Part 2
Karla war verschnupft. Sie hatte nur den einzigen Gott. Den wollte sie sich nicht verkleinern lassen.
Als Altmann nach Hause kam, umarmte sie ihn leidenschaftlich. Fast schien es, als wollte sie ein Unrecht gutmachen.
„Na, was denn, was denn ...?“
Er klopfte ihr gönnerhaft, aber doch innerlich beglückt, die Wangen. Sein kühles Blut erwärmte sich an ihrer heißen Erregung.
„Hast du etwa gesungen?“
„Ja ... ein bißchen.“
Er kannte den Ursprung ihrer Leidenschaftlichkeit.
Auch als Gatte fühlte er sich verpflichtet, zu dämpfen.
Gerade als ihr Gatte. Ihre Stimme mußte geschont werden, ihre Frische. Er bezwang auch viel in sich selbst ... Er meinte es wirklich gut mit ihr.
Eines Tages brachte Karla eine halbverhungerte Katze nach Hause. Sie gab ihr warme Milch und ließ sie nicht von ihrem Schoß. Sie übte auch nicht an diesem Tage, sondern streichelte immer nur das struppige graue Fellchen. Abends machte sie ihr ein Körbchen zurecht, füllte es mit weichen Lappen, legte ein Taschentuch darüber.
„Niedlich ... wie ein Kindchen“, sagte sie und lächelte versonnen.
Altmann gab es einen Ruck. Das Wort Kind traf sein Ohr wie ein greller Pfiff.
Das „Kind“ hatte er nicht mit einbegriffen in den sorgsam ausgearbeiteten Plan der nächsten Jahre. Er fand mit dem besten Willen kein Eckchen und keine Zeit, wo es einzuschachteln wäre. Er stand knapp vor dem Abschluß mit Bremen für Karla. Das war ein großer Fortschritt. Gegen Ende der nächsten Spielzeit waren mehrere Gastspiele von ihm vorgesehen: in Lübeck, Danzig. Mit Hamburg stand er in eifrigen Unterhandlungen. Er hoffte sehr, daß das Hamburger Gastspiel zu einem Engagement führen werde.
Wie Ameisenkribbeln spürte er es im Rücken. Eine ihm sonst fremde Nervosität bemächtigte sich seiner.
„Wie fühlst du dich, Karla? Ist dir gut?“
Sie blickte erstaunt. Warum sollte ihr nicht gut sein? Dann lachte sie wieder mit drolliger Heimlichkeit, nahm das Kätzchen von seinem Lager, wickelte es in das Tuch und schaukelte es in den Armen.
„Schlaf, mein Kindchen, schlaf ...“
Und sie wippte es so hoch in die Luft, daß sein Köpfchen bis zu Altmanns Lippen hinaufreichte.
„Gute Nacht, Paachen ... gute Nacht.“
„Laß doch den Unsinn.“
Es war nicht ein überlegener Verweis wie sonst -- er war wirklich ärgerlich. Karla küßte die Katze und legte sie zurück in ihr Bett. Sie flüsterte:
„Laß nur, Miezerle, Papa ist böse ... ich muß Papa wieder gut machen.“
Es war nichts als Gedalbere. Aber echte Zärtlichkeit lag in ihrer Stimme. So hatte sie früher zu ihren Puppen gesprochen, so mochte sie später zu ihren Kindern sprechen.
Altmann gab dem Körbchen einen Schubs, daß es durchs ganze Zimmer flog.
„Hör’ doch endlich auf!“
Karla sah ihn erschrocken an. Was war denn das mit ihm? Verstand er denn gar keinen Spaß? Oder ....
Sie wurde plötzlich blutrot ... Mochte er Kinder nicht leiden?
Ihr wurde merkwürdig kalt im Rücken, und so leer schien ihr das Zimmer, als ob er gar nicht mit darin stünde, ihr Mann.
Sie nahm das Kätzchen in den Arm und ging in die Kammer. Dort saß sie lange, und die sanfte Wärme des kleinen, schnurrenden Tieres beruhigte sie. Einzelne Tropfen fielen aus ihren Augen auf das weiche Fellchen. Sie berührte mit ihren Lippen den kleinen runden Kopf, die spitz aufragenden Ohrchen. Sie summte vor sich hin ... kleine naive Liedchen aus ihrer Schulzeit ....
Sie dachte daran, wie sie als Kind Wärme und Zärtlichkeit bei den Hunden und Katzen der Nachbarn gesucht, da sie sie zu Hause nicht fand.
Warum hatte sie keine Brüder, keine Schwestern, wie die anderen Kinder? ....
„Das hätt’ mir noch gefehlt!“ gab die Mutter zur Antwort.
Später fragte sie den Papa.
„Liebes Kind .... multipliziere nicht nur die Spiele und Freuden, multipliziere auch die Zahl der Knuffe, Entbehrungen und Krankheiten mit der Zahl der Geschwister!“
Vielleicht dachte auch ihr Mann so ...?
Am nächsten Tage schenkte sie das Kätzchen einer Kollegin. Altmann brachte ihr einen hübschen seidenen Unterrock aus der Stadt mit.
Sie hätte nicht gewagt, an solch einen Luxus auch nur zu denken. Ganz blaß wurde sie.
Wie war der Mann gut -- nein, wie war er gut! ....
Die Katze war vergessen.
Abends rief Altmann sie an seinen Schreibtisch und zeigte ihr die Briefe der Theaterleiter, die Eventualverträge. Da ging ein Zittern durch ihren Körper.
„In all den Städten soll ich singen? Ist das wahr? ... Wirklich wahr? ...“
Sie fiel ihm um den Hals, sie küßte seine Stirn, seine Augen, seine Hände. Sie lachte und sprang trällernd im Zimmer umher.
Wie ein Hündchen folgte sie ihm in den nächsten Wochen. Ein Mann, der das alles zustande gebracht! Ein Mann, der sie zur großen, berühmten Sängerin machte! ... Ein Mann, der ihr ein heißes, begnadetes Leben schenkte! Ein Mann, der ihr die Tore öffnete, zu allem, was es Großes, Wundervolles, Beglückendes in der Welt gab! ... Und dieser Mann war +ihr+ Mann! ...
Sie fing an, ihn zu lieben, mit scheuer, inniger Zärtlichkeit. Sie lächelte sanft, wenn er sie während der Stunden verhöhnte, sie zitterte, wenn er seine dunklen, geraden Brauen hob, und die tiefen Mundwinkel seiner blassen, feinen Lippen sich senkten. Und ihr Herz schlug glückschwer und erwartungsvoll, wenn er langsam die eingelaufenen Briefe mit der langen Schere aufschnitt.
Es waren zumeist gute Nachrichten.
Bald nach Weihnachten holte sie sich eine Erkältung auf der zugigen Bühne. Es war nicht das erstemal, und sie pflegte nie viel Aufhebens davon zu machen, beurlaubte sich auf eine Woche, lag mit Prießnitzumschlägen zu Bett, schluckte Aspirin und trank Kannen heißer Limonade.
Altmann genügte nicht einmal der Theaterarzt, den er sofort zu sich bat. Karla erschrak, als sie einen wildfremden Herrn an ihr Bett treten sah, einen Herrn Geheimrat, dem sie Zunge, Hals und Brust zeigen sollte. War sie denn so krank?
Altmann schaffte Inhalationsapparate an, allerhand Pinsel und Arzeneien standen auf ihrem Nachttisch. Er wechselte ihr selbst die Kompressen und pinselte ihr den Hals aus, unbarmherzig gewissenhaft.
Als sie das erstemal zur Probe kam, schenkten ihr die Kolleginnen Blumen.
Da fing sie an zu weinen. Sie küßte die Blumen und sprach den ganzen Tag nur davon, wie lieb und gut die Kolleginnen wären.
Altmann wurde bitter. Zum ersten Male.
„Zu Blumen hat es nicht gelangt.“
Karla fand ihr Zimmer wieder trostlos und leer, und abends graute ihr vor dem Bett, in dem sie solange krank gelegen.
Ausbrüche plötzlicher Leidenschaftlichkeit wechselten ab mit Tagen stumpfen Hindämmerns. Wenn ihr auf der Straße Kinder in den Weg liefen, bückte sie sich zu ihnen herab und küßte sie. Wenn eins fiel, hob sie es auf den Arm, schaukelte, tröstete es. Zweimal kam sie dadurch zu spät zur Probe.
Wenn Altmann mit ihr studierte, war sie oft unwillig, bestenfalls zerstreut. Er zitterte oft vor verhaltenem Ärger. Sie tat, als merkte sie es nicht, oder -- vielleicht sah sie es auch wirklich nicht.
Sie knixte, wenn er ihr etwas sagte: „Jawohl, Herr Lehrer!“ Oder aber sie weigerte sich zu üben; sie hätte Kopfschmerzen, es kratzte sie etwas im Halse; sie hätte schlecht geschlafen und wäre matt.
Abends im Theater sang sie schöner denn je. Und kein einziges Mal warf sie ihm einen Blick zu. Als ob sie nicht wüßte, daß er immer da unten auf dem Eckplatz in der zehnten Parkettreihe rechts saß.
Sie fragte auch nicht: „Nun, wie war’s?“, wenn er sie aus der Garderobe abholte. Hatte sie Blumen bekommen, so hielt sie sie sorglich und auffällig im Arm, und wenn vor dem Bühneneingang die üblichen jungen Enthusiasten warteten, dann schlich sie sich nicht mehr scheu an ihnen vorbei, sondern hob den hübschen dunklen Kopf und sah ihnen mit strahlendem Lächeln in die bewegten, heißen Gesichter.
Eines Tages legte Altmann einen Gastspielvertrag zur Unterschrift vor sie hin. Drei Abende. Als Pamina, Elisabeth und Elsa. Und für jeden Abend zweihundert Mark. So viel, wie sie hier im ganzen Monat verdiente.
Altmann wußte: Jetzt kam der große Jubel; jetzt sprang sie mit dem Vertrag im Zimmer umher, stürzte ans Klavier und zerrte ihn auf den Hocker. Jetzt ließ sie nicht ab von ihm, bis er nicht wenigstens eine der drei Partien mit ihr durchgenommen. Jetzt gleich lagen ihre Arme um seinen Hals, und ihre frischen, vollen Lippen drückten sich in sein Gesicht ...
Es verging eine Minute, die zweite .. Nichts von alledem geschah. Sie sah ihn gar nicht an, zählte nur an ihren Fingern irgend etwas ab.
„Was rechnest du aus, Karla?“
„Ob ich noch auftreten kann, falls ... es sind noch drei Monate bis dahin.“
Mit einem Satz war er bei ihr, riß ihre Hände an sich. Drückte sie so fest, daß sie glaubte, er wolle ihr wehe tun.
„Glaubst du denn, Karla ... Hast du irgendwelchen Anhalt dafür, daß ...“
Sie zuckte die Achseln.
„Ich weiß gar nichts ... aber es könnte doch sein, nicht wahr? Wir sind verheiratet ... es wäre immerhin natürlich.“
Sie hörte seinen schweren Atem. Sie sah, wie er sich mit dem Tuch über die Stirn fuhr ...
Sie hätte sich mit den Nägeln in sein Gesicht einkrallen mögen, in sein schönes, vornehmes Gesicht.
Aber er faßte sich.
„Warum behältst du denn alles für dich? ... Wir wollen zum Arzt gehen. Man muß doch wissen. Ich muß doch disponieren können! Den ganzen Tag sitze ich am Schreibtisch, opfere meine Zeit, verbrauche Papier, Marken ... zerbreche mir den Kopf, wie ich alles am besten anordne und verteile -- und nun wirfst du alles über den Haufen durch ein Wort! Wann -- glaubst du denn ...?“
Seine Stimme klang hart und doch unsicher.
Sie saß bequem zurückgelehnt und blinzelte vor sich hin.
Sie hörte seine Angst durch den harten Klang, und diese Angst weckte ihre Lust, ihn zu quälen, ihn abhängig zu fühlen von ihr, von dem Schicksal, daß sie selbst ihm schuf.
Aber -- eigentlich wußte sie gar nichts Bestimmtes. Manches, was sie als Symptom auslegte, war wohl nur Einbildung, weil sie so tief in sich hineinhorchte. Weil sie es so heiß ersehnte. Weil der liebe Gott sie zur Mutter erschaffen hatte -- viel mehr als zur Sängerin. Weil selbst ihr Singen nichts war als ein Schrei nach Verdoppelung ihres Wesens.
Altmann drängte:
„So sprich doch, Karla ... so sag’ doch ...“
Aber sie wehrte ungeduldig ab. Er sollte sie doch zufriedenlassen. Sie hatte das nur so hin gesagt. Zum Arzt gehen? Der würde sie auslachen.
Altmann atmete auf. Er war jetzt wieder ganz ruhig. Junge Frauen spielten wohl oft mit dem Gedanken der Mutterschaft. Es lag so nahe. Sie wußten ja auch nicht, wie abhängig sie waren vom Willen und der Beherrschung des Mannes.
Und er streichelte, wieder entlastet und nachsichtig, Karlas Wangen.
„Wie wär’s, wenn wir ein bißchen übten?“
* * * * *
Und es kam doch der Tag, da ihr unbewußtes Sehnen Erfüllung wurde. Noch wagte sie nicht, an ihr Glück zu glauben. Hielt ihren Zustand geheim. Im Theater schloß sie sich an die anderen verheirateten Kolleginnen an; fragte sie aus, auf allerlei Umwegen.
Nachts wachte Karla oft auf und starrte in das Dunkel ihres Zimmers. Lange. Mit klopfendem Herzen. Sie dachte an ihr Kind.
Das Kind, das ihr jetzt noch allein gehörte. Sie stellte sich vor, wie es in ihren Armen liegen, mit winzig kleinen Händen auf ihre Brust patschen würde. Oder sie sah es im Bade strampeln; ihr Arm stützte das rosige Körperchen, und ihre Lippen suchten die verspielten kleinen Füße.
Sie warf sich im Bett auf die andere Seite und lachte ganz heimlich vor sich hin.
Plötzlich stockte ihr Herzschlag: das Kind war krank. Sie saß an seiner Wiege und hielt die zuckenden Fingerchen zwischen ihren Händen ... Der kleine Körper wand sich in Krämpfen, bäumte sich auf -- fiel dann zurück in die Kissen -- tot! ...
„Heiliger Gott ....!“
Der Schrei zerriß die Stille des nächtigen Zimmers. Altmann richtete sich in seinem Bett auf.
„Was ist ... hast du geträumt, Karla?“
Er griff nach ihrer Hand -- sie war feucht und kalt.
„Ja ... aber ich weiß nicht mehr, was ... Macht nichts. Laß mich nur schlafen! ...“
Sie hielt ihre Hand gegen das Herz gepreßt und vergrub den Kopf unter der Decke. Um keinen Preis der Welt hätte sie gesagt, warum sie so hatte aufschreien müssen.
Altmann durfte nichts erfahren, bis sie selbst gewiß war ... ganz gewiß! Und wieder setzte ihr Herzschlag aus, da sie sich vorstellte, daß sie sich geirrt haben könnte, daß sie nur ein Spiel war ihrer sehnenden Phantasie.
Eines Vormittags, während ihr Mann auf der Probe war und sie die Unruhe nicht mehr ertragen konnte, ging sie zu einer Frau, deren Schild schon öfters ihre Aufmerksamkeit erregt hatte: „Frau Leben. Staatlich geprüfte Hebamme.“ Sie hatte oft gelacht über den Namen, in Verbindung mit dem Beruf. Dadurch hatte er sich ihr eingeprägt. Und nun stand sie vor der großen, breitschulterigen Frau, zitternd wie auf verbotenem Weg.
Die Frau war mißtrauisch gegen die Damen vom Theater, seitdem sie etliche Male versteckte Bitten hatte überhören müssen. Aber Karla König hatte sie einmal singen gehört, und sie hatte die wundervolle Stimme nicht vergessen können.
„Ja ... was soll’s?“
„Ich möchte wissen ... wissen möcht’ ich ...“
Karla stockte.
Es konnte das leise Zittern ebenso als Angst wie als Wunsch gedeutet werden. Aber als Karla König sie plötzlich am Kopf packte und mit ihr durch das Zimmer galoppierte, da verstand sie.
„Also doch ein Kind ... hurra! ... Beste, liebste Frau Leben! ... Ich bin ja so glücklich!! ... Soll ich Ihnen was vorsingen zum Dank? ...“
Sie sang wirklich, was ihr gerade einfiel, mit voller Stimme. Unsinn sang sie. Und der Text war immer nur: „Ein Kind! Mein Kind! ...“ Aber so wundervoll waren die Töne, die sich aus ihrer Brust lösten, daß die Frau, als sie Karla beim Weggehen fragte: „Was bin ich schuldig?“, antwortete:
„Nichts mehr. Ich bin bezahlt.“
Karla stülpte ihr Hütchen auf das dunkle Haar, fuhr in die weißen Zwirnhandschuhe und jagte durch die Straße bis zum Theater.
Jetzt durfte er es erfahren: „Wir kriegen ein Kind ... ein Kind!“
Nach Palmarum übersiedelte Altmann mit Karla nach Berlin.
Dort konnte man am billigsten leben und am besten untertauchen. Er pflegte auch sonst immer um die Zeit bei den Theateragenten vorzusprechen.
Diesmal wollte er den Boden für Karla beackern.
Sie stiegen in einem kleinen Hotel der Friedrichstadt ab. Hofzimmer, drei Treppen.
Wenn Karla ans Fenster trat, blickte sie auf schmutzige Glasscheiben und geschwärzte Eisenstangen. Ein einziges trübes elektrisches Birnchen brannte hoch oben an der Decke. Sie sah kaum das Nötigste beim Auspacken.
Zum Abendbrot hatten sie sich bei Altmanns Schwager angesagt.
Es war Zeit, daß Karla die Familie kennen lernte. Sie zog das „Schwarzseidene“ an. Aber es machte ihr Mühe. Altmann mußte hinuntergehen und Sicherheitsnadeln holen. Mit einem seiner breiten schwarzen Schlipse ließ sich die nötige Brustweite provisorisch herstellen.
„Na ... Du gehst ja ordentlich in die Breite!“
Er lächelte. Aber die Nervosität konnte er nie ganz verbergen, wenn sich Karlas Zustand bemerkbar machte.
Es war doch eine katastrophale (er brauchte das Wort gern) Störung! Karlas Stimme war merkwürdig zeitig in Mitleidenschaft gezogen worden. Es gab Schwankungen, leichte Belegtheit. Ja, es war vorgekommen, daß sie unrein gesungen hatte!
Der Direktor stand, die Hände in den Hosentaschen, in der zweiten Kulisse und lächelte gallig.
„Hast’s nötig gehabt, Mädel ....“
Auch schauspielerisch hatte Karla immer weniger hergegeben.
Aus Angst, es könnte ihrem Kinde schaden.
Frau Leben, mit der sie Freundschaft geschlossen, war ihr eine strenge Beraterin geworden.
Karla trug kein Korsett mehr, weil sie es ihr verboten hatte. Sie hatte sich auch früher von der Bühne zurückgezogen, als es sonst üblich war.
Ihre Gage fehlte merkbar, und die Kammer wurde aufgegeben. Um Wäsche zu sparen, legte Altmann zu Hause stets Kragen und Manschetten ab. Karla fühlte plötzlich einen Druck.
Und sie war froh, als es hieß: Berlin.
Da hatte sie doch den Papa und die Schwestern ihres Mannes. Sie kannte sie nicht, aber sie war besten Willens, sich ihnen anzuschließen. Denn, ohne daß sie es zugab: die Abende waren ihr recht tot erschienen in den letzten Wochen.
Klanglos war sie untergetaucht in der grauen Menge und dem stumpfen Alltag. Sie war nahe daran gewesen, sich zu vernachlässigen, den ganzen Tag im Schlafrock herumzulaufen.
Und wenn sie übte, dann weinte sie oft. Manchmal wurden ihr die Schläfen feucht, wenn sie daran dachte, daß sie die Stimme verlieren könnte.
Lieber sterben, als die Stimme verlieren! Lieber ....
Sie war doch verrückt gewesen, sich ein Kind zu wünschen. Verrückt! ...
Frau Leben hatte ihr dann immer den Kopf zurechtsetzen müssen.
Jetzt kam es vor, daß sie von der Zukunft zu sprechen anfing: Wenn „das“ erst vorbei wäre, dann müßte sie doch gleich ins Engagement. Ob sich die Gastspiele verschieben ließen?
„Du machst das schon, Ernst, nicht wahr? ...“
Sie schmiegte sich an ihn, und er versuchte sie zu trösten, ihr die Angst wegzuscherzen, Luftschlösser aufzubauen ....
Er mußte sie doch wohl sehr liebhaben, daß er das alles konnte. -- -- --
So -- nun endlich war Karla angekleidet. Sah prächtig aus. Sie würde noch einmal eine schöne Frau werden ... eine wunderschöne Frau. Und mit ihrer Stimme ....
Altmann wurde wieder besserer Laune. Er wollte auch eine Droschke nehmen. Karla sollte nicht abgehetzt bei seinen Leuten eintreffen. Seine Leute hatten ihm die Heirat mit einer Theaterdame ohnehin verübelt.
Sie hatten ihn für „verständiger“ gehalten. Seine Leute hatten von jeher an ihm herumkritisiert. Er war immer im Verteidigungszustand ihnen gegenüber gewesen. Hatte es nur nicht so sehr gemerkt, weil er nicht in derselben Stadt mit ihnen wohnte.
Und überdies hatte er auch eine so unbegrenzte Hochachtung vor den Schwestern, daß er sich willig ihrem Urteil unterwarf.
Karla sollte sich nur recht einfach und ruhig geben; nicht zuviel vom Theater erzählen.
„Ja, wovon denn? Ich kenne doch nichts anderes ....“
Es wurde ihr plötzlich ungemütlich.
„Hätten wir nicht doch lieber erst zu Papa gehen sollen?“ meinte sie.
Altmann zog die Mundwinkel herab. Das bedeutete immer eisige Ablehnung.
„Ich denke, es wird Zeit, Karla. Adele hat sicher ein warmes Abendbrot bereitet -- wir dürfen sie nicht warten lassen.“
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Karla, wie ihre verheiratete Schwägerin hieß. Sie hatte nie danach gefragt, und ihr Mann hatte den Namen nie genannt.
Im letzten Augenblick riß Altmann noch ein Federbüschel von ihrem Hut:
„So, Kind .... das ist nicht so auffällig.“
„Aber ....“
Sie hätte fast losgeheult. Ihren einzigen schönen Hut so zu verunstalten. Pfennig auf Pfennig hatte sie vom Wirtschaftsgeld abgeknapst, um ihn zu kaufen. Zwanzig Mark hatte er gekostet .... gerade wegen der Federn! ... Wütend war sie! Und feuerrot vor Ärger.
Er tat, als merke er es nicht.
„Hast du deinen Umhang? Nimm noch ein Tuch mit. Die Abende sind kühl. Du könntest dich erkälten.“
Immer war er besorgt. Sie lächelte wieder.
Und im Treppenhaus suchte sie es so einzurichten, daß sie seine Gestalt in dem schmalen Pfeilerspiegel sehen konnte. Wirklich vornehm sah er aus in dem zweireihigen schwarzen Rock.
Seine frisch rasierten Wangen schimmerten bläulich. Die über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Brauen gaben seinem regelmäßigen Gesicht einen strengen Ausdruck, der gemildert wurde durch die geschwungene Linie der schmalen Lippen. Freilich -- wenn die Lippen sich senkten .... dann sah sein Gesicht aus wie eine tragische Maske. Aber wenn die Lippen lächelten -- wie eben jetzt -- und die elfenbeinfarbenen, gesunden Zähne sehen ließen, dann ... ja dann war Karla immer aufs neue bereit, sich in ihren Mann zu verlieben.
In der einen Hand hielt er ein Paar hellbrauner Handschuhe, in der anderen einen Stock mit silberner Krücke, die sie kurz zuvor mit Zahnpulver, vermischt mit ein paar Tropfen Kölner Wasser -- blankgerieben hatte.
Er sah ungemein elegant aus.
Und Karla stützte sich auf seinen Arm mit einem Ausdruck fast herausfordernder Besitzerfreude, und sie machte sich so schwer, drückte sich so nahe an ihn heran, daß er ihr zuflüsterte:
„Aufpassen, Karla, du zerdrückst meine Manschetten.“
Denn er wußte nicht, was jetzt eben in ihrer Seele vorgegangen war; wohl aber verlor er nie das Gefühl für die Wirklichkeit und das leise Bangen vor jeder leichtsinnigen Ausgabe.
Als sie auf die Straße herunterkamen, fuhr gerade der Omnibus vorüber.
„Halt!“ rief er.
Karla machte große Augen, denn sie hatte sich auf die Wagenfahrt gespitzt. Aber sie wagte keine Bemerkung. Sie hatte nur nicht mehr dieselbe Freude an ihrem Mann, als sie ihn eingequetscht sah zwischen einer Frau mit einem Gemüsekorb und einem Kindermädchen mit einem Schokolade essenden kleinen Jungen.
Es war erstaunlich, wie schmal sich Altmann machen konnte ....
Nun, es war jedenfalls gut, daß er so sparsam war ....
Aber ihre lebhaften braunen Augen starrten sehnsüchtig durch das Fenster hinaus auf die durch das Abendlicht vergoldete Straße.
Sie kannte nicht viel von Berlin, weil sie in Braunschweig aufgewachsen und nur ein halbes Jahr beim Papa geblieben war, bevor sie ihr erstes Engagement angetreten hatte. Aber so schön wie heute war ihr Berlin nie erschienen. Die prachtvollen Läden, die elegant angezogenen Frauen, die Cafés, aus denen jetzt schon das elektrische Licht in Garben herausstrahlte -- das alles verwirrte und berauschte sie.
Und gerade jetzt mußte sie in dem abscheulichen Kasten sitzen .... Wenn sie wenigstens hätte laufen können -- wie früher ....
Endlich, an der Endstation, hielt der Wagen.
„Nun sind es nur noch ein paar Schritte bis zur Culmstraße“, sagte Altmann und nahm beinahe zärtlich Karlas Arm.
„Geh nur langsam -- wir haben Zeit ...“
Sie kannte den Ton nicht an ihm und blickte von der Seite zu ihm auf. Eine ihr fremde Erregung lag in seinem Gesicht.
„Hast du Bammel, sag’?“
Er zuckte zusammen.
„Wieso? Was? Bammel ...?“ Was war das wieder für ein Ausdruck!
„Ich bitte dich, Karla, nimm dich zusammen. Adele und Luise sind diese Sprache nicht gewöhnt. Sie werden einen ganz falschen Begriff von dir bekommen. Tu mir die Liebe und laß sie vergessen, daß wir zum Theater gehören ...“
Karla biß sich mit ihren scharfen Zähnen auf die Unterlippe.
Sind sie denn Gräfinnen, deine Schwestern? wollte sie fragen. Im letzten Augenblick hatte sie sich noch zurückhalten können. Aber innerlich lachte sie.
Altmann läutete.
Unter der Klingel im dritten Stock rechts leuchtete ein weißes Schild. Auf dem stand zu lesen:
~Dr.~ Alwin Maurer.
Es war die in Berlin übliche Fünfzimmerwohnung. Die Wohnung, von der es nach der Geburt des zweiten Kindes heißt: Sie ist zu klein und muß gegen eine andere umgetauscht werden.
Aber das blieb ein frommer Wunsch. Denn erstens vertrug das Einkommen ~Dr.~ Maurers kaum einen Umzug und noch weniger Neuanschaffungen.
Als junger ~stud. phil.~ war er bei Adelens Mutter Kostgänger gewesen ... Mittag zu 75 Pfennig. Nach einem weihnachtlichen Karpfen in polnischer Sauce blieb er endgültig hängen an der so vorzüglich kochenden Adele, an ihrer trotz ihrer weißen Haare noch immer schönen, strengen Mutter, an den guten, gediegenen Möbeln, an dem dünnen, aber reinen Kaffee, der, stets dampfend, in einer großen, bauchigen Kanne von einem rotwangigen, drallen Dienstmädchen hereingebracht wurde und mit seinem Duft eine Wolke von Behagen in alle Ecken des Zimmers verspritzte.
Alwin Maurer war sich bald bewußt, daß er alles und alle in dem Hause liebte, und da ihm jede Vergleichsmöglichkeit fehlte, so konnte ihn nichts von dem Gedanken abbringen, daß er in Adele Altmann die beste Lebensgefährtin, in Frau Altmann die idealste Schwiegermutter, in Luise Altmann die netteste Schwägerin finden würde. Blieb noch Ernst Altmann. Aber der zählte nicht recht. Denn erstens lebte er nicht in Berlin, und zweitens war er Schauspieler.
Die Altmannschen Damen sprachen nur wenig von ihm, und dann mit gedämpfter Stimme und vornehmer Zurückhaltung.