Die Primadonna

Part 7

Chapter 73,721 wordsPublic domain

Kurios war das mit den Weibern! Nie waren sie so glücklich wie in so einem Kleinkinderzimmer, zwischen Fenchel, Gummipropfen und nassen Windeln.

Aber nun wußte er wahrhaftig nicht mehr, was er noch sagen sollte. Ihm spukte auch noch das letzte Spiel vom Leipziger Turnier im Kopfe herum: eine italienische Partie, die mit einem Remis geendet hatte. Herr von Scheve hatte entschieden keinen guten Tag gehabt, daß er seine Bauern in so üble Lage gebracht. Er wollte die Partie mal nachspielen. Aufgeschrieben hatte er sie ja ...

Adele kam herein, mit einem Teller Suppe. Der Papa machte sich noch schmäler, als er war, und glitt an ihr vorbei durch die Tür.

Auf dem Schachtisch lag ein Haufen Jäckchen, Windeln und Hemdchen, die Adele aus der Culmstraße mitgebracht hatte. Der Papa wurde ordentlich blaß.

„Pauline! ... Pauline! ...“

„Ja, Herr König.“

Wie breit und unverschämt diese Pauline vor ihm stand! Er kannte sich nicht mehr vor Zorn. Er krähte:

„Packen! Ich zieh’ ins Hotel!!“

„Das wird wohl auch das beste sein, Herr König. Das wollte ich Ihnen schon vorschlagen. Nur vergessen Sie nicht, daß von morgen elf Uhr ab die Schüler wiederkommen.“

„Weiß schon ... brauchen Sie mir nicht zu sagen!“

Er kreuzte wütend die Hände hinter dem Rücken und sah mit finsteren Augen zu, wie Pauline die Wäsche vom Schachtisch räumte. Nun wurde er wieder krebsrot im Gesicht.

„Die Schüler können sich zum Kuckuck scheren! Der verdammte Klavierspieler weckt mir noch die Gesellschaft auf, und dann fängt das Kindergeplärre an -- ich danke!“

„Schön. Ich werde ihnen sagen, sie sollen nächste Woche kommen.“

Sie unterdrückte kaum noch das Lächeln und ging den Koffer holen ...

Am Abend kamen schöne dunkle Rosen mit einem kleinen Briefchen: „Mein liebes Kind! Laß es Dir recht gut gehn. Ich muß leider wieder verreisen -- aber Pauline hat ja meine Instruktionen. Empfehlung an Deine Frau Schwägerin. Dein Dich zärtlich liebender Papa.“

Karla lächelte und seufzte auf. Jetzt kannte sie den Papa ... so gut kannte sie ihn! ... Aber es war kaum Raum in ihrem Herzen für Traurigkeit. Sie wünschte, die stillen Tage in dem weichen Bett, mit den gütig dreinschauenden Frauen, mit dem weichen Geflüster, dem sanften, traumhaften Dahindämmern könnten sich noch lange, lange hinziehen. So stark war die Liebe in ihr zu dem kleinen Wesen an ihrer Seite, daß diese Liebe auf jeden Menschen überströmte, der sich in diesen Tagen ihrem Lager näherte. Sie liebte Pauline, die ihr so warmherzig und mütterlich beigestanden, sie liebte Adele, die mit so geübten Händen ihr kleines Mädchen aufhob, herumtrug und anzog, sie liebte Luise, die ihr Obst brachte und deren strenge Augen milde wurden, wenn sie das Kind betrachteten, sie liebte Alwin Maurer, der eines Tages, ein bißchen verlegen, in der Tür erschien und nicht recht wußte, ob Adele ihm den Eintritt gestatten würde. Aber von weitem schwenkte er ein paar Blumen und warf sie Karla aufs Bett.

„Fang!“

Wie gut sie alle waren!

Karla war noch so schwach, daß sie manchmal vor Rührung eine Träne zerdrückte. Und aus solch einer Stimmung heraus schrieb sie Altmann ihren ersten Brief, mit Bleistift und kaum recht leserlich. Aber er schloß mit den Worten „... nein -- nie ... nie vergesse ich, wie lieb Adele, Luise und auch Alwin zu mir sind. Du hast mir manchmal vorgeworfen, daß ich kein Verständnis hätte für Familie. Jetzt habe ich es. Und es ist wundervoll, Familie zu haben. So viele Menschen um sich zu besitzen, die das Wesen, das man am tiefsten liebt, mit liebenden Augen betrachten. Meine Freuden sind ihre Freuden, meine Angst die ihre. Warum konnte Deine Mutter das nicht auch miterleben? Und die meine? Sie beide wären Freundinnen geworden in diesem Augenblick, auch wenn sie sich vorher nicht verstanden hätten. Es ist gut, mein geliebter Ernst, daß Du in diesen Tagen nicht hier warst -- ich glaube, Du wärest eifersüchtig geworden auf unser liebes kleines Mädel. Denn Du hättest wohl kaum begreifen können, daß eine Mutter so närrisch verliebt und so ausschließlich vertieft ist in ihr Kind wie ich. Weißt Du noch, liebster Ernst, wie ich mit dem Kätzchen spielte und Du so böse wurdest? Damals schon war ich Mutter, ohne es zu wissen -- und weil ich es wohl nicht abwarten konnte, daß ich mein Kind im Arme hielt, nahm ich das kleine Tierchen an mich. Warum warst Du so böse und hast sein Körbchen so weit weggestoßen? Ich werde traurig, wenn ich daran denke. Unser Kindchen wirst Du doch lieben? Das mußt Du mir versprechen. Wie danke ich Dir, daß Du es mir gegeben! Wie liebe ich Dich! Nie werde ich aufhören, Dich zu lieben! Deine Karla.“

Altmann erhielt den Brief nach der Vorstellung. Er war müde und ohne Spannkraft. Denn er hatte in diesen sechs Wochen zehn neue Rollen lernen müssen und war das überhetzte Sommertempo kleiner Provinzbühnen nicht mehr gewöhnt.

Nachdem er sein bescheidenes Abendbrot bestellt hatte, öffnete er den Brief. Er fand sich aus der Bedrücktheit seines persönlichen Lebens nicht gleich in die tönenden Schwingungen von Karlas Seelenleben hinein. Sie waren ihm auch neu an ihr. Und so berührte ihn der in einer ekstatischen Stimmung geschriebene Brief eher frostig und abkühlend. Als wäre es nicht Karla, die ihm schrieb, sondern ein romanhaftes fremdes Wesen. Das kam wohl von der Trennung. Jedenfalls waren solche Exaltationen gefährlich und ließen sich nicht mit dem Weg vereinen, den er ihr vorzeichnete.

Ohne Einschränkung freute ihn nur die Anerkennung „seiner Leute“. Die Erinnerung an die Episode mit der Katze weckte eine peinliche Empfindung in ihm. Jedenfalls war Karla ein bißchen überspannt, und es war gut, sie daran zu erinnern, daß es für sie außer und vielleicht sogar vor dem Kinde -- noch einen Beruf gab. Als er sich aber Tinte und Feder reichen ließ und in diesem Sinne schreiben wollte ... da fielen ihm die richtigen Worte nicht ein. Es klang wohl auch brieflich alles so hart und lieblos ... Ihm lag jetzt ja doch nur eine Frage am Herzen: War ihr die Stimme wiedergekommen? Ehe er das nicht wußte -- wußte er auch nicht, wie er ihr schreiben sollte ... Durfte er sie in ihrem Muttertraum weiter wiegen, oder ...

Es war wirklich alles sehr schwer, und er war zum ersten Male befangen. Ganz rasch schrieb er darum nur:

„Ich sehne mich nach meiner lieben, tapferen kleinen Frau und freue mich, unser Kind zu sehen. Schone und pflege Dich. Werde gesund und kräftig. In acht Tagen bin ich wieder bei Dir. Ich zähle die Stunden. Dein Ernst.“

Diese wenigen Zeilen waren ihm unendlich schwer geworden, denn er fühlte, daß sie Karla alles schuldig blieben ...

Er sah sie im Hause seiner Schwester wieder.

Sie kam ihm entgegen in einem hellblauen Schlafrock, den er noch nicht an ihr kannte. Sie hatte ihr reiches dunkles Haar in zwei Zöpfe geflochten, die flach um ihren runden, hübschen Kopf lagen. Sie war noch ein wenig blaß und spitz und hatte ein ihm fremdes, wehes Lächeln um den Mund.

Schluchzend warf sie sich ihm an die Brust.

„Ernst! Lieber guter Ernst!! ...“

Sie küßte ihn, drückte seine Hände, sah ihm immer wieder in das ebenfalls abgemagerte Gesicht.

„Nun bist du da. Nun ist alles gut ... nun bleiben wir zusammen!“

Er war so bewegt, daß er ihr kaum antworten konnte, daß er kaum nach dem Kinde zu fragen wagte. Aber da kam auch schon Adele und brachte es an -- in einem Steckkissen mit rosa Schleifen. Das Spitzenhäubchen, zu groß für den kahlen kleinen Kopf, war bis über die winzige Nase gerutscht.

Karla drehte sich um.

„+Du+ bringst es ... du? Ich wollte ...“

Aber Adele merkte gar nicht, wie enttäuscht, ja wie verletzt Karla war. Das Kind war eine Familienangelegenheit. Adele zweifelte keinen Augenblick an ihrem guten Recht, es als erste dem Bruder zu bringen. Sie begrüßte ihn nur durch Kopfnicken. Sie waren ja auch beide nicht wichtig. Aber das Kind -- -- --

Altmann nahm das Paket behutsam auf. Er kam sich höchst ungeschickt und lächerlich vor dabei; aber er sagte:

„Gut sieht es aus ... wirklich sehr gut.“

Dann gab er es schleunigst in die ihm zunächst ausgestreckten Arme. Zufällig waren es die von Karla.

Das Kind fing an zu quäken. Karla wendete sich ab, setzte sich und legte es an.

„Wie ... Du stillst selbst ...?!“

Karlas Augen leuchteten.

„Na und ob!“

„Sie ist sehr brav“, sagte Adele, als spräche sie von einer leistungsfähigen Amme.

Altmann murmelte:

„Ja, das geht aber doch nicht ... das ist unmöglich.“

Adelens Antwort wurde durch das Eintreten von Luise abgeschnitten. Gleich darauf kamen die Kinder und ~Dr.~ Maurer.

„Na, bist du fertig, Karla ... wir können Abendbrot essen ... Nein, Karla, kein Geschaukel, bitte. Vicki, roll’ den Wagen ’ran. So. Reingelegt und nun ’raus ... Nein, Karla, ich verbitte mir ganz entschieden, daß du dem Kinde schlechte Gewohnheiten gibst. Sonst lehne ich jede Verantwortung ab! Hörst du? Jede!“

Karla gab dem Wagen einen kleinen Stoß.

„Bitte. Ihr wißt das ja alle besser.“

Manchmal wünschte sie, sie wäre eine Wilde, die ihr Kind im Busch zur Welt gebracht hätte. Da würde nur sie zu bestimmen haben und dürfte mit dem Kinde tun, was sie wollte, dürfte es in ihr Tuch packen und auf dem Buckel tragen, bis es groß war und selber lief ... Gut hatten es diese Mütter ... und gut die Kinder!

Man setzte sich zu Tisch. Adele hatte für einen Heringssalat gesorgt, den Altmann gerne aß. Karla bekam eine dicke Mehlsuppe.

Altmann entfaltete sein Mundtuch.

„Wie bin ich euch dankbar, daß ihr euch Karlas so angenommen habt. Dir vor allem Adele ...“

„Na ... aber ... das ist doch selbstverständlich.“

Altmann schüttelte ihr über den Tisch hinweg die Hand.

„Weißt du, was du für eine Prachtfrau hast, Alwin?“

Es klang scherzend und doch bewegt.

Alwin schenkte sich ein Glas Bier ein. Aber über sein Glas hinweg flog sein Blick unbewußt dahin, wo Karla saß. Und beide sahen einander an. Dann zerdrückte Karla ein Mehlklümpchen auf dem Grunde ihres Tellers, und ~Dr.~ Maurer sagte:

„Ja ... wir wissen schon, was wir an ihr haben.“

Es war sehr, sehr viel, und es war unendlich wenig!

~Dr.~ Maurer war dafür, daß man eine Flasche Wein trank. Seit er die Weinkneipen mied, hielt er immer auf einen Vorrat von ein paar Flaschen.

Adele war gern bereit. Das Lob des Bruders, wenn sie ihn auch nicht immer für voll nahm, hatte sie doch liebenswürdig gestimmt, und dann hatte Luise eine Apfeltorte mitgebracht. Das heißt, vier Stücke waren schon herausgeschnitten und zum Mittag von der englischen Familie verspeist worden. Den großen Rest aber hatte die Dame der netten Miß Luise aufgedrängt, als sie hörte, daß der Schauspieler-Bruder aus der Provinz zurückgekommen sei.

Es kam öfters vor, daß Luise dies oder jenes von der reichen Tafel für „ihre Leute“ mitbekam, meist sehr gute und oft sogar teure Sachen.

~Dr.~ Maurer schmeckten solche Abfälle bitter. Aber seine ursprünglich laue Ablehnung war von den Schwestern kategorisch als völlig ungerechtfertigt niedergeschrien worden. Warum sollte man nicht annehmen, was so freundlich geboten war? Hatten sie es denn so reichlich in der Culmstraße? Die Kinder wollten auch mal was Gutes essen! Die Kinder wollten sehr! Und wenn sie im voraus wußten, daß bei Stowns ein Diner stattfand, so verlangten sie, wie einen schuldigen Tribut, daß Tante Luise ihnen allerlei mitbrachte. Adele aber sparte an diesen Tagen die Nachspeise und baute von den mitgebrachten Überresten ein leckeres Dessert auf.

So trank man eine Zeltinger -- besseren Jahrgang -- aß dazu die Stownsche Apfeltorte, ließ das Kind leben, erörterte die Frage, wann die Taufe stattzufinden hätte und welchen Namen man ihm geben könnte.

„Das weiß ich nicht. Das müßt ihr ausmachen“, sagte Altmann.

~Dr.~ Maurer lachte vor sich hin.

„Lieber Ernst -- bei uns hat man mindestens ein halbes Jahr nach Namen gesucht! Und was kam schließlich heraus? Vicki und Fritz. Hochoriginell, was?“

Karla verspeiste ihr zweites Stück Torte und schwieg. Mochten sie ihr Kind doch nennen, wie sie wollten. Für sie hieß und würde es immer nur einen Namen haben: „Schmerzchen“. So hatte sie es im Übermaß ihres allerersten Mutterglücks genannt, in der ersten Ekstase, der selbst heftigstes Leiden zu tiefster Lust wird.

„Ja, Karla -- wie fändest du Elsa?“ fragte Altmann. „In Erinnerung an deinen größten Erfolg bisher?“

„Hm ... hm ...“

Karla nickte. Sie war einverstanden. Elsa Altmann. Klang hübsch. Freilich die zwei a’s ...

„Oder Isolde?“ schlug Luise vor, die Wagner nicht so ganz ablehnte.

Denn es war Mode geworden, die Kinder nach den Wagnerschen Opernfiguren zu nennen.

„Ich schlage vor: Senta“, meinte ~Dr.~ Maurer.

Aber er wurde der a’s wegen überstimmt, und es blieb bei Isolde.

Abermals klangen die Gläser aneinander. Karla, die den Mund voll Kuchen hatte, verschluckte sich. Mehr vor verhaltenem Lachen als vom Trinken. Sie lief aus dem Zimmer, in Adelens Schlafstube, wo der Wagen stand, riß das schlafende Kind in die Arme, drückte es an ihre Brust und schrie, während sie sich vor Lachen bog:

„Weißt du, wie sie dich genannt haben, mein Schmerzchen? Isolde! Du merk’ dir’s, Schmerzchen, geliebtes -- Isolde sollst du heißen!“

Das Kind brüllte wie am Spieß, während sie es unter Lachen küßte, immer wieder hochwarf und wieder auffing.

„Aber schrei doch nicht, Schmerzchen ... sei doch still ... du ...“

Das ganze Eßzimmer kam angelaufen. Adele riß Karla das strampelnde und schreiende Kind aus den Händen.

„Aber Karla! ... Was machst du denn? ... Ruhig, Isoldchen ... ruhig ... Tssss ...“

Karla hielt sich die Ohren zu. Isoldchen! ... Ihr Lachen wurde krampfhaft.

„Na na ... Kindchen ...“, sagte Altmann und drückte ihr Gesicht an sich. „Du bist ja noch sehr erregt ...“

Luise schüttelte vorwurfsvoll den Kopf:

„Geht lieber ins Eßzimmer ... wir werden Isoldchen schon beruhigen.“

„Ja, Karla, komm ... sei vernünftig. Adele versteht das besser als du.“

~Dr.~ Maurer leerte sein Glas.

„Isold-chen!“

Und er machte eine Bewegung mit dem dritten und dem Zeigefinger und spreizte die Hand in der Luft, als schnitte er etwas durch.

Fritz und Vicki hatten sich über die Kuchenreste hergemacht und aus den Gläsern genascht.

„Marsch ins Bett!“ donnerte er sie an.

Es war ihm heute mal wieder sehr eng in der einst so geliebten und begehrten Wohnung.

Karla ging ins Vorzimmer und schlüpfte in ihren alten langen Regenmantel, der den Schlafrock völlig deckte, setzte den Hut auf und kam zu den Herren zurück.

„Wenn Schmerzchen wieder schläft, wollen wir den Wagen heruntertragen und nach Hause gehen“, sagte sie mit blanker Stimme.

„Wenn wer schläft ... was? ...“

Altmann sah sich erstaunt um.

~Dr.~ Maurer lachte gallig.

„Du hörst doch: Schmerzchen! Fräulein Isolde Altmann. Nun mach’ was!“

Altmann lächelte nachsichtig. Mochte Karla ihr Kind nennen, wie sie wollte. Über kleine Mutternarreteien mußte man hinwegsehen.

Die Damen kamen wieder herein.

„Wie denn, Karla, schon angezogen?“

„Sowie Schmerzchen fest schläft, wollen wir nach Hause. Nicht wahr, Ernst?“

Altmann nickte, ein wenig verlegen wegen Karlas Ton.

„Sag’ doch nicht immer Schmerzchen“, rügte Adele.

Altmann hatte sich so gefreut auf das Wiedersehen. Aber so ganz gemütlich war es nicht. Und er konnte es auch nicht übersehen, daß Adele sehr abgearbeitet aussah und der Schwager nervöser war als sonst. Er hatte seinen Leuten eben doch zuviel aufgebürdet! ...

In einem mittelgroßen, kühlen Zimmer, dessen Wände bedeckt waren mit gerahmten und ungerahmten Künstlerbildern, und dessen ganze Einrichtung aus einem Pianino mit vergilbten Tasten und einigen Rohrstühlen bestand, saß Karla.

Sie hatte ihr schwarzseidenes Kleid an, das wieder enger gemacht worden war, eine moderne hohe Frisur und kleine Stirnlöckchen, die ihr Gesicht, das sich in diesen letzten Wochen noch ein wenig mehr zugespitzt hatte, wieder runder erscheinen ließen.

Schmerzchen hatte entwöhnt werden müssen. Das hatte ihr viel körperliches Unbehagen und Kummer verursacht. Sie war noch nicht ganz darüber hinweg, daß Schmerzchen wie ein Gegenstand in der Culmstraße eingestellt wurde, während sie von der Gesangstunde zur Schneiderin und von der Schneiderin zu Luise Altmann lief, die ihr englischen Unterricht im Stownschen Hause gab.

Eine große Gesangmeisterin hatte aus Interesse an Karlas ungewöhnlicher Stimme für ein Honorar von ‚nur‘ zehn Mark für die Unterrichtsstunde Karlas „letzten Schliff“ übernommen.

„Es lohnt sich, liebes Kind.“

Und Altmann opferte, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, seine letzten Spargroschen für die teuren Stunden und ein paar nette Fähnchen, die Karla nun endlich mal haben mußte.

Und jetzt war es so weit, daß Karla in dem Klavierzimmer des ersten Agenten, des Kommissionsrats Fuchs, einem amerikanischen Impresario vorsingen sollte, der gute Stimmen billig für eine Tournee nach Amerika zu exportieren pflegte.

Von seinem alten guten „~Dear friend~“ erwartete der Impresario „gute Ware“, stützte sich dabei auch auf sein eigenes Geschick, einen Namen „zu machen“ und zu „managen“.

Er war eigentlich ein guter Deutscher, der es aber für notwendig hielt, im Interesse des Geschäftes den Amerikaner noch zu übertrumpfen. Er hieß Johann Rössel. Schrieb sich aber „John Russel“. Fuchs kannte ihn noch, als er Pferdejunge bei einem Jockei in Hoppegarten war. Er hatte damals ein Rennen geritten und einen kleinen Preis gewonnen, war in die unterste Schicht einer gewissen Lebewelt geraten, hatte sich in eine amerikanische Chansonette vergafft und war ihr als ihr „Sekretär“ nach Chicago gefolgt.

Die Chansonette schrieb zu wenig Briefe, um seine Dienste lange in Anspruch zu nehmen. Bald trieb er sich stellungs- und herrenlos herum, lief erfolglos jedem hübschen Gesicht nach und machte die merkwürdige Entdeckung, daß die kleinsten Hände das meiste Geld raffen. Nach verschiedenen Abenteuern, die seine Verachtung für das weibliche Geschlecht noch steigerten, kam er mit ein paar verwegenen Burschen nach Klondyke, steckte sich einen Clam ab und buddelte Gold. In diesen fünf Jahren seiner Goldgräberexistenz frischte er seine Erinnerung an seine erste Liebe dadurch auf, daß er zur Erheiterung seiner Kameraden und der anderen Goldgräber der umliegenden Clams eine Chansonetten- und Tänzerinnengesellschaft nach Klondyke kommen ließ.

Der ungehobelte Tisch der Kantine war das erste Podium. Es kam auch vor, daß das eine oder andere Dämchen als ehrsame Gattin eines Goldgräbers zurückblieb, wenn John Russel die ganze Gesellschaft abschob und sich eine neue Truppe von da oder dort verschrieb.

Sein Ruf war in jener Zeit nicht besser und nicht schlechter als der der meisten goldgrabenden Abenteurer. Daß er auf Diebe Jagd machte wie auf Hasen und die Burschen nicht zählte, denen seine Revolverkugel das Lebenslicht ausgeblasen, das nahm ihm weiter keiner übel. Selbsthilfe war dort alles.

Als er fand, daß die Zahl seiner Goldsäcke einem Vermögen von etwa zwei Millionen gleichkam, stapelte er sie auf einem langen Tisch auf, stellte sich hinter ihn mit einem geladenen Revolver in jeder Hand und ließ eine Aufnahme machen. Nun war er mit Klondyke fertig.

Als gemachter Mann kam er nach Philadelphia und gründete dort ein Theater. Es machte ihm Spaß, alles, was Namen hatte in Amerika und Europa, in sein Haus herüberzulotsen. Aber weil er gewalttätig war und selbst einen Irrtum niemals einsah, fraß ihm das Unternehmen anderthalb Millionen auf. Ein zweiter Versuch, den er in Klondyke unternahm, schlug fehl. Die Verhältnisse hatten sich auch mittlerweile geändert. Meist waren jetzt große Gesellschaften die Ausbeuter, und der Einzelunternehmer kam schwer auf seine Rechnung.

Gelangweilt trank er seinen Whisky in den prächtigen Varietéhallen, die an Stelle der einstigen einfachen Kantine die holde Weiblichkeit bargen. Und eines schönen Tages tauchte er wieder in Europa auf. In Wien hörte er die Lucca.

Ihre großen, hervorstehenden Augen, in denen etwas nachdenklich Animalisches lag, taten es ihm an. Er mußte an die Pferde denken, denen einst seine besten Gefühle gegolten hatten. Er brachte die Lucca nach Amerika.

Wenn er wenig an ihr verdiente, so lag es eben an dem letzten Rest deutscher Sentimentalität. Sie war, obwohl schon alternd, die erste und letzte Frau, die ihn hatte beglücken können durch das Gewähren eines Handkusses.

Jedenfalls hatte er an ihr gelernt, daß es ein gutes Geschäft war, deutsche Künstler nach Amerika zu bringen. Für ihn blieb auch die Kunst Ware, wie einst die Klondyker Tänzerinnen. Aber um sie mit Gewinn loszuwerden, bedurfte es der Aufmachung. Er engagierte mit Vorliebe unbekannte Leute. Und wenn ihm etwas Spaß machte, so war es „einen zu machen“. Noch größeren vielleicht, den von ihm „Gemachten“ fallen zu lassen, ihn -- wie er sagte -- „in der Versenkung verschwinden zu lassen“.

Vielleicht war es uneingestandene Angst, daß sein Geschöpf über ihn hinauswuchs -- ihn meisterte. Vielleicht aber auch nur ein teuflisches Vergnügen, das er sich manchmal leistete. Wie es ihm als Goldgräber Vergnügen gemacht hatte, einen armen Lumpen, der nachts ein paar Körnchen Gold aus seinem Clam stehlen kam, gerade in dem Augenblick niederzustrecken, wenn er sich schon in Sicherheit gewähnt hatte.

John Russel stand auch dem Leben mit einem geladenen Revolver in jeder Hand gegenüber. Aber es waren immerhin ein paar Jahrzehnte seit jenen harten Anfängen und wilden Abenteuern verstrichen. Die Revolver streckte er heute nicht mehr sichtbar entgegen. Er hatte polierte Nägel, trug Anzüge vom ersten New-Yorker Schneider und seidene Unterwäsche. Das Raubtierartige seiner scharfblickenden, beinahe schwarzen Augen war gemildert durch den silbrigen Glanz seines kurzgeschnittenen Haares.

Die Frauen blickten sich auf der Straße nach ihm um. Er war eine ungewöhnliche Erscheinung, und der gute Fuchs renommierte mit ihm. Mit seiner Erscheinung, seinem Geld und seiner „Anständigkeit“.

Diese Anständigkeit bestand hauptsächlich darin, daß er niemals die Gagen schuldig blieb und einem Sänger, den er vor Ablauf des Vertrages rausschmiß, ohne zu zögern das Geld für die ganze Zeit nachwarf. Für anderes und mehr hatte Fuchs auch gar kein Interesse. Jedenfalls konnte Altmann sich gratulieren, wenn Karla das Engagement bekam.

„Ich begleite meine Frau selbst“, sagte Altmann und setzte sich ans Klavier.

John Russel warf kaum einen Blick auf Karla. Er hatte einige Briefe in der Hand, die er öffnete und aufmerksam las.

„Fangen Sie nur immer an ....“

Er hatte einen stark amerikanischen Dialekt, den er geflissentlich betonte. Er hielt einen Briefbogen schräg vor seinen Mund und fragte nicht viel leiser, aber vertraulich, zu Fuchs gewendet:

„Wer ist der da? Ihr Korrepetitor, ihr Geliebter? ...“

„Ihr Mann.“

„Aha! Auch Sänger?“

„Nein -- Schauspieler.“

„~Well.~“

Karla sang. Der Unterricht hatte ihre Stimme veredelt, aber ihr viel Unbefangenheit genommen. Fuchs hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und den schwarzgeränderten Klemmer auf die Nase gedrückt. Er verstand was; in seinen kalten Augen flimmerte es auf. Die Kieler Zeitungen hatten doch nicht übertrieben! Es „war was los“ mit der König. Er schlug mit dem Handrücken gegen John Russels Arm.

„Sie ....“

John Russel lehnte am Fenster und ließ seine Augen nicht von dem Brief.

„~Yes ... yes ...~“

„Aus der machen wir was, Sie.“

John Russel faltete den Brief zusammen, steckte den ganzen Packen in die Innentasche seines mit schwerer Seide gefütterten Rockes. Jetzt warf er einen Blick auf Karla -- kurz und abschätzend.

„Armes Luder, wie?“

Er entsann sich aller deutschen Ausdrücke, wenn er wollte.

Fuchs lachte lautlos.

„Verheiratet ... ~dear friend~.“

Ein hoher Ton, den Karla plötzlich hinausschmetterte, aus Zorn über das rücksichtslose Geflüster, ließ John Russel nochmals aufblicken. Über sein gebräuntes, rissiges Gesicht huschte ein Lächeln.

„Bravo ...“