Part 10
Und sie erzählte ihm alles, rückhaltlos. Er hörte milde zu und weinte; – er liebte sie. Ohne daß er im Innern glaubte, daß es sich nie wiederholen würde, daß die Geschehnisse dieser drei Jahre nicht wiederkehren könnten, wollte er es doch glauben, denn er liebte sie.
Ihr ganzes weiteres Leben widmete Jenja ausschließlich ihren Kindern. Gleich im ersten Jahr ihres neuen Lebens war es, als wäre sie plötzlich alt geworden, aber es war nicht Alter, sondern jenes Entsetzen, jene Scham und Qual, die jetzt auf ihrem Gesicht, wie einst die Trauer, sichtbar wurden und es alt machten. Und ihre Augen, die oft wie aufgescheucht waren und die Hände stets wie im Gebet gefaltet, als flehten sie, sie zu schonen und nicht anzurühren, – dies blieb ihr eigen bis an ihr Lebensende. Im Sarg lag sie mit dem Kreuz auf der Stirn: unter der Stirnbinde war es jetzt deutlich zu sehen.
Marakulin war damals zehn Jahre alt, aber er konnte sich noch genau an dieses Kreuz erinnern, an das auf der wachsgelben Stirn unter der weißen Binde sichtbare Kreuz. Und auch jetzt auf der Fahrt nach Moskau dachte er daran, und die Erinnerung an das Kreuz der Mutter war in ihm irgendwie fest und unlösbar mit seinem eigenen goldnen Taufkreuz verbunden, das ihm vor Weihnachten abhanden gekommen war.
Und Trauer überflutete ihn.
* * * * *
Marakulin reiste nach Moskau auf den dringenden Ruf Plotnikows:
Pawel Plotnikow war mit Marakulin zur Schule gegangen, war aber um zwei Klassen jünger. Als Marakulin ihn zum erstenmal sah, gefiel er ihm sehr: es war ein gesunder Knabe, von einer wie Milch und Blut zarten Haut, so daß man Lust bekam, ihn zu streicheln und mit ihm zu scherzen, um ihn lachen zu machen. Im ersten Schuljahr hatte Pawel Plotnikow oft Halsschmerzen, und das weiße Tuch um den Hals machte ihn noch liebenswerter. Marakulin sprach und scherzte oft überaus freundlich mit ihm, Plotnikow aber zeigte eine gewisse Scheu. Erst im nächsten Jahr wurden sie durch einen Zufall einander näher gebracht: Marakulin sang im Chor mit, und auch Plotnikow wurde in den Chor aufgenommen, ebenfalls für die Altstimme. Bei den Gesangproben stand Plotnikow neben Marakulin, und allmählich verlor er seine Scheu vor ihm und schloß sich jetzt enger an Marakulin an, welcher für ihn alles tat, was er nur konnte: er löste schwierige Aufgaben, machte die Uebersetzungen für ihn. Diese rührende und zärtliche Freundschaft dauerte ein Jahr. Darauf war Plotnikow nach den Sommerferien auf einmal so erwachsen, und es war nichts mehr in ihm von dem Jung-Katzen- oder Hundeartigen, das Marakulin so gereizt hatte, ihn wie ein kleines Tier zu streicheln. Marakulin gab sich nun weniger mit ihm ab, unterhielt sich nicht so freundlich mit ihm wie früher, fuhr aber im übrigen fort, alles für ihn zu tun, was er nur konnte. Denn Plotnikow wandte sich oft an ihn, wie an einen ältern, der alles weiß, was er selbst niemals wissen könnte.
Plotnikow kam in der Schule nicht vorwärts. In der fünften Klasse blieb er sitzen und wurde aus der Schule genommen. Er war der einzige Sohn seiner Eltern, dazu der jüngste einer ganzen Reihe von Schwestern, und wurde fürs Geschäft gebraucht. Das Plotnikowsche Geschäft war in der ganzen Taganka[8], ja, in ganz Rußland bekannt. Zu jener Zeit war Plotnikow bereits so dick und groß geworden, daß man bei seinem Anblick sich schwer den kleinen Buben Pascha mit dem weißen Tuch vorstellen konnte, jenen wie kuhwarme Milch frischen Pascha, den man gern streicheln mochte, um ihn lächeln zu machen. Man hätte wohl annehmen sollen, daß jetzt jede Beziehung zwischen den beiden Knaben aufhören müßte, aber dem war nicht so. Plotnikow kam manchmal zu Marakulin, um sich ein Buch zu holen: er bat stets um irgendein Buch zum Lesen, und so schüchtern, als hätte er Angst. Marakulin gab ihm dann ein Buch, worauf er sich längere Zeit nicht sehen ließ. Dann konnte er wieder ganz unerwartet erscheinen, meist zu einer unpassenden Stunde, am frühen Morgen, und oft in so erregtem Zustand, daß es den Eindruck machte, er hätte, nachdem er am vorherigen Abend in einem Bierlokal der Taganka angefangen, die Nacht bis zum Morgen im Restaurant „Ssaratow“ und bei Jar durchgekneipt, sich morgens in einer Fünfkopeken-Badeanstalt gewaschen und wäre von da aus direkt zu Marakulin gekommen, – es fehlte nur der Birkenbesen. Es war in der Tat auch so. Schüchtern gab er das Buch zurück, brachte ebenso schüchtern vor, daß er es nicht habe bewältigen können und ein einfacheres haben möchte. Marakulin gab ihm ein einfacheres Buch, und Plotnikow verschwand wieder für längere Zeit.
In den letzten Schulklassen gab es damals eine zusammengelaufene Bande, die ungefähr das gleiche miteinander verband, was Marakulin späterhin mit Glotow verbunden hatte. Es waren einige Tollköpfe mit einem Gefolge von Nachahmern und sonst Burschen, die sich austoben wollten und aus denen später die tüchtigsten Geschäftsleute und die unbedeutendsten Kommis wurden. Mancher von ihnen ergab sich nachher dem Trunk und endete auf der Ssiworotka. Die Mitglieder dieser Bande waren Stammgäste in einem Bierlokal an der Taganka, auf den Moskauer Boulevards, an den Sonntagen im Sommer auch in Kuskowo, denn die Bewohner der Taganka und der Rogoschskaja ziehen im Sommer nach Kuskowo hinaus. Zu dieser Bande gehörte auch Marakulin. Zuweilen schloß sich ihr auch Plotnikow an.
Plotnikow, der bis zur Besinnungslosigkeit trank, ließ sich einmal in einem sehr leichten Anzug – noch leichter angezogene werden auf die Wache gebracht – auf dem Taganskij-Platz in einen Kampf mit Pferden ein. Wüst und Beschwichtigungen unzugänglich, betrunken bis zum äußersten, konnte er die tollsten Sachen anstellen, ganz wahllos, wie es ihm gerade einfiel, und ließ sich dabei von niemand und von nichts stören. Das war bekannt. Nur für Marakulin machte er eine Ausnahme. In den äußersten Fällen konnte einzig Marakulin den wilden, unantastbaren Plotnikow beschwichtigen und sogar zur Einsicht bringen.
Pawel Plotnikow glich in der Unerschütterlichkeit und unbeschränkten Willkür, zum eignen Spaß die tollsten Streiche auszuführen, ganz seinem Vater Wassilij Pawlowitsch. Wassilij Pawlowitsch Plotnikow aber war in dieser Beziehung der erste auf der Taganka, und seine „Tätigkeit“ wirkte ansteckend: er hatte nicht wenig Nachahmer. Nur daß Wassilij Pawlowitsch, der keine einzige, geschweige denn fünf Klassen absolviert hatte, im Gegensatz zu seinem Sohn niemals wüst wurde und auf den Plätzen weder mit Menschen noch mit Pferden sich in Kämpfe einließ. Er war still und sanft; Branntwein kam nie über seine Lippen. Noch in den letzten Jahren seines Lebens, als Wassilij Pawlowitsch schon alt war, seine Erfindungsgabe ihn verlassen hatte und er selbst sich wohl bewußt war, nicht mehr recht auf der Höhe zu sein, kam er auf den Gedanken, zum Zeitvertreib die Schutzleute zum Trunk zu verführen – er wollte die ganze Polizei buchstäblich kopfstehen machen. Und er führte diese Absicht mit der größten Meisterschaft aus, sein Ziel mit allen Mitteln verfolgend: konnte er es selbst nicht tun, so mußten es seine Leute auf Befehl ausführen. Als Lockmittel diente ein Wagen, ein ganz gewöhnlicher alter Wagen, an dem nichts Besonderes war, nicht einmal ein Wappen; denn den Bewohnern der Taganka kommen Wappen ihrem Stande nach nicht zu. Am Morgen setzte sich also Wassilij Pawlowitsch ans Fenster und fing einen Schutzmann ab, der um diese Zeit zum Polizeirevier zu gehen pflegte. Der Schutzmann wurde dann ins Haus gerufen, irgendeiner Angelegenheit wegen, die es natürlich gar nicht gab, denn man hütete sich sonst mit der Polizei zu tun zu haben, aber eine Kleinigkeit, die zum Vorwand dienen konnte, gab es doch immer. Dabei schlug Wassilij Pawlowitsch dem Schutzmann vor, sich den Wagen anzusehen, und sein Vorschlag klang mehr wie eine Bitte. Der geschmeichelte Schutzmann folgte ihm in den Schuppen, wo schon alles für den Spaß notwendige vorbereitet war. Der Schutzmann wurde erst herausgelassen, wenn er sternhagelvoll nicht mehr auf den Beinen stehen konnte. Am nächsten Tag wiederholte sich die Geschichte und allmählich kam es so weit, daß der Schutzmann alle Würde beiseite ließ und am Morgen von selbst in den Schuppen kam, um sich den Wagen anzusehen. Natürlich wurde er bald aus dem Dienst entlassen, an seine Stelle trat ein andrer, und mit diesem begann die Wagengeschichte von neuem. Der Ruhm Wassilij Pawlowitschs ließ den Fischhändler Barabochin nicht schlafen, und seinem Vorbilde nacheifernd verführte er die Popen zum Trunk. Als Lockmittel diente ihm ein ganz gewöhnlicher Fischbehälter; nicht etwa, daß sich darin irgendwelche ausgefallenen fabelhaften ausländischen Fische mit schwer auszusprechenden Namen befunden hätten, sondern es war ein Behälter mit ganz gewöhnlichen Sterleten ... Der Wagen sowohl wie der Fischbehälter arbeiteten ziemlich lange Zeit mit unerhörtem Erfolg, bis ihre Inhaber des Spaßes überdrüssig wurden. So war Wassilij Pawlowitsch beschaffen, und er ließ in seinem Sohne Pawel einen Erben zurück, der seiner würdig war. Zusammen mit dem Wagen hatte Plotnikow von seinem Vater auch sonst noch allerlei Einfälle zum Zeitvertreib geerbt und hatte dieses Pfund nicht vergraben, sondern weiter damit gewuchert. Es mochte ihm was immer einfallen, so beruhigte er sich nicht, bis er es ausgeführt hatte; es fiel ihm aber manches ein, wovor einem Angst werden konnte. Aber nie hätte er sich etwas erlaubt, das geeignet gewesen wäre, Marakulin zu verletzen – Marakulin war eben eine Ausnahme. Und auch das wußten alle.
Dreimal hatte Plotnikow Marakulin seine warme, freundschaftliche Teilnahme bewiesen: einmal, indem er ihn beschützte, das zweitemal, indem er ihn einrichtete, und das dritte, indem er ihn befreite. Das Beschützen bestand darin, daß Plotnikow Marakulin von Strakunow befreite, indem er Strakunow vor allem Volk und unter Begleitung guter Lehren tüchtig verprügelte. Auf der Taganka trieb sich damals nämlich ein gewisser Ssaschka Strakunow herum, ein Durchschlüpfer: der Teufel mochte wissen, wovon er lebte, er war eben nicht wählerisch. Es gelang ihm, sich in die Bande, die sich in Kuskowo herumtrieb, einzuschleichen und Marakulin zu gefallen. Gott weiß wodurch, denn Marakulin selbst hätte nicht sagen können, was ihn an Strakunow so sehr anzog. Er stammte wohl von Zigeunern ab und schnitt beständig Grimassen, sonst war an ihm nichts Hervorragendes. Dieser Bursche plünderte Marakulin förmlich aus, und alles Geld, das dieser durch Stundengeben verdiente, machte er sich zur Beute. So ging es einen Monat lang. Als Plotnikow dies erfuhr, zögerte er nicht lange und beschützte Marakulin.
Ferner: gleich nach Absolvierung der Schule, fast unmittelbar nach dem Examen, kaum daß er eine Woche die Freiheit genossen hatte, trat Marakulin bereits in das Bureau an der Kusnetzkajabrücke ein – und das war Plotnikows Werk.
Die Sommerabende wurden damals auf den Boulevards verbracht. Einmal lernte Marakulin bei der Donnerstagsmusik in Tschistije-Prudy ein Mädchen namens Polja kennen. Polja, die erst in der Dämmerung auf dem Boulevard zu erscheinen pflegte, wohnte auf der Rogoschka, in der Bahnhofstraße. In Tschistije-Prudy war sie als Polja bekannt, aber Dunajew, der Marakulin mit ihr bekanntgemacht hatte, nannte sie Dunja, auch von Poljanskij wurde sie so genannt. Dunajew und Poljanskij waren seine Schulkollegen, und da sie beide ebenfalls auf der Taganka wohnten, gehörten sie mit zu der Bande. Bald wurde Polja auch für Marakulin zur Dunja. Diese nähere Bekanntschaft kam nicht zustande, weil Marakulin sie so sehr ersehnt hatte, nein, der Grund war ein ganz anderer – purer Blödsinn. Zu Ostern nämlich hatte Marakulin Poljanskij besucht und war in einem gewöhnlichen Gespräch über die Schulkameraden – es war kurz vor den Schlußprüfungen – mit Poljanskij in einen Streit über Dunajew geraten. „Du bist in Dunajew einfach verliebt,“ bemerkte Poljanskij eigentümlich lächelnd, „er sieht wie ein junges Mädchen aus, deshalb nimmst du ihn so in Schutz.“ Marakulin wurde ganz rot und sehr verlegen, weil Poljanskij so lächelte und weil er selbst sich rot werden fühlte: sollte er in der Tat Dunajew deshalb verteidigt haben, weil dieser einem jungen Mädchen glich? – Damit fing es an. Dieser wie ein junges Mädchen aussehende Dunajew, der auf den Boulevards zu Hause war, bot Marakulin an, – sei es als Zeichen seines kameradschaftlichen Dankes, oder „überhaupt so“ – in solchen Angelegenheiten spielt dieses „überhaupt so“ eine wichtige Rolle – ihn mit Polja bekanntzumachen. Marakulin, der Poljanskijs Worte und vor allem die Art, wie er gelächelt hatte, nicht vergessen konnte, stürzte sich auf diese Bekanntschaft: jetzt würde Poljanskij nicht mehr so lächeln. Ein richtiger Knabenunsinn wurde so zum Anlaß! An einem der Donnerstagabende in Tschistije-Prudy kam die Bekanntschaft zustande. Marakulin gefiel dem Mädchen auf den ersten Blick. Gleich in den ersten Tagen, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte, sprach sie es vor Dunajew und Poljanskij ganz geradezu aus. Und als sie einmal nachts im Bahnhofgäßchen Marakulin aus ihrem Zimmer hinunterbegleitete, lief sie flink die Treppe voraus, um die Tür aufzuschließen, versperrte Marakulin den Weg, umarmte ihn fest – ihre Arme wurden dabei plötzlich ganz kindlich-zart – und steckte ihm ein Tuch, in dem die Anfangsbuchstaben seines Namens in Kreuzstich eingestickt waren, ein seidenes, duftendes Tüchlein, in die Tasche. Es duftete aber nicht nach dem Parfüm, das sie sonst brauchte, wenn sie in der Dämmerung auf den Boulevard ging, sondern nach einem anderen. Seit jener Nacht aber trieb es ihn immer mehr von ihr fort, und je mehr sich Dunja an ihn hing, desto mehr entfernte es ihn von ihr. Gegen Ende des Sommers wurde ihm ihre Betulichkeit und ihr Auflauern ganz unerträglich: er konnte sich nirgends mehr vor ihr verstecken. Sie hatte sich vom Boulevardleben zurückgezogen, putzte sich nur für ihn, parfümierte sich für ihn mit jenem anderen Parfüm. Dies war für sie ein Opfer: denn es ist für eine, die von der Straße lebt, ganz unmöglich, Geld für Putz auszugeben, wenn sie nichts verdient. Und sie hätte auch jetzt noch, so wie sie war, vorwärts kommen können, wenn sie gewollt hätte: es war etwas Ungewöhnliches an ihr. Ihre Boulevardfreundinnen behaupteten es, auch Dunajew und Poljanskij waren dieser Meinung. Auch Marakulin wußte es – ihre Arme waren damals in der Nacht plötzlich so kindlich-zart geworden – doch was sollte er tun? Ihr Tuch, das er nie aus der Tasche nahm und das er gewiß vergessen hätte, wenn er es nicht immerzu hätte fühlen müssen, dieses Tuch mit seinen in Kreuzstich gestickten Anfangsbuchstaben, das kleine seidne Tüchlein, zog ihn wie etwas Schweres hinunter, als wäre es aus Blei und nicht aus Seide, und es blieb ihm nichts übrig, als entweder es zu verbrennen oder in den Moskaufluß zu werfen. Er warf es in die Moskau. – Es war Ende August, an einem der letzten Kuskowschen Feste: die Bewohner der Taganka und der Rogoschskaja waren im Begriff heimzukehren, – es war der letzte Sonntagabend, kalt und klar gestirnt. Das Theater war bereits aus und der Bahnhof voller Menschen. Auf dem Perron spazierte Dunja. Da trat Marakulin auf sie zu und überschüttete sie mit der ganzen in ihm aufgesammelten, lange zurückgehaltenen und jetzt plötzlich aufkochenden Wut, ohne eine Erwiderung abzuwarten, ohne ihr nur Zeit zum Erwidern zu lassen. Auf einmal brach er ab und ließ sie stehen. Er glaubte jetzt alles ausgerichtet zu haben: jetzt war er sie los, war er mit ihr fertig. Und mehr wollte er ja nicht! Zu Dunja gesellte sich darauf Poljanskij und ging mit ihr auf dem Perron auf und ab. Als sie an Marakulin vorbeikamen, flüsterte Poljanskij ihm etwas zu, aber so leise, daß er die Worte nicht verstehen konnte, nur das Lächeln bemerkte er, das gleiche Lächeln, wie damals zu Ostern. Als dann Marakulin die beiden von ferne – am anderen Ende des Perrons – wieder erblickte, empfand er einen brennenden Vorwurf. Je näher sie kamen, desto brennender wurde der Vorwurf und die Scham in ihm. Und als sie wieder ganz nah an ihm vorüberging – er stand ganz allein und für sich – und er sie von Angesicht zu Angesicht sah – da konnte er dies brennende Gefühl des Vorwurfs und der Scham nicht mehr ertragen: er warf sich ihr zu Füßen und verneigte sich tief bis zur Erde. Da geschah lautlos offenbar etwas Unheimliches: denn die Menge stob plötzlich nach allen Richtungen auseinander. In dem Moment nämlich, da sich Marakulin verneigte, fuhr der Zug ein, der Bahnhof erdröhnte, der Wind pfiff, – und als er sich erhob, sah er, daß ein Polizist, vielleicht war es auch ein Polizeileutnant, Dunja beim Arm fortschleppte. Marakulin begann zu zittern, begriff nichts, und einzig das scharfe Pfeifen des Windes in den Ohren, versetzte er dem Polizeileutnant einen Schlag. Es war aber so, daß der Reviervorsteher Dunja gar nicht arretieren wollte, vielmehr konnte er sie gerade noch zurückreißen, bevor der Zug sie erfaßte und zermalmt hätte. Dies erfuhr Marakulin aber, als es schon zu spät war. Am nächsten Abend erschien Plotnikow plötzlich im Polizeirevier auf der Taganka, wohin Marakulin aus Kuskowo gebracht worden war, und teilte ihm schüchtern mit: man würde ihn morgen früh freilassen. In der Tat wurde Marakulin am nächsten Morgen ohne weitere Folgen entlassen. So hatte ihn Plotnikow damals aus dem Gefängnis befreit. Das war auch Marakulins letztes Zusammentreffen mit ihm gewesen.
Alle diese Moskauer Erlebnisse stiegen bis ins kleinste in seiner Erinnerung auf und ließen Marakulin die ganze Nacht nicht schlafen. Erst ganz nah vor Moskau schlummerte er ein und hatte einen seltsamen Traum.
Er träumte, Pawel Plotnikow trete zu ihm und spreche schüchtern:
– Das beste, rationellste und psychologischste für dein Leben wäre, dir den Kopf abzuschneiden.
Marakulin aber antwortete:
– Wie soll ich dann ohne Kopf leben, es ist ja schrecklich ohne Kopf!
– Was ist aber zu machen! – erwiderte Plotnikow und redete ihm zu: es würde gar nicht weh tun und ihm höchstens seltsam und sonderbar vorkommen. Und obwohl er ihm auf seine Art schüchtern zuredete, so ließ er doch keinen Widerspruch gelten.
– Nun, so schneide ab! – willigte Marakulin ein.
Da nahm Plotnikow ein Rasiermesser und machte sich ans Abschneiden. Es tat wirklich nicht weh, und bald hing der Kopf nur noch wie an einem Faden nach hinten.
– Noch eine kleine entscheidende Bewegung und der Kopf ist abgeschnitten – sagte Plotnikow und arbeitete mit dem Rasiermesser.
Und der Kopf fällt zu Boden.
Aber auch ohne Kopf sieht Marakulin alles: er sieht, wie der Kopf herunterfällt, auf dem Fußboden rollt und verschwindet, und gleichzeitig schießt aus dem Hals das Blut in einem großen Strahl in die Höhe bis zur Decke – dickes, kirschrotes Blut. Der ganze Boden ist überflutet, und auch er ist ganz mit Blut bedeckt. Dann wird die kirschrote Blutfontäne schwächer, immer schwächer, und bald spritzt das Blut nicht mehr, es versiegt, und nur ein kleines Bächlein rinnt über die Weste zu Boden. Marakulin tritt zum Spiegel: seltsam und sonderbar kommt er sich ohne Kopf vor, – es ragt nur noch der blutige Hals.
– Wie soll ich nun ohne Kopf leben? – Er spuckte aus und erwachte.
Der Traum war ahnungsvoll: seltsam und sonderbar war auch, was dann geschah.
Bei Plotnikow wurde Marakulin schon erwartet. Der alte Arbeiter Fomitsch führte ihn gleich zu seinem Herrn ins Arbeitszimmer. Das Zimmer war in zwei Hälften geteilt. In der einen Abteilung befanden sich Kopien nach Nesterowschen Heiligenbildern, in der anderen zwei Käfige mit Affen. Zwischen dem heiligen Rußland und den Affen saß Plotnikow vom Delirium des Säufers übermannt. Er war ganz mit Honig beschmiert und von der quälenden Trauer eines Einsiedlers umdüstert. Auf dem Tisch standen geleerte Flaschen herum, ebenso unter dem heiligen Rußland und vor dem Affenkäfig.
Er habe keinen Kopf mehr, klagte Plotnikow, sein Mund sei ihm im Rücken, die Augen in den Schultern. In den Weihnachtstagen habe er sich auf den Honig gestürzt und ihn samt den Waben verzehrt. Er habe zuviel davon gegessen und infolgedessen hätten sich Bienen in ihm eingenistet, ein ganzer Bienenstock. Jetzt sei er ein Bienenstock und fürchte sich sehr, – Alle seien ja auf das Süße so erpicht – er fürchte, daß man alle seine Bienen umbringen, den Bienenstock zerstören und ihn auffressen würde! Im Sommer aber, sobald die erste Fliege auftauchen werde, wolle er sich mit der Ausbeutung der Fliege als einer motorischen Kraft befassen. Er werde ganz Rußland in Abteilungen einteilen, mit je einem Fliegenstatthalter in jeder Provinz. Die Statthalter, mit der Vollmacht von Generalgouverneuren ausgerüstet, werden die Fliegenlese überwachen und sie in automatischer Packung in ganz besonders gepanzerten Automobilen von allen Ecken Rußlands gradewegs nach Moskau, nach der Taganka befördern. Die russische Fliege werde den Dampf und die Elektrizität besiegen, Rußland werde England und Amerika zu Staub zermalmen. Er habe keinen Kopf, sein Mund sei im Rücken, die Augen in den Schultern. Er sei ein Bienenstock. Die russische Sprache verstehe er nicht und könne auch nicht Russisch sprechen.
– Ich brauche deinen Elephanten nicht! – schrie Plotnikow, indem er Marakulin mit seinen betrunkenen Augen von oben bis unten hochmütig ansah, und schimpfte in so echt russischen Wendungen, ließ solche Blasen steigen, daß ihm vor der Klangfülle und Kernigkeit der Muttersprache die Augen aus den Höhlen traten.
Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen und begriff nichts: weder das von dem sonderbaren russischen Fliegenmotor, noch vom Bienenstock und Elephanten, und es war ihm seltsam und sonderbar zumute. Sein Schweigen aber begann Plotnikow offenbar zu reizen. Er war nicht mehr in dem reuig-traurigen Zustand eines Einsiedlers, sondern er schnaubte.
Die russische Sprache verstehe er nicht und Russisch könne er nicht sprechen. Mit Hilfe der arktischen Flotte werde Rußland, nachdem es Europa zermalmt, über Lappland zum Pol ziehen und nicht bloß den Pol erobern, wo die Fische mit angebratenen Schwänzen leben, sondern alles, was sich hinter dem Pol befindet, den unbekannten Wohnsitz von Gog und Magog – und dieses unbekannte Gog und Magog werde Landia genannt werden, das heißt: das Land. Von dort aus, von dieser hinterpolaren Landia aus, werde Rußland, das heißt er, Pawel Plotnikow, die unentgeltliche, allrussische Fliegenkraft als Motor benutzend, die Erdkugel automatisch regieren und sie nach Gutdünken bald rechts, bald links rotieren lassen, sie bald aufhalten und bald wieder in Bewegung setzen.
– Du Schuft! – rief Plotnikow plötzlich, – deine Elephanten sind zerdrückt, ich sage dir, ich kaufe keine zerdrückten Elephanten!
Er ergriff eine Flasche vom Tisch, erhob sich, rot, zerzaust, mit Honig beschmiert, den Mund wie einen Rachen weit aufgesperrt und holte zielend mit der Flasche aus.
Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen. Er begriff nichts, weder das von der arktischen Flotte, noch von Gog und Magog, noch von der Landia und vom Rotierenlassen der Erdkugel nach Belieben, – und es war ihm seltsam und sonderbar zumute.
Plötzlich aber glitt die Flasche fast schüchtern zu Boden, und ein rasender tierischer Schrei, erschütternder als jeder Hilferuf, ertönte so gewaltig, daß die Wände fast barsten, das heilige Rußland zu wanken begann und die Affen in ihren Käfigen zurückscheuten. Es stöhnte in den Winkeln des Raumes und dröhnte durchs ganze Haus:
Plotnikow, der sich in seiner bösen Trinkerperiode befand, ohne Kopf, mit dem Mund auf dem Rücken und den Augen in den Schultern, Plotnikow, der Bienenstock, der kein Wort Russisch verstand und nicht Russisch sprach – hatte Marakulin plötzlich erkannt.
– Petruscha, Schuft aller Schufte! – schrie er. Er blieb stecken, drehte den Kopf wie einen Rüssel, stampfte vor Marakulin hin und her und spreizte die behaarten Hände wie Fangarme; dabei rüttelte und schüttelte es ihn, wie ein arktisches Panzerschiff: – Petruschka, du Schuft! –