Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Part 8

Chapter 83,829 wordsPublic domain

Na, und dann kamen sie an das Kloster von St. Kilian, und die frommen Mönche nahmen sie wohl auf. Die rüsteten ein Mahl, und dabei aß der Graf von Gehlingsberg einen Rehschlegel, sechs Rebhühner, sechzehn Krautklöße, eine Schweinspastete, einen gedünsteten Hecht, eine Schüssel gedämpften Kohl, drei Teller voll Backwerk und dreizehn« -- »Besenmüller, das ist zu viel,« riefen die Kinder entrüstet, und Arne fügte keck hinzu: »Da wäre ihm ja der Bauch geplatzt.«

»Na ja, meinetwegen, wenn ihr’s ihm nicht gönnt, mag er weniger gegessen haben.« Besenmüller ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen, gemächlich fuhr er fort: »Aber plumpsatt war er, das steht nu mal feste. Kaum schnaufen konnt’ er. Ja ja, so war’s.

Der Graf müsse in ein pechdunkles Kämmerlein zu liegen kommen, riet der Schelm von Steinach, da könnte er sich gut ausschlafen.

Sagten die Mönche: »Soll uns wohl recht sein.«

Meinte Herr Arnulf: »Den Damian müßten sie dazu legen.«

Sagten die Mönche: »Ei freilich, der soll seinem Herrn aufwarten.« Sie führten denn nun den Grafen in ein fensterloses Kämmerlein, und weil sie mit brennenden Kienspänen leuchteten, merkte der es nicht. Und Damian merkte überhaupt nie etwas.

Der Graf von Gehlingsberg tat einen mächtigen Gähner, und plumps fiel er auf sein Lager und schlief. Damian tat einen noch lauteren Gähner, und er schlief schon, ehe er auf sein Lager kam.

Sagten die Mönche: »Unserem Gast wird nichts die Nachtruhe stören.«

Sagte Herr Arnulf: »Wäre auch schlimm. Wird der im Schlaf gestört, haut er um sich wie weiland St. Georg der Drachentöter.«

Die Mönche erschraken sehr und versprachen, nichts, auch nichts sollte ihren werten, vornehmen Gast stören.

Sagte Herr Arnulf: »Und verwahret seine Reisesäcke wohl. Ich muß mit dem Frühesten davonreiten.«

Sagten die Mönche: »Wir wollen tun, wie du es befohlen.«

Als das Morgenglöcklein läutete, ritt Herr Arnulf mit den Seinen von dannen. Seine Bettsäcke ließ er den Mönchen da, und er hieß seine Knechte des Grafen wohlgefüllte Truhen aufladen. Die Mönche meinten, so sei es richtig, und verwahrten die Bettsäcke in des Klosters reicher Schatzkammer. Also ritt Herr Arnulf, der Schelm von Steinach, geschwind hinweg. Der Graf von Gehlingsberg aber schlief zwölf Stunden, da drehte er sich das erste Mal um. Er tat seine Augen ein viertel auf, blinzte und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er.

Darauf schlief der Graf wieder zwölf Stunden, drehte sich wieder um, tat seine Augen halb auf und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er wieder.

Damian aber rührte sich nicht, tat seine Augen nicht auf, und denken tat er erst recht nichts.

Inzwischen langten die drei Knappen Hinz, Kunz und Jörg am Kloster St. Kilian an und begehrten, vor ihren Herrn geführt zu werden.

Sagten die Mönche: Nein, das ginge nicht, der müßte seine Ruhe haben.

Nun, die Knappen waren’s zufrieden. Der Bruder Küchenmeister wartete ihnen gut auf. Der Bruder Kellermeister schenkte ihnen manche Kanne Wein, da ließen sie sich’s wohl sein.

Zwei Nächte und einen Tag schlief der Graf von Gehlingsberg, dann wachte er auf. Er brummte: »So einen unruhigen Schlaf habe ich lange nicht getan; nun bin ich schon dreimal aufgewacht, und immer ist’s noch Nacht.« Er seufzte schwer, und auf einmal fing ihm sein Magen zu knurren an. Rrrrrrrrrrrrrruh ging es.

Schrie der Graf von Gehlingsberg: »Ich bin krank, ich bin krank. Oh, wie tut mir das im Magen weh!«

Die Mönche hörten das mächtige Schreien und liefen angstvoll herbei. Taten die Türe auf, und das helle Sonnenlicht strömte in das fensterlose Kämmerlein.

Riefen die Mönche: »Ei, Herr, was habt Ihr für einen guten Schlaf getan! Sechsunddreißig Stunden pflegtet Ihr der Ruhe.«

Schrie der Graf: »Was schwätzt ihr da, sechsunddreißig Stunden hätte ich geschlafen? Wirklich, sechsunddreißig Stunden?« Ja ja, das fragte er.

Seufzte der Damian: »Man kann sich auch niemals im Leben ordentlich ausschlafen.«

Rief der Graf: »Oho, nun weiß ich’s, woher mir das Grimmen im Magen kommt, ich habe Hunger!«

»Ich auch, ich auch!« stöhnte Damian, der wurde da ganz munter. Der Bruder Küchenmeister aber lief eilig, um ein gutes Mahl zu rüsten. Der Graf von Gehlingsberg ließ sich das Frühstück wohl schmecken, und erst als er satt war, fragte er nach seinem Reisegenossen. Der sei schon lange fort, hieß es, aber des Grafen Reisegut liege wohlverwahrt in des Klosters Schatzkammer.

Sagte der Graf nachdenklich: »Ei, dann ist auch Zeit, wenn ich morgen mit dem Frühesten reite. Will mich noch einmal ordentlich ausruhen für den langen Ritt.«

Rief Damian: »Das ist wohlgetan. Ich spüre das erste Reiten noch in allen Knochen. Umfallen könnte ich vor Müdigkeit.«

Also blieben der Graf und die Knappen noch den Tag und die nächste Nacht im Kloster und ließen es sich wohl sein.

Seufzte der Bruder Küchenmeister: »O weh, sie essen alle meine Vorräte auf!«

Klagte der Bruder Kellermeister: »O weh, mein schöner Wein, sie trinken ihn allen aus!«

Am nächsten Morgen entstand ein lautes Geschrei, denn da merkte der Graf von Gehlingsberg den Tausch des Schelmen von Steinach. Frau Mechthild hatte ihre allerältesten Betten zur Reise hergegeben, und soviel der Graf, seine Knappen und die Mönche auch suchten, die köstlichen Gewänder, von denen der Schelm von Steinach erzählt hatte, die waren nicht zu finden. Der Graf wurde fuchsteufelswild, und selbst Damian vergaß vor Zorn seine Schläfrigkeit. Sie setzten sich auf ihre Pferde und ritten eilfertig davon, um nur rasch an des Kaisers Hof zu kommen und dem Schelmen seinen Raub wieder abzujagen. --

Herr Arnulf war unterdessen einen andern Weg geritten. Als das Kloster St. Kilian hinter ihnen lag, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart: »Wie rede ich mich aus, wenn nun der Herr von Gehlingsberg auch an des Kaisers Hof kommt?«

Sagte Berthold: »Reitet nicht an des Kaisers Hof.«

Zürnte Herr Arnulf: »Was soll der dumme Rat?«

Sagte Berthold: »Ein Kaiser ist freilich ein Kaiser, aber ein Herzog ist auch ein hoher Herr. Reitet an eines Herzogs Hof.«

Sagte Herr Arnulf: »Das Wort läßt sich hören.«

Sagte Berthold: »An des bayrischen Herzogs Hof wird’s Euch wohlgehen.«

Sagte Herr Arnulf: »Das gilt. Kurzweil und ritterliche Spiele gibt’s dort auch. Des Herzogs Sohn soll Hochzeit halten, da wird es gut sein. Also reiten wir.« Ja ja, so sagte er.

Nun ritten sie und kamen auch an den Hof des Herzogs von Bayern. Dort war ein lustiges Leben, und der Schelm von Steinach, der stattlich in des Grafen von Gehlingsberg Kleidern einherging, wurde wohl aufgenommen. Er gewann güldene Preise im ritterlichen Spiel, und weil der Herzog um der Hochzeit willen seine Gäste freihielt, brauchte der Schelm keinen Batzen und kein Hellerlein auszugeben. Auch ein reiches Gastgeschenk erhielt er noch. Die güldenen Preise verkaufte er, und so zog er mit wohlgefülltem Säcklein nach etlichen Wochen von dannen. Ja ja, so war’s.

Inzwischen war der Graf von Gehlingsberg an des Kaisers Hof gewesen, hatte dort den Schelm nicht gefunden und hatte dort viel Spott und Neckerei erfahren. Es glaubte ihm niemand sein Märlein, und weil er auch ein einfältiger Herr war, meinten alle, sie hätten einen Narren vor sich. Der Graf vertat sein Geld und gewann nicht Ehre und nicht Freunde, und mißmutig kehrte er nach etlichen Wochen heim. Im Kloster zu St. Kilian gedachte er seine letzte Rast zu halten, und der Zufall führte am nächsten Morgen den Schelmen vor das Kloster. Als dies der Schelm hörte, ritt er eiligst von dannen, und an der Stelle, an der er einst den Grafen getroffen hatte, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart: »Nun reite geschwind nach Gehlingsberg, bringe der Frau Gräfin ihres Mannes Reisetruhen und dieses goldene Ringlein als Reisegeschenk. Sag’ ihr, mit hohen Ehren sei ihr Mann an des Kaisers Hof empfangen worden, und er sei nun schon auf dem Heimweg, sie möge ihn wohl empfangen.«

Sagte Berthold: »Das will ich recht ausrichten.« Er ritt mit den Knappen nach Gehlingsberg, während der Schelm heimwärts ritt im neuen Wams, sein gutgefülltes Beutelchen in der Tasche.

Als er am Tor anlangte, lief Frau Mechthild ihm entgegen und klagte: »O du armer Mann, ohne deine Knechte kehrst du heim! Dir mag es übel ergangen sein.« Ja ja, so klagte sie.

Rief Herr Arnulf: »Schau her!« Er wies ihr das neue Wams, das Geld und eine feine Gürtelschnalle.

Lachte Frau Mechthild: »Ich sehe schon, die Schelme verderben nimmer.«

Mißmutig kehrte der Graf zu seiner Burg zurück. Doch dort empfingen ihn alle festlich geschmückt, und seine Frau Gräfin rief: »Willkommen, edler Held!« Sie dankte ihm gar herzlich für das güldene Geschenk.

Sagte der Graf brummig: »Was soll das Geschrei?«

Schrie Damian: »Herr, da stehen unsere Truhen.«

Sagte die Gräfin: »Die sandtest du mit des Schelmen Knechten. Die haben auch gesagt, wie reich du geehrt worden bist an des Kaisers Hof.« Da schwieg der Graf mäuschenstill und verbot auch seinen Knechten zu sagen, wie es ihnen ergangen war. Ja ja, das tat er.

Er erzählte viel von des Kaisers Hof, zuletzt glaubte er selbst, ihm sei es gut gegangen dort, und schließlich glaubten alle, der Kaiser würde wohl auch bald zu Besuch kommen, weil er dem Grafen so gut war.

Aber mit dem Schelmen von Steinach tat der Gehlingsberger nie mehr eine Reise zusammen. Mit Fehde überzog er freilich auch nicht seine Burg, wie er es sich vorgenommen hatte. Sah er von fern den Schelmen kommen, dann beschrieb er einen großen Bogen um ihn, er fürchtete dessen Spott. Ja ja, den fürchtete er.«

Zehntes Kapitel

Sommertage

Des Pfarrers Freund redet vom Krieg, aber dem jungen Lehrer laufen die trüben Kriegsgedanken davon -- Auf dem Schafskopf brennt das Johannisfeuer, die Rosen blühen, es wird wieder Geburtstag gefeiert, und niemand weiß an dem Tage, was in der Welt geschehen ist -- Der Lehrer erzählt von Deutschland, und Frau Fries hält ihr Herz fest und klagt nicht.

Pfarrers Regine hatte ihren Geburtstag gefeiert, und die Sonne hatte dazu geschienen, wie es sich für einen rechten Frühlingstag schickt. Kein Wölkchen war zuerst am Himmel gewesen, aber plötzlich, am Nachmittag, waren schwere, dunkle Wolken aufgezogen, Sturm, Regen, ein Blitz, ein Donnerschlag, und im Umsehen war es wieder hell gewesen. Das erste Frühlingsgewitter war vorübergerauscht. Ein paar Tage lang hatte es im Pfarrhaus köstlich nach Veilchen geduftet, dann waren die kleinen blauen Frühlingskinder verwelkt, und droben auf dem Schafskopf sproßten Blätter und Knospen der Heckenröslein hervor. Die sagten: »Nun kommen wir bald dran.«

»Nein, erst wir.« sagten im Wald die Maiglöckchen. In den Gärten blühten Narzissen, Tulpen, Schwertlilien, Stiefmütterchen, hängende Herzen und viele andere Blumen auf. Die drei Straßen hatten sich wieder in weiße, schimmernde Wege verwandelt, gerade wie vor einem Jahr, als Heinrich Fries Steinach am Wald zum erstenmal gesehen hatte. Er dachte daran und dachte dabei auch an seinen Reisegefährten, der ihm zuerst von den Schelmen erzählt hatte. Und ganz unvermutet lief ihm der alte Herr über den Weg, mitten auf der Apfelstraße. Sie erkannten sich beide, und der junge Lehrer erfuhr nun, sein Reisegefährte sei ein Freund des Pfarrers. »Ich flüchte mich immer mal für etliche Tage in Steinachs Stille, und dies Jahr war die Sehnsucht besonders groß. Es sieht nicht gut aus in der Welt.«

»Nicht gut sieht es aus in der Welt? Wieso?« Der junge Lehrer fragte es erstaunt, nachdenklich.

Der andere nickte: »Ja ja, mir will’s immer scheinen, als hinge Krieg über uns gleich einer Wetterwolke.«

»Krieg!« Das Wort stimmte so gar nicht hinein in den heiteren Frühlingsfrieden von Steinach, und Heinrich Fries sagte abwehrend: »Ach Krieg, es wurde schon so oft davon gesprochen -- ich glaube nicht daran.«

»Hurra, Hurra, bald ham’ mer se!« Wildes Geschrei gellte auf, und über die Apfelstraße hinweg rasten vier Buben, ein halbes Dutzend andere folgten ihnen, bewaffnet mit Blechsäbeln, einem Pusterohr und einem Ding, das ungemein viel Lärm machte. Eine Rassel war es von lauter alten Topfdeckeln.

»Wen habt ihr bald, he?« Jackenknöpfle lief seinem Lehrer gerade in die Arme, und der hielt ihn fest. Doch der kleine, dicke Kerl mußte erst ein paarmal nach Luft schnappen, ehe er Antwort geben konnte. »Wen wollt ihr fangen?« Heinrich Fries fragte es noch einmal, und nun stieß Jackenknöpfle heraus: »Die Indianer! Wir spielen Indianers, und dahinten liegt Indien.«

Er deutete nach dem Schelmenacker hin, und sein Lehrer meinte heiter: »Nenn’s Amerika, da nun doch einmal dort die Heimat der Indianer ist.«

Er ließ Jackenknöpfle los, der stürzte eilfertig davon, und das Geschrei aller vereinte sich bald drüben am Schelmenacker. »Solchen Krieg gibt’s immer,« sagte der junge Mann zu dem Alten.

Der sah ernst ins Weite. »Wer weiß, wie bald unsere Jungen gegen Franzosen, Russen und noch sonst welchen Feind ins Feld ziehen wollen!«

»Glauben Sie das?« Nun lächelte auch Heinrich Fries nicht mehr. Er sah zum Himmel auf, der klar und blau war. Würde so schnell ein Wetter daherziehen wie an Fräulein Regines Geburtstag? --

Wie schön war der Frühling, wie schön, selbst wenn der Regen warm und lind auf die Erde niedersank. Und wie leicht laufen trübe Gedanken im Frühling davon. Heinrich Fries erging es so. Als er dann mit seinem alten Reisegefährten am Pfarrhaus anlangte, stand Fräulein Regine da, die hatte sich mehr noch als sonst ihr liebliches Gesicht mit Frühlingssonne eingerieben, da liefen geschwinde alle trüben Kriegsgedanken davon.

Das taten die bösen Gedanken noch manchmal in diesen Tagen, aber -- sie kamen doch immer wieder. Der alte Herr Berner, so hieß des Pfarrers Freund, war abgereist, beim Abschied hatte er gesagt: »Im August komme ich wieder -- vielleicht.«

»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.«

»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie der Vater.

»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,« sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern in Steinach geblieben!

Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit »vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze, obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte.

Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche. Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid, ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, -- das waren alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich, endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne, kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns, Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!«

»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.«

Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt nur die alten Schelme auf, das is niche gut.«

»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.«

Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.«

Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt: »Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte. Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm.

»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden.

»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen. Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu.

»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie ’ne Brotschachtel.«

Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich. Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte, über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!«

»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich nicht bis zum Himmel hinauf sehen.

Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen.

»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren Frieden stören und unsere Sommerlust!«

Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde. Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre Sensen: bald, bald fängt die Ernte an.

So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht.

Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann hinaus!

Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie: »Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte.

Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit England, Krieg mit der halben Welt.«

Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut, wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn. Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer. Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf.

Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland.

Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern und vom deutschen Heimatzauber.

Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!«

Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief, und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie, nie: Das Vaterland über alles!«

Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder. »Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das Unglück!«