Die Primadonna

Part 4

Chapter 43,635 wordsPublic domain

Ein paar nette, warme Töne mußte sie -- ihrem Lachen nach zu urteilen -- im Leibe haben. Er sang selbst gerne, war eine Zeit lang Mitglied eines Männergesangvereins gewesen und begleitete Luise Altmann oft in die Konzerte, zu denen ihre Herrschaft ihr zeitweilig ihre Plätze überließ.

„Alwin versteht sehr viel“, flüsterte Adele, laut genug, daß Karla es hörte.

„Ich kann heut’ nicht singen ... nein ... wirklich nicht ....“

Man nahm es als übliche Ziererei und beachtete es nicht. Alwin Maurer räumte das Stehalbum und die zwei Vasen mit künstlichen Blumen von dem schwarzen Pianino.

„Soll ich die Kerzen anzünden? ... Nein ... das Gas brennt wohl hell genug ....“

Er blies Karla den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht, ohne es zu merken.

„Ich will doch nicht singen“, murmelte sie.

Wie konnte ihr Mann sie zwingen! Nie hätte sie das von ihm gedacht -- nie!

„Komm, komm ....“

Und er schlug leicht gegen das Klavier. Anders hätte er auch einen Hund nicht herangelockt. Alwin Maurer blätterte in den angegrauten Notenheften. Da fehlte die erste -- da die letzte Seite.

„Tja .. ich sehe, unser Bestand ist erneuerungsbedürftig. Aber -- da ... Schubert ... Frauenliebe und Leben -- hm? Wie wär’s?“

Karla war keine Liedersängerin. Die kleine, geschlossene Form lag ihren breit ausladenden Mitteln nicht.

„Nein ... keine Lieder ... die mag ich nicht.“

„Schubert magst du nicht?“

Luise Altmann hob die Augen zur Decke. Nette Sängerin war das! Armer Ernst ... Was hatte er sich da aufgeladen!

„Habt Ihr nicht etwas von Wagner ... dann ...“

Um Gottes Willen -- Wagner! War ja ganz schön im Opernhause. Aber im Zimmer -- da zerriß er einem ja die Ohren.

Doch Alwin Maurer wühlte weiter in den Noten. Ja ... doch ... ein Lohengrin-Auszug ... der mußte da sein. Den hatte er vor einigen Jahren gekauft, um eine kleine Lohengrin-Parodie für ein Vereinsfest zu verfassen. Wo war er denn nur ....?

„Da ....“

Eigentlich machte es ihm uneingestandenen Spaß, daß seine Damen sich ärgerten.

„Los, Kinder, los ...“

Altmanns Finger schlugen hart und trocken auf die Tasten.

Karla stand leicht zurückgebeugt mit unter der Brust verschlungenen Händen, wie es ihre Art war beim Singen, am Klavier.

Das Gaslicht fiel grell und schonungslos auf ihr zusammengestecktes Kleid und den unverhältnismäßig breiten Hüftenumfang.

Die Schwestern stießen sich an, und Adele flüsterte:

„Du, ich glaube gar ...“

„Mir scheint auch ...“

Sie waren beide ein bißchen blaß geworden. Das hatte noch gefehlt -- ach, du lieber Himmel!

Ein ganz leises Mitgefühl für Karla regte sich in ihnen. Aber ein noch größeres für den Bruder. Nicht einmal eine Wohnung, ein Heim hatten solche Leute. Sie tuschelten leise: Ob schon für das Kind vorgesorgt war? ... Ob es Wäsche vorfand -- einen Wagen? ... Adele rechnete nach, was ihr von der Ausstattung ihrer Kleinen übrig geblieben war. ... Acht Windeln, fünf Hemdchen, neun Sabberlätzchen mochten sich noch erhalten haben! ... Dazu der Kinderwagen; nur neue Vorhänge waren nötig -- die schnitt man einfach aus den ausgemusterten Gardinen der guten Stube heraus ....

„Wenn sie Pflege braucht, so bitte ich um Urlaub ... Man kann das Wurm doch nicht verkommen lassen ...“

Mit dem Wurm meinte Luise Altmann das Kind, für das die Schwestern jetzt schon eine gewisse Zärtlichkeit empfanden, weil es ihnen den Bruder näher brachte.

In ihrem Getuschel entging es ihnen völlig, daß Karlas Stimme nach dem sechsten Takte umkippte.

„Macht nichts, macht nichts“, beruhigte ~Dr.~ Alwin Maurer gutmütig. „Vielleicht hat dich mein Rauch gestört.“

Er legte die Zigarre aufs Fensterbrett.

„Nur keine Gêne ... fang’ ruhig wieder an!“

Altmann war rasend. Sogar das Tuscheln der Schwestern entging ihm vor Arger über Karla.

„So paß doch auf!“

Wie ein ungezogenes, durch zu viel Freiheit verzogenes Kind war sie, das nach den ersten Schulferien kaum noch die Buchstaben erkennen will. Er schlug den Takt mit dem Fuß, Alwin Maurer mit der Hand ...

Karlas Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut.

„Nein ... so kann ich nicht ... so sing’ ich nicht.“

„Quäl’ sie doch nicht“, rief Luise Altmann herüber.

Altmann warf den Auszug in kalter Wut auf das Notengestell zurück.

„Gut, lassen wir’s bleiben!“

Diese Bockigkeit verzieh er Karla nicht so bald! ...

Alwin Maurer schenkte die Biergläser voll.

„Mensch, ärgere dich nicht! Erzählen wir uns lieber was. Waren ja lange genug nicht beisammen ... Na, Prost! Karla, gebt euch einen Kuß ...“

„Willst du die Wohnung sehen, Karla?“ fragte Adele.

Die Schwestern erhoben sich, Karla folgte ihnen, froh, aus dem Bereich von Altmanns dunklen Blicken zu kommen. Innerlich frohlockte sie, daß sie nicht hatte singen brauchen und war gern bereit die Küche zu bewundern, in der vom Abendbrot noch alles kunterbunt und ungesäubert durcheinander stand, und die selbstgehäkelten Kanten.

Im Schlafzimmer nahmen die Schwestern sie ins Gebet.

„Ja -- merkt man es denn wirklich schon so sehr?“ fragte Karla.

Sie war unbändig stolz. Und gleich darauf wurde sie redselig.

Schrecklich war das Verheiratetsein, ohne ein Kind zu haben! Man kam sich eigentlich gar nicht recht verheiratet vor! Ein bißchen was mußte man doch voraushaben vor denen, die sich zusammentaten, weil sie gerade auf ein paar Jahre an derselben Bühne engagiert waren! Wenn’s nach ihr ging, würde sie ein Dutzend Kinder haben wollen. Aber das ginge wohl nicht, wegen ihrer Stimme. Schreckliche Angst hatte sie, die Stimme zu verlieren! Dann lieber gar kein Kind! Wenn das passierte -- dann ... ja, gewiß, dann würde sie ihr Kind nicht mehr ansehen können -- na, und liebhaben schon gar nicht! Aber sonst -- auffressen würde sie es vor Liebe! Keinen Augenblick würde sie es allein lassen. Sie würde es sich schon so einrichten, daß sie es in ihre Garderobe mitnehmen könnte! Mitten auf den Schminktisch würde sie es legen, und da sollte es ruhig strampeln. Die Ankleidefrau würde schon aufpassen, so lange sie draußen war! ...

„Nun, ich hoffe, Ernst wird so vernünftig sein, daß er diesen Unfug untersagt“, meinte Adele.

Und Luise Altmann fügte hinzu:

„Wir werden mit Ernst sprechen.“

Karlas kurzes Frohgefühl erlosch. Hätte sie doch nichts gesagt! ... Das hatte sie nun davon! Aber schließlich war sie die Mutter. Sie hatte doch allein das Bestimmungsrecht. Ihr Mann ... ja gewiß. Aber was verstand der von kleinen Kindern, von Mutterangst! ...

Mißmutig und mit halbem Ohr hörte sie auf die Aufzählung der Wäschestücke, die zu einer vollständigen Kleinkinderausstattung gehörten.

„Ja ... na, das sagt man uns schon im Geschäft.“

„Nein, Karla. Das mußt du selbst nähen“, erklärte Adele. „Ich habe eine Nähmaschine und will dir gern dabei helfen.“

„Die erforderlichen Spitzen und Stickerei bekommst du von mir“, setzte Luise hinzu.

Karla dankte nicht. Ihre runden, jungen, hübschen Augen blickten ganz starr.

Lieber Gott -- warum waren sie nach Berlin gegangen? ...

Luise sagte:

„Du kannst dir ein Beispiel an Adele nehmen. Sie ist eine vorzügliche Mutter und wird dir von gutem Rat sein ...“

„Wo sind denn deine Kinder?“ fragte Karla mit grollendem Unterton.

„Die schlafen, liebe Karla. Wenn ihr das nächste Mal am Tage kommt, werdet ihr sie sehen.“

In ~Dr.~ Maurers Haushalt war alles aufs Genaueste ausgerechnet. Der stete Heißhunger der Kinder ließ sich nicht mit teurem Kalbsbraten stillen.

Luise Altmann nickte.

„Kinder gehören abends ins Bett und nicht unter Erwachsene!“

Die Damen kehrten zurück zu den Herren.

„Wir gehen“, sagte Altmann und stand auf.

Er hatte immer noch sein kaltes, beleidigtes Gesicht.

„Nimm meinen Arm“, sagte er auf der Straße.

Aber seine Stimme klang messerscharf. Szenen machte er nicht. Aber es konnte gut sein, daß er acht Tage mit demselben beleidigten Gesicht an ihrer Seite ging.

Karla schluckte ihre Tränen herunter. Ein grauenhafter Abend war das gewesen! Nur gut, daß sie nicht gesungen, daß sie ihre liebe, schöne, jubelnde Stimme diesen Menschen nicht hergegeben hatte!

Morgen ging sie zum Papa! Auf den freute sie sich. Auf ihren zierlichen, eleganten, feinen Papa ...

Altmann mußte ihr die Nadeln aufmachen. Er tat es, als ob er ein gleichgültiges Paket aufschnüre.

„Luft“ war Karla heute für ihn ... Luft! Und nicht heute bloß. Es sollte ihr nicht so bald einfallen, sich derartig widerspenstig zu benehmen. -- -- --

„Na ... was sagst du?“ fragte Adele im ehelichen Schlafzimmer ihren Mann.

Er zuckte die Achseln:

„Verrückt! Hätte deinen Bruder für keinen solchen Phantasten gehalten. Wenn man ihn hört, so gibt es nächst der Lucca kein solches Genie wie seine Frau! So weit ich urteilen konnte ... ganze hübsche Töne ... aber -- es war doch kläglich. Weder Breite noch Schwung, und kaum klettert sie in die Höhe, kippt sie um, kiekst. Wenn sich der gute Ernst nur nicht verrechnet!“

Adele bürstete ihr recht spärlich werdendes blondes Haar.

„Wenn man für Ernst irgend etwas finden könnte ... irgendeine sichere Stellung. Denn jetzt, wo noch Familie kommt ...“

„Au weh! Das ist unter Umständen bitter!“

Er dehnte sich behaglich in seinem Bett. Immerhin -- unmittelbare Not hatte er nicht kennengelernt, in der sicheren Umfriedung seiner bürgerlichen Genügsamkeit.

„Wer nimmt denn einen Schauspieler? Wo bringt man den unter?“

Adele schlug mit der Bürste heftig auf ihren kleinen Frisiertisch.

„Wenn ich nur wüßte, was er an der gefressen hat ... wenn ich das nur wüßte ...“

~Dr.~ Maurer erstickte mit der kaum entfalteten Abendzeitung die Kerzenflamme und drehte sich auf die andere Seite.

„Da fragst du viel ...“, sagte er gähnend.

Aber die Frage ließ ihn doch nicht gleich einschlafen. Sie erweckte ein wunderschönes, junges Lachen in seinem Ohr und zauberte ihm das Blitzen prachtvoller Zähne zwischen frischen, roten Lippen vor die Augen.

Papa hatte einen allerliebsten Teetisch vorbereitet. Über dem weißen Tischtuch lag dämpfend ein bläulicher, silbergestickter Gazeschal. Die ganz feinen Meißener Tassen hatte er aus dem Glasschrank geholt und das schwere Silberkörbchen für das Gebäck von Kranzler: kleine, zuckerbestreute Küchelchen, die auf der Zunge schmolzen.

In einer Kristallflasche schillerte topasfarbiger Wein, der in den Fassetten der geschliffenen Gläser auffunkelte. Die Nachmittagssonne spielte auf den Goldfransen der buntseidenen Kranzschleifen, die zwischen goldgerahmten Photographien hingen. Es waren viele Berühmtheiten darunter: große Sänger, Sängerinnen, Schauspieler, Tänzer und Tänzerinnen. Den Ehrenplatz nahm das Bild des berühmten Schachspielers Anderssen ein, mit einer Widmung in verblaßter Tinte aus dem Jahre 1860.

Vor dem breiten Fenster, umflossen von Sonne, erhoben sich zierlich geschnitzte Figuren auf einem Schachtisch, und auf einem Stehbücherbrett häuften sich gebundene und ungebundene Jahrgänge der Deutschen Schachzeitung sowie einschlägige Werke, wie „Theorie und Praxis der Endspiele“ von J. Berger, Cordels „Führer durch die Schachtheorie“, das „Lehrbuch“ von Lange und andere.

Es roch gut bei Papa -- nach sehr feinen Zigaretten und irgendeiner Essenz, die Karla noch nicht kannte.

Papa kam ihnen entgegen in einem knappen, grauen Gehrock, zu dem er eine weißseidene Lavallièrekrawatte trug. Er hatte eine gepflegte kleine Hand, deren linken Zeigefinger ein länglicher, von Rauten umgebener Emaillering zierte. Seine Füße staken in tiefausgeschnittenen Lackschuhen, die den hechtgrauen Florstrumpf sehen ließen.

Unter silberweißem gelockten Haar sprühten kluge, runde, braune Augen hervor. Er war ungemein zierlich und behende, und nur ein rasch unterdrücktes Verziehen der Lippen deutete auf zeitweilige Schmerzempfindung.

„Das freut mich, daß ihr endlich da seid ... das freut mich. Willkommen, lieber Schwiegersohn; machen Sie sich’s bequem ... Sie müssen vorlieb nehmen. Ein alter Garçon, da haperts überall.“

Karla war befangen. Die Wohnung war ihr fremd und die Art ihrer Einrichtung. All die von der Mutter kostbar gehüteten und im Glasschrank verwahrten Nippsachen standen offen herum. Die Bezüge waren von den Stühlen entfernt, so daß die ehedem so streng verwahrte Pracht leichtfertig ihren verblaßten Glanz zeigte.

Karla wagte es kaum, sich auf den gelbseidenen Sessel zu setzen.

Aber Papa tätschelte ihren Arm.

„Na ... Kleine ... erkennst du nichts mehr? Das ist doch Adolar ...“

Nun lachte Karla. Richtig, Adolar ... der Sessel, mit dem sie ihre Liebesszenen gespielt, den sie hatte umfangen, vor dem sie hatte knien müssen.

„Adolar ... du Guter!“

Sie hatte ihn nur unter grauem Bezug gesehen und fühlte die Ohrfeige noch heute, die die Mutter ihr verabreicht, als sie in Backfischübermut den Bezug einmal abgenommen, um zu probieren, „wie es sich auf Seide sitzt“.

Mutters Geist hatte jetzt zu herrschen aufgehört. Das sah sie an dem Gebrauch des kostbaren Teeservices, an der Nutzbarmachung aller einst so geschonten Gegenstände. Aber wie gut auch der Papa da hineinpaßte! ...

Er schenkte den Tee ein, die Sahne, mit anmutig wippenden Bewegungen, reichte das Silberkörbchen herum in schwebendem Gleiten seines gerundeten Armes.

Karla streifte ihren Mann mit einem zagen Seitenblick. Wie ein Denkmal saß er da in seiner steifen Unbeweglichkeit, mit seinem schönen, starren Gesicht.

„Besten Dank, Papa ... bitte bemühen Sie sich nicht ...“

Sie hatten nicht gleich im ersten Augenblick das „Du“ gefunden. Und nun blieb’s beim „Sie“, das ein paar Meter Entfernung zwischen sie legte.

Papa knabberte mit seinen sehr weißen Porzellanzähnen an dem Gebäck und schlürfte den Tee mit leisem Vibrieren seiner feinen Nasenflügel.

„Tja ... meine lieben Kinder ... Ihr wollt also das große Ereignis hier in Berlin abwarten? Charmant, charmant. Ich hätte mich ja noch gern ein Weilchen geduldet mit Großvaterfreuden, denn ... eine noch unsichere Karriere gleich mit Elternsorgen zu beginnen, das ist ... na ja ... Aber natürlich, lieber Schwiegersohn, will ich Ihrer Beurteilung der Sachlage nicht vorgreifen. Meine gute Frau hätte ja am liebsten ein Dutzend solch kleiner Schreihälse und Freßmäuler gehabt ... tja ... Da muß man eben den tauben Mann spielen. Im Interesse des Hauses und ... tja ...“

Papas tenorale Stimme durchdrang den hellen Raum wie eine Kindertrompete. Gleichzeitig klopfte er Karla liebevoll auf die Wange.

„Armes Kind! War es so pressant? ... Tja ... das Temperament ... das verflixte Temperament! ... Das ist ein Erbteil ihrer Mutter. Ein Vulkan war meine gute Frau -- ein Vulkan! Hat uns kurz gehalten, deine gute Mutter, wie?“

Er führte Karlas Fingerspitzen an seine Lippen und knabberte ein neues Küchelchen an.

„Mein lieber Schwiegersohn, als meine gute Frau starb, da blieben wir zurück -- Karla und ich -- wie zwei Vögel, die Jahre lang im Dunkel gehalten -- plötzlich freigegeben worden sind. Wir wagten uns die ersten Tage kaum an den verschlossenen Schrank der Kredenz ... nicht wahr, mein Kind? Erst ganz allmählich und nachdem Karla mich verlassen hatte, erwachte ich aus der Erstarrung, ergriff sozusagen Besitz von dem, was mir gehörte. Der Umzug in diese helle freundliche Wohnung machte ein übriges. Tja ... und nun finde ich auch, daß das Leben recht erfreuliche Seiten hat, wenn man ein bißchen an sich selbst denken darf.“

Altmann wollte einwerfen: Sie hatten aber noch ein Kind, und dieses Kind darbte. Aber er fühlte, daß er dem alten Herrn damit nicht kommen durfte. Vielleicht hätte er in der Jugend alles verpraßt, wenn die Frau ihm sein bißchen Gut nicht mit erbarmungsloser Strenge zusammengehalten hätte. Im Alter war er eben selbstsüchtig und genüßlich geworden.

Karla führte die schöne Tasse mit heimlichem Herzklopfen zum Mund. Wenn die Mutter sähe, wie so das feine Geschirr ...

Indem stieß sie mit Altmanns Hand zusammen, der ihr den Korb mit Gebäck reichte, und in der Angst, ihr Schwarzseidenes könnte einen Fleck abbekommen, lockerten sich ihre Finger, und die Tasse fiel zu Boden.

„O Gott! ...“

Papa winkte mit der Hand.

„Macht nichts, macht ja nichts. Bist eben immer noch das kleine Trampeltier. Aber Scherben bedeuten Glück -- also nur kein Drama ... bitte, ja kein Drama!“

Er streckte die Hand aus und läutete mit einer silbernen Klingel. (Die Klingel hatte früher in Karlas Kindheit das Christuskind eingeläutet.) Gleich darauf, so rasch, als hätte sie hinter der Tür gestanden, um zu lauschen, kam die Wirtschafterin herein.

„Bitte, Pauline, ein kleines Malheur ....“

Pauline kehrte gleich darauf mit Tuch und Schaufel zurück und beugte sich über die Tasse. Dabei rauschte ihr gestärkter Unterrock, und die goldene Uhrkette glitzerte auf ihrem Kleid aus gediegenem braunen Wollstoff. Ein für ihre Gestalt fast allzu zierliches Tändelschürzchen deutete ihren dienenden Stand nur flüchtig an.

„Gott, ist mir das unangenehm“, klagte Karla.

„Aber das macht doch nichts, gnädige Frau, das Dutzend ist ohnedies nicht mehr vollständig. Da fehlt ein Henkel, dort ein Eckchen ... Aber der Herr Papa will doch eben nur die guten Sachen benutzen.“

Der Papa klopfte ungeduldig auf die Tischplatte.

„Sind Sie bald fertig, Pauline?“

„Gleich, Herr König, gleich ... ich will der jungen Frau nur noch das Kleid ein bißchen abwaschen, das hat auch einen Spritzer abgekriegt.“

Karla hielt unter den energischen Fingern von Pauline und den mißbilligenden Blicken von ihrem Papa und ihrem Mann still. Es würgte sie etwas am Halse.

Wo war der Papa? Ganz, ganz weit weg war er. Und sie glaubte plötzlich nicht, daß es ein Ischiasanfall gewesen war, der ihn von ihrer Hochzeit ferngehalten hatte. Dem Haar, dem Kleid der Wirtschafterin entströmte der kräftige Duft einer gesunden, gepflegten Frau. Ein hübscher Ring schmückte einen Finger ihrer rechten Hand.

„Na also, Pauline ....“

„Bin schon fertig.“

Ein Lächeln lag um den energischen, aber hübschen Mund. Die kleinen, grauen Augen blitzten lustig auf.

„Bin schon fertig.“

Sie eilte sich gar nicht. Und ihr Rock wippte über dem krachenden Unterrock herausfordernd hin und her.

Es blieb eine Weile still im hellen Zimmer.

„Tja ... eigentlich eine Perle ...“, sagte endlich der Papa und gab seiner weißen Krawatte einen kleinen Stüber. -- „Wenn man so verwöhnt war wie ich ... Karla tat ja auch ihr möglichstes ... aber so ein junges Ding, nicht wahr? ... Tja ... da habe ich richtig das große Los gezogen. Sie kam als Pflegerin zu mir, als mich ein scheußlicher Gichtanfall befiel ... tja ... na, und dann blieb sie, Gott sei Dank.“

Er schenkte die Gläser voll.

„Also, alles Gute, meine lieben Kinder ... alles Gute!“

Seine Stimme klang zerstreut. Altmann sah auf die Uhr. „Es wird Zeit!“

Da wurde er wieder lebhaft, wie um den letzten Eindruck zu vertuschen.

„Nein, nein .... warum denn ... Interessieren Sie sich für Schach, lieber Schwiegersohn?“

„Interessieren, ist zu viel gesagt. Ich spiele -- als blühender Dilettant.“

„So ... so ...“

„Papa ist ein großer Schachspieler“, fügte Karla ein.

Der Papa zupfte sie am Ohr.

„Großer? Ta ta ... Redensart. Aber vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt -- hätte Diplomat werden müssen statt Tänzer. Oder gar Feldherr ... Ich habe da eben jetzt eine Variante der spanischen Partie ausprobiert, ein Gambit im Nachzug ... sehr schade, daß unsere großen Meister sich mit diesem Gambitzug nicht befreunden wollen -- sehr schade. Ich habe darüber eine eifrige Diskussion mit Herrn von Bardeleben gehabt beim Kongreß in Breslau. Übrigens habe ich jetzt eine Korrespondenz mit Leipzig -- ein Gang -- wir sind gerade beim siebenten Zug .... Und wenn alles klappt, dann rutsche ich nächsten Winter nach Wien rüber und messe mich mal mit dem guten Weiß. Steinitz und Tschigorin wollen auch dort sein. Die Baronin Kolisch hat Preise gestiftet. Erster Preis fünftausend Mark! Das zieht auch!“

Er warf die weiße Locke zurück, die ihm immer wieder kokett in die Stirn fiel, und seine Finger streckten sich unwillkürlich nach den Schachfiguren.

Karla hatte gehofft, ihm vorsingen zu können.

„Gibst du noch Unterricht, Papa?“, fragte sie, seltsam verschüchtert durch seine Art.

„Unterricht? ... Ja ... natürlich. Man muß doch leben. Ich habe gerade ein paar recht talentvolle Kerlchen in Arbeit. Aber eigentlich ist die große Zeit des Balletts vorüber. Es wird nichts mehr geschrieben. Und das Verständnis für Technik kommt ebenso abhanden wie für Grazie. Wenn einer nichts kann, nennt er sich Charaktertänzer. Kann er noch weniger, wird er Pantomimist. Traurig, traurig ... Na, und wie geht’s mit dem Gesang? Die Kleine hatte eine hübsche Stimme ... Und ich las, sie singt jetzt Wagner ... bravo, bravo ... Sehen Sie, lieber Schwiegersohn, hier erteile ich Unterricht.“

Es war ein ziemlich großer, kahler Raum, in dem nur ein alter Flügel stand, und an der Wand Stühle und Sessel von verschiedener Form.

„Na, Karla ... kennst du deine Partner wieder? ...“

Sie nickte. Ganz weh wurde ihr zumute. So lustig war der Unterricht gewesen, so ganz aufgehen hatte sie dürfen in allen Leidenschaften! Und dann nach der Stunde waren sie beide in die Küche gelaufen und hatten dort gleich ihr Abendbrot verzehrt, damit sie nicht so viel Mühe hatte. Und den ganzen Abend über hatte Papa mit sich allein Schach gespielt, während sie im Nebenzimmer übte, oder sie waren zusammen ins Theater gegangen und dann ins Café, wo an Schachbrettern bartlose, nervöse Jünglinge, vornehme Aristokraten und bebrillte, klug aussehende Männer saßen.

Das Eintreten von Papa wurde lebhaft begrüßt von den Kiebitzen. Er mußte von dem Stück erzählen, und sein Urteil galt etwas. Er ließ sich aber nie selbst zu einer Partie nieder.

„Es ist spät, ich muß meine Kleine nach Hause bringen!“

Karla hatte wohl oft gemerkt, daß es ihm schwer wurde, abzulehnen. Aber wenn sie ihn bat, er möchte sich von ihr nicht abhalten lassen, dann klopfte er ihr die Wange.

„Ich denk’ nicht dran ... wer weiß, wie lange ich dich noch bei mir habe.“

Nicht zum mindesten aus Rücksicht auf Papa hatte sie das erste kleine Engagement angenommen. Bei der Abfahrt merkte sie es ihm so recht an, wie froh er war, allein zu bleiben. Aber doch schrieb er immer kurze, liebevolle Kärtchen, schickte auch ab und zu ein paar Taler und wiederholte immer wieder:

„Mein Gefühl sagt mir, du wirst noch einmal eine große, berühmte Künstlerin. Halte dich, mein liebes Kind ...“

Sie hatte ihn eigentlich nicht wiedersehen wollen, bevor sie nicht „eine große Künstlerin“ geworden. Aber nun der Zufall es so gefügt, da war sie voll Erwartung gewesen und hatte gemeint, daß der innige Zusammenhang zwischen ihnen geblieben war wie einst.

Und nun war es anders, ganz anders. Dem Schach galt offenbar sein größtes Interesse. Darüber hatte schon die Mutter geschimpft, es aber geduldet, weil es von allen „Leidenschaften“ die wenigst kostspielige war. Die veränderte Lebensweise ... die röckerauschende Pauline mit der goldenen Uhrkette ... Und nun fragte er nicht einmal nach ihrer Stimme, forderte sie nicht auf, ihm vorzusingen!

Sie würgte wieder etwas herunter. Und als sie den Kopf hob, fiel ihr Blick in den verstellbaren Schaftspiegel, der den Schülern zur Überprüfung ihrer Stellungen diente. Da erschrak sie.

Ja ... so, wie sie jetzt aussah ...!

Sie hätte Papa lieber gar nicht besuchen sollen in diesem Zustand.

„Gehen wir“, sagte sie leise und zupfte Altmann am Ärmel.

Der Papa hielt sie nicht mehr zurück.

„Ihr laßt’s mich gleich wissen, wenn alles vorbei ist“, sagte er und küßte Karla in die Luft.

Es waren noch vier Monate bis dahin.

Aber Karla sagte eilig:

„Ja gewiß, Papa ... sofort ...“

Sie lief so schnell die Treppe hinunter, daß Altmann sie an ihrem Umhang festhielt.

„Was machst du, Karla ... renn doch nicht so ...“

Die Tränen rollten ihr unaufhörlich über die Wangen.

„Was ist denn? Was hast du denn?“

„Nichts, Ernst ... lieber, guter Ernst?“

Altmann lächelte vor sich hin, mit tief herabgezogenen Mundwinkeln.

Auf Papa war fürs erste nicht zu rechnen. Da blieben wirklich nur seine Leute -- -- --

Die Sonne brütete.