Part 5
In dem Berliner Zimmer der Culmstraße rasselte die Nähmaschine unter Adelens energischem Tritt. Karla schlang mit heißen, welken Fingern winzige Ösen. Der Faden verprudelte sich alle Augenblicke, dann gab es Knoten.
„Pfui, wie schludrig“, sagte Adele und trennte alles wieder auf.
Karla starrte auf Adelens geschickte Finger, ohne zu sehen. Ganz elend war ihr; wie gefoltert kam sie sich vor. Das ging nun so tagaus, tagein: linken Ärmel nähen, rechten Ärmel nähen, Seitenteile aneinanderfügen, säumen, Ösen schlingen, Spitzen annähen -- winzig schmale, die sich zwischen den Fingern zusammenzwirbelten.
Ihr wurden die Lider schwer dabei. Sie zerstach sich die Finger, und ihr Rücken schmerzte, als hätte man ihn mit dem spanischen Rohr bearbeitet, das drohend in einer Ecke stand.
Gegen Abend kam Altmann, um sie abzuholen. Er trug jetzt immer seine guten Sachen, denn er war täglich in der Stadt, verhandelte mit Agenten, besuchte das Café, um die Blätter zu lesen.
Die Schwestern hatten erklärt, er müßte unter allen Umständen an derselben Bühne engagiert werden wie Karla.
„Willst du von dem leben, was sie verdient -- oder willst du, daß sie sich allein irgendwo herumtreibt? Das ist doch unmöglich!“
Es war so manches „unmöglich“ in den Augen der Schwestern. Aber sie hatten den bürgerlichen Anstand für sich, den sie jedesmal ins Treffen führten und vor dem er sich beugte.
So suchte er denn ein Doppelengagement. Das erschwerte die Lage außerordentlich. Seine persönlichen Gagenansprüche durften natürlich bei weitem nicht an die Gage heranreichen, die er für Karla durchsetzen mußte. Es gab immer ein schreiendes Mißverhältnis, und schließlich wurden beide Gagen noch gedrückt.
Er beherrschte sich, um den Geschwistern seine Verstimmung zu verbergen. Und so trat er meist mit einem Scherzwort ein, einer freundlichen Frage, einem staunenden Ausruf.
„Potz Donner ... das wird ja eine Ausstattung wie für einen Prinzen! ...“
Karla ließ alles stehen und liegen und hing sich an seinen Hals.
„Was hast du gehört? Wie wird es? Sind Aussichten?“
Aber sie sah es seinen Augen an, die finster blieben, während seine Lippen sich lächelnd verzerrten, daß sich noch nichts erfüllt hatte. Die wundervollen Gastspielverträge hatten gelöst werden müssen, und es war noch gar nicht abzusehen, wann sich wieder ähnliche Gelegenheiten bieten würden.
Sie murmelte mit zitternden Lippen:
„Wenn doch das Kind nicht wäre ... das schreckliche Kind!“
Aber Adele, die es mit ihren scharfen Ohren aufgefangen, schrie sie an:
„Versündige dich nicht! Schäm’ dich, so zu sprechen! Pfui! ... Das arme Kind kann einem ja leid tun, daß es eine solche Mutter bekommt!“
„Sie meint es ja gar nicht so schlimm“, verteidigte Altmann lau. „Na, mach’ dich fertig, Karla ... wir gehen jetzt nach Hause.“
Altmann war hin- und hergezerrt von widerstreitenden Gefühlen. Die Schwestern hatten recht, aber Karla hatte auch recht. Das Kind war unter diesen Umständen wirklich eine „Katastrophe“.
Er wohnte jetzt mit Karla in einem möblierten Zimmer in der Goebenstraße. Sie lebten aus den Körben und Koffern, die in der leerstehenden Mädchenkammer ihrer Wirtin standen. Den Frühstückskaffee brachte sie ihnen gleich in Tassen, aus denen er überschwappte bei ihrem watschelnden Gang. Dazu je eine dünnbestrichene Schrippe. Sie reichte das Tablett zur halboffenen Tür herein, durch die Karla ihren noch bloßen Arm hindurchstreckte.
Karla setzte sich an eine Tischecke und verzehrte ihr Frühstück mit gesunder Lust. Denn viel anders hatte sie all die fünf Jahre am Theater vor ihrer Heirat nicht gefrühstückt. Aber Altmann litt. Ihn ekelte vor dem Essen im unaufgeräumten Zimmer, zwischen herumliegenden Kleidungsstücken, vor dem übervollen Waschtischeimer.
Aber auch da bezwang er sich. Karla konnte schließlich nichts dafür. Das Schicksal hatte es so entschieden, und er selbst war nicht leichtsinnig genug, um augenblicklichem Behagen die letzten Spargroschen zu opfern.
Während sich Karla heißes Wasser aus der Küche holte, um Taschentücher und Strümpfe in der Waschschüssel zu waschen, schrieb er seine Briefe. Er griff nach wie vor seine Lieblingsidee auf, Karla in Amerika anfangen zu lassen, um dann mit dem erworbenen Gelde die Karriere in Deutschland zu beginnen. Verschiedene Operngesellschaften rüsteten sich zu einer großen Gastspielrundreise über das Wasser. Wenn Karla jetzt hätte auftreten können -- sie wären aus allen Sorgen heraus! Aber vor Mitte September war selbst im besten Falle nicht darauf zu rechnen ....
Ja ... das Kind! Das schreckliche Kind!
Sie aßen in einem kleinen Gasthaus Mittag, für fünfundsiebzig Pfennige, mit Kaffee oder Käse als Nachtisch. Karla wählte den Käse und leerte den halben Brotkorb, Altmann nahm Kaffee, um den Nachgeschmack der sehr mäßigen Gerichte herunterzuspülen.
Nur Sonntags speisten sie in der Culmstraße gegen einen Beitrag von zwei Mark. Altmann rechnete es trotzdem Adele hoch an, daß sie die vermehrte Arbeit so willig auf sich nahm. Und er war ihr unendlich dankbar, daß sie Karla jeden Nachmittag bei sich behielt, wobei doch wieder eine Tasse Kaffee und ein gestrichenes Brötchen für sie abfiel.
Altmann mußte alles mitberechnen, um über die bösen Tage hinwegzukommen. Luise Altmann, die durch den langjährigen Aufenthalt bei der englischen Familie ein leidliches Englisch sprach, erbot sich, Karla englischen Unterricht zu geben. Zweimal wöchentlich betrat sie auf eine Stunde das Berliner Zimmer der Culmstraße.
Vicki und Fritz Maurer brachten ihre englischen Hefte zur Durchsicht. Dann kam Karla dran. Sie war, wie es sich herausstellte, nicht unbegabt für Sprachen, aber wenn sie Fehler machte, lachte Vicki sie aus. Vicki lachte überhaupt sehr viel, putzte sich gern und hatte Freundinnen, bei denen sie, wie sie sagte, halbe Tage zubrachte. Zu Hause gab es immer Streit zwischen ihr und Fritz. Er beschwerte sich, daß sie ihm seine Bleistifte und Federn nähme, Seiten aus seinen Heften herausrisse. Manchmal kriegten sie einander bei den Haaren. Fritz bearbeitete dann ihren Rücken, sie zerkratzte ihm das Gesicht. Dann griff Adele zum Rohrstock und haute links und rechts um sich, wohin es gerade traf.
Es war nicht erzieherisch, aber wirksam.
„Ekelhaftes Frauenzimmer“, murrte Fritz und zeigte Vicki noch einmal, aber diesmal aus der Entfernung, die Faust.
„Widerlicher Bengel“, schimpfte Vicki und heulte los.
Es war oft sehr lärmend in der Wohnung, und Karla dröhnte der Kopf.
Auf dem Heimwege, während Altmann mit ihr einiges zum Abendessen einkaufte, fragte er:
„Hast du geübt, Karla?“
Denn Adele hatte in der großmütigsten Weise erklärt, das Klavier stünde Karla jederzeit zum Üben zur Verfügung.
Aber Karla hatte von dem Anerbieten bisher noch keinen Gebrauch gemacht: das Lärmen der Kinder, das Rasseln der Nähmaschine übertönten die Skalen. Und hatte sie zehn Minuten Übungen gesungen, so kam gewiß Adele herein:
„Ach, sing’ doch was Nettes, Karla.“
Oder sie brachte ein Lätzchen, das sie eben fertiggenäht hatte, oder ein Nachtröckchen, das Karla bewundern sollte. Dann hieß es wohl auch:
„Bist du bald fertig, Karla, die Kinder müssen auch üben.“
Oder: „Alwin ist eben gekommen!“, was soviel sagen wollte wie: Alwin will Ruhe haben! Denn ~Dr.~ Maurer war immer müde, wenn er aus der Schule kam, und „vertrug keinen Lärm“!
Wenn er auch hereinguckte und murmelte: „Laß dich nicht stören, Karla ...“, so sah sie doch den Stoß Hefte unter seinem Arm und klappte hastig den Klavierdeckel zu.
Nein -- zum Üben kam sie wirklich nicht. Aber da sie wußte, daß ihr Mann keine Entschuldigungen gelten ließ, die seine Leute belasteten, so schob sie es auf ihren Zustand. Sie war so matt, fühlte sich so elend.
„Na ja ... mein liebes Kind, du hast einfach keine Energie. Auf die Art wirst du nie etwas erreichen. Auf die Art gewiß nicht! ...“
Es gab immer unangenehme Auseinandersetzungen, Verstimmungen. Karla schwieg und dachte sich ihr Teil. Sonntags, am Familientisch, an dem auch Luise Altmann regelmäßig teilnahm, wurde viel über Karlas Energielosigkeit gesprochen. Nur -- der Kinder wegen -- sehr schonend in der Form.
Während des schwarzen Kaffees legte man sich keine Zügel mehr an. Die Kinder waren ja auch nicht mehr da. Altmann blickte unzufrieden und nervös drein.
„Ihr fehlt eben der Ernst.“
Und darüber waren sich alle einig, Karla hatte keinen Ernst.
Eines Sonntags mußte Vicki eine Mozartsche Sonate vorspielen, mit der sie gerade „fertig“ geworden war bei ihrer Lehrerin.
„Nett, sehr nett“, sagte Luise Altmann.
~Dr.~ Maurer zupfte Vicki an ihrem dicken blonden Zopf.
„Brav, Vicki ...“
Und dann gab er ihr einen Groschen.
Nun sollte auch Karla singen.
Karlas Augen wurden noch runder, als sie es für gewöhnlich waren, und ihre kaum angedeuteten Brauen rutschten bis zur Mitte der Stirn hinauf.
Ja, waren denn die alle ganz verrückt geworden? Jetzt verlangten sie von ihr, sie sollte vorsingen, wie Vicki vorspielte ... Von +ihr+ verlangten sie das, der die Jugend einer ganzen Stadt zugejubelt, von +ihr+, die mit Blumen überschüttet worden war, wenn sie nach einer großen Partie sich wieder und immer wieder hatte vor dem Vorhang zeigen müssen?
„Ich denke ja nicht daran, jetzt zu singen.“
Vicki lachte los:
„Du hast wohl alles vergessen, Tante, wie?“
„Du impertinenter Fratz, was fällt dir ein? ...“
Karla hatte wohl selbst nicht geahnt, daß ihr die Hand so locker saß. Vicki brüllte los, empört, aufs tiefste entrüstet.
„Wie darfst du, Tante ... was unterstehst du dich? ...“
Karla stand hochaufgerichtet mitten im Zimmer.
„Eine Rotznase bist du, daß du’s nur weißt!“
Und hochrot im Gesicht, mit funkelnden Augen und bebendem Unterkiefer schrie sie:
„Bin ich die Tante oder nicht? Hat sie Respekt zu haben vor mir oder nicht? Den Popo hat man ihr versohlt, als ich schon Tausende begeisterte! Schmutzig hat sie sich noch gemacht, als ich mir schon mein Geld verdiente! Und das erlaubt sich ...“
„Oh, Gott nein, wie ordinär ... so ordinär ...“
Vicki schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lief aus dem Zimmer.
„Nun ist’s aber genug“, donnerte Altmann und riß Karla an der Hand.
Aber sie war wie aus den Fugen.
„Ihr macht mich ja verrückt, alle ... Verrückt macht ihr mich!!. Ich bin doch kein kleines Kind ... Aber so behandelt ihr mich ja vor den Bälgern hier! Es fehlt nur noch, daß ihr mir Vicki als Vorbild hinstellt! ... Ja, ja ... ich weiß, was ich rede. Gestern sagte Luise: Vickis englisches Heft ist viel sauberer als deines! Bin ich ein Schulmädel? Ich habe den Kopf voll. Meine Stimme ist viel wichtiger als all die dummen Jäckchen und Lätzchen und englischen Vokabeln. Und wenn ich sie verliere, dann seid nur ihr schuld ... jawohl, nur ihr! ...“
Ihre letzten Worte waren kaum noch zu verstehen. Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Irgend jemand drückte sie in einen Sessel. Luise Altmann stand vor ihr, mit einer Wasserschüssel, in der Eisstücke schwammen. Adele mühte sich, ihr die Taille aufzuhaken.
„Ernst,“ schluchzte Karla, ... „Ernst ...“, und streckte den Arm aus.
Aber ~Dr.~ Maurer hatte den Schwager in sein Arbeitszimmer gezogen, auf dessen Ledersofa Fritz nachts schlief.
„Laß nur ... meine Damen werden schon fertig mit ihr ... Ein kleiner hysterischer Anfall. Kommt vor in dem Zustand. Dazu die Hitze. Vicki ist ja auch wirklich frech gewesen und wird daher Karla um Entschuldigung bitten ... Immer ruhig Blut! Vaterfreuden wollen auch erkauft werden.“
„Ich habe mich wahrhaftig nie so gehen lassen“, sagte Adele zu ihrem Mann, als sie allein geblieben waren. „Und furchtbar ordinär war sie ... da hat Vicki nicht so unrecht. Das sind doch keine Redensarten! ...“
„Paß du mal lieber auf das Mädel auf, statt auf Karla herumzuhacken!“
~Dr.~ Maurer schlug mit dem Handrücken unwirsch auf die entfaltete Zeitung.
Vicki hatte gebockt und war nicht zu bewegen gewesen, sich vor Karla zu entschuldigen.
Karla war es, die ihr als erste die Hand gereicht hatte:
„Na, wollen wir uns wieder vertragen, Vicki?“
Und dann hatte sie gesungen. Eigentlich zum erstenmal.
Als wollte sie ihren Mann aussöhnen und alle, die den häßlichen Auftritt mit erlebt hatten.
Und ~Dr.~ Maurer hatte plötzlich das Schlagen seines Herzens gefühlt. Die Zigarre war ihm ausgegangen, war seinen Fingern entglitten und irgendwohin gefallen. Die quellende, jubelnde Stimme schlug machtvoll an längst verschlossene Tore. Wie ein schwerer Wein weckte sie sein träges, schläfriges Blut und brachte es zum Rauschen.
„Sing noch etwas, Karla ...“
„Gern ...“
Aber es fand sich nichts Rechtes vor, und Altmann wollte auch nicht, daß sich Karla anstrenge. Auch seine Augen leuchteten. Karlas Stimme hatte bis jetzt noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt, sie war klangvoller, heißer, jubelnder denn je ....
Er riß plötzlich ihre beiden Hände an seine Lippen, ohne der Schwestern zu achten, die seine Art peinlich berührte. Aber was wußten sie, was alles in ihm vorging, während Karla sang, und daß der Klang dieser Stimme ihm wieder die Welt erschloß, die sich hinter schwarzen Nebelwänden verborgen gehalten.
Was wußte auch Adele von dem, was in ihres Mannes Seele vorgegangen war während Karlas Gesang .....
Viel wichtiger war es ihr, daß ihre Schwester Luise erstaunt die grauen Augen aufriß und dann langsam, fast ungläubig meinte:
„Aber sie hat ja wirklich eine sehr schöne Stimme.“
Immerhin -- fein war Karla nicht. Und von Alwin war es zum mindesten sehr merkwürdig, daß er sich zu Karlas Anwalt aufwarf.
Am nächsten Tage erklärte er, daß es „mäuschenstill“ zu sein hätte, wenn Karla übte. Oder er würde mit einem Donnerwetter dreinfahren! Er hatte sie sogar gebeten, nicht eher mit dem Üben anzufangen, als bis er nach Hause käme.
Als sich Karla ans Klavier setzte und den Mund öffnete, wurde sie plötzlich weiß wie ihr schmaler Kragen.
Noch einmal setzte sie an. Aber nur ein heiserer, tonloser Laut entrang sich ihren Lippen.
Da stand sie auf, schloß behutsam den Deckel und wartete eine Weile. Wartete, bis das Zittern ihrer Knie nachließ und sie gehen konnte.
Wie ein nasses Linnen legte sich die heiße Zimmerluft an ihre bleichen Wangen. ~Dr.~ Maurer öffnete leise die Tür:
„Was ist dir, Karla, warum so still?“
Aber sie gab ihm keine Antwort, machte nur eine hilflose Bewegung mit der Hand und wankte ins Berliner Zimmer hinein, wo Adele zwischen einem Berg von Kinderwäsche über ihrem Wirtschaftsbuch saß.
Endlos dehnten sich die Wochen hin. Immer mehr Zeit brauchte Karla, um die kurze Strecke zurückzulegen, die ihre Wohnung von der ihrer Verwandten trennte. Manchmal sagte sie sich, es wäre das beste, sie bliebe den ganzen Tag im Bett liegen. Aber sie wußte, daß ihr Mann dann auch nicht ausgehen würde, und sie konnte nicht mehr sein nervöses, finsteres Gesicht sehen, ohne Herzklopfen zu bekommen.
Eines Tages bekam er das Anerbieten, für einen plötzlich erkrankten Fachkollegen im Liegnitzer Sommertheater einzuspringen. Auf drei, vier Wochen höchstens. Er wollte Karla mitnehmen. Aber die Schwestern gaben das nicht zu. Er konnte Karla doch jetzt keine Reise zumuten! Sie mußte sich schonen, pflegen -- um des Kindes willen vor allem.
Der jähe Freudenfunke, der in Karlas Augen aufgeblitzt war, erlosch. Aber sie widersprach nicht. Sie ließ wortlos über sich verfügen; wäre nach China gefahren, wenn man sie dorthin geschickt hätte, und würde sich nicht aus ihrem Zimmer gerührt haben, wenn man es für nötig gefunden hätte, sie dort einzuschließen.
Nur als sie Altmanns Kopf in dem Fensterrahmen des abfahrenden Zuges erblickte, da überkam sie etwas wie Verzweiflung. Sie mußte sich auf eine Bank setzen und schluchzte eine ganze Weile still vor sich hin.
Es war abgemacht worden, daß sie nur das erste Morgenfrühstück zu Hause einnehmen sollte, alle anderen Mahlzeiten aber bei Adele. Adele hatte einen durchaus angemessenen Preis bestimmt. Sie wollte sich um Gottes willen nicht bereichern an dem Bruder.
„Seine Leute“ benahmen sich eben „großartig“. Das mußte Karla immer wieder ihrem Manne zugeben. Er verlangte geradezu, daß sie es betonte und es sich immer wieder ins Gedächtnis rief.
Es war nicht seine Schuld, wenn Karla schon beim ersten Aufwachen die Verpflichtung, den Tag in der Culmstraße zu verbringen, als eine drückende Last empfand.
Die Schwestern konnten es sich nicht erklären, warum Karla so schlecht aussah. Sie litt doch wahrhaftig keine Not! Die Stimme? ... Die kam schon wieder ... und wenn nicht -- du lieber Gott -- da war sie eben keine Sängerin mehr, brauchte sich nicht an allen möglichen Theatern herumzutreiben. Dann hatte sie ihr Kind ... und vielleicht kam das zweite ... Ernst würde sich dann auch um etwas anderes umsehen. Die große Versicherungsgesellschaft, bei der sie versichert waren, hatte im vorigen Monat einen verkrachten Theaterdirektor angestellt, mit vierhundert Mark monatlich ... Hochfeine Stellung. Wenn Ernst die Fühler ein wenig ausstreckte, wenn ...
„Aber mir wurden doch für nur zwei Gastspielabende vierhundert Mark geboten!“
Sie schrie es förmlich heraus, als könnte sie damit den großen Stein wegschieben, den die Schwestern ihr auf die Brust rollten.
Adele zuckte die Achseln.
„Ist ja Unsinn ... Zufall .... Aber nur keine Aufregung, Karla ... das schadet dir.“
~Dr.~ Alwin Maurer verbrachte jetzt fast jeden Abend außer dem Hause.
Er fühlte sich nicht mehr behaglich in seiner Wohnung. Karlas Lage weckte Erinnerungen in ihm aus seinem eigenen Leben.
Er schlief unruhig. Einmal träumte er, Adele und Luise stünden mitten unter einem Schwarm seltener, buntschillernder Vögel. Sie griffen in die Luft, fingen einen Vogel und beschnitten ihm mit einer großen Schere beide Flügel. Dann griffen sie nach einem zweiten, einem dritten und so fort.
Seitdem sah er sie immer wie in seinem Traum. Ihm hatten sie die Flügel beschnitten, jetzt beschnitten sie sie Karla .... Er konnte nicht helfen. Da ging er lieber fort.
Eines Nachmittags gab Karla vor, daß sie sich elend fühle und zu Bett wolle. Adele gab ihr ein paar Stullen mit und allerlei gute Ratschläge. Wenn „ihr etwas wäre“, solle sie gleich zu ihr herüberschicken.
„Hörst du, mach’ ja keine Dummheiten.“
Es war so gut gemeint. Karla hätte sich selbst prügeln mögen, als es ihr zum Bewußtsein kam, daß sie die Wohnung verließ wie ein Gefängnis. Sie sah sich sogar auf der Straße um, ob ihr niemand folgte; denn Adele hatte ihr Vicki mitgeben wollen. Aber nein -- sie stand allein auf der Bülowstraße.
Hatte sie diesen Entschluß schon in der Culmstraße gefaßt oder war es plötzlich über sie gekommen wie eine Eingebung -- sie hätte es nicht zu sagen vermocht. Sie stieg in die erste Elektrische ein, die gerade stehenblieb, und ließ sich mitnehmen.
Sie sah nicht die belebten Straßen vor sich, sondern ein stilles, helles Zimmer mit seidenen Stühlen, einem Schachtisch vor dem Fenster, einem Glasschrank, mit feinen Meißener Tassen und vielen Schleifen an den Wänden.
Trotz der noch kaum abgekühlten Luft fror sie, und es war ihr, als könnte ihr nur dort -- in dieser hellen Stube mit den schönen Sachen und den vielen Erinnerungen warm werden.
Ja, sogar Papas kalte, tenorale Stimme schreckte sie nicht ab. Sie würde den Umhang nicht ablegen, und Papa würde ihr Tee bringen und ganz feine Brotschnittchen. Er würde ihre Hand tätscheln und fragen: „Na, Kleine, wie geht’s?“
Und diese wenigen Worte würden ihr viel, viel mehr bedeuten als alles, was die Schwägerinnen ihr sagten. Denn sie würden sie erinnern an tausend gleiche Fragen aus der Zeit ihrer Kindheit.
Diese Kindheit aber -- so wenig freudvoll sie gewesen war -- jetzt sah sie sie in einem verklärten Lichte. Sie atmete den Morgenkaffee ein, den die Mutter vor sie hingesetzt hatte, und den Duft der Äpfel in der Ofenröhre. Mutter war hitzig und hatte eine lockere Hand, aber Mutters Hand war auch weich, wenn sie Karlas Haar bürstete oder ihr über die Wangen fuhr, wenn sie mit einer guten Zensur nach Hause kam. Mutters Hand war auch geschickt und willig, all die hundert Risse und Löcher zu stopfen in Schürzen, Röckchen und Strümpfen. Mutters Hand war sparsam im Alltag, war aber auch freigebig zu Weihnachten und an Karlas Geburtstag. Da zählte sie nicht die Äpfel und Pfefferkuchen und geizte nicht mit netten, nützlichen Sachen. Das Schönste freilich war immer von Papa: ein glitzerndes Kettchen etwa, ein silberner Armreif, ein blinkendes Kreuz oder seidenes Tüchelchen. Der Papa tänzelte dann immer so drollig gespannt um den Gabentisch und winkte ab: „Ta ta ta“, wenn sie ihm an den Hals flog.
Es war eigentlich nicht recht, daß sie sich so viel mehr über Papas Kinkerlitzchen freute als über Mutters gediegene Sachen. Aber daran war nun mal wieder nichts zu ändern, und Mutter konnte nichts tun, als mit einem Donnerwetter dazwischenfahren, wenn sie den Papa gar zu stürmisch umhalste und ihn nicht loslassen wollte.
Karla saß in der Elektrischen und merkte es gar nicht, daß ihr die Augen schwer wurden von dicken Tränen. Sie hatte eine solche Sehnsucht nach den paar Zimmern, die „ihr Zuhause“ umschlossen, nach dem Papa, auf dessen Schoß sie einst gesessen, nach dem „Ta ta ta“, mit dem er ihr vielleicht das Wort abschneiden würde, wenn sie ihm ihre Sehnsucht gestand ...
Der Wagen hielt am Lützow-Platz. Sie mußte aussteigen. Sie durchquerte den Platz und bog in die Schillstraße ein. Es war noch hell, aber doch senkten sich schon bläuliche Schatten zwischen die weißen Häuser.
Die Straße machte ihr auch heute einen neuen, lustigen, friedlichen Eindruck. Einzelne Damen blieben mit den Blicken länger an ihr haften, als es allgemein üblich war, und lächelten dann halb gerührt, halb ermutigend.
Ja ... sie war wohl schon sehr stark ... Das Gehen wurde ihr auch schwer, und das zweite Leben in ihr wurde oft ungebärdig. Manchmal mußte sie stehen bleiben, weil sie meinte, es schnüre ihr etwas den Atem ab. So war es eben jetzt ... Doch sie mußte lächeln in all ihrer Not. Und sie murmelte vor sich hin:
„So ein Nichtsnutz ... so einer ...“
Gewiß, es wurde ein Junge. Schon jetzt dachte sie an den künftigen Beschützer. Sie war zu dumm der Welt gegenüber, und Altmann war zu starr. Aber der Sohn -- der würde alles verstehen, alles zwingen -- und wer seiner Mutter nahekam, na -- der sollte sich nur vorsehen! ...
Sehr langsam stieg sie die Treppe hinauf. Der Papa wohnte zwar nur im zweiten Stock, aber die Stufen waren merkwürdig hoch. Sie hätte unten pfeifen sollen, den alten Pfiff, mit dem Papa sie rief ... Sie hatte einen Gegenpfiff darauf erfunden -- aber Mutter schimpfte, wenn sie pfiff. So geschah es nur, wenn sie außer Hörweite waren. Und nach ihrem Tode hatte keiner mehr an den Pfiff gedacht. Aber jetzt ... Karla spitzte die Lippen ... Nein, es ging nicht. Der Mund war ihr ganz trocken. Der Papa mußte ihr vor allem etwas zu trinken geben. Herrgott im Himmel: „Nichtsnutz, abscheulicher!“ Sie hielt sich an der Rampe fest.
War das eine Art? Bald wäre sie zusammengebrochen, und jetzt tat ihr das Kreuz weh ... So ein Bengel!
Die Hand zitterte ihr, als sie an der Klingel zog. Gleichzeitig aber schlug sie mit der anderen den Umhang fester zusammen. Papa brauchte nicht gleich zu sehen, wie weit es schon mit ihr stand. Er hatte nie gemocht, was unschön aussah und mit Krankheit zusammenhing. So sehr er die Mutter geliebt, aber als sie krank war, da hatte er kaum ihr Zimmer betreten, immer nur Grüße geschickt und Blumen. Aber die Mutter, energisch bis zu ihrem Tode, hatte gezankt. Er sollte nicht Geld ausgeben für solches Zeug. Und wenn er vorsichtig durch die Türspalte sah, hatte sie selbst ihn immer weggeschickt.
„Es gibt was Schöneres zu sehn als eine Frau, die der Teufel lotweise holt ... geh nur, geh ...“
So war er auch zu ihrem Sterben zu spät gekommen und hatte sie nur gesehen, als sie, mit ihrem schönen braunen Seidenkleid angetan, ein Kruzifix zwischen den bleichen Fingern, in ihren weißen, sauberen Kissen lag.