Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Part 6

Chapter 63,774 wordsPublic domain

Heine nickte. Ja, so war es gut; er wollte sie halten, damit sie nicht im Moor versinken konnte, denn wirklich, das Umziehen hätte zu lange gedauert. Babinchen war sonst ein rechtes Furchthäschen, aber in dieser Stunde vergaß sie alle Angst. Sie war zu allem bereit, nur heim mußte sie so rasch wie möglich, heim, alle warnen und bei der Mutter sein. Wie sehr sie sich nach der Mutter sehnte! In wenigen Minuten waren die Kinder am Moorbach angelangt; wie die Böcklein sprangen sie durch den Wald und vergaßen in ihrem Eifer ganz, daß scharfe Augen sie jetzt gut von der Straße aus hätten sehen können.

Doch dort zogen noch keine Soldaten, nur der Schall ihrer Schritte, das Rasseln und Rollen ihrer schweren Wagen kam immer näher wie ein aufziehendes Unwetter.

»Hier ist das Loch!« frohlockte Heine und führte seine kleine Freundin ein Stück auf dem festen Boden entlang ins Moor hinein. Ein Busch stand am Rand, an dem machte Heine halt und sagte: »Hier mußt du hinein, ich halt’ dich fest. Hab’ keine Angst, du fällst nicht!«

Und Babinchen trat in ihrem weißen Kleidchen ganz still und ergeben auf das Moor. Sie stand ein Weilchen drauf wie eine weiße, helle Blüte, auf einmal aber begann sie zu sinken, nicht tief, nur etwa bis an die Knie, da fühlte sie schon wieder festen Boden unter sich. »Es geht nicht weiter!« klagte sie. Aber Heine, über den in dem Augenblick, da Babinchen zu sinken begann, eine jähe Angst gekommen war, sagte ganz beruhigt: »Das ist gut, dann legst du dich hin, dabei ist keine Gefahr. Dreh’ dich ein bißchen im Moor herum, dann bist du dunkel genug.«

Babinchen befolgte auch diesen Rat des Freundes. Sie drehte sich geschwind im Moor herum, kam mit dem Gesicht hinein, aber da riß Heine sie schon wieder mit kühnem Griff empor und zog sie auf den Steg zurück. Aus der weißen, feinen Lilie war nun auf einmal ein kleines, grünbraunes Ungeheuer geworden. Ein dicklicher Brei rann an ihr herunter, klebte im Gesicht, an den Händen und troff aus den dunklen Locken.

»Himmel,« stammelte Heine, nun doch entsetzt von dem Anblick, »du siehst ja gräßlich aus!« --«

»Fein is das!« rief hier Jackenknöpfle andächtig; ihm gefiel dies Moorbad ungemein.

Die andern tuschelten: »Sei doch still, jetzt wollen sie doch rüberlaufen!«

Frau Fries hielt einen Augenblick an, und dann fuhr sie fort, während ihr Blick gut und froh über die Kinder ging: »Babinchen schluckte und pustete, weil ihr der Schlamm in den Mund gekommen war; als sie endlich Luft bekam, sagte sie tapfer: »Ach, was schadet das, komm nur schnell, schnell heim!« -- »Wirst du laufen können?« fragte der Bube besorgt. Die Kleine aber nickte nur, denn das Sprechen war beschwerlich: wenn sie den Mund auftat, lief ihr Schlamm hinein. Heine sah die Freundin stolz an, und er fand, weil diese so tapfer war, sein Plan sei doch ausnehmend gescheit gewesen. »Komm!« sagte er rasch, faßte Babinchens Hand, und beide eilten durch den Wald.

Nach einem Weilchen gebot der Bube: »Leg’ dich einmal auf die Erde, ich klettere geschwind auf einen Baum und sehe, ob wir hier hinüberkommen.« Und wieder gehorchte Babinchen wortlos; in ihrer großen, heißen Angst hätte sie alles getan.

Heine kletterte unbekümmert um Hose und Jacke eine hochgewachsene Tanne empor. Er riß sich die Hände blutig am rauhen Stamm, die schlanke Tanne bog sich unter seiner Last, aber der Försterbube hatte noch jeden Baum bezwungen, auf den er klettern wollte, er kam auch hier hinauf. Nur einige Augenblicke spähten seine falkenscharfen Augen über die Wipfel der niedrigen Bäume hinweg, dann sah er, was da heranzog: eine ungeheure Staubwolke, in der blitzte und blinkte es, er sah Pferde und Menschen: es war kein Zweifel mehr, die Feinde kamen. Aber noch waren sie nicht ganz nahe, noch konnten es die Kinder wagen über die Straße zu laufen. Heine sauste so blitzschnell den Stamm hinunter, daß er unten das Gleichgewicht verlor, Babinchen mitriß und mit ihr etwas unsanft auf dem Waldboden ankam.

Pah, ein paar Löcher, darum kümmerten sich Mädel und Bube in dieser Stunde der Angst nicht, sie schnellten beide wie Gummibälle empor, und fort ging es im Galopp. »Noch ein paar Schritte hinauf,« sagte Heine im Laufen, »dann kommen wir hinüber.« Er hatte Babinchens Hand erfaßt und zog die Freundin mit sich fort.

Nun standen sie am Graben, und es galt, die breite, sonnenbeschienene Landstraße zu überschreiten.

Einige Augenblicke zögerten die Kinder. Ihre Herzen schlugen laut, ihre Knie zitterten, und mit bangen Augen sahen sie auf den sonnigen Weg hinaus. Sie hatten beide in ihrem jungen Leben schon zuviel von der Not und dem Jammer des Krieges gehört, um nicht zu wissen, wie groß die Gefahr war, in der sie sich befanden. Heine legte schützend seinen Arm um Babinchen, er fühlte sich verantwortlich für die Freundin. Aber die sonst so zaghafte Kleine war in dieser Stunde wirklich eine rechte Heldin. Sie dachte nur immer an die Lieben daheim, und sie meinte wieder durch das Guckerchen zu sehen, wie der Bruder zu des kranken Großvaters Füßen saß. Ach, sie wußte, wie viele, viele Tränen die Mutter um den fernen Bruder geweint hatte! Sie erinnerte sich noch, wie einst die Mutter sie in die Arme genommen und mit tränenerstickter Stimme gesagt hatte: »Laß uns beten, mein Mariellchen, und dem lieben Gott danken, dein Bruder ist gerettet!«

Babinchen umfaßte fest des Freundes Hand, und aus ihrem braunen Schlammgesicht schauten ihn die Augen zuversichtlich an. Heine nickte: »Komm, wir müssen hinüber. Bücke dich etwas und renne, so schnell du kannst, ich will zuerst hinaus!«

Nun waren sie in dem Graben, den sie kaum eine Stunde vorher lachend übersprungen hatten. Diesmal sprangen sie nicht, sie kletterten hindurch, holten noch einmal tief Atem, und los ging es.

War die Straße hell, war die Straße breit!

Die Kinder rasten mit vorgebeugtem Oberkörper hinüber, ihre Füße flogen, aber wie weit schien doch der jenseitige Wald entfernt zu sein!

Heine wagte einen einzigen scheuen Blick zur Seite. Dort in der Ferne blitzte es, dort kam etwas schnell heran. Wie ein Ruf klang es, nun fiel ein Schuß.

Aber da war schon der Graben. Heine sprang hinüber, Babinchen kollerte und fiel, der Bube riß sie empor. Nur hinein in den Wald, hinein in das schützende Dunkel!

Keuchend rasten sie vorwärts, sprangen über Baumwurzeln, zwängten sich durch dichtes Gebüsch, unbekümmert darum, daß Dornen ihre Kleider zerrissen. Feucht und schwer schlug Babinchen das Kleid um den Körper, aber die Kleine hielt doch neben dem Freunde aus.

Klangen dort nicht Stimmen? Hörte man nicht Pferdegetrappel? Kam nicht der Lärm näher und näher?

»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel.

Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten.

»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine Freundin.

Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!«

Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde jauchzten sie beide: »Wir sind da!«

Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide, in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein. Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!«

Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz.

Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten die Erwachsenen alles.

»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines, schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder, ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!«

Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und fragte zitternd: »Was tun wir?«

»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.«

Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum Forsthaus hin wie ein Windhund.

Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle Hausgenossen.

Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke dich, verstecke dich!« bat sie flehend.

Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein Vaterland so heiß und treu liebte.

Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen. Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß die Kleinen das heulen darüber vergaßen.

»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite Lisabetha, »hierher finden die nicht!«

Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus, daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!«

Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit, denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte, war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen.

»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen.

»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß er sich hier aufhält.«

»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig.

Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an, aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug, sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!«

»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte, wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt, sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten sie glücklicherweise nicht.

Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht, der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!«

Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine Freundin war.

Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus? Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien, schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling auf.

Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet?

Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.«

Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden. An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung unternehmen?«

Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh.

Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.« Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu: »Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er, wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein.

Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen Freundin entgegen: »Wir gehen mit!«

Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen, sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten hindurchgehen.

Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch, das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh, sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich, daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in schnellen Schritten dahergesprungen -- es war Ferdinand.

Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen Sonnenlicht; ach -- und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären? Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.«

»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!«

»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut.

Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann mußten sie Abschied nehmen.

»Und du?« fragte sie den Sohn traurig.

»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg zur Flucht.«

»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!«

Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch kann ich’s nicht wagen.«

Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen, denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten Franzosen das einsame Schloß heim.

Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage, aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei ihm aus.«

Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat wohl gut, sich verborgen zu halten.

Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im Schloß Moorheide einziehen.

Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?«

Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut unterbrach sonst die Stille.

Doch plötzlich schlugen auf dem Hofe die Hunde an, kurz und scharf; sie schwiegen gleich wieder, sie mußten den kennen, der kam. »Ferdinand!« Der Kranke richtete sich plötzlich im Bett auf, laut und froh klang seine Stimme.

»Ferdinand ist nicht hier,« sagte Frau von Hartenstein. Doch noch hatte sie nicht recht ausgesprochen, da erklangen draußen Schritte, und über die Schwelle traten wirklich die beiden Freunde und Förster Strohmann.

»Ferdinand, was bringst du?« Der Großvater sah dem Enkel entgegen, und der sank mit einem Jubelruf an dem Bett nieder. »Großvater,« stammelte er, »das französische Heer ist in Rußland vernichtet, der Kaiser nach Frankreich entflohen.«

»Das ist Freiheit für uns!« Der alte Mann sagte es laut und feierlich. Er legte die Hand auf des Enkels Scheitel. »Gott segne dich für diese Botschaft! -- Nun erzähle!«

Und Ferdinand berichtete. Mit seinem Freund und dem Förster waren sie in Rußland gewesen, dort hatten sie Kunde erhalten von dem Untergang des Heeres an der Beresina. Mit ihren eigenen Augen hatten sie schon die Jammergestalten der Heimkehrenden gesehen. Napoleons Heer vernichtet! Vielleicht schlug nun für Preußen die Stunde der Befreiung!