Die Schwestern im Kreuz

Part 13

Chapter 133,642 wordsPublic domain

Es war das Ungemach, das ihn so führte, das Unglück jagte ihn von Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, blendete ihm die Augen und verwirrte ihn; es war sein Schicksal, dem man sich nicht widersetzen und nicht entrinnen kann.

Das tödliche Bangen und die Last der Verzweiflung erschöpften ihn endlich. Die letzte Frist, die Stunde waren vergessen, sein Kopf sank herab, und die noch gehorchenden Beine brachten ihn auf den Weg. Er ging durch die Ingeniernaja und wollte gerade die Straße zum Michailowschen Palast überschreiten.

Da klammerte sich ein altes, zerlumptes, zusammengeschrumpftes, triefäugiges Weiblein fest an seine Hand, damit er ihm über die Straße helfe. Und obwohl es so klein war – nichts als ein Häuflein Knochen – so erschien es ihm, wie es mit seinen knöchernen Fingern so fest an ihm hing, als hätte es überhaupt keine Beine, so schwer, daß er mit Mühe die Schienen erreichte. Und während er die Schienen überschritt, wurde die Alte noch schwerer, und es war ein Wunder, daß er nicht unter den Wagen geriet: der sausende, ununterbrochen klingelnde Wagen flog so hart an ihm vorbei, daß ihm ganz heiß wurde.

Marakulin ließ die Alte stehen und begann zu laufen. Abwechselnd flammendheiß und eiskalt lief er in der Richtung des Narva-Tores. Er floh vor der knöchernen Alten, er floh vor seiner letzten Frist, und gerade auf das Narva-Tor zu, unter den Bogen: dort war keine knöcherne Alte und wird nie eine sein, dort wird er seine letzte Frist, seine Stunde, seinen Sabbat vergessen.

Aber als er die Gorochowaja erreichte, ging er nicht die Ssadowaja entlang, sondern bog in die Fontanka ein.

Auf der Fontanka, im Seitengäßchen, in der Nähe des Burkowschen Hauses, wurde ein junges Mädchen – offenbar eine Revolutionärin – von der Polizei verfolgt. Die Schutzleute hatten das Gäßchen umzingelt und man konnte nicht passieren. Marakulin blieb stehen.

Die Jagd dauerte ziemlich lange, endlich wurde das Mädchen von einigen Männern in Zivil, Spitzeln offenbar, dicht umringt und zu einer Droschke geführt. Die Revolutionärin erinnerte ihn durch etwas an die Wandersängerin von gestern, an das kleine Mädchen. Vielleicht erinnerte ihn an Maria ihr offenes, reines Gesicht, das aber frisch und rosig war. Sie war schlank. Die Haarnadeln waren ihr herausgefallen, der Strohhut saß schief und das volle blonde Haar war aufgelöst. Der Reviervorsteher setzte sich zu ihr in den Wagen und man führte sie ab.

„Maria Alexandrowna,“ – dachte Marakulin, „so ist Maria Alexandrowna, die sich selbst zum Opfer auserkor, und bereit ist, noch einmal für die Menschheit zu sterben!“ Er ging weiter, am Burkowschen Hof vorbei, die Fontanka entlang.

An der Ismailowschen Brücke, drei Schritte von der Bierwirtschaft, holte er eine Dame ein. Sie war nicht mehr jung und schon ganz grau, aber kräftig und gesund, ging sie im gleichmäßigen Schritt, als spazierte sie nur der Motion wegen. Als aber Marakulin sie überholen wollte, beugte sie sich etwas vor und begann ganz unsinnig zu laufen. In diesem Augenblick knallte aus dem Wirtshaus ein Schuß und ein zweiter, Hilferufe ertönten – und auf dem Bürgersteig lag mit durchschossenem Rücken, das Gesicht an die Steine gepreßt, die Dame – die gesunde, kräftige, alte Frau, und neben ihr, noch rauchend, der versengte Klappstuhl.

„Da hast du die Unsterbliche!“ dachte Marakulin, als er in der Ermordeten seine unglückselige Generalin erkannte, dieses auserwählte Gefäß, die Laus, die er mit dem königlichen Recht beschenkt hatte, in jener grausamen Burkowschen Nacht.

Nun war ihr das königliche Recht vom blinden Zufall geraubt, und auch der Klappstuhl hatte ihr nicht geholfen.

Von der Fontanka und den Seitengäßchen strömte eine Menschenmenge herbei. Alle starrten mit Neugierde, mit Schrecken und mit jener besonderen Schadenfreude, mit der lebendige Augen in tote blicken, in das Gesicht der Toten. Sie aber, die Unsterbliche, Sündenlose, Kummerlose, lag da unbeweglich, mit ihrem durchbohrten Rücken, hilflos, leblos, unselig.

– Das ist eine von unseren Burkowschen, die Generalin Cholmogorowa! – erklärte Marakulin dem herbeigeeilten Schutzmann.

Man trug die Generalin fort. Der weiße Schleier auf ihrem Hut war aufgegangen und schleifte flatternd nach wie Spinnweb. Marakulin schritt der Menge voraus, hinter dem Klappstuhl.

Und wieder ging er an seiner Wohnung vorbei in die Gorochowaja, und von da weiter bis zum Admiralitätspalast und wiederholte immer wieder vor sich ganz stumpf: „Da hast du die Unsterbliche! Da hast du Unsterblichkeit!“

Im Alexandergarten setzte er sich erst auf eine Bank, plötzlich aber sprang er wie gestochen auf und ging weiter. Vor dem Denkmal Peters des Großen blieb er stehen.

– Peter Alexejewitsch – sagte er, zum Denkmal gewandt, – Eure kaiserliche Majestät! Das russische Volk trinkt Aufguß von Pferdemist und gewinnt das Herz Europas für anderthalb Rubel mit Gurken. Mehr habe ich nicht zu sagen! – Er zog den Hut, grüßte und ging weiter, den Englischen Kai entlang, über die Nikolaibrücke auf die Wassiljewskiinsel.

Auf dem kleinen Boulevard zwischen der Siebenten und der Sechsten Linie, hinter dem Ssredny-Prospekt versperrte ihm eine Menschenansammlung den Weg. Die Menge stand schweigsam, ohne ein Wort zu sprechen, und es war ungewöhnlich still. Unter einem Baum saß eine alte Frau, ihr von schweren weißen Flechten umwickelter Kopf zitterte. Sie sah starr vor sich hin. Nicht Tränen, sondern Blut floß ihr die Wangen herab, in stillen Bächlein aus den demütig stillen Augen.

„Sie hat umsonst gewartet“, dachte Marakulin, „sie hat es nicht erlebt. Sie hat das gottgefällige Werk nicht vollbracht, sie hat ihr Glück niemand überliefert, die Unglückselige!“ – Und er verspürte plötzlich einen schrecklichen Durst, als hätten ihn diese stillen, blutigen Tränen versengt.

Nicht weit vom Kleinen Prospekt auf der Siebenten Linie befand sich neben einem großen Gebäude in einem kleinen einstöckigen Häuschen eine Schankwirtschaft. Marakulin fand noch ein letztes vergessenes Zehnkopekenstück in der Tasche und ging hinein: der Durst quälte ihn unerträglich.

Er setzte sich an ein schmutziges, nasses Tischchen, mit dem Gesicht zum Fenster und nahm ganz mechanisch eine Zeitung zur Hand, nicht um zu lesen.

– Einen Hungrigen kann man satt machen, einen Armen kann man reich machen – er vernahm eine bekannte Stimme und bekannte Worte, – aber sobald du verliebt bist und dein Gegenstand erweist dir keine Gegenseitigkeit, da kannst du meinetwegen platzen, es gibt keine Hilfe!

„An Murkas Tage war es, der unruhige alte Gwosdjow, der sagte es!“ erinnerte sich Marakulin, legte die Zeitung weg und trank das lauwarme Bier.

– Sie scherzen immer, Alexander Iwanowitsch, – – ich habe neulich eine Maus aufgegessen, Alexander Iwanowitsch, – auf dem Hof des Athosklosters – für fünf Rubel. Ich habe mit der heiligen Brüderschaft gewettet. „Ißt du die Maus auf, Gwosdjow,“ sagten sie, „dann ist der Fünfer dein, wenn nicht, mußt du uns bezahlen!“ Schön. Sie fingen gleich ein Mäuslein, im Klosterhof gibt es viele. Es war eine graue, junge. Ich zog dem Mäuslein die Haut ab, röstete es an den Seiten ein wenig an, wegen des Wohlgeschmacks, zerschnitt es in Scheibchen, salzte es, sprach den Segen und aß es auf. Und aß das Mäuslein auf. Ich nahm die fünf Rubel und wollte mich vor Lachen ausschütten. Ich sagte: „Und ihr seid mir noch Athonische, hehe ... fünf Rubel für ein junges Mäuslein; ich hab’ ja bei Prokopij dem Gerechten so eine Ratte und dazu ohne Salz für einen Rubel gegessen!“ Wenn man sich nur durchfrettet, Alexander Iwanowitsch!

Und als Antwort auf Gwosdjows Worte erklang eine gerührte Stimme:

– Euretwegen geh’ ich zugrunde, ihr lieben Aeuglein!

– Ich selbst bin auch auf Weiber lecker, Alexander Iwanowitsch!

Gleich darauf fiel etwas schwer auf den klebrigen Boden, begann zu strampeln und bitter zu weinen, so bitter, wie nur Kinder weinen, so bitter, wie Akumowna weinte, als sie durch Marjas Gesang an alle ihre Erlebnisse erinnert wurde.

Nachdem er das laue Bier, das seinen Durst noch gesteigert, ausgetrunken hatte, ging Marakulin hinaus.

Er ging seinen glatten geraden Weg auf den Newsky. Die Nacht sank bereits herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Dort wollte er ihr die ganze Nacht auflauern. Er wird sie sehen, ihr alles erzählen, von ihr Abschied nehmen. Und er wird sich nicht irren. Es ist ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.

Die weiße Nacht trügt nicht: Werotschka erschien auch bald. Er erkannte sie an ihrem schwarzen Kleide. Aber er erstarrte vor Entsetzen: alle Frauen waren ausnahmslos in Schwarz – alles an ihnen war schwarz, die Kleider, die Hüte, die Handschuhe. Sie wichen nicht mehr aus, sie gingen sicher und stolz am Polizisten in der weißen Sommeruniform vorbei, sie umsegelten den Polizisten in Weiß wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz, von der Snamenje-Kirche zur Admiralität und von der Admiralität zur Snamenje-Kirche.

– Werotschka – rief er, – Werotschka! – Er sah einer jeden in die Augen, ohne eine auszulassen, und etwas Kaltes und Dunkles ringelte sich wie eine Schlange um sein Herz. Es war die Verzweiflung, die sich um sein Herz ringelte.

Schon schritt der Tod auf verschlungenen Seitenpfaden seiner Schwelle zu.

Die ganze Nacht streifte er herum, voll Verzweiflung und Todesbangen, sah jeder Frau in die Augen, ohne auch nur eine zu übersehen, blieb zuweilen auf der Anitschkowbrücke stehen und ließ sie Alle an sich vorbeipassieren. Sie umsegelten ihn, wie den Schutzmann in Weiß, sie schritten sicher und stolz, wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz von der Snamenje-Kirche bis zur Admiralität, und von der Admiralität bis zur Snamenje-Kirche.

Und als die Sonne aufging und all die schwarzen Gestalten irgendwo verschwanden und keine einzige mehr blieb – niemand war mehr auf dem Newsky außer den Schutzleuten in Weiß – da wandte sich Marakulin durch die Litejnaja zum finnländischen Bahnhof.

Er beschloß ganz plötzlich, – vielmehr es beschloß in ihm von selbst – nach Tur-Kila in die Sommerfrische zu Wassilij Iwanowitsch zu fahren, zu Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna. Sie haben ihm ja schon oft geholfen, sie werden ihm auch jetzt helfen, sie werden ihm Milch geben, – er hat Hunger – er ist ja nur zwölf Jahre alt! – sie werden ihm Milch geben ...

Es war der Sonnabend vor Pfingsten und auf der Litejnaja wurden die Pfingstbäumchen angefahren: lockige grüne Wagen zogen durch die Straße, voll von grünen jungen Birken.

Auf dem finnländischen Bahnhof verkehrten noch keine Züge. Er mußte warten, aber er wollte nicht auf dem Bahnhof warten. Marakulin ging erst über die Schwellen der Schienen, aber nachdem er ein Weilchen gegangen war, verließ er die Schienen, setzte sich an den Rand eines Grabens und schlief ein. Er schlief so fest, wie Plotnikow die zwei Tage nach jenem schlimmen Delirium-Anfall geschlafen hatte.

Als er erwachte, war es Abend, der Sonnabend ging zur Neige. Und wieder jäh von dem düsteren Gedanken getroffen, daß sein Ende der Sabbat sei, wurde er eiskalt. Er wollte an seinen Traum nicht glauben und glaubte doch, und indem er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.

Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht hat.

Der Sabbat war gekommen, der Sabbat ging zur Neige, seine letzte Frist, seine letzte Stunde nahte.

Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.

Es war ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.

Oder vielleicht war der Traum nur ein Traum und in Wirklichkeit würde etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht töricht? Wer weiß, wohin das führte?

Warum hatte er bloß Akumowna diesen düsteren Traum nicht erzählt, Akumowna konnte ihn vielleicht deuten, sie, die Göttliche wüßte zu sagen, ob er wahr sei oder nicht.

Marakulin stürzte erregt zur Trambahn und stieg in einen Wagen. Da erinnerte er sich, daß er sein letztes Zehnkopekenstück in der Wirtschaft ausgegeben und sprang ab und lief zu Fuß nach der Fontanka, die Elektrische fast überholend.

Er erreichte die Fontanka und das Burkowsche Haus, aber es wurde ihm nicht leicht, in die Wohnung zu gelangen. Es schien ihm, als hätte er mindestens eine halbe Stunde geklingelt, aber niemand öffnete und keine Stimme ließ sich vernehmen. Er hörte zu klingeln auf und begann an die Tür zu klopfen, aber auch auf das Klopfen erwiderte niemand. Es blieb still in der Wohnung, nur der Wind pfiff durch die Türspalte, – offenbar standen die Ofenklappen auf – der Wind pfiff unheimlich.

Noch einmal klingelte Marakulin, klopfte noch einmal, wartete und ging dann in die Portierloge. Aber auch Nikanor war nicht da. Er war in irgendeinen Kramladen gegangen; Wanjuschka aber, Nikanors Sohn, wußte nur zu sagen: er habe Akumowna am Morgen gesehen, seitdem sei er nicht mehr bei ihr oben gewesen; Akumowna sei zu Hause. Dabei lachte er über irgend etwas.

Wenn sie aber zu Hause war, warum hörte sie nicht das Klopfen und öffnete die Tür nicht? Er hatte ja mindestens eine halbe Stunde geklingelt und nicht weniger lange geklopft. – War die Alte etwa tot?

Er ging in das Seitengäßchen, trat ins Haustor und stieg die Hintertreppe hinauf. Aber seltsam: – während er hinaufstieg, glaubte er plötzlich in der Auferstehungskirche auf der Taganka[14] zur Abendmesse läuten zu hören, und sein Herz begann voll Unruhe rasch zu pochen.

Die Tür in die Küche war nicht verschlossen. Akumowna saß am Herd, ihr Kopf war mit einem weißen Tuch umwickelt – mit einem weißen Tuch. Er erinnerte sich an die nächtlichen Worte aus seinem Traum in der Donnerstagnacht: „Die Mutter wird in Weiß sein.“ Vor Akumowna lagen auf einem Tellerchen zwei Eier, das dritte aß sie grade. „Das Pfund!“ flog es Marakulin durch den Sinn, „– das ist das Pfund!“

Akumowna lächelte nicht, und ihre Augen waren fremd und hervorquellend. Nicht Akumowna saß am Herd, nein, nur eine, die Akumowna ähnlich sah. Und Entsetzen übermannte Marakulin.

– Guter, gnädiger Herr! – Akumowna erhob sich plötzlich von ihrem Platz und sprach die Worte mit einer heiseren, betrunkenen Stimme, die der Stimme Akumownas nur von ferne glich.

Marakulins Kräfte waren zu Ende, er klammerte sich an den Türpfosten und begann zu stöhnen.

– Lieber gnädiger Herr, Gott behüte Sie, gnädiger Herr, Peter Alexejewitsch! Gleich bereite ich den Samowar, im Augenblick! – Jetzt wurde sie auf ihre gewöhnliche Art geschäftig, legte das Ei fort, ergriff den blanken Samowar und begann mit dem Blechrohr zu klappern.

Marakulin ließ sich auf Akumownas Bank nieder, konnte aber nichts sagen; die Kehle war ihm zugeschnürt und seine Lippen bebten.

– Lieber gnädiger Herr, – Akumowna machte sich mit dem Samowar zu schaffen, – mit mir ist was passiert, ich wäre fast gestorben, aber Gott hat sich meiner erbarmt!

In der Tat, mit Akumowna hatte sich etwas ereignet, und wie sie dabei heil geblieben, war das reinste Wunder – Gott hatte sich ihrer erbarmt. Darum hatte sie weder das Klingeln noch das Klopfen gehört. Ja, es sei noch ein Glück, daß sie Marakulin überhaupt erkennen konnte und noch so viel Stimme hatte, um ein Wort hervorzubringen. Die Eier aber esse sie, um wieder zu Stimme zu kommen, und wenn auch heiser, so doch sprechen zu können und nicht wie eine Kuh zu muhen; – man könne auch das noch erleben.

Akumowna war nämlich am Morgen auf den Boden hinaufgestiegen. Sie wollte die Wäsche, die dort hing, abnehmen, um sie noch vor der Abendmesse zu Pfingsten fertig zu plätten. Aber irgend jemand hatte sich wohl den Spaß gemacht, sie dort einzuschließen. Sie hatte zu schreien begonnen und schrie wohl ziemlich lange, aber niemand hörte sie. Es war ja kein Mensch in den Wohnungen, da sich alle in der Sommerfrische befanden, und keine Köchin, kein Hausmädchen hatte etwas auf dem Boden zu tun. Akumowna wußte, daß es nutzlos war, rief aber doch. Was sollte sie wohl anderes tun? Und wie sollte sie nicht schreien? Sollte sie auf dem Boden bleiben – wie lange? bis zum Herbst? bis die Leute aus der Sommerfrische zurückkehren würden? oder bis sich jener ihrer erbarmt, der sie eingeschlossen hatte? konnte man sich darauf verlassen? Man konnte sie ja inzwischen vergessen haben! Konnte man es wissen? Und auf dem Boden bleiben konnte sie doch auf keinen Fall! Sie war schon ganz heiser vom Schreien. Und so kroch sie im Dunkeln herum, um das vernagelte Fenster zu finden: sie hatte sich erinnert, daß da ganz unten am Dach ein Fenster war. Sie tappte um sich herum und fand schließlich eine Spalte, fand das mit Brettern vernagelte Fenster. Sie krallte sich in ein Brett, um es abzureißen, aber es saß zu fest, und wie sehr sie sich anstrengte, gelang es ihr nicht, die Oeffnung zu erweitern. Die Spalte aber war so klein, daß kaum eine Maus hätte durchschlüpfen können. Sie hing sich daran mit aller Kraft, riß mit beiden Händen – endlich gab es nach. Gott sei Dank, freies Licht! Sie bekreuzigte sich und stieg auf das Dach hinaus. In der Verwirrung aber wandte sie sich nach der herrschaftlichen Seite, nach den Kasernen zu. Sie kroch auf allen Vieren, aus Angst, auszurutschen, und schrie. So kam sie bis zum Schornstein, richtete sich am Schornstein auf, zog die Stiefel aus und warf sie auf die Straße. Die Kinder aber fingen die Stiefel auf und trugen sie davon. Sie stand barfuß, hielt sich am Schornstein fest und schrie. Und da sie dachte, daß niemand ihr bloßes Geschrei beachten würde, so schrie sie: der gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf der Fontanka aber ist es so laut, die Dampfpfeifen, die Automobilhupen übertönen jedes Geschrei. Da sie barfuß nicht mehr auszugleiten fürchtete, entfernte sie sich vom Schornstein, ging auf dem Dach hin und her und schrie immer wieder: der gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf dem Nachbardach arbeiteten Maler, die hörten es. „Was schreist du, Frauchen,“ riefen sie, „spring zu uns herüber,“ und lachten. Wie aber sollte sie hinübergelangen, wenn sie ihr keine Leiter reichten – sie hatten alle ihre Leitern selbst nötig – sie war doch keine Katze! Aber der erste Schreck war nun vorüber, und nachdem sie erst eine menschliche Stimme vernommen, erholte sie sich etwas und kam auf den Gedanken, auf die andre Seite hinüberzugehen, auf die Rückseite des Hauses, um dort an der Regenrinne entlang in den Hof hinunterzugleiten. Denn sich an der Rinne hinaufzuziehen, meinte Akumowna, sei schwer, die Hände könnten ohnmächtig werden, aber hinabzugleiten sei leicht: wenn das Rohr nur nicht aus den Händen entweicht, glitt man bequem hinab. In dieser Erwägung begab sie sich auf die Rückseite des Hauses und geradeaus zur Wasserrinne; – sie war nicht schwindlig. Schon hatte sie mit beiden Händen die Bekrönung erfaßt und die Füße herabgelassen, um die Rinne zu umklammern, da schrie Nikanor von unten: „Halt, Frauchen, kriech nicht, ich werde dir aufmachen!“ und lachte. Sie mußte nun über das ganze Dach zurück und sich durch das Fenster auf den Boden hinunterlassen.

– Sechs Stunden habe ich mich so gequält, lieber gnädiger Herr, bin beinahe gestorben, aber Gott hat mich gerettet, hat sich meiner erbarmt! – schloß Akumowna.

Inzwischen begann das Wasser im Samowar zu sieden, der rote Jurawljowsche Sänger schnaubte und schickte sich zu seinem Abendgesang an. Marakulin, der sich während der Erzählung Akumownas etwas erholt hatte, ging in sein Zimmer.

Vielleicht war es möglich, daß sein düsterer Traum sich gar nicht auf ihn, sondern auf Akumowna bezog? – Oder sollte es doch nicht möglich sein, da man nicht für andre träumt? – Warum sollte man aber nicht auch für andre träumen können!

Aber der Tag war noch nicht zu Ende, die Nacht kam, es kamen die letzten Stunden; es nahte die Stunde, da es galt, Rede und Antwort zu stehen, Rechenschaft zu geben und zu fordern.

Akumowna brachte den Samowar, aß in der Küche ihre Eier, um ihre Stimme zu heilen, und kam wieder zu Marakulin herein, nach ihrer Gewohnheit mit den Karten in der Hand. Marakulin aber lehnte ab: er wolle keine Karten gelegt haben, er wolle ihr lieber seinen Traum erzählen, nur möge sie ihm die reine Wahrheit darüber sagen.

Und er erzählte ihr ausführlich seinen düsteren Traum, alles genau hintereinander – er erinnerte sich ganz deutlich an jede Einzelheit. Er erzählte von der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen, und wie sie ihm eine Frist gesetzt hatte: den Sabbat, und von der Mutter mit dem Kreuz auf der Stirn, und wie die Mutter geweint hatte.

– Was bedeutet dieser Traum, Akumowna?

Akumowna schwieg, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.

Und plötzlich wieder von dem schwarzen Gedanken getroffen, daß seine Frist der Sabbat sei, wurde Marakulin eiskalt.

– Also ist alles wahr – dachte er, – denn warum schweigt Akumowna? – Also ist alles wahr, und in einigen Minuten würde seine Frist vollendet sein, seine Stunde schlagen, sein Ende?

Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht hat.

– Akumowna, ist es wahr, oder nicht wahr?

– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – erwiderte Akumowna, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.

Da schnarrte die Uhr in der Küche und begann langsam zu schlagen, einen Schlag nach dem andern. Es schlug Zwölf. Der Sabbat war zu Ende, und der Sonntag begann.

– Akumowna, hat es Zwölf geschlagen? – fragte Marakulin unsicher.

– Zwölf, gnädiger Herr, Schlag Zwölf!

– Es ist also schon Sonntag?

– Ja, Sonntag, der heilige Sonntag, gnädiger Herr. Schlafen Sie wohl, Gott sei mit Ihnen! – Akumowna ließ den singenden Jurawljowschen Samowar stehen und ging in die Küche schlafen.

Doch Marakulin konnte nicht schlafen. Er wartete ab, bis Akumowna ruhig wurde, deckte den Samowar zu, dann nahm er ein Kissen, legte es aufs Fensterbrett, wie es die Burkowschen Mieter, die in Petersburg übersommern, machen, und lehnte sich hinaus. Nein, er wollte nicht schlafen, die ganze Nacht nicht: der Sabbat war zu Ende, der Sonntag hatte begonnen!