Die Schwestern im Kreuz

Part 3

Chapter 33,597 wordsPublic domain

– Ein böser Traum – sagte Akumowna, als Marakulin ihr am Morgen von den nächtlichen Menschen und vom Habichtvogel erzählte, – man hat ihn nur vor einer Krankheit. Sie werden ganz bestimmt krank werden.

Die Krankheit aber hatte sich seiner schon bemächtigt, er war ganz zerbrochen, ganz aufgelöst, der Kopf hing ihm herab, er war krank: am Morgen vermochte er kaum ein Glas Tee auszutrinken und der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Draußen war eine Hochsommerhitze und ihn schüttelte der Frost wie im Januar.

Die göttliche Akumowna – im Burkowschen Hof wurde Akumowna die göttliche genannt –, die gute Seele, brachte Marakulin zu Bett, gab ihm Himbeertee zu trinken und legte ihm Senfpflaster auf; sie pflegte ihn Tag und Nacht, und pflegte ihn gesund. Die Krankheit ließ ihn los und verließ ihn. Doch hatte er an die zwei Wochen gelegen.

Das erste, was er empfand, als er nach der Krankheit die Hausschwelle überschritt und sich auf der Straße befand, war – daß er jetzt alles zu sehen und zu hören anfing. Und er fühlte, wie sein Herz sich auftat und seine Seele lebte.

Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt er selbst zu sein; der andre muß töten, um durch den Mord seine Seele aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; er aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der Person, der sie zukam, – um seine Seele zu erschließen und in der Welt zu sein, und zwar nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.

So sprach es in Marakulin am ersten Tag seiner Genesung, so fand er ein Schlupfloch, um wieder in die Welt hineinzuschlüpfen, so bewies er sich sein Recht zum Dasein: nur sehen, nur hören, nur fühlen.

Er hatte keine Angst mehr vor den Menschen, sie schreckten ihn nicht mehr. Und es war ihm jetzt eigentlich ganz gleichgültig, ob er ein Dieb war oder nicht. Er fürchtete sich auch vor gar keinem Unglück mehr. Und wenn, dachte er, noch tausendmal soviel Ungemach ihn heimsuchen sollte, so war er zu allem bereit, mit allem einverstanden, alles wollte er hinnehmen und erdulden und in jeglicher Schmach leben, in jeglicher Erniedrigung, alles sehend, alles hörend, alles fühlend. – Warum? Das wußte er selber nicht, nur, daß er leben wollte.

Geschah dies dem Ungemach und dem einäugigen Bösen zum Trotz, dem überall ein Fest gerichtet ist, wo man sich grämt und weint – er hat nämlich das Ungemach ausgehungert und läßt es hungrig um die Erde streifen, und er selbst, der Einäugige, blickt mit seinem unterlaufenen Auge scheel aus den Wolken von der Höhe des Himmels herab, wie die Erde vor Kummer, Gram, Not, Trauer, Leid, Bosheit und Haß sich wälzt und wie Murka klagt, und duldet es vielleicht nur bis zu einer gewissen Zeit, oder betrachtet er es mit Wohlgefallen –?

Oder geschah es dem Kummer und seinem Hohn zum Trotz, dem mageren, dünnen, zusammengeschrumpften, von Weiden umgürteten, mit Bast umwickelten, – diesem, wie der alte Gwosdjow, zerzausten Kummer, mit seinen geheuchelten Tränen, die er vergießt, wenn er einen in die Grube hinabstößt und dazu „Ecce homo!“ ruft? Oder erkannte er in Murkas Miauen, in Murkas Bestimmung zu klagen, eine höhere Gerechtigkeit, eine Strafe für Murkas Erbsünde, die nicht gesühnt, nicht vertuscht werden kann, wenn sie vielleicht auch ganz geringfügig ist, weil geschrieben steht: Wer das ganze Gesetz befolgt und nur eins übertritt, der ist im ganzen schuldig! und er ergab sich drein mit Furcht und Beben, nachdem er erkannt hat, daß sein Recht eben in der Rechtlosigkeit von Uranbeginn bestand? – Oder war es seine Liebe zum Leben, sein Instinkt zum Leben, die Heiterkeit des Gemüts – das Mark und die Wurzel seines Lebens, die ihm Recht sprachen, als eingeborene Kräfte seiner Seele, und ihm die Fähigkeit verliehen, sich zu finden, sich zu fügen und anzupassen, ohne Worte, ohne Beweise? Oder wird er jetzt einfach nur leben, niemand zum Trotz, niemand zu Leide, weder aus Erkenntnis, noch dank seiner besonderen seelischen Eigenschaften, sondern einfach so – zu gar keinem Zweck, ebenso wie er früher zu keinem Zweck für den Direktor vor den Feiertagen die Berichte abgeschrieben hatte, Tag und Nacht beharrlich einen Buchstaben nach dem anderen malend, die Zeilen wie Perlen aneinanderreihend? – Ist es nicht so?

Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach deutlich in ihm: Zu keinem Zweck – zu gar keinem Zweck, aber du wirst dennoch leben und nur sehen, nur hören, nur fühlen.

Zweites Kapitel

Das Burkowsche Haus stößt an keine fremde Mauer. Ihm seitlich gegenüber liegt das Obuchowsche Krankenhaus. Zwischen dem Haus und dem Krankenhaus befinden sich zwei Höfe: Burkows Hof und der Hof der Belgischen Gesellschaft. Die Fabrik der Gesellschaft liegt rechts, – sie hat vier Ziegelschlote mit Blitzableitern; sie qualmen den ganzen Tag und erfüllen die Fensterrahmen mit schwarzem Ruß. Ueber diesen Ruß beklagt sich Akumowna so oft sie vor den Feiertagen die Zimmer reinigt, aber sie schreibt die Schuld daran nicht den belgischen Schloten zu, sondern der riesigen elektrischen Milchglaskugel, die den ganzen belgischen Hof beleuchtet.

Der Mond blickt manchmal in die Fenster hinein, die Sonne aber ist nie zu sehen, nur im Hochsommer glüht Marakulins Zimmer wie eine heiße Pfanne: die Strahlen dringen herein zusammen mit dem Staub und jenem lästigen Hämmern von Eisen gegen Stein, das dem sich erneuernden und aufputzenden Petersburg im Sommer eigen ist. Auch die Sterne sind hier wenig zu sehen, mit Ausnahme des Abendsterns, und auch dieser ist nur im Frühjahr sichtbar, in später, nicht sehr dunkler Mitternacht; dafür aber glänzt das Licht im Obuchowschen Krankenhaus wie ein Stern.

Wenn im Hof der Belgischen Gesellschaft schwarze Männer erscheinen und wie Zuchthäusler einen schwarzen Karten mit Steinkohle nach dem andern von der Fontanka hereinfahren, und der Hof sich im Laufe der Tage in einen schwarzen Berg verwandelt, dann bedeutet es, daß der Sommer vorüber ist und daß der Winter, der Herbst naht. Wenn aber der Berg abzunehmen beginnt und wie Schnee schmelzend zergeht, wenn die schwarzen Männer wieder mit schwarzen Karren erscheinen und klirrend die letzten Stücke wegfahren; wenn in dem mit grauem Sandbestreuten Hof weiße Zelte sich erheben, kurzgeschorene, erdfahle Menschen in grauen Krankenhauskitteln herumzuschleichen beginnen und die roten Kreuze der Schwestern leuchten, dann bedeutet es, daß der Winter vorüber ist und daß der Sommer – der Frühling da ist.

Burkows Haus ist wie Petersburg selbst.

Der herrschaftliche Teil des Hauses liegt nach der Seitengasse mit der Kaserne – in ihm sind lauter teure Wohnungen. Hier wohnt der Eigentümer Burkow selbst – ein ehemaliger Gouverneur: seine Uniform strahlt wie elektrisches Licht und sein Vorzimmer ist voller Epauletten und blanker Knöpfe. Eine Etage höher wohnt der Rechtsanwalt Amsterdamskij – er nimmt zwei Wohnungen ein. Noch höher wohnen Oschurkows – ein Ehepaar nur – in zehn Zimmern; alle zehn Zimmer sind voll von Nippes, auch ein Aquarium mit Goldfischchen haben sie; die Dienstboten wechseln jeden Tag. Der Nachbar der Oschurkows ist ein Deutscher, der Doktor der Medizin Wittenstaube, der alle Krankheiten mit Röntgenstrahlen heilt. Ueber Oschurkows und Wittenstaube wohnt die Generalin Cholmogorowa, oder die Laus, wie sie im Hof genannt wird. Ueber der Generalin wohnt niemand; unter Burkow befindet sich noch ein Kontor und an der Ecke eine Bäckerei.

Burkow selbst wurde nie von jemand gesehen. Es gingen seltsame Gerüchte um von seiner eigenartigen Selbstvernichtung: während er Gouverneur in Purchowez war und dort den Aufruhr unterdrückte, soll er dermaßen außer sich geraten sein, daß er unter anderen Akten auch eine von ihm selbst verfaßte Meldung an das Ministerium über seine eigene völlige Unfähigkeit unterschrieb, worauf er glücklich, aber ihm völlig überraschend nach Petersburg berufen wurde, wo er seinen Abschied erhielt.

Die Generalin Cholmogorowa dagegen konnte ein jeder sehen, und alle wußten, daß allein die Zinsen ihres Kapitals bis zu ihrem Tode reichten, und leben könnte sie noch ein halbes Jahrhundert: kräftig und lebhaft würde sie alle überleben, oder wie der Chiromant sich ausdrückte: es ist ihrem Leben kein Ende abzusehen! Man wußte auch von der Generalin, daß sie jeden Dienstag ins Dampfbad gehe und so abgehärtet sei, daß sie überhaupt nicht altere, sondern immer im gleichen Zustand verharre. Weiter wußte man, Gott weiß woher, daß sie nichts in ihrem Leben zu bereuen habe; sie hat weder getötet noch gestohlen, und wird weder töten noch stehlen, denn sie tut nichts, als sich ernähren – sie trinkt und ißt – sie verdaut und härtet sich ab. Sonst nichts. Endlich wußte man, daß sie das Haus nie anders als mit einem Klappstuhl verlasse; diesen nehme sie als eine Art Waffe mit, falls sie überfallen werden sollte, – und so kann man sie mit dem Stuhl täglich auf der Fontanka der Motion wegen promenierend antreffen, an Samstagen und Sonntagen, vor den Festen und an den Festtagen selbst dagegen auf dem Sagorodny-Prospekt, wo sie entweder zur Kirche geht oder aus der Kirche kommt.

Jeden Mittag Schlag Zwölf erscheint auf dem Hof das Burkowsche Hausmädchen Susanna, das schon mehr wie ein Fräulein aussieht – wie eine Stenotypistin aus irgendeinem Bureau – und führt den schönen Hund des Gouverneurs, den rothaarigen Revisor über den Hof spazieren, wobei sie kaum die lästige Stahlkette festhält. Jeden Mittwoch werden die Teppiche in den Hof hinuntergebracht und vor den Feiertagen auch die Polstermöbel, und die Teppichklopfer bearbeiten sie und klopfen so eifrig und mit solchem Gedonner, daß es sich anhört, als würde auf der Newa aus Kanonen geschossen; das bedeutet: ein Attentat oder eine Ueberschwemmung. Alle diese Teppiche und Möbel stammen aus dem herrschaftlichen Teil des Hauses – aus den reichen Wohnungen der Burkows, Amsterdamskijs, Oschurkows, Wittenstaubes und der Generalin Cholmogorowa.

Im Hinterhaus sind lauter kleine Wohnungen, und die Einwohner sind mittlere, zumeist aber kleine Leute. Hier befinden sich Schuster und Schneider, Bäcker, Bademeister, Friseure, eine Waschanstalt, zwei Weißnäherinnen, drei Schneiderinnen, eine Krankenschwester aus dem Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher, Bürstenmacher, Buchhalter, Wasserleitungsarbeiter, Setzer und allerlei Mechaniker, Techniker und elektrische Monteure mit ihren Familien und ihren Lumpen, Flaschen, Gläsern und Schwaben; hier sind auch allerlei Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmamsells, Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen; hier befinden sich auch „die Winkel“.

Der Inhaber der Winkel, der Händler Gorbatschow, der Schweigsame – so wurde er im ganzen Hof genannt – ein stämmiger, haariger, angegrauter, betfrommer Mann, der allsonnabendlich alle seine dreißig Winkel mit Weihrauch ausräuchert, besitzt auf dem Marsfeld drei Stände. Zu den Feiertagen tummeln sich bei Gorbatschow Mädchen in schwarzen Tüchern und Nonnen-Geldsammlerinnen in Schaftstiefeln, und zu Ostern legen alle diese Töchter des Gesanges lustig und keck: Christ ist auferstanden! bei ihm los. Gorbatschow ist allen bekannt und wenig beliebt; er kann Kinder nicht ausstehen. Die Generalin Cholmogorowa kann, wie man sagt, ebenfalls Kinder nicht ausstehen, aber sie selbst hat nie welche gehabt; Gorbatschow dagegen hatte ein Töchterchen gehabt, das er aber so lange in einer leeren Kammer voller Ratten eingesperrt hielt und so lange mißhandelte, bis er es ins Jenseits befördert hatte. Die kleinen Kinder ärgern Gorbatschow, geben ihm allerlei Spitznamen, verfolgen ihn in wilden Scharen, spotten über seinen Weihrauch und über seine mit Pferdehaaren bewachsene Nase, und davon ertönt der Hof von so kräftigen, geflügelten Worten, von einer so auserlesenen saftigen russischen Sprache, wie man sie kaum im Gefängnis zu hören bekommt; und das Gefängnis ist doch sozusagen ihre Akademie.

– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe ist nah, ich werde euch alle, ihr Lumpen, auf einem Stricklein aufhängen! – brummt der gekränkte, von den Kindern gequälte alte Schweiger und schnuppert mit seiner von Pferdehaaren bewachsenen Gorbatschowschen Nase, während er an den Sonnabenden alle seine dreißig Winkel beweihräuchert, böse und bitter das Göttliche mit dem Ungebührlichen durcheinandermengend.

Die Gorbatschowschen Winkel sind allbekannt. Hier wohnt die Alte, die an der Badeanstalt Sonnenblumen- und Kürbissamen, Johannisbrot, Zuckerplätzchen in rosa Papierchen mit Fransen, Heringe und eingelegte Birnen feilbietet; stellenlose Köchinnen wohnen hier und sonst allerlei Volk, von der Art des ruhelosen alten Gwosdjow: ein Maler, ein Tischler und allerlei fliegende Händler.

Die Stände der Händler, ihre Kästen, befinden sich an der hölzernen Ueberwölbung der Müllgrube und auf dem Müllkasten andererseits. Am frühen Morgen, wenn die Hausmeister den Hof säubern und fegen, da kocht es bei den Händlern vor Arbeit auf den Ständen: die Aepfel, Apfelsinen, getrocknete Aprikosen, Pflaumen, Datteln und andere Süßigkeiten und Näschereien, alles wird vorsichtig immer wieder verlockend zurechtgelegt, aufgefrischt und erneuert. Dann wird es an der Fontanka herumgetragen und sieht so verlockend, so schmackhaft aus, daß es über die Kraft geht, sich zu versagen, wenigstens etwas davon zum Tee zu kaufen: eine Dattel oder eine Tafel Schokolade, die nach Mistpilzen riecht.

Und so wie die Gorbatschowschen Winkel nie leer stehen, so sind auch die Stände dieser Händler, ihre Kästen stets voll von den verlockendsten Süßigkeiten und Näschereien.

Neben den Winkeln befindet sich die Hausmeisterwohnung. Es sind ihrer sieben Hausmeister. Alle sehen sie so gesund aus, und alle sind sie irgendwie krank; – wenn sich zum Spaß wenigstens ein gesunder unter ihnen fände! Der Beruf eines Hausmeisters ist auch gar nicht so einfach: er muß aufpassen und Holz tragen und Leute auf die Wache schleppen, – und alles muß flink geschehen. Ihr einziger Vorteil ist der Verkauf von Brennholz. Nur der herrschaftliche Teil des Hauses bezieht das Holz vom Wirt; im Hinterhaus aber wohnen nur kleine Leute, die ihr Holz selber kaufen, und deshalb treiben durchweg alle sieben Hausmeister einen schwunghaften Handel mit Holz.

Ueber der Portierloge wohnt der Oberhausmeister Michail Pawlowitsch, der seiner Stattlichkeit nach besser in die Newskaja Lawra[1] passen würde – auch in diesem Kloster würde er nicht zu den letzten zählen; – als Feiertagsgeschenk nimmt er nicht weniger als einen Rubel an. Ueber Michail Pawlowitsch wohnen der Paßaufseher Jerkin und der Kontorist Stanislaus.

Jerkin ist im ganzen Burkowschen Hof in Beziehung auf Trinken als der erste bekannt. Und in den Feiertagen kann es vorkommen, daß er, nachdem er die fünfte Etage erklettert, an einer Tür geklingelt und mit Mühe hervorgestammelt hat, er sei um seinen Feiertagsobolus gekommen, wie tot auf dem Platz liegen bleibt. Einmal, war es Weihnachten oder Ostern, da war er die ganze Treppe hinuntergekollert, von Stufe zu Stufe – „er liebt mich, er liebt mich nicht“ – und hatte sich dermaßen an den Fliesen zerschunden, daß man ihn kaum erkennen konnte. Nach Neujahr, am Tage der heiligen drei Könige, brachte ihn Antonina Ignatjewna, Michail Pawlowitschs Gattin, eine gottesfürchtige Frau, zum Mönch am Hafen, um ihn wieder auf den guten Weg zu bekehren. Er ließ sich auch bekehren: er legte vor dem Bruder ein Gelübde ab, – schriftlich – daß er ein ganzes Jahr nicht mehr trinken würde, bis zum nächsten Neujahr. Jerkin handelt mit Marken aus dem Krankenhaus, und diese Marken, meist im Werte eines Rubels, sind für ihn dasselbe, was das Holz für einen Burkowschen Hausmeister ist.

Jerkins Hausgenosse, der Kontorist Stanislaus, ist ebenso wie sein Freund, der Monteur Kasimir, von jeher dadurch bekannt, daß er sich nachts auf allen Treppen herumtreibt und daß keine Köchin, kein Hausmädchen ihm widerstehen kann; ein solcher Fall soll noch nicht vorgekommen sein, und kein Gardesoldat kommt ihm darin gleich.

Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Unfälle, Begebenheiten, Skandale, Raufereien, Schlägereien, Hilferufe und Polizeiwache – bald ist es, als schreie ein Mensch, bald, als miaue eine Katze oder als würde jemand gewürgt. Und so jeden Tag.

Burkows Haus ist eine richtige Wjasma[2].

Die Wohnung Adonja Iwoilowna Jurawljowas, der Wirtin Marakulins, ist im Hinterhaus gelegen und trägt die Nummer neunundsiebzig.

Auf Nummer achtundsiebzig wohnt die Hebamme Lebedjowa. Bei der Hebamme wurde am Advent ein Pelzmantel gestohlen, und der Dieb war nicht zu finden, als wäre der Pelz im Ofen verbrannt. Man warf dem Schweizer Nikanor vor, daß er nicht aufgepaßt hätte, – aber wie konnte er aufpassen, wenn er den ganzen Tag auf den Beinen sein muß und nachts herausgeklingelt wird, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, ein Hausgenosse, – aber es war nichts zu machen.

Auf Nummer siebenundsiebzig wohnten eine Zeitlang zwei Studenten – Scheweljow und Chabarow. Dem Aussehen nach waren sie wohlhabend; sie waren elegant gekleidet und hatten die Miete für einen Monat vorausbezahlt. Sie lebten zurückgezogen, niemand pflegte zu ihnen zu kommen, es gab nie Lärm bei ihnen und sie hatten auch keine eigene Bedienung. Gewöhnlich fuhren sie schon am Morgen fort und kamen erst spät abends heim. Sie befaßten sich damit, Geld für ihre armen Kollegen zu sammeln; so sagten sie bei ihren Besuchen in den Vorder- und Hinterwohnungen des Burkowschen Hauses. Nur durch eins störten sie: sie sangen sehr oft in der Nacht, wenn auch nicht laut, so doch vernehmlich Totenmessen. Diese nächtlichen Totengesänge verursachten den Nachbarn wenn nicht Schrecken, so doch einige Erregung. Aber was geschah? Nach einem Monat stellte sich heraus, daß sie gar keine Studenten waren, auch nicht Scheweljow und Chabarow hießen, sondern Schibanow und Kotschenkow – Diebe vom reinsten Wasser, und ihre Wohnung war, als wäre sie gar nicht bewohnt, leer, nicht einmal ein zerbrochener Stuhl war drin – nichts, nur ein Kerzenstumpf in einer Bierflasche und ein Messinghahn. Und da sie nicht wenig auf dem Kerbholz hatten, wurden sie verhaftet.

An Stelle der Studenten quartierten sich auf Nummer siebenundsiebzig zwei Artisten, die beiden Brüder Damaskin ein: Sergej Alexandrowitsch vom Ballett – er hatte in zwölf Sprachen Examen gemacht und alle Gesetze ausstudiert, wie man im Hof sagte, – und Wassilij Alexandrowitsch, ein Zirkusclown oder der Klon[3], wie es in der Burkowschen Sprache hieß: er spie Feuer und fürchtete nichts und ist schon im Luftballon geflogen. Die neuen Mieter wurden vom Oberhausmeister Michail Pawlowitsch die Artisten genannt, und er war von einem ungewöhnlichen und ihm selbst rätselhaften Respekt vor den Brüdern Damaskin durchdrungen, wie vor einem Mönch aus dem Hafen.

Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, sieht wie eine Teetasse aus, Sergej Alexandrowitsch ist schlank und sauber, wie ein sechzehnjähriges Fräulein; er berührt die Erde kaum beim Gehen und hält sich steil, wie ein dreijähriges Kind; – er geht schnell, seine Schuhchen scheinen keine Absätze zu haben, und jeden Augenblick kontrolliert er sozusagen seine Füße gymnastisch: er beginnt mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den Flügeln. Wassilij Alexandrowitsch ist nur im Zirkus beschäftigt und hat jeden Abend Vorstellung, wie das so ist, Sergej Alexandrowitsch dagegen tanzt im Theater und gibt Stunden bei sich zu Hause und außer dem Hause.

Die Artisten verdienten gut, streuten das Geld aber um sich wie Späne – Sergej Alexandrowitsch spielte Karten und verlor stets – sie kamen aus den Schulden nicht heraus, und manchmal ging’s ihnen an den Kragen.

Sie beide waren nicht älter als Marakulin. Sergej Alexandrowitsch war verheiratet, aber seine Frau hatte ihn verlassen. Und obgleich er sie versicherte, daß die Liebe nur einmal komme – es gebe nur eine Liebe auf der Welt – und, wenn er seinen Schülerinnen den Hof mache, dies eben nur zu den Pflichten seines Berufes gehöre, und wenn er mit einer Schönen spreche, so spreche er mit ihr nur, wie mit einem Menschen, ohne daß sein Herz dabei beteiligt sei, so war seine Frau doch von ihm fortgegangen. Sergej Alexandrowitsch ist sauber, Wassilij Alexandrowitsch das Gegenteil: er braucht jeden Tag ein Fräulein, er kann sonst nicht leben; er ist dabei nicht wählerisch und fürchtet sich vor nichts, dafür aber besucht er, wenn auch nicht oft, die Kirche. Sergej Alexandrowitsch dagegen ist sogar Ostern zu Hause geblieben. Und als Sergej Alexandrowitsch einmal Zahnweh bekam und beschlossen hatte, er müsse sterben, dachte er gar nicht daran, einen Priester rufen zu lassen, vielmehr warnte er die Sklavin – so nannten die Artisten ihre Köchin Kusjmowna – und zwar aufs strengste davor: – Wenn du mir einen Popen holst – rief er in seiner Zahnwehraserei – werfe ich das Aas die Treppe hinab! –

Und er hätt’ es auch gewiß getan: Sergej Alexandrowitsch war ein großer Philosoph.

Marakulin stand mit der Hebamme Lebedjowa nur auf dem Grüßfuß – sie mißfiel ihm: sie sah nur auf die Tasche, war unterwürfig und verstand es mit zwei Stimmen zu sprechen: mit der einen zu denen mit den vollen Taschen und mit der anderen zu denen, die nichts hatten. Bald hörte die Hebamme auf, Marakulins Gruß zu erwidern, und auch er tat, als bemerkte er sie nicht mehr. Mit den Studenten war Marakulin nicht näher bekannt gewesen und nur manchmal an der Treppe mit ihnen zusammengestoßen: er stieg gerade hinauf, als sie herunterliefen; nachts aber war er ein aufmerksamer Hörer der studentischen Totengesänge. Auf den ersten Eindruck gefielen ihm diese Kerle: sie waren so tüchtig und lebenslustig. Mit den Artisten aber hatte er sich angefreundet und besuchte sie: er kam zu ihnen ab und zu abends zum Tee.

Die Artisten waren geistlicher Herkunft und von seminaristischer Bildung; sie waren beide ein paar fidele Hühner, nicht kopfhängerisch – sie sparten kein Streichholz beim Zigarettenrauchen! – Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, war nicht sehr gesprächig, aber einem Gespräch nicht hinderlich; er war gutmütig und lachte viel, häufig auch, wo es gar keinen Anlaß zum Lachen gab, offenbar nach seiner eigenen Clownlinie. Sergej Alexandrowitsch dagegen unterhielt sich gern. Er war auch ein Bücherfreund und las nicht nur humoristische illustrierte Zeitschriften wie etwa „das Petersburger Satirikon,“ nicht nur den berühmten „Andrej, den Schwergeprüften,“ oder „Elsa von Gabron,“ oder „die schrecklichen Geheimnisse des unterirdischen Gewölbes,“ oder „die schrecklichen Abenteuer des Räuberhauptmanns die schwarze Hand,“ oder „die Liebesrendezvous von Beritzky,“ „die Entführung Ludmillas durch den Waldräuber Alexander“ – die Lieblingslektüre des Clowns –, nein, er las die neuesten, sensationellen Bücher, die überall in den Schaufenstern zu sehen sind: bei Ssuworin, bei Wolf, bei Mitjurnikow auf dem Newsky, im Gostiny Dwor, auf der Litejnaja und sogar auf der Gorochowaja, in der einzigen Buchhandlung dieser Straße. Und beim Tee pflegte Sergej Alexandrowitsch auf alle totengräberischen, tendenziösen Betrachtungen Marakulins mit eigenen ausgedehnten Betrachtungen über das Schicksal und das Los verschiedener Länder, Völker und des Menschen überhaupt zu erwidern und schloß gewöhnlich mit der kurzen Bemerkung:

– Man muß alles von sich abschütteln! – dabei flatterte er mit den Füßen wie ein Hahn mit den Flügeln.

Sergej Alexandrowitsch ist ein großer Künstler.