Die Primadonna

Part 28

Chapter 283,667 wordsPublic domain

Ein kurzer, zitternder Seufzer flog über ihre Lippen in die Stille des Zimmers hinein.

„Ist Mama tot?“

Ihr Stimmchen, das fein und zart war, kippte um. Nur wenn eine Mutter tot war, sahen die Kinder sie nie wieder. Das wußte sie von der Schule her. Dann kamen die Kinder in schwarzen Kleidern an und flüsterten leise: Mutter ist tot! Weinten, und die Lehrerin streichelte ihnen Wangen und Haar. Furchtbar traurig war das! Aber auch schön! Die Kinder sagten, die Mutter wäre jetzt ein Engel und schwebte ihnen zur Seite, sie zu beschützen. Das war auch traurig, aber sehr schön!

Altmann drückte das feine Köpfchen an seine Brust. Tot ... nein. Nicht einmal die fromme Lüge konnte er dem Kinde als Trost geben. Ein Bild von Karla in einer Zeitschrift ... ein Wort, das das Kind auffing ... jetzt oder später ...

„Nein, Kind ... deine Mama lebt.“

Schmerzchen kroch zum Vater auf den Schoß; sie sagte: „Dann kommt sie ... die Mama ...! Ich weiß es ... ich habe ihr einen Brief geschrieben: Liebe, liebe Mama, komm doch zu deinem Schmerzchen. -- Du wirst sehen, Papa, sie kommt ...“

Ruhig, sicher, sehr überzeugt sprach Schmerzchen. Das gab es doch gar nicht -- eine Mama, die nicht kam, wenn ihr kleines Mädchen sie rief.

„Deine Mama wird ein anderes kleines Mädchen haben, andere Kinder ...“

„Andere Kinder? ....“

So wie sie andere Puppen bekam? Neue, schönere? Sie warf dann die alten fort. So warf die Mama ihr Schmerzchen fort. Spielte nur mehr mit ihren neuen schönen Kindern? ...

Schmerzchen weinte nicht. Nur ihre kleinen, feingliedrigen Hände ballten sich zornig zusammen.

„Dann werfe ich Mama aber auch fort ...“

Es war das Ende einer langen, langen Gedankenkette. Mehr sagte sie nicht. Um keinen Preis hätte sie geweint. Um keinen Preis gesagt, wie das Herz ihr schlug .... wie die Füße ihr kalt wurden, und ihre Zähne sich aneinanderpreßten.

„So mußt du nicht ... hörst du, Schmerzchen ... so darfst du nie, nie von der Mama sprechen! Das verbiete ich dir ...“

Ihr feines Kinderohr hörte etwas heraus aus der Stimme des Vaters, was sie mit einem neuen heftigen Schreck erfüllte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, drückte sich an ihn mit aller Kraft ihres kleinen, zarten Körpers. Nun war es ganz dunkel im Zimmer, und sie hielten sich umschlungen -- ganz eng, ganz fest, der alternde Mann und sein kleines Mädchen.

-- -- -- Eingeriegelt in seinem Zimmer, beim Schein der grün beschirmten Lampe, saß Alwin Maurer und schrieb ein letztes Mal nach Wien.

„Meine liebe Karla! Ich habe mit Ernst gesprochen. Dein Wille soll geschehen -- mit aller Beschleunigung und allem Nachdruck, die Du wünschen magst. Nur eines läßt er dir sagen: Alle Brücken müssen abgebrochen sein, die von uns zu Dir, von Dir zu uns führen -- bis die Wunden geheilt und vernarbt sind. Das Kind darf in keinen Zwiespalt gebracht werden.

Dem mußt Du Dich fügen.

Ich freilich kann es kaum glauben, daß Du eine Fremde werden sollst für uns. Aber nur so allein wird es möglich sein, daß er seinen Frieden und Du ein neues Glück wiederfindest.

Da bleibt mir denn nichts übrig, als Dir zu danken für die Stunden, die ich in Deiner Nähe verleben durfte.

Die Erinnerung an sie soll hell und tröstend durch das Dunkel der kommenden Jahre leuchten.

Alwin.“

Alice Reichenberg saß mit Karla und Gaudlitz um das Bett ihres „kleinen Rudi“, der sich langsam vom Scharlach erholte, der ihn fast das Leben gekostet hätte.

Durchsichtig blaß war das blonde Knabengesicht und so zart, daß es schien, als hätten seine blaugeäderten Lider Mühe, sich unter ihrer Last zu heben. Kraftlos lagen die dünnen, langfingerigen Hände auf der roten Seidendecke. Die pflegende Schwester machte eine bittende Bewegung.

„Ja, wir gehen schon“, sagte die Mutter, neigte sich über die Stirn des Kindes und machte den anderen ein Zeichen, ihr zu folgen.

In ihrem kleinen Salon war der Teetisch gedeckt. Im Kamin prasselten noch ein paar große Baumscheite, obwohl von draußen die Sonne der letzten Apriltage an den breiten Spiegelscheiben der Fenster brannte.

Gaudlitz klemmte eine Zigarette zwischen seine starken weißen Zähne.

„Wenn wir verheiratet sind, nehmen wir dir den Jungen auf ein Jahr ab. Paß auf Alice ... wie der sich auf Pinnow herausmachen wird! Den ganzen Tag draußen -- Bücher zum Fenster ’raus ... Luft und Licht! Er kann dann auch gleich mit Karla einen Reitkursus bei mir nehmen. Skandal, daß der Bengel noch nie auf ’nem Gaul gesessen hat ...“

Fürst Reichenberg schlenderte herein, mit den kurzsichtigen Augen blinzelnd wie ein Spaziergänger.

„Ah, das ist g’scheit ... Da kriegt man ja noch eine Schale Tee ... Küß’ die Hand, Karla .... Na -- wie steht’s mit dem Buben? ... Die Schwester hat mich nicht reinlassen wollen ... er schläft, sagt sie.“

„Er schläft sich gesund!“

„Aber ja ... die Alic’ braucht gar keine solche Angst zu haben. Wir Reichenberg’schen Buben haben alle nit anders ausg’schaut in dem Alter ... waren lauter Krischperln! Das ist Familientradition. Der Professor, den wir konsultiert haben, der hat auch g’sagt: Wenn der Bub erst über’s zwölfte Jahr hinaus ist, dann ist überhaupt keine Gefahr mehr ....“

Reichenberg stellte sich an den Kamin, klopfte eine Zigarette auf den Daumennagel auf, lächelte ein bißchen ironisch. „Will’s gern glauben, der Hansel und die Karla -- das gibt schon ein anderes G’schlecht. Mordsbuben werden das sein.“

Vor vier Wochen war Karlas Ehe gerichtlich geschieden worden. Die Blätter hatten sich der Nachricht bemächtigt. Eine große, dichte Staubwolke war um sie herum aufgeflogen.

Wieder prangten Karlas Bilder auf der ersten Seite aller illustrierten Blätter. Einige hatten in ihren Archiven noch ein Bild von Gaudlitz, von seiner Sportzeit her. In Medaillenform, sinnig von einer Zeichnung umrankt und geeint, wanderten nun ihre beiden Bilder in Cafés und Gasthäusern, in Lesezirkeln und an Zeitungsständern von Hand zu Hand.

Trotz der Geheimnummer stand die Telephonklingel weder bei Reichenbergs noch bei Karla still. Anfragen, Glückwünsche, Blumen, Depeschen, Briefe prasselten in Sturzwellen auf Karla herab. Der ihr geltende Applaus in der Oper steigerte sich jedesmal zu nicht enden wollenden Huldigungen. „Hierbleiben! ...“, „Hierbleiben!“, brauste es vom „Paradies“ herunter bis zum zweiten Rang. Vor dem Bühneneingang hielten Schutzleute die Ordnung aufrecht. Deutsche Höfe, an denen sie gesungen, sandten Orden, goldene Medaillen, in manchmal verspäteter Anerkennung der Verdienste. Russel kabelte: „Verstehe und gratuliere!“ Kapelle kabelte: „In Größe und Schönheit abgehen das Beste. Hätte nur gern noch einmal Ihre Stimme gehört.“

Nur der Papa aus der Schillstraße krähte zornig herüber: „Also doch! Meinetwegen -- Glückwunsch!“

Der eigensinnige alte Papa! Dem mußten sie beide noch mal richtig den Kopf zurechtsetzen!

Über die Trauung wurde jetzt wieder gesprochen. Wo sie stattfinden sollte vor allem. Reichenberg war für Wien, Gaudlitz für Pinnow. Alice Reichenberg bestand auf Wannsee.

„Im Musiksaal, da wo ich Karla zuerst singen hörte, da wo ich sie liebgewann und es mir zuerst denken konnte, daß ....“

„So?“, unterbrach Gaudlitz. „Dann müßte die Trauung im Tiergarten sein ... da hab ich mir’s zuerst gedacht ... und ich bin doch der Maßgebende!“

Karla lehnte ihren hübschen runden Kopf an Gaudlitz’ Schulter, ihre großen, leuchtenden Augen starrten in die Kaminglut. Gaudlitz’ Herz schlug ruhig und stark, im gleichen Rhythmus mit dem ihren, und ihr beider Blut sang das gleiche Lied einer reinen, frohen Liebe.

„Wannsee wäre schön“, sagte sie verträumt ...

Ganz schattenhaft drängte sich ihres Kindes zartes Gesicht in die jubelnde Seligkeit ihres Empfindens ... aber nur wie aus weiter, nebelhafter Ferne. Sie preßte ihren Kopf fester an Gaudlitz’ Schulter ...

Hier war die Gegenwart ... Hier war ihr Leben ... ihre Zukunft. Das andere mußte vorbei sein .... für immer ... „bis die Wunde vernarbte.“

„Also Wannsee. Einmal muß ich auch nachgeben.“ --

Alice war immer glücklich, wenn der Bruder im Frühjahr nach Wien kam. Dann ergriff sie jedesmal die Gelegenheit zu langen Wanderungen über die Berge. Es traf sich gut, daß Karla acht Tage nicht beschäftigt war. In kurzen Lodenröcken, den Mantel über den Rucksack gerollt, den Bergstock in der Hand, mit nägelbeschlagenen Schuhen, so traten Alice Reichenberg und Karla in Begleitung von Gaudlitz ihre Wanderschaft an. Die vielen Zufälle, Beschwerden, Überraschungen und Unbequemlichkeiten, die ständige Nähe und das Aufeinanderangewiesensein, die eine solche Wanderschaft bedingte, hatte Alice immer Einblick gewährt auch in die verschlossenste Seele. Wenn nicht für den Bruder, so doch für sie selbst waren diese Tage gleichsam ein letztes Überprüfen.

Sie zerstörten ihre letzten heimlichen Bedenken. Und als sie zurückkehrte, sagte sie zu ihrem Mann: „Die zwei Menschen hat der liebe Herrgott in seiner schönsten Laune für einander erschaffen!“

In Karla aber hatten diese Tage ein neues, starkes Zusammengehörigkeitsgefühl geweckt, ihrem Glücksempfinden ein tiefes, bewußtes Rechtsgefühl gegeben.

War es noch vorgekommen, daß sie manchmal mit leisem, uneingestandenem Schreck daran dachte, ihrer Kunst für immer zu entsagen, so hatten diese Tage alles gleichsam gelöscht, was sich nicht auf Gaudlitz beziehen konnte, und mit jedem Tage wuchs in ihr das Bedürfnis, auch äußerlich, und zwar so rasch wie möglich alles zu beseitigen, was trennend zwischen ihr und ihm lag -- wäre es auch nur die Trennung eines Gedankens.

-- -- Karlas erster Weg, als sie nach Wien zurückkehrte, war der zum Intendanten der Oper. Sie bat ihn, auf ihre letzten Auftrittsabende zu verzichten. So gewogen er ihr war -- davon wollte er nichts wissen. Am selben Tage noch fuhr Karla nach Baden. Und -- was ihr auf dem geraden Wege nicht gelungen war, erreichte sie durch Fürsprache der hohen Frau, die ihre Gründe würdigte und verstand.

An diesem Nachmittag kutschierte Fürst Reichenberg seinen berühmten Viererzug nach der Kreau hinaus. Im Wagen saßen Karla und seine Frau. Neben dem Wagen, auf einem feurigen Hengst, den Reichenberg wohl in seinem Stall hielt, aber nie bestiegen hatte, ritt Gaudlitz.

„Donnerwetter ... der Gaul macht einem was zu schaffen ... der muß mal tüchtig in Arbeit genommen werden!“

Die Frauen sahen ihm die Freude an, an dem Kampf mit dem edlen Tier.

„Ist er nicht doch zu wild?“ fragte Alice Reichenberg.

„Der? Den reite ich noch für Karla zu, wenn’s drauf ankommt!“

Er sprengte lachend davon, ein Bild der Gesundheit, Kraft und Kühnheit. Karlas Blicke folgten ihm in strahlender Bewunderung.

„Wann dir der Bleß so g’fallt -- wegen mir kannst ihn mitnehmen. G’schenkt“, sagte Reichenberg, als sie in der Glasveranda bei der „Jause“ saßen.

„Sehr freundlich. Aber wenn du ihn verkaufen kannst --“

Reichenberg machte eine Grimasse.

„Bin ich ein Pferdehändler?“

Es gehörte zu den Familientraditionen der Reichenbergs, nichts zu verkaufen, was ihnen einmal gehörte -- weder ein Haus, noch ein Pferd, noch ein Grundstück.

„Na .... schön -- des Menschen Wille .... Angenommen. Danke. Paß auf, Karla ... wie ich dir den ... Bleß zureite ... lammfromm wird er ....“

Sie lächelte ihn an, mit ihren strahlenden Augen, ihren blitzenden Zähnen.

Und als Gaudlitz abgereist war, zur letzten Trennung vor dem ewigen Bund, da sah sie ihn immer vor sich, wie er auf dem wilden Hengst einhersprengte, ihm seinen Willen aufzwang mit ruhiger Kraft und lachendem Blick. --

-- -- -- -- Der Mai neigte sich dem Ende zu.

Die Wände in Karlas Wohnung waren kahl -- alle Bilder und Kunstgegenstände in Kisten gepackt, ebenso die Bücher und Noten. Die Möbel waren bereits an einen Händler aus der Vorstadt verkauft worden, standen nur noch bis zu Karlas Abreise an ihren alten Plätzen. Nur der Bösendorfer Flügel sollte mit den Kisten zugleich nach Pinnow geschickt werden. So nahm Karla nichts mit hinüber in ihr neues Leben als ihre allerpersönlichsten Erinnerungen.

Karla zerriß summend ein paar Visitenkarten, die sich noch auf einer Schale vorgefunden hatten. Da klingelte es. Heftig. Zweimal, dann zum dritten und vierten Male.

„Herrgott ... ist das eine Art!“

Ärgerlich ging Karla selbst öffnen.

Draußen stand Reichenberg.

„Sie ... Rudi? Und Sturmläuten ... was ist denn los?“

Reichenberg stand, entsetzlich lang, schmal und vornübergebeugt mit dem Rücken gegen die der Hitze wegen halbverhängten Fenster. Sie konnte sein Gesicht nicht gut erkennen, aber es fiel ihr auf, daß er vor ihr dastand nicht lässig, wie es sonst wohl seine Gewohnheit war, sondern gleichsam erdrückt.

„Was ist denn, Rudi? Ist zu Hause bei Ihnen was geschehen? Was ist Ihnen?“

Er sprach noch immer nicht. Hob nur die lange, magere Hand und ließ sie wieder fallen, als könne er ihr Gewicht nicht halten ...

„Der Junge ....“

Es kam flüsternd, zögernd von Karlas Lippen.

Er schüttelte den Kopf. Sie schrie auf.

„Alice!“

Streckte die Hände von sich, packte ihn am Arm, zog sich an ihn heran, weil die Füße ihr den Dienst fast versagten, bohrte ihre Augen in sein -- wie sie jetzt erst sah -- leichenfahles Gesicht.

„So reden Sie doch ... reden Sie ... was ist mit ihr ... was? ...“

„Alice .. ist es .. auch nicht .. Der Bruder .. der Gaudlitz .. Ja, um Gottes willen .. schauen’s mich nit so an .. Er ist .. ich hab ein .. ein Telegramm ... vor einer Stunde .. Herzschlag .. beim Baden .. nach dem Reiten ... Den Bleß hat er g’ritten ... Ich habs g’wußt ... erschießen lassen hätt ich das Vieh sollen ... hat ihn abg’worfen ... Da ist er halt voll Wut losg’schwommen ... wollt’ sich abkühlen, und dann -- -- dann haben’s ihn eben noch im letzten Augenblick mit’m Boot g’holt ... Aber im Boot gleich ... ist er dann -- ja -- also gleich darauf im Boot ... Das Telegramm ist aus Wannsee .. vom Baron von Rahn unterzeichnet .. ein Bekannter aus dem Automobilklub. Der war wohl gerade dort ... wie das g’schehn ist -- --“

Reichenberg hätte noch lange sprechen können ... sehr lange ... Daß er’s tat, wußte er kaum ... Die Worte sickerten ihm über die Lippen wie Blutstropfen .. schwer, heiß ... Er wußte viel, auf wen sie herabfielen. Er stierte vor sich hin, ohne zu sehen. Wußte wohl auch kaum mehr, daß er zu Karla sprach ... Nur wie er vortreten wollte, weil er doch nicht ewig so vor sich herreden konnte -- da stieß sein Fuß an etwas, das ihm im Wege lag -- --

Ohne einen Laut -- wie gefällt von einem Streich -- war Karla umgesunken. Sie lag besinnungslos auf dem halbzusammengerollten Teppich, inmitten von offenen Kisten und halbgefüllten Koffern, von zerrissenen Briefen, Karten und alten Theaterzetteln. -- --

Im Spätnachmittag, in seinem Schachklub -- den grauen Zylinder auf dem weißen Lockenkopf, den dünnen Stock mit dem Goldknauf unterm Arm, blätterte der Papa noch rasch die Abendzeitung durch.

„Wie denn ... was denn ...?“

Er rieb sich die Augen ... die konnten auch früher Licht machen in der Bude! ... die Buchstaben waren ja kaum noch zu unterscheiden. Er trat ans Fenster, setzte sich an das Ende der langen weißen, mit Schachbrettern bedeckten Tischreihe, den Stock zwischen den Knien .... straffte das Blatt auseinander, als hinderte ihn der Bug der Zeitung am Lesen.

Und dann spürte er ein Kribbeln in den Armen, einen infamen Hustenreiz im Halse .... schnappte nach Luft, ließ das Blatt auf den Tisch fallen, zündete ganz grundlos ein Streichholz am Ständer an, blies es wieder aus.

„... Tja ... meine Herren ... es wird Sie interessieren ... Graf Gaudlitz ... jawohl ... unser Mitglied ... das heißt, ich weiß nicht ... ist er noch Mitglied bei uns ... tja ... so ...“

Er suchte Zeit zu gewinnen ... die Stimme wollte nicht recht parieren ... Zum Kuckuck noch mal ... war er ein altes Weib? ... Er räusperte sich.

„Tja ... also ... ein Unfall beim Baden ... Zuvor geritten -- heiß -- naß -- ins kalte Wasser ... tja ... Herzschlag -- tot ...“

Sie standen alle von ihren Schachbrettern auf.

Der Papa stopfte das Blatt in seine Rocktasche, als ob es nicht auch zu Hause auf ihn wartete neben seinem Teller. Aber er wußte offenbar nicht recht, was er tat.

Das Gemurmel rings um ihn herum weckte ihn gleichsam wieder auf.

„Tja ... meine Herren ... ein Mitglied ... er hat viel getan für den Klub ... Ich denke, meine Herren .. ich denke, wir heben die Sitzung heute auf -- sein Andenken zu ehren ... tja ... Ich erbiete mich ... als Delegierter ... den Kranz zu besorgen -- und bei der Beerdigung ... tja ... Ich glaube doch ... ich bin der Nächste dazu ... Hier als ältestes Mitglied ... ja -- und dann .... auch so, meine ich .... ’n Abend, meine Herren ....“

Er hatte Haltung. Hatte es gelernt, sich mit Grazie und Anstand allen Lagen des Lebens gegenüber zu behaupten. Er ging gerade, den Arm mit dem Stöckchen zierlich gespreizt. Ging schnell und immer schneller ... wand sich zwischen den Fußgängern hindurch wie ein Aal, ohne wen anzustoßen, ohne gestoßen zu werden, den kleinen goldenen Knauf wie in Abwehr von sich gestreckt.

Am Brandenburger Tor erst bestieg er einen Wagen, fuhr nach Hause.

Der Abendbrottisch war gedeckt. Er stellte seinen grauen Zylinder heftig auf den Schachtisch, legte das Stöckchen daneben, warf die verdrückte Zeitung vor Pauline hin. „Lesen Sie. Zweite Spalte links. Personalnachrichten. Links, zum Kuckuck nochmal ...“

Pauline las. Alles fing an zu zittern an ihr.

„Du lieber Gott ... Du lieber Herr im Himmel ... die arme .. die arme junge Frau! Die arme Frau! ..“

Kürzer als sonst und schweigsam war die Mahlzeit. Pauline goß dem Tee ihres Herrn unaufgefordert zwei Löffel Arrak bei. Da konnte der Doktor reden, was er wollte. „Trinken Sie, Herr König, trinken Sie tüchtig ...“

Und der Papa trank. Und in sein weißes, rosiges Gesicht unter den weißen Locken stieg das Blut erwärmend und belebend auf. Seine blauen Augen, die ganz tot und leer geblickt hatten, hatten wieder ihren alten stählernen Glanz. Und schließlich holte er eine feine Zigarette aus seinem fast damenhaft kleinen Döschen und stieß behaglich ringelnde blaue Wolken vor sich hin.

Und während er den schwebenden Kringeln folgte, die sich aus der Helle stahlen und sich im Dunkel auflösten, sagte er:

„Ich will Ihnen was sagen, Pauline, Sie müssen nur nicht gleich wieder losheulen. Sie wissen doch, daß ich das in den Tod nicht leiden kann! Also ich meine so: Fragt sich noch, ob der Tod dieses Mannes ... wirklich so ein großes Unglück für meine Tochter ist. Fragt sich noch! ....“

„Aber Herr König ....“

„Ta ta ta ... Pauline. Was wissen Sie von uns Künstlern! Nicht +das+ wissen Sie!“

Er knipste seinen Nagel.

„Sie sehen nur Kritiken, Schleifen, Blumen, Geld ... Ehren ... Und wenn’s viel davon gab, dann glauben Sie, nun wär’s genug. Falsch, Pauline ... ganz falsch. Unsereins hat nie genug -- nie. Bis zum Ende nicht. Sie glauben vielleicht, daß ich zu bedauern bin, weil ich Geld verdiene damit ... nö ... nö ... Aber -- weil es doch ein bißchen was ist von früher! Weil ich mich jung fühle, wenn ich noch in Stuhlhöhe aufspringen kann, verstehn Sie? Weil ich mich leben fühle, wenn ich sehe, wie die jungen Grasaffen mir nacheifern, weil alles, was von mir auf sie übergeht, wieder auf mich zurückstrahlt ... tja ... gewissermaßen ... weil, wenn ich einen zwischen die Hände kriege, der was lernt von mir, ich mir einbilde, daß seine Grazie meine Grazie, sein Können mein Können, sein Glück mein Glück ist. Meine Tochter ist ja noch jung. Die braucht noch nicht in ihren Schülern aufzuleben ... die kann noch selbst ... die hat das Glück noch ganz allein ... aus sich heraus ... Na, was ist denn, Pauline -- was glotzen Sie mich an?“

Und weil Pauline nicht antwortete, sondern nur ihre hübschen verweinten Augen zur Decke hob, als wollte sie ihren lieben Herrgott zum Zeugen anrufen gegen die lästerlichen Reden ihres Herrn -- da warf der Papa, obwohl er wußte, daß Pauline ihrerseits das „in den Tod nicht leiden konnte“, seine Zigarette in das halbgeleerte Teeglas, rollte seinen Schachtisch in den Lichtkreis der Hängelampe und stellte mit ärgerlichem Nachdruck die Figuren auf. -- -- --

-- -- -- Karla wankte zwischen Alice und Fürst Reichenberg hinter dem Geistlichen her, der die sterbliche Hülle des Grafen Hans Joachim Gaudlitz der Erde übergab.

Hinter den Dreien, als erster der langen Kette der Trauergäste, schritt der ehemalige Tänzer.

Er hielt mit Würde und Anmut einen großen Kranz, auf dessen schwarzen Schleifen in Gold aufgedruckt war: „Der Berliner Schachklub seinem treuen Mitglied“. Aber dem Ordner hatte er zugeraunt, daß er der künftige Schwiegervater des Verstorbenen wäre und ein Recht hätte, als erster hinter den nächsten Leidtragenden zu gehen.

Daß die Vertreter der vornehmen Klubs ihm mit ihren Kränzen folgen mußten, weckte nur in den ersten Sekunden eine kleine boshafte Freude in seinem Herzen.

Aber „das Mädel“, die Karla, wollte er nicht aus dem Auge verlieren. Zum Donnerwetter ja ... er war doch schließlich der einzige, der wirklich zu ihr gehörte! Sehr nett .... die Reichenbergs .... aber verwandt .... nee ... verwandt war sie nicht mehr mit ihnen. Die kehrten zurück nach Wien in ihr fabelhaftes Palais ... Karla hatte dort nichts mehr zu suchen .. Das wußte sie auch ebensogut wie er. Mit der „Fast-Verwandtschaft“ renommierte sie nicht. Die Welten waren wieder geschieden ... reinlich getrennt durch diesen Tod.

Armes Mädel! Pauline hatte recht. Aber ... na ja ... wie alt war sie denn eigentlich? Noch nicht fünfunddreißig. Da fingen andere erst an, die ersten großen Lorbeeren einzuheimsen. Und sie .... Nur die Hand brauchte sie auszustrecken ... nur einen Ton zu sagen brauchte sie, und zwei Weltteile stritten sich um sie ... Das würde sie schon einsehen ... mit der Zeit ... Wenn nur die Reichenbergs ihr nichts einredeten! Sicher war man nie mit diesen Leuten.

Karla weinte während der Beerdigung nicht. Nur ihr Körper schauerte zusammen, wie im Fieber.

Die Erde kollerte dumpf aus unzähligen Händen in das offene Grab.

„Komm mit uns, Karla“, sagte Alice Reichenberg.

Karla schüttelte den Kopf.

„Laßt mich ... ich kann nicht ... Nach Wien fahren, jetzt ... ihn allein lassen, hier unter der modernden Erde ... Fahrt nur, Ihr zwei ... fahrt, Ihr Guten ...“

Sie lehnte an einen Baum, faltete die Hände. Ihre Augen baten: Laßt mich allein mit ihm .... einmal allein.

Alice drückte sie an sich, in einem letzten fassungslosen Aufschluchzen.

Reichenberg murmelte: „Sie wissen, Karla ... unser Haus gehört Ihnen -- immer ....“

Sie antwortete nicht. Rührte sich nicht. Erduldete die Umarmung der Freundin, den Handkuß Reichenbergs.

Ein feiner, warmer Sommerregen spritzte aus dem Hellgrau des Himmels herab durch die Zweige der Bäume.

Wie durch einen beweglichen Schleier getrennt, standen die drei Menschen am offenen Grabe, wie durch einen Schleier sah Karla ihre Gestalten den Bäumen entlang gleiten -- gebeugt, mit schleppenden, unsicheren Schritten.

Als nichts mehr von ihnen sichtbar, das letzte Ende des schwarzen Trauerschleiers zwischen den Sträuchern wie ein dunkler Hauch verweht war, fiel Karla mit dem Gesicht auf die Erde, krallte ihre Hände in den nassen Sand, erstickte die Schreie ihrer verzweifelten Seele in den Blumen und Kränzen, die ihr bis zum heutigen Tage nur ein Sinnbild frohen Lebens gewesen ....

Vor dem Friedhoftor pendelte der kleine Tänzer auf und ab.

„Ich bitte Sie, lassen Sie sie nicht allein ... auch im Hotel nicht ... bitte, Herr König ...“

Der Papa verneigte sich tief vor der schluchzenden Fürstin, geleitete sie bis zum Trauerwagen, half ihr einsteigen, mit höflicher Grandezza.

„Ich bitt’ Sie, Herr König, ... geben’s acht auf die Karla. Wir hab’n sie ja alle so gern g’habt.“

„Ge--habt“, wiederholte innerlich der Papa, drückte aber auch Reichenberg sehr mitfühlend die Hand. Er nahm den Zylinder ab, und der Regen näßte seine silberigen Locken. Er lächelte fast, als der schwarze Kasten sich langsam in Bewegung setzte.