Die Schwestern im Kreuz

Part 12

Chapter 123,760 wordsPublic domain

Marakulin aber fühlte plötzlich, wie es in seinem Innern zuckte, als würde etwas in ihm brechen, doch die Hoffnung rüttelte und richtete ihn wieder auf. Alle seine Hoffnungen waren jetzt auf Plotnikow gerichtet, und er konnte an nichts andres denken. Die Hoffnungen waren Mächte.

Der Mai kam. Auf dem belgischen Hof erhoben sich die weißen Zelte, Ziegelsteine und Sand wurden angefahren, und die Instandsetzung des Hauses begann. Abends erklang schluchzend die Balalaika, – von dieser armseligen nichtrussischen Habe gab es viel auf dem Burkowschen Hof – und aus den Fenstern reckten sich die während des Winters zerzausten, ausgehungerten Köpfe, in der Hoffnung, sich in der Maisonne etwas zu erwärmen.

Von Plotnikow aber kam noch immer keine Antwort. In Marakulins Herz schlich sich eine unheimliche Unruhe; er fürchtete, es sich selbst zu gestehen und sprach zu niemand davon. Die Antwort wird kommen, sie muß kommen! Sie müssen und sie werden im Ausland sein, in der Stadt der großen Männer, im Herzen Europas, in Paris!

Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können; dort, in Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen machen; dort in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez besteigen und seine Künste zeigen, und dort in Paris wird auch Marakulin, während Sergej Alexandrowitsch im Tanz das Herz Europas besiegen wird, seine verlorene Freude wiederfinden. Er wird Werotschka finden, und in Paris wird Werotschka eine große Schauspielerin werden, Gottes Friede wird über sie kommen. Dort, in Paris wird von Akumowna, die als rollender Stein bis nach Paris gelangt sein wird, der väterliche Fluch weichen, sie wird Luft atmen, die sie neun Jahre nicht geatmet hat, und sie wird es nicht mehr nötig haben, bis zum Kaiser vorzudringen, oder Aufguß von Pferdemist zu trinken. Dort, in Paris wird ihre Wera nicht zugrunde gehen, die auf dem Burkowschen Hof schon längst zugrunde gegangen war.

Der Glaube besiegte jeden Zweifel, zerstreute durch seine Kraft und Festigkeit jedwede Unruhe. Marakulin glaubte an die Plotnikowschen Tausend, wie Plotnikow an ihn selbst. Eine Woche nur blieb noch bis zu Sergej Alexandrowitschs Abreise ins Ausland. Es wurde beschlossen, daß er mit seinem Theater vorausfahren und von dort, aus Paris, schreiben sollte. Inzwischen wird das Geld angekommen sein, und dann wird fast der ganze Burkowsche Hof von der Fontanka geradeaus nach Paris aufbrechen.

Doch diese Woche, voll von Unruhe, Erwartung und Schwanken zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, bestimmte von selbst alles auf ihre Weise.

Im Gymnasium bei Anna Stepanowna waren die Prüfungen vorüber, und offenbar waren jetzt endlich die geheimnisvollen Equipierungs-, Wohnungs- oder Reisegelder – jeder nannte sie anders – angekommen. Und da diese Gelder dort nur einmal ausgezahlt wurden, wurde Anna Stepanowna natürlich von der Lednjowa gekündigt. Für Anna Stepanowna, meinte die Vorsteherin, sei es zu schwer am Gymnasium, sie sei auch nicht ganz ohne Tadel, sie trage zum Beispiel eine halsfreie Bluse, das schicke sich nicht; auch lächle sie so eigentümlich, – dieses Lächeln mache Seine Ehrwürden, den Religionslehrer Aristowulow verwirrt, das schicke sich auch nicht; man könnte ja sagen: im Lednjowschen Mustergymnasium werde Seine Hochwürden durch eine Lehrerin verdorben, und das wäre schon ganz fatal! – Mit einem Wort: wenn der Mensch die Absicht hat, zu irgendeinem ihm notwendig erscheinenden Zwecke einen anderen zu beschmutzen, so gibt er sich Mühe, – dazu ist er ja ein Mensch. Selbstverständlich ertranken die halsfreie Bluse und der Priester Aristowulow, der von Anna Stepanowna verdorben wurde, in den beliebten Betrachtungen der Lednjowa über gute Taten überhaupt, über den Verfall der Moral und über die Sittenverderbnis, über die junge Sache, die man fördern und über die Opfer, die man ihr bringen müsse: sie, die Lednjowa selbst, gebe in ihrem eigenen Gymnasium Unterricht umsonst, außerdem ernähre sie zwanzig Lehrer! Ganz Petersburg kenne sie sehr gut, sie, die Vorsteherin Lednjowa, und die Generalin Cholmogorowa selbst sei ihre Freundin.

So einfach war das Ende bei Anna Stepanowna, sehr einfach. Und sie ging lächelnd – mit jenem Lächeln, das in der Seele weh tat – ihren Weg, der sie von Leschtschow zu der Lednjowa führte, und von der Lednjowa zur Petrowa, zu irgendeiner Seelenschwester der Lednjowa führen wird, bis sie endlich aufhören wird zu lächeln.

Endlich kam die so lange, so ungeduldig, so viel erwartete Antwort von Plotnikow: Plotnikow ließ Marakulin durch die Bank fünfundzwanzig Rubel anweisen. So reiste denn Sergej Alexandrowitsch allein mit dem Theater ins Ausland, nach Paris, um mit der russischen Kunst das Herz Europas zu besiegen. Vor der Abreise mietete er eine Sommerwohnung in Finnland und überredete Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna zusammen mit Wassilij Alexandrowitsch, der noch immer sorgsamer Pflege bedurfte, und damit er sich ohne Ferse und mit seinem Stöckchen nicht zu sehr langweilte, hinauszuziehen. Mit der Sklavin Kusjmowna an der Spitze zogen sie also statt nach Paris nach Tur-Kilja: Wera Nikolajewna, Anna Stepanowna und Wassilij Alexandrowitsch, der Clown. Nur Marakulin und Akumowna blieben zurück, um auf dem Burkowschen Hof zu übersommern.

– Ich werde zum Kaiser gehen: die Hände so, wie im Sterben, und werde alles sagen. Ich werde zum Kaiser gehen, nackt, splitternackt; die Hände so, wie im Sterben, und werde ihm alles erzählen.

Aber Marakulin erwiderte Akumowna nichts mehr, nicht einmal mit ihren eigenen Worten, die ihr Wahlspruch, ihr Sterbegebet – die Sühne und der Lohn für alle Taten waren: Man darf niemand beschuldigen! – Alles war in ihm still und taub geworden.

* * * * *

Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt er selbst zu sein, der andere muß töten, um durch den Mord seine Seele zu finden und wenigstens als er selbst zu sterben. Marakulin aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht an die Person, der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der Welt nicht ein beliebiger Marakulin zu sein, sondern als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.

Aber er ertrug es nicht, dieses Leben für nichts: nur sehen, nur hören, nur fühlen, und flehte um Ruhe. Da erfand er die Generalin – die unsterbliche, sünden- und schmerzenlose Laus, erdachte er ihr königliches Recht, in der Hoffnung, dadurch seine verlorene große Freude wiederzugewinnen. Schon begannen auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten, die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, jene leisen und wie die Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herannahenden Verzweiflung zu arbeiten, das feste Mark und die Wurzel seines Lebens anzunagen und ihn vom Leben abzulösen.

Vom Morgen bis zum Abend lief Marakulin in Petersburg herum, jagte von einem Ende zum anderen, von Schlagbaum zu Schlagbaum, von Viertel zu Viertel, – er lief herum wie eine Maus in der Falle. In seiner Tasche lag der neue Plotnikowsche Schein, die fünfundzwanzig Rubel, wie einst Dunjas neues seidenes Taschentuch mit den in Kreuzstich eingestickten Anfangsbuchstaben seines Namens, und er vergaß den Schein wie er einst Dunjas seidenes parfümiertes Tuch vergessen hatte.

Und dennoch, welch zähes Leben steckt doch im Menschen! Hin- und hergeworfen, geschlagen läuft er wie ein geschlachteter Hahn auch ohne Kopf herum, als wollte er auch ohne Kopf nach Körnern suchen, und bläht sich noch auf! Marakulin fand nämlich eine Beschäftigung, er fand etwas, um sich Luft zu machen; er machte eine Entdeckung, die in ihrer Tragweite dem betrunkenen Plotnikowschen Projekt, die Fliege als Motor auszubeuten, wahrlich in nichts nachstand:

Man braucht bloß auf die Straße hinauszugehen, um ganz unabhängig vom eigenen Willen unter die Herrschaft eines besonderen Gesetzes der Straße zu geraten, und deine Art aufzutreten und deine Haltung hängt nicht mehr von dir ab, sondern von der Welle oder vom Strom, in den du geraten bist. Gerätst du in die eine Welle, dann ist dir so, als machten sich alle über dich lustig, als schnitten dir alle Grimassen, die Frauen kichern, die Männer schieben ihre Lippen vor und spitzen sie wie zum Pfeifen. Da kommt eine andre Welle herangerollt, und das Bild ist plötzlich verändert: die Männer haben bestialische, düstre, drohende Gesichter, man begegnet selten einer Frau, und wenn eine vorübergeht, so ist sie ganz allein; sie geht und lacht, sieht niemand, als wäre sie blind, und lacht zu sich selbst. Wieder eine neue breite Welle: – lauter Frauen – und es ist einem, als gäbe es keine böseren Augen, kein böseres Lächeln; sie betrachten einander, sie stechen mit den Augen und lächeln, als wollten sie mit ihrem Lächeln einander verbrühen, die bösen Weiber. Da rollt noch eine Welle heran: Menschen, gewöhnliche Menschen, – sie gehen dicht zusammen gedrängt und sind munter. Aber man sieht keine Kinder unter ihnen, nur ausgemergelte, verkrüppelte Zwerge mit schlaff wie Peitschen herabhängenden Armen und riesengroßen, nach vorn gebeugten Köpfen. Und so noch viele verschiedene Wellen. Es gibt auch zurückflutende Wellen. Gerätst du da hinein, so treibt es dich vom großen Strom ab, und alles jagt an einem vorbei: alte Männer, Kinder, alte Frauen, Straßenbahnwagen und Automobile.

Als Marakulin diese Entdeckung gemacht hatte, stürzte er sich auf sie mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie einst über den Bericht an den Direktor. Er war ja jetzt eigentlich wie tot, man hatte ihn ja bereits begraben. Er erinnerte sich an die Worte, die der Kassierer Alexander Iwanowitsch Glotow damals im Theater zu ihm gesprochen hatte: „Und wir haben dich schon längst begraben, weißt du, Petruscha!“ Ja, seit langem hatte man ihn begraben, und er konnte wie ein Toter, wie eine Leiche, wie einer aus dem Jenseits leicht, unauffällig und unparteiisch die Diesseitigen, die Lebenden beobachten. Und jetzt wollte er seine Entdeckung überprüfen.

Doch wozu sie prüfen, was für einen Sinn das haben sollte, wer diese Entdeckung brauchte, welchem Toten, welcher Leiche, welchem Gespenst aus dem Jenseits, oder welchem Lebenden zum Spaß oder zu Nutzen sie dienen sollte? – das fragte er sich nicht, das ging ihn nichts an; – in ihm war alles stumm und taub geworden – es war eben zwecklos und nichts mehr als das Sichaufblähen des geköpften Hahns.

Doch auch darin irrte er sich. Er hatte keine Zeit mehr zum Prüfen.

Eines Nachts, als er auf dem Newsky ging, traf Marakulin Werotschka. Es war so: an dem Wartturm des Magistrates wurde Razzia gemacht, und wie immer in solchen Fällen, liefen auf dem Newsky etwa hundert sinnlos herausgeputzte Weiber herum, die sich auf die Passanten stürzten und sie anflehten, sie ein kleines Stückchen zu begleiten. Unter diesen Weibern fiel ihm eine auf, die ebenso besinnungslos wie die anderen, vom Bürgersteig auf den Damm und vom Damm auf den Bürgersteig sprang. Sie war ganz schwarz gekleidet. Als sie am Schutzmann glücklich vorüber war, lief sie zur Anitschkowschen Brücke. In dieser einsamen Dunklen – alles war schwarz an ihr: das Kleid, der Hut, die Handschuhe – erkannte er Werotschka. Da erinnerte er sich an den neuen Plotnikowschen Fünfundzwanzigrubelschein, befühlte ihn in der Tasche – er war jetzt kein Bettler mehr – und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowschen Brücke mischte sich Werotschka unter die Menge und verschwand ihm aus den Augen.

– Werotschka! – rief er, indem er sich bald nach der Fontanka und bald nach dem Newsky umsah, – Werotschka! – und etwas Schwarzes, Kaltes wand sich wie eine Schlange um sein Herz.

Am nächsten Morgen war das erste, was in ihm als Gedanke und Entschluß erwachte, der feste Vorsatz, schon am frühen Abend auf den Newsky zu gehen und Werotschka aufzulauern. Den ganzen Tag blieb er zu Hause. Es war Donnerstag vor Pfingsten, und Akumowna hatte heute vor, besonders ausgiebig Karten zu legen: nach ihr war das ein günstiger Tag zum Wahrsagen, auch Träume in dieser Nacht geträumt, sollten die Wahrheit künden.

Auf den Burkowschen Hof kamen wandernde Musikanten: eine Harmonika und ein Tamburin.

Die Harmonika spielte ein Handwerker, wohl irgendein Schlosser oder Wasserleitungsarbeiter, ein großgewachsener dunkler Mann, das Tamburin schlug ein kleines Mädchen in einer Matrosenbluse und Matrosenmütze; sie war etwa zwölf Jahre alt, man konnte es genau nicht feststellen. Das kleine Mädchen hatte nur ein Bein. Sie stützte sich auf einen Stock und hielt das Tamburin auf dem gebogenen Knie.

Das kleine Mädchen sang zur Harmonika.

Sie sang ein Lied, wie es in Fabriken gesungen wird, mit fremden Versen durcheinandergemengt, wie: „Ich werde auf den Grund des Meeres tauchen, ich werde fliehen zu den Wolken hinan,“ sie sang aus Zigeunerliedern von Troikas und von feurigen Augen und gefühlvollen Tränlein. Plötzlich brach auch eine uralte Weise durch. Sie sprach rein und deutlich aus, so daß man jedes Wort verstehen konnte. Aber nicht am Wort lag es. Mit einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin dazu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.

Die Musikanten wurden von den Kindern umringt; sie ließen ihre wilden Spiele und ihre wilden Arbeiten, sie standen still herum und wandten kein Auge ab von dem einbeinigen kleinen Mädchen, wie einst von der Katze Murka, die sich vor Schmerz auf den Steinen gewälzt hatte. Und das Mädchen sang. Der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt – er hielt sich stets in der Nähe der Kinder auf – der schwarze Perser hockte sich ebenfalls hin und rollte seine Augäpfel. Und das Mädchen sang. Mit einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin im Takt zu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.

Die Kinder rückten immer näher zu dem einbeinigen Mädchen, als wollten sie es nicht von sich lassen. Nun verdeckten sie es ganz, so daß man es nicht mehr sehen konnte, und es schien, es singe die Erde und die Steppe, das Meer – die Weite und Unermeßlichkeit, das Herz der Erde. Und man fürchtete, daß das Lied bald zu Ende sein und das Mädchen zu singen aufhören und fortgehen würde. Man wollte nicht, daß sie fortgehe.

Aber der Gesang war zu Ende. Es spielte nur noch die Harmonika allein. Das kleine Mädchen humpelte, auf den Stock gestützt, über den Kies und schien sich mit dem hingehaltenen Tamburin im Hof zu drehen und sah ohne Lächeln mit ihrem offenen, reinen Gesicht nach oben zu den Fenstern hinauf, wie die Katze Murka zu den Fenstern hinaufgesehen hatte, als sie sich vor Schmerz auf den Steinen wälzte.

Akumowna begann so seltsam kindlich und bitter zu weinen, sicher weil sie an ihren Fluch: „Wie ein rollender Stein um die weite Welt“ dachte.

Marakulin stürzte auf die Straße und holte die Musikanten, die schon vor dem Tor waren, ein.

– Wie heißt du, kleines Mädchen? – fragte er, ihre Hand berührend.

– Marja – antwortete das Mädchen, indem sie, ohne zu lächeln, ihm ihr offenes, reines Gesicht zuwandte.

Auch der Harmonikaspieler blieb stehen, zog seine Mütze. Es war wohl der Vater. Er war von dunkler Farbe und rauh.

Marakulin nahm Plotnikows neuen zerknüllten Schein, steckte ihn dem kleinen Mädchen in die Hand und ging fort, ohne sich umzusehen. Und als wollte es ihn einholen, so strömte das breite Lied. Von der Weite der Steppe und von der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.

Er ging seinen glatten, geraden Weg nach dem Newsky. Schon sank die Nacht herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Die ganze Nacht wird er auf sie lauern. Und er wird sich nicht irren. Es war ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.

Die weiße Nacht trügt nicht: ein Mädchen ganz in Schwarz stieß ihn an und lief, das Kleid raffend, in der Richtung der Anitschkowbrücke. Alles an ihr war dunkel, das Kleid, der Hut, die Handschuhe – er erkannte Werotschka und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowbrücke mischte sich Werotschka unter andere Frauen – sie war nicht allein in Schwarz.

– Werotschka, Werotschka! – rief er, jeder Dunklen in die Augen schauend. Es waren aber ihrer nicht zwei, nicht drei, es waren ihrer eine ganze Menge. Und alle wichen ihm aus, sammelten sich und schlichen wieder an ihn heran, leise und unmerklich, dunkel und still. Und etwas Dunkles und Kaltes umwand wie eine Schlange sein Herz.

Und nachts, in der Donnerstagnacht vor Pfingsten, träumte Marakulin, als säße er am Tisch beim Samowar in einem großen vollgestellten Zimmer, und alles war hingeworfen und zerstreut, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, und lauter unbekannte Menschen waren im Zimmer, alle so müde und niedergeschlagen. Und neben ihm saß – er wurde es mit Ekel gewahr – eine stülpnasige Frau mit großen Zähnen und nackt, und mit ihr noch jemand in dunklen Kleidern. Sie beugten sich über dem Gerümpel und ordneten die Lumpen. Verdrossen nahm er ein Glas und zielte nach dem leeren, nackten Schädel.

Sie aber, die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, erhob sich und wandte sich zur Tür.

– Am Sabbat – sie klapperte mit den Zähnen und lachte – vergiß nicht, Akumowna ein Pfund zu geben – sie klapperte mit den Zähnen und lachte, – und die Mutter wird in Weiß sein – sie lachte und zeigte ihre großen Zähne.

– Was für ein Pfund? Graupen etwa? – begann er erbittert zu streiten, als stritte er um sein letztes Recht, sich keinem Termin, keinem Sabbat zu fügen – ach was, red’ keine Dummheiten! oder ein Pfund Sterling, ja?

– Am Sabbat – lachte die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, und schon klapperte sie, ohne sich umzusehen, die Steintreppe hinunter auf den Hof.

Im Hof aber – es war ja Burkows Hof – strömten alle Einwohner aus allen Wohnungen, aus dem Seitenflügel und aus den Gorbatschowschen Winkeln zusammen: alle sieben Hausmeister – der erste Hausmeister Michail Pawlowitsch und Antonina Ignatjewna, seine Gemahlin, der Paßaufseher Jerkin, Stanislaus der Kontorist mit der abgebissenen Nase, und Kasimir der Monteur, der Portier Nikanor und Wanjuschka, Nikanors Bub, den die kleinen Kinder zum Tode durch den Strang verurteilt hatten, und die kleinen Kinder, die ihn verurteilt hatten, und der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt, und das kleine Mädchen, das einst Murka Milch gebracht hatte, und die Schuster, Bäcker, Bademeister, Friseure, Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Schwester aus dem Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher, Bürstenmacher, Wasserleitungsschlosser, Setzer und allerlei Mechaniker und elektrische Arbeiter mir ihren Familien, allerlei „Fräulein“ von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmädchen, Mädchen aus der Teestube, und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, und die Alte, die an der Badeanstalt Sonnenblumensamen und allerlei Kram feilbietet, stellungslose Köchinnen, Maler, Tischler, fliegende Händler – mit einem Wort: der ganze Burkowsche Hof – ganz Petersburg.

Und alle sehen nach oben zum Fenster hinauf, wie Murka hinaufgesehen hatte, als sie vor Schmerz sich auf den Steinen wälzte, wie die wandernde Sängerin hinaufgesehen, als sie sich im Hof auf ihrem einen Bein herumdrehte, mit dem Tamburin in der Hand.

– Was hat sie gesagt? – fragt jemand Marakulin.

Und Marakulin steht am Fenster, wie der Starez Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels befragt, – so steht er vor dem Volk.

– Einer von uns wird sterben! – sagt Marakulin.

Und zur Antwort flüstert der ganze Burkowsche Hof in Todesbangen:

– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s, Herr?

Und hoch oben, viel höher als die vier belgischen Ziegelschlote mit den Blitzableitern, schweben wie grüne Vögel grüne Aeroplane und verdecken mit ihren riesengroßen grünen Flügeln den Himmel.

– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s Herr? – flüstert der Burkowsche Hof in Todesbangen.

Und schon geht Marakulin nach Hause, nach der Fontanka, und seltsam! er hört, wie man in der Auferstehungskirche auf der Taganka[13] zur Abendmesse läutet. Er geht nicht den herrschaftlichen Eingang hinauf, sondern durch die Küche. Er macht die Tür auf, und in der Küche sitzt am Herd eine Frau, Akumowna ähnlich, und doch nicht Akumowna, ganz in Weiß. Er erinnert sich an die Worte der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen: „Die Mutter wird ganz in Weiß sein“, und stürzt ins Zimmer.

Auch dieses Zimmer ist vollgestellt, und Sachen sind da verstreut und hingeworfen, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, nur sind die Unbekannten nicht mehr da, keine Seele ist im Zimmer, nur seine Mutter sitzt, seine Mutter allein, mit dem Kreuz auf der Stirn.

– Sie ist schon gekommen, sie sitzt hier – sagt die Mutter. Sie spricht von jener, die in der Küche vor dem Herd ganz in Weiß sitzt, und beginnt zu weinen.

Voll Verzweiflung und Todesbangen erwachte Marakulin. Es war Freitag. Und von dem düsteren Gedanken getroffen, daß seine Frist der Samstag sei, daß nur ein Tag ihm geblieben sei, wurde er eisstarr. Er wollte es nicht glauben und glaubte es doch, und weil er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.

Der Mensch wird geboren und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn einem der Tag gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die Frist bestimmt und der Sabbat verkündigt ist – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt und dem er die Todesstunde verheimlicht hat.

Als Marakulin an die Wahrheit seines Traumes glauben mußte, da fühlte er, daß er es nicht aushalten würde, den Sabbat abzuwarten, und seit dem Morgen in Verzweiflung, in Todesbangen durch die Straßen schweifend, harrte er der Nacht. Er wollte nur eins noch: Werotschka sehen, ihr alles erzählen und von ihr Abschied nehmen.

Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.

Es ward ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.

Vielleicht aber war der Traum nur ein Traum, und in Wirklichkeit würde etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht töricht? Wer weiß, wohin das führt! Es pflegt ja auch sonst so zu sein! Vor dem Tode träumt man nicht nur etwas Belangloses: daß man einen Stiefel verliert, oder sonst einen Gegenstand, oder daß man im Begriff ist, ins Ausland zu reisen ...

Da erinnerte sich Marakulin an die geplante Auslandsreise, an seinen paradiesischen Traum von Paris, und fuhr auf.

Er stand an einem Bretterzaun, der ganz mit Anzeigen bedeckt war, und konnte nicht erkennen, in welcher Straße er sich befand. Ueber den Bäumen ragte die Turmspitze des Ingenieurschlosses, als er aber längs des Zaunes und, wie ihm schien, geradeaus in der Richtung der Turmspitze sich in Bewegung setzte, verschwand sie plötzlich. Er wagte nicht weiterzugeben, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte Frist, seine Stunde. Er kehrte um und hatte die Spitze wieder vor sich. Er schritt also tapfer längs des Zaunes in die entgegengesetzte Richtung, die Spitze blieb lange vor seinen Augen, verschwand aber dann ebenso wie das erstemal ganz plötzlich. Und er wagte nicht weiterzugehen, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte Frist, seine Stunde. Und so ging er am Zaun entlang, hin und zurück, die Spitze des Ingenieurschlosses immer im Auge, bis zu einer Grenze, die er sich selbst bestimmte, voll Verzweiflung und Todesbangen.