Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend
Part 7
Der Großvater lag still mit gefalteten Händen da, und die Mutter flüsterte: »Er stirbt!« Aber wunderbar, von jener Stunde an wurde es besser mit ihm. »Mein Gott läßt mich noch leben, bis das Vaterland frei ist,« sagte er freudig.
So wurde es auch. Das neue Jahr brachte die Freiheit. Bei Leipzig kämpfte Ferdinand von Hartenstein als ein Held wie Tausende und Tausende mit ihm.
Er wurde verwundet und lag lange schwer darnieder; aber als wieder die Adventsglocken tönten und zum vierten Mal mahnten, an das hohe Fest der Liebe zu denken, kehrte Ferdinand heim. Der Großvater lebte nur noch wenige Tage. Er schlief friedlich ein mit dem Bewußtsein, daß sein geliebtes Vaterland frei wurde von fremder Herrschaft.«
Frau Fries schwieg, und ein Weilchen war alles ganz still im Zimmer. Endlich tat Frau Besenmüller einen tiefen Atemzug und sagte feierlich: »Gott behüte uns vor solchen Zeiten!«
»Sie sind uns vielleicht näher, als wir ahnen,« sagte der junge Lehrer schwer. Aber das hörte nur seine Mutter und Besenmüller. Fräulein Regine hatte einen kleinen Stab geschwungen, und jauchzend tönte es durch das Schulzimmer:
»Es gibt nichts Schönres auf der Welt, Als wenn das Christkind Einzug hält Ins Haus, ins liebe Vaterhaus, Trotz Sturmgetön und Wetterbraus. Es kommt so still in heil’ger Nacht Durch Schneegeflock und Eises Pracht. Begleiter ist der Weihnachtsmann, Der trägt, was er nur tragen kann. Wenn’s Kindlein noch so arm und klein, Das Christkindlein gedenket sein: Im Hüttlein schlecht, im reichen Haus Teilt es die Liebesgaben aus. Drum gibt’s nichts Schönres auf der Welt, Als wenn das Christkind Einzug hält.«
»Und nun geht’s heim!« Frau Fries sagte es, als das Lied verklungen war. Ein paar Minuten später liefen die Kinder jauchzend die Dorfstraße entlang, und Frau Besenmüller räumte auf. Sie brummte dabei nicht wie sonst, sondern sagte vergnügt: »Scheene war’s, sehr scheene!«
Achtes Kapitel
Geburtstagsveilchen
Warum die Schulglocke einer entthronten Königin gleicht und Frau Besenmüller nicht mehr Reisig zu holen braucht -- Die Zeit läuft, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen, und Besenmüller, der kein Gespenst ist, erzählt eine Geschichte, die erst im nächsten Kapitel steht
Über der Adventsfeier hatten die Kinder alle miteinander die Schulklingel im Holzstall vergessen. Nur Schwetzers Fritze dachte daran. Wenn nun Frau Besenmüller die Klingel nicht fand! Dann würde sie schelten und schreien, und der Herr Lehrer würde es hören und die alte Frau Lehrerin, und sie würden böse werden. Nein, das durfte nicht sein. Zwischen Abendessen und Zubettgehen schlich sich Fritze noch einmal zum Schulhaus hin. Vielleicht fand er einen Kameraden, der ihm half. Aber es war kein Bube weit und breit zu sehen, dafür kam jemand anders, als Fritze gerade am Holzstall anlangte: der Herr Lehrer selbst. Fritze erschrak heftig und blieb wie erstarrt stehen.
»Na du, was tust du denn hier?« Heinrich Fries sah erstaunt drein. »Warum bist du denn noch nicht daheim?«
Fritze hätte nun gern die Wahrheit gesagt, aber vor Schreck war ihm der Mund noch fester verklebt als sonst, und in seiner Verlegenheit drehte er sich um und rannte, ohne Antwort zu geben, davon. Der junge Lehrer sah ihm ärgerlich nach. »Der ist verstockt!« dachte er, und oben erzählte er dann seiner Mutter, Schwetzers Fritze sei ein Heimlicher, von ihm wüßte er nie recht, was er im Sinne habe. Fritze lief heimwärts, sehr bedrückt, aber dicht am Haus traf er Arne. Sie waren Nachbarn und hielten auch gute Nachbarschaft. Dem Freund gegenüber tat sich sein Mund auf, und er sprach von seiner Sorge.
Arne lachte ihn aus. »Besenmüllern muß doch früh Holz holen, da sieht sie ja die Bimmel!«
Freilich, das stimmte. Fritze atmete auf und vergaß nun ebenfalls die Klingel. Er träumte auch in dieser Nacht nicht von der großen, strengen Ruferin zur Schule, von dem Kaiser Napoleon selbst träumte er. Der verlangte von ihm, er solle geschwind nach Rußland laufen. Fritze ängstigte sich sehr und sträubte sich, da wurde Napoleon fuchsteufelswild, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht gerade die Mutter gerufen hätte: »Aufstehen, ’s is balde Schulzeit!«
Es gab an diesem Morgen noch viel zu reden von gestern. Mädel und Buben standen auf dem Dorfplatze zusammen und schwätzten und freuten sich, daß sie alle so früh gekommen waren. Frau Besenmüller klingelte immer dreimal, das erste Mal hieß: »Nun rüstet euch, es ist Zeit!« Das zweite Mal wollte sagen: »Geschwind, geschwind ins Haus hinein!« und das dritte Mal verkündigte: »Aufgepaßt, der Herr Lehrer kommt!«
Noch hatte die Klingel nicht einmal getönt, und die Kinder schwätzten und vergaßen es, sich zu wundern, wie lange es heute währte, ehe es bimmelte.
Frau Besenmüller aber rannte inzwischen im Haus aufgeregt treppauf, treppab, -- wo war nur die Klingel? Gestern noch hatte sie unten im Türwinkel gestanden, nun fehlte sie. »Wie närrsch bin ich,« brummelte die Frau, »so ’ne Klingel is doch niche wie ’ne Stecknadel, die in ’ne Ritze fällt. Nä, so was!«
Ihr Mann kam heim, der war schon beim Ortsvorsteher gewesen, er fragte verwundert: »Du klingelst ja niche!«
»Die Bimmel fehlt.«
»I nä!«
»Frau Besenmüller, warum klingeln Sie nicht?« ertönte da die Stimme des jungen Lehrers.
»Die Bimmel fehlt,« jammerte Frau Besenmüller. Und klagend beschrieb sie, wo die Klingel gestanden habe, und auf einmal sei sie verschwunden.
»Die haben se versteckt,« knurrte der Mann. »Ich hol’ se alle rein.«
Heinrich Fries kam plötzlich die Begegnung mit Schwetzers Fritze gestern am Holzstall in Erinnerung, und er sagte rasch: »Sehen Sie mal im Holzstall nach.«
Und richtig, da war sie. Wie eine entthronte Fürstin saß die dicke Klingel auf dem Holzstoß, und Frau Besenmüller nahm sie und schwang sie, da gellte ihre Stimme in die Weite.
»Es bimmelt!« In all die Buben- und Mädelbeine auf der Dorfstraße fuhr der Ton. »Bimbimbimbim!« Das schrie und schalt, so laut, so böse hatte die Schulglocke noch nie getönt. »Bimbimbimbim!« Das hörte gar nicht auf, und die Kinder rannten alle in der größten Eile ins Schulhaus.
Dort fanden sie zu ihrer Überraschung ihren Lehrer schon im Schulzimmer. Der hielt seine Uhr in der Hand, zeigte darauf und sagte streng: »Ihr kommt alle zu spät.«
»Es hat doch erst gebimmelt!« verteidigten sich etliche.
»Ja freilich, die Klingel war versteckt. Fritz Schwetzer, hast du die Klingel versteckt?« Fritze sank fast zu Boden vor Schreck, als ihn der Herr Lehrer so drohend ansah. Er klappte den Mund auf und zu, aber er brachte kein Wort heraus.
»Dir steht das schlechte Gewissen an der Stirn geschrieben, und da du mir keine Antwort gibst, bist du es jedenfalls gewesen. Du warst gestern noch spät an Besenmüllers Holzstall. Du wirst jeden Tag in dieser Woche eine halbe Stunde nachsitzen.«
Wieder klappte Fritze den Mund auf und zu, und wieder brachte er kein Wort heraus. Dafür aber trat Arne vor, und Jackenknöpfle, Zimplichs Max und ein paar andere folgten. »Ich war’s, Herr Lehrer,« rief Arne mit heller Stimme.
»Ich auch.« -- »Ich auch.« -- »Ich auch,« klang es nach, und nun endlich fand Fritze seine Sprache wieder, und im Baß brummte er nach: »Ich auch.«
»Also ihr waret es alle!« Prüfend überschaute der Lehrer die Buben, er schaute schon viel milder drein. »Wie war denn das? Arnulf Weber, erzähle du einmal!«
Und Arne erzählte frank und freimütig, auch von Fritzens abendlichem Gang nach dem Holzstall.
»So äne ausgesuchte Bosheit!« schrie Frau Besenmüller. Die hatte ganz leise die Türe ein Ritzchen aufgemacht und hatte draußen gehorcht. »Wartet ihr nur, ihr Rasselbande!« Sie streckte den Kopf zur Türe hinein, drohte mit der Hand und fuhr blitzschnell wieder zurück. Von der Treppe her sagte ihr Mann vorwurfsvoll: »Na, wenn nu das de Kinner täten, Lydia!«
Tief beschämt zog Frau Besenmüller ab, und innen sagte der junge Lehrer: »Für diesmal sei euch die Strafe geschenkt, weil ihr es eingestanden habt. Aber wem es recht leid tut, der sammelt heute nachmittag für Frau Besenmüller ein Bund Reisig im Walde; ihr selbst wird das Bücken schwer.«
Danach begann der Unterricht. Die Kinder waren alle mäuschenstill und sehr eifrig. In der letzten halben Stunde erzählte ihnen Heinrich Fries noch etwas von der Zeit vor hundert Jahren. Das tat er jetzt oft, und die Kinder meinten, zwischen 1913 und 1813 sei die Zeit gar nicht lang, sie lauschten, als wären es Taten von heute. Darüber verrann ihnen allen die Zeit gar geschwind. Auf einmal ertönte draußen die Klingel, als wäre sie noch immer böse, so laut gellte ihre Stimme, und Fritze Schwetzer dachte seufzend: »Wenn sie doch noch im Holzstall säße!«
Sie hatten alle gedacht, Frau Besenmüller würde noch schelten, aber die ließ sich gar nicht sehen, sie saß in ihrer Küche und schämte sich ihrer Horcherei. Der Nachmittag brachte ihr noch eine große Überraschung. Der kurze Wintertag verdämmerte just zum Abend, als in langem Zug Buben und Mädel daherkamen. Jedes trug ein Reisigbündel, und diese vielen Bündel schichteten sie alle vor Besenmüllers Holzstall auf.
Die Frau lief hinaus, und ihr Mann vergaß für einige Minuten sogar Strickstrumpf und Pfeife, er rannte ihr nach. Draußen stand Heinrich Fries, der lachte über das ganze Gesicht und erklärte die Sache.
»Nä, so was, so was!« Frau Besenmüller führte die Schürze an die Augen, sie war tief gerührt, ganz stumm blieb sie vor lauter Rührung. Erst oben bei sich fand sie die Worte wieder, und sie sagte zu ihrem Mann: »Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird’s gut.« --
Daß es schon gut geworden sei, meinten viele Leute im Dorf. Die Mädel und Buben sagten nichts dazu, wenn sie aber ihren Lehrer die Straße daherkommen sahen, dann rannten sie nicht mehr weg, sondern liefen ihm entgegen und grüßten ihn mit frohem Lachen. »So muß es sein,« dachte die alte Frau Fries, und sie seufzte doch leise dazu. Ihr Sohn freute sich wohl über das wachsende Zutrauen der Steinacher, aber an ihm zehrte doch die Sehnsucht nach der großen Stadt. Er zeigte es nicht, aber die Mutter spürte es, und das Herz tat ihr darum weh. --
Auch in der Stille von Steinach hatte jeder Tag nur vierundzwanzig Stunden, und Tag reihte sich an Tag. Eine Woche vorbei, Weihnachten da, Weihnachten vorüber. Das neue Jahr stand vor der Tür, das alte Jahr nickte noch einmal in alle Häuser hinein; es sah, wie in Steinach die Christbäume brannten, wie Blei gegossen wurde und die Kinder auf Waschschüsseln Lebensschifflein schwimmen ließen, -- vorbei, vorbei!
Das neue Jahr rief die Kinder wieder in die Schule, und Frau Besenmüller seufzte: »Nu geht das Geschrei wieder los.« Aber das neue Jahr, das sich stolz 1914 nannte, hatte ein strenges Gesicht aufgesetzt, es dachte »nicht verwöhnen«, und Meister Januar kam mit viel Schnee und Eis einher. Er blieb, solange er durfte, er zwackte seinem Bruder Februar noch einen Tag ab, dann erst ließ er ihn herein. Der nun liebäugelte schon ein wenig mit dem Frühling; warme, sonnige Tage kamen, ein milder Wind wehte, bis es dem Februar wieder einfiel, daß er eigentlich ein Wintermonat sei. Und schwuppdirwupp schüttelte er ein paar Schneesäcke aus, überzog die Wässer mit Eis und schnob die Menschen an: »Geschwind hinter eure Kachelöfen, da gehört ihr hin!«
Doch vorbei, vorbei! Der März löste den Februar ab, und je länger er auf der Erde war, desto milder wurde sein Lächeln. Und dies milde, sonnige Lächeln lernte der April von ihm, der sonst ein rechter Bube in der Zeit der Flegeljahre ist. Den Schnee trank die Sonne auf, das Eis zerfloß, und unversehens blühten in Steinach die Veilchen. Und nirgends blühten sie reicher als auf dem Schafskopf.
Eines Tages wanderte Heinrich Fries mit seiner Mutter zur Schelmenburg empor, und dort sahen sie beide das holde Frühlingswunder: Heckenrosen im Sommer, Veilchen im Lenz, das waren die Blumen des Schafskopfes.
Es war ein sonnenheller Frühlingstag, und der junge Lehrer sagte droben am Ziel laut das kleine Lied:
»Saatengrün, Veilchenduft, Lerchenwirbel, Amselschlag, Sonnenregen, linde Luft! Wenn ich solche Worte singe, Braucht es dann noch großer Dinge, Dich zu preisen, Frühlingstag?«
Ganz still schauten Mutter und Sohn von der Höhe nieder in die liebliche Landschaft. Da wurde plötzlich die Stille durch hellen Singsang unterbrochen, aber Lerchen und Amseln waren es nicht, und Heinrich Fries kannte seine Vöglein wohl, die da zwitscherten. Die Steinacher Kinder kamen den Berg herauf. Die Schelme wollten die Schelmenburg besuchen. Sie kamen aber nicht sacht und gemessen, wie man wohl zu vornehmen Leuten geht, ihre Stimmen klangen immer lauter, und es war eigentlich ein Wunder, daß der alte Turm nicht vor Schreck über den Lärm umpurzelte.
»Holla, wo kommt ihr denn her?« Heinrich Fries stand vor Mädeln und Buben, und jäh verstummten alle. Doch nur für einen Augenblick, dann schnatterten sie los. »Wir wollen Veilchen suchen. Fräulein Regine hat Geburtstag morgen, und die kriegt immer Veilchen, allemal.«
»Wenn se nämlich blühen,« fügte Jackenknöpfle vorsichtig hinzu.
Nun, blühen taten sie in diesem Jahr in reicher Fülle. Da und dort schimmerte es ganz blau, und es war nicht schwer, die Körbchen zu füllen. Malchen trug eins, ebenso die Freundin Sylvie, Rosine und Trude Weber auch; da hinein kamen alle Blüten. Später sollten dann Sträuße und Kränze gewunden werden. »Faden haben wir mit, aber die Kränze wollen immer nicht werden,« erzählte Hinzpeters Malchen.
»Pflückt nur schnell, ich helfe euch dann,« versprach die alte Frau Lehrerin. Da gingen die Kinder eifrig ans Werk, während Heinrich Fries seine Mutter auf dem Berg herumführte. Sie war noch nicht oben gewesen, denn der Weg war im Winter schwer begehbar. Plaudernd schritten sie zwischen den Trümmern dahin, als ein lauter Schrei aufgellte; er kam aus einem Winkel, wo noch ein Mauerviereck stand. Von allen Seiten her eilten die Kinder dem Schrei nach. Der junge Lehrer machte lange Schritte, und seine Mutter folgte, so schnell sie nur konnte.
Was war geschehen? War ein Kind gefallen, ein Stück Mauer herabgestürzt? Bleich und zitternd kam Zimplichs Lenchen aus dem Winkel heraus. »Da -- da,« stammelte sie, »sitzt der Alte!«
»Welcher Alte, Kind?« Der junge Lehrer nahm die Hand der Kleinen und fragte noch einmal freundlich: »Welcher Alte?«
»Der alte Schelm, der immer spukt,« schluchzte Lenchen, die auch so ein Angsthäslein war, »und -- und eine große Blume -- oder so was -- hat er.«
»Komm mit, und ihr alle auch, wir wollen uns den alten Schelm mal ansehen.« Heinrich Fries lachte, und sein heiteres Lachen gab den Kindern Mut. Sie folgten mehr neugierig als bänglich, nur Lenchen zitterte wie eine Feder im Wind.
Ein Stück Mauer lag völlig in der Sonne, und auf dieser Mauer saß -- Besenmüller. Er strickte wieder an seinem rosenroten Strumpf und schmunzelte über das ganze Gesicht, als er alle daherkommen sah. »Oh, Besenmüller ist’s nur!« schrieen die Kinder enttäuscht.
»Nu freilich, iche bin’s.« Der Alte zog seinen Mund in die Breite, als wäre der aus Gummi. »Ihr dachtet wohl, hier säße der Herr Arnulf und dächte an alle dummen Streiche, die er gemacht hat in seinem Leben? Nä, so etwas is niche.«
»Besenmüller, ach, erzähl’ uns mal von dem!« bettelten die Kinder.
»Heute niche,« brummelte der Alte, er warf dabei einen etwas scheuen Blick auf Frau Fries und ihren Sohn. Doch auch die baten: »Erzählen Sie, Besenmüller.« Heinrich Fries fügte hinzu: »Ich wollte schon lange darum bitten. Der Herr Pfarrer sagte, es wüßte niemand so viel Schelmengeschichten wie Sie.«
»Na ja, Geschichten sin was Feines!« Besenmüller nickte. Er sah auf die Kinder und auf die noch halb leeren Körbchen. »Aber erst pflückt die Veilchen, denn sonst kriegt ’s Fräulein Regine nischt.«
»Ja, erst pflücken. Wenn wir dann den Kranz und die Sträußchen winden, erzählt Besenmüller,« sagte auch Frau Fries. Zur Eile brauchte sie nicht erst zu mahnen. Die Kinder stoben davon und pflückten nun wirklich mit der allergrößten Emsigkeit. Die Körbchen füllten sich, und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Blumen Frau Fries bringen, die sich auf das sonnenbeschienene Mäuerlein gesetzt hatte. Mit flinken Händen wand sie den Kranz. Die Mädel, denn dazu waren die Buben zu tolpatschig, reichten ihr die Veilchen in kleinen Büscheln zu. Besenmüller strickte emsig seinen rosenroten Strumpf, und dabei erzählte er, wie einst Herr Arnulf von Steinach an des Kaisers Hof gereist war. Die Kinder paßten alle sehr gut auf, am allerbesten aber paßte ihr Lehrer auf. Der schrieb nach, so wie Besenmüller erzählte, denn Besenmüller hatte seine eigene Weise, Geschichten zu erzählen. Wort um Wort kam die Geschichte in Herrn Heinrichs Taschenbüchlein zu stehen, und während er so zwischen den Trümmern der alten Schelmenburg saß, kam es ihm in den Sinn, er möchte ein Buch von den Schelmen schreiben.
»Fertig die Geschichte.«
»Fertig der Kranz,« sagten Besenmüller und Frau Fries fast zu gleicher Zeit. »Fein!« schrieen die Kinder im Chor, und es war nicht recht zu unterscheiden, ob sie die Geschichte oder den Kranz meinten.
Mutter und Sohn aber sagten, die Geschichte habe ihnen sehr gut gefallen. »Ja, und derweile is mein Strumpf fertig geworden. Das is nu en Jammer.«
»Warum denn?« fragte Frau Fries erstaunt. »Ein fertiger Strumpf ist doch ein gutes Ding.« Doch da fiel ihr ein, Frau Besenmüller hatte schon manchmal über ihres Mannes flinkes Stricken geklagt, über die viele Wolle, die es kostete. Nur in Steinach gab es etliche Leute, die rosenrote und kornblumenblaue Strümpfe tragen mochten, in der Stadt wollte sie niemand kaufen. Besenmüllers hatten eine ganze Truhe voller Strümpfe liegen, und am liebsten hätte er jeden Tag einen Strumpf gestrickt.
Frau Fries versprach neue Wolle, da hellte sich Besenmüllers Gesicht wieder auf, und vergnügt wandelten nun alle bergabwärts. Der Lehrer stimmte ein Lied an, die Kinder sangen, es wurde ein lustiger Heimweg. Dicht vor dem Dorfe erblickten sie alle auf einmal Fräulein Regine, die durfte sie nicht sehen. Eins, zwei, drei rannten die Kinder dahin und dorthin, nur die Erwachsenen blieben stehen. Erst schaute Fräulein Regine erstaunt den Kindern nach, die liefen doch sonst nicht vor ihr davon, aber plötzlich glänzte ihr Gesicht in heller Freude, und sie sagte schelmisch: »Ach so, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen.«
»Jawohl, und morgen hat unsere Fräulein Regine Geburtstag,« brummelte Besenmüller schmunzelnd.
Neuntes Kapitel
Besenmüllers Geschichte
Frau Mechthild findet, dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen wären zuviel, um damit an des Kaisers Hof zu reisen, aber Herr Arnulf weiß sich zu helfen, und der Graf von Gehlingsberg geht ihm fortan aus dem Wege
»Als die Schelme von Steinach noch lebten, haben die Leute noch keine Strümpfe gestrickt. So dumm waren sie noch, aber ganz schön muß es gewesen sein, ja ja, ganz schön.
Dem Herrn Arnulf von Steinach hat’s auch auf der Welt gefallen, das ist ein lustiger Herr gewesen. Er ist auch immer ’n bißchen gern im Lande rumkarriolt. Ja ja, das tat er gern. Auf seinem Schafskopf hielt er es nie lange aus. Einmal sagte er zu seiner Frau Mechthild: »Frau, ich will nach Wien an des Kaisers Hof reiten.«
Sagt Frau Mechthild: »Das kostet Geld.«
Sagt Herr Arnulf: »Ja, das weiß ich.«
Sagt Frau Mechthild: »Aber du hast keins.«
Sagt Herr Arnulf: »Ich werd’s schon kriegen.«
Sagt Frau Mechthild: »Und dein Wams, dein allerbestes, hat dreizehn Flicke.«
Sagt Herr Arnulf: »Schaff ich mir ein anderes.«
Sagt Frau Mechthild: »Und deine Hosen haben neunzehn Flicke, und deine güldene Halskette hast du verkauft, und deine Rüstung ist verbeult, daß Gott erbarm, und dein Barett ist neulich in den Brunnen gefallen.«
Schreit Herr Arnulf: »Hör’ auf, hör’ auf!«
Klagt Frau Mechthild: »Also kannst du nicht reiten.«
Brüllt Herr Arnulf: »Und ich muß doch reiten!« Ja ja, das sagte er. Herr Arnulf überlegte nun alle Tage: Wie komme ich in Glanz und Pracht an des Kaisers Hof? Denn mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen konnt’ er nicht reiten, das sah er ein.
Er seufzte nun schrecklich jeden Tag, und seine liebe Frau seufzte auch schrecklich jeden Tag. Sie war ein gutes Weib, und ihr Mann tat ihr leid; sie hätte ihm schon gern geholfen und hätte gern ihr Staatskleid für ihn zu Wams und Hose zerschnitten. Es war nur -- sie hatte kein Staatskleid.
Eines Tages reitet jemand den Schafskopf hinan: ein Bote war’s von dem reichen Grafen auf dem Gehlingsberg. Der Mann stellt sich steif vor den Herrn Arnulf, Schelm von Steinach, hin und sagt: »Mein Herr Graf will an des Kaisers Hof reiten, er läßt den Herrn von Steinach fragen, ob er mitreiten will.«
Sagt Herr Arnulf: »Ja, das will ich tun. Muß nur eiligst meine Prunkgewänder richten.«
Sagt der Bote: »Mein Herr Graf reitet schon morgen.«
Sagt Herr Arnulf: »Ist mir auch recht.«
Der Bote geht nun wieder. Frau Mechthild aber jammert: »Mann, liebster Mann, dich weisen sie ja mit Schimpf und Schande von des Kaisers Hofe. Mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen!«
Doch Herr Arnulf lachte dazu. Er ließ die Pferde satteln und ließ ein paar Betten zu großen Ballen zusammenschnüren. Das sei sein Gepäck, erzählte er. Dann ging’s los. Hoppla hopp! Drei Knappen und der alte Burgwart Berthold, die ritten mit. Frau Mechthild hatte gesagt: »Gib fein acht, Berthold, daß sich mein Gemahl nicht noch ein Löchlein reißt. Geflickt ist schon schlimm, aber Löcher sind noch schlimmer.« Ja ja, das hat sie gesagt.«
Hier hatte Besenmüller Zimplichs Max scharf angesehen, und der war feuerrot geworden. Er hatte geschwind die Hand auf sein Knie gelegt, das Dreieck da im Hosenbein hätte Besenmüller auch nicht zu sehen brauchen. Der erzählte weiter: »Hoppla hopp! Auf halbem Weg von Burg zu Burg trafen die Ritter zusammen. Der von Gehlingsberg war reich, geizig und faul, und neidisch war er auch, hochmütig und dumm dazu. Er hatte den Schelmen von Steinach nur zu dem Ritte fordern lassen, um den wegen seiner Armut zu verhöhnen.
Aber wie Herr Arnulf ihn sah, schrie er gleich: »Ei, lieber Freund und Gevatter, so fein angetan? Zum Reisen trage ich immer nur alte Kleider. Seht da die Ballen, die allerschönsten Gewänder hat meine Frau Mechthild hineingetan.«
Der Graf erschrak. Er wurde gleich grün, gelb, rot, blau und braun vor Neid. Weg war seine gute Laune, ganz weg.
Na, und nun ritten sie.
»Heiliger Severinus,« seufzte Berthold, »mein Herr hat ein neues Loch in der Hose, wie soll das enden!«
Den Herrn Arnulf aber bekümmerte der neue Schaden kein bißchen. Der erzählte, ein grünes Sammetwams sei in dem Ballen, ein rotes aus Brabanter Tuch, eins, das sei braun wie die Eichenblätter im Herbst, und alles sei gar köstlich gestickt und verziert.
So ritten sie. Und wie sie eine Stunde etwa geritten sind, da jackert ihnen auf einem mageren Pferd ein Bursche nach. Der verneigt sich vor Herrn Arnulf und ruft: »Die gnädige Frau Mechthild schickt Euch dieses Amulett, möchtet es immer tragen, es soll Euch wohl schützen.«
Sagt Herr Arnulf: »Das war wohlgetan.«
Sagt der Graf von Gehlingsberg: »Was soll die Narretei?«
Sagt Herr Arnulf: »Das ist ein gutes Ding. Schlimm, schlimm, wenn Euch Eure liebe Frau nicht auch ein Amulettlein gab!«
Das ärgerte nun den Grafen gewaltig. Er sagte grollend: »Ich lasse es noch holen.« Sagt Herr Arnulf: »Tut das, viellieber Freund. Im Kloster zu St. Kilian da warten wir auf den Boten.«
Sagt der Graf: »Der Kunz soll reiten.«
Sagt Herr Arnulf: »Eure Frau wird Euch gewiß ein gar köstlich wertvolles Amulettlein senden, laßt zweie reiten, das ist sicherer, oder dreie.«
Schreit der Graf: »Dreie, bei meiner Seel’!«
Also ritten dreie, Jörg, Hinz und Kunz. Zurück blieb nur der Damian, der war so dumm wie dick, so faul wie lang.