Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Part 5

Chapter 53,723 wordsPublic domain

»Besenmüllern ist komisch!« brummten etliche.

»Huje, da is die Bimmel!«

Zimplichs Max jauchzte es laut. Die andern folgten mit ihren Blicken seinem Zeigefinger, und da sahen sie wirklich alle außen im Türwinkel die große Schulglocke stehen. Frau Besenmüller hatte sie am Morgen in Gedanken außen statt innen in die Ecke gestellt.

Die Schulklingel! Die liebten die Kinder und haßten sie. Wie manchmal, wenn sie ertönte, atmeten besonders die Faulpelze auf, daß endlich die Stunde aus war. Und dann wieder ärgerten sie sich über den hellen Ton, wenn er ihnen mitten in ein lustiges Spiel hineinfuhr. Und nun stand dieses Ding, das eine Stimme hatte und beinahe wie ein lebendiges Wesen war, vor ihnen, von Frau Besenmüller unbeschützt.

»Wir bimmeln,« riefen Arne und Malchen.

»Ach ja, wir bimmeln,« schrieen ein paar andere.

»Nä, wir verstecken sie.« Zimplichs Max und Jackenknöpfle schrieen es, und gleich schrieen die andern: »Wir verstecken sie, fein, hurra!«

Ein paar stürzten auf die Klingel los, und Schmiedemeister Traugotts Hans warnte: »Laßt ’n Klöppel niche los!«

Die Warnung kam zu rechter Zeit, der Klöppel wurde festgehalten, die Schulklingel mußte stumm bleiben. Sie konnte nicht rufen und nicht anklagen, sie mußte es leiden, daß sie von unnützen Buben und kichernden Mädeln in Besenmüllers Holzschuppen getragen wurde. Dort erhielt sie ihren Platz auf einem hochgeschichteten Holzstoß, und da saß sie und mußte schweigend warten, bis Frau Besenmüller Holz holen kam.

Die Kinder zogen wieder vor das Schulhaus zurück, sie freuten sich schon über Frau Besenmüllers Erstaunen, wenn sie die Klingel nicht fand. Sie wollten ihr dann suchen helfen, das gab gewiß einen Hauptspaß. Es kam aber anders. Fräulein Regine aus dem Pfarrhaus kam, auch ehe es Zeit war. Und Fräulein Regine ließ Frau Besenmüller nicht draußen stehen, und weil das junge Mädchen sagte, es sei so kalt draußen, die Kinder könnten doch mit hinein, tat die Schuldienersfrau wirklich weit die Tür auf, und alle liefen schwatzend und vergnügt in das schöne, alte Haus hinein. Einige dachten: »Nun braucht Besenmüllern die Bimmel nicht zu suchen, schade!« Aber dann vergaßen sie gleich den andern die arme, verstoßene Schulklingel im Holzstall, denn es wurde sehr fein.

Frau Fries hatte lange keine Adventsfeste gefeiert, und sie hätte wohl auch die Kinder nicht zur Adventsfeier eingeladen, wenn nicht Fräulein Regine ihr geholfen hätte. Aber Fräulein Regine konnte singen, die allerlieblichsten Lieder, sie konnte erzählen und plaudern, und dann konnte sie lachen. So mit dem Herzen zu lachen wie Fräulein Regine verstand nicht leicht jemand, und dieses Lachen steckte an. Die große Schulstube sah an diesem Nachmittag lauter heitere, lachende Gesichter, trotzdem der neue Lehrer, vor dem die Kinder immer noch ein wenig Angst hatten, auch im Zimmer blieb. Und Frau Besenmüller saß mit darin und ihr Mann, der emsig an einem rosenroten Strumpf strickte. Frau Fries zeigte es den Kindern, wie sie alle die bunten Papierstreifen, von denen sie eine große Schachtel voll vor sich stehen hatte, zu Ketten zusammenkleben konnten. So etwas hatten die Steinacher Kinder noch nie getan, und sie fanden, es sei eine vergnügliche Arbeit.

Fräulein Regine erzählte dazu das lustige Märlein vom Vater Strohwisch, und dazwischen wurden Lieder gesungen. An einer Geschichte hatten die Kinder aber nicht genug, und sie baten um mehr. Da erzählte ihnen der junge Lehrer etwas aus der Zeit der Befreiungskriege, von der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813.

»Ach Krieg,« rief Hinzpeters Malchen, »den gibt’s nicht mehr!«

»Na, du,« schrieen die Buben empört, »der kommt schon noch mal.«

»Krieg ist schwer,« seufzte Frau Fries. »Als ich ein junges Mädel war, etwas älter als Malchen, hatten wir Krieg mit Frankreich.«

»Mutter, erzähle den Kindern doch einmal die Geschichte aus Urgroßvaters Jugendzeit,« bat Heinrich Fries. »Sie ist zwar ernst, aber eigentlich ist es eine Adventsgeschichte, wenn sie auch im Sommer beginnt.«

»Sie ist zu lang,« warf die Mutter ein.

»Och nä,« schrieen die Kinder, just als wüßten sie genau, wie lang die unbekannte Geschichte sei. Und selbst Besenmüller, der bis dahin unentwegt und stumm an seinem rosenroten Strumpf gestrickt hatte, tat seinen Mund auf und sprach: »Zu lang is ’ne Geschichte niche leicht, wenn se scheene is.«

»Ob sie schön ist, mögt ihr alle nachher entscheiden,« sagte Frau Fries lächelnd. »Sie ist lustig und ernst, und der Försterbube darin war mein Großvater. Es ist also eine wahre Geschichte, und das ist auch etwas wert. Nennen werde ich sie

Schloß Moorheide.

An einem See, den dunkler Tannenwald umschloß, lag ein graues Haus. Schloß Moorheide wurde es genannt, obgleich der einfache, gerade Bau, dem jeglicher Zierat fehlte, nichts Schloßartiges an sich hatte. Nur die breite Freitreppe, die vom Eingang hinab in einen ziemlich wilden Garten führte, verlieh dem Haus ein vornehmes Aussehen. Am Fuße dieser Treppe stand an einem Sommertag des Jahres 1812 ein kleines Mädchen, ein feines, zierliches Ding mit braunen Locken und veilchenblauen Augen.

Vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen, ein etwas größerer Bube. Er war halb städtisch, halb bäurisch gekleidet, und sein braungebranntes Gesicht stach drollig gegen die flachsblonden Haare ab. Dem ganzen kleinen Kerl sah man an, daß er in Wind und Wetter draußen war, und seine blitzenden Augen verrieten, daß er zu allerlei tollkühnen Unternehmungen gern bereit war.

»Du bist feige,« sprach er grollend zu seiner Gefährtin.

Sabina von Hartenstein, den Namen führte das zierliche Mädchen, schüttelte traurig den Kopf. »Ich darf doch nicht,« sagte sie, und ein sehnsüchtiger Blick flog nach dem Walde hin; in den Augen stand: »Ich möchte schon.«

»Frag’ nur deine Frau Mutter,« drängte der Bube. »Pah, mit mir kannst du doch in den Wald gehen!« fügte er ein bißchen prahlerisch hinzu und reckte die Stupsnase gewaltig in die Höhe.

Babinchen, so wurde Sabina gerufen, lachte schelmisch: »Du tust gerade, als wärst du mindestens ein Ritter, Heine. Großvater sagt, es sei jetzt so unsicher, man könnte immer Soldaten erwarten, und du weißt« -- sie sprach das Wort nicht aus, aber ein scheuer Blick flog nach dem Hause hinauf. Oben stand ein Fenster offen, und manchmal hörte man ein paar Männerstimmen in der friedlichen Nachmittagsstille aufklingen.

Heine Strohmanns hellblaue Augen blitzten, und er schaute mit ehrfurchtsvoller Bewunderung zu dem Hause hinauf.

Der Bube war der Sohn des Försters, sein Vater wohnte nicht allzuweit vom Schloß entfernt im Walde. Fast täglich kam Heine in das Schloß, denn Babinchen war seine liebste Spielgefährtin; die beiden streiften dann oft stundenlang in den weiten, sich bis an die russische Grenze hinziehenden Wäldern umher. Heine kannte Weg und Steg so gut, daß er sich selbst im Dunkeln zurechtfand. Er kannte aber auch jeden Vogelruf, er wußte, wo die Rehe ästen, wo Füchse, Dachse und anderes Getier hausten, und oft genug hatte er seiner kleinen Freundin schon allerlei Wunder des Waldes gezeigt. Heute hatte er ihr einen Fuchsbau weisen wollen, er hatte vor etlichen Tagen die jungen Füchslein gesehen; morgen wollte der Vater das ganze Nest ausheben, da sollte es nun Babinchen noch rasch sehen. Es kam ihm sehr ungelegen, daß Frau von Hartenstein ihrem Mädel verboten hatte, im Wald herumzustreifen. Noch waren nämlich die Truppen des Kaisers Napoleon auf dem Durchmarsch nach Rußland begriffen. Dieses große Reich sollte Napoleons unersättlicher Ländergier auch zum Opfer fallen, und das arme Preußen, halb vernichtet in dem unglücklichen Krieg von 1806--1807, mußte sich den Durchzug der Truppen gefallen lassen. Napoleon nannte den König von Preußen zwar jetzt seinen Freund und Bundesgenossen, aber dabei glich der Durchmarsch seines Heeres eher einem großen Raubzug.

Nach Schloß Moorheide, das abseits von der großen Heerstraße lag, waren bisher noch keine Soldaten gekommen. Auch das nahe Dorf war noch davon verschont geblieben, Vorspanne, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art liefern zu müssen.

Auf Moorheide wohnten schon seit etlichen Geschlechtern die Hartensteins. Der alte Herr Jobst von Hartenstein, der derzeitige Besitzer, war schon lange verwitwet. Bei ihm lebte seine Schwiegertochter mit ihrem Töchterchen Sabina. Auch ihr Mann war tot; wenige Wochen nach Babinchens Geburt war er gestorben. Die Kleine dachte oft sehnsüchtig an den Vater, den sie nie gekannt hatte, und den sie doch so liebte, weil alle Menschen, die von ihm sprachen, nur Gutes zu erzählen wußten. Wenn aber auf den Nachbargütern der Name Ferdinand von Hartenstein genannt wurde, dann schwiegen meist alle dazu, die Männer schauten ernst und trübe drein, und die Frauen hatten Mitleidstränen in den Augen. Auch in dem etwas düsteren Schloß am See wurde dieser Name nur in leiser, weher Trauer genannt, und der Großvater, der seit einem Jagdunfall lahm war, sprach fast nie den Namen aus. Ferdinand war sein Enkelsohn, Sabinas vierzehn Jahre älterer Bruder. Der feurige, leidenschaftliche Jüngling hatte sich in seiner heißen Vaterlandsliebe dem Schillschen Korps angeschlossen, er hatte fliehen müssen und war in einer grauen Nebelnacht nach Schweden entkommen. Die Mutter trauerte tief um den letzten Sohn. Der älteste war einst bei Jena gefallen. Der Großvater sehnte sich nach dem fernen Enkel, und Babinchen hatte dem Bruder schon viele heiße Tränen nachgeweint. Mit ihrem Freund, Heine Strohmann, sprach sie oft von dem Bruder. Der Bube bewunderte in dem Flüchtling einen Helden, und er wurde nie müde, von ihm zu hören. Wie der Bruder aussah, wußte Babinchen freilich selbst nicht mehr genau. Schon seit sieben Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und sein Bild hielt die Mutter verborgen. So wußte auch niemand von den Hausgenossen sich recht an den jungen Herrn zu erinnern.

»Ob er es wirklich ist?« fragte Heine jetzt voll ehrfürchtiger Scheu, und sein Blick streifte wieder rasch das offene Fenster. Babinchen legte ihre Arme um den Hals des Kameraden und flüsterte leise, obgleich nirgends ein Lauscher zu sehen war: »Ich denke, er muß es sein. Und weißt du, er ist gekommen, weil Großvater so lange, lange krank war.«

»Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, nur ein einziges Mal!« rief Heine laut und aufgeregt.

Babinchen hielt ihm rasch den Mund zu. »Schrei doch nicht so, Stepke!« schalt sie ärgerlich.

Heine wurde ein bißchen verlegen. Stepke nannte ihn seine kleine Freundin immer, wenn er gar zu wild und jungenhaft war, und darum mochte er den Namen nicht leiden. Er grollte auch jetzt: »Brauchst mich nicht gleich Stepke zu nennen, wenn ich mal ’n bißchen laut rede. Ihr Mariellen seid auch zu zimperlich!«

Mariell ließ sich nun wieder Babinchen sonst nicht gern nennen, sie war an diesem Tag aber viel zu aufgeregt, um auf eine solche Kleinigkeit zu achten. »Wenn du ganz leise gehst, weißt du, auf den Zehenspitzen und ohne Stiefel, dann führe ich dich in die blaue Stube. Die hat nämlich ein Fenster nach Großvaters Zimmer hin, und wenn wir recht leise sind, dann können wir da rasch einmal hindurchsehen; der Vorhang ist nur halb zu.«

Heine hätte beinahe einen lauten Jauchzer ausgestoßen, er besann sich aber noch rechtzeitig auf Babinchens Mahnung zur Stille und hielt sich geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund.

Einige Minuten später schlichen die Kinder auf Strümpfen durch das Haus, während ihre Schuhe einträchtig nebeneinander in einem dichten Holunderbusch im Garten standen. Babinchen führte Heine Strohmann durch einige Zimmer, bis sie aufatmend einige Augenblicke stillstand. Nebenan war das blaue Zimmer, und von dort aus konnten sie in Großvaters Arbeitsstube sehen. Es hatte ihr niemand verboten, das blaue Zimmer zu betreten, sie hatte schon oft durch das Fenster geschaut und dem lieben Großvater zugenickt und zugelacht. Dennoch zögerte sie jetzt. War es nicht doch etwas Heimliches, was sie nun tun wollte? Warum wagte sie eigentlich nicht, Heine einfach in das Zimmer zu führen?

Seit zwei Tagen waren Gäste im Haus, ein paar junge Männer. Ihre Namen wußten außer dem Großvater und der Mutter wohl nur noch Förster Strohmann und die alte, treue Marinka. Die aber waren beide verschwiegen und hätten sich eher die Zunge abgebissen, ehe sie ein ihnen anvertrautes Geheimnis verraten hätten. Trotzdem niemand über das Woher und Wohin der Fremden etwas wußte, sagten es doch alle im Hause, von der Köchin Lisabetha an bis hinab zu dem kleinen frechen Pferdeknecht Michael, daß der Jüngere der Fremden kein anderer sei als Junker Ferdinand, der geflüchtete Sohn des Hauses. Auch Babinchen glaubte es halb und halb, und sie hätte so gern den Fremden als Bruder angeredet, aber sie sah ihn wenig; fast immer waren die beiden Gäste in des kranken Großvaters Zimmer. Kam er aber einmal in das Wohnzimmer und sprach zu ihr, dann schwieg sie befangen, ja dann schien es ihr kaum möglich, daß dieser Mann mit dem ernsten Gesicht, der breiten, roten Narbe über der rechten Wange, ihr Bruder sein sollte, so fremd kam er ihr vor, und sie meinte, der fröhliche Jüngling, der sie als ein noch viel kleineres dummes Mariellchen oft samt ihrer Puppe Rosalinde spazierengefahren hatte, sei doch ein ganz anderer gewesen.

Babinchen hatte auch ihrem Freund Heine ihren Zweifel nicht verschwiegen, der aber hatte versichert: »Wenn ich ihn nur eine Minute sehen könnte, ich wüßte ganz genau, ob er’s ist.« Und dabei war der Bube bei des Junkers Abschied auch erst ein rechter Dreikäsehoch gewesen!

Aber die Kleine glaubte dem Freunde seine kühne Behauptung, und darum schlichen sie jetzt alle beide in die blaue Stube, um den geheimnisvollen Fremden zu sehen. Babinchens Herzlein schlug so laut, daß sie meinte, man müsse sein Pochen drin im Nebenzimmer hören; sie wagte kaum einen scheuen Blick durch das nur lose verhängte kleine Fenster, das nach altmodischer Bauweise in die Stubenwand eingelassen war. »Guckerchen« nannte man es im Hause, und am Guckerchen stand nun Heine und starrte mit heißen Augen hinüber. »Er ist’s,« flüsterte er der Freundin zu, die ihm rasch und angstvoll den Mund zuhielt, während ihre Augen flehten: »Sprich nicht, sei leise!«

Drinnen in dem Zimmer saß in einem Lehnstuhl Babinchens Großvater. Sein bleiches Gesicht trug die Spuren langer Krankheit, und blaß und schmal lagen die Hände auf der dicken Decke, in die er sich trotz der Sonnenwärme gehüllt hatte. Die schönen, klaren Augen des alten Herrn ruhten liebevoll auf einem jungen Mann, der auf einem niedrigen Schemel vor ihm saß und ihm etwas zu erzählen schien. Was er sagte, verstanden die beiden Eindringlinge am Guckerchen nicht. Babinchen zitterte wie ein Grasstenglein im Wind vor Aufregung, ihr Freund aber hatte ganz vergessen, wo er sich befand. Der braunlockige junge Mann mit den grauen, kühn blitzenden Augen, der zu den Füßen des Gutsherrn saß, das mußte er sein, er, der Held.

Doch da zupfte ihn Babinchen am Jackenzipfel, das sollte heißen: »Komm, komm!« Die Kleine hatte gesehen, daß nur noch der andere Gast, ein hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der aber wohl erheblich älter als sein Freund sein mochte, im Zimmer war. Die Mutter fehlte, und Babinchen war besorgt, sie könnte kommen und sie beide am Guckerchen finden. Endlich gelang es ihr mit Zupfen und zaghaft geflüsterter Bitte, den Kameraden fortzulocken. Auf leisen Sohlen huschten beide wieder hinaus, unten im Garten aber sprang Heine Strohmann hoch vor Freude und rief: »Er ist’s, ganz gewiß, er ist’s! Den erkennt --«

»Babinchen, Heine!« rief Frau von Hartenstein. Babinchen konnte noch gerade in ihre Schuhe schlüpfen, ehe die Mutter aus dem Hause trat.

»Frag’ wegen der Füchse!« tuschelte ihr Heine so laut zu, daß seine kleine Freundin gar nicht erst zu fragen brauchte. Die Mutter hatte es gehört und wollte nun wissen, was mit den Füchsen sei. Sie lachte, als Heine Strohmann die Fuchsfamilie begeistert pries und treuherzig hinzusetzte, mit ihm könne Babinchen schon gehen, es sei kaum eine halbe Stunde weit; außerdem werde sein Vater vielleicht ganz in der Nähe sein, er habe heute früh davon gesprochen.

»Nun, meinetwegen lauft,« sagte Frau von Hartenstein freundlich, »aber bleibt nicht zu lange. Bittet Marinka, daß sie euch ein Vesperbrot mitgibt.«

Die Kinder jauchzten auf, Babinchen umarmte die Mutter stürmisch, und weil ihr das Gewissen beschwert war ob des heimlichen Schauens durch das Guckerchen, nahm sie einen so zärtlichen Abschied, als ginge sie auf eine große Reise. Da wurde der Frau das Herz seltsam schwer. Sie preßte ihr Kind fest an sich und sagte mit leiser Bangigkeit: »Gib mir gut acht auf mein Mädel, Heine!«

Das versprach der Bube wichtig, und bald darauf trabten die beiden Kinder dem Walde zu. Die halbe Stunde, die Heine angegeben, hatte ein recht tüchtiges Schwänzlein. So geschwind die Buben- und Mädelbeine auch über den grünen Waldboden liefen, es dauerte doch über eine Stunde, ehe sie am Fuchsbau anlangten. Sie hatten zuletzt die Landstraße überschreiten müssen, die in einem Bogen um Schloß Moorheide herum nach der nächsten Stadt führte. Eine Seitenstraße ging von ihr aus nach dem einsamen Gutshof und dem nachbarlich gelegenen Dorf.

»Bis an die Landstraße sollte ich aber nicht,« sagte Babinchen zaghaft beim Überschreiten, »Mutter hat es streng verboten!«

»Pah, was ist dabei!« meinte Heine. »Komm nur rasch! Eins, zwei, drei sind wir drüben. Wir gehen doch nicht die Straße entlang, und ob wir jenseits durch den Wald laufen oder hier, ist gleich.« Babinchen ließ sich nur zu gern bereden, und husch liefen sie beide hinüber. Die breiten Graben am Wegrand wurden mit kühnem Sprung genommen, und dann tauchten die Kinder drüben in der grünen Dämmerung wieder unter. Üppiger Laubwald drängte sich zwischen den Nadelwald hinein. Weil die Vögel hier gut Nester bauen konnten und ein kleiner Waldsee auch allerlei Wasservögeln Wohnung gab, so schwirrte, sang, kreischte, rohrte und schnatterte das oben und unten lustig durcheinander. In all das Vogelgeschwätz hinein aber sagte Babinchen: »Es klingt wie Donner, was ist das nur?«

»Es wird ein Wagen auf der Landstraße sein,« sagte Heine achtlos, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Fuchsbau. Dort mußte er doch sein, dort, wo die Sonne durch eine Lücke drang und einen großen hellen, runden Fleck auf den Waldboden malte. Aber die Füchslein lagen nicht wie am Tage vorher draußen und sonnten sich. Alle miteinander steckten sie in ihrer dunklen Wohnstube, und nicht eine einzige rote Fuchsrute war zu sehen.

»Das ist doch zu dumm,« brummte Heine, »was ihnen nur einfällt!«

»Wir müssen warten,« tuschelte er. »Komm, wir legen uns hier lang auf den Boden. Ich habe aber auch Stein und Zunder mit, und wenn sie nicht kommen, dann räuchere ich sie heraus.«

Dieser Plan war Babinchen etwas zu abenteuerlich; sie meinte, sie wollten es lieber mit dem Warten versuchen. Erst steckte sie aber neugierig ihr Näslein in den Fuchsbau hinein, sie fuhr aber geschwind wieder zurück und rief verächtlich: »Pfui, wie das da drin riecht, brr! Na, weißt du, deine Füchse sind auch was Rechtes, darum brauchten wir nicht so weit zu laufen!«

»Wart’ es doch ab, bis sie herauskommen, nachher werden sie dir schon gefallen!« murrte Heine Strohmann gekränkt. »Aber wenn du schwätzt und schreist wie eine Elster, dann natürlich, dann können wir lange warten. Auf der Jagd hält man den Schnabel!«

Des Freundes Strafrede verfehlte ihre Wirkung, denn Babinchen kicherte so vergnügt darüber, daß es die Fuchsfamilie im Bau sicher hören mußte. Endlich tat ihr aber Heine, der ein betrübtes Gesicht machte, leid, sie verhieß still zu sein, und beide legten sich dann wie ein paar richtige eifrige Jäger lang auf den grünen, weichen Waldboden nieder, um die Füchse zu belauschen. Doch kaum hatten sie sich recht hingelegt, da sprangen sie auch schon wieder entsetzt auf und starrten einander schreckensbleich an. Der ganze Boden dröhnte nämlich. Das konnte nicht nur ein Wagen sein, der die Landstraße entlang fuhr, viele mußten es sein und viele Menschen, die da marschierten.

»Feinde sind’s,« stammelte Heine, »Franzosen!« Alle Schreckensgeschichten fielen ihm ein, die man sich noch in der Gegend erzählte.

Babinchen wiederholte angstvoll die Worte: »Feinde sind’s!«

»Wir müssen uns verstecken,« sagte Heine rasch, ohne Besinnen, »wir sind so nahe, dein weißes Kleid kann man sonst sehen.« Er zog seine kleine Freundin mit kräftigem Ruck in einen Graben hinein, der den Wald durchlief. Er war trocken und von bunten Blumen überwachsen; in dieses duftige Blütenbett versanken die Kinder, und einige Minuten saßen sie stumm, fast betäubt von dem Schreck darin, während durch den Wald lauter, unheimlicher das dumpfe Dröhnen klang.

»Wenn sie nach Hause kommen, unser Haus finden!« flüsterte Babinchen zitternd.

»Und deinen Bruder! Den -- den nehmen sie gefangen, er ist doch ein Flüchtling,« sagte Heine Strohmann, und sein sonst so vergnügtes Bubengesicht war tief ernst geworden.

Das Mädchen schmiegte sich bebend an den Freund und schluchzte leise: »O der arme Ferdinand! Ach Heine, wir müssen zu ihm und es ihm sagen!«

Sie wußte nur zu gut, daß Heine mit seiner Angst recht hatte. Erst gestern hatte sie gehört, wie Lisabetha erzählte: »Wenn nur keine Franzosen kommen! Die nehmen den jungen Herrn gleich mit oder schießen ihn mausetot.« Und dann hatten die Mägde und Knechte sich allerlei schauerliche Geschichten erzählt, von den jungen Offizieren, die Napoleon in Wesel hatte erschießen lassen, und noch manche andere trübe Begebnisse. Babinchen hatte schaudernd im Winkel gesessen und gelauscht -- jetzt kam ihr alles wieder ins Gedächtnis, und aufgeregt flehte sie: »Komm doch, Heine, komm, wir müssen zurück!«

Heine schüttelte nachdenklich, finster den Kopf. »Hör’ nur, sie müssen schon nahe sein, und wenn wir zurück über die Straße laufen, dann sieht man uns, und dann -- nein, das geht nicht.«

»Wir rennen eine Weile am Rand des Waldes entlang und dann fix hinüber,« riet Babinchen.

Der Bube betrachtete seine Gefährtin. »Dein weißes Kleid verrät uns!« Er wußte als Förstersohn zu gut, daß etwas Weißes im Walde weithin leuchtet, deshalb wagte er sich mit seiner Freundin nicht nahe an den Rand. Er allein wäre ohne Besinnen nach dem jenseitigen Wald gelaufen, aber verlassen durfte er Babinchen nicht. Er fühlte sich als ihr Beschützer, hatte er doch versprochen, sie sicher heimzubringen.

»Ach, wenn ich doch braun wäre,« schluchzte das Mädel, »dann liefen wir schnell vierbeinig über die Straße, und die Franzosen dächten, es wären Rehe, und --«

»Schießen auf uns,« vollendete Heine. Da schwieg Babinchen verzagt und lauschte bebend auf den Lärm, der mehr und mehr die Waldstille übertönte.

»Wir müssen hinüber,« überlegte Heine, »rasch hinüber, müssen die zu Hause warnen!« Und er meinte, das einzige Hindernis sei Babinchens weißes Kleid. Daß den Soldaten auch dunkle, über den Weg huschende Gestalten verdächtig sein könnten, das überlegte er gar nicht.

Auf einmal aber kam ihm ein rettender Gedanke; ja, so mußte es gehen, so. Hier ganz nahe war ein Moorloch. Sein Vater hatte ihn einmal gewarnt, auf den dunklen Grund zu treten, er hatte ihm auch die Stelle gezeigt, wo der feste Grund begann. In das Moor mußte Babinchen ihr weißes Kleid tauchen, es darin dunkel färben, dann war die Sache ungefährlich. Hastig teilte er seiner Gefährtin den Plan mit, und die fand ihn über alle Maßen klug. »Ausziehen tu ich mich nicht erst, das dauert zu lange, ich steig’ gleich so hinein,« sagte sie entschlossen.