Part 9
„Ihr habt’s gut, ihr zwei!“ ...
Seine weiche, mollige Hand war heiß, und Karla spürte ihr Brennen durch das Kleid. Sie machte sich frei -- ein bißchen verlegen und gutmütig.
„Komm auch mit, Alwin ...“
Sie dachte sich gar nichts dabei. Aber ihm floß das schwere Blut langsam aus den Wangen.
„Ja, das wäre was ... mitkommen ... und all den Krempel schießen lassen!“
„Was redest du für dummes Zeug, Karla“, unterbrach Altmann streng.
Er kannte jetzt seinen Schwager. Der war rasch umnebelt! Hatte ihn, wer wollte. Der Augenblick war alles bei ihm.
~Dr.~ Maurer mochte wohl dasselbe denken. Und er spürte wieder den Brodem der Kaffeegemütlichkeit, die ihn eingefangen, den herben Glanz seines kurzen geistigen Aufstieges, den Rausch, den er vom grünen Rasen mitgebracht -- alles versunken im trüben Alltag; nichts Helles, Befreiendes war in seinem Leben mehr. Eine abgearbeitete Frau, zwei Kinder, die ihm noch wenig Freude machten, eine enge Häuslichkeit und Stöße von Heften, die er mit Strömen roter Tinte durchzog -- ein Jahr ums andere.
Es kam vor, was sonst nie geschehen war, daß er, selbst wenn er den Abend zu Hause verbracht hatte, das Schlafzimmer erst aufsuchte, wenn Adele fest schlief. Er saß in der Wohnstube und las und rauchte.
Wenn aber Karla gesungen hatte, dann ging er leise in sein Zimmer, blendete die Lampe ab, damit sie Fritz nicht wecke, der seinen schweren Jugendschlaf schlief -- und setzte sich an den Schreibtisch.
Er tauchte auch die Feder ein und schrieb. Schrieb eine Seite, die zweite. Dann strich er alles wieder durch oder zerriß es ... ganz leise -- in heimlicher, verbissener Wut, die keinen Ausweg wußte. -- --
Am Vorabend der Reise hatte Adele eine von Altmann gestiftete Ananas zur Bowle aufgesetzt. Die Kinder hatten aufbleiben dürfen, und Karla lief in einem alten Fähnchen herum, denn die neuen Kleider lagen schon in den offenen Koffern, und das Reisekleid aus dunklem Braun, mit hübschen, hellen Lederklappen sollte erst morgen eingeweiht werden.
Schmerzchen schlummerte tief und ahnungslos in ihrem Wagen, die Flasche im Arm. Adele dachte an ihre Nachtruhe und hatte Karla strengstens untersagt, das Kind noch einmal herauszunehmen.
„Nein, nein“, versprach Karla und ballte ihr nasses Taschentuch zusammen.
„Ich tu’ ja nichts ... nur ansehen muß ich es ... ansehen ...“
Luise legte streng mahnend den Arm um sie.
„Man soll Kinder nicht ansehen, wenn sie schlafen ... davon wachen sie auf. Komm -- sing’ uns was zu guter Letzt.“
„Ich bin gerade in der Stimmung!“
~Dr.~ Maurer blickte auf die Schwestern, die Kinder und schwieg. Aber Karla sah ihn an in diesem Augenblick -- und er tat ihr leid.
Adele brachte die Bowle, das Dienstmädchen folgte mit einem Berg kleiner Kuchen, die Luise mitgebracht hatte.
„Ich bin wie zerschlagen“, sagte Adele und fiel aufs Sofa.
„Du Gute ... Liebe.“
Altmann hätte sich in diesem Augenblick für die Schwester vierteilen lassen. Luise Altmann schenkte die Gläser voll.
„Könnt ihr nicht warten, bis die Großen genommen haben“, herrschte sie die Kinder an, die ihre Hände verdächtig dem Kuchenteller näherten.
Man stieß an. Alwin Maurer sagte was von froher Reise, glücklicher Wiederkehr -- von viel Lorbeeren ...
„Und viel Geld“, flickte Adele ein.
Das war doch wirklich der einzig gültige Grund, um übers Wasser zu gehen. So recht gefallen wollte den Schwestern die Sache überhaupt nicht. Was konnte inzwischen mit dem Kinde passieren? Und dann überhaupt -- gab es nicht in Deutschland große Bühnen genug? Wenn schon durchaus Theater gespielt werden mußte! Und als was begleitete eigentlich Ernst seine Frau? Er hatte undeutlich gemurmelt: „Ich werde dem Direktor zur Hand gehen.“
„Also stellvertretender Direktor?“ hatte Luise gefragt.
„Nicht ganz. Mehr gelegentlich ... wenn er meiner gerade bedarf.“
Das Ehrgefühl der Schwestern litt. Und sie fragten nicht mehr. Jetzt stießen sie mit den Gläsern an und dachten sich ihr Teil. Sie hatten etwas gegen Karla. Es kam sie bitter an, daß Karla einem gewissen Glanz entgegenging, während ihr Bruder taten- und ruhmlos im Schatten blieb.
„Na, vertragt euch nur immer“, sagte Luise.
„Und spart“, ergänzte Adele.
Draußen läutete es. Und da es bald halb zehn war, so blickten alle befremdet auf. Das Mädchen meldete, eine Frau wäre draußen und frage nach der jungen Frau Altmann.
Karla schlug in die Hände. Pauline -- das war Pauline! Sie zog sie ins Speisezimmer, wo jetzt nur eine kleine Lampe brannte. Pauline brachte was Selbstgebackenes für die erste Reise. Karla umarmte sie.
„Ach, Pauline, wenn ich Schmerzchen bei Ihnen lassen könnte, wenn ....“
Pauline schüttelte kummervoll den Kopf.
„Tja ... nun ist aber doch der Herr Papa so ...“
„Ja ... das ist er -- --“
Aber der Papa hatte Pauline ein kleines Uhrchen zum Anstecken für Karla mitgegeben. Ein entzückendes kleines Uhrchen, mit einem Bajazzo in roter Emaille darauf, der auf einer Perlenstange balancierte. Und auf der Innenseite hatte er eingravieren lassen: „Zur Ausreise meiner Kleinen ins Leben mit der Bitte, das Gleichgewicht zu behalten.“
So klein waren die Buchstaben, daß Karla sie kaum entziffern konnte.
„Der Herr Papa hat Augen wie ein Adler; hat gleich bemerkt, daß ein Komma fehlt.“
Pauline sagte das mit einem gewissen Stolz.
Nun führte Karla sie an Schmerzchens Wagen. Es gab wieder ein paar Tränen, heiße Bitten und feierliche Versprechungen.
„Kommst du nicht, Karla?“ rief Luise.
„Ja ... ja ... gleich!“
Sie hätte Pauline zu gerne ein Glas Bowle angeboten, aber nun waren doch die Schwägerinnen so komisch ...
„Ich schreibe Ihnen, Pauline. Meine erste Karte aus Amerika, die kriegen Sie ...“
„Laß sehen“, sagte Adele, als Karla mit dem hoch in der Hand blinkendem Uhrchen wieder eintrat. „Sehr hübsch. Dein Papa scheint viel Geld zu verdienen.“
„Ich hoffe doch“, entgegnete Karla spitz.
Die Kinder wollten nun auch die Uhr sehen. Sie schrien und lachten.
Altmann mußte sehr laut sprechen, um sich verständlich zu machen.
„Wie? Was ...? Ich verstehe nicht ... Kinder seid doch ruhig ....“
Alwin Maurer stand auf. Sollte das der letzte Abend sein? Würde er an diesen Höllenlärm denken müssen, wenn er sich Karlas Bild zurückrief?
„Wollen wir nicht doch noch etwas Musik machen?“
Es klang fast bittend.
„Ja .. das ist recht ... ich will Luise inzwischen Karlas Sachen zeigen, die heute noch gekommen sind ....“
„Ich geh’ mit ....“
Vicki schoß als erste durch die Tür. Die Schwestern folgten. Fritz lümmelte sich am Ofen herum.
„Na -- und du ... in die Klappe, was?“ ...
„Nöö ... ich bleibe noch.“
Fritz blieb immer, solange es noch etwas auf den Schüsseln gab.
Karla sang -- jubelnd und tief ergreifend. So war ihr Abschiednehmen. Sie stand auf der Schwelle eines neuen Lebens, und die Bängnis, der sie sich in manchen Stunden nicht erwehren konnte, gab ihrer Stimme manchmal eine wehe, zarte Süßigkeit.
Als sie endete, kreuzte sie die Hände unter dem Kinn und atmete tief auf.
„Danke, Karla ... von ganzem Herzen danke ich dir ....“
Alwin Maurer schüttelte immer wieder ihre Hand -- so krampfhaft, daß sie bald aufgeschrien hätte. Aber das Lächeln blieb wie eingefroren um ihre Lippen. Wie furchtbar mußte das für den guten Alwin sein, daß er ihre Stimme so lange nicht mehr hören würde ... so sehr lange nicht ...! Sie hätte weinen mögen um ihn ... fast so sehr wie um Schmerzchen.
~Dr.~ Maurer schluckte ein paarmal hintereinander. Die Schüler kannten das an ihm, wenn ihn etwas stark erregte. Schluckte, ließ Karlas Hand los und trat zurück. Dabei stolperte er über Fritzens vorgestreckte, unförmige Füße.
„Zum Donnerwetter, Bengel ... paß doch auf ...“
Er brach ab.
Fritz blickte mit glänzenden, starren Augen auf Karla. Als wollte er sie verschlingen, und doch ehrfürchtig, wie auf ein Wunder.
„Na, was ist los, Junge ... was ist los?“
„Wie die singt ...“
Es klang lächerlich häßlich, wie das so hervorgestoßen wurde in der knabenhaft plumpen Art und mit der zum ersten Male mutierenden Stimme.
Aber Karla lachte nicht. Und ~Dr.~ Maurer sagte -- weicher, als er sonst zu Fritz sprach:
„Mach’ Schluß, Junge. Was Besseres kommt nicht nach.“
Altmann sammelte das Letzte von Karlas Noten zusammen. -- -- --
Bildhübsch sah Karla am nächsten Morgen aus, als sie ihren Kopf mit dem langen, braunen Schleier zum Abteilfenster vorbeugte. Ihre Lider waren zwar geschwollen, und ihre Finger spielten aufgeregt mit der Kante ihres Taschentuches. Es traf sich, daß es ein Sonntag war, und die ganze „Culmstraße“ war vollzählig auf der Bahn.
„Küßt mir Schmerzchen.“ Sie brachte es kaum noch über die heißen, roten Lippen. Gleich darauf flatterte ihr Tüchlein.
„Der Papa kommt noch ... der liebe Papa!“ ...
Er kam -- elastisch, elegant, in seinem auf Taille gearbeiteten Überzieher. Er hielt ein paar Teerosen in der Hand und vollführte mit ihnen zierliche Figuren in der Luft. Dann warf er sie Karla ins Fenster -- graziös und sicher, und begrüßte die Familie mit einem mehrfachen kurzen, höflichen Neigen des Zylinders.
„Du, Kleine ... im Dezember findet in New York ein großes Schachturnier statt. Wenn du gerade da bist, grüße Tschigorin von mir. Nicht vergessen! Schreibe ihm. Er wird schon kommen. Sage, ich erwarte ihn bei mir im April. Tschi--go--rin ... Herrgott, Kleine, den kennt doch jedes Kind! ... Nicht weinen ... ta ta ta ... Unsinn -- Paa -- Paa!“
Der Papa war ganz allein da. Er sah niemanden und kümmerte sich um niemanden. Hinter ihm flatterten Tücher auf, flogen Hüte in die Luft. Er lachte, er schickte Kußhände.
Altmann stand hinter Karla. Er sah älter aus als sonst. Im übrigen war sein Gesicht unbeweglich wie immer. Vielleicht noch etwas starrer. Er haßte Rührszenen auf offener Straße. Und es ging ihm um mehr als nur um einen Reiseabschied.
Karla packte. Es war gar nicht leicht, die langen Schleppkleider in den schmalen Koffern kunstgerecht zusammenzulegen. Die Nordeni reiste nie anders als mit einer Zofe. Nordeni ... zum Lachen! Das „i“ hatte sie sich angehängt wie einen Similistein. John Russel hätte es gern gesehen, wenn sie selbst sich King statt König genannt hätte. Aber sie dachte nicht daran.
Hochrot im Gesicht, mit offener, weißer Morgenjacke lief sie zur Tür des Nebenraumes: „Schreibst du noch lange?“
„Ich bin gleich fertig. Soll ich etwas Besonderes bestellen?“
„Weiß nichts. Grüße nur.“
Adele zog in eine neue Wohnung. Hauptsächlich Schmerzchens wegen. Natürlich. Und es war nur billig, daß Ernst einen Umzugsbeitrag schickte. Vor drei Monaten war Vicki an verspätetem Scharlach erkrankt. Karla kabelte jeden Tag in die Culmstraße, wie es Schmerzchen ginge. Und immer dieselbe Mahnung: „Nicht sparen. Kind isolieren.“ Vickis Krankheit kostete sie sehr viel Geld -- und dann die Erholung an der See! Aber davon hatte dann auch Schmerzchen was gehabt, hatte mit bloßen Füßchen im warmen Dünensand herumgepaddelt. „Das Körperchen wird schon ganz braun“, schrieb Adele.
„Die Ruhe und die gute Luft tun Adele auch gut“, sagte Altmann.
Karla fragte nicht, was an Geld draufging. Nur, als sie von der Zofe der Nordeni sprach, hatte Altmann gemeint: „Vernünftig sein, Karla ... wir brauchen ohnehin eine Unmenge.“
Sie nickte. Ja ... das mochte wohl stimmen. Bei John Russel war sie mächtig im Vorschuß, und es war ihr beinahe unheimlich, wie leicht er ihr jede verlangte Summe gewährte.
Freilich verlangte er Toiletten. Hatte nur kalt aufgelacht, als sie ihre mitgebrachten Schätze gezeigt hatte, damit er das Kleid für ein Konzert wähle, in dem sie mitwirken sollte. Ganz wütend war sie über die Geringschätzung gewesen. Altmann übernahm es, mit Russel zu sprechen. Karla war ja schließlich nicht als „Salondame“ für französische Ehebruchskomödien engagiert, sondern als dramatische Sängerin. Auf die Stimme kam es an, und wenn sie in großen Linien der Mode folgte, so durfte niemand mehr von ihr verlangen!
„Verlange ich auch nicht, Herr ... Herr ...“
Es wurde John Russel noch immer schwer, sich Altmanns Namen zu merken.
„Siehst Du“, sagte Altmann sehr selbstsicher und zufrieden von dem Ergebnis seiner Unterredung.
Karla freute sich auf das Konzert, das in dem Hause eines Milliardärs stattfinden sollte und zu dem die Spitzen der Gesellschaft ihr Erscheinen zugesagt hatten. Sie konnte kaum essen und schlafen vor Aufregung. Aber als sie John Russel fragte, für welche Stunde sie sich bereithalten sollte, sah er sie kalt an und warf ihr die Antwort hin:
„Sie singen ja gar nicht, sondern die Nordeni.“
„Siehst du ... siehst du“, rief sie zu Hause und trommelte auf den Tisch.
Die Tränen saßen locker bei ihr und überfluteten ihre Wangen.
Altmann suchte sie zu beruhigen.
„Lächerlich, Karla ... Sei froh, daß du einen Tag Ruhe hast. Wir gehen ins Deutsche Theater und verbringen einen netten, gemütlichen Abend.“
„Ich hätte aber hundert Dollar für das Konzert bekommen“, schluchzte Karla.
Die Nordeni renommierte haarsträubend. Der Hausherr hätte ihr die Hand geküßt, die Damen hätten sich um ihr Taschentuch gerissen, das sie auf dem Flügel hatte liegen lassen ... Karla konnte das alles schwarz auf weiß in einem der amerikanischen Klatschblätter lesen. Und dazu noch, daß die „Künstlerin außer einem fürstlichen Honorar ein Armband, mit Rubinen und Brillanten besetzt, als Geschenk erhalten hatte“. Folgte die Beschreibung der Toilette.
Am nächsten Morgen ging Karla, ohne ihrem Manne etwas zu sagen, in die Office von John Russel.
John Russel saß in Hemdsärmeln vor seiner Schreibmaschine, die er bei Karlas Eintreten durch einen Druck auf einen Knopf in einer Versenkung verschwinden ließ, worauf sich die Tischplatte selbsttätig zusammenschloß.
„~Well~ ... Karla König ... ~what is the matter~?“
Karla wußte eigentlich nicht recht, wie sie ihre Bitte um Vorschuß einkleiden sollte. Er hatte schon mehrfach gegeben; aber es waren doch immer kleinere Summen gewesen. Sie druckste ein bißchen herum.
„Sie brauchen Geld -- wie? ... Genieren Sie sich doch nicht. Wieviel? ... Tausend Dollar? Lächerlich ... ich gebe Ihnen gern zwei. Da können Sie was anfangen.“
„O nein“, wehrte Karla erschreckt ab. „Mein Mann ..“
„Ihr Mann geht mich gar nichts an. Ich habe nicht Ihren Mann engagiert. Ihr Mann macht eine Glucke aus Ihnen! Hätte ich das gewußt --“
Karla blickte ihn furchtsam an.
„Aber ich bin doch ganz unerfahren. Mein Mann sorgt für mich.“
„Ja, und Sie verdienen für ihn. Das heißt, Sie verdienen nicht. Weil er Sie am Rock festhält, wenn Sie mal losgehen wollen. Vielleicht bitten Sie ihn auch um Erlaubnis, wenn Sie sich ein Paar Handschuhe kaufen wollen? ... Sie laufen herum, angezogen wie eine Gouvernante. Wissen Sie nicht, daß Ihr Beruf Ihnen Pflichten auferlegt? Glauben Sie, die Amerikaner zahlen ihr Geld, um eine kleine ~governess~ zu sehen?“
„Und meine Stimme?“
Er zuckte die Achseln.
„Stimme ... Stimme! Die ist doch erst etwas wert, wenn ich was aus ihr mache. Haben Sie das noch nicht verstanden? Nein? Dann können Sie mir leid tun!“
„Mein Mann ...“
„Kommen Sie mir nicht immer mit Ihrem Mann. So ein Mann, der nichts ist als ‚Mann‘ -- macht mich nervös. Sagen Sie ihm lieber, er solle sich einen anständigen Frack machen lassen; er sieht auch aus wie ein Schulmeister in seinem Hochzeitsanzug, mit den altmodischen Schößen. Darin passen Sie gut zusammen! Oder, sagen Sie mal ... er ist doch Schauspieler! Ich kenne den Direktor vom Deutschen Theater hier. Wenn ich dem ein paar Worte sage ... bring’ ich ihn dort unter. Da kann er seine ältesten Lumpen auftragen, wenn er will. Überlegen Sie sich’s. Und da sind zweitausend Dollar. Und hier ... die Adresse von einem Modesalon. Zehn Prozent Rabatt, wenn Sie von John Russel kommen. Die wissen dort schon, was ich liebe. Da ist auch noch die Karte von meinem Schneider ... warten Sie ... hier! Da kann Ihr Mann hingehen.“
Karla wechselte immerfort die Farbe. Es war alles so schrecklich demütigend und häßlich.
„Wir haben ein Kind, wir müssen sparen!“
Russel lachte kurz vor sich hin. Sie war eine Gans, diese König. Schade, daß er sich mit ihr beschwert hatte ...
„Sparen heißt verdienen, aber nicht: nichts ausgeben! Wenn Sie nichts ausgeben, kommen Sie auch nicht zum Verdienen. Das ist meine Meinung. Im übrigen machen Sie, was Sie wollen. Aber wenn nichts aus Ihnen wird, dann bedanken Sie sich bei Ihrem Manne. Nur schade um die Stimme! ...“
Karla zupfte an ihren Handschuhen, drehte ihren Schirm wie einen Quirl in der Hand und steckte den Scheck schließlich in ihr Täschchen. Sie unterschrieb mit großen, dicken Buchstaben „Karla König“, ohne „Altmann“.
„Ist nicht nötig“, hatte John Russel gesagt.
Abscheulich war dieser Russel -- gemein! Sie hätte ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen.
Und sie war dann immer doppelt zärtlich zu ihrem Manne. Aber diesmal ... ihr schien es, als hätte Russel nicht so unrecht. Sie waren eben beide aus kleinen Verhältnissen -- Altmann und sie -- und hatten den weiten Blick nicht.
Sie löste den Scheck ein und bestellte ihre Kleider. Sie zitterte vor dem Augenblick, da sie Altmann diesen Vorschuß beichten mußte.
Ganz kalt sah er sie an und sagte mit eingezogenen Mundwinkeln: „Es ist ja dein Geld. Du kannst natürlich damit tun, was du willst.“
Sie wagte es nicht mehr, von einem neuen Frack zu sprechen.
Bevor sie New York verließen, durfte sie auch in einer ihrer neuen Toiletten bei Astrong singen. Entweder die Nordeni hatte haarsträubend gelogen, oder die Milliardäre waren verschieden wie Tag und Nacht. Die Künstler waren von der Gesellschaft durch eine rote Samtschnur mit goldenen Quasten abgegrenzt. Die Damen wandelten um die Schnur herum und musterten die Künstler halb dreist, halb gelangweilt durch ihre edelsteinbesetzten Lorgnetten und tauschten mit ihren befrackten Begleitern Bemerkungen aus. Karla fühlte, wie die Füße ihr brannten in den kleinen Goldschuhen, auf die die Blicke der märchenhaft reich gekleideten Frauen fielen. Die Geigerin flüsterte ihr zu: „Man trägt in diesem Jahr keine Goldschuhe mehr.“
„So“ ...
Karla setzte sich auf einen kleinen seidenen Hocker und zog die Füße ein. Ihre weißbehandschuhten Hände (man trug in diesem Jahre auch keine weißen, sondern nur schwarze, lange Handschuhe) nestelten aufgeregt an den Notenblättern. Wenn die Leute sie noch lange so anstarrten, dann ... dann riß sie die Handschuhe ab und warf sie ihnen ins Gesicht oder streckte ihnen die Zunge aus! Aber die Gäste verliefen sich allmählich, und nach einigen Minuten begann das Konzert. Die Künstler wurden von einem befrackten Herrn einzeln hinter der Schnur hervorgeholt und nach ihrer Nummer wieder hinter die Schnur zurückgebracht.
Karla zitterte vor Wut. Als sie aber auf das Podium trat, das mit hellblauem Samt ausgeschlagen war, wurde sie ganz blaß, da sie die Pracht erblickte, die sich vor ihr ausbreitete. In der ersten Reihe saß eine blonde Frau in schwarzem Schleiertüll, dessen feines Rankenmuster mit echten kleinen Brillanten eingefaßt war; erbsengroße Diamantknöpfe schlossen die Spangen der schwarzseidenen Schuhe und eine lange Kette flach gefaßter Brillanten fiel in doppelter Reihe von dem schlanken Halse herab bis zu den Knieen. Neben ihr saß eine üppige Brünette, deren lichtblaues, langschleppendes Unterkleid von einem Netz aus Goldfäden überdeckt war, das mit langen Gehängen aus echten Perlen um die Schleppe, die kurzen Ärmel und die Brust verziert war. Hinter den Sesseln dieser zwei Damen standen unbeweglich je zwei Diener, deren Amt es offenbar war, darauf zu achten, daß sich nicht etwa einer der kostbaren Edelsteine von dem Kleide löste und in dem Gefältel fremder Schleppen verlor.
Die in die Wände eingelassenen und mit Gold abgesetzten, geschliffenen Spiegel gaben das Funkeln der Edelsteine, das Gleißen der wundervollen, gold- und silberschimmernden Stoffe hundertfach wieder. Das Licht aus zahlreichen goldenen Blumensträußen, die an der Decke angebracht waren, sprühte über die tief ausgeschnittenen elfenbeinstumpfen und rosig schimmernden Nacken, die scheinbar kunstlosen, in weiten Wellen gesteckten glänzenden roten, braunen und blonden Haare. Da, wo die Reihen der hellblauen Sessel mit geschnörkelten Goldlehnen endeten, erhoben sich in einförmigem Schwarz und Weiß die Gestalten der Männer. Bartlos wie Schauspieler waren sie alle. Hatten scheinbar gutmütige, ein bischen schwammige Züge. Nur das fast allen gemeinsame, vorgeschobene Kinn und der verschleierte schwere Blick gab ihren Gesichtern bei näherem Zusehen einen Zug neronischer Gefühllosigkeit. Ihre Hände konnten trotz aller Pflege nicht immer ihre Herkunft verbergen. Sie protzten weder mit Ringen, noch mit Orden. Die Größe ihres Reichtums zeigten ihre Frauen zur Genüge auf ihren Schultern an; ihre Stellung aber war durch ihre Anwesenheit in einem solchen Hause klargestellt. Zwischendurch gab es auch junge Leute, deren Gesichtszüge der Reichtum des Vaters veredelt hatte. Ihre Stirnen waren breit und nichtssagend, ihre Augen hatten die Schwermut des freudlosen Genießens, aber unter ihren Frackärmeln zeichneten sich die Muskeln von Berufsathleten ab. Sie besuchten diese Salons, in denen sie sich langweilten, um eine französische Prinzessin zu fischen oder einer Tingeltangelöse auszuweichen, die sie überall hin verfolgte, um ihnen zum mindesten ein Eheversprechen abzulisten, das sie zu Geld machen konnte.
All diesen Männern war der Frack die Abenduniform. Wo sie sie spazieren führten, innerhalb ihres Kreises, war ihnen gleichgültig, ebenso wie ihnen gleichgültig war, was sie über sich ergehen lassen mußten. Die Patti, Jean de Reczke hatten den Vätern einige Emotionen bereitet, als sie anfangen durften, an „Kunst“ zu denken -- die jungen Leute hatten die Bewunderungen der Väter übernommen und noch nichts Neues entdeckt. Das war dort übrigens Frauensache. Aber auch die Frauen übernahmen gern geprägte Werte und ließen es sich erst sagen, für wen sie sich zu erwärmen hatten.
Der Geigerin ging ein recht guter Ruf voraus. Sie war eine mollige Blondine, und der Salon ihres Mannes, der in Paris ein berühmter Klavierspieler war, vereinigte die beste Gesellschaft. Einige junge Damen aus den ~upper~ Vierhundert hatten Geigenunterricht bei ihr in Paris genommen ... sehr nett .... Man hatte ihr lebhaft mit den Fingerspitzen zugeklatscht.
Aber -- Karla König? ... Ein unbeschriebenes Blatt.
Man hörte nicht viel hin, unterhielt sich leise -- durchaus höflich, legte wohl auch mit mahnendem Lächeln den beringten Finger an den Mund -- es war gerade die Mode aufgekommen, die Ringe über den Handschuhen zu tragen -- und es sah auch wirklich sehr hübsch aus, wenn die Frauen so dasaßen, die steifen Hände wie glitzernde Blumen im Schoß. Die Tochter eines Multimillionärs hatte es sogar gewagt, sich einen kleinen funkelnden Rubin in den milchweißen Augenzahn einsetzen zu lassen. Sie lächelte sehr viel, weil sie heute zum erstenmal die Wirkung dieser Neuheit ausprobierte. Und eigentlich war der Zahn von Miß Evelin Steafford heute der „Clou!“, gegen den auch die beste Nummer des Konzerts schwer aufkommen konnte. Denn die Wirkung des Rubins mußte bei allen Wendungen von Miß Evelins hübschem Kopf und jeder Art ihres reizenden Lächelns genau beobachtet werden.
Karla sang. Die Noten zitterten in ihren Händen. Sie fühlte, daß sie ins Leere sang. Dann sah sie, wie ein paar Damen wieder ihre Schuhe lorgnettierten. Sie wurde immer unsicherer.
„Was machen Sie denn?“ flüsterte ihr der Begleiter zu.
Sie hatte einen Takt ausgelassen. Wie durch ein Wunder kamen sie nicht auseinander. Als sie zu Ende war, rührte sich keine Hand. Sie griff nach dem Klavier. Tiefe Schatten legten sich unter ihre Augen. Die blonde Dame mit dem goldenen Netz schlug kaum merklich auf die Lehne ihres Sessels und unterdrückte ein Gähnen. Das war nun schon das vierte Hauskonzert in dieser Woche ... es war Zeit, daß man auf etwas anderes kam. Sie würde sich eine Bühne bauen lassen -- in der Art wie sie die Patti hatte. Natürlich in ganz anderer Ausführung .... Musik war ja ganz nett, aber man mußte auch was fürs Auge haben ...
Na -- was war denn das plötzlich?