Die Primadonna

Part 10

Chapter 103,672 wordsPublic domain

Die Dame in Blau und die Dame in Schwarz beugten sich zueinander ... und alle schimmernden Frauenköpfe neigten sich nach rechts und links, wie sturmbewegte Blumen. Eine große Stille lag über dem glitzernden, funkensprühenden, lichtumfluteten Saal .... Was war denn geschehen? ... Die da oben sang ja plötzlich nicht mehr? Ein paar Herren reckten ihre Hälse ... nicht viele. Die meisten waren froh, daß es aus war.

Karla wankte am Arm des Begleiters die paar Stufen des Podiums herunter.

Der Herr, der die Künstler hinter der Schnur hervorholte wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, sprang auf die Erhöhung und meldete, Miß König wäre plötzlich von einem Unwohlsein befallen worden ... Dann schubste er den Sänger hinauf, den er schon in Bereitschaft gehalten.

Karla mußte in der Umzäunung bleiben, bis das Konzert zu Ende war. Irgend jemand von den Künstlern besorgte ihr ein Glas Wasser. Aber sie hatte die Zähne fest aneinandergepreßt, und die Geigerin nahm schließlich ihr Taschentuch und kühlte ihr den Nacken. Da öffnete Karla die Augen.

„Ich will nach Hause ... nach Hause“, murmelte sie auf Englisch.

Die Geigerin fuhr ihr gutmütig über die Wange:

„Jetzt müssen Sie noch ein bißchen warten -- bis das Konzert aus ist. Unsere Wagen sind noch nicht da. Aber ich hoffe, daß Sie noch vor der Abfütterung fortkommen.“

„Wie denn ...“

„Tja ... ~darling~ ... wir bekommen noch ein großes ~supper~ ... natürlich extra serviert. Und auf dem Teller findet jeder sein Honorar unter Briefumschlag ... manchmal sogar noch ein kleines Geschenk ... nichts sehr Wertvolles ... es ist ja nur ein Andenken ... etwa das verschlungene Monogramm des Hausherrn in Gold oder so ...“

„Aber ich will kein Honorar, kein Monogramm ...“

Der Sänger kam zurück, dicke Schweißperlen auf der Stirn; irgendein Fräulein, das als Baby angezogen war und eine Riesenpuppe im Arm trug, hüpfte an der Hand des Herrn hinaus in den Konzertsaal. Ihre Spezialität waren naive Kinderliedchen, die eine schamlose, doppelsinnige Pointe hatten. Die Damen wollten immer nicht verstehen, warum sich die Herren bei den harmlosen Vorträgen der kleinen Person so gut unterhielten. Jedenfalls verdiente sie sehr viel Geld mit ihren „~babysongs~“. Der Sänger -- er gehörte seit einigen Jahren zu John Russels Gesellschaft -- warf seine Noten ärgerlich auf den Tisch.

„Wenn die kleine Kröte noch einmal auf demselben Programm mit mir figuriert, dann sage ich ab. Aber daß Sie, kleine Frau, sich derartig würden ins Bockshorn jagen lassen von der Gesellschaft, das hätte ich nicht geglaubt.“

Karla biß in ihr Taschentuch hinein.

„Sie müssen sich doch nur immer vergegenwärtigen, vor wem Sie stehen. Die Dame in Blau und Gold ist die Frau des Hauses; ihr Schwiegervater hat noch ein Schlächtergeschäft betrieben in New York, und die Dame in Schwarz, mit den Brillanten, ist die Tochter eines Weizenexporteurs ~en gros~ und Enkelin eines Auswanderers ... Zwischendeckpassagiers -- tjawoll! Wenn die Herrschaften unter sich bleiben wollen, dann müssen sie wirklich die rote Schnur ziehen!“

Ungeduldig, mit brennenden, trockenen Augen und zerbissenen Lippen stand Karla König auf. Sie war wie im Fieber. Um keinen Preis durfte jemand aus der Gesellschaft sie noch sehen. Noch einmal ertrug sie die spöttischen oder kalten Blicke dieser Menschen nicht.

„Nun ... wie war’s?“

Altmann verstummte, als er ihr blasses, gleichsam zerknittertes Gesicht erblickte. Das kostbare Kleid schleifte über den Boden, der Umhang glitt von den wie eingeschrumpften Schultern.

„Was ist denn geschehen, Karla? ... So rede doch!“

„Blamiert habe ich mich -- weiter ist nichts geschehen.“

„Du siehst, Karla, ich wollte dich selbst begleiten.“

Aber sie zuckte die Achseln:

„Ach, du ...!“

Es gab ihm einen Stich. So wenig bedeutete er ihr? So völlig gleichmütig ging sie über ihn hinweg?

„Ja ... warum hast du dich nicht zusammengenommen?“

Seine Stimme klang härter, als er wollte.

Aber dann sah er ihren Umhang auf dem Boden liegen, die Schleppe war am Ende eingerissen, als wäre sie beim hastigen Aussteigen am Wagentritt hängen geblieben.

„Die guten Sachen! ... So paß doch auf! ...“

Karla warf sich in den nächsten Sessel.

„Die guten Sachen? ... Meinetwegen sollen sie in Fetzen gehn. Es sind ja doch nur Lumpen. Jawohl! Lumpen! Ach, du glaubst vielleicht, weil das Kleid fünfhundert Mark kostet, bin ich gut angezogen? Gott bewahre! ... Ich hatte ja Goldschuhe an und weiße, lange Handschuhe! Denke doch -- mein Verbrechen! Ausgelacht haben sie mich! Erst ausgestellt, wie in einem Panoptikum, und dann ausgelacht!“

Sie schlug die Hände vors Gesicht und blieb regungslos sitzen. Sie wartete. Jetzt mußte ihr Mann kommen, mußte den Arm um sie legen, sie trösten und sagen, daß sie heimfahren wollten. Lange saß sie ganz still, begriff nicht, daß es so lange währte, bis das geschah, worauf sie wartete.

Altmanns Schritte schlugen an ihr Ohr, langsam, gewichtig. Er räusperte sich, blieb stehen.

„Ja ... na und dann?“

„Dann? ... Dann bin ich stecken geblieben und habe getan, als ob ich ohnmächtig wurde ... +das war dann+!“

Sie riß ihr kleines Taschentuch aus dem Ausschnitt, ballte es zusammen und warf es zornig auf den Tisch.

„Stecken geblieben ...? Wenn ich dich begleitet hätte, wäre das nicht geschehen, sage ich ...“

„So? Warum wäre das nicht geschehen?“

„Weil du dich nicht so verlassen gefühlt hättest, weil ...“

„So, glaubst du wirklich? ... Und ich sage dir, es wäre noch schlimmer geworden. Sie hätten dich mit mir zusammengesperrt und hätten über deinen Frack gelacht! Ja ... das hätten sie ... denn du siehst wie ein Schulmeister aus, meint Russel, in deinem Hochzeitsfrack!“

„So? Meint er das? ... Nun, da ich nicht mit war, konnte mein Frack nicht an deinem Durchfall schuld sein.“

Karla fühlte, daß sich etwas Häßliches zwischen ihnen erhob. Ein unsichtbares schwarzes Ungetüm, das mit Tatzen nach ihnen schlug, sie aufeinanderhetzte. Sie brach aus, ohne Zusammenhang, leidenschaftlich:

„Ich bleibe hier nicht -- um keinen Preis bleibe ich! Geh zu Russel ... er soll den Vertrag lösen. Es kann ihm ja auch nichts an mir liegen ... er wird froh sein ...“

„So? ... Und die Vorschüsse ...?“

Altmann stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihr. Sein Gesicht drückte leise Genugtuung und Überlegenheit aus.

„Also du willst mir nicht helfen ... willst nicht ...“

Ihre Augen sprühten, ihre Lippen bebten.

„+Du+ hast mich nach Amerika geschleppt ... +Du!+ ... Ich wollte nicht ... Ich wollte bei meinem Kinde bleiben. Aber das war dir ganz egal, was mit dem Kinde geschah! Du hattest ja deine Schwestern ... Deine Schwestern sind dazu da, sich um das Kind zu kümmern ... Ich muß Geld ...“

Sie brach plötzlich ab, denn Altmann hatte sich über sie gebeugt, sehr bleich im Gesicht, und hatte mit heftigem Druck ihre Hand ergriffen.

„Sprich nur zu Ende ... bitte ... lege dir keinen Zwang auf. Wer da alles aus dir herausredet, das weiß ich nicht. Aber zu so etwas kommt es wohl, wenn der Mann seine Frau über sich hinauswachsen läßt. Das heißt -- du bist noch nicht hinausgewachsen ... lange nicht. Denn das ‚viele Geld‘, das du verdienst -- ist weniger wert als meine kleinen Gagen in den letzten Jahren. Von denen sparte ich mir noch etwas -- ja, das tat ich -- sonst hätte ich dich ja gar nicht heiraten können. Was besitzen wir, seitdem du verdienst? -- -- Schulden. So ist es. Glaubst du, Russel läßt dich gehen, solange du ihm noch einen Dollar abzusingen hast? Eher läßt er dich zehnmal durchfallen, als daß er dich gehen läßt! Ein Durchfall ist unter Umständen auch eine Sensation, wenn man ihn geschickt ausnutzt. Denn was du in der Kehle hast, weiß er so gut wie ich! Aber du bist unbeherrscht -- und darauf rechnet er. Ich bin ihm unbequem, und er möchte mich los sein! Darum sucht er mich klein zu machen in deinen Augen! Tu ihm nur den Gefallen und falle ihm drauf rein -- bitte. Mir brauchst du ein einziges Wort zusagen -- mit dem nächsten Schiff bin ich wieder in Europa. Dann balge du dich mit ihm herum! Versuche es, von ihm loszukommen. Er wird dich schon zu halten verstehn. Ich weiß jetzt Bescheid über ihn! Du bist nicht die einzige. Wenn du nicht den Stoff in dir hast, eine allererste zu werden, wertvoll genug bist du, daß er dich bis aufs Letzte auspumpt! Geh morgen zu ihm hin und verlange dreitausend Dollar Vorschuß. Er wird sie dir geben. Auch fünftausend. Je mehr, desto besser! Desto sicherer bist du ihm. Oder willst du durchbrennen -- willst du steckbrieflich verfolgt werden? ... Mein liebes Kind ... zieh dir einen Leinwandrock an, braune Stiefel und grüne Handschuhe -- und diese selbe Gesellschaft, die dich heute ausgelacht hat, brüllt dir zu -- wenn du einen Namen hast! Den Namen aber geben dir nicht deine Kleider, sondern den gibt dir deine Selbständigkeit Russel gegenüber. Zeige ihm, daß du ihn nicht brauchst, dann wird er Angst haben, dich zu verlieren. So. Und nun wirtschafte weiter nach eigenem Ermessen. Meine Sachen sind rasch gepackt ...“

„Ernst!“

Sie hielt ihn am Arm zurück. Sie küßte den alten graukarierten Stoff, sie streichelte ihm das Gesicht mit ihrer tränenfeuchten Hand. Sie murmelte:

„Nicht böse sein ... ich bin so dumm ... so schrecklich nervös bin ich ... Pass’ auf, wenn ich ruhiger werde ... es ist wahr, du mußt immer mit mir gehen ... immer ... dann kann ich dir gleich alles sagen ... Du bist immer so gut zu mir gewesen ... Du wirst mir raten ... Gewiß wäre das heute nicht passiert, wenn du dagewesen wärst ... gewiß nicht ... Und nie nehme ich mehr einen Vorschuß ... nie! ... Überhaupt will ich das Geld gar nicht mehr sehn ... Du gibst mir ein Taschengeld wie früher ... ich brauche ja nichts ... nicht wahr? Ein paar Handschuhe vielleicht ... Schleier trage ich ja nicht ... und mal was Süßes ... oder eine Kleinigkeit für Schmerzchen ... so wonnige Babysachen haben sie hier ...“

Altmann drückte ihren hübschen, dunklen Kopf an sich. Wie ein ungebärdiges Kind war sie. Wild und zügellos, und im Handumdrehen wieder gut und lenksam. Er wollte ja auch wirklich nur ihr Bestes -- in ihrem gemeinsamen Interesse! Sie dachte an ein Röckchen für das Kind, er dachte an des Kindes Zukunft.

Es war zwei Uhr nachts, als Karla wie gerädert ihr Bett aufsuchte. Ihr Mann hatte ihr versprochen, über den gestrigen Abend mit Russel zu sprechen.

„Lieber, guter Ernst“, flüsterte sie und schlief, seine Hand gegen die Brust gedrückt, ein -- sorglos wie ein Kind, dem man seine Unart verziehen hat.

* * * * *

John Russel machte nicht viele Worte.

„Ich weiß ... ich weiß ... Sie hat keine Routine für Amerika ... macht nichts! Die will ich ihr schon geben. Wenn sie in drei Jahren wieder bei Astrongs singt, wird das anders gehen. Schade, so frisch wird die Stimme dann nicht mehr sein. ~Well~, es gibt Leute, die das Obst erst dann essen, wenn es überreif ist.“

„Na, erlauben Sie ... in drei Jahren wird meine Frau nicht ...“

John Russel kniff seine glänzenden Raubvogelaugen zusammen:

„Wissen Sie, was eine Tournee heißt von San Franzisko nach Montevideo?“

Es erging Altmann wie vor wenigen Wochen Karla: der Boden des hellen Zimmers schien unter ihm zu wanken. Aber er verstand es, sich zu beherrschen. Schließlich hatte er diesem Manne Gewalt über Karla gegeben. Daran, eine Tournee einzuteilen, hatte er nicht gedacht.

„Es wird eine ganz interessante Reise für Sie werden, Mister ... Herr ... Altmann. Übrigens hier sind die fünfzig Dollars von gestern abend ... wie ... ich soll sie auf Ihr Konto buchen? ... Es eilt mir nicht ... Sie wünschen es ausdrücklich? ... ~Well~ ...“

Die Zofe der Nordeni war Pariserin. Ihre Vergangenheit war einfach. Als kleine „Grisette“ hatte sie tagsüber die großen Hutschachteln von Reboux ausgetragen und am Abend die lärmenden Vergnügungen der Künstlerkolonie von Montmartre geteilt. Ihre Sprache hatte sich an den feingespitzten Dialogen der Kunstjünger geformt. Sie schrieb Kärtchen, die stilistisch einer Gräfin Beausac zur Ehre gereicht hätten, wenn auch in der Rechtschreibung einer Wäscherin.

Munter lächelnd packte sie mit ihren zugespitzten feinen Händen die kostbaren Roben ihrer Gebieterin ein und aus, hütete den mit Similisteinen untermischten Schmuck, badete, salbte, strählte die überreifen Reize der Nordeni und wußte bestimmt, daß sie selbst einst noch weit kostbarere Kleider, noch weit strahlenderen Schmuck ihr eigen nennen würde.

Diese Gewißheit aber behielt sie für sich. War bescheiden, aufmerksam und lieh ihrer Herrin außer dem Geschick ihrer Hände auch die belustigenden Wendungen ihres Geistes und einen sicheren, nie versagenden Geschmack.

Eines Tages fragte Karla, ob Mariette ihr während der langen Fahrten im Pullmann-Car französischen Unterricht geben wollte?

Madame Nordeni gestattete es gnädigst. Sie war überhaupt so liebenswürdig, wie es ihr Bewußtsein, der „Star“ der Gesellschaft zu sein, nur immer zuließ. Ihre anfängliche Bängnis, Karla könnte ihr als ernste Konkurrentin an die Seite gesetzt werden, verlor sich nach dem Konzert bei Astrongs völlig. So beschloß sie, in Karla nicht mehr zu sehen als eine junge „Aushilfe“, die dann zu singen hatte, wenn sie selbst müde war, nicht disponiert oder aber John Russel ärgern wollte. Zu Altmann war sie freundlich.

Altmann, an die unverwickelte Psychologie seiner deutschen Provinzkolleginnen gewöhnt, war der überlegenen Art der Nordeni nicht gewachsen.

Bald zeigte er sich beflissen höflich, ja zuvorkommend, bald schroff und abweisend. Sie schien das erstere nicht zu bemerken, das zweite mit sanftem Lächeln zu übergehen. Sie sagte gern: „Was macht unsere Kleine?“ und erteilte Karla öfters gute Ratschläge -- durch ihren Mann.

Es kam vor, daß Altmann sagte: „Du, Kind, die Nordeni behauptet ...“

Karla hielt sich die Ohren zu.

„Ach du, mit deiner Nordeni ...“

Sie meinte nichts damit. Aber ihm war etwas unangenehm dabei.

Nach der sechsten Stunde drückte Altmann der kleinen Pariserin einen Dollar in die Hand. Er war dabei ein bißchen verlegen, denn -- ein Honorar war es nicht, und der Lehrerin seiner Frau ein Trinkgeld geben ...

Noch verlegener wurde er, als sie es nicht annahm. Sie schüttelte lächelnd den Kopf mit dem hochtoupierten, rötlichen Haar und sagte etwas von „~grand plaisir~“. Aber weil er in seinem Ungeschick nicht nachgeben wollte, fuhr sie mit ihrem hübschen Zeigefinger streichelnd über seine Hand und lächelte ihn bittend an.

Ihm stieg das Blut in die Schläfen. Immer noch hielt er den Dollar vor sich hin, und obwohl gerade der Kellner durchkam und es ein leichtes gewesen wäre, ihm den Dollar zuzuwerfen, so konnte er sich doch nicht dazu entschließen, drehte das Geldstück hin und her und versenkte es schließlich doch in die Westentasche.

Die Gesellschaft reiste lange, lange Tage zusammen. Aber trotzdem sie scheinbar ganz aufeinander angewiesen war, kam es zu keinem rechten Zusammenschluß. Die Nordeni legte gern große Entfernungen zwischen sich und die anderen, weil es die einzige Möglichkeit für sie war, ihre erste Stellung zu betonen. Der erste Tenor war ein fetter Amerikaner, dem eine Partien-Presse einige Rollen eingepaukt hatte, die er in deutscher Sprache singen mußte. Er kannte keine Indisposition, keine Angst und keine Stimmung. Wenn er den Mund auftat, rollten die Töne aus seiner Kehle, seelenlos und vollendet. Er hatte keinen Ehrgeiz und war nie müde. John Russel schätzte ihn sehr. Seine einzige Leidenschaft war -- essen. Er verfraß sein ganzes, nicht unbedeutendes Gehalt. Es hieß, daß er seinen Magen einem medizinischen Institut in Boston vermacht hatte. Er bildete sich viel mehr auf seinen Magen als auf seine Stimme ein. John Russel dachte daran, ihn für eine Varietébühne zu verwenden, wenn er einmal die Stimme verlor ... John Russel war immer weitblickend.

Der genialste der Gesellschaft war zweifellos der erste Kapellmeister, ein Mann, der irgendeiner dunklen Geschichte wegen ausgewandert war. John Russel hatte ihn zufällig in einer Hafenkneipe entdeckt. Er besaß die grenzenlose Überhebung derer, die nichts zu verlieren haben, und behandelte die „Stars“ der Operngesellschaft nicht anders als ehedem seine Kneipenmusiker. Das Orchester vergötterte, der Chor fürchtete, die Solisten haßten ihn. Er war unverwundbar und unbestechlich, auch dann, wenn er sich den Bestechungsversuch selbst gefallen ließ.

Was und wen er in Europa zurückgelassen, erfuhr nie jemand, und sein Besitztum bestand auch nach zweijähriger Tätigkeit bei John Russel nur in einem gefüllten Handkoffer. So gänzlich er in seinem Beruf auch aufging -- körperlich schien er immer auf dem Sprunge zu sein. Nicht einmal einen schriftlichen Vertrag hatte er machen wollen. Handschlag -- und „so lange es ihm paßte!“ Das gab ihm seine Machtstellung auch John Russel gegenüber. Auf äußerliche Distanz hielt er nichts. Während der Reisen setzte er sich am liebsten unter die Choristinnen und riß boshafte, derbe Witze. An spielfreien Abenden saß er bis tief in die Nacht vor stets erneuten Strohhalmen, durch die er die stärksten und gewagtesten eiskalten Mischungen einsog. Seinen wirklichen Namen kannte niemand, und den angenommenen hatte sich kaum jemand gemerkt.

Nicht mal John Russel. Er war einfach der Kapellmeister, und als die Nordeni ihn einmal halb anulkend „Kapelle“ nannte, blieb ihm der Spitzname. Der ihm unterstellte zweite Dirigent war der „Herr Kapellmeister“ -- er war: „Kapelle“. Für das Orchester, die Solisten und den Chor. Ein neu engagierter Sänger sagte, als er das erstemal von ihm sprach: „Herr Kapellmeister Kapelle ...“ Auch auf dem Theaterzettel blieb seine Anonymität gewahrt: „Am Pult: der erste Dirigent“. John Russel hatte was übrig für eine gewisse Romantik. Sie ließ sich meist mehr oder minder umsetzen ...

Kapelle haßte übrigens die Nordeni, weil sie ihm immer ihre hochnäsigsten Blicke herunterwarf, wenn sie zu spät einsetzte. Immerhin mußte er sie ihrer auf solchen Reisen schätzenswerten Routine wegen schonen. Er begnügte sich damit, ein paar Taktstöcke beim Schlagen gegen das Pult zu zerbrechen. Im Zwischenakt aber stürzte er in die Garderobe: „Ich erwürge dich ...“ Er schimpfte unflätig, während sie noch Puder auflegte oder Lippenrot.

Um ihn zu versöhnen, schickte sie ihm am nächsten Morgen ein paar Flaschen Wein. Er kam dann torkelnd, mit verglasten Augen, zur Probe, und sie höhnte lachend: „Einen feinen Kapellmeister haben wir!“ Saß er aber erst auf seinem Hocker und hob er den Taktstock -- dann verging ihr das Lachen. Nicht die leiseste Schwankung! Wie aus Eisen war sein Arm! Er machte keinen Unterschied zwischen Vorstellung und Probe. Er gab sich immer ganz. Restlos.

„Wenn er das Saufen lassen wollte, würde ich ihn zum ersten Dirigenten der Welt machen“, sagte John Russel.

Aber diese Worte machten auf Kapelle wenig Eindruck. Vielleicht sogar einen entgegengesetzten, als sie sollten.

Kapelle fand Besseres auf dem Grunde seines Glases, als ihm ein Weltruhm geben konnte -- er fand Vergessen. Denn selbst um den Preis eines Weltruhmes hätte er europäischen Boden nicht mehr betreten. Aber das brauchte er den Leuten nicht auf die Nase zu binden ... Das ging sie nichts an ... gar nichts ging sie das an ...!

Karla zitterte vor dem Augenblick, da sie auf der ersten Probe seinem Taktstock gegenüberstehen würde. Mariette hatte ihr pantomimisch die erschreckendsten Dinge mitgeteilt.

Monsieur Kapelle war ~un homme terrible~! Er hatte gewiß einen Mord auf dem Gewissen ... hatte sicher ~une pauvre femme~ erwürgt! Und hatte fliehen müssen vor dem Gesetz ... „~Oh le méchant homme ...!~“

Das war immer der Schluß. Karla hatte ihren Mann gebeten, er möchte sich mit ihm ein bißchen anbiedern. Aber Altmann hatte gesagt:

„Da müßte ich stundenlang mit ihm trinken, liebes Kind ... Du weißt, das vertrage ich nicht. Im Übrigen halte ich ihn für sachlich. Sachliche Menschen brauchst Du nicht zu fürchten ...“

Niemals war es Karla so aufgefallen wie jetzt, daß Altmann nüchtern war ... so schrecklich nüchtern.

„Hast du dir denn niemals einen Spitz angetrunken, Ernst?“

Alle Schelmerei lag in ihrem Blick, alle Teufelchen einer jungen Frauenseele, die in ihrem Manne einen Gespielen wecken will.

„Nein, Karla -- nie!“

„Ja, aber ... warum denn? ... Es ist doch so nett einmal ...“

„Es ist vieles nett, was man nachher abzubüßen hat. Und nichts ist gefährlicher, als wenn man die Herrschaft über sich verliert ...“

„Und du hast nie die Herrschaft über dich verloren, Ernst ... nie?“

Es klang beinahe etwas wie Bedauern aus ihrer Stimme. -- -- --

In San Franzisko hatte sie ihre erste Probe mit Orchester, als Agathe. Nach ihrer Arie klopfte Kapelle ab.

„Hören Sie mal ... wollen Sie das ... ich meine, für mich ... wollen Sie das nochmal singen ... +mir+ vorsingen ...?“

Die knorrige, heisere Stimme klang fast scheu und bittend.

Sie nickte. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse. Nie hatte ihr jemand so zugehört. Nie ... Alwin Maurer vielleicht ... aber was verstand der? Sie sang schöner, weihevoller noch als das erste Mal, in flutendem, gleitendem Wohllaut. Als sie geendet hatte, klopfte er ein zweites Mal ab und legte den Taktstock hin.

„So, Herrschaften, das andere übernimmt dann wohl für heute Kollege Schädlowski.“

„Aber ja, gewiß ... selbstverständlich ... bitt’ schön.“

Herr Kapellmeister Schädlowski -- ein hocheleganter Österreicher, mit schrägem Scheitel und engen Offiziersärmeln, schwang sich über die Rampe ins Orchester hinunter. Er war außerordentlich gewandt, dirigierte mit kokettem Heben des kleinen Fingers und betrachtete die Soubrette jedes Theaters als sein ihm nicht zu bestreitendes Eigentum. Er brachte künstlerisch nie ernstzunehmende Vorstellungen heraus -- alles war nur halb studiert und das meiste geschludert. Doch hatte er Schwung und verstand es, einen Walzer zu bringen. Seine Lieblingsoper war der Gounod’sche Faust.

Karla stand mitten auf der Riesenbühne und schlang die Hände ineinander. Es fiel ihr ein, wie Alwin gesagt hatte: „Mach’ Schluß, Junge ... was Besseres kommt nicht nach ...“

Ob der Mann da unten, mit den verkniffenen Zügen und dem struppigen, grauen Haar um den Riesenschädel, es auch so gemeint hatte? ... Sie lächelte verträumt, hätte dem Gefürchteten gern ein gutes Wort hinuntergerufen, denn gar zu eilig, gar zu ungeschickt balgte er sich mit seinem Mantel herum, der ihm nicht auf den Schultern halten wollte ... Seine großen Füße in den klobigen Stiefeln blieben an den Pultbeinen hängen.

Er schimpfte was vor sich hin, stolperte die erste Stufe hinunter.

In dem kurzen Gang, der das Orchester mit dem Stimmzimmer verband, stieß er auf Altmann.

Kapelle blieb stehen und rückte an seinem Hut.

„Sie ... ist das Ihre Frau, die da oben die Agathe singt, ja? ... Na, dann packen Sie sie ein und fahren Sie dahin zurück, wo Sie hergekommen sind. Was soll die Frau hier? Die Ochsen verstehen ja doch nichts ... Passen Sie auf ... das Klima dort unten ... passen Sie auf, sage ich Ihnen!“

Wieder rückte er an seinem Hut und stolperte weiter.

Abends saß er, verkniffener denn je, an seinem Dirigentenpult. Die „Agathe“ bot den Amerikanern keine Gelegenheit zu lärmenden Huldigungen, aber die große Arie verlangten sie zweimal. Es war noch nie vorgekommen, daß Kapelle sich zu einer Wiederholung verstanden hatte. Diesmal gab er selbst das Zeichen dazu. Aber er dirigierte kaum noch. Nur seine linke Hand gab dem Orchester leisen Halt.

So wundervoll war Karla noch nie begleitet, nie so liebevoll gestützt worden. Ein heißes Dankgefühl quoll in ihrem Herzen für den Mann auf, der ihr so viel Freude gab an ihrem Singen, der ihrer Stimme Flügel lieh.

Als der Beifall auf sie herabtoste und sie aus dem ersten Rausch erwachte, zeigte sie wieder und immer wieder hinunter ins Orchester. Das Publikum legte es als eine in Amerika ungewohnte Bescheidenheit aus und verstärkte seinen Beifall.