Die Primadonna

Part 27

Chapter 273,765 wordsPublic domain

Siebentausend Mark .... Es war eine Summe auch für sie. Der vierte Teil von dem, was sie sich erspart hatte. Ihr Taschengeld wenigstens wollte sie in die neue Ehe einbringen, wenn sie alles abzog, was sie noch anzuschaffen, nach Berlin abzuführen hatte ....

Dieser abscheuliche, nichtsnutzige Bengel!

Es war mittlerweile elf Uhr geworden, und sie hatte kaum Zeit gefunden, die ersten Tonleitern zu singen, als es läutete, und das Mädchen Herrn Leutnant Maurer meldete.

„Bitte ...“

Aber er stand schon da -- mit einem großen Rosenstrauß in der Hand, der Strolch -- --

„Die Blumen hättest du dir schenken können unter den Umständen“, sagte sie als Begrüßung.

Er stotterte.

„Verzeihung ... aber ... Donnerwetter ja ...“

Bildhübsch sah er aus in seinem dunklen, flott geschnittenen Zivilanzug.

Fatale Situation war das ... Eine Tante anpumpen -- machten alle. Waren dazu da, die Erbtanten. Aber -- das war ja keine „Tante“ ... das war eine entzückende, junge, berauschende Person, eine ... Nein, wie hatten ihn nur die Weiber zu Hause rumgekriegt. Hundertmal lieber ein Kugel, als vor dem Weib dastehn wie ’n dummer Junge, sich seine Schulden von ihr bezahlen lassen und nicht mal ’n paar Rosen bringen dürfen ....!

Er streckte sich. Immer wieder flackerte ein junges, helles Rot auf seiner Stirn auf.

Sie nahm ihm die Rosen aus der Hand, legte sie ein bißchen ärgerlich und doch behutsam auf den Flügel.

„Ist schon gut, Fritz, +die+ Angelegenheit wäre erledigt ... Mir scheint, dich führt etwas Ernstes hierher, und es wäre an der Zeit ....“

Er streckte bittend die Hände vor. Nein, nur nicht gleich von dem verdammten Gelde .... nicht gleich im ersten Augenblick! Am liebsten überhaupt nicht mit einer schönen jungen Frau von Geld sprechen ... Gut, daß er die Uniform nicht anhatte. Auf und davon gelaufen wäre er ... im Hotel totgeschossen hätte er sich auf der Stelle!

Karla sah ihn von der Seite an, und er tat ihr leid, der große dumme Junge, mit den verworrenen Begriffen.

„Nun ist’s aber genug, Fritz, mit all dem Unsinn. Deine Mutter hat mir geschrieben. Du hast siebentausend Mark Schulden ....“

Fritz sprang vom Sessel, auf den sie ihn gedrückt hatte.

„Was -- siebentausend Mark?! Ist ja gar nicht wahr! Fünftausenddreihundert sind es .. keinen Pfennig drüber! Fünftausend in zwei Wechseln ... bekommen habe ich nur dreitausend in Wirklichkeit .... aber das kostet ja was, das verdammte Geld .... das kostet was ....“

So hatte also Adele vorsorglich die Summe vergrößert. Karla sah ihm in die Augen, gütig und ernst.

„Kann ich dir glauben, Fritz?“

Sie erschrak, weil er plötzlich vor ihr niederfiel und ihre Hand ergriff.

„Liebe, schöne, gute Frau ... Du ...“

Seine Schultern zuckten.

„Fritz, was soll der Unfug ... Fritz! ...“

Aber es war gar kein Unfug. Daß die Tante ihm helfen würde, hatte er im letzten Grunde selbst gehofft, aber daß sie, die so jung und schön und gefeiert war, ihn fragte, wie eine Mutter fragt: Kann ich Dir glauben, Fritz? -- das hatte ihn überwältigt.

„Du kannst mir glauben ... Auch daß ich keinen Wechsel mehr unterschreibe, kannst du mir glauben. Eher ziehe ich den bunten Rock aus ... ja ... Wenn’s sein muß -- ziehe ich ihn aus ... arbeite ...“

Sie strich ihm sanft über den hellen, blonden Scheitel. Was wurde aus ihm, wenn er den bunten Rock auszog?

Sie saß jetzt auf dem Sessel. Er hatte sich ihr zu Füßen auf dem Teppich niedergelassen, spielte mit ihrer langen Kette, an der ein goldenes Börschen hing, und küßte von Zeit zu Zeit ihre Hand, die ihm über die Haare strich. Aber nun fragte sie, was er denn arbeiten wollte. Das war eine ganz knifflige, ganz unbequeme Frage ... und wieder stotterte er.

„Ja ... ich arbeite eben ...“

Sie neigte sich über ihn.

„Würdest du Lehrer werden wollen, wie dein Vater?“

Aber sie deckte gleich die Hand über seine Augen, da sie das Grauen sah, das ihr entgegenblickte.

„Nein .... das wäre wohl nichts für dich .... Bankbeamter?“

Sie hatte Verbindungen. Wenn er wollte -- er könnte gleich eintreten. Und wenn er tüchtig war. -- Mit den Jahren, als Prokurist, könnte er es auf zwanzig-, auf dreißigtausend Gulden bringen!

Er zerrte an der Kette.

„Muß es denn sein ....?“

Sie schüttelte lachend den Kopf.

„‚Muß?‘ Nein, Fritz, ich weiß schon, das alles ist nichts für dich. Du mußt eben bleiben, was du bist -- da hilft nichts. Mußt die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, bis ein Glücksfall dir in den Schoß fällt. Nur Schulden machen darfst du nicht mehr ...“

„Ich laß mich versetzen“, sagte er kurz. „Zur Schutztruppe ... da kriegt man doch was zu tun! Da weiß man doch, wozu man den Degen an der Seite hat ...“

Er stand erregt auf.

„Seit einem Jahr halten mich die Schulden fest. Hundertmal, wenn ich zu spielen anfing, sagte ich mir: Wenn ich heute Glück habe, dann Schluß mit allem hier -- dann raus. Ich spüre doch Kräfte in mir, Kräfte, die ich anders umsetzen möchte als nur im Drillen der Kerls und im Herumhopsen in reichen Häusern. Ich könnte doch was leisten ....“

„Das wirst du auch, Fritz ... hier meine Hand.“

Seine jungen Augen leuchteten auf, und stürmisch riß er Karlas Hand an seine Lippen.

„Papa hat Recht ... Du bist der beste, der vornehmste Mensch ...“

Sie unterbrach ihn lächelnd.

„Schon gut, Fritz ... mach’ ihm nur Freude, mehr verlange ich nicht. Er kann’s brauchen!“

Sie nahm die Blumen vom Klavier. Drohend erhob sie den Finger: „Aber ein andermal ....“

Sie stockte, weil sie sein Gesicht sah, das ganz verlegen und rot geworden war.

„Na ....? Etwa noch nicht bezahlt?“

Er nickte hastig.

„Doch ... ja ... gewiß bezahlt ... aber nicht von mir -- Herrgott nochmal -- das ist ein ganzer Roman ... das ist ... Und die Kleine sitzt im Café und wartet auf mich ... Donnerwetter ja ...“

Karla machte entsetzte Augen.

„Was für eine ‚Kleine‘ .... Was ist denn das schon wieder? Was fällt dir denn ein, Junge ....“

„Mir ... mir ist eben gar nichts eingefallen ... oder doch, ja ... Mir ist eingefallen, daß sie warten sollte, bis ich fertig war ... bis meine Angelegenheit erledigt war ... Das ist doch wichtiger ... nicht wahr ... als wenn du ihr sagst: Sie können Sängerin werden oder nicht!“

„Wer soll Sängerin werden? ... Was hat das mit dir zu tun? ... Höre, Fritz, ganz ernsthaft, wenn du wieder eine Dummheit gemacht hast .... Ich mische mich da nicht hinein .. bitte, mich dabei aus dem Spiel zu lassen!“ Nun riß ihr doch der Geduldsfaden.

Aber Fritz streichelte ihre Hände. „Laß mich doch nur erzählen ... hör doch nur zu ...“

Eine Geschichte war das -- die konnte natürlich nur wieder ihm passieren! Gestern im Zuge ... schubst da der Schaffner eine junge Dame in sein Nichtraucherabteil. Ein junges Mädchen mit nur einem kleinen Reisetäschchen. Sie schläft nicht -- er schläft nicht. Er faßt ab und zu nach seinem Revolver -- sie stößt ab und zu zitternde Seufzer aus. Ein paar Worte werden ausgetauscht. Dann schlägt er die Hälfte des blauen Vorhanges von der Deckenlampe zurück. Große Überraschung. Sie kennen sich von ein paar Bällen her. Famose Tänzerin. Vater preußischer Kommerzienrat, großes Tier in der Industrie -- nur zwei Kinder. Einen Sohn und diese Tochter .. Margot Laurin. „Wohin, Herr Leutnant?“ .. „Nach Wien. Und Sie, gnädiges Fräulein?“ ... „Auch nach Wien.“ ... „Zu Verwandten?“ ... „Nein.“ .. „Zu Bekannten?“ ... „Nein.“ Bittende Augen, erschrecktes Umsichblicken. Endlich beichtete sie: sie ist durchgebrannt -- heimlich. Niemand zu Hause weiß, wohin! Sie will zur Bühne -- verrückt. Aber sie will durchaus. Träumt davon, Opernsängerin zu werden. Wird es durchsetzen -- ganz bestimmt. Dabei laufen ihr jetzt schon die Tränen über die Wangen. Hat einfach Bammel! Höllischen Bammel! -- „Und Sie, Herr Leutnant?“ ... „Ich auch sozusagen -- durchgebrannt, nur mit Wissen und Erlaubnis meiner Vorgesetzten!“ ... „Warum?“ ... „Schulden“ ... „Viel?“ ... „Schauderhaft: fünftausenddreihundert Mark!“ Sie lacht sich tot. Er beleidigt, zieht sich in seine Ecke zurück. Wie er hinüberblickt -- wieder Heulerei. Und hübsch ist sie! -- -- Wangen ... zum Reinbeißen, und blondes Wuschelhaar, das in tausend Löckchen um sie herumflattert. Und angezogen ... totschick! Und Füßchen hat sie ... lächerlich, einfach! „Also, gnädiges Fräulein -- Bühne, Blödsinn für Sie! Gar nicht zu machen!“ Sie will ihm fast ins Gesicht springen vor Zorn. „Ich werde mich prüfen lassen!“ ... „Von wem denn, bitte?“ ... „Von Karla König“ ... „Das ist meine Tante -- zu der fahre ich gerade!“ ... „Ihre Tante?? Ach, lieber Herr Leutnant .... dann werden Sie mir helfen. Vielleicht empfängt sie mich gar nicht, wenn ich so einfach heraufgehe ... aber wenn Sie ...“

„So haben wir uns dann die ganze Nacht von dir unterhalten. Ich versprach ihr alles, was sie wollte. Sie sollte mich nur vorgehen lassen ... ‚Ach so‘, meinte sie. ‚Ihre Tante soll wohl Ihre Schulden bezahlen?‘ ... Das war frech. Aber -- schlagen kann ich mich doch nicht mit ihr, nicht? Sie stürzte bei der Ankunft gleich in einen Blumenladen und kaufte einen Strauß für dich. Den sollte ich dir bringen, um dich günstig zu stimmen ... Was sich so ein kleines Mädel einbildet -- nicht wahr? Ich denke auch nicht daran, dich günstig zu stimmen. Sie hat keine Spur von Talent -- mein Wort -- ich kenne mich aus! Und sie singt ... wie’n Vogel in der Mauser, sage ich dir .... Rede ihr das nur aus mit der Bühne ... es ist Quatsch. Heiraten soll sie! ...“

Karla unterbrach lachend.

„Dich -- was, mein Junge? Mit deinem geladenen Revolver und deinen Schulden?“

Er sah sie von unten herauf an, während wieder ein helles Rot über seine Stirn huschte.

„Wenn du mir die Schulden abnimmst -- den Revolver lege ich dazu ....“

„Kindskopf. Und das will ein Herr Leutnant sein. Lauf’ ... hol’ mir das Mädel herauf ... wir telegraphieren dann gleich an ihre Eltern.“

Und während Fritz Maurer Hals über Kopf aus der Wohnung lief, die Treppe hinunter und ins Café, wo eine blonde, junge Berlinerin sich mit bangem Herzklopfen die Folgen ihres tollen Streiches ausmalte, lachte Karla ihr warmes junges Lachen.

Und dann brachte der Fritz ihr seine hübsche Reisegefährtin. Ganz verschüchtert stand sie plötzlich vor der großen Künstlerin und ließ sich sagen, daß ein hübsches Gesicht und eine niedliche Stimme noch keine Künstlerin ausmachen.

„Eine Handlangerin allenfalls, die ein Handwerk erlernen kann mit sehr viel Fleiß ...“

Wollte sie es darauf ankommen lassen?

Margot Laurin schüttelte den Kopf. Nein ... Dann wollte sie verzichten ... so bitter es sein mochte ... so sehr sie sich auch schämte -- vor den ihrigen daheim ...

Fritz Maurer stellte sich breitbeinig auf, sehr selbstsicher.

„Ach was, gnädiges Fräulein ... sich mal recht von Grund aus schämen ... das ist ganz gesund! Das nimmt einem die Lust, wieder Dummheiten zu machen ...“

Und Karla sah, wie die beiden jungen Menschenkinder einander ansahen mit einem Blick, in dem schon mehr lag als nur flüchtiges gegenseitiges Gefallen.

„Donnerwetter ja ... gnädiges Fräulein ... wir zwei haben was durchgemacht in diesen vierundzwanzig Stunden ... das verbindet, wie?“

Ein Frechdachs war er. Die Welt gehört ihm -- seit er die Schulden los war.

Karla setzte die Depesche auf an den Kommerzienrat: „Ihre Tochter war bei mir zur Prüfung ihrer Stimme. Öffentliche Laufbahn ausgeschlossen. Trifft morgen Frühzug Berlin ein. Karla König“.

„Füge hinzu: ‚Unter dem Schutze meines Neffen, des Leutnants Fritz Maurer‘“, sagte Fritz, über ihre Schulter blickend.

Das Kommerzienratstöchterlein lachte jetzt fröhlich auf.

„Nicht nötig ... das erzähle ich schon selbst, und Sonntag machen Sie Besuch und holen sich den Dank.“

Karla lehnte sich zurück in den Stuhl vor ihrem Schreibtisch und lächelte. Wie einfach das alles war in dem Alter ...

Dann hob sie den Blick zum Bilde ihres Kindes. Schmerzchen guckte aus ihrem silbernen Rahmen auf die Mama herab mit großen, ernsten Augen -- --

Armes, kleines Schmerzchen -- der „nichts unmöglich schien“ bei der Mama! Was würde sie sagen? Heute, wenn der Vater ihr mitteilte, daß die Mama nicht mehr zurückkehrte zu ihnen ... nie mehr! ...

Die jungen glücklichen Stimmen hinter ihrem Stuhl taten Karla plötzlich weh .....

So vielen durfte sie Glück geben ... so vielen ... nur ihrem Kinde nicht ....!

Blaß und still saß sie an ihrem Tisch zwischen den jungen Leuten, die ein Zufall zusammengeführt -- enger vielleicht, als sie selbst es noch ahnten.

Blaß und still blieb sie den ganzen Tag über -- bis Fritz bat: „Gib uns deine Stimme mit auf den Weg, willst du?“

Da sah sie den jungen, eleganten Herrn plötzlich als mutierenden Gymnasiasten am Ofen der elterlichen Wohnung lehnen und ihr zuhören mit offenem Munde und glänzenden Augen. Hörte seine rauhe Knabenstimme, als er dem Vater zurief: „Wie die singt ...“

Es war ein Abschied gewesen damals -- für lange.

So sollte es heute ein Abschied sein -- für immer.

Sie setzte sich an den Flügel. Weiches Dämmerlicht erfüllte den Raum. Die Rosen dufteten.

Karla sang.

Und ihre Stimme spann seidig schimmernde, glitzernde Fäden um zwei junge Menschenkinder, denen das Zimmer sich zu einem Dom wölbte, in dem sie andächtig und staunend dem Schlagen ihrer erregten Herzen lauschten.

Schmerzchen hatte an diesem Sonntag allein essen müssen. Luise wartete auf den Bruder, der sich seit zwei Stunden mit Alwin im Studierzimmer eingeschlossen hatte.

„Wir wollen ungestört bleiben“, hatte der Bruder gesagt.

Als es Essenszeit war und das Mädchen zum dritten Male gefragt hatte, ob sie auftragen sollte, hatte Luise leise an die Tür gepocht. Da hatte der Bruder aufgeschlossen und gefragt: „Was ist denn? Kann man denn nicht seine Ruhe haben?“

Und weiß wie Papier war er gewesen, mit Augen, die starr und kalt unter den dicht zusammengezogenen Brauen glitzerten.

Da hatte sie Schmerzchen essen lassen und hatte daneben gesessen, mit klopfendem Herzen und gespitzten Ohren. Schmerzchen, die sich sonst ruhig und selbstgenügsam zu beschäftigen pflegte, war von ihrer Unruhe wie angesteckt. Sie hatte hundert Fragen, ließ sich nicht abfertigen mit kurzen Antworten und sagte schließlich:

„Gewiß wird Mama jetzt kommen. Anna hat gesagt, der Sommer ist bald vorbei ....“

Mit feuchten Fingern strich Luise über ihren glatten, dunklen Scheitel und ging leise ins Musikzimmer.

Sie beugte den Oberkörper zum Fenster hinaus, starrte auf die Menschen, die in der letzten Augustzeit nur spärlich um diese Stunde vorbeischlichen. Da erblickte sie die volle, ein bißchen schwerfällige Gestalt der Schwester, winkte mit der Hand, legte den Finger an die Lippen.

Adele wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch aus ihren Augen sprachen Angst und Unruhe.

Leise schritt Luise durch den Gang, öffnete die Tür zum Treppenhaus. Sie hörte Adelens kurzen, schon ein wenig asthmatischen Atem.

„Leise .. still, Adele .. sie wollen nicht gestört sein.“

Adele flüsterte:

„Weißt du denn noch nichts?“

„Ja, was denn eigentlich?“

„Die Frau läßt ihn sitzen! Es ist empörend! Das hat er nun davon.“

Luise schauerte zusammen, als wäre ein kalter Windstoß ihr in den Rücken gefahren.

Adele stöhnte: „Mein Gott ... die Schwüle ... ich hab’ mich kaum schleppen können ... Also, was sagst du, Luise ... was sagst du? Das ist der Dank für alles, was Ernst getan hat? Und mein armer Alwin ... Hast du sein Gesicht gesehn? Hübscher Kurabschluß, wie? Hat es nötig gehabt, nach Wien zu fahren! Ihr kam das natürlich wie gerufen! Eins, zwei, drei hat sie ihm alles aufgehalst. Und er ... so gutmütig ... so dumm -- geht ihr richtig auf den Leim und übernimmt den schönen Auftrag!“

Adele band die breiten schwarzen Schleifen ihres Hutes auf.

„Leg doch ganz ab“, sagte Luise rauh.

Adele aber machte die Erregung mitteilsam, riß die Schleusen ihrer verborgensten Empfindungen auf.

„Wenn man es richtig nimmt, Luise -- gepaßt hat sie ja nie zu uns. Wie nur Ernst sich so täuschen konnte! Wir zwei waren uns doch gleich nach ihrem ersten Besuch klar über sie. Ich jedenfalls! Was habe ich mir für Mühe mit ihr gegeben -- weißt du, Luise? Als sie noch möbliert in der Göbenstraße wohnte! Sie hat mir ja auch leid getan damals, und ich bildete mir ein, wir könnten sie sittlich heben, ihr Pflichtgefühl einimpfen ... da kam ja leider das dumme Amerika dazwischen. Das war Ernstens Unglück! Da hat er jede Autorität über sie aus der Hand gegeben! Du erinnerst dich doch, Luise, wie sehr ich immer dagegen war, daß sie allein in ein Engagement geht? Ich hab immer gesagt: das führt zu nichts Gutem! Das entfremdet! Aber ich redete natürlich in den Wind hinein. Damals, als die Depesche kam aus Wien, daß sie dort blieb -- damals hätte Ernst sich scheiden lassen sollen. Vielleicht hätte sie sich damals besonnen.“

Luise schüttelte den Kopf. Sie sah sich in dem Gang stehen an jenem Abend, da sich der Schatten eines großen Mannes hinter der Glasscheibe hin und her bewegte ... Damals hatte es angefangen ... damals -- an dem Abend, da Karla im Schlafzimmer das Blumenglas auf den Boden geworfen hatte und in ihren Augen etwas aufgeblitzt war, das wie Haß aussah gegen sie alle ...

„Damals war es wohl auch schon zu spät“, sagte sie, und ihre Mundwinkel zogen sich tief herab.

Sie saßen nebeneinander auf dem großen Umbausofa, und die Falten ihrer schwarzen Kleider lagen übereinander, daß es aussah, als wüchsen zwei Oberkörper hervor aus einem dunklen, breiten Stamm.

„Und jetzt ist Fritz bei ihr ...“, sagte Luise.

Adele senkte den Kopf tief auf die Brust herab.

„So schlecht kann sie doch nicht sein“, murmelte sie.

Luise streifte die Schwester mit einem Blick, aus dem zum erstenmal in ihrem Leben Härte sprach. Als wäre ihr zum erstenmal die Binde vor den Augen gefallen, als hätte sie zum erstenmal die grenzenlose Selbstsucht dieser Frau erkannt.

Noch enger zog Adele den Kreis ihrer Sorge, als sie oder der Bruder es je getan. Für sie gab es nur noch Mann und Kinder; sogar die Geschwister nur soweit, wie sie sich ausnützen ließen.

Luise stand auf und legte die Hand an ihren weißgesäumten Kragen, als fehlte ihr die Luft.

„Laß es nur Alwin und Ernst nicht wissen, das rate ich dir“, sagte sie und wendete sich ab.

Adele blieb auf dem Sofa sitzen. Was war denn das mit Luise? Waren sie denn nicht immer eines Sinnes gewesen? „+Wir+ sollten doch wenigstens einig bleiben, Luise ....“

Luise nickte. Aber sie fand kein Wort -- weder der Anklage noch der Beruhigung.

Es kam wohl bei allen vor, daß sie plötzlich sehend wurden .... Da gab’s nur eines: Augen schließen und +nicht sehen wollen+!

Schweigend saßen sie da und warteten auf die Männer.

Altmann kam zuerst herein.

„Da bist du ja auch, Adele ...“

Er blieb stehen, räusperte sich. Seine Augen suchten Luise. Sie war ihm die nächste jetzt. Er hätte allein sein wollen mit ihr. Aber es war zu verstehen, daß Maurers blieben ... Adele hielt es auch wohl für ihre Pflicht. Sie tat immer ihre Pflicht ..... immer.

Drückend war die Luft -- drückend von Schweigen, drückend von der brütenden Hitze ...

„Ich werde den Rolladen herunterlassen“, sagte Luise.

„Warte, ich helf dir ...“

Alwin Maurer nahm ihr die Schnur aus der Hand. Klappernd schossen die Brettchen auf den Fenstersims herab.

„Nun wird’s wohl zu dunkel sein“, meinte Adele.

„Nein ... so ist es gut ... eine Wohltat ...“

Altmann ließ sich schwer auf seinen Platz am Eßtisch nieder. Eine Wohltat, daß sie alle sein Gesicht nicht sahen im tiefen Dämmer des Zimmers ... eine Wohltat ...!

„Setzt euch doch ... So setzt euch doch endlich!“

Jeder Schritt dröhnte in seinem Kopfe wider -- wie Drahtpuppen, so tanzten sie alle vor seinen Augen. Als hätte man ihm die Haut vom Kopfe gerissen, so war ihm zumute ... alles schmerzte.

Aber das brauchten sie nicht zu sehen ... Nacht hätte es sein sollen ... dunkle Nacht! ...

Luise schöpfte die Suppe auf.

„Ihr müßt vorliebnehmen ....“

„Wir haben gar keinen Hunger .. nicht wahr, Alwin?“ sagte Adele.

Aber sie wartete nicht ab, bis alle bedient waren, führte den Löffel in nervöser Hast zum Munde.

Immer war es so gewesen -- ihr Hunger wuchs mit der Aufregung. Und nicht ihr allein ging es so. Die vier Löffel klapperten in raschem Takt. Niemand sprach ein Wort. Das Tier im Menschen verlangte sein Recht.

Die Rühreier wurden hereingebracht, später der Braten.

„Das ist ja viel zu viel“, raunte Adele der Schwester zu.

Außer ihr bemerkte es niemand, ob es viel oder wenig war.

Beim dritten Fleischbissen aber fiel Altmanns Besteck zurück auf den Teller. Luise legte die Hand auf seinen Arm.

„Das ist alles?“

„Ich kann nicht ... ich kann nicht mehr ...“

Er lehnte sich zurück in seinen Stuhl und preßte mit beiden Händen die Brust zusammen.

Niemand konnte mehr essen.

Alwin Maurer murmelte:

„Sprich dich aus ... Oder soll ich sagen? ... Adele weiß übrigens schon ...“

Adele suchte ihr Taschentuch; ihre Knie zitterten, ihre Stimme.

„Mein armer Ernst ... ich weiß ... Es ist ... abscheulich ist es -- ich sagte es schon zu Alwin und Luise ... Abscheulich! Undankbar! ...“

Altmann riß die Augen weit auf.

War das alles, was sie zu sagen wußte? ... Undankbar? Abscheulich? Heftig, in kaum noch beherrschtem Zorn schob er den Teller zurück.

„Laß die Worte bitte! Die sind hier nicht am Platz!“

So sprach man von einem Dienstboten, der nach Jahren grundlos kündigte ... aber von +seiner Frau+? ... Von Karla -- -- --

Alwin fuhr auf.

„Gerade wir, Adele ...“

Adele atmete rasch und kurz. „Gerade wir ...“ -- das traf sie. Traf sie wie ein Messerstich. Und wenn Alwin noch wüßte, daß vielleicht in diesem Augenblick Fritz ... Was wurde aus ihr, wenn sie es erfuhren! Was für Demütigungen war sie ausgesetzt!

Alwin Maurer blickte trübe auf die weinende, zitternde Frau. Ein Irrtum war sein Leben gewesen -- ein Irrtum, in allem und von Anbeginn an. Ihr durfte er keine Schuld geben.

„Komm, Adele, Ernst wird Ruhe haben wollen ...“

Altmann hielt sie nicht zurück. Überwand sich aber, stand auf, gab ihnen das Geleit bis zur Tür, ging in sein Zimmer, stellte sich ans Fenster, sah sie beide über die Straße gehen -- langsam, mit gesenktem Kopfe. Sah noch, wie Adele ihren Arm in den ihres Mannes schob, ihm ihr verweintes Gesicht zuwandte, ihm etwas sagte -- und wie sie dann, enger aneinandergepreßt, schleppenden Schrittes um die Ecke bogen, untrennbar trotz allem, was sie voneinander schied.

Da trat er vom Fenster zurück, fiel in den Sessel, der auf dem großen angegrauten Fell stand ... den Sessel, in dem sie immer gesessen, wenn sie ihn in seinem Zimmer aufsuchte, wenn sie gehäkelt und vor sich hin geträumt hatte -- weit weg von ihm -- schon damals vielleicht.

Er hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt, und seine Schultern zuckten.

Luise ließ ihn allein. Wußte, wie wenig sie ihm war in diesem Augenblick.

Aber als der Abend sich durch das offene Fenster hereinstahl, der Straßenlärm abklang und die Stille sich um Altmann legte -- eine Stille, die nicht Ohnmacht und die nicht Schlaf war, eine Stille, die wie ein Vorbote war seines neuen, stillen Lebens, die wie eine Auflösung war des schreienden, vernichtenden Schmerzes, da klopfte es an seine Tür.

Er rief nicht herein. Und dennoch ging die Tür auf.

„Schmerzchen“, murmelte er, und streckte die Hand aus.

„Schmerzchen“, -- der Name war alles, was ihm von Karla bleiben sollte. Denn das Kind nahm er ihr fort.

„Ich soll gute Nacht sagen, Papa.“

Geflüstert kam es ihr von den Lippen, und sie trat auf den Fußspitzen näher, als säße ein Kranker in dem Sessel.

Er stellte sie zwischen seine Knie, legte den Arm um sie.

„Weißt du ... daß ... deine Mama nicht kommt in diesem Sommer?“

Schmerzchen senkte den feinen Kopf und zupfte an dem Gürtel, der ihr weißes Sonntagskleidchen zusammenhielt -- das Kleidchen, in dem sie mit der Mama hatte spazierengehen wollen.

„Ja ...“, hauchte sie leise.

„Hat Tante Lis es dir gesagt?“

Sie nickte stumm.

„Und daß die Mama auch nächsten Sommer nicht wiederkommt .... und übernächsten nicht .... daß sie nie mehr zurückkommt?“

Schmerzchens braune, ernste Augen wurden weit und groß.