samowar singt, daß man es durch alle Zimmer hört.

Akumowna ist nicht in der Küche. Akumowna ist mit den Karten bei Adonja Iwoilowna. Akumowna legt Karten. Der Samowar ist im Erlöschen, sein Gesumme ist leiser und Akumownas Stimme tönt dumpfer:

– Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es endet. Wie es sich beruhigt. Sagt die volle Wahrheit, reinen Herzens. Was kommt, wird auch zutreffen.

Es kommen aber lauter unreine, lauter unerfreuliche und dunkle Karten.

Adonja Iwoilowna weint. Wie sollte sie auch nicht weinen! Ihren Mann hatte man auf dem Smolensky-Kirchhof bestattet und sie wollte ihn doch in der Newskaja Lawra haben: die Verwandten hatten darauf bestanden, hatten nicht auf sie geachtet. Er war zu Allen gut gewesen, hatte viel geholfen, aber sie liebten ihn nicht. Nur sie allein hatte ihn geliebt und auf sie hatte man nicht gehört. Auf dem Kirchhof geht nun die Erde unter ihm weg, die Erde bröckelt ab.

Und wieder ertönt Akumownas Stimme, noch dumpfer.

– Fürs Haus. Fürs Herz. Wie es endet. Was sein wird. Wie es sich beruhigt. Sagt die volle Wahrheit reinen Herzens. Was sein wird, wird auch zutreffen.

Doch es kommen wieder dieselben Karten. Und wieder dieselben Träume; Adonja Iwoilowna weint: nur sie allein hatte ihn geliebt, aber man hatte nicht auf sie gehört, und jetzt geht die Erde unter ihm weg, die Erde bröckelt ab.

– Man darf niemand beschuldigen! – sagte Akumowna plötzlich.

Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Rinnen schlägt das Wasser, wie ein Hund aufheulend auf die Steine. Die belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses schimmert nur ein einziges Lichtlein.

Im äußersten Zimmer, in der schwülen Stube bei Adonja Iwoilowna brennen drei ewige Oellämpchen. Adonja Iwoilowna betet lange. Auch in der Küche, in der vom unverwüstlichen Sterletgeruch und vom Geruch getrockneter Pilze gesättigten Küche, brennen drei Oellämpchen. Akumowna betet lange.

– Schiffe, Schiffe! – ertönt des Nachts eine Stimme inmitten des weinerlichen Schnarchens.

Und am anderen Ende der Wohnung antwortet ihr dumpf eine andere:

– Man kann niemand beschuldigen! –

Und eine dritte Stimme, die durch die Wand aus dem Zimmer der Artisten hereindringt, sagt:

– Man muß alles von sich abschütteln.

Marakulin fährt dabei auf, kauert sich zusammen, ganz verstummt und bedrückt horcht er und wiederholt sich vergebens immer dasselbe; trotzig wie er ist, kann er nicht mehr nicht denken, er kann nicht auf seine Gedanken nicht hören, und der Friede flieht ihn.

Die göttliche Akumowna ist laut ihrem Paß eine Jungfrau von zweiunddreißig Jahren, aber laut ihren eigenen Versicherungen – es war übrigens auch ohne ihre Versicherungen einleuchtend – war sie nicht zweiunddreißig, sondern sicher fünfzig. Sie ist aus Pskow gebürtig oder eine Pskowitanerin, wie die Artisten sie zu nennen pflegen, zu denen sie ebenfalls manchmal hinläuft, um Karten zu legen; für Sergej Alexandrowitsch wäre sie sogar bereit, den ganzen Tag Karten zu legen, außerdem ist die Sklavin Kusjmowna, welche halb an eine Flunder, halb an ein gefrorenes Huhn von der Sennaja erinnert, so etwas wie ihre Gevatterin.

Akumowna ist klein und schwarz, ihr Gesicht ist sehr dunkel, – ein Käfer! Sie lächelt und blickt so eigentümlich, idiotisch, nicht gradeaus, sondern von der Seite, mit etwas geneigtem Kopf. Sie ist sanft und wird nie böse. Und flink ist sie, aber sie läuft nicht, sondern sie dreht sich auf demselben Fleck herum und es sieht nur so aus, als liefe sie. Und geschickt ist sie, man würde glauben, sie mache alles sofort; wenn es aber vorkommt, daß man sie irgendwohin rasch schicken muß, dann ist’s aus, dann kann man lange warten! Es ist ja auch die fünfte Etage und ihre Beine sind schon alt. Das Hinunterlaufen geht noch, aber beim Hinaufsteigen der Treppe – da bleibt sie stecken. Die Füße möchten schon laufen, und Akumowna wäre froh, möglichst schnell zurück zu sein, aber sie hat eben keine Kraft mehr, und sie dreht sich nur auf demselben Fleck.

Den Tag und die Nacht verbringt Akumowna ebenso wie Adonja Iwoilowna. Sie träumt allerlei Träume: sie sieht Feuersbrünste – das Haus brennt ab – und Räuber – die Räuber jagen und verfolgen sie – und einen nackten Mann – der Nackte steht an einem Ufer und wäscht sich mit Seife – und ein fleckiges Reptil – das Reptil beißt sie; – und Beeren ißt sie im Traum – Preißelbeeren, die Büschel so groß wie ein Hammelschwanz. Aber am häufigsten – sehr häufig fliegt sie im Traum: sie fliegt immer nach einem und demselben Ort, zu Ostaschkow in Nils Einsiedelei, zum ehrwürdigen Nilus Stolbenskij.

– Ich mache einen Sprung und fliege – erzählt Akumowna, – ich steige auf und greife aus mit den Händen, wie auf dem Wasser, und es wird mir so leicht und ich fliege vorwärts wie ein Vogel.

Schon vor langer Zeit hatte Akumowna ein Gelübde getan, zum ehrwürdigen Nilus zu pilgern, und bis jetzt hat sie dieses Gelübde noch nicht erfüllt; sie war noch nicht ein einziges Mal da, deshalb fliegt sie oft, sehr oft zu Ostaschkow.

Im Hof wird Akumowna geliebt: die göttliche Akumowna. Und immer treiben sich Scharen von Kindern bei ihr in der Küche herum, sie versteht und liebt es mit den Kindern zu spielen und zu scherzen. Sie besucht alle; wenn sie Geld hat, gibt sie es – und man nimmt es von ihr, um es ihr nie zurückzugeben – in allen Winkeln ist sie willkommen. Und nur eins fürchtet sie: wenn auf dem Hof eine Schlägerei angeht.

Sergej Alexandrowitsch Damaskin hat alle Gesetze ausstudiert, – er ist ein Artist. Akumowna aber ist ein Mensch, der weiß, was im Jenseits geschieht. So sagt man im Burkowschen Hof.

Akumowna war schon im Jenseits, – sie war dort den Passionsweg gegangen.

Dort in jener Welt wurde ihr alles gezeigt, nur weiß sie nicht, wer der Mensch war, der sie geführt.

– Ich trat in ein Gebäude – so erzählt Akumowna ihren Passionsweg, – in einen Saal: der Fußboden war morsch, die Dielen eingefallen, die Erde unter ihnen war Schutt und auf dem Boden lagen Fische, stinkende, abscheuliche Fische verschiedener Art, Fleisch, Schädel; lauter schlechtes Zeug lag da herum und bis auf die Knochen verweste Menschen – einzelne menschliche Glieder, verweste Tiere, alles verfault und abscheulich.

Und sie wurde durch dieses Gemach geführt und es wurde ihr alles gezeigt! Das Gemach war lang, unabsehbar, und breit, und dennoch war ihr so eng. Vor ihnen waren Menschen, viele Menschen, hinter ihnen ebenfalls viele Menschen, ringsum und überall gingen und standen Menschen. Und in den Winkeln befanden sich Menschen, aber keine richtigen Menschen – das nimmt sie so an; – auch solcher gab es viele.

– Ich habe mich so gequält, ein Gebet gesprochen, sie antworteten aber nicht – sie hatten Schwänze und Beine wie Kühe und Krallen wie Hunde. – Laßt mich heraus! – flehte ich.

Einer aber sagte: – Nein, sie muß noch etwas sehen! – Und darauf ein andrer: – Warten wir, sie muß alles sehen, – und sie führten mich weiter.

Und sie führten sie durch das Gemach und zeigten ihr alles. Es lag da nur Schlechtes und Vermodertes herum, lauter Aas, alles verwest und abscheulich, tote Menschen, tote Tiere, Gebein, Schädel, Kehricht.

– Wenn Gott mich wenigstens die heiligen Sakramente empfangen lassen wollte! – dachte ich, – da könnte ich dieser Unzucht entrinnen. Und ich wiederholte bei mir: – Herrgott, laß mich das Abendmahl nehmen, ich bin schon zu Tode gequält! – Und da sehe ich, wir sind schon draußen.

Draußen wurde sie auf einen Berg geführt, und auf dem Berg standen drei Personen, alle in hellen Mänteln und die Gesichter mit etwas Hellem verhüllt; sie nahmen das Abendmahl. Nur daß statt des Kelches ein Spülnapf war und der Löffel fehlte; so nahmen sie das Abendmahl. Und viel Volk war da, und alle traten hinzu, alle nahmen das Abendmahl.

Und auch sie wurde hingeführt. Sie wollte sich bekreuzigen, aber es war ihr schwer, als würde sie gehindert.

Er selbst reicht mir eigenhändig die Oblate, aber nicht befeuchtet, sondern trocken. Und ich kann ihre Hostie nicht hinunterschlucken, sie bleibt mir im Halse stecken, ich ersticke fast. – Herrgott! Herrgott! Euch Heilige und Engel Gottes bitte ich, genug schon mich zu quälen! – Sie aber lachen. Der eine sagt: „Warte nur, wirst noch weiter gehen.“ Und nach ihm der andre: „Ja, wir müssen sie noch weiter führen!“ – Sie lachen – ihre Schwänze und Beine sind wie bei Kühen, die Krallen wie bei Hunden. Und wieder beginnen sie mich zu führen.

Sie führten sie den Berg hinunter zum See. An ihnen vorbei strömt das Volk in großen Scharen, wie auf dem Newsky – sie eilen, überholen einander, laufen, laufen und schleifen ihre langen Schwänze nach. Alle laufen sie vom Berg zum See, und am See verwandeln sie sich in Tauben – einer Riesenwolke gleicht diese Taubenschar.

– Die Tauben ließen sich am Wasser nieder und begannen zu trinken, und ich sagte: „Gehen wir auch hin?“ „Ja,“ wurde mir die Antwort, „wir gehen auch hin.“ Einer aber sagte: „Nun ist es bald mit euch zu Ende.“ Schon nähern wir uns immer mehr dem See. Ich räuspere mich, noch immer kann ich die Hostie nicht herunterschlucken! Herrgott, bitte ich, genug schon mich zu quälen. Um mich herum tummeln sich Kinder und ich stürze zu den Kindern, ob sie mich nicht retten wollen: „Schütz mich doch, mein Schutzengel, schützt mich doch, seid mir gnädig!“ Nun ist der ganze See mit Tauben bedeckt, das Wasser ist trübe und schmutzig. Ich steige bis an die Knie ins Wasser. „Jetzt ist dein Ende nah“ vernahm ich eine Stimme, und der, welcher mich geführt hatte, war fort und verschwunden.

So war Akumowna im Jenseits gewesen, so war ihr Passionsweg.

Zum Glück hat sie ein gesundes Herz, über ihren Leib klagt Akumowna oft. Denn sie hat nicht wenig Schweres erlebt – sie war gehörig unter der Fuchtel.

Akumownas Vater war wohlhabend und stand in gutem Ruf. Sie war noch nicht zehn Jahre alt, da starb ihre Mutter. Sie hatte sieben Brüder, alle älter als sie. Sie war ein gesundes Mädchen. Zwar hatte sie als kleines Kind einen Unfall: sie schlief in der Hängewiege und die älteren Geschwister wiegten sie, da rissen die Stricke, die Wiege flog auf die Erde und mit ihr das Kind. Es schrie Tag und Nacht und ließ sich nicht einmal mit der Brust beruhigen, dann wurde es besser und es erholte sich ganz. Sie war ein kluges Kind. Vor dem Tode hatte ihr die Mutter fünfzig Rubel übergeben, in Leinewand eingewickelt. Niemand wußte etwas vom Gelde, nur der Vater allein. Und wenn der Vater es brauchte, da wickelte sie so viel er benötigte aus der Leinwand heraus und gab es ihm. Später gab er’s ihr wieder zurück, sie wickelte es wieder ein und verriet niemand etwas davon. Auch ihre Schwägerin wußte nichts davon. Der Vater lebte mit seiner Schwiegertochter. Die Schwiegertochter liebte sie nicht. Beim Mittagessen nahm sie sie bei der Hand und zerrte sie vom Tisch. Sie quälte das kleine Mädchen sehr. Der Vater lebte mit der Schwiegertochter. Einmal kam ein Vetter; der Vater hatte längst versprochen, ihm Geld zu leihen, jetzt war er gekommen, um es zu holen. Aber der Vater wurde böse und wollte ihm keines geben. Wassilij aber brauchte das Geld sehr, außerdem kränkte es ihn: warum hatte er es erst versprochen! Er weinte und ging fort. Das Mädelchen hörte es – sie war so gut und nicht glücklich – sie holte Wassilij ein und bot ihm von ihrem Geld an, das in der Leinwand eingewickelt war, aber er sollte ihr versprechen, es ihr bald zurückzugeben. Er war natürlich froh: „Möge mein Haus verbrennen, mag ich meine Kinder nicht wiedersehen,“ schwor er. Und sie gab ihm das Geld – genau so viel, Heller bei Heller, wie ihr Vater ihm versprochen hatte. Aber als die Zeit kam, gab er’s ihr nicht zurück. Er habe eben kein Geld, hieß es, sie müsse warten. Sie hätte auch gewartet, auch war es ihr gar nicht um das Geld zu tun, aber was sollte sie dem Vater sagen, wenn er danach fragte! Und grade mußte es kommen, daß der Vater krank wurde: er hatte Bier getrunken, da wurden seine Füße blau und es ging ihm schlecht. Das ganze Dorf wurde zusammengerufen. Auch Wassilij kam, der Vetter. Alle setzten sich um ihn herum und saßen. Da sagte der Vater zum Mädchen, sie solle die Leinwand bringen, worin das Geld war. Sie erschrak, wußte nicht was zu sagen und redete sich heraus: Sie habe den Schlüssel verloren. Verloren? – Schön. Die Schwägerin nahm eine Axt, ging in den Speicher, brach den Koffer auf und holte die Leinwand. Man zählte das Geld und es fehlten zwanzig Rubel. Der Vater sagte zum Mädchen: – Wo ist das Geld? – Sie schwieg. Und nochmals: Wo ist das Geld? – Sie aber schwieg wieder. Und als es ganz schlimm mit ihm wurde, begann er die Kinder zu segnen. Er segnete erst seine Söhne, ihre älteren Brüder, dann kam die Reihe an sie. Sie fing an zu weinen und bat Wassilij leise, er möchte doch das vom Gelde sagen – aber Wassilij der Räuber erwiderte: – Ich weiß von nichts, ich habe dein Geld nicht genommen! – als hätte er in der Tat nie Geld von ihr genommen. Sie weinte nicht mehr; – wenn es einem gar schlimm zumute ist, da weint man nicht, sie sah nur den Vater an, sie sah ihn nur an. Der Vater sagte zu ihr: – Ich segne dich – er hielt inne und überlegte: – sei wie ein rollender Stein um die weite Welt! – dann knirschte er mit den Zähnen und verschied.

„Wie ein rollender Stein um die weite Welt!“ So lautete der Segen ihres Vaters, den Akumowna empfing und der sie offenbar, wie Akumowna annahm, zum Herumirren in der weiten Welt bestimmte.

Sie hielt es darauf keine sechs Wochen mehr zu Hause aus, und lebte dann in einem Gemüsegarten. Zu Lebzeiten des Vaters, ob es schlecht oder gut ging, hieß es dulden; als aber der Vater starb, da ward die Schwägerin grimmiger als eine Bestie, sie verfolgte sie und fraß sie auf. Am sechsten Tag nach dem Froltage nahm die Herrin von Turij-Rog, Frau Bujanowa die Akumowna zu sich aufs Gut, ins Haus. Das Bujanowsche Gut Turij-Rog lag sechs Werst von Ssosna-Gora entfernt.

Auf dem Gut hatte sie es sehr schön. Die Herrin Bujanowa gewann sie lieb. Sie war nur ein wenig älter als Akumowna: Akumowna war damals dreizehn, die Herrin sechzehn Jahre alt. Herr Bujanow selbst war nicht mehr jung und hätte gut der Großvater der beiden sein können. Er reiste oft in Geschäften in die Stadt und war auch zu Hause viel beschäftigt: er besaß viel Land, viel Wald und See, – er war ein tüchtiger Wirt und liebte sein Gut: der Hanf in Turij-Rog stand so dicht, daß ein Mensch nicht durch konnte, und die Hühner weideten auf den Feldern wie Schafe! Die Herrin aber war immer allein mit Akumowna, wie mit einem lieben Schwesterchen. Sie nahm sie überall mit, ins Feld, in den Wald, in das junge Gehölz, um Pilze und in den dunkeln Wald, um Beeren zu suchen. Im dunkeln Wald, in den Lichtungen, in der Sonne da stehen die Beeren so rot, daß es eine Freude ist, sie zu pflücken. Sie pflückten Nüsse, sammelten Eicheln zum Kaffee, oder die Herrin legte sich unter eine Kiefer und schickte Akumowna Blumen zu holen. Akumowna kehrte dann mit Blumen zurück – mit vielen verschiedenen blauen Blumen – und wand einen Kranz, die Herrin aber lag unter der Kiefer und weinte. Akumowna schmückte sie mit den blauen Blumen – und küßte sie halbtot; – sie selbst war schwarz, mit blanken, lustigen Augen, ein rotes Band im Zopf – ein Käfer.