Die Schwestern im Kreuz

Part 11

Chapter 113,687 wordsPublic domain

Er wankte zum Sofa, schlug mit seinem bepanzerten, Gog und Magog ähnlichen urtümlichen Plotnikowschen Körper auf den Boden zwischen dem heiligen Rußland und den Affen hin und begann wie ein Bienenstock zu dröhnen.

Zwei junge Männer, die an der Tür Wache hielten, faßten Marakulin unter die Arme und trugen ihn wie eine kostbare Truhe aus dem Arbeitszimmer in den Salon. Ihm entgegen kam auf einen Stock gestützt eine magere alte Frau, die Mutter Plotnikows, Eudokia Andrejewna in eigener Person.

– Du hast ihn gesund gemacht! – Die Alte konnte vor Erregung kaum sprechen, und nachdem sie auf altrussische Art ein großes Kreuz geschlagen, ließ sie den Stock fallen und verneigte sich vor Marakulin tief bis zur Erde. Einige dunkelgekleidete alte Frauen stürzten aus den Ecken hinzu, um ihr zu helfen, aber sie wollte nicht aufstehen. Erst Marakulin gelang es, die Alte zu beruhigen.

Achtundvierzig Stunden schlief Plotnikow, wie ein Bienenstock dröhnend. Es herrschte eine Stille, als wäre außer ihm, außer dem Bienenstock keine lebendige Seele im Hause. Diese ganzen zwei Tage ließ man Marakulin nicht aus dem Hause: er wurde gepflegt, gefüttert, aber seine Tür wurde verschlossen gehalten.

Man unterhielt sich über den unseligen Pascha[9], über sein Unglück: er habe sich mit Honig beschmiert und seitdem aufgehört, die Menschen zu erkennen, selbst seine Mutter hielt er für einen gehörnten Elephanten, für ein zerdrücktes Tier, und habe Fomitsch befohlen, sie zu erschießen. Er habe dann in seinem unglückseligen Delirium jammervoll nach Marakulin gerufen, so jammervoll, wie eine Katze, der man die Jungen entrissen.

– Da erinnerte ich mich – erzählte Eudokia Andrejewna, – daß Pascha, als er anfing, sich ans Geschäft zu gewöhnen, oftmals ein Buch mitbrachte. Bei Petruscha, bei Peter Alexejewitsch war er, hieß es, und habe das Glück mitgebracht. Er glaubt an dich von Kindheit an. Und so dachte ich: der einzige Retter vor seiner grausamen Krankheit und vor seinem Unglück kannst du nur ihm sein. Wir baten den Priester von Woskressenje[10], den Vater Ssemjon, ihn mit Weihwasser zu besprengen, er ließ ihn aber nicht an sich heran und nannte ihn ein zerdrücktes Tier. Dann wollten wir ihn nach Chapilowka zum Bruder Iwanuschka bringen, er wollte aber nichts hören. Dem Arzt Nikolai Fjodrowitsch sei es gedankt. Er hat uns auf den Gedanken gebracht, dich kommen zu lassen. Du, Lieber, hast ihn geheilt! – und die Alte bekreuzigte sich auf altrussische Art mit einem großen Kreuz und verneigte sich tief.

– Durch die Einwirkung des Unreinen, – wie eine grimmige Bestie! – flüsterten die dunklen Alten in den Ecken.

Und Eudokia Andrejewna schlug Kreuze und verneigte sich tief.

Am dritten Tag erwachte Plotnikow, fuhr, als wäre nichts vorgefallen, in die Stadt und kehrte erst am Abend wohlbehalten wieder heim. Am Abend schleifte er Marakulin mit sich ins Wirtshaus zu Lawrow.

Sie saßen wieder wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst spielte der Musikautomat. Plotnikow kramte Erinnerungen aus: Erinnerungen an die Schule, an die Lehrer, an Tschistije-Prudy und Kuskowo. Er erinnerte sich sogar an eine besondre Lawrowsche Suppe, die Marakulin damals so gern gegessen haben sollte. Der Musikautomat machte traurig: doch nicht daß man Lust bekam, das Vergangene zurückzurufen – die Vergangenheit lag ja hier vor einem wie auf der flachen Hand – sondern es war unverständlich, wozu es einmal gewesen war, es sei denn dazu, daß man sich einmal daran erinnerte. Und in die geheimsten Winkel seines Lebens hineinschauend, erkannte Marakulin, daß es sich eigentlich in nichts verändert hatte, daß er damals bei der besondren Lawrowschen Suppe dasselbe gedacht und gefühlt hatte wie jetzt, nur unklar und nicht ausgesprochen, mit einem flüchtigen, zufälligen Aufflackern von Klarheit. Uebrigens, verändern sich denn die Menschen überhaupt? –

Sie saßen wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst spielte der Musikautomat.

– Mit deinem Arkadij Pawlowitsch – sagte Plotnikow, – mit dem Reviervorsteher, – du hast ihn damals sehr zu Unrecht gekränkt, Petruscha – habe ich da ... – Plotnikow zeigte in die Richtung der Separés und schlug sich seufzend auf die Tasche, – Fünfhundert Rubel verlangte er für den Vergleich, und alles wegen deiner Fenja ...

– Dunja – verbesserte Marakulin.

– Dunja, Fenja, einerlei, – komm mit zu Arkadij Pawlowitsch, Freund, er wird sich sehr freuen! Er hat, weißt du, für den Moskauer Aufstand ein Kreuz bekommen, wirklich, und ist auf die Twerskaja versetzt worden – er wird sich sehr freuen! Und weißt du was noch, Petruscha – Plotnikow neigte sich zu ihm und sprach ganz leise – ich glaube an dich, wie an den lieben Gott, und wenn in den Geschäften etwas nicht glatt geht, so brauche ich nur an dich zu denken, deinen Namen laut auszusprechen, und sieh, alles geht nach Wunsch. Ich denke darum, wenn mein Ende einst naht und ich sterben muß, dann werde ich dich rufen, du wirst kommen und meinen Tod aufhalten. Ich werde wie eine grindige Katze miauen, du aber wirst mich wieder zum Menschen machen. So denke ich von dir, Petruscha!

Sie saßen wie einst im linken Saal, und wie einst spielte der Musikautomat.

Doch sonderbar: während Plotnikow sich an alles von früher her erinnerte, selbst an die besondre Lawrowsche Suppe, die Marakulin gern gegessen haben sollte, und während er seinen Glauben an ihn bekannte, war er gar nicht neugierig und fragte auch nicht mit einem Wort, wie es Marakulin jetzt gehe; und noch sonderbarer war dies, daß Plotnikow, ohne die Augen von Marakulin abzuwenden, einen ganz anderen zu sehen schien, nicht Marakulin, sondern Gott weiß wen! Vielleicht sah er in der Tat in ihm jemand, den man nicht nach seinen Angelegenheiten ausfragen kann. Man fragt doch die Iwerskaja Mutter Gottes[11] nicht nach ihren Geschäften! – Und es war Marakulin sonderbar und seltsam zumute.

Noch einen Tag blieb Marakulin bei Plotnikow. Plotnikow führte ihn nach der Iljinka in den Speicher, dann in das Twersche Polizeirevier zu Arkadij Pawlowitsch; er war zu Plotnikows großem Bedauern nicht anwesend. Abends brachte er Marakulin zur Bahn. Und beim Abschied wiederholte er, daß er an ihn wie an den lieben Gott glaube, und wenn er einst im Sterben ihn erblicken werde, so werde er sich vom Krankenlager erheben, wie eine grindige Katze miauen und sich wieder in einen Menschen verwandeln.

Erst nachts unterwegs fragte sich Marakulin plötzlich, ob er seinen Aufenthalt in Moskau nicht geträumt hätte.

Das Alles war so sonderbar und seltsam: daß Plotnikow an ihn wie an den lieben Gott glaubte, daß er sich nach der Iljinka in den Speicher schleifen ließ, ja sogar zum Reviervorsteher Arkadij Pawlowitsch, – aber nach Kalitnikowo auf den Friedhof zu gehen, hatte er vergessen. Und er hätte doch unbedingt hingehen müssen, einen Augenblick am Grabe seiner Eltern verweilen, es nur ansehen, – nur ansehen und Abschied nehmen!

Und ein Gefühl von Gram überflutete ihn.

Sechstes Kapitel

Den ganzen Tag von Morgen bis zum Abend lief Wera Nikolajewna herum, um zu massieren, die Abende verbrachte sie über ihren Lehrbüchern: sie bereitete sich zum Abiturientenexamen vor, weil sie um jeden Preis in das medizinische Institut eintreten wollte. Wera Nikolajewna wurde von Anna Stepanowna unterrichtet, deren Angelegenheiten im Lednjowschen Mustergymnasium übrigens nicht zum besten standen.

Die Vorsteherin Lednjowa zahlte ihr vorläufig mit Aussicht auf die geheimnisvollen Equipierungsgelder den Gehalt aus eigener Tasche, und sie begleitete diesen üppigen Vorschuß jedesmal mit ihren beliebten Erörterungen über gute Taten, über den Verfall der Moral überhaupt und über ihre eigene Opferwilligkeit – man denke: in ihrem eignen Gymnasium gab sie den Unterricht umsonst! –

Nach Anna Stepanownas Erzählungen war in diesem Gymnasium die Hölle los. Es herrschte ein musterhafter Wirrwarr in dem musterhaften Gymnasium. Nicht weil da etwa lauter ungezogene Kinder beisammen gewesen wären, nicht an ihrer Ausgelassenheit lag es, sondern weil man die Schülerinnen als Einnahmequellen warm halten mußte, und diese Behandlung von den Kindern ganz richtig eingeschätzt wurde. Natürlich wurden nie Verweise erteilt, und die Noten mußten so ausfallen, daß die Eltern nicht auf den Gedanken kommen sollten, ihre Töchter in eine andre Schule zu geben. Die Lednjowa gab selbst Unterricht und liebte es auch, den Stunden andrer beizuwohnen und durch allerlei Fragen ihre unbezahlten Lehrer zu kontrollieren. Es wurde überhaupt nach keinem Programm unterrichtet, auch nicht nach den Lehrbüchern, die das Unterrichtsministerium begutachtet und bestimmt. So zum Beispiel waren in der großen französischen Revolution nicht etwa Robespierre und Marat die Führer, wie man gewöhnlich lehrt – was bedeutet auch so ein Robespierre oder Marat! – der Hauptführer war Hugo Capet, der für sein Verbrechen gegen König Louis zugrunde ging.

Der musterhafte Wirrwarr im musterhaften Gymnasium wurde durch eine musterhafte Enge und Kälte vervollständigt. Es herrschte darin eine echte Januarkälte. Die Oefen wurden niemals geheizt, und zwar nicht nur nicht in den Klassenzimmern – denn so verlangt es das letzte Wort der Hygiene –, sondern auch nicht im Lehrerzimmer. Es ist wahr, daß die Kinder nicht sehr darunter litten: sie tanzten, sprangen, tobten herum, und das Gymnasium war ein wahres Sodom an Lärm. Für die Lehrer war es weniger bequem, daran teilzunehmen: leise kann man nicht Lärm machen und laut schickt es sich nicht. Auf alle Vorstellungen hatte die Lednjowa nur eine Antwort:

– Was fällt Ihnen ein? Sie sollten sich erst das Karrassewsche Gymnasium, oder das Spaßesche ansehen, dort ist es wirklich kalt!

Diese Antwort der Lednjowa versetzte Anna Stepanowna aus Petersburg in ihr Purchowez zurück und erinnerte sie an den Inspektor der Volksschulen, an den berühmten Obraßzow.

Dieser berühmte Mann aber war nicht mehr und nicht minder als der leibliche Bruder der Vorsteherin Lednjowa.

Rakow, der Historiker, sprach mit großem Respekt von ihm. Nach Rakow, wäre Obraßzows Name, hätte dieser in der „antiken Geschichte“ gelebt, unbedingt unter den berühmten Aussprüchen im Tempel zu Delphi eingegraben worden, und sein Kopf hätte den Giebel des athenischen Parthenon geschmückt. Und Rakow, der Historiker, irrte sich nie.

Als einmal ein Lehrer sich bei Obraßzow beklagte, daß es in der Schule naß und kalt sei, nur sechs Grad, da lautete Obraßzows, einer Lednjowa würdige Antwort folgendermaßen:

– Ich bitte Sie, sechs Grad, das ist ja doch ein wahrer Segen. Im Pokidoschenschen Gouvernement aber, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in eine Schule: die Kinder saßen in Schafpelzen, der Lehrer im Pelz und in Gummischuhen. Ich sitze ein Weilchen da, bin ganz durchfroren. Ich will eine Notiz über meinen Besuch machen, doch die Tinte ist eingefroren. Der Lehrer blies in das Tintenfaß, blies und wärmte es, es nützte aber nichts, und ich mußte ohne Notiz abreisen. Eine solche Kälte war da! Bei Ihnen aber ist ein wahrer Segen! – Und als ein andrer Lehrer sich einmal über die Enge in der Schule beklagte, da blieb ihm Obraßzow auch die Antwort nicht schuldig:

– Ich bitte Sie – rief er, – Sie haben keine Ahnung von wirklicher Enge. Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich dort noch Inspektor war, in eine Pfarrschule: es war auch zugleich das Armenhaus. Im selben Zimmer die Betten der Armenhäuslerinnen, eine Gans schnattert in einem Korb auf den Eiern, ein Kalb blökt, und gleich daneben die Kinderchen auf fünf Bänken, – kein Platz, um auch nur einen Schritt zu machen, und die Luft so, daß mir der Atem verging. So eng ist es manchmal, hier aber ist ein wahrer Segen! – Dem Lehrer aber, der von einer Masse Frösche meldete, die sogar unter die Bettdecke krochen, gab Obraßzow einen wahrhaft delphischen Verweis, der es gebieterisch verlangt, Purchowez oder Pokidosch in Rakows Geschichte des Altertums aufzunehmen.

– Es kann hier von einer Masse gar nicht die Rede sein – rief Obraßzow – ein Dutzend höchstens hüpft da herum, gleich kommen Sie und nennen das eine Masse! Sie haben eben nie eine Masse gesehen! Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in eine Schule, da wimmelte es an der Decke buchstäblich von Schwaben. Wenn man die Tür zuschlug, da regneten sie nur so herunter! Das nenne ich eine Masse. Als ich nach Hause kam und mich auszukleiden begann, da wimmelten die Schwaben nur so auf mir herum. Meine Frau bekam Angst und stieß mich sofort in den Frost hinaus, und ich mußte mich draußen ausziehen. Aber bei Ihnen hier ist ja ein wahrer Segen!

Ja, Rakow der Historiker hatte recht, wie immer.

Doch wenn man den Namen des berühmten Purchowezschen Inspektors unter den berühmten Aussprüchen im Tempel von Delphi hätte eingraben müssen, so müßte man die Vorsteherin Lednjowa, welche die große Kunst besaß, keinen Heller aus ihrer eigenen Tasche auszugeben und die nicht nur ihre ausgehungerten Lehrer, sondern sogar das Ministerium naszuführen verstand, – noch großartiger ehren!

Der Winter ging zur Neige. Zugleich mit dem Schnee schmolz der große schwarze Berg auf dem belgischen Hof zusammen. Der Frühling kam, Ostern kam.

Freudlos wurde das Osterfest empfangen, so wie das Weihnachtsfest freudlos vergangen war. Wassilij Alexandrowitsch der Clown hatte das Krankenhaus verlassen. Seine Ferse war geheilt, dennoch war seine Kunst unwiderruflich verloren. An der Ferse war etwas nicht richtig, er hatte gleichsam keine Ferse mehr: er konnte nur bis zur Ecke der Gorochowaja gehen, bis zum Zeitungsausträger und zurück, nicht weiter. Wera Nikolajewna riet der Arzt, statt das Abiturientenexamen zu machen, keine Zeit zu verlieren und nach Abas-Tuman[12] zu reisen: an ihrer Lunge war etwas sehr nicht in Ordnung – es war etwas wie ein Geräusch oder ein Zischen. Anna Stepanowna fiel bei der musterhaften Lednjowschen Ordnung einfach um vor Müdigkeit – und lächelte. Sie lächelte stets ihr krankes, erschreckendes Lächeln.

Zu Ostern ereignete sich auf dem Burkowschen Hof alles, was jahraus, jahrein an den hohen Feiertagen sich zu ereignen pflegte, seitdem das Haus an der Fontanka stand: Unfälle, Begebenheiten, Skandale, Schlägereien, Prügeleien, Hilferufe, Polizeiwache – doch alles in sehr gesteigertem Maße und viel lauter als gewöhnlich.

Bei der Hebamme Lebedjowa ereignete sich wieder ein Diebstahl, diesmal aber wurde ihr kein Pelzmantel gestohlen, sondern zweiunddreißig Rubel, die sie sich für einen neuen Pelz zusammengespart hatte. Das Geld lag in einem Strumpf in einer geschlossenen Kommode; der Strumpf fand sich, doch das Geld war spurlos verschwunden, als wäre es im Ofen verbrannt worden. Man beschuldigte wieder den Portier Nikanor, er hätte nicht genügend aufgepaßt, doch wie sollte er aufpassen: den ganzen Tag ist er auf den Beinen und bei Nacht das Geklingel, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, einer von den Hausgenossen – aber es war nichts zu machen. Der Bäcker Jarigin aus der Burkowschen Bäckerei legte sich, nachdem er den ganzen ersten Feiertag gesoffen hatte, abends auf ein Brett schlafen, das über dem Backtrog lag. In der Nacht hatte er sich wohl ungeschickt umgedreht und fiel in den Teig. Im Laufe der Nacht hat es ihn eingesaugt, und als man es am Morgen gewahr wurde, da war es zu spät, nur die Beine ragten noch aus dem Teig. Ein guter Bäcker war der Jarigin! Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur wollten sich amüsieren und machten zum Spaß Jerkin den Paßaufseher betrunken. Jerkin aber, der sein Neujahrsgelübde, nicht zu trinken, das er dem Bruder im Hafen abgelegt, bis nun streng befolgt hatte, wurde infolge der strengen Enthaltsamkeit nach einem Glas Pfefferbranntwein toll und begann zu raufen. Das geschah am hellichten Tage im Hof, während in den „Winkeln“ die Mädchen in den schwarzen Kopftüchern und die Nonnen, die Almosensammlerinnen in Schaftstiefeln, für Gorbatschow „Christ ist auferstanden“ sangen. Kasimir entkam, Stanislaus aber fiel herein: Jerkin nahm ihn auf die Arme, warf ihn zu Boden, preßte ihn, drückte ihn mit dem Knie und biß ihm die Nase ab. Der rote Hund des Gouverneurs, der gerade auf dem Hofe war, fraß Stanislaus’ Nase auf. Burkow selbst, der ehemalige Gouverneur, der Selbstvertilger, vergaß am ersten Ostertag, als er aus einer vornehmen Gesellschaft nach Hause fuhr, ein Osterei im Wagen, und als er am anderen Morgen den Verlust bemerkte, meldete er es der Polizei und forderte die Feststellung des Kutschers, der sich dies offenbar außergewöhnliche Ei angeeignet hatte; – was man in allen Petersburger Zeitungen am dritten Tag lesen konnte. Ebenfalls am dritten Tag verurteilten die Kinder im Hof, Kriegsrecht spielend, Wanjuschka, den Sohn des Portiers Nikanor zur Todesstrafe durch den Strang und vollzogen das Urteil: sie schleppten den Knaben in die Wagenremise und hingen ihn vermittelst einer Pferdeleine auf. Kaum, daß man ihn wieder ins Leben rufen konnte: es war ein schwächlicher Bub. Er war schon ganz blau und wäre beinahe erstickt. Schließlich beging das Ehepaar Oschurkow ganz unerwartet Selbstmord. Niemand im Hof konnte begreifen, weshalb sie es getan hatten. Sie hatten ja eine Wohnung von zehn Zimmern, alle zehn Zimmer voll von Nippes, und ein Aquarium mit Goldfischchen. „Es war eine feine Gesellschaft!“ wiederholten die Dienstmädchen einstimmig, jene Köchinnen und Hausmädchen, die wegen eben dieser Nippes nie lange bei Oschurkows aushalten konnten.

Kurz nach Ostern, in der Thomaswoche, kam einmal Sergej Alexandrowitsch, der mit dem Theater einen Vertrag über eine Gastspielreise ins Ausland geschlossen hatte, zu Marakulin zum Tee. Es kamen auch Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, und auch Wassilij Alexandrowitsch der Clown, auf ein Stöckchen gestützt. Es war die Rede von der Damaskinschen Gastspielreise ins Ausland; Sergej Alexandrowitsch sah in ihr fast so etwas wie Rußlands Rettung. Er meinte: Rußland, das unter all den Rakows, Lestschows, Obraßzows, Lednjowas, Burkows, Gorbatschows und Kabakows erstickte, dieses Rußland werde sich zum erstenmal mit seiner Kunst der Stadt der großen Männer, dem Herzen Europas – Paris, zeigen und es besiegen.

– In der Tat, – rief Sergej Alexandrowitsch, indem er sich wie auf dem Theater reckte, – laßt uns doch alle hinfahren! Alle müssen wir ins Ausland, wenn auch nur für einen Monat, für eine Woche, gleichviel, nur um einen Blick zu tun, und um uns von dieser ganzen Burkowerei zu erholen. Auch du, Wassilij, auch dich schleppen wir mit! Und auch Sie, Wera Nikolajewna, denken Sie nicht mehr an Ihr Abas-Tuman!

– Wo nehmen wir das Geld zur Reise? fragte Anna Stepanowna und lächelte.

– Wie? wieso Geld?

– Wie kommen wir ins Ausland? – bemerkte Wera Nikolajewna.

– Du hast dich verstiegen, Bruder, mit deinem Paris, meine ich!

– Ich werde das Geld schaffen – rief Marakulin, der sich plötzlich an Plotnikow erinnerte, – ich werde uns tausend Rubel verschaffen! – Marakulin sagte es so fest und überzeugt, daß es alle mit Glauben erfüllte, und man sprach nicht mehr vom Gelde.

So wurde der Beschluß gefaßt: Alle reisen ins Ausland, nach der Stadt der großen Männer, ins Herz Europas – nach Paris. Sie bekamen ganz heiße Köpfe und schmiedeten allerlei Pläne. Die Einzelheiten dieser Pläne wurden mit solcher Begeisterung und mit solchem Glauben ausgemalt, als wäre in der Tat Rußlands Rettung, – ihre Rettung mit dieser Reise verbunden, und sie brauchten bloß die Grenze zu überschreiten, damit die Rettung sich vollziehe.

Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können. Dort, in Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen machen. Dort, in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez besteigen und seine Künste zeigen können. Dort, in Paris wird, während Sergej Alexandrowitsch tanzend das Herz Europas besiegt, auch Marakulin seine verlorene Freude wiederfinden.

Man müßte Werotschka finden – dachte Marakulin plötzlich, und er sagte: wir müssen auch Werotschka mitnehmen, damit sie dort in Paris zu sich kommt. Entweder sie wird dort eine große Schauspielerin und rächt sich so an Anissim Wakujew, oder noch besser: mag dort Ruhe über sie kommen und der Friede Gottes, daß die Rache in ihr still wird, und sie verzeiht ihm.

Als er dies sagte, waren alle einverstanden, daß man auch Werotschka mitnehmen müsse. – Ich bin Werotschka begegnet – erzählte Wera Nikolajewna, – Sie waren damals in Moskau. Ich gehe einmal abends durch die Gorochowaja nach Hause, da kommt sie mir entgegengelaufen. Es war kalt, der Sturm pfiff, und sie lief in einem Sommerjäckchen herum, ein weißes Tuch um den Kopf. „Werotschka!“ rufe ich. Sie blieb stehen, sah mich an, aber so sonderbar. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Werotschka,“ sage ich, „kommen Sie Tee trinken, kommen Sie zu uns Tee trinken!“ Sie aber richtet ihr Kopftuch, zittert am ganzen Leibe und schüttelt den Kopf. Es war auf der Ssemjonowschen Brücke, – eine furchtbare Kälte, der Sturm pfiff ...

Noch am selben Abend wurde der Brief an Plotnikow geschrieben, und am nächsten Morgen eingeschrieben nach Moskau abgeschickt. Marakulin glaubte so fest, daß das Geld kommen würde, er glaubte so fest an die tausend Rubel von Plotnikow, wie Plotnikow selbst an Marakulin glaubte.

Inzwischen begab sich Adonja Iwoilowna auf ihre Pilgerfahrt. Sie zog nach Jerusalem, wo der Weihrauch nie verduftet und wo die Kerzen brennen, die nie verlöschen. Dort wird sie im Jordanfluß baden und sich mit Wermut abtrocknen, damit all ihr Gram wie Tannenrinde von ihr abfalle, all ihr Kummer und ihre Tränen. Dann wird sie Paraschas Schiffe verstehen, und die Erde am Grabe ihres Mannes auf dem Smolenskischen Kirchhof wird nicht mehr abbröckeln.

An den Abenden war Akumowna frei und legte Karten. Sie zeigten für jeden eine große Veränderung an und einen Weg, und für Marakulin außerdem noch Gras und Tannen, wie damals vor seiner Reise nach Moskau, nur daß die Tannen jetzt nicht mehr am Rande, sondern ganz nahe bei ihm lagen. Bei Wera Nikolajewna lagen sie am Rande.

– Ein fröhlicher Weg! – flüsterte Akumowna.

– Wir fahren nach Paris, Akumowna, ins Herz Europas!

– Wollen wir nicht auch Akumowna mitnehmen? Ist Akumowna einverstanden, mit uns nach Paris zu gehen? – fragte Sergej Alexandrowitsch zwinkernd.

– Gewiß. Ich komme mit. Neun Jahre habe ich keine Luft geatmet. Da werde ich aufatmen.

Akumowna ließ sich nicht lange bitten, denn sie wäre bereit gewesen, Sergej Alexandrowitsch nicht nur nach Paris, sondern sogar bis ans Ende der Welt zu Fuß zu folgen.

– Ausgezeichnet! Wir lassen also die Sklavin Kusjmowna hier, um die Wohnung zu hüten, und adieu Rußland! Man muß alles von sich abschütteln! – Und vor Ueberschwang der Gefühle und Hoffnungen auf den Erfolg Rußlands, oder auf seinen eigenen Sieg im Herzen Europas, begann Sergej Alexandrowitsch mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den Flügeln.

– Man soll dann schon auch Weruschka mitnehmen. Die wird hier zugrunde gehen, die Unverschämte! – sprach Akumowna, an ihre Wera denkend, die auf dem Burkowschen Hof längst zugrunde gegangen war.

– Auch deine Weruschka nehmen wir mit, Alle werden wir im Auslande sein!

Akumowna legte liebevoll Karten für Sergej Alexandrowitsch.

– Unser Priester in Turij-Rog – erinnerte sich Akumowna plötzlich, – er war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij! Vor seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit?“ – „Was für Pferde, ehrwürdiger Vater?“ – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich zur Hochzeit ins Ausland!“ sagte er und starb.

– Ein Pope stirbt wie ein Pope! – sagte Sergej Alexandrowitsch lächelnd und verfolgte weiter die Karten.