Part 6
Da freilich hatte er geweint, daß es einen Stein erweichen konnte. Karla hatte ihm viermal das Taschentuch wechseln müssen in dieser ersten Stunde ... Der arme Papa hatte die Mutter sehr geliebt. -- --
Karla klingelte noch einmal. Diesmal anhaltend.
„Wer ...? Ach Gott, die junge Frau ...“
Es war Pauline. Sie hatte eine große Wirtschaftsschürze und um den Kopf ein buntes Tuch gebunden.
„Grad’ bin ich mit dem Reinmachen fertig, gnäd’ge Frau ... also bitte nur herein. Dem Herrn Papa wird’s leid sein.“
Karla stand im dunklen Korridor. Pauline konnte nicht sehen, daß sie blaß wurde.
„Papa ist nicht zu Hause ...?“
„Zum Schachkongreß ist er gefahren, nach Leipzig. Aber das macht ja nichts. Kommen Sie nur immer ’rein. So zerstreut ist der Herr Papa. Keinen Schüler hat er benachrichtigt. Was da alles los war heute! Zerrissen hätten sie mich fast. Und ich kann doch nichts dafür, nicht wahr? ... Das kommt alles so plötzlich beim Papa. Hat noch wunderschön gefrühstückt, Zeitung gelesen und dann auf einmal: ‚Pauline, Handkoffer ... packen, ein bißchen schnell, ... um 10 geht mein Zug ...‘ Na, ich kenne ihn ja jetzt schon, den Papa. Dagegenreden hat gar keinen Zweck. Hab’ ihm den Koffer gepackt ... auf drei bis vier Tage rechnet er ja ... na und dann: Gott befohlen! Auf der Treppe hat er noch einmal kehrt gemacht. Ist gar kein gutes Zeichen ... aber er war ja nicht zu halten. Die letzte Schachzeitung mußte er noch mitnehmen. Alles hat er durcheinandergeworfen, und wie ich schließlich die Tür zumache hinter ihm und aufräumen will, wo liegt die Schachzeitung? ... Unter seinem Kopfkissen! ... Also ich -- Hut aufgesetzt, Regenmantel um und los, mit der Elektrischen! Habe ihm das Blatt noch durchs Coupéfenster gereicht! Das war eine Freude! Ich kann Ihnen sagen ...! Aber nu legen Sie ’n bißchen ab, gnäd’ge Frau. Ich mach’ Ihnen auch was zurecht: Himbeersaft mit Selter oder kalte Milch mit ’nem Schuß Kognak ...“
„Danke, danke ...“
Karla war selbst zum Ablehnen zu schwach. Ganz käsig war sie im Gesicht. Sie saß zusammengesunken auf einem der hübschen Sessel in Papas Wohnstube, und ihr war, als hätte sie eine lange, lange Reise gemacht. Sie konnte doch jetzt nicht gleich zurückfahren ... sicher brach sie dann irgendwo zusammen.
Das Zimmer roch nach Seife, Luft und Bohnerwachs. Der Schachtisch war mit einer Zeitung zugedeckt. Ein Fußkissen lag noch auf dem Sofa. In den Ecken sammelten sich graue Schatten.
„Wie das nachstaubt, gnäd’ge Frau ... nicht zu glauben. Mit dem Herrn Papa seinem Schlafzimmer bin ich zuerst fertiggeworden. Hier habe ich morgen auch noch zu tun. Aber es eilt nicht. Wo ist denn der Herr Gemahl ... wenn ich fragen darf? ...“
„Mein Mann hat ein Engagement bekommen, da war ich denn allein, und ...“
Pauline kniff die Augen zusammen und band sich das Kopftuch ab, so daß ihre breiten Flechten wieder zum Vorschein kamen.
„Naja, freilich ... So ein junges Frauchen. Wenn ich gewußt hätte, daß ich darf ... aber nicht wahr. Man weiß nicht ... aufdringlich will man nicht sein ...“
„Nein ... gewiß.“
Karla bemerkte im Haar der Wirtschafterin einen dunklen Schildpattkamm, der einst der Mutter gehört hatte. Sie wurde sehr rot und stand auf.
„Nein ... nein, das müssen Sie nicht tun ... so weggehen ... das würde der Herr Papa nicht erlauben! Der Herr Papa hat sehr oft von Ihnen gesprochen, hat immer gesagt: ‚Ach, wenn doch nur alles vorüber wäre, Pauline! Meine arme Tochter!‘ ..“
Karla fiel wieder zurück in den Sessel.
„So ... hat er das?“
Aber ihre Stimme klang ganz matt. Gewiß hätte sie es der Mutter nicht antun dürfen, daß sie hierblieb und sich mit Pauline in ein Gespräch einließ. Es kam ihr so vor, als wenn Pauline unter der Schürze auch ein Kleid trüge, das einst der Mutter gehört hatte.
Pauline hat auch so ziemlich dieselbe Gestalt.
Pauline fing Karlas starren Blick auf. Ein bißchen Farbe huschte über ihre Wangen, verschwand ebenso rasch. Sie machte eine überflüssige Drehung um sich selbst und lief dann hinaus. Karla legte beide Arme auf den Tisch und ließ den Kopf auf die Hände sinken. Sie war müde und sterbenstraurig. Nicht einmal richtiger Zorn wollte in ihr aufschäumen. Als hätte jede Kraft sie verlassen!
Pauline brachte Zwiebäcke herein und kühle Milch in einer hübschen Glaskanne.
„Sie müssen sich erfrischen. Stärken. In dem Zustand ... Wann soll es denn sein, gnäd’ge Frau?“
„In fünf Wochen, denk’ ich ...“
Karla stürzte ein Glas Milch herunter. Pauline schenkte ein zweites ein.
„Aber auch was dazu beißen ... Mutterchen ...“
Karla lächelte. Drollig, wie die Frau sie nannte! „Mutterchen!“ Als ob ... Karla verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Na, was denn? ... Wo zwickt’s denn?“
Karla verstand plötzlich den Papa. Wenn sie auch mit ihm so sprach ... Als ob es das wichtigste wäre, zu wissen, „wo es zwickte“! Als gäbe es auf der Welt nur diese eine Frage zu lösen! ... So hatte die Mutter nie zu fragen verstanden und sie selbst erst recht nicht. Aber gut tat es, so gefragt zu werden ...
Pauline tätschelte Karlas Hand, und Karla zog sie nicht zurück.
„Wissen Sie was, gnäd’ge Frau, ich werde Ihnen jetzt ein bißchen Abendbrot zurechtmachen ... Immer tüchtig essen!“
„Danke ... ich habe meine Stullen mit ...“
Pauline löste schon die Verschnürung. Sie klappte die dicken Brotscheiben auseinander.
„Ist man mager. Butter wie abgekratzt, und Wurst -- so dünn, zum Durchgucken.“
Sie schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Das hätte der Herr Papa doch sagen sollen ... Ich weiß viel, wie die junge Frau lebt.“
„Nein, lassen Sie nur ... ich bin ganz zufrieden.“
„Sie wohl! Aber dann kommt das Kindchen, spindeldürr, und geht Ihnen drauf beim ersten Zahn! Das wär’ so was!“
Wieder lief sie hinaus. Karla lächelte. Sie hatte doch wohl was von der Mutter, diese Pauline. Nur weicher war sie. Zärtlicher. Um den Papa brauchte sie sich nicht zu sorgen. Der war gut aufgehoben!
Die Schatten wallten aus den Ecken, krochen die Wände hinauf, verhüllten die Bilder, sogen die Sessel in sich ein, den Glasschrank. Nur das Zeitungsblatt leuchtete noch auf dem Schachtisch am Fenster.
Aus der Küche her zog ein kräftiger Duft von gerösteten Zwiebeln herein, von warmer guter Butter ...
„So, junge Frau, nun decke ich den Tisch ...“
Die kleine Gaskrone flammte auf; blitzend hob sich das Gedeck vom weißen Tischtuch ab.
„Immer zulangen! Und jetzt schenke ich Ihnen noch ’n Gläschen Rotwein ein. Der Herr Papa darf ihn ohnehin nicht trinken. Wozu haben wir ihn denn dann?“
„Und Sie ... Pauline? ...“
Es machte Karla einige Mühe, ihren Namen zu nennen. Aber nun war es geschehen, und nun schien die letzte Scheu überwunden.
„Ja, wenn ich darf, gnäd’ge Frau ... Wenn der Herr Papa alleine ist, dann esse ich auch immer mit am Tisch. Schon um ihn zu beaufsichtigen. So vernascht ist der Herr Papa! Gar nicht zu sagen! Bringt sich heimlich Gänseleberpastete aus der Stadt mit. Darf er doch nicht essen, nicht wahr? Da gibt’s immer mächtigen Krach, wenn ich ihm die Terrine nach dem ersten Löffel wegnehme!“
Karla lachte jetzt. Ja, vernascht war der gute Papa immer gewesen. Hatte früher immer allerlei Konfekt in den Rocktaschen mit sich herumgetragen.
Aber mitten im Lachen wurde sie plötzlich blaß, und ihre runden jungen Augen weiteten sich.
„Na ... na ... was is denn nun schon wieder?“
Karla faßte sich an die feuchten Schläfen.
„Ist schon vorüber. Mir war nur auf einmal so merkwürdig ... so ...“
Sie streckte plötzlich beide Arme aus und ergriff Paulinens Hand:
„Sagen Sie ... Liebe ... wie ist das, wenn man ... nicht wahr, es kann doch noch nicht sein ...“
Pauline kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Die junge Frau da würde doch nicht ... Sie stellte ein paar Fragen. Sachlich. Kurz. Sie wußte Bescheid -- hatte genug junge Frauen in der Lage gepflegt. „Geprüft“ ... nein, staatlich geprüft war sie nicht. Nur ein verständiges Frauenzimmer, das so viel wußte, wie jede Frau wissen sollte. Und dann ... na ja ... Sie war auch mal Mutter gewesen. Hätte es besser treffen können; aber nun hatte sie den Mann doch liebgehabt ... Waren jetzt beide längst nicht mehr auf der Welt -- nicht der Mann, nicht der Junge. Und sie hatte nicht nötig, das auch nur zu erwähnen. Aber als Schande hatte sie es nie angesehn. Nur als Unglück. Und von seinem Unglück mußte man immer mal reden. Auch der Herr Papa wußte es. Freilich, wenn der Junge lebte und sie vielleicht besuchte oder gar an ihren Rockschößen hinge, würde es ihm nicht lieb sein; denn der Herr Papa wollte Ruhe haben in seinem Haus und mochte Kindergequak nicht leiden.
Karla unterbrach. Das waren wenig tröstliche Aussichten für ihr Kind. Sie fuhr sich über die Augen.
„Ta ta“, machte Pauline. „Wenn’s ein Mädchen ist und sechzehn Jahre wird, da sollen Sie den Großpapa sehen! ...“
Nun mußte Karla wieder lachen. Auch über Paulinens „Ta ta“. Das hatte sie doch richtig von Papa angenommen. Wie lange sie denn schon beim Papa wäre?
„Na, an die vier Jährchen werden es sein. Du lieber Himmel, sah das aus beim Herrn Papa! Als wenn er mit allen Gegenständen in der Wohnung Ball gespielt hätte: Im Schlafzimmer fand ich zwei Pfannen und ein Reibeisen, in der Küche die schönen Hemdknöpfe und das Tintenfaß aus Onyx, in der Wohnstube lagen Kissen, Kleider und Küchentücher durcheinander. Bis man da Ordnung machte! Am besten war schon, man zog aus. Erst wollte der Herr Papa nichts davon wissen, hat zwei Wochen kein Wort mit mir gesprochen! Na, aber dann -- wie alles hier nett auf dem Platze stand“ ... Da hätte Karla ihn hören sollen! „Jedem, der kam, sagte er, daß es schon längst seine Absicht gewesen wäre, umzuziehen, aber er hätte nur das Richtige nicht gefunden bis jetzt! Dann aber hätte er seiner Pauline anbefohlen, unverzüglich zu packen! Und nun hätte er sich nach seinem Geschmack auch alles gestellt und eingerichtet, und seine Pauline wäre ein ganz brauchbares Frauenzimmer!“
„Ach ja“ -- -- --
Pauline hatte schon längst zu essen aufgehört und stichelte an einem Nachthemd von Papa, dessen Kragenbund sie erneuerte. Sie hatte ein lachendes und ein nasses Auge, da sie vom Papa sprach, und ein liebes, drolliges Lächeln um den Mund.
„Papa war immer sehr unpraktisch“, sagte Karla. „Ich glaube, ich bin so wie er. Nur äußerlich bin ich Mutter nachgeraten.“
Pauline nickte.
„Das ist so mit Künstlern. Habe ich schon oft gehört. Darum müssen sie jemanden haben, der ihnen das Haus zusammenhält.“
Karla blieb eine Weile wie in Gedanken versunken. Dann fragte sie zaghaft: „Wie hält es denn der Papa mit dem Gelde?“
Pauline schüttelte ärgerlich das Nachthemd aus.
„Da fragen Sie zu viel, junge Frau. Ins Portemonnaie bin ich ihm nicht gekrochen. Wenn ich ihn nicht anhalten würde, daß er mir Wirtschaftsgeld gibt ... ich glaube, ich sähe im Leben keins!“
Karla erschrak. „Aber Ihr Gehalt ...“
„Was, Gehalt? Den ersten Monat hat er mir’s gezahlt. Den zweiten hab’ ich ihn erinnert, den dritten auch noch. Den vierten hab’ ich’s gelassen.“
Karla sah sie groß an.
„Na ja ...! Rausschmeißen wird er mich nicht, und solange ich da bin, habe ich, was ich brauche.“
Karla dachte, daß es nun doch so war, wie sie es das erstemal vermutet hatte. Die hatte sich ins warme Nest gesetzt und wartete auf Papas Tod. Dann trat sie die Erbschaft an, wie das so üblich war. Was an Geld da war, hatte sie von Hand zu Hand bekommen und die Einrichtung als Andenken! So pflegten sich solche Weiber schadlos zu halten ...
Sie hatte nicht mehr viel über Papa gesprochen mit ihrem Manne seit jenem ersten Besuch. Sie wußte ganz genau, wie er dachte -- ganz genau. Und „seinen Leuten“ gegenüber hatte er den Papa auch nicht erwähnt. Kein einziges Mal! Das hatte schon seinen Grund. Und wenn er erfuhr, daß sie sich mit der Person an einen Tisch gesetzt und in Papas Abwesenheit mit ihr gegessen hatte, dann ... ja, die Redensarten kannte sie: ihr fehlten Würde, Takt, Anstand. Und wenn sie früher in solchen Fällen die „Gemütlichkeit“ als Entschuldigung angeführt hatte, dann hieß es: Ungebildete Leute sind immer „gemütlich“, wenn sie was zu kauen und zu schlucken haben! Mit der „Gemütlichkeit“, da rutschte man, ehe man sich’s versah, viele Stufen der gesellschaftlichen Leiter herunter, und noch tiefer -- bis es recht sumpfig und glitschrig wurde!
„Sie wollen schon gehn, junge Frau?“
„Ja ... ich muß. Es wird spät.“
Karlas Ton war gezwungen. Pauline tat, als merkte sie es nicht.
„Ich bringe Sie bis nach Hause.“
„Nein ...“
„Nanu ... warum denn nicht?“
„Nein ... ich will nicht.“
Karla wollte nicht, daß die Wirtschafterin von Papa sah, wie sie hauste. Das war nicht gerade nötig. Da gab es mitleidige Worte für sie oder unfreundliche über Papa. Wenn sie den Papa jetzt auch in einem anderen Lichte erblickte als früher -- es tat ihr doch weh. Alles brauchte diese Pauline ihr nicht zu entreißen, was sie an Gefühlen in sich barg.
Pauline warf die Lippen auf, nach Art einfacher verletzter Menschen. Stumm suchte sie Karlas Sachen zusammen, den Hut, den Umhang, die Handschuhe.
„Haben Sie denn jemand Verwandtes in der Nähe? ... Wenn was passieren sollte? ...“ fragte sie endlich schroff.
„Wieso passieren? ...“
Karla wurde sehr blaß, und im selben Augenblick krampfte sich ihre Hand um die Stuhllehne. Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Oberlippe wurde wie von einem Krampf heraufgezogen, klebte plötzlich dünn und dürr an den Zähnen:
„... Aber mir ist doch ganz ... gut ... ganz ... gut ...“
Ein Frostschauer durchrüttelte ihre Gestalt; ihre Augen weiteten sich. Das Surren der Gasflammen verstärkte sich in ihrem Gehör zu einem betäubenden, herzbeklemmenden Getöse.
„Gut ... sehr gut ...“
Sie formte die Worte, ohne recht zu wissen, was sie sprach. Nur das Entsetzen starrte, keine Deutung zulassend, aus ihren runden, weit aufgerissenen Augen.
„Warten Sie ... ich hole nur mein Tuch. Unten stehen Wagen ... ich fahre mit ...“
Karla nickte. Sprechen konnte sie nicht -- vor Grauen. Wenn das Kind jetzt kam -- schon jetzt -- dann ... Lieber guter Gott ... nur leben sollte es ... nur leben! ... Wenn alles umsonst gewesen war, wenn ...
Sie wollte in die Knie sinken, die Hände bittend emporheben. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Weder die Arme, noch die Knie. Ihre Hände lagen noch immer auf der Stuhllehne, ihr Körper krümmte sich. Von der Wand blickten zierliche Ballerinen auf sie herab, mit eingefrorenem Lächeln und gerundeten Armen, schöne Schauspielerköpfe mit dem Ausdruck kühner Welteroberer, ein Bild der Mutter als „Schöne Helena“, massiv und üppig, ganz unkenntlich und fremd unter der blonden Perücke. Aber es war das einzige Bild von ihr, das sich erhalten hatte.
„Mutter,“ stöhnte Karla, „... Mutter ...“
Als wäre sie noch ein kleines Mädchen, das sich eine Beule geschlagen und nun nach ihr schrie. Als hätte sie nicht einen Mann, der sie liebte und sich um sie sorgte, als hätte sie nicht eine Schwägerin, deren Tagesinhalt die Vorbereitungen waren zum Empfang ihres Kindes, eine andere, die sich um sie mühte wie eine ältere Schwester ... Sie wiederholte immer nur: „Mutter! Mutter!“, als läge in diesem einen Wort alle Hoffnung, aller Frieden, alle Sehnsucht und alle Erfüllung ihres gemarterten Weibtums.
„Bin schon da ... bin schon da ... Na, was denn, Kindchen ... bis zum Wagen kommen wir doch noch, wie?“
Pauline Rader, die wußte, was Kindesnot und Angst waren, umfaßte Karla und führte sie in den Korridor. Die Küchenlampe brannte auf dem Tisch. Schlüssel klirrten ...
Karla brach zusammen.
„Ich -- kann -- nicht ...“
Nur einen kurzen Augenblick war Pauline Rader unschlüssig. Dann blitzten ihre hübschen, lustigen Augen auf. Als gälte es, jemandem ein Schnippchen zu schlagen. So eines, an dem der liebe Herrgott selber seine Freude hätte und sich darob den weißen Bart vor Lachen hielt.
Und weiter überlegte sie nicht lange. Hatte kräftige Pflegerinnenarme und wußte Bescheid. Ganz rasch lief sie hinaus auf den Treppenflur, klingelte an der Wohnungstür drüben und flüsterte dem öffnenden Mädchen etwas zu. Das Mädchen nickte lachend. Es traf sich gut, die Herrschaft war nicht zu Hause, da flitzte sie gleich um die Ecke. Die Hebamme war brav. Ihre „Gnädige“ war sehr zufrieden gewesen, hatte sie „mächtig beschenkt“. Und dann lachte sie wieder.
Denn es war doch eine lustige Sache, daß wieder so was Kleines, Zappelndes zur Welt kommen sollte! Und es war Frauenart, zu lachen, wenn man davon hörte ...
Karla wußte nicht mehr recht, was mit ihr geschah. Das schwere Werk des Mutterwerdens hatte begonnen.
Nur daß das Bett so wundersam weich und breit war, spürte sie noch, und daß es gut roch in dem Zimmer: nach Sauberkeit und vielen feinen Düften, die aus roten Kristallflaschen vom Waschtisch herüberwehten.
Eine lange, bange Nacht wurde es, und Pauline Rader fuhr sich mehr als einmal mit dem Tuch über das Gesicht, wenn sie an die Verantwortung dachte, die auf ihr lastete. Von Karla war nichts herauszubringen. Nicht, wo ihr Mann war, nicht, wo die Verwandten wohnten.
„Ich will nicht ...“
Es war das einzige, was sie immer wieder hervorstieß. Mit all ihren Kräften, mit all ihrem Wollen half sie der Natur, die hart und unerbittlich das Schwerste von ihr verlangte. Und in allen ihren Schmerzen fühlte sie es deutlich, fühlte es beseligend, daß das +ihr+ Werk war, +ihr+ Schaffen ganz allein.
Eine tiefe, innige Angelegenheit zwischen sich und dem Kinde, dem sie das Leben abrang. Nur manchmal schrie sie auf, und es war wie ein Erbarmen heischender Naturlaut: „Mutter -- Mutter!“ Der gleichbleibende Schrei, der Generationen in Ewigkeit verbindet ...
Und jedesmal, wenn dieser Schrei erklang, beugte sich Pauline Rader über das erhitzte, schmerzverzogene Gesicht, legte ihre kühle Hand auf die glühende Stirn und murmelte:
„Ja, Kindchen ... ja ... gleich ist alles gut ... gleich ...“
Als aber die Morgensonne sich durch die Rolläden hereinzwängte mit spielerischen, neugierigen Strahlen, da rief die weise Frau, halb lachend, halb entrüstet:
„Was haben Sie mir denn erzählt? ... Ein ganz ausgewachsenes Kindchen ist es ... Hat sich vielleicht sogar noch ein paar Tage länger geputzt als nötig, das eitle Ding ... Geben Sie nachher mal gleich die Wage her, daß wir sehen, was die Prinzessin wiegt.“
Pauline Rader tropften ein paar Tränen in das Wasser, das sie gerade im Waschzuber hereingebracht hatte.
„Worin wickeln wir es nun ein?“ fragte sie immer wieder und wußte nicht, wohin mit sich. Sie hatte offenbar ganz den Kopf verloren. Denn sie stürzte plötzlich zu Papas Schrank und schnitt aus einem seiner feinsten seidenen Hemden rasch die ersten Hüllen für den roten, kleinen Körper heraus.
Als dann Karla das Kind an ihre Brust legen durfte und in andächtigem Schauer fühlte, wie ihr Leben sich abermals in dieses neue, jetzt so heißgeliebte kleine Wesen ergoß, sagte Pauline Rader:
„Nun müssen wir den Herrn Gemahl benachrichtigen und die Verwandten.“
Aber Karla wandte ihr die dunklen Augen zu, die ganz tief in blauen Höhlen lagen:
„Noch nicht, bitte ... noch nicht gleich.“
Diese eine geheiligte Stunde mit ihrem Kinde wollte sie für sich haben -- ganz für sich.
Und Pauline Rader verstand und lehnte sich zurück in den bequemen, altväterlichen Sessel mit einem leisen, behaglichen Lächeln um den vollen, hübschen Mund.
Was der Herr Papa wohl sagen würde zu der freundlichen Überraschung?!
So recht geheuer war ihr bei der Vorstellung eigentlich nicht.
Aber weil sie todmüde war, schlief sie ein, ohne daß auch nur das Lächeln von ihren Lippen geschwunden wäre. Und da war es Karla, als ob es auf der großen, weiten Welt niemanden mehr gäbe als ihr Kind und sie selbst. Versunken war alles um sie herum, alles, was vor diesem Augenblick ihr Leben verschönt, beglückt und bedrängt hatte.
Und nie hatte selbst das lauteste Beifallstosen einer begeisterten Menge ein so überschwängliches Glücksgefühl in ihr ausgelöst wie die kaum vernehmbaren Atemzüge des kleinen Wesens, dem sie das Leben gegeben.
Es gab viel Wirrwarr und Aufregungen in den nächsten Tagen, die sich noch steigerten, als der Papa ankam.
Pauline wußte nicht, mit welchem Zuge er kommen würde, und konnte ihn nicht abholen. Ihn schriftlich vorzubereiten, hatte sie nicht den Mut gefunden. Sie war auch keine geübte Briefschreiberin. So kam es, daß er plötzlich einem Kinderwagen gegenüberstand und in der höchsten Lage eines Tenors loszeterte: „Pauline! Pauline! ....“
Er schnupperte mit der Nase herum. Pfui Teufel, wonach roch denn das? Dunkle, längst vergessene Bilder aus seinem ersten Ehejahr standen ganz plötzlich vor ihm. Abscheulich war das alles gewesen. So unbequem, so häßlich ...
Pauline nahm ihm den Mantel ab, schnurrte alles Vorgefallene herunter, fast in einem Satz. Er griff sich an den Kopf, stampfte mit dem Fuß auf.
„Sie haben den Verstand verloren! Sie sind verrückt ... Sie können am Ersten gehn ... Was bilden Sie sich denn eigentlich ein? Gehört die Wohnung Ihnen, ja? Wie kommen Sie dazu ...?!“
Die Tür ging auf. Eine Dame trat ein.
„Was ist denn das für ein Lärm hier ... ach so ... wohl Karlas Vater? ... Mein Name ist Frau Doktor Maurer. Ich bin die Schwester von ihrem Schwiegersohn.“
„Sehr angenehm ... sehr ...“
Aber das Weitere blieb ihm im Halse stecken. Sehr gemütlich sah sie nicht aus, die gute Frau. Daß sein Mädel gerade in so eine Familie hineingeraten mußte! ...
Adele glaubte, nicht viel Umstände machen zu müssen mit einem ehemaligen Ballettänzer. Nette Familie übrigens, aus der Karla stammte! ...
„Ich bedaure sehr, daß Karla gerade hier niederkommen mußte. Sie hat das natürlich nur ihrer eigenen Unvorsichtigkeit zuzuschreiben und ihrer Heimlichkeit. Aber nun ist sie müde, und ich hoffe, Herr ... Herr ...“
„König ... Adalbert König.“
„Also ich hoffe, Herr König, daß Sie sich jetzt in das Unvermeidliche fügen und daß Karla in Ruhe hier ihre Genesung abwarten kann.“
„Ja ... ja gewiß ... versteht sich ...“
Der Papa verneigte sich ein paarmal kurz hintereinander, aber seine kleine weiße Hand rückte immer auf der Brust hin und her, als suche er das Jabot, an dem er mit spitzen Fingern zwirbeln und zerren könnte.
Pauline stützte ihn leise unter dem Ellbogen.
„Wollen Sie ’rein, Herr König? Gerade ist die junge Frau aufgewacht.“
Der Papa überlegte blitzschnell, daß es sich wohl so gehöre, hineinzugehen. „Sie gestatten, Frau Doktor ...“
Nun mußte er in seiner eigenen Wohnung noch um Erlaubnis bitten, sein Schlafzimmer zu betreten.
„Na, Kleine, was machst du für Geschichten ... was sind das für Sachen ...“
Karla legte den Finger gegen die Lippen:
„Still, Papa ... ich glaube, sie schläft ein.“
„Aha ... sie ... ein kleines Mädchen! ... Na, das geht ja noch.“
Der Papa hatte entschieden eine Vorliebe für das schöne Geschlecht -- auch wenn es noch in den Windeln lag.
„Hast dir’s ja recht bequem bei mir gemacht ...“
Es sollte ein Scherz sein. Aber seine helle, krähende Stimme drückte doch nur Ärger aus.
„Ta ta ta ... nur kein Drama. Was geschehen ist, ist geschehen. Zurückschicken können wir das kleine Fräulein nicht ... Bis auf weiteres ... natürlich ... tja ... Also ... Na, geht’s gut, Kleine? Alles in Ordnung? Wann kommt dein Mann?“
Altmann blieb noch eine Woche in Liegnitz. Erst hatte er telegraphiert, man sollte sein Kommen gleich erwarten, aber Adele hatte gemeint:
„Meine Schwägerin Adele -- du kennst sie ja schon, Papa ...“
„Ach so, die Dame draußen? Ja ... eine energische Dame. Die hat also gesagt, dein Mann brauchte nicht zu kommen, wie? Na ja ... sehr vernünftig. Kinderkriegen und ... tja ... also das ist ja wirklich Weiberangelegenheit. Ein Mann stört da nur ... ja, ja ... er stört positiv ...“
Er sah sich im Zimmer um.
Na, das sah schön aus!
Auf den Stuhllehnen hingen Windeln, auf dem Tisch vor dem Ruhebett stand ein großes Teebrett mit allerlei Kännchen und Schälchen darauf. Es roch nach Fencheltee und Lysol; in der Luft schwammen kleine Watteflöckchen.
„Ich bin so glücklich, Papa! Es ist so wundervoll ...“
„So ... tja ...“
Mit spitzen Fingern entfernte er ein Wattebäuschchen von seinem Rockärmel.