Die Primadonna

Part 11

Chapter 113,705 wordsPublic domain

Karla gefiel ungemein. Sie war so ganz anders als all die Divas, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte vorgestellt hatten. Ihre herbe Frische, ihre Einfachheit, der warme, natürliche Fluß ihrer schönen Stimme übten einen nicht wiederzugebenden Zauber auf diese Virtuosenmätzchen gewöhnten Arbeitsmenschen aus. Es geschah das Unerhörte, nie Dagewesene, daß das Publikum nach Schluß der Vorstellung auf seinen Sitzen blieb und abermals die Agathenarie verlangte.

Diese deutscheste Musik, die je auf einer Opernbühne gesungen wurde, hatte in diesem Publikum, das zumeist aus Deutschen oder deutschen Abkömmlingen bestand, ein machtvolles Erinnern an die erste, halb vergessene Heimat geweckt.

Vor dem herabgelassenen Vorhang, in weißem Gewand, sang Karla die süße, schlichte Weise, und das Publikum hörte stehend zu, wie es in der alten Heimat der Volkshymne zu lauschen pflegte.

Altmann lehnte an einer Logenwand, nahe am Ausgang. Auch er war ergriffen.

Eine ihm neue, tiefe Sehnsucht erfüllte ihn, Karla in seine Arme zu schließen, sie vor den Blicken der Menge zu verbergen, die Herrenrecht hatte über sie von dem Augenblick an, da sie sich ihr gegenüberstellte. Etwas unsagbar Rührendes ging von ihr aus.

Wenn er jetzt könnte -- wie diese so neue erregte Stimmung es von ihm verlangte und wie der verkniffene, häßliche Kapellmeister es ihm zugerufen -- wenn er sie aufpacken und mit ihr zurückreisen könnte in die Heimat ...! Ein ganz kurzer, stummer Applaus riß ihn zur Wirklichkeit zurück. Karla stand regungslos vor dem roten Samtvorhang. Irgendeine Hand zog sie zurück in das Dunkel der halb abgeräumten Bühne. Die Nordeni, gelblich blaß unter dem aufdringlichen Glanz ihres prahlerischen Schmuckes, schlug mit dem Fächer gegen seinen Arm:

„Nett ... unsere Kleine, nicht wahr? Gar nicht zu glauben, wie sentimental die Yankees manchmal sind. Na ... allerdings im Süden verlangen sie andere Kost. Grüßen Sie die Kleine ... geben Sie ihr einen Kuß von mir ...“

Karla stand noch immer auf der Bühne, als Kapelle in Mantel und Hut heraufkam. Sie ging auf ihn zu, hob die gefalteten Hände, ihre Augen strahlten wie große Sterne aus ihrem bewegten, blassen Gesicht.

„Lieber ... lieber ...“

Sie wollte ihm danken, aber vor seinem unwirschen Gesichtsausdruck versagten ihr die Worte.

„Ja ... schon gut ... ich weiß ... wir werden uns einarbeiten ... Aber lassen Sie das, dieses ... Herunterzeigen auf mich. Kann ich nicht ausstehn. Widerlich. An den Dirigenten darf man nicht erinnern ... Das Werk ... nicht wahr ... immer nur das Werk! Wenn man Sie beklatscht ... dann müssen Sie ja leider auf der Bühne danken ... das ist nicht anders ... schlimm genug. In Bayreuth ...“

Er brach unvermittelt ab. Seine Augen blickten starr. Er rückte an seinem Hut und stolperte mit Füßen, die einander zu überschlagen schienen, hastig an ihr vorbei.

In Los Angeles kam Altmann dazu, wie John Russel in Hemdärmeln im Maschinenraum die Schrauben der Versenkungsmaschinerien nachprüfte und ölte.

Ohne Altmann zu beachten, fuhr er in seiner Beschäftigung fort, ergriff dann eine Axt und zimmerte aus einem kurzen Holzstamme eine Stufe zurecht, die er mit großer Sachkenntnis dem letzten allzu hohen Treppenabsatz angliederte.

„~Well~, Mister Altmann ... Sie wünschen?“ ...

Doch ließ er sich nicht stören, und obwohl ihm der Schweiß in den Kragen lief und sein feines Batisthemd von Öl- und Rußflecken strotzte, zwängte er ruhig mit der umgekehrten Axt das Brett zwischen die Seitenteile der Treppe.

„Ich wollte nur melden, daß meine Frau heute unpäßlich ist und nicht singen kann.“

John Russel schlug gleichmütig einen Nagel ein.

„Soll ich einen Doktor schicken?“

„Nein ... sie braucht nur Ruhe ... Einen, zwei Tage Ruhe.“

John Russel verzog den Mund.

„Ich brauche auch Ruhe ... habe noch nichts im Magen. Sitze seit sechs Uhr früh in dem Kasten ...“

„Wo sind denn Ihre Leute?“

„Meine Leute? Ich hab’ keine. Meine Leute sind meine zehn Finger, die streiken wenigstens nicht. Vor zwei Jahren habe ich hier einem verdammten Nigger meine Faust in den Magen gejagt, weil er angesoffen auf die Bühne kam zur letzten Vorstellung. Heute wollen sich die Kerls rächen! Verlangen den doppelten Lohn. Da kennen sie John Russel und seine zehn Finger aber schlecht!“

Altmann sah auf seinen Rock, auf seine gepflegten, arbeitsentwöhnten Finger.

„Wenn ich Ihnen helfen kann“, brabbelte er lau.

„~Well~ ... lassen Sie mal die Dekorationen vom Schnürboden herunter. Wir wollen sie nachher feucht abreiben ...“

„Ja ...“

Noch einen Augenblick zögerte Altmann. Dann warf er entschlossen seinen Rock ab.

„Ja, aber nun, Herr Russel ... wie ist es denn mit meiner Frau?“

„Kann sie wirklich nicht singen?“

„Nein.“

„~Well.~ Dann wird die Wegler sie vertreten. Sie hat die Partie studiert.“

„Die Wegler? Das ist doch nicht Ihr Ernst?“

„Doch ... doch ...“

Die Wegler war eine bessere Choristin, eine hübsche, braunhaarige junge Frau, die von weitem sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Karla hatte.

„Aber ... das geht doch nicht ...“

John Russel zuckte die Achseln und rührte eine graue Farbe an.

„Alles geht ... Das sehen Sie doch an mir.“

„Wer wird denn die Anzeige machen? Am besten, ich fahre zu den Zeitungen ...“

John Russel holte aus der Westentasche ein Stück Kaugummi und schob es unter die Kinnlade.

„~Well~, Mister Altmann, wenn die Zeitungen ein Wort darüber bringen, ziehe ich Ihnen die gesamte Einnahme des bereits ausverkauften Hauses von der Gage ab.“

Kein Muskel in seinem Gesicht bewegte sich; langsam und sehr aufmerksam führte er den Pinsel mit der grauen Farbe über das helle Holz der Stufe.

„Sie können doch nicht die Stimme meiner Frau diskredieren wollen?“

„~God bless me~, Herr Altmann ... Das glauben Sie doch selbst nicht! Die Wegler ist sehr brav, und die Leute hier verstehen nichts. Wenn ich ein Känguruh abrichte und es ihnen vorsetze ... glauben sie, das Känguruh ist die Karla König. Alles Suggestion, mein Lieber ... Das einzige, was keine Suggestion ist -- sind die Dollars!“

Altmann kam erst spät am Nachmittag ins Hotel, mit notdürftig gewaschenen Händen, verstaubt, verschwitzt, einen Riß in der Bügelfalte seines Beinkleides.

Karla lag mit wütendem Kopfschmerz auf dem Bett.

„Wo warst du denn so lange?“

Altmann gab ihr in kurzen Worten seine Unterredung mit Russel wieder.

Karla sprang auf die Beine.

„Das geht nicht, Ernst ... ich werde singen.“

„Du wirst nicht singen ... Soll der Kerl nur seinen Blödsinn durchsetzen. Du wirst nicht singen. Ich erlaube es nicht. Unter keinen Umständen.“

Karla ging aufgeregt im Zimmer hin und her.

„Aber mir ist doch schon viel besser ... viel, viel besser ...“

Sie konnte und wollte es nicht glauben, daß sie so leicht zu ersetzen war, hatte anfänglich ihr körperliches Unbehagen aufgebauscht -- Altmann sollte sehen, eine wie große „Nummer“ sie jetzt war, und was Russel angeben würde, wenn es hieß, daß sie nicht auftreten könnte ... Aber mittlerweile waren die Kopfschmerzen wirklich ärger -- aus dem halben Spiel war Ernst geworden.

Er wußte sich keinen Rat. Lief auf den breiten Hotelgang hinaus, klopfte bei der Nordeni an.

Sie lag in einer rosa Wolke auf dem Ruhebett und polierte ihre Nägel, während Mariette mit geschickten Fingern eine der wundervollen Theaterperrücken der Nordeni auf einem Stock auffrischte.

„Wie nett, lieber Altmann ... daß Sie mich besuchen! Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?“

Altmann dankte kurz. Er nahm die Hände der Nordeni in die seinen. Er sprach erregt und dringlich.

„Liebste, Beste -- meine Frau ist sehr elend heute ... wollen Sie nicht an ihrer Stelle singen ...?“

Er hätte diese Zumutung in New York oder Chicago gewiß nicht an sie gerichtet. Aber in Los Angeles ...!

„Denken Sie, Russel will die Wegler singen lassen ... das geht doch nicht ... das müssen Sie als Künstlerin zugeben ... das geht nicht!“

Madame Nordeni lächelte liebenswürdig.

„Aber wieso denn, lieber Freund? ... Die Wegler ist sehr nett ... ich meine, natürlich nicht für Chicago oder New York ... aber für hier? Sie übernahm einmal von heute auf morgen die Gräfin im Figaro ... reizend ... reizend, sage ich Ihnen! Seien Sie nur ganz ruhig .. sie wird das schon ganz nett machen! Ich freue mich nur auf das Gesicht von Kapelle, wenn statt Ihrer Frau die Wegler da oben steht!“

„Verzeihen Sie, meine Frau ist krank ...“

Altmann fühlte, wie der Ärger ihn übermannte. Aber sie sah ihm nach, mit kokettem Augenaufschlag.

Eigentlich gefiel er ihr. Sie hatte etwas übrig für „tragische Masken“. Und es war nett, daß er sich so für seine Frau einsetzte. Die König war doch gut dran. Brauchte nur zu singen, überließ alles andere ihrem Mann! Führte eigentlich immer so „ein Stückchen zu Hause“ mit sich herum, hatte immer eine Veste, an der sie sich ausweinen und auslachen konnte.

Die Nordeni verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte durch das Fenster in den grauen Himmel.

Manchmal versuchte sie an ihre Kindheit zurückzudenken, an ihre Jugend ... aber es war alles so lange her ... und ihr Leben war so wild bewegt gewesen. Männer hatten es gelenkt nach dem Ermessen ihrer flüchtigen Laune. Schlug es gut für sie aus, waren sie nicht mehr da, um sich daran zu erfreuen, -- nicht gut, so kehrten sie ihr den Rücken, noch ehe sie verantwortlich gemacht werden konnten.

Bezahlte Dienerinnen waren ihre Vertrauten. Die Vertrauten ihrer absterbenden Jugend, ihrer kurzen Abenteuer. Wenn die Tür sich hinter ihnen schloß, verrieten sie sie an die besser Zahlende oder nahmen ihr den Mann weg, der ihr gehörte. Auch das hatte sie erlebt. Und hatte immer nur neue Länder zwischen ihre Leidensstationen zu setzen gewußt, hatte sich immer nur durch ihren prahlerischen Schmuck und das hochnasige Lächeln, durch ein paar spitze, helle Töne und eine dreiste Routine auf ihrer Höhe zu halten verstanden. Wie lange noch ...? Und was dann ...?

„Mariette,“ rief sie, wie ein Kind, das sich plötzlich im Dunkel fürchtet, „Mariette.“ ...

Aber sie war allein in dem großen, kahlen, weiß angestrichenen Hotelzimmer. Sie überhörte das Klopfen an der Tür und schrie auf, als sie plötzlich einen Neger vor sich sah. Der Neger zeigte lachend seine gelbe Zahntastatur und stellte ein hübsches Lackbrett mit dem Nachmittagstee auf den kleinen Bambustisch neben dem Ruhebett.

-- -- -- Altmann fand Mariette um Karla beschäftigt. Zierlich, unhörbar huschte sie durchs Zimmer, rang das Wasser aus den Tüchern, senkte kleine Eisstücke in die bereitete Limonade. Altmann suchte sein bißchen Schul- und Bühnenfranzösisch zusammen, um ihr zu danken. Sie wurde rot und lächelte. Karla lag im Bett mit geschlossenen Augen und roten Wangen.

Altmann streichelte Karlas Hand. Er merkte es kaum, daß Mariette klingelte, Tee bestellte und ein Tischchen deckte. Aber als sie ihn mit einem stillen Zeichen rief, da sah er, daß Eier und ein kaltes Huhn mit angerichtet waren, und so merkte er es auch erst, daß er seit dem ersten Frühstück nichts zu sich genommen hatte.

„Das wußte ich doch“, sagte Mariette.

Sie bediente ihn mit feiner, lautloser Grazie. Er war ja doch der einzige „Herr“ von der ganzen Gesellschaft, und er hatte so viel „~charme~“, wenn er lächelte. Sie war es gewöhnt, den Männern dienstbar zu sein, die sich ihres Gefallens erfreuten. Es war nichts Besonderes dabei für sie. Aber er wurde fast verlegen, und wenn ihre Händchen wie kleine weiße Vögel über die Gegenstände huschten, dann blickte er geflissentlich zum Fenster hinaus, als wollte er das bunte Treiben der Straße heraufziehen in den stillen Dämmer des Zimmers und es zwischen sich und die so aufdringlich emsigen kleinen Hände schieben ...

Um sechs kam der Theaterdiener. Ob denn Frau König wirklich nicht singen würde? Karla war gerade eingeschlafen; Altmann kämpfte mit sich, ob er sie wecken sollte. Aber es war ihm etwas Peinliches daran. Wenn er nichts anderes tun konnte in dieser Zeit, so mußte er wenigstens auf ihre Gesundheit bedacht sein.

„Sagen Sie, meine Frau ist nicht imstande.“

Mochte die Wegler singen ... es würden sich schon Mittel und Wege finden lassen, das Publikum zu verständigen, wenn sie die falsche Karla König auspfiffen.

Aber sie pfiffen sie gar nicht aus. Nur sehr lau war der Abend. Nach den Aktschlüssen gab es immerhin zwei, drei Hervorrufe, die der Gesamtleistung galten. Als aber Karla König am übernächsten Tage auftrat, da empfing sie ohrenbetäubendes Johlen und Pfeifen. Schlüssel, Papierknäuel flogen um ihren Kopf ... Sie stand da -- zitternd, bleich, mit großen erschreckten Augen. Das Orchester brach ab. Kapelle schrie zu ihr hinauf:

„Nicht abgehen ... nicht abgehen!“ ...

John Russel hielt die Vorhangschnur.

„Vorhang herunter“, rief Altmann, der bis in die Lippen weiß war. „So lassen Sie doch den Vorhang herunter ...“

„Jawohl, damit mir die Kerls die Bühne in Klump schlagen?!“ ...

Die Mitglieder waren zusammengelaufen und scharten sich bleich und erregt um John Russel.

„Weg von da ... Bühne frei!“ schrie er.

Das Tosen draußen schien noch zuzunehmen, harte Gegenstände fielen polternd und klirrend auf das Rampenblech. Altmann stürzte vor, fand, geblendet von dem Licht, nicht gleich Karlas Hand, packte sie bei den Schultern, riß sie zurück. In diesem selben Augenblick fühlte er einen kurzen, heftigen Stoß am Arm; Karla schrie auf und schlug zur Seite. In ihrem weiten, weißen Ärmel war ein kleines, kreisrundes Loch eingesengt.

Der Vorhang fiel krachend herunter.

Kapelle war mit einem Satz auf seinen Dirigentenstuhl gesprungen. Seine krächzende, häßliche Stimme schleuderte einige nicht wiederzugebende englische Schimpfworte zu den oberen Rängen hinauf.

Es wurde totenstill im Haus. Die Luft schien wie erstarrt. Altmann trug seine Frau in die Kulissen. Seine linke Hand blutete, und das Blut rötete in großen Flecken Karlas weißes Kleid.

„Es ist mir nichts geschehen ... gar nichts“, beruhigte er.

Die Wegler stand hinter einer Kulisse in der letzten Gasse. Wie im Fieber schlugen ihre Zähne aneinander. Der Skandal hatte eigentlich ihr gegolten. Und die Kugel? Gewiß hatten die draußen den Altmann für John Russel gehalten.

Vor der Rampe hielt jetzt John Russel eine Ansprache. Er sprach ruhig, ironisch, warf ein paar verwegenen Jungens, die ihn von oben mit ihren schwarzen Gesichtern angrinsten, eine Herausforderung zu. Er wohne da und da ... Straße ... Hotel ... Zimmernummer. Sie sollten mit einem Unparteiischen zu ihm kommen, wenn es sie gelüstete. Er würde schon Rede und Antwort stehen! Er fürchtete sich nicht ... da!

Und mit einem Ruck schob er den Ärmel seines Rockes hoch, riß den Hemdärmel auf und zeigte seinen tätowierten Arm. Nur Muskeln und Narben sah man. Narben von Biß-, Stich- und Schnittwunden.

„Kommt immer ran ... wenn ihr euch traut! Aber euch an einer Frau vergreifen ... eine Frau in Angst jagen ... der Dirigent hier hat recht ... eine ... seid ihr ... ~beg your pardon, ladies~!“

Beifallssturm unterbrach ihn. Aber er winkte ab, gelangweilt und gleichgültig.

„Sollen wir spielen ... ja oder nein? Ich sage gleich, es wird langsam gehn ... denn die schwarzen Fellows haben mich im Stich gelassen und wir müssen alles selbst machen ... also ...?“

„Spielen ... spielen ...!!“

Wieder brüllte das Haus.

„~Well~ ... einen Augenblick!“

John Russel drehte sich langsam um, sehr langsam, ging sehr langsam, den Rücken dem Publikum zugewendet, bis zum Vorhang. Es war die Probe aufs Exempel. Wenn sich jetzt noch jemand mit dem Revolver vergnügen wollte -- dann gab er ihm die Zeit dazu, ohne seine Leute auszusetzen. Nein. Es blieb alles still -- -- -- Da wendete er sich mit einem kalten Lächeln noch einmal um:

„~I will hope we are friends now~“, sagte er mit seiner schärfsten und eisigsten Stimme, schlug den roten Samt zurück und verschwand.

Auf der Bühne, zwischen den verängstigten, geschminkten Frauen, inmitten der Sänger in der Tracht ihrer Partien, drängten sich schlankgewachsene Neger.

„Die Arbeiter haben sich wieder gemeldet“, rief Altmann.

„So ... ~well~ ... dann kann’s losgehn ... das heißt, wenn Ihre Frau noch singen kann, Mister Altmann.“

Karla trat vor. Sie war sehr blaß, trotz des nachträglich noch aufgelegten Rots; die Chordamen hatten ihr die Flecke aus dem Kleid gewaschen, und das leichte Gewebe klebte stellenweise naß an ihren Gliedern.

„Ich kann“, sagte sie fest.

Und zur Verwunderung aller Umstehenden zog sie die verbundene Hand ihres Mannes an die Lippen.

„~Well~, Karla König ... Sie werden einen sehr großen Erfolg haben heute abend ... und den wollen wir feiern. Nach der Vorstellung im Hotel, meine Herrschaften ... auch der Chor ... Sie sind meine Gäste!“

In dieser Nacht erfuhr Karla König, was das hieß, wenn einer Künstlerin die Pferde ausgespannt wurden. Es war sehr unbequem. Sie kam sehr langsam vorwärts und hatte große Angst. Denn sie war allein, da ihr Mann sich noch auf der Bühne zu schaffen gemacht hatte.

John Russel hatte ein Abendessen bestellt, als erwarte er den Präsidenten der Republik. Es gab nur Heidsieck Monopol -- auch für den Chor. Die Nordeni thronte an der einen Schmalseite des Tisches zwischen dem Tenor und Schädlowski. Sie langweilte sich, weil diese Art Feste nur etwas für sie war, wenn sie selbst deren Mittelpunkt bildete. Durch die weitgeöffneten Türen zum Nebensaal, in dem an kleinen Tischen mit buntverhängten Lampen gespeist wurde, sah sie Mariette zwischen zwei bräunlich angehauchten Herren. Mariette hatte ein einfaches helles Seidenfähnchen an, das sie sich aus einem abgelegten Abendkleid der Nordeni zurechtgeschneidert, und sah naiv und pikant aus. Sie schlürfte die Austern mit einer Virtuosität, die sehr vielsagend war. Die Nordeni beneidete sie und wurde melancholisch.

Karla saß zwischen John Russel und Kapelle, ihrem Manne gegenüber. Noch zitterten ihr die Knie von all den Aufregungen, aber sie war über alle Maßen glücklich und drückte alle paar Minuten ihren hübschen Fuß auf Altmanns Stiefel. Seine jetzt kunstgerecht verbundene Hand, die übrigens nur einen Streifschuß abbekommen hatte, stempelte ihn in ihren Augen zu einem Helden ... Gott, hatte sie ihn lieb!

Warum nur Schmerzchen noch so ein kleines Dummchen war! Wenn sie ihr das alles hätte schreiben können ... „Dein Papa ...“ „Dein Papa ...“ Gar nichts wußte Schmerzchen von ihrem Papa ... gar nicht, wie stolz sie sein durfte auf so einen Papa ...!

John Russel ließ den Sektkühler, der ihm zunächst stand, leeren und goß den Inhalt dreier Flaschen Heidsieck hinein.

„Passen Sie auf ... jetzt steigt die Primadonnentaufe!“

Es waren die einzigen Worte, die Kapelle während des ganzen Abends an Karla richtete. Er hatte auch mit keinem anderen gesprochen. Hatte kaum die Speisen berührt und sich statt des Sektes eine seiner beliebten Mischungen nach der anderen geben lassen.

Er saß ganz in sich und sein Glas versunken, kaute an den Strohhalmen und warf sie über die Schulter zu Boden.

John Russel erhob sich, hielt den gefüllten Sektkühler mit gestreckten Armen vor sich und sagte:

„Auf das Wohl der neuen Primadonna Karla König!“

Er tat einen Schluck, wollte den Kühler Karla reichen -- besann sich -- gab ihn Altmann. Auch Altmann erhob sich:

„Kannst du halten?“ fragte er lächelnd, nachdem er getrunken.

„Ob ich kann!“

Karla fühlte Riesenkräfte in sich ... Während sie trank, brachte John Russel ein Hoch auf sie aus, in das der ganze Saal laut einstimmte.

Noch während das Lachen und Rufen um sie herum lärmte, Altmann und Russel einander die Hände schüttelten, gab Karla den Kühler an Kapelle weiter.

„Wollen Sie ...“

Ihre Augen sahen ihn bittend an. Er nickte.

„Ich will trinken ... aber darauf, daß Sie keine ‚Primadonna‘ werden. Auf Ihr Singen trinke ich ...“

Er nahm einen langen Schluck, reichte den Kühler seiner Nachbarin und sank wieder in sich zusammen.

In Lima erkrankte der Inspizient. Altmann sprang für ihn ein. Die Mitglieder sahen darin nur eine selbstverständliche Kollegialität, und in den ersten Tagen regnete es Scherze aller Art, wobei ihm jeder sein Amt nach Tunlichkeit erleichterte. Als aber die Krankheit des Inspizienten sich verschlimmerte, mußte Altmann auf dem freiwillig übernommenen Posten bleiben.

Karla, die erst gelacht und ihm aus Jux vor allen augenfällig einen Dollar in die Hand gedrückt hatte, mit der Bitte, „sie ja zur Zeit ’rauszuschicken“, ärgerte sich jetzt.

Je länger „die Maskerade“, wie sie das nannte, währte, desto mehr gewöhnten sich die Mitglieder daran, in Altmann wirklich nur den Inspizienten zu sehen. Wofür sie anfänglich übertrieben gedankt hatten, das verlangten sie jetzt mit aller Rücksichtslosigkeit.

Er merkte das nicht gleich. In ihm überwog die Freude an Tätigkeit, die er so lange entbehrt hatte. Seine Ordnungsliebe und Gründlichkeit fanden plötzlich ein weites Arbeitsfeld, und da er die eingerissenen Unarten als Inspizient nicht ahnden durfte, verlangte er von Russel die Machtstellung eines „zweiten Regisseurs“.

„Die Macht können Sie sich nur selbst geben, Mister Altmann. Aber wenn Ihnen mit dem Titel gedient ist -- bitte sehr.“

Altmann führte Klingelzeichen ein, denen unbedingt Folge zu leisten war, und Strafzettel.

Es gab eine Revolution. Karla konnte sich nirgends sehen lassen. Die einen kamen mit Bitten, die anderen mit Beschwerden; die Nordeni drohte, alles im Stich zu lassen. Der Tenor sagte gar nichts, aber kehrte sich auch an nichts.

In einigen südamerikanischen Städten hatte sich die Sitte eingebürgert, daß die Stammgäste des Theaters in den Zwischenakten auf die Bühne kamen. Einige von ihnen brachten ihre farbigen Diener mit und ließen Eis, Konfekt und allerlei ~drinks~ servieren. Altmann konnte es bei John Russel nicht durchsetzen, daß er „diesem Unfug“ ein Ende machte. Mit finster zusammengezogenen Brauen sah er, wie selbst Karla lachend die Aufmerksamkeiten dieser Herren annahm.

Eines Abends fand er sie, wie sie in der einen Hand eine riesige Konfektschachtel, in der anderen ein Glas Sekt hielt. Er trat näher -- in seinem alten Arbeitsjackett und der glühenden Hitze wegen ohne Kragen. Er mochte nicht ganz nahe herangehen, aber er hörte, wie Karla sich in französischer Sprache unterhielt. Neben ihr stand Mariette, gleichsam, um an ihrem Kostüm etwas zu stecken, in Wirklichkeit aber, um Karla auszuhelfen, wenn sie mit ihren jungen Kenntnissen nicht weiter wußte. Es dauerte nicht lange, so hielt auch Mariette ein Sektglas in der Hand, und die Herren teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen ihr und Karla.

Altmann schoß das Blut zu Kopf. Wie benahm sich Karla? ...

Er stelzte über die Bühne, klatschte in die Hände, warf den Arbeitern die englischen Brocken zu, die er kannte. Es wurde lärmend, die Kulissen wurden heruntergelassen, die Versatzstücke geschoben. Die Herren blickten auf die Uhr ... Sie dachten nicht daran, sich ihr Recht verkürzen zu lassen. Einer von ihnen rief den Arbeitern etwas zu, worauf sie sofort ihre Tätigkeit einstellten.

„Karla,“ rief Altmann, „Karla ... augenblicklich kommst du her!“ ..

Sie sah sich nach ihm um, das Glas wäre ihr vor Schreck fast aus der Hand gefallen.

„Aber Ernst ... was ist denn?“ ...

„Ich verbiete dir ... hörst du! Ich verbiete dir ...“

So sprach er doch sonst nicht zu ihr ... was fiel ihm nur ein? ...

„Sind diese Laffen die Herren hier -- oder habe ich zu befehlen ... ich verbiete dir, daß du mit ihnen hier herumstehst! Geh’ in deine Garderobe ... sofort ... augenblicklich!“

„Ja, aber ...“

Er schob sie leicht nach vorn. Die Schachtel entglitt ihren Händen, der Deckel ging auf, und mit den Pralinees rollte etwas Rundes, Glänzendes über den Boden. Altmann bückte sich und hob es auf. Es war ein schwerer goldener Armreif, mit einer Schließe aus Rubinen.

„Was soll das ... wie kommt das in die Schachtel?“ ...

Karla klatschte in die Hände.

„Du ... das ist ja ein Geschenk! Das ist ...“

„Heimlich? In einer Konfektschachtel versteckt, nicht wahr? ... Wer gab dir die Schachtel?“

Er folgte ihrem Blick, der verängstigt und ratlos auf dem Gesicht eines eleganten Herrn mit schwarzem Spitzbart hängen blieb.