Die Primadonna

Part 12

Chapter 123,737 wordsPublic domain

„Ach so ... der! ... Augenblicklich gehst du in die Garderobe. Sofort.“

Sie kannte diese Stimme: kalt, leidenschaftslos, mit einem Unterton tiefen Gekränktseins. Wie ein gescholtenes Kind wendete sie sich ab und verließ die Bühne. Altmann ging mit dem Armband auf den bezeichneten Herrn zu.

„Hier, mein Herr ... solche Huldigungen sind einer Dame vom Varieté gegenüber vielleicht am Platz ... nicht hier. Meine Frau dankt und schickt Ihnen das zurück.“

Der Herr blinzelte Altmann, der unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Deutsch gesprochen, vertattert an. Mariette, die Deutsch verstehen konnte, übersetzte. Sie hatte feuerrote kleine Ohren, und fuhr sich mit ihrem spitzen Zünglein über die Lippen, als schlecke sie eine besondere, letzte Süßigkeit auf.

Altmann hatte eine knappe Verbeugung gemacht und sich entfernt. Der Armreif baumelte über drei Fingern des spitzbärtigen Herrn, während Mariette ihren Dolmetscherdienst versah. Als sie fertig war, sahen die Herren einander an -- und prusteten vor sich hin.

„~Pour votre peine~“, sagte der mit dem Spitzbart, und legte den Reif um Mariettes schlanken, weißen Arm. In diesem Augenblick stob aber auch schon die Gruppe auseinander, weil von oben ein Prospekt mit rasender Geschwindigkeit herabgelassen wurde.

Mariette blieb allein. Sie sah um sich, spähte nach Altmann aus.

Nie hatte er ihr so gut gefallen wie eben jetzt. Weiß der Himmel ... schön hatte er nicht ausgesehen in dem alten Röckchen und ohne Kragen ... aber wie er das Armband zurückgegeben hatte ... da lag etwas über ihm ... etwas Nobles, Männliches ... Keiner von der Gesellschaft hätte das getan! Es war eben doch der einzige „Herr“ ... Sie nahm den Reifen ab und verwahrte ihn in ihrer Tasche. Altmann brauchte ihn nicht an ihrem Arm zu sehen -- --

Schmerzchen war zwei Jahre alt geworden. Sie lief in den Zimmern umher und warf die Spielsachen, die sie bekommen hatte, vor sich her.

Tante Adele kam und gab Schmerzchen einen Klaps. Und als Schmerzchen nicht verstand -- einen zweiten. Der brannte mächtig, und Schmerzchens Hand wurde ganz rot. Aber Schmerzchen weinte nicht. Schmerzchen hatte Charakter.

Sie hatte die Altmannschen geraden Brauen, was man von Fritz und Vicki nicht behaupten konnte. Adele fettete Schmerzchens Brauen jeden Abend mit Lanolin ein, damit sie recht dicht und glänzend würden. Schmerzchen aber rieb das Lanolin in ihrem Bettchen wieder ab und lutschte dann an den Fingern. Lanolin schmeckte sehr gut.

Wenn Schmerzchen ihre Weltanschauung durchaus nicht mit der ihrer Tante vereinbaren wollte, dann hieß es: „Was wird Mama sagen, wenn du so unartig bist? Gleich wird Mama kommen und hauen.“

Aber Mama kam nicht. Kam auch nicht, als Schmerzchen es einige Male geradezu darauf anlegte, die Mama mit einer Rute herzuzaubern. Tante Adele konnte es wohl nicht abwarten, bis Mama kam, denn sie selbst griff zur Rute. Schmerzchen protestierte so energisch gegen diesen Übergriff, daß ~Dr.~ Maurer aus seinem Zimmer trat. Die Rute sehen, sie zum Fenster hinauswerfen und Schmerzchen auf seinen Arm nehmen, war das Werk eines Augenblicks.

Es gab an diesem Tage großes Geschrei zwischen Tante Adel und Onkel Al, aber die Rute zierte nun nicht mehr den Spiegel in Schmerzchens kleinem, neben der großen Schlafstube gelegenem Zimmer.

Heute hieß es nun, Mama schicke ihrem Mädelchen viele, viele Küsse.

„Und was noch?“ fragte Schmerzchen, die Realpolitik trieb.

Adele versuchte ihr klar zu machen, daß Mama sehr, sehr weit wäre und daher nichts schicken könnte.

„Mama ist tot“, sagte Schmerzchen entschieden und gleichmütig.

Da steckte das Dienstmädchen dahinter! Alwin Maurer lief selbst in die Küche und machte „Krach“.

Vicki meinte, es wäre geradezu fürchterlich, wie Papa sich mit dem Kinde „hätte“ ...

Vicki besuchte jetzt das Lyzeum und schwankte noch, ob sie Ärztin oder Schauspielerin werden sollte. Sie hatte ihre „ernsten“ und ihre „Theatertage“, war aber vorläufig noch schnippisch und unausstehlich an beiden.

Fritz machte ernstere Sorgen. Er war nicht von dem Gedanken abzubringen, als Offizier, mit glänzenden Epauletten, einherzustolzieren.

Adele und Luise, denen alles Glänzende ins Auge stach, bestärkten ihn in seinem Wunsche. Wenn Alwin Maurer von beschränkten Verhältnissen sprach, dann hieß es immer: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ bis Adele es eines Tages gerade heraussagte:

„Unter uns, lieber Alwin ... Karla kann ruhig etwas für uns tun. Das ist nicht mehr als billig.“

„Nein ... nein ... das will ich nicht. Auf keinen Fall will ich das ...“

Nichts war Alwin Maurer peinlicher, als wenn sich „seine Weiber“ an Karla wendeten. Er wollte es kaum noch wissen, wie oft Altmann Geldanweisungen an die Deutsche Bank geschickt hatte -- ganz abgesehen von dem reichlich bemessenen Kostgeld für Schmerzchen.

Einmal fragte er:

„Ja, weiß denn Karla überhaupt, was Altmann schickt?“

Adele zuckte die Achseln. -- --

-- -- Wunderhübsch war die neue Wohnung in der Motzstraße -- hell, geräumig ... und doch fühlte sich ~Dr.~ Maurer fast noch unbehaglicher hier, als das letzte Jahr in der Culmstraße. Auch das Essen, das jetzt immer so reichlich auf den Tisch kam, schmeckte ihm weniger.

Ihm war nur wohl, wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloß, in das er nicht die geringste Neuanschaffung zugelassen hatte.

Manchmal, mitten im Verbessern seiner Hefte, hielt er ein, legte die Feder nieder und lehnte sich in den Sessel zurück.

War er nicht doch ein fleißiger Arbeiter gewesen all die Jahre -- hatte er es nicht mit seinem Wissen und der Mühe seiner Tage vermocht, die Familie zu erhalten, die Kinder aufzuziehen? War es denn gar so gering, was er den Seinen bot, daß es ihnen nicht mehr genügte, daß sie über sein ehrliches Verdienen hinweg nach Almosen schnappten?

Am Vorabend von Schmerzchens zweitem Geburtstag brachte Adele ihm einen Brief von Altmann ins Zimmer.

Immer und immer wieder hatte er ihn lesen müssen, und war doch am Ende so klug wie zu Beginn ... hatte es doch nicht zu ergründen vermocht, wieviel von Karlas eigenem Willen in diesen Worten lag, die so brüderlich waren und ihn doch schmerzten wie eine Demütigung. Gleich heute sollte er dem Schwager antworten. So verlangte es Adele. Mit Worten, die ihn wie scharfe Messer schnitten.

„Das wenigstens kannst du doch für Fritz tun ...“

„Das wenigstens“ ... Was denn mehr? Was konnte um des Himmels willen ein armer Schulmeister mehr tun, als Ströme roter Tinte über Schülerhefte ausgießen und die Seinen schuldenfrei zwischen den Sandbänken des Lebens hindurchlotsen?

Er saß vor seiner Briefmappe. Der Brief des Schwagers lag vor ihm:

„An Bord, 34 Grad südl. Breite.

Meine Lieben!

Euren oder vielmehr Adelens Brief erhielten wir noch in Montevideo, zwei Stunden vor unserer Abfahrt. Karla, die in der letzten Zeit fast über Gebühr angestrengt war, liegt ein bißchen angegriffen auf Deck. Nicht überall war das Klima ihr günstig, aber ihre urgesunde Natur überwindet schließlich doch alle Strapazen, um so mehr, als sie sich ihrer wohlverdienten Erfolge freuen darf. In Städten, die eine größere deutsche Kolonie haben, wird sie buchstäblich auf Händen getragen, und ich habe alle Mühe, ihr die ihr so dringend notwendige Ruhe zu erkämpfen. Leider ist sie unvernünftig und verschwendet ihre Stimme. Sie schöpft eben noch aus dem Vollen, und die Huldigungen machen ihrer Kindlichkeit Spaß. Wenn sie zu einem Hauskonzert gebeten wird, so singt sie nicht die zwei ausgemachten Arien, sondern womöglich ihr ganzes Repertoire. Die Leute sind natürlich begeistert, und es regnet mehr Einladungen als Geld. Immerhin verdient sie weit mehr, als wir bei unserer Ausreise annehmen durften, und so ist es uns möglich, Euch einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. So laßt denn Fritz Offizier werden, wenn er durchaus daran hängt. Macht Euch keine Sorge um spätere Zulage und anderes. Was wir tun können, wird geschehen. Es wäre nur gut, wenn Fritz in Unkenntnis darüber gelassen würde, von wem ihm die Möglichkeit kommt, seinen Lieblingswunsch zu erfüllen. Es ist nicht gerade nötig, daß er allzu sehr auf Karla baut. Das würde nur seinen Leichtsinn wecken. Sollte es aber durchsickern, dann hat er sich immer nur an mich und nicht an Karla zu halten. Karla ist zu gutmütig und hat keine Ahnung vom Wert des Geldes. Hätte ich ihre Einnahmen nicht verwaltet, so wäre das meiste völlig sinnlos und unzweckmäßig verläppert worden, während sie jetzt selbst froh ist, daß sie Euch dienlich sein kann. Ja, sie sagte sogar: ‚Wenn du gleich zusagst, dann haben sie alle eine Freude an Schmerzchens Geburtstag‘. Ich lege dem Brief fünfzig Dollar bei. Isolde wird wohl einiges benötigen, und was übrig bleibt, kannst du für dich verwenden. Euer letztes Bild hat mich sehr erfreut. Nur finde ich, daß Luise sehr schmal geworden ist. Da sie schrieb, daß sie sich jetzt auch um die Wirtschaft bei Stown’n kümmert, so führe ich ihr Aussehen auf die ungewohnte körperliche Anstrengung zurück. Sie soll sich nur nicht zuviel zumuten! ... Der Brief ist in mehreren Abständen geschrieben. Karla hat mich sehr in Anspruch genommen, da sie merkwürdigerweise die Seefahrt diesmal nicht gut verträgt. Ich muß schließen -- in einer Stunde wird die Post an Land gebracht. Karla läßt grüßen. Euch alles Liebe und Gute wünschend, verbleibe ich Euer treuer Bruder, Schwager und Onkel

Ernst Altmann.“

Ja ... und nun sollte Alwin Maurer danken. Er sah immer Karlas Gesicht, blaß und verzerrt, und er hatte ihre Stimme im Ohr ... diese Stimme, die er so liebte, die sie von Land zu Land schleifte und die sie in Geld umsetzen mußte, fern von ihrem Kinde. Sie alle aber rafften ihr Geld an sich, und dieses Geld, das zu ihnen strömte, war das einzige, was ihm blieb von ihrer Stimme! ...

Was er geliebt und angebetet hatte, was so schmerzend fern von ihm lebte und klang, das kehrte zu ihm zurück, in Geld verwandelt, das Adele ihren Zwecken nutzbar machte ..

Er sprang auf, öffnete die Tür zum Eßzimmer. Schmerzchen saß mit rotgeklapsten Händchen vor ihrer Negerpuppe, die sich so herrlich herumwerfen ließ. Warum haute Tante Adel eigentlich, wenns der Puppe selbst recht war?

„Komm, Schmerzchen ... du sollst deiner Mama schreiben.“

Alwin Maurer hob Schmerzchen auf den Arm, ging mit ihr in sein Zimmer und setzte sich, mit ihr auf dem Schoß, an den Schreibtisch.

Schmerzchen war einverstanden mit der veränderten Tätigkeit; aber wie Onkel Al ihre kleine Hand um den Federhalter drückte ...! Nein ... so war das gar nicht nett. Das tat ja fast noch mehr weh, als Tante Adel’s Klapse!

Immerhin -- sie mochte den Onkel gut leiden und wollte ihm den Gefallen tun. Ohne Tintenklexe ging es nicht. Aber die waren das hübscheste an der ganzen Sache.

Also: „Ich habe Dich sehr lieb, mein gutes Mamachen, und schicke Dir tausend Küsse. Dein Schmerzchen.“

~Dr.~ Alwin Maurer las Schmerzchen ihr Geschriebenes ordnungsgemäß vor. Sie fuhr sich mit der kleinen, gemarterten Hand über das hellbraune Haar, das die eigensinnige kleine Stirn so hübsch einfaßte.

„Nicht Mama küssen! Papa küssen!“ ...

Alwin Maurer blickte auf.

„Warum denn, Papa?“

Schmerzchen wußte noch nicht genau, warum. Ganz langsam und verworren reiften in ihrem kleinen Hirn folgende Erkenntnisse: Wenn Mama käme, würde sie „hauen“, wie Tante Adel sagte. Alle Mamas und Tanten hauten ... auch von Vicki gab es Klapse. „Fitz“ und Onkel Al hauten nicht. Auch der „Gooßpapa“ nicht. Papa somit auch nicht. Papa verdiente viel mehr Küsse als Mama ... viel mehr ...

„Papa schreiben“, verlangte sie nun mit aller Entschiedenheit ihrer zwei Jahre.

Alwin Maurer ließ Schmerzchen von seinen Knien herabgleiten.

„Später ... jetzt hat Onkel keine Zeit ... Onkel muß arbeiten ...“

Schmerzchen nickte ernsthaft. „Abeiten“ -- das Wort kannte sie. Wenn es fiel, mußte sie immer ganz still sein, ganz leise mit ihren Puppen spielen. Und eigentlich hatten sie alle den ganzen Tag zu „arbeiten“ -- der Onkel und der „Fitz“ und die Vicki ... Nur vormittags ... Aber da hatte Tante Adel Kopfwehweh ... und da durfte sie auch keinen Lärm machen ...

Als Schmerzchen von ihrem Nachmittagsschlaf erwachte, rosig und weltfreundlicher gestimmt als vor einigen Stunden, wartete Pauline bereits an ihrem Bett, um sie zum Großpapa zu bringen.

Vor dem Hause der Schillstraße traf Pauline den Briefträger. Er händigte ihr einen dicken Brief ein mit vielen ausländischen Marken.

„Von deiner Mama ... was sagst du, Schmerzchen ... von deiner lieben Mama! ...“

Es roch schon auf dem Flur so wunderschön. Schmerzchen knixte sehr flüchtig und auf unsicheren Beinchen nach links geneigt -- wie der Großpapa es sie gelehrt hatte.

„Ei ... du kleines Fräulein ... wie niedlich wir sind ... wie charmant ... aber der Knix ... Nein ... der war nicht schön ... noch einmal ... Keine Grimasse ... ta ta ta ... hübsch graziös, kleines Fräulein ... soo ...“

Vor dem Mitteltisch stand ein großer Puppenwagen, am Stuhl hing eine rote Pferdeleine mit kleinen Glöckchen, ein gehäkeltes wollenes Unterkleidchen, mit rosa Schleifchen, lag neben der Tasse ... und mitten auf dem Tische erhob sich ein Napfkuchen, ganz weiß von Zucker, und zwei große Kerzen flammten auf dem Tellerrand ... und jetzt kam das Schönste: Pauline, mit einer großen Kanne, aus der ein duftender Dampf aufstieg ... so stark, als ob sich über das ganze helle Zimmer Schokolade ergossen hätte ... so daß Schmerzchen immer wieder ihre Zunge herausstreckte und mit großen Augen die Kanne, den Kuchen, die Tasse und Pauline selbst verschlang. Den Großpapa hatte sie ganz vergessen ...

Er saß ja auch weitab an seinem Schachtisch beim Fenster, faltete mit seinen kleinen, weißen Händen die feinen überseeischen Briefbogen auseinander, rückte an seiner weißseidenen, baumelnden Krawatte, räusperte sich und vertiefte sich in Karlas teils wie nach einer Vorlage geschriebenen, teils krakeligen Schriftzüge. Kein Datum. Nicht ein einziges Mal die Stadt, der Breitengrad oder der Name des Schiffes. Sie hatte Wichtigeres aufzuzeichnen.

Mein lieber Papa!

Ich weiß nicht, ob überhaupt und wann ich mit dem Briefe fertig werde. Vielleicht schicke ich ihn noch heute, vielleicht zu Schmerzchens Geburtstag, vielleicht gar nicht.

Es ist sehr schlimm, daß ich so viel allein bin. Ernst sieht es nicht gern, wenn ich mit den anderen „intim“ werde. Es geht auch nicht gut, seitdem er sich so eine komische Stellung bei uns ausgeklügelt hat. Er kommt mir vor wie der „schwarze Mann“, vor dem ich mich als Kind so gefürchtet habe. Oder aber wie unser altes Dienstmädchen. Erinnerst Du Dich? Die ging nie ohne Staubtuch herum und rückte immer alles an seinen Platz, kaum daß man es benützt hatte.

Aber Ernst sagt, er müßte auf Ordnung dringen -- es wäre alles furchtbar verwahrlost gewesen. Ich glaube, die Kollegen mögen ihn nicht, und sie lassen es mich oft ausbaden, wenn sie von Ernst einen Verweis erhalten haben. Natürlich hat Ernst im Grunde recht, aber die Leute sind doch nun mal das gewohnt, was sie „ihre“ Ordnung nennen. Die Herren sind hier sehr galant, sehr großartig. Einer hat mir einmal ein wunderschönes Armband mit Rubinen in einer Konfektschachtel geschenkt. Leider durfte ich es nicht behalten. Es war ja sehr richtig von Ernst, daß er es dem Herrn zurückgab, aber ich habe es doch lange nicht verschmerzen können. Denn so sehr viel Schmuck habe ich doch nicht, und mir falsche Steine anhängen wie die Nordeni -- das mag ich nicht ... Denke Dir, mein lieber Papa, was geschehen ist ... mir zittern noch alle Glieder, obwohl wir schon wieder gemütlich im Zuge sitzen und weiterrattern, wie Du es an meiner Schrift sehen kannst. In unserer Lokomotive brach Feuer aus, und wir blieben auf freiem Felde stehn. John Russel reiste ausnahmsweise mit uns -- Gott sei Dank! Plötzlich, während wir uns draußen ein wenig ergehen, hören wir ein schreckliches Geschrei und sind, ehe wir es uns versehen, von einem Haufen Indianer umringt. Die einen stürmen den Zug, die anderen stürzen sich auf uns, werfen uns Tücher über die Köpfe, fesseln uns. Ich höre Schreien, Schüsse ... ich dachte nur an Schmerzchen in diesen entsetzlichen Minuten. Dann wurde ich, glaube ich, ohnmächtig. Als ich aufwachte, war ich wieder in meinem Abteil. Aber nicht Ernst, sondern Kapelle, unser erster Kapellmeister, stand vor mir. Er ließ mich an etwas sehr Scharfem riechen und schimpfte entsetzlich. Ich fragte, wo mein Mann sei. „Ach lassen Sie nur, der ist gut aufgehoben“, sagte er. Ich schrie auf, weil ich glaubte, die Indianer hätten ihn erschossen. Aber Kapelle beruhigte mich und sagte, ich solle jetzt nur schlafen. Kaum war er draußen, so sprang ich auf die Bank, um meine Tasche herunter zu holen, und mich herzurichten, denn ich sah wie eine Wilde aus -- die Haare aufgelöst und verwirrt -- und die Bluse, na ... Ich suche und gucke überall herum -- keine Tasche! Schön. Also gehe ich heraus so, wie ich bin, um meinen Mann zu suchen. Wo finde ich ihn? Im Nebenabteil. Er liegt auf der Bank, mit verbundenem Kopf. Mariette kühlt ihm die Stirn mit Kompressen. (Du weißt doch, die Zofe der Nordeni, bei der ich französischen Unterricht habe.) Ernst, rufe ich. Ernst! Er streckt mir die Hand entgegen ... er kann sich nicht rühren. Er behauptet, die Indianer hätten ihn mehrfach in die Luft geschleudert und auf die Erde fallen lassen. Mariette hat Tränen in den Augen. Das fand ich nun ganz überflüssig; schließlich braucht +sie+ um meinen Mann nicht zu weinen! Das kann ich allein besorgen, wenn ich will ... Ich bedanke mich also bei ihr und schubse sie mit aller Liebenswürdigkeit aus dem Abteil. Kaum bin ich allein mit Ernst, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt und John Russel zu uns hereinkommt. Ob mir nichts von meinem Gepäck fehle? Ja, sage ich, die Tasche.

„~Well~ -- das war ein Raubüberfall. Die Kerls wollten Ihnen Ihre Brillanten stehlen ...“ Da mußte ich lachen und meinte: „~Well~, da werden sie aber nichts anderes finden als ein paar Zahnbürsten, Kämme und Seife ...“ „Macht nichts,“ sagte John Russel ... „es war doch ein Brillantendiebstahl! ...“

In unserem Zug fuhren ein paar Reporter, die sich unsere nächste Vorstellung ansehen sollten, um darüber zu berichten. Na, die hatten nun zu tun, das alles zu schildern .... Mein lieber Papa! Ich sitze nun schon eine halbe Stunde in meinem Hotelzimmer und komme vor Lachen um. Weißt Du, was mir gestohlen worden ist? Ein Diadem von der Königin von Griechenland im Werte von sechzigtausend Dollar, ein Brillanthalsband im Werte von vierhunderttausend Dollar vom Kaiser von Rußland, vierzehn Ringe im Gesamtwert von zwanzigtausend Dollar, eine Gürtelschnalle aus Smaragden und Perlen -- ein Geschenk der Astrongs, zwei Uhren, mit Edelsteinen besetzt, eine Kette aus Platina mit Brillanten und -- die Tugendrose vom Papst! ... Das Theater ist umlagert von Menschen, die noch Billette zu erhalten hoffen! Es heißt, daß man in der Stadt eine Sammlung plant, um mir „einen Teil des tragischen Verlustes“ zu ersetzen! Steht alles schwarz auf weiß in der Zeitung. Ernst geht auf einen Stock gestützt. Er ist augenblicklich nicht in rosigster Laune und spricht nicht viel mehr als das Nötigste mit mir. Ich glaube, er ärgert sich über den Humbug ... Weißt Du, was mir scheint? Mariette fängt an, mit Ernst zu kokettieren. Ich neckte ihn ein bißchen mit ihr, da verbat er es sich. Man kann eigentlich nie recht Spaß machen mit ihm. Meinen französischen Unterricht habe ich auch aufgegeben. Ich kann genug .... Also denke, der ganze Indianerüberfall war von John Russel „inszeniert“. Choristen von uns hatten sich verkleidet. Der Fundus von „Afrikanerin“ und „Aida“ hat herhalten müssen! So genau hat ja niemand hingesehen und die Gelegenheit haben sich einige zunutze gemacht, um Ernst -- nein, es ist zu schändlich! Ich glaube, er ahnt die ganze Sache und mag darum nicht mit mir über die Geschichte sprechen. Er ist auch lange nicht mehr so streng seitdem gegen die anderen. Aber ich glaube, es muß ihn doch furchtbar demütigen -- Tue nur nie, als ob Du etwas davon wüßtest --, um Gottes willen nicht! Ich dachte, die Nordeni hätte Schreikrämpfe gehabt aus Angst vor den Indianern -- Gott bewahre ... die war ja mit im Komplott! (hat das selbst einmal durchgemacht im Beginn ihrer amerikanischen Karriere.) Sie hatte nur Angst, daß die Leute meinen armen Mann noch totschlagen, oder daß er in dem Sack, den man ihm über den Kopf geworfen hat, erstickt! ... Sie ist furchtbar ängstlich, die Nordeni. Gestern fragte mich mein armer Ernst, ob wir seinem Neffen, dem Fritz Maurer, nicht helfen wollten, die Offizierskarriere einzuschlagen. Ich sagte selbstverständlich ja. Ich finde es so rührend, daß Ernst sich seiner Leute in allem annimmt. Wäre mir aber auch sonst gar nicht möglich, ihm etwas abzuschlagen. Denn es ist mir oft geradezu peinlich, daß ich eine so ganz andere Stellung einnehme als er. Nur wegen meines bißchen Stimme ... Und dann muß ich mir auch immer wieder vorhalten, wie glücklich ich sein darf, daß mein geliebtes Schmerzchen so gut gepflegt und betreut wird ... So viel Liebe kann ihr ja freilich niemand geben wie ich ... obwohl ich doch ein bißchen auf den guten Alwin rechne und viel auf Deine Pauline. Ach mein lieber Papa, wie sehne ich mich danach, Dein ta ta ta wieder mal zu hören! Hier unter den braunen Affen wird einem alles so unsagbar teuer aus der Heimat! Kapelle fragte mich mal: „Sagen Sie, was wollen Sie eigentlich hier unter uns? Machen Sie, daß Sie bald fortkommen. Denn wer sich hierher verschlagen läßt, ist ja doch nur Verbrecher oder Abenteurer ...“ Armer Kapelle! Er ist mir entschieden der liebste von allen -- trotz seiner Drinks und seines Slangs! Der Bariton ist auch ganz nett. Aber eigentlich singe ich nicht gern mit ihm. Wenn ich mich auf der Bühne in seine Arme stürzen muß, dann hält er mich gewiß ein paar Sekunden länger an sich gedrückt, als nötig ist. Mir wird dann immer übel, und ich möchte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben. Aber da ich ihm nichts beweisen kann, muß ich tun, als merkte ich nichts. Schon meines Mannes wegen ... Ach, mein lieber Papa, wie gut, wie himmlisch wird das sein, wenn ich erst an Schmerzchens weißem Bettchen sitzen und ihren süßen Kinderatem auf meinem Gesicht spüren werde ... Eben heißt es, die Post würde in einer Stunde an Land gebracht. So will ich schließen. Wenn ich Glück habe, kommt der Brief gerade zu Schmerzchens Geburtstag an. Pauline, die Gute, schrieb, sie würde das Kind über den Nachmittag zu Dir holen ... Wie beneide ich Dich! Könnte ich für diesen Tag all meine Liebe und Sehnsucht in Deine Augen legen, mit denen Du Schmerzchen ansiehst, in Deine Hände, die sie berühren, in Deine Arme, die sie umfangen ... so, jetzt heule nicht ... Lebt wohl, Papa, Pauline ... mein liebes kleines Mädelchen ... lebt wohl! Karla.

-- -- „Gute Nachrichten, Herr König?“

„Ach ja, Pauline, danke. Altmann ist verkeilt worden.“

Dem Papa hatte diese Stelle in Karlas Brief eine unerklärliche, aber sehr aufrichtige Freude bereitet. Dann aber eingedenk der letzten Worte, ging er schwungvoll und graziös auf Schmerzchen zu, die augenblicklich einen etwas negerhaften Eindruck machte, küßte sie vorsichtig auf das hellbraune Härchen und fragte mit aller Zärtlichkeit, die er in seine tenorale Krähstimme zu legen vermochte:

„Nun, mein kleines Fräulein, wie schmeckt denn die Schokolade?“

Karla war nervös. So richtig nervös. Der Regen, den die Wolken über die Straßen ausschütteten, bis das Wasser fußhoch zwischen den Häusern stand, dröhnte über dem Dach des Hotels ... Es wurde zeitig dunkel, und die Luft war erfüllt mit unheimlichen Lauten. Manchmal knackte das Holz der Veranda, die um das Hotel lief und auf die alle Zimmertüren mündeten.