Die Primadonna

Part 8

Chapter 83,665 wordsPublic domain

Ihn interessierten nur die hohen Töne. Die brauchte er für die Amerikaner. Sie schnappten danach wie Hunde nach einem Fleischbissen. Ihre Musikliebe nährte sich von den höchsten und den tiefsten Tönen der Sänger. Was dazwischen lag, nahmen sie nur mit in den Kauf. Er hatte einmal eine Mulattin „gemanagt“, häßlich wie die Nacht, dumm und unmusikalisch. Sie sang nur zwei Lieder. Aber ihre Stimme erkletterte die höchsten Geigentöne. Das Publikum raste, und nach drei Jahren hatte sie sich eine Million erpiepst. Ein Glück; denn in Veracruz holte sie sich eine Halskrankheit, und die Stimme sank zum normalen Umfang zurück. Sie war erledigt.

Altmann spielte mit kalten, feuchten Fingern. Er wußte, was Karla konnte, und wußte, daß sie jetzt aus einer ihrer sprunghaften Stimmungen heraus „Schindluder trieb“. Wie ein wildes Füllen, so jagte ihr die Stimme davon. Er hörte zurückgedrängtes krampfhaftes Schluchzen und Lachen aus ihrer Stimme heraus. Er schlug auf die Tasten, hielt zurück, soviel er konnte -- sie krampfte ihre Finger in seine Schulter, trieb ihn an ... Er gab nach. Es war keine Musik mehr, es war ein Anhäufen von Tönen, die markerschütternd aus der Tiefe einer zornlodernden, verzweifelten Seele kamen. Mit einem wilden Aufschrei, mitten im Takt brach sie ab.

Kommissionsrat Fuchs blinzelte unruhig mit den Augen. War sie verrückt geworden, die König?! Er empfahl sie einem John Russel und sie schluderte und heulte wie eine Furie. Was war denn das mit ihr?

Karla stand hochatmend, mit roten, heißen Wangen am Klavier. Ihre Hand bebte noch immer auf Altmanns Schulter. Altmann war grau im Gesicht und wagte es nicht, sich umzudrehen. Er hätte sie schlagen können -- mit beiden Fäusten auf sie losgehen mögen. War sie wahnsinnig geworden? Sie wußte doch, was für sie beide davon abhing! Wußte, daß er bald am Ende von all seinem Ersparten war! Und was dann? Die Herbstengagements in Deutschland waren abgeschlossen. Hier krochen sie nicht sobald unter! Und dann -- +unterkriechen+! Immer wieder unterkriechen! Von sich wollte er nicht sprechen. Aber Karla war auch schon 24 Jahre alt. Solange hatte sie der Kieler Schlaukopf gehalten .... Was wurde nun aus ihnen beiden -- aus dem Kind? Bei Adele sah es knapp genug aus. Die Kinder wurden größer und kosteten von Tag zu Tag mehr. Adele hatte schon ein paar Andeutungen gemacht, die brave, treue Seele ... Der Schweiß perlte in großen Tropfen von Altmanns Schläfen.

„Bravo, bravo ...“, sagte John Russel wieder.

Er hatte wieder dasselbe flüchtige kalte Lächeln.

„Sie sind wie ein Präriepferd ... ~well~, das liebe ich. Sie gefallen mir.“

Karla schämte sich plötzlich und senkte den Kopf. Sie hätte am liebsten gerufen: Aber ich singe doch viel besser! und hätte alles wiederholt. Aber John Russel wendete sich langsam ab.

„Ich will ihr 100 Dollar die Woche geben und freie Reise. Können gleich abmachen, lieber Freund.“

„Reise für zwei Personen“, murmelte Fuchs und zeigte mit dem Kopfe auf Altmann.

„Wie ... der auch mit? Sie will immer ihren Mann mit sich schleppen? ... ~God bless me!~“

Der Kommissionsrat zuckte die Achseln.

„Hören Sie mal, lieber Altmann ... ist das unbedingt notwendig -- müssen Sie durchaus mit? Herr Russel möchte nämlich ...“

Jetzt erhob sich auch Altmann. Er hatte seine Haltung wiedergefunden und fuhr sich mit dem seidenen Taschentuch über das glattrasierte Gesicht. Er fürchtete, man würde das Zittern seiner Hand bemerken.

„Ich lasse meine Frau unter keinen Umständen allein fahren ... unter keinen Umständen.“

Er gab seiner Stimme alle Festigkeit, steckte das Tuch in die Tasche und schlug sie mit der flachen Hand glatt. So kämpfte er in einer Rolle auf der Bühne die Erregung nieder. Es half auch im Leben.

Karla zog ihren Arm durch den seinen, stellte sich dicht neben ihn, wie um seine Worte zu bekräftigen. Das war sie ihm schuldig. Sie nickte sogar. Aber ihre Augen blitzten. Sie hatte die Gage überrechnet. Es machte mehr als sechzehnhundert Mark im Monat. Sie hätte John Russel am liebsten umarmt. Ihrem alten Direktor wollte sie das gleich mal schreiben -- aber gleich! Und Adele ... tja, meine Liebe -- so verdiene ich -- Karla König ... jawohl!

Doch sie hielt sich bescheiden zurück, ängstlich nur, daß alles an der Forderung ihres Mannes scheitern könnte. Aber schließlich -- puah -- bei soviel Geld .... Man konnte ja gottlob selbst alles bezahlen! Lächerlich!

Altmann fuhr fort: „Sie haben vielleicht einen Posten für mich .... Meine Ansprüche sind gering. Es ist nur, daß ich dort eine Beschäftigung habe“ ...

John Russel zuckte die Achseln:

„Lieber Herr -- Beschäftigung! Das ist teurer als Geld. Suchen Sie sich welche. Wenn mein Kassierer durchgeht, können Sie an seine Stelle kommen“ ...

Er lächelte wieder, diesmal geringschätzig. Er hatte nie im Leben um „Beschäftigung“ gebeten. Genommen hatte er sich, was sich gerade fand. Er war nicht dazu da, die Männer seiner Sängerinnen zu beschäftigen.

„Die Reisen will ich Ihnen meinetwegen bezahlen“, warf er ihm über die Schulter zu.

Vielleicht war die Kleine abends besser bei Stimme, wenn sie am Tage ihren Mann abgeküßt hatte. Es gab so närrische Weiber. Die Sängerinnen schleppten alle gern einen Mann mit sich herum -- Gatten, Geliebten oder Sekretär. Im Grunde kam es ja doch immer auf dasselbe heraus.

„Danke“, sagte Altmann.

Seine Stimme war leicht belegt, und die Mundwinkel hingen tief herab. Es war doch verflucht bitter, dieses „Mitgenommenwerden“!

Dann saß man im Arbeitszimmer des Kommissionsrates. Es war mit aller Behaglichkeit und kitschigen Pracht der achtziger Jahre ausgestattet. Karla wurde ganz beklommen zumute, und sie setzte sich andächtig auf den mit imitiertem roten Leder ausgeschlagenen Sessel. Fuchs nahm ein Formular, das oben die Firma trug: John Russels internationale Gastspielgesellschaft.

„Sie verpflichten sich also für drei Jahre bei Herrn Russel als dramatische Sängerin. Verpflichten sich, überall da zu singen, wo Herr John Russel Sie allein oder mit seiner Gesellschaft hinschickt.“

Karla nickte strahlend.

„Ja, natürlich“ ...

Altmann trat vor.

„Nein ... nicht überall. Deutschland ist ausgenommen.“

Fuchs drehte sich ärgerlich über die Störung auf dem Stuhl herum.

„Aber von Deutschland spricht ja kein Mensch“ ...

„Ja, eben darum. Ich möchte eben, daß Deutschland schwarz auf weiß ausgenommen wird.“

Fuchs blickte John Russel an. Der rauchte schläfrig und völlig interesselos eine Zigarette.

„Meinetwegen“, fiel es in unterdrücktem Gähnen von seinen Lippenwinkeln herab.

„Schön -- Deutschland ausgenommen.“

Der Kommissionsrat kritzelte etwas in das Formular hinein. Dann las er verschiedene Paragraphen vor, trug die Höhe der Gage ein ...

Karlas Herz schlug, wie wenn eine Faust gegen eine Tür donnere.

Abermals trat Altmann vor.

„Die Gage von hundert Dollar die Woche versteht sich natürlich nur für den Fall, daß meine Frau als Mitglied der Gesellschaft auftritt. Wenn Herr Russel meine Frau als Einzelkraft dem oder jenem Theater -- in welchem Lande immer -- abtritt, dann ist die Gage jedesmal vorher zu bestimmen.“

Fuchs warf den Federhalter wütend auf den Tisch.

„Sie reden hier nicht mit kleinen Kindern, lieber Altmann! Was sind das für Geschichten!“

Altmann beherrschte sich.

„Sehr wichtige Geschichten, Herr Kommissionsrat. Denn wenn Herrn John Russel die Lust anwandelte, meine Frau für zweitausend Mark pro Abend in New York oder London singen zu lassen, mit einer Garantie von achtmal im Monat, so würde Herr John Russel über vierzehntausend Mark in diesem Monat an meiner Frau verdienen. Das ist zuviel.“

John Russel wachte auf. Er warf den Zigarettenstummel in den nächsten Aschbecher und schlug sich mit den dickrippigen, rötlichen Lederhandschuhen auf das Knie.

„Oh ich sehe, Herr ... Herr ... ~beg your pardon~ -- Herr Altmann -- Sie haben Ihre Beschäftigung bereits gefunden.“

Er stand auf, näherte sich lässig dem Tisch und blickte über Fuchsens Schulter in den Vertrag. Um seinen rissigen, schmalen Mund lag ein ironischer Zug.

„Es fragt sich doch noch sehr, Herr ... Herr Altmann, ob ein Präriepferd hohe Schule gehen kann. Nehmen Sie mir den Vergleich nicht übel. Aber mir fällt kein besserer ein. ~Well~ -- nehmen wir an. Nehmen wir an, Ihre Frau wird eine Patti -- wer macht sie dazu? Ich. Solche Stimmen wie Ihre Frau haben nicht sehr viele, nein ... aber immerhin einige. Wenn Sie lange Umstände machen, dann -- ~shakehands~ und Gott befohlen. ~Business~ müssen bei mir schnell erledigt werden, sonst verlier’ ich die Lust. Also: Wenn Ihre Frau als Einzelkraft auftritt, bekommt sie als Gage die Hälfte von dem, was der Direktor des betreffenden Theaters zahlt. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht? Ja oder nein? ... Ja?! ~Well~“ ...

Es hätte gar nicht des verzweifelten Zupfens von Karla bedurft, die bald rot, bald blaß wurde. Altmann hatte seine letzte Spannkraft aufgeboten und wäre auch auf weniger eingegangen.

„Einverstanden“, sagte er mit trockenen Lippen.

„Na ... endlich! Herrschaften, ich habe auch noch andere Leute draußen“ ...

Der Kommissionsrat nuschelte die letzten Paragraphen in seinen weißen Schnurrbart hinein, während John Russel gelangweilt die Bilder an der Wand betrachtete, und schob dann den Bogen Karla zu.

Ihre Unterschrift war ihre erste Tat in dieser ganzen Verhandlung. So gezittert hatte ihre Hand nicht in der Sakristei, wie jetzt, da sie die Feder ansetzte. Fragend blickte sie auf Altmann.

„Unterschreiben Sie: Karla König, verehelichte Altmann“, sagte Fuchs. „So. -- Nun Sie als Ehemann. Und zum Schluß, ~dear friend~ ...“

Er legte den Federhalter liebevoll zwischen John Russels Finger. Die Buchstaben waren nicht zu entziffern. Der Name sah aus wie ein Firmenzeichen.

Karla schnellte von ihrem Stuhl.

„Sind wir jetzt fertig?“

John Russel nickte.

„Fertig. Das heißt ...“

Er hielt Karlas feste Hand, die sie ihm entgegengestreckt hatte, einen Augenblick zwischen den Fingern und fegte mit seinem Blick gleichsam über sie hinweg.

„Hände pflegen, Karla König! Das ist sehr wichtig. Und dann ~a bit of~ Aufmachung! Nicht so als Großmutter herumlaufen, in schwarzem Seidenkleid! Das lieben wir Amerikaner nicht. Einfache Frisur und schicke Toilette. Keine Stirnlöckchen. Die trägt keine Dame bei uns. Hübsches Schuhwerk, feine Handschuhe -- nicht zu eng!“

Er übersah es, daß Karla blutrot vor ihm stand und Altmann mit lebhaft gefärbten Schläfen angelegentlich den Vertrag faltete. John Russel griff in die Brusttasche und holte eine Handvoll Scheine heraus.

„Hier sind zweitausend Mark, Herr Altmann, für ein paar Anschaffungen. Wenn Sie mehr brauchen -- bitte. Ich werde Ihnen den Vorschuß ganz langsam abziehen lassen.“

„Danke.“

Zum zweiten Male dankte Ernst Altmann. Er hatte zwei kleine, runde Flecken auf seinem sonst so farblosen Gesicht, und selbst das Weiß der Augen war gerötet. Er drückte ein paar Hände, eine weiche, schlappe und eine harte, rissige -- mit Nägeln, die so hart wie Knochen waren. Er stand unten auf der Straße und sah, wie Karla immer vor ihm herlief und wild die Notenmappe schwenkte.

„Wir wollen einen Wagen nehmen ... Drooschke! .. Halt! -- Halt!“

Sie schrie aus Leibeskräften, und ein Straßenjunge parodierte: „Drooschke! ... Droooschke!“

Sie lachte und stieg ein. Es war Altmann, als zöge sie ihn gewaltsam nach.

„So komm doch ... Herrgott, bist du langweilig ...“

Das Pferd trottete los. Sie drückte Altmanns Hände. Sie zwickte ihn in den Arm.

„Wach’ doch auf, du! ... Wach’ auf, oder ich küsse dich hier mitten auf der Straße ab!“

„Karla“ ...

Die starke, aus tausenderlei widerstreitenden Gefühlen gemischte Empfindung fand keine Auslösung bei ihm. Mit einem Federstrich hatte er sein ganzes Leben umgestürzt. Karla war nicht seine Frau. Er war ihr Mann.

Wie sie den Wagen herangerufen ... es war lächerlich, das nur zu bemerken. Aber es war doch anders, als es bisher gewesen .... Und so vieles würde anders sein ... so vieles, was demütigte und verwundete. Und kam es nicht von ihr -- so kam es von den anderen ...

„Halt’ dich, Karla“ ...

„Ach was!“

Wie ein wildes Schulmädel hupfte sie auf den hohen Wagenkissen.

„Adele wird Augen machen. Adelens Gesicht, du! Vierhundert Mark als Versicherungsbeamter. Wie kommt dir das vor, sag’, Ernst? ... Wie kommt dir das vor? ... Und Schmerzchen, mein süßes, geliebtes Schmerzchen! Der nehme ich eine Nurse, wie Stowns eine haben. Nu gerade! Eine echte Nurse, mit englischem Häubchen. Und in Amerika soll sie eine Negerin als Wärterin kriegen ... eine richtige, dicke Negerin, du! Das finde ich rasend vornehm!“

Altmann schreckte plötzlich auf.

„Isolde -- du denkst doch nicht etwa daran -- --?“

Er brach ab. Sie hatte nichts gehört. Sie trieb den Kutscher zur Eile an:

„Los, los, Alterchen ... Sie kriegen auch ein fürstliches Trinkgeld ... fürstlich!“

Lachend plumpste sie wieder in den Wagen zurück.

„Du, Ernst, unter uns: gesungen habe ich wie ein Schwein. Ich dachte, Fuchs schmeißt mich raus! Mir lag auf einmal gar nichts mehr an der ganzen Sache ... gar nichts .... Komisch, was?“

Altmann antwortete nicht. Nur seine Hand legte sich schwer auf die ihre.

Die Abreise war auf den ersten November festgesetzt.

Karla lief mit rotgeweinten Augen umher. Probierte bei den Schneiderinnen und schluchzte zwischen zwei Angaben auf, las Luisen aus einem englischen Buch vor und barg den Kopf plötzlich, von wildem Weinen durchrüttelt, in den Händen.

Schmerzchen sollte in Berlin bleiben. Das war nicht auszudenken! Das war unmenschlich! Wer durfte sie von ihrem süßen kleinen Kinde trennen?! Sie verdiente so ungeheuer viel Geld -- wer konnte ihr da verbieten, das Kind mitzunehmen?! ...

„Es ist gar nicht so viel Geld“, sagte Altmann.

Adele aber rief:

„Und wenn es Millionen wären -- kannst du dein Kind den Fährlichkeiten solch einer Reise aussetzen, ja? Ihr werdet ja immerfort unterwegs sein, in der Eisenbahn gerüttelt, auf dem Schiff geschaukelt. Und dann der ständige Klimawechsel! Bedenke, daß die kleinen Kinder schon hier bei jedem Witterungsumschlag dem Brechdurchfall ausgesetzt sind! Dann kommt das Zahnen ... Wenn du Isoldchen verlieren willst, durchaus in den Tod jagen willst -- bitte. Aber was ich dann von dir als Mutter zu halten habe, brauche ich dir nicht erst zu sagen!“

„Lächerlich“, sagte sie nur mit Achselzucken.

Luise machte nicht so viele Worte.

Über so etwas „debattierte“ man doch überhaupt nicht! Karla fuhr zu Papa. Sie hatte ihm nur brieflich von dem fabelhaften Engagement nach Amerika Mitteilung gemacht.

Ein Fräulein in entsetzlich rosigen Tripots und einem kaum bis zu den Knien reichenden Faltenröckchen öffnete.

„Herr König gibt gerade Unterricht.“ ...

Karla fuchtelte nervös mit ihrem Täschchen herum.

„Sagen Sie Papa, ich müßte ihn sprechen. Unbedingt. Wenn auch nur fünf Minuten.“

Das Fräulein hüpfte zur Saaltür, während Karla in die Wohnstube ging.

Auf dem Mitteltisch stand noch unabgeräumt das Morgenfrühstück. Meißner Tasse, Silberkörbchen, so wie Papa es jetzt liebte. Die Schachzeitung lag aufgeschlagen neben der Tasse; am Rande hatte er mit dem Bleistift Notizen gemacht.

Auf der anderen Seite des Tisches stand Paulinens Arbeitskörbchen, angefüllt mit Florstrümpfen in allen Farben.

„Ja -- Kleine ... was gibt’s? Du mußt entschuldigen ... ich habe zu tun.“ ...

Der Papa war in kurzen, hellgrauen Kniehosen und Escarpins. Ein blütenweißes, weiches Hemd bauschte sich unter den hellblauseidenen Trägern. Statt eines Kragens umgab ein weißseidenes, weiches Tuch seinen Hals. Die weiße Locke klebte ihm feucht an der Stirn, und seine Finger zwirbelten an einem weißen Batisttuch, von dem ein durchdringender Fliederduft ausging.

„Gratuliere übrigens zu dem Engagement. Scharmant, scharmant! Was kriegst du eigentlich?“

Er warf dabei einen scharfen Blick auf den Tisch, versenkte zwei Finger in die Zuckerdose, tauchte das ergriffene Stückchen in die Sahnenkanne und zerdrückte es mit leise schnalzendem Geräusch am Gaumen.

Karla nannte die Summe und wollte weitersprechen. Aber er schnitt ihr das Wort ab, mit einer kurzen, eleganten Bewegung seiner kleinen Hand.

„Wenig, liebes Kind -- sehr wenig. Hoffentlich kommst du aus. Fährt Altmann mit, ja? ... Gut, gut. Dein Mann scheint ein sparsamer Herr zu sein. Einer muß sparen können in der Ehe. Ich hab’s nie gekonnt .... Dafür ... tja ... na ... das sind alte Geschichten. Pauline ist übrigens auch sparsam -- aber mit Maß. Habe die Kündigung zurückgenommen ... tja. War immerhin nett gemeint, daß sie dich behielt. Wie geht’s dem kleinen Fräulein, wenn man fragen darf? Gut, ja? Wann fahrt ihr?“

Er tauchte ein zweites Stück Zucker in das Kännchen, mit zierlich gespreizten Fingern.

Karla sah ihm mit großen Augen zu. Was hatte sie eigentlich erwartet von dem zierlichen, genäschigen alten Herrn? ... Rat? ... Unterstützung ihres Wunsches? Mitleid? Sie wußte jetzt ganz genau, daß er ihr nicht geben konnte, wonach sie verlangte. Nur um es gesagt zu haben, murmelte sie:

„Du warst doch drüben in Amerika. Da wollte ich dich fragen, ob ich nicht Schmerzchen mitnehmen könnte? ...“

„Wen mitnehmen?“

Der Papa blinzelte verständnislos mit den Augen.

„Wen -- -- --?“

„Nun, mein Kind -- Schmerzchen!“

Der Papa pirouettierte auf seinem Absatz, hüpfte dann wie ein Ball in die Luft und machte einen Entrechat.

„Schmerzchen! Entzückend! Also -- Schmerzchen soll mit nach Amerika? Sage mal, wie bist du auf den Namen gekommen?“

„Aus meinen Schmerzen heraus ... so.“

Karla warf ihr Täschchen auf den Tisch und fing wieder an zu weinen.

„Ta ta ta ... Nur kein Drama, bitte, Karla ... Du weißt, ich kann Tränen nicht leiden ... ich ...“

Er tupfte ihr ziemlich ratlos mit dem Tuch über die Wangen.

„Ich habe ja nichts gegen den Namen. Originell! Ich liebe, was originell ist. Schmerzchen -- scharmant. Ich schicke Schmerzchen heute noch Schokolade. Zu jung -- wie? Tja ... schwer, den Geschmack so kleiner Damen zu treffen .... Aber nach Amerika? Wahnsinn! Kunst und Kind -- haben nur den ersten Buchstaben gemeinsam. Tja ... liebes Kind ... Künstlerin ... das ist ... das muß ein Wesen sein so zwischen Weib und Göttin. Nichts Irdisches ... sonst wird nichts draus. Haus ... Küche ... Windeln ... sehr ehrenwert, gewiß ... aber puah! Schon der Gatte zuviel ... viel zuviel .... Aber nicht unüberwindlich. Den elendesten Geliebten akzeptiert man eher als den trefflichsten Gatten! Das ist so! Eine Künstlerin ist Allgemeingut! Ein jeder muß glauben können, daß er sie für sich gewinnen kann. Das schafft Konkurrenz um sie herum, das gibt ihr Erfolg. So war es immer, und so wird es bleiben! Und wer’s nicht glaubt, der spürt’s am eigenen Leibe! Für den Anfang ist Altmann ganz gut. Netter, anständiger Kerl. Sieht gut aus. Ein bißchen Holzfigur -- macht nichts. Zieh’ nur los mit ihm ... aber nachher -- Vorsicht! ... Und Schmerzchen ... die hat ja ein paar Tanten ... vortrefflich. Die sollen sich nur um sie kümmern. Dazu sind Tanten da. Sei froh, daß du meine Einzige bist. Du kommst nicht in Verlegenheit, Tante zu werden! ...“

Er tätschelte ihre Wange und lachte mit seiner harten tenoralen Stimme vor sich hin.

„Jetzt muß ich aber zu meinen Schülern. Also ... pa, Kleine .... Wann fahrt ihr? Laßt mich’s wissen -- ich komme dann zur Bahn .... Du, ich höre Pauline, die kommt vom Markt.“

Er tänzelte zur Tür.

„Was bringen Sie mir Schönes, Pauline, he?“

Karla sah durch die offene Tür, wie der Papa neugierig in der Markttasche herumstöberte; aber Pauline schubste ihn beiseite, als sie Karla erblickte.

„Die junge Frau ... das ist aber schön! Was macht denn unser Schmerzchen? ...“

Der Papa verschwand hinter der Saaltür, und gleich darauf ertönte eine Gavotte am Klavier und die scharfen, nasalen Kommandorufe des Papas, der mit einem langen dünnen Stock die Fußstellungen korrigierte, während er sich mit dem Oberkörper graziös hin und her wiegte. -- -- --

Schmerzchen blieb in Berlin. Selbst Pauline hatte zugeraten. Und sie hatte den Ausschlag gegeben. Altmann nahm einen Hundertmarkschein und drückte ihn Adele „fürs erste“ in die Hand.

„Wenn du auch sonst etwas brauchst ... ich bitte dich, halte nicht zurück damit. Ich werde dir ohnehin nie vergelten können, was du tust.“

Er kaufte ihr eine Winterjacke, da die ihre alt und recht schäbig geworden war. Luise bekam eine dunkelrote seidene Bluse. Auch für die Kinder fiel etwas ab: ein Tanzstundenkleid für Vicki und für Fritz ein Einsegnungsanzug. Wieder kamen zweihundert Mark zusammen. Karlas Ausstattung, die Anschaffung von Schiffskoffern, etlichen neuen Westen und Krawatten für ihn selbst -- seine Anzüge fand er noch tadellos -- das alles zusammen, mit einigen Ausgängen und einer Brosche für Pauline aus leichtem Gold, fraß doch ziemlich zwölfhundert Mark auf.

„Ach was,“ sagte Karla, „der Amerikaner hat eine offene Hand. Dem ziehe ich einen neuen Vorschuß wie nichts aus den Händen.“

Sie war, wenn nicht gerade die Verzweiflung über die bevorstehende Trennung von Schmerzchen sie packte, lustig und guter Dinge. Vicki begleitete sie oft zu den Schneiderinnen, und ihre Augen weiteten sich vor Staunen und Neid, wenn es auch nur recht bescheidene Stoffe und Zutaten waren. Aber die leuchtenden Farben, das Gleißen der billigen Seide und das Schillern der glitzernden Überwürfe raubten ihr fast den Verstand, weckten alle ihre schlummernden Begierden.

Karla hatte nicht viel eigenen Geschmack. Aber ihrer molligen Jugend und ihrer jetzt wieder frischen Gesichtsfarbe stand alles gut.

Auf dem Heimwege trat sie mit Vicki in eine Konditorei ein und ließ Vicki „aussuchen“.

„Tante, du bist himmlisch! ...“

Die Zeiten hatten sich geändert. Und Karla durchlebte die neuen mit frohem Genießen, ohne viel nachzugrübeln. Wenn Vicki vor Entzücken zerfloß beim Anblick eines Bandes oder eines Gürtels, dann kaufte Karla es ihr.

„Sei nur recht gut zu Schmerzchen, Vicki, wenn ich nicht da bin.“

Und Vicki lachte nicht mehr über den Namen, sondern nannte ihn auch. Meist ging Altmann mit Karla aus. Schon, damit sie nicht zuviel „verläpperte“. Aber im Grunde war sie keine Verschwenderin. Jetzt, da ihr bescheidener Luxushunger gestillt war, blieb ihr nur eine kleine Genäschigkeit: Mohrenköpfe und Windbeutel verschwanden in großen Mengen in ihrem Magen, und es kam nicht selten vor, daß sie sich ein viertel Pfund Konfekt oder Schokolade kaufte und heimlich aus der Tüte naschte.

Das hatte sie wohl von ihrem Vater.

Ihre frohe Stimmung hielt selten lange in der Culmstraße an. Immerhin machte sie Adele gern diese oder jene Freude. Mehr um sich der Dankesschuld zu entledigen, als um Dankbarkeit zu beweisen. Wie ein Schulmädchen aber freute sie sich, Luisens strenger Aufsicht zu entfliehen. Mit dem alternden Mädchen verband sie noch weniger Gemeinsames als mit Adele. Vielleicht war es das Antikünstlerische dieser zwei kleinbürgerlichen Frauennaturen, wodurch sie ihr unbewußt immer fremd blieben.

Pauline war die einzige.

Aber Adele hatte erklärt, Pauline wäre ja sehr nett, doch immerhin ein Dienstbote. Wenn „der Papa“ es gestattete, daß sie mit am Tische saß ... so konnte das doch nicht maßgebend für eine Frau ~Dr.~ Maurer sein!

Abends sang Karla, und Altmann begleitete sie. Adele hatte noch allerlei in der Wirtschaft zu tun, ~Dr.~ Maurer aber saß in einem Sessel und ließ Karlas Stimme über sich hinfluten. Manchmal brannte sie ihn wie Feuer, dann wieder erfrischte sie ihn wie eine kühle Brise.

Wenn sie aufhörte, fragte er: „Willst du nicht weitersingen?“

Sie hörte die Bitte heraus und lächelte. So ein guter Kerl war der Alwin -- so ein dummer, guter Kerl!

Ihm zu Liebe sang sie sogar Schubert. Aber dann meinte sie jedesmal:

„Mir ist, als ob ich ein ausgewachsenes Kleid anhätte, wenn ich Lieder singe.“

~Dr.~ Maurer lächelte ein bißchen traurig. Er hatte jede Kritik verloren.

„Du singst auch Lieder schön!“

Manchmal träumte er sich an Altmanns Stelle.

Wenn Karla seine Frau wäre! Wenn er jetzt mit ihr so in die weite Welt hinausfahren dürfte ...! Er stand auf und legte seine Hände auf ihre Schultern.