Part 13
John Russel hatte der Gesellschaft acht spielfreie Tage geschenkt. Inzwischen zimmerten farbige Arbeiter eine Scheune mit einer Bühne. Die Scheune war schon -- als die ersten Latten genagelt wurden, zehnmal zu nie dagewesenen Preisen ausverkauft, und seitdem pilgerten, sowohl die Ansiedler der deutschen Kolonie wie Portugiesen aus der Umgegend zur Baustelle. Sie kamen in wundervollen Wagen, mit Pferden bespannt, über die leuchtende blaue, rote und gelbe Netze geworfen waren. Sie kamen hoch zu Roß, den Tropenhelm im Nacken. Sie kamen zu Fuß. Da waren Damen in extravaganter europäischer Kleidung -- der verkannten Mode des vergangenen Jahres --; andere in Toiletten von Worth und Doucet; blonde Kolonistenfrauen in fußfreiem Rock und weißer Bluse, einen Schleier um den Kopf gebunden, den roten oder weißen Sonnenschirm in der Hand; da standen mit weitgeöffnetem Mund ganze Indianerfamilien -- die Eltern mit seltsam vornehmem Anstand und doch bescheiden, als wollten sie ihren leuchtenden braunen Körper unter all dem Blendwerk von duftigen Spitzen, Seidengefälle und Schleiergeweben vertuschen ...
Ein geschäftskluger Deutscher hatte ein Zelt aufgeschlagen; darin brauten seine Frau und seine Tochter schwarzen Kaffee; ein paar Neger in weißen Leinwandanzügen schlängelten sich geschickt zwischen den leichten Bambusstühlen und Tischchen herum, die wie ausgestreut schienen zwischen den Palmen, und brachten den Gästen Limonade, Absinth und Whisky.
Wenn die zwei Regenstunden vorüber waren, dann belebte sich die Straße, die zum „Theater“ führte, wie zu einem Korso. John Russel sah es gern, wenn die Herren seiner Gesellschaft das „Theatercafé“ besuchten. Von den Damen durften sich nur die Choristinnen dort sehen lassen.
„Wenn man eine Künstlerin täglich umsonst auf der Straße sehen kann, wird keiner so närrisch sein, für dasselbe Vergnügen am Abend fünfzig oder hundert Dollar zu bezahlen.“
Mariette brauchte sich an das Verbot nicht zu kehren -- sie war ja keine Künstlerin. Ihr reizendes Figürchen wurde sehr bemerkt, und mancher Kunstschwärmer versuchte es, sich ihr zu nähern. Ihre auffällig zur Schau getragene Sprödigkeit mehrte ihre Erfolge. Viele hielten sie für Altmanns Frau, weil man sie oft an seiner Seite sah, wenn er mit den Arbeitern sprach und das Ausladen der Dekorationen beaufsichtigte.
Altmann merkte es kaum, wie eifrig sie sich an seine Fersen heftete. Er gab ihrer nimmermüden Bereitwilligkeit allerlei kleine Aufträge. Bald galt es, Vorhänge zuzuschneiden, bald Damenkostümen durch kleine Abänderungen eine gefälligere Form zu geben.
„Sie haben so viel Geschmack“, sagte er mit einem schwachen Versuch, ihr etwas Angenehmes zu sagen.
Bei einbrechender Dunkelheit gingen sie heim. Die Nacht kam wie ein heimlicher Dieb; sie war da, ehe man sichs versah.
„~J’ai peur~“, murmelte sie und hing sich in seinen Arm ein.
„Aber wovor denn? ...“
Er lachte nachsichtig, aber beim nächsten Laternenpfahl machte er seinen Arm frei. Es war nicht gerade nötig, daß ...
Er mochte den Gedanken nicht einmal zu Ende denken. Aber die feuchte Wärme durchdrang seine Kleider, und die Schwüle erschlaffte ihn.
„Sind Sie bös gegen mir?“
Sie sprach ein drolliges Kauderwelsch und legte eine süße Kindlichkeit in den Ton ihrer Stimme. Ihr Augenaufschlag, ihre halbgeöffneten Lippen mit den perlenden weißen Mausezähnchen ...
Altmann machte so große Schritte, daß sie kaum nachkam mit ihrem Getrippel.
„Unsinn ... wie kommen Sie darauf ...“
Aber er fühlte, die Frage war schon zuviel. Er hätte sie am Schopf, an ihrem so wunderhübsch leuchtenden roten Schopf packen mögen und sie beuteln. Kleine Kröte ... er durchschaute sie. Ganz genau. Aber ... o nein ... mein Fräulein ... o nein! Schließlich war er doch etwas anderes als der Herr Schädlowski oder der Bariton oder einer der bräunlichen Herren, mit denen sie Austern schlürfte. Er hatte eine Frau zum Donnerwetter! Eine liebe, prächtige Frau, die ... die ...
Auch in seinen Gedanken kam er nicht weiter. Lieb hatte er Karla wie niemanden sonst auf der Welt. Aber diesen prickelnden Reiz, den hatte sie nie für ihn gehabt. Gott sei Dank nicht. Den hatten eben nur solch kleine Dirnchen wie diese Mariette ... und die schüttelte man einfach ab, ohne viel Getue ... ganz rücksichtslos!
Er lief beinahe. In Schweiß gebadet kam er ins Hotel. Über das Holzgitter des Vorgartens sah er einen schmalen Lichtstreifen unter Karlas Balkonfenster. Dieser Lichtstreifen rührte ihn mehr als eine Klage. Sie saß in dieser wundervollen Nacht allein im abgeschlossenen Zimmer, wagte es nicht einmal, die Hitze des Tages herauszulassen.
Er ging um das Hotel herum. Mariette war verschwunden; er atmete erleichtert auf, nahm eilig die wenigen Stufen, die zu den Zimmern führten.
Karlas Tür war abgeschlossen.
Auf sein Pochen und Rufen drehte sie den Schlüssel um. Sie hatte ihr Morgenkleid aus Rohseide an, und ihre Augen brannten in dem runden, bleichen Gesicht.
Er wollte sie in seine Arme ziehen, sie trat zurück, als merkte sie es nicht, ging zum Tisch und schloß ihre Schreibmappe ab.
„Hast du nach Hause geschrieben?“ fragte er und suchte seiner Stimme Festigkeit zu geben.
„Nach Hause? ... Meinst du, Papa? Meinst du die Motzstraße? Ich weiß nicht, wo ich zu Hause bin ...“
Sie wendete sich ab und trat zum Fenster, als wollte sie hinaussehen. Aber das konnte sie nicht, denn der Rolladen war herabgelassen.
Er stellte sich hinter sie und streichelte ihre Arme.
„Wir wollen morgen nach dem Regen eine Ausfahrt machen, Karla ...“
Sie sah in der dunklen Scheibe das Gesicht ihres Mannes. Sah es zum erstenmal unsicher und gleichsam schuldbewußt. Da war es ihr, als stünde sie plötzlich ganz allein in dem fremden Land, ganz allein im Leben ... so allein wie die Nordeni ... Und sie schlug die Hand vors Gesicht und drückte die heiße Stirn gegen das kühle Glas.
Am nächsten Tage aber nach dem Regen fuhren sie aus. Die Nacht hatte stumm und feindlich zwischen ihnen gelegen, und sie hatte nicht geglaubt, daß Altmann noch an die Ausfahrt dachte. Aber dann kam er und sagte, sie möchte sich nett anziehen. John Russel hätte gegen die Korsofahrt nichts einzuwenden, nur möchte sie einen recht dichten, aber kleidsamen Schleier vornehmen.
Karla lachte jetzt.
„Wir sollen also Reklame fahren für Russel?“
„Aber nein. Nur, wenn wir schon fahren, dann ...“
Karla hörte nicht mehr zu. Sie riß die Schränke auf, warf ihre Kleider durcheinander. Was sie anziehen sollte, müßte er ihr sagen! Das weiße, mit den schwarzen Spitzen, oder das blaue, mit der schönen Stickerei? Herrgott, er sollte doch kein so dummes Gesicht machen! Er wüßte ganz genau, was hübsch sei und ihr zu Gesicht stünde. Und helfen durfte er ihr auch. Vor den Niggermädeln im Hotel hatte sie geradezu Angst.
Ihre Röcke lagen auf dem Boden, ihre Schuhe flogen in die Ecken. Von Kopf zu Fuß mußte alles frisch, blütenweiß und so elegant wie nur irgend möglich sein. Tja ... Warum hatte sie eigentlich Trübsal geblasen all die Tage? Zu dumm war sie gewesen! Und hatte sich Gedanken gemacht ... so unsinnige Gedanken ... einfach lächerlich! Wo er doch ein so lieber, tüchtiger, fleißiger Mann war, ohne den selbst Russel gewiß nicht mehr auskommen würde ... Konnte er die dumme Gans, die Mariette, verhindern, hinzugehen, wohin sie gerade wollte?! Und wenn sie sich an seine Rockschöße hing ... was konnte er dafür? Eigentlich war es sogar nett, mit einem Mann verheiratet zu sein, der anderen Frauen gefiel ...
„Laß dich mal ansehen, du ...“
Sie faßte nach seinem Gesicht, küßte ihn ... drückte sich an ihn.
„Du, Karla, der Wagen kommt gleich.“
Ach was, der Wagen! Wenn er gar nicht käme, wäre es noch besser. Dann wären sie eben allein in ihren Zimmern geblieben, hätten abgeschlossen, die Rolläden heruntergelassen ... hätten ... Alle Wonnen ihrer beseligenden jungen Mutterschaft erwachten plötzlich in ihr. Eine flammende Röte schoß über ihren Nacken, ihre Brust, ihre Arme. Wie mit Blut übergossen stand sie mitten im Zimmer und nestelte an den langen Senkeln ihres Mieders.
„Was ist denn Karla ... was hast du denn ...?“
Sie schüttelte den Kopf, wendete sich ab, lachte vor sich hin. „Nein ... nichts ...“
„Doch, Karla, ich will wissen ... Du mußt es mir sagen ...“
Auch er lachte, umspannte ihre Taille mit den Händen, zog sie an sich. Der gesunde, frische Duft ihres jungen Körpers wehte ihn an ... In dem Bettnetz eingefangene Moskitos summten aufreizend und einschläfernd zugleich.
„Was denn, Karla ...?“
Er hauchte es ihr ins Ohr.
Sie drückte ihren runden, hübschen Kopf an sein Gesicht.
„Ich dachte mir ... du wirst mich auslachen ... an so ein winzig kleines Kindchen dachte ich ... Wenn man das wieder so haben könnte ... wenn ich das wieder spüren könnte ... in meinen Armen halten dürfte ... Wenn sie so satt getrunken sind und die kleinen Bläschen heraussabbern ... und man die kleinen Fingerchen wie Schmetterlinge auf der Brust fühlt ... so etwas Wonniges gibt es ja ... nein, auf der ganzen Welt gibt es so etwas nicht ...“
Er fühlte eine heiße Träne in seinen Kragen sickern. Angst und ein leichter Ärger streckten und steiften seine Glieder. Was war denn das wieder mit Karla? ... Dachte sie denn gar nicht an ihren Beruf, ihre Laufbahn?
Gottlob behielt er seine fünf Sinne zusammen. „Närrchen!“ sagte er und küßte Karla flüchtig auf das Haar.
Sie führte rasch ein Taschentuch an die Augen, die Nasenspitze und lächelte versonnen.
„Hier ist die Luft so ... wie soll ich sagen ... so warm und brütend ... und man kann nicht den Fuß wohin setzen, ohne auf etwas Lebendes zu stoßen ... Ich glaube Ernst, die Natur hat mich gewiß zu was ganz anderem bestimmt als zu einer Primadonna.“
Altmann versuchte zu lachen.
„Etwa zu einer kleinen Bruthenne ... wie?“
„Vielleicht ...“
Peitschenknallen schlug hart in die Stille des Zimmers, durchschnitt die drohend aufsteigende Mißstimmung.
„Jetzt wollen wir aber vergnügt sein, Karla, wie? ...“
„Ja! ...“, klang es gedrückt zurück.
Als sie die luftige Steinhalle durchschritten, nickte ihnen die Nordeni zu. Sie saß mit Mariette in den Korbstühlen, und zwei schwarzhaarige Herren, offenbar Portugiesen, bewirteten sie mit Eis und Gebäck. So offensichtlich hatte die Nordeni ihre Zofe noch nicht zu ihrer Gesellschaft gezogen. Vermutlich schleppte sie die hübsche kleine Pariserin als Angelhaken mit.
Als Altmann und Karla vorüberkamen, löffelte Mariette sehr angelegentlich ihr Eis. Karla blickte über sie hinweg, hing sich nur wieder sehr augenfällig in den Arm ihres Mannes.
Die Fahrt machte Karla ein ungeheures Vergnügen. Das „Theater“ war fertig und sollte morgen nur noch mit Blumen und Teppichen ausgeschmückt werden. John Russel begrüßte Karla am Wagen und brachte ihr dann selbst ein Glas Sekt aus dem Café, denn es war nicht schicklich für Damen, die im Wagen kamen, auszusteigen und sich unter die Fußgänger zu mischen. Das gefiel Karla. Sie fand das nach langer Zeit wieder sehr „vornehm“ und hatte eigentlich das erstemal so etwas wie „Primadonnengefühle“. Sogar das ziemlich schamlose Anstarren von den Herren machte ihr Spaß. Du lieber Gott, sie +war+ eben +wer+ ... Sollte sie das nicht freuen?
Als der Wagen umkehrte, entdeckten Karlas trunkene Augen unter den Fußgängern einen großen struppigen Schädel.
„Kapelle!“ rief sie. „Kapelle! ...“ und winkte mit dem Tuch.
Kapelle grüßte mit dem verbeulten, angestaubten braunen Hut, den er in der Hand trug, ohne die glimmende Zigarre aus dem Mundwinkel zu nehmen. Aber Karla hieß den Kutscher anhalten und winkte mit beiden Händen.
„Kapelle, Kapelle! ...“
Er kam zögernd, widerwillig näher. Altmann bot ihm seinen Platz an.
„Nö ... nö! ...“
Er wollte gleich wieder fort, aber Karla hielt ihn am Ärmel fest. „Bitte, Kapelle, mir zuliebe! ...“
Er warf die Zigarre in weitem Bogen zur Seite und drückte sich in den Rücksitz. Brummig und unzufrieden sah er vor sich hin.
„Hat man Sie richtig nicht verschont mit der Promenadenschau?“ brummelte er und zupfte giftig an seinem Bart. „Schlagen Sie doch wenigstens den Schleier zurück. Wenn die Neugierde nicht mehr zu bezähmen ist, reißt Ihnen der eine oder andere den Schleier einfach vom Hut runter.“
Und gleichzeitig schlug er mit seinem Stock auf einen Mestizen, der sich auf ein Hinterrad geschwungen hatte und nun mit vorgestrecktem Arm und schlanken, braunen Fingern den Knoten von Karlas Schleier zu lösen versuchte.
Karla stieß einen Schrei aus; der Mestize sprang vom Rad und tauchte in der lachenden, laut durcheinanderschreienden Menge unter.
„Du brauchst doch keine Angst zu haben, Karla ... ich bin ja da! ...“
Altmann legte den Arm um sie, und sie drückte sich an ihn wie ein verängstigtes Kind.
Kapelle stieß die Luft durch die Nase, und seine fünf Finger hakten sich in seinen grauen Bart ein.
„Kein leichtes Brot -- der Mann einer Primadonna sein ... wie, Altmann? Schlimmer noch, als Geldsäcke hüten wie John Russel ... Ein Revolver in jeder Hand -- das langt oft nicht mal ...“
Karla beugte sich vor. Ihr Gesicht war ganz weiß geworden.
„Lieber Kapelle ... ich glaube ...“
Sie hielt ihm die Hand hin, voll unausgesprochenen Mitgefühls ...
Er sah ihre Hand nicht oder wollte sie nicht sehen.
„Glauben Sie nur ja nichts ... Alles falsch, alles Einbildung! ... Der Kutscher soll mal ein bißchen zufahren ... Von den Bergen weht es nachts kalt herunter, und wenn Sie morgen heiser sind, dann ist’s mit Ihrem Primadonnentum aus. Eine Primadonna ist hier eine Gottheit. Eine Gottheit mit einem Schnupfen -- das gibt’s nicht.“
Es lag gutmütiger Hohn in seiner Stimme. Gleich darauf rief er dem Kutscher noch etwas zu und gab ihm einen leichten Stoß in den Rücken. Dann glitt er von seinem Sitz und verschwand in der Dunkelheit hinter einem Kakteenzaun, vor dem ein paar Indianer rasteten.
Ein Frösteln lief über Karlas Rücken.
„Ist dir kalt, Karla?“
Sie schüttelte den Kopf. Kalt war ihr nicht. Nur unheimlich. Sie sehnte sich nach dem Hotel, mit seinem weißgetünchten Speisesaal und den rotverhängten Lämpchen auf den Tischen, nach ihrem Zimmer, mit dem warmen, goldgelben Licht, nach Schmerzchens Bild in dem roten Lederreiserahmen, nach den Stimmen der Kollegen, nach deutschen Lauten und nach den Armen ihres Mannes, in denen sie alles vergessen wollte, was nicht Mann und Kind war ...
-- -- -- Die Luft hatte sie müde gemacht. Die schwarzen Kellner reichten erst die übliche Poularde mit Salat herum, als ihre Augen sich schon zu schließen begannen.
In einer Ecke des Saales saß die Nordeni, in tiefausgeschnittenem Kleid, geschmückt wie ein Götzenbild, mit Mariette, die wie eine kokette Unschuld in einem weißen Kleidchen die Huldigungen ihrer zwei Tischherren entgegennahm.
Die Nordeni trank mehr als sonst. Als müßte sie einen Ärger herunterspülen oder eine Unruhe. Sie hatte sehr auf Don Pedro de Santos gerechnet, einen reichen Diamantenhändler, der ihr schon vor sechs Jahren freundliche Anerbietungen gemacht hatte. Er war ihr damals zu jung gewesen, zu abhängig von seinem Vater. Indessen war der Vater gestorben, Don Pedro wohl älter, aber sie selbst nicht jünger geworden. Sechs Jahre waren gar nichts für eine Karla König, eine Mariette -- für sie eine Ewigkeit. Die Grenzlinie, hinter der sie ihre Jugend zurückließ. Ein Funken Romantik hatte bei der ersten Ankündigung von der Wiederkehr der Nordeni Don Pedros Schritte sofort zu ihr gelenkt. Er war da, er liebte sie, er legte ihr sein Vermögen und all seine geschliffenen und ungeschliffenen Brillanten zu Füßen. Aber er blieb mitten im Satz stecken, als er Mariette erblickte.
Don Pedro de Santos hatte Freunde, denen er oft genug gefällig gewesen war, um ihnen die Aufgabe zuzumuten, sich einer erstorbenen Flamme von ihm anzunehmen, wenn sie ihm dadurch die Möglichkeit boten, einer neuen „Entdeckung“ zu huldigen.
Die Nordeni durchschaute diese Kriegslist. Sie litt. Ihr hochmütiges Lächeln verbarg nur sehr unvollkommen ihre schmerzliche Enttäuschung. Aber sie hielt sich.
Mariette tat, als merkte sie nichts. Nein ... wirklich gar nichts. Sie sprang auf und bückte sich nach dem Taschentuch, das die Nordeni öfter als nötig fallen ließ, sie stand von Tisch auf und brachte ihr das absichtlich von ihr vergessene goldene Handtäschchen, sie steckte der Nordeni eine gelockerte blitzende Nadel fester in das verschlungene Haargebäude ... sie tat das alles liebenswürdig, mit heiterem Lächeln um die blutroten Lippen, mit stets gleichbleibender Geduld und mit unnachahmlicher Anmut.
Ein Geschenk, das Don Pedro ihr eines Tages heimlich hatte zustecken wollen, wies sie entschieden zurück. Sie trug keinen noch so bescheidenen Ring, keinen Armreif, keine Nadel ... Ihre schlanken, weißen Arme entstiegen wie unschuldige Lilien dem feinen Spitzengefältel ihrer halblangen Ärmel. Keine Kette, kein Band unterbrach die bezaubernde Linie ihres Halses ...
Die Nordeni fühlte die Durchtriebenheit ihrer Koketterie -- und war machtlos. Um so machtloser, als sie niemals einen Grund zu einer Rüge finden konnte. Es war einfach unmöglich, sich tadelloser zu benehmen als Mariette.
Mariette zerlegte ihren Poulardenflügel und blickte zu Altmann hinüber, mit unschuldig dreisten Blicken, die ihm das Blut durcheinanderwirbelten.
„Wenn du müde bist, Karla ... ich bringe dich hinauf ...“
„Ach ja ...“
Sie lächelte wie ein verschlafenes Kind.
„Und du ziehst mich aus ...“
„Ja ...“
Sie mußten an dem Tisch der Nordeni vorüber. Karla ging mit flüchtigem Kopfnicken und halbgeschlossenen Augen weiter.
„Schon? Was ist denn los?“
„Meine Frau ist müde, und da sie morgen singt ...“
„Ja, natürlich ... immer ein bißchen schonen. Aber Sie kommen doch wieder herunter, lieber Altmann ... Sie kommen doch?“
Es war etwas Dringliches, fast Verzweifeltes in ihrer Bitte -- als suche sie eine Stütze, Hilfe ...
Mariette sagte gar nichts. Ihre weißen Finger mit den wie Perlmutter glänzenden Nägeln schoben das Messerbänkchen hin und her.
„Ich werde sehen ... ich kann nichts versprechen.“
„Doch, doch ... übrigens, ich vergaß, bekannt zu machen: Don Pedro de Santos, unser erster Mäcen hier ... Don Despero -- Herr Altmann, der Gatte unserer jungen Primadonna Karla König ...“
Sie warf ihren Ruhm hin, ihre Stellung, ihre Jahre. Die Herren verneigten sich stumm voreinander.
„Also Sie kommen? Wir stellen noch ein paar Flaschen kalt.“
Altmann dachte an Karla ... Wie ihr oft unheimlich war, und wie sie sich nach Menschen sehnte aus der Heimat ... Vielleicht gab es solche Augenblicke auch im Leben der Nordeni ... Er war ganz ehrlich. Er sah Mariette mit keinem Blick an. Er spürte nur etwas wie Mitleid in sich.
„Gut, ich komme“, sagte er.
Karla war schon auf der Treppe, als er sie einholte.
„Wo bleibst du denn ...“
Sie brachte kaum noch die Worte heraus, und streckte ihre Hand ins Leere.
„Du Schlafliese ...“
Er lachte und trug sie fast bis in ihr Zimmer. Er zog sie aus und deckte sie mit der leichten weißen Decke zu. Er wollte ihr sagen: die Nordeni hat mich noch auf einen Augenblick hinuntergebeten. Aber Karla schlief schon. Er wartete eine Weile an ihrem Bett, sah nach, ob auch kein Moskito mehr im Netz war, zog die Vorhänge zusammen, löschte das Licht und ging auf leisen Sohlen hinaus.
Die Nordeni konnte diesmal kein Ende finden. Und sie sprach ... sprach ohne Aufhören -- Deutsch, Französisch, Englisch ... Don Pedro antwortete zerstreut, Don Despero rauchte schläfrig eine Zigarre und sorgte dafür, daß die Gläser immer nachgefüllt wurden. Mariette flüsterte Altmann kurze, abgerissene Worte zu.
Sie war so unglücklich jetzt ... es stürmte soviel auf sie ein ... sie hatte keinen, mit dem sie sich beraten konnte ... Wenn Monsieur Altmann ihr Freund wäre, wenn ... Sie legte ihre beweglichen kleinen Hände auf seinen Arm, sah ihm in die Augen mit Blicken, die um Vergebung, um Schonung, um Verständnis und um Liebe bettelten.
Die Nordeni erzählte von ihrer Kindheit.
„Mein Vater war Direktor einer Stadtpfeiferei in einem sächsischen Nest. Wir wurden mit Prügel und Musik großgezogen, mein Bruder und ich. Als ich meine ersten zwanzig Mark verdient hatte, ging ich durch. Wenn ich zurückgekommen wäre, hätte mich mein Vater totgeschlagen. So blieb ich draußen ... ich war ein hübsches Mädel damals ... Aber leicht war’s nicht! Ich brachte es bis zum Leipziger Stadttheater ... erste Partien ... höchste Gage ... konnte zufrieden sein. Da sah ich meinen Vater in der ersten Orchesterreihe sitzen. Ganz alt war er geworden und hatte noch immer den weiten, schäbigen Rock, wie ich es nie anders an ihm gekannt hatte. Wie ich den Akt zu Ende gesungen, das weiß ich heute nicht mehr! Ich schickte ihm einen Zettel im Zwischenakt: ‚Lieber Vater, komm auf die Bühne oder zu mir in die Wohnung ... ich wohne da und da ...‘ Als der Vorhang wieder aufging, saß mein Vater nicht mehr auf seinem Platz. Ob er überhaupt im Theater geblieben ist, weiß ich nicht. Ich wartete auf der Bühne ... ich wartete zu Hause ... die ganze Nacht und den ganzen Tag durch ... und noch eine Nacht und noch einen Tag ... Er kam nicht. Ich schrieb nach Hause. Der Brief kam zurück mit dem Postvermerk: ‚Adressat verzogen. Unbekannt wohin.‘ Da freute mich Leipzig nicht mehr ... und Deutschland nicht ... Ich löste meinen Vertrag, verkaufte meine Möbel und setzte übers Wasser ... auf eigenes Risiko ... ja ... so mutig war ich damals! Vor zehn Jahren kam ich zu John Russel ... Der schleppt mich nun kreuz und quer durch Amerika ... Wenn ich nochmal nach Europa komme, dann will ich nach Hause fahren ... Vielleicht hat jetzt mein Bruder die Stadtpfeiferei ... oder ein ganz Fremder ... Auf die Menschen kommt’s mir nicht an ... aber ob das Häuschen noch steht, mit dem großen Garten rundherum und den vielen Apfelbäumen ... Die Apfelbäume möcht’ ich wiedersehen ... die! ...“
Ihr Kopf fiel auf die linke Schulter, ihre Augen blickten verschwommen geradeaus ...
Sie trank ein bißchen viel in der letzten Zeit, die Nordeni -- --
„Madame Nordeni trinkt nicht mehr“, sagte Altmann zu Don Despero, als er dem Neger ein Zeichen machte, einzuschenken.
Mariette stieß plötzlich einen kleinen Schrei aus, warf ihr Glas zu Boden, sprang auf und lief zur Tür.
Die Nordeni hatte Mühe, sich zurechtzufinden aus dem heimatlichen Apfelgarten ...
Don Pedros dunkelgefärbte Wangen hatten einen heißen, geröteten Unterton. Er blickte verlegen und erstaunt.
„Bitte, lieber Altmann ... gehen Sie Mariette nach ... ich bin so unruhig ... ich verstehe nicht ... bitte ...“
Ein einziges Mal wollte die Nordeni mit Don Pedro allein bleiben ... ein einziges Mal nur sich aussprechen ... Wenn Altmann die Kleine festhielt, ausfragte ...
Altmann erhob sich widerstrebend. In der Schwüle des Saales hatte er nicht gemerkt, wieviel eiskalten Sekt er heruntergegossen hatte. Ganz ausgedörrt war ihm der Hals gewesen von der Fahrt, der Hitze ... Er mußte sich zusammennehmen, um ganz aufrecht und sicher durch den Saal zu gehen. Altmann ging die Treppe hinauf -- Mariette war nirgends zu finden. Er ging in sein Zimmer. Die Tür zu Karlas Stube war weit offen. Leise schloß er sie, um sie nicht zu wecken. Dann tastete er sich zurück, zu seinem Bett.
Ihm war es, als preßten zwei glühende Metallplatten seinen Kopf zusammen. Die Luft erschien ihm wie ein dicker Kleister. Er erhob sich, tastete sich zum Balkon, zog den Rolladen herauf.
Er hatte Mariette und seinen Auftrag völlig vergessen. Nur eine weiche, mitleidige Regung war ihm geblieben, eine Bereitschaft zu trösten, zu helfen ... Dazu war er ja auch da ... er, der Mann, der Stärkere ...
Ganz leises Weinen schlug an sein Ohr.
Er wendete den Kopf zur Seite. An derselben Rampe wie er, in milchiges Licht getaucht wie er ... nur tief herabgebeugt über ihre weißen, schlanken Arme, stand Mariette.
„Na ... na ... was ist denn, Mariette ... was ist denn?“
Er ging auf sie zu. Er mußte ihr ja helfen ... er, der Stärkere --
Mit einer sanften, fast demütigen Gebärde ergriff sie seine Hand, legte sie an ihre feuchte -- nicht allzu feuchte Wange.