Part 3
Die Altmannsche Vornehmheit hatte für den jungen Philologen ebenfalls etwas sehr Bestechendes. Sein Vater war Pastor in irgendeinem schlesischen Bergnest. Viel zu essen gab es nicht in dem mädelreichen Pastorenhaus -- aber die Bauern zogen höflich den Hut, wenn sie die Pastorkinder sahen. Man war immerhin was Besonderes. Auch mit knurrendem Magen.
Vielleicht hätte Alwin Maurer im Hinblick auf seine vier Schwestern versuchen müssen, sich eine reiche Braut zu ergattern. Die reichen Bäcker kauften damals gern einen Doktor für ihre Töchter -- aber ihm lag das Suchen und Sichdurchbeißen nicht. Der warme Kaffeebrodem im Altmannschen Hause umnebelte ihn, zauberte ihm lichtvolle Bilder einer glücklichen Zukunft vor.
Arme, hausmütterlich veranlagte Mädchen haben hinwiederum oft eine verblüffende Technik des Männerfanges, um die sie die raffinierteste Kokette beneiden könnte. Ihr Appell an die Ehrenhaftigkeit des Mannes nach einem heimlich geraubten Kuß ist von einer Tragik, die auch den Widerspenstigsten bezwingt.
Aber Alwin Maurer war gar nicht widerspenstig. Er hatte kaum seinen Doktor gemacht, als er in die Wohnung, die Möbel, den guten Tisch und den heißen Kaffee einheiratete.
Doch der Philologenhunger war kaum gesättigt, als Frau Altmann starb. Mit ihr schwand die Witwenpension, die dem Hause so wohl zustatten gekommen war. Die magere Lehrerbestallung war nur ein notdürftiger Ersatz. Aber Luise Altmann half mit. Von früh bis spät lief sie in den Straßen auf und ab, gab in dem einen Hause Klavier-, in dem anderen deutschen, in dem dritten Geographie-Unterricht -- gründlich und billig. Sie rechnete nicht zu Hause und legte all ihr Verdientes in Adelens Hände. Kaum, daß sie etwas übrigbehielt, um sich eine Bluse oder ein Paar Stiefel zu kaufen.
Nach der Geburt von Adelens zweitem Kind wurde Luisens kleines Hofzimmer -- Gemeingut. Der Kinderwagen wurde hineingeschoben, das Dienstmädchen baute dort ihr Bügelbrett auf, die Hausschneiderin häufte Berge alter Kleider auf Luisens Bett und rasselte an der ebenfalls in dem Zimmerchen aufgestellten Maschine. Ob Luise mittags oder abends heimkam, es roch muffig in ihrem Zimmer -- nach kleinen Kindern, feuchter Wäsche und alten Stoffen.
Eines Tages erklärte Luise, daß sie eine Stellung als Erzieherin angenommen hätte:
„Ihr müßt Platz haben, Kinder.“
Vielleicht hatte sie gehofft, man würde ihr abreden, sie nicht fortlassen. Aber man bewunderte sie nur.
~Dr.~ Maurer war es zufrieden, daß die Schwägerin das Haus verließ. Ihre Aufopferungsfähigkeit demütigte ihn. Auch war es ihm oft peinlich gewesen, daß die Schwestern sich in vielen Fragen besprochen und ihn dann vor die vollzogene Tatsache gestellt hatten.
Je weiter die Hungertage der Studentenzeit von ihm fortrückten, desto mehr verstärkte sich sein Bewußtsein als Mann und Familienvorstand.
Die „prächtige Luise“ war ein willkommener Gast. Aber mehr als Gast sollte sie im Hause nicht sein.
Adele kam leichter, als sie gefürchtet, über die veränderte Lage hinweg. Denn als die Jüngere hatte sie manches Mal Ratschläge anhören müssen, die ihr nicht immer zusagten. Auch sie sehnte sich nach „Entfaltung ihrer Selbständigkeit“. Die Zuwendungen der Schwester waren noch lange Jahre willkommen -- denn ~Dr.~ Maurer war ein Epikuräer.
Das, was ihm einst als ein Gipfel menschlichen Behagens vorgeschwebt hatte, genügte seinen erwachten Sinnen längst nicht mehr. Und die größer werdenden Bedürfnisse weckten seinen Ehrgeiz.
Adele, die aufgewachsen war in den Begriffen kleiner Bürgerlichkeit, fand es selbstverständlich, daß ihr Mann seine zwei freien Abende in der Woche hatte. Das Geld für einen kleinen Verlust beim Skat und für etliche Glas Bier mußte einfach da sein. Da verzichtete die Familie eher auf einen Sonntagsausflug oder Adele auf ein Paar Handschuhe.
Denn vor allem kam der Mann.
Der „vor allem“ mußte anständig angezogen sein und mußte mit ein paar Silberstücken in der Hosentasche klimpern können. Das gehörte sich so. Auch Luise war derselben Meinung. Es wurde auch bald selbstverständlich für ~Dr.~ Maurer. Nur reichten die Silberstücke fast nie so lange, wie sie sollten. ~Dr.~ Maurer rauchte gern eine anständige Zigarre und trank lieber Echtes als Lager. Ein paarmal war es vorgekommen, daß er sich in eine nette Weinstube hatte mitziehen lassen ... Und da machte er die Entdeckung, daß die Gespräche beim Wein -- wenigstens während der ersten zwei Flaschen -- viel gehaltvoller und geistiger waren. Daß auch die sinnfälligen Freuden dieses Lebens in der weindunsterfüllten Luft weit freundlichere Beurteilung fanden als an dem filzbestreuten Biertisch. Der Wein regte die Phantasie an, führte in das gelobte Land unbegrenzter Möglichkeiten.
Alwin Maurer war kein Trinker, aber er war weinfest und gehörte zu denen, deren Seele hohe Flüge macht, während ihr Körper wie angeschmiedet vor den sich erneuernden Flaschen verharrt.
Einige Male war es ihm gelungen, die erhöhte Stimmung bis nach Hause zu retten. Da war es ihm gewesen, als zöge ihn eine unsichtbare Gewalt zu seinem Schreibtisch. Er nahm die Feder zur Hand und schrieb einen Aufsatz über individuelle Erziehung. Er erschien bald darauf in einem Fachblatt und erweckte eine lebhafte Polemik, die sich spaltenfüllend in der Zeitschrift austummelte. Aber das Honorar bezahlte ihm kaum die Flasche Niersteiner, die er getrunken.
Als er einige Wochen später einen Aufsatz über die „Lähmungserscheinungen humanistischer Überbildung“ schrieb, bot er ihn einer vielgelesenen Tageszeitung an. Die Schriftleitung verlangte, daß sie bei diesem hervorragenden Artikel ausdrücklich auf seine Lehrtätigkeit hinweisen dürfte.
„Ja ... gewiß ... selbstverständlich.“
~Dr.~ Alwin Maurer schwebte in den siebenten Himmel ein. Mit einem Schlage war er berühmt. In seiner Phantasie sprengte das Geld seine Taschen, und alle Lehranstalten luden ihn auf ihr Katheder.
Der Tag nach dem Erscheinen des Aufsatzes brachte ihm zwanzig Mark und eine peinliche Auseinandersetzung beim Direktor. Er sollte „revozieren“, oder er ging der Stellung verlustig und würde irgendwohin strafversetzt. Denn das Ministerium hatte soeben Material über ihn eingefordert.
Wie zerschlagen kam er nach Hause. Adele hatte bereits den Besuch zweier Lehrerfrauen gehabt. Sie war in Tränen aufgelöst und hatte das Dienstmädchen zu Luise geschickt, um sie zu holen. Denn Luise mußte helfen, mußte raten. Luise war so klug! Und Alwin ... nein, wie hatte Alwin sich so vergessen können! ... Luise kam. Alwin Maurer wurde richtig ins Verhör genommen. Der Aufsatz wurde laut gelesen -- jeder Satz doppelt und dreifach ausgelegt. Es war fürchterlich, was er da alles geäußert hatte! Umstürzlerische Ideen waren das! Er erschütterte die Grundfesten deutscher Jugenderziehung ... er war ein Revolutionär, ein Sozialdemokrat! ...
Das war damals noch ein Schimpfwort, und Adele hob beschwörend die Hand:
„Nicht zu weit gehen, Luise!“
Aber Luise schob sie aus dem Zimmer. Schließlich brauchte die Frau nicht dabei zu sein, wenn sie ihren Mann abkanzelte, wenn er so dastand, richtig wie ein dummer Junge, der was ausgefressen hatte! Und als der Schwager ihr endlich sein Aneinandergeraten mit dem Direktor berichtete und daß das Ministerium „Material“ über ihn verlangt hatte, da schrie Luise Altmann verzweifelt, unter Tränen:
„Revoziere! ... Revoziere!“ ...
Adele wurde gerufen. Sie weinte mit und schrie mit: „Revoziere! Revoziere!“
Die Kinder wurden hereingeschleppt, die „unschuldigen Würmer“. Die heulten auch mit, ohne zu wissen, warum. Es war ein Höllenlärm. ~Dr.~ Alwin Maurer, der nichts hatte wissen wollen von irgendwelcher Zurücknahme seiner Worte, fühlte die zerrenden Finger seines kleinen Mädchens, seines Jungen ... Um seine Ohren gellte das Schreien der Kinder, das Jammern der Frauen.
„Revoziere! Revoziere!“ ...
Adelens nasse Wangen lagen an den seinen. Luise drückte krampfhaft seine Hand, zeigte pathetisch auf das schwarzgerahmte Bild der Mutter:
„Wenn sie das erlebt hätte -- sie, die so viel von dir gehalten!“ Zeigte die alten, gediegenen Möbel, die einst der Inbegriff allen Behagens für ihn gewesen: „Wovon lebt Ihr denn, wenn du deine Stellung verlierst, wenn du versetzt wirst? ... Dann kannst du alles für ein paar Groschen verschleudern ....“
Die Angst kroch langsam aus Alwin Maurers verborgensten Herzenswinkeln heraus:
„Aber,“ ... stammelte er, „aber“ .... Nichts anderes.
Er ließ sich zu seinem Schreibtisch schleifen. Die Frauen standen ihm zur Seite: rechts Luise, links Adele. Sie beugten ihre Köpfe über seine Mappe; die eine reichte ihm Briefpapier, die andere tauchte seine Feder in die Tinte.
„Revoziere!“
Ihm war, als hätten sie ihm sein Gehirn aus der Schale gelöst und stocherten mit ihren Fingern darin herum .... Er hatte keinen Gedanken mehr, kein Gefühl .... Nicht für das Tragische seiner Lage, nicht für das Lächerliche.
Er schrieb, strich aus -- fing wieder an.
„Ich kann nicht so ....“
Sie nahmen ihm den Atem, die beiden Frauen.
„Wir sehen nicht hin ... schreib nur.“
Aber ihre Körper lehnten an den Ecken seines Tisches, und der Dunst ihrer Tränen umhüllte ihn.
So revozierte er feige, erbärmlich. „Aus den Zuschriften, die er erhalten, hätte er ersehen, daß seine Worte mißverstanden worden wären.“
Behauptung für Behauptung nahm er zurück, Wort für Wort. Der Schweiß sickerte in dicken Tropfen unter dem leicht gekrausten blonden Haar hervor, rann die Schläfen entlang.
Jetzt noch die Unterschrift.
„Aber das geht doch nicht ... ich kann das doch nicht.“ ...
Luise Altmann legte ihre feste, hagere Hand auf seinen linken Arm. Adele schluchzte noch einmal drängend auf.
Und dann schrieb er: ~Dr.~ Alwin Maurer. Luise faltete das Papier, schrieb die Adresse des Blattes auf den Umschlag.
„Ich bringe den Brief selbst in die Redaktion. Morgen früh muß der Brief in der Zeitung stehen.“
Adele war damals ihrer Schwester um den Hals gefallen. Und sie beide waren aus dem Zimmer gerannt, als könnte Alwin Maurer ihnen noch im letzten Augenblick den Brief aus den Händen reißen.
Aber er dachte nicht daran.
Wie erschlagen lag er im Sessel. Und nur seine Augen wanderten voll Ekel von einem gediegenen Möbelstück zum andern. Altem Plüsch und morschem Holz hatte er seine Überzeugung geopfert -- der Speisekammer seiner Frau und dem Autoritätenglauben seiner Schwägerin. Er riß die Schreibtischlade auf und zerfetzte die Seiten des nächsten Artikels, den er bereits begonnen hatte. Zerfetzte den Traum, den ein paar Glas Wein ihm eingegeben und den zu verwirklichen er vielleicht das Talent gehabt hätte. Und er weinte.
Weinte bitterlich, wie ein kleiner Junge weint, dem die Hand eines Großen sein Schaukelpferd zertrümmert.
Die Zeitung brachte den Widerruf, mit einigen spöttischen Worten verbrämt. Der Schuldirektor klopfte ihm auf die Schulter:
„War das einzig Vernünftige, lieber Doktor!“
Die Klasse aber mußte wegen groben Unfugs während seines Unterrichts zwei Stunden nachsitzen.
Adele kochte ihm eine Woche lang seine Lieblingsgerichte, und Luise Altmann brachte ihm eine Kiste mit fünfundzwanzig Zigarren, das Stück zu fünfzehn Pfennig.
Das Leben in der Culmstraße ging weiter, sättigend und behaglich. Luise „verbesserte“ sich. Sie kam als Erzieherin in ein reiches Haus, hatte gutes Gehalt und unterstützte nach wie vor den Haushalt der Schwester.
Jedes Jahr um Palmarum kam Ernst Altmann.
Die Schwestern fühlten sich verpflichtet, dem „Zigeuner“ gegenüber ihre makellose Bürgerlichkeit stark zu betonen. Aber Adele war nicht unempfänglich für die Theaterbilletts, die sie durch ihn bekam. Auch war er immer bereit, die Kinder auszuführen, in den Zirkus oder eine Klassikervorstellung am Nachmittag.
Mit ~Dr.~ Maurer hatte er wenig Berührungspunkte, oder wenigstens nicht viel mehr, als ein gemeinsamer Bierabend ergibt.
Dem Pastorensohn aus den schlesischen Bergen war die Kulissenwelt fremd, kaum reizvoll. Immerhin brachte Altmanns alljährliches Erscheinen in Berlin eine kurze, willkommene Abwechslung in die starre Regelmäßigkeit der Lebensführung.
Einmal nahm Altmann seinen Schwager zu einem Rennen mit nach Karlshorst. Keiner von beiden setzte, aber ~Dr.~ Alwin Maurer kam wie berauscht nach Hause. Er hatte Frauen gesehen, wie er sie nur für möglich gehalten im Schimmer des Rampenlichts. Vor seinen weltfremden, erstaunten Augen hatte sich ein Stück gesellschaftlichen Lebens abgerollt, wie er es nur in dem einen oder andern Roman geschildert gefunden und als unwahrscheinlich abgelehnt hatte.
Das Lehrerlein in dem engen schwarzen Rock, mit dem Zylinder auf dem krausen Blondkopf, mochte wohl eine recht komische Figur abgegeben haben in dem schillernden Bild des grünen Rasens. Eine Dame, von deren sich ziemlich deutlich äußerndem Beruf Alwin Maurer nur dunkle theoretische Kenntnis besaß, warf ihm im Vorbeigehen lachend ihr Veilchensträußchen ins Gesicht. Gar zu herausfordernd naiv sah er aus.
Altmann war froh, als er den sehr widerstrebenden Schwager glücklich wieder nach Hause bugsiert hatte. Am anderen Tage mußte er aber Adelens bitterste Vorwürfe über sich ergehen lassen. Auch Luise schrieb ihm einen empörten Brief. Was war ihm denn eingefallen? Alwin in solche Umgebung zu bringen! Wollte er durchaus den Frieden des Hauses zerstören, indem er Alwin Einblick in eine äußerlich vielleicht verlockende, gewiß aber verderbte Welt gewährte, indem er ihn mitschleifte dorthin, wo „sich das nackte Laster und alle verbotenen Leidenschaften die Hand reichten“?
Der Satz war aus Luisens Brief.
Altmann wurde vorsichtiger. In seiner ernsten Verehrung für die Schwestern fand er kaum ein Lächeln für diese übertriebene Angst. Nein, gewiß, von ihm brauchten sie für Alwin nichts zu fürchten, obwohl er nicht glaubte, daß der gute Alwin ...
So? Das glaubte er nicht ...? Na, dann sollte er nur hören!
Bei geschlossenen Türen suchte Adele den Zeitungsartikel heraus. Nun ... was sagte er jetzt? ...
Altmann fand den Artikel ausgezeichnet. Er selbst hatte das humanistische Gebüffel nicht ertragen und war darum durchgebrannt. Sehr vernünftig von Alwin, er wollte ihm die Hand schütteln! So viel Mut hatte er ihm gar nicht zugetraut ...
Erst nach einer ganzen Weile begriff er, daß der Schwager gar nicht das Recht gehabt hatte, so zu schreiben. Daß es ein Verrat gewesen war an Frau und Kind, nur entschuldbar durch Alwins Feuertemperament. Aber wie hatte er sich bezwungen ... mit welchem Opfer hatte er die Ruhe des Hauses erkauft ... Und Adele legte dem Bruder den Widerruf vor.
Irgend etwas behagte Altmann nicht daran. Aber er mußte es dem Schwager doch danken, daß er Adele vor Kummer und Sorgen bewahrt hatte. Ja ... vielleicht war das eine größere Tat, als wenn er darauflos seine Überzeugung herausgeschrien hätte ... Die Schwestern wollten jedenfalls, daß er das so ansah ...
Und mit den Jahren kam es auch so weit, daß er nicht zu sagen gewußt hätte, ob Alwin Maurer ein Held oder ein Waschlappen gewesen war. Gewiß ein Held -- weil er Adelens Mann war. Und noch mehr wurde er in dieser Annahme bestärkt, als der Zufall das Gespräch einmal auf den Mut der Überzeugung brachte. Da sagte ~Dr.~ Alwin Maurer, und seine Stimme war dabei ein wenig belegt:
„Es kann sein, daß der größte Mut darin besteht, sich zu einer entgegengesetzten Überzeugung zu bekennen.“
Adele und Luise drückten ihm darauf die Hand. Aber er stand vom Tisch auf und kam den Abend über nicht mehr aus seinem Zimmer heraus.
„Man darf gar nicht daran rühren“, sagte Adele.
Es gefiel ihr eigentlich, daß es in dem glatten, nichtssagenden Leben ihres Mannes eine wunde Stelle gab.
In wortloser Übereinstimmung hatten die Schwestern aus jenem Vorfall das „große Erlebnis“ gestaltet, ohne das vielleicht kein Mann auskam! Aber nun hatte er es. Nun sollte er daran leiden und sich aufrichten ...
So dachten die Schwestern noch heute, nachdem zehn Jahre vergangen waren.
~Dr.~ Alwin Maurer hatte jetzt eine Art kleiner Tonsur in seinem blonden Lockenkopf, und sein Gesicht war blaß und verschwommen. Adele und Luise sahen einander auch heute noch zum Verwechseln ähnlich. Nur wer genauer hinsah, bemerkte weiße Silberfäden in Luisens dunkelblondem Scheitel und kleine Fältchen um Adelens Augen. Sie hatten beide die schmalen Altmannschen Lippen, die geraden dunklen Brauen und zogen in harter Linie die Mundwinkel herab, wenn sie auch nur innerlich etwas ablehnten.
Ihres Bruders Heirat lehnten sie beide ab. Aber sie waren wohlerzogen und höflich. So warteten sie in der Wohnstube, in schwarze Seide gekleidet, auf das Läuten an der Korridortür.
~Dr.~ Alwin Maurer, im Bratenrock, der an den Nähten spannte, ging auf und ab, mit auf dem Rücken verschlungenen Händen.
Der Duft des Kalbsbratens umwehte verheißungsvoll seine empfindsamen Nüstern. Er blickte öfters auf den Regulator. Wenn sie nur zur Zeit kamen, und das Essen nicht verdarb!
Schließlich war das bißchen „Fraß“ doch das einzige, was das Leben lebenswert machte ...
Die Klingel schrillte durch die Wohnung ... ~Dr.~ Maurer stürzte im letzten Augenblick in eine Ecke des Zimmers und warf den hellen Rohrstock, mit dem er am heutigen Vormittag seinen Stammhalter verdroschen, unter das braunrote Plüschsofa.
Karla machte kaum den Mund auf. Sie war gesellschaftlich noch ungewandt, und die frostige Freundlichkeit der fremden Verwandten ließ sie zu Eis erstarren.
Luise Altmann fand, daß sie sich bei Tisch nicht recht benehmen konnte, denn sie schnitt die Kartoffeln mit dem Messer durch und trank, bevor sie den Bissen im Munde heruntergeschluckt hatte!
Auf das verwandtschaftliche „Du“ wurde bei der Zitronenspeise eine Flasche deutschen Sekts geleert. Altmann hatte eine elegante Art, die Serviette um den Flaschenhals zu schlagen und die Gläser nur bis zur Hälfte vollzuschenken.
Karla bewunderte ihn sehr in dieser Tätigkeit, und verträumt versetzte sie sich an ihre Hochzeitstafel zurück in der „Krone“. Schön war das damals gewesen -- und lustig! Wie die Kollegen sich gefreut hatten! So viel Liebes hatten sie alle gesagt, und so hübsche Trinksprüche waren gestiegen. Nach dem Kaffee hatte man auch noch ein bißchen gesungen, vorgetragen und sogar getanzt ...
Der Kalbsbraten und die Zitronenspeise waren gewiß gut geraten, aber es wollte ihr nichts so recht durch die Kehle rutschen.
Der Altmannsche Typus in seiner dreifachen Spielart bedrängte sie. Die Vornehmheit und Schönheit ihres Mannes verloren ihren Wert, da sie sie in den beiden Schwestern wiederfand. Diese Gleichheit reizte sie. Sie bekam einen roten Kopf.
„Wie fühlst du dich, Karla, hm?“
Es war klar, daß Altmann den Ausdruck innigsten Entzückens für selbstverständlich hielt. Darum wartete er die Antwort gar nicht erst ab, sondern sprach weiter mit seinen Leuten -- über die Kredenz, an die der Vater noch selbst eine Leiste angeklebt und die sich so prachtvoll erhalten, über Luisens Stellung im Hause der englischen Familie, über den voraussichtlichen Beruf von seinem Neffen Fritz.
„Dem Jungen mußte ich heute auf Spanisch Mores lehren,“ sagte ~Dr.~ Maurer, „glaubst du es, daß der vierzehnjährige Bengel alte Schulbücher verkloppt hat, um sich Zigaretten zu kaufen?“
Karla lachte plötzlich los.
Altmann sah sie befremdet und zurechtweisend an.
„Was ist denn so Belustigendes daran?“
~Dr.~ Maurer war in seiner Pädagogenwürde leicht verletzt, aber er war nicht unempfänglich für das wundervolle Lachen und die blitzenden Zähne seiner jungen Schwägerin.
„Findest du das etwa in der Ordnung?“
Er lächelte unwillkürlich, beugte sich über den Tisch und bemerkte dabei, daß sie wunderhübsche, junge, braune Augen hatte, unter kaum angedeuteten, hilflos und drollig geschwungenen Brauen.
„Nimm dich zusammen“, flüsterte Altmann streng.
Sie kämpfte noch immer mit dem Lachen, das sie schüttelte, wie ein boshafter Protest gegen all die steife Würde an diesem Tisch.
„Ihr müßt es mir nicht übelnehmen, aber wie der ... der ...“
„Alwin“, soufflierte ~Dr.~ Maurer.
„Ja also, wie der Alwin erzählte, daß sein Junge Bücher verkloppt hat für Zigaretten, da mußte ich an meinen Verehrer denken ... weißt du, Ernst, den kleinen Korbach. Der brachte mir wochenlang gefüllte Malz- und Honigbonbons an den Bühneneingang. Ich wußte immer nicht, wo der Junge das viele Geld dafür hernahm. Wußte auch nicht, wie er heißt. Bis er eines Abends -- ich hatte gerade Schnupfen und Husten, und der Regisseur ließ das Publikum um Nachsicht bitten -- mit Chininpulver in Oblaten anrückte, am nächsten Tage eine Flasche Emser Krähnchen bei meiner Wirtin ablud und am dritten Tage Rizinuspillen brachte ...“
Sie schüttelte sich wieder vor Lachen, und ~Dr.~ Alwin Maurer, der strenge Pädagoge, stimmte ein.
„Apothekersohn? Was?“
Karla nickte.
„Ja ... dreizehn Jahre war das Kerlchen! Saß abends, wenn ich sang, auf dem Olymp und klaute, was er konnte, um mir seine Liebe zu zeigen ...“
„Empörend!“ sagte Luise Altmann.
„Schrecklich! ... Ja, das Theater ...“, meinte Adele.
~Dr.~ Maurer fuhr sich mit der sehr vollen, kurzfingerigen Hand (ein Erbteil seines Vaters) durch das Haar.
„Na ... da wird wohl der Junge auch seine Tracht Prügel bekommen haben ...“
„Das hoffe ich“, warf Adele rasch ein. „Du hast doch den Vater aufgeklärt?“
Karla nickte vergnügt.
„Gewiß. Ich habe den Jungen bei der Hand genommen, bin mit ihm zu seinem Vater ’rüber, und wie der von Hauen und so gesprochen, da hab’ ich gebeten, er möchte das lassen, und hab’ ihm dafür was vorgesungen. Er war sehr musikalisch, der Korbach ... nicht wahr, Ernst, du hast doch auch von ihm gehört? ... Fast eine Stunde haben wir zusammen musiziert. Zum Schluß haben wir das Duett aus ‚Carmen‘ gesungen ... der Kleine hat uns begleitet ... famos war das! Von Hieben war natürlich keine Rede mehr. Und zu Weihnachten, da schickte mir Herr Korbach eine Reiseapotheke. Riesig praktisch. Ernst benutzt sie auch sehr gern.“
Karla war losgelassen.
Die Schwestern wechselten einen Blick.
‚Unmöglich‘, sagte der. Karla war unmöglich. Jedenfalls in ihren bürgerlichen Kreisen. Adele dachte an ihre Bekannten: die Frau Lehrer Wagner, die Frau Oberlehrer Lange, die Frau Rechnungsrat Florian ... Nein, mit dem besten Willen konnte sie Karla nicht bei den Damen einführen.
„Machst du Handarbeiten?“ fragte sie, mit einem letzten Versuch, irgend eine ernste Eigenschaft an der Schwägerin zu entdecken.
„Karla hat wenig Zeit gehabt bisher“, meinte Altmann und dann mit einer jäh erwachten Hoffnung zu seiner Frau gewendet:
„Oder solltest du doch vielleicht ...?“
Es war verzeihlich. Er war ja erst einige Monate verheiratet.
Aber nein. Karla gestand schamlos, daß sie gar keine Handarbeiten machen könne; auch mit dem Nähen hapere es.
„Wenn ich erst Geld verdiene, dann halte ich mir eine Flickschneiderin.“
Adele zog die Mundwinkel ein. Eine verheiratete Frau, die von „Verdienen“ sprach, verletzte alle ihre Begriffe. Wenn nur um Gottes willen der arme Ernst in dieser unseligen Ehe nicht jedes „Gefühl für Anstand und Schicklichkeit verlor!“
Altmann faßte seine Frau unter das Kinn.
„Sie ist noch eine kleine Wilde“, sagte er versöhnlich.
Karla wurde ärgerlich. Was hatten sie hier alle an ihr herumzukritisieren?!
„Warum bin ich eine Wilde?“
~Dr.~ Maurer hob die Tafel auf.
„Na, Kinder, nur immer ruhig. Ärger nach Tisch gibt rote Flecke im Gesicht.“
Es wurde Kaffee in die Wohnstube gebracht, Bier und Zigarren für die Herren.
„Ach ja, richtig -- du rauchst ja nicht“, sagte Alwin Maurer zum Schwager und qualmte seine „Imitierte“ genüßlich an.
„Willst du nicht ein bißchen singen, Karla?“ fragte Luise Altmann.
Karla sah zu ihrem Mann herüber. „Bitte nicht“, schienen ihre Augen zu sagen. Sie war, weiß Gott, nicht in der Stimmung! Die steif an die Wand gelehnten braunroten Plüschmöbel, die starren, schwarzen Seidenkleider und die geraden Brauen schienen ihr eine unüberwindliche Feindseligkeit auszuströmen.
„Ja, natürlich, sing’ doch ein bißchen was“, munterte Alwin Maurer auf.