Die Primadonna

Part 26

Chapter 263,795 wordsPublic domain

-- -- -- Es war heiß in Wien. Es war unerträglich. Und trotz der Hitze erhob sich von Zeit zu Zeit ein kurzer heftiger Windstoß, jagte den Straßengängern den Kalkstaub in die Augen.

Reichenbergs waren wieder abgereist, auf ihre Besitzung. Karla sollte sie besuchen, wenn „das“ überstanden war.

„Das“ ... Die Aussprache mit Altmann.

Karla wollte nicht sprechen. Wollte schreiben. Aber sie hatte schon zwanzig Briefe begonnen und wieder zerrissen. Es gab ja zu viel zu sagen! Ihre Feder kam ihren Empfindungen nicht nach.

Auch mit Gaudlitz war es mehr ein Depeschenwechsel. Es war keine Seltenheit, daß sie drei, vier Telegramme täglich von ihm bekam. War es nur eines, zitterte sie vor Unruhe. Er ritt Gäule ein, stellte sich selbst an die Dreschmaschine, um sie auszuprobieren ... kam ein anderes Mal wieder den ganzen Tag nicht aus dem Sattel und warf sich dann zur Abkühlung in den kleinen See, wo er eine Stunde lang herumschwamm. Sie lernte die Angst kennen um einen geliebten Menschen, hatte die plötzlichen Besorgnisse einer allzu ängstlichen Mutter. Telegraphierte: „Beschwöre, vorsichtig zu sein. Andern Gaul reiten“ oder „Kaltes Baden nach Reiten Wahnsinn. Bin außer mir“. Depeschen kamen zurück, aus denen sein Lachen ihr entgegenschallte: „Liege in Watte gepackt auf Ruhebett, beginne ungefährliche Stickerei“ oder „gleich um Verzeihung bitten wegen Feigheit. Pfui.“

Sie lachte, sie weinte, sie stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf und drückte sein Bild an die Lippen.

Sie liebte, wie sie mit zwanzig Jahren nicht zu lieben gewußt hätte -- auch wenn sie ihm begegnet wäre.

Er schickte ihr Blumen: „aus unserm Garten“, Perlen, die „seiner Mutter gehört hatten“, Bücher, die „er gelesen hatte“.

Die Blumen kamen welk an, und sie legte sie in ihren Wäscheschrank. Vor den Perlen der Gräfin Gaudlitz hatte sie eine heilige Scheu und hätte sie nicht eher angelegt, als bis sie den gleichen Namen führte. Die Bücher legte sie auf ihren Nachttisch, las abends und morgens darin und wußte doch nichts von ihrem Inhalt, weil ihre Gedanken nach allen Richtungen hin flatterten.

Ihr Bayreuther Erfolg hatte ihr eine vertrauliche „ganz private“ Anfrage von einer der Berliner Generalintendanz nahestehenden Seite gebracht, ob sie nicht ....

Russel hatte in einem hundert Worte langen Telegramm sein Angebot erneuert, die Hofmarschälle zweier regierenden Fürsten luden sie zu einem Hofkonzert ein. Fast jede Post brachte Gastspielanträge aus allen großen Städten Deutschlands und Österreichs.

Auch Liebesbriefe liefen ein, schamlos kalte, mit Versprechungen, die sich in fünfstelligen Zahlen äußerten, überschwänglich leidenschaftliche, von Narren und Spekulanten; schüchterne von kaum dem Kindesalter entwachsenen Jünglingen; flammende von hysterischen, unverstandenen Frauen, denen sie den Weg weisen sollte „aus ihrem großen, alles verstehenden Künstlertum heraus“. Bettelbriefe kamen: mit Kronen in der linken Ecke und andere mit Fettflecken am Rand; anonyme Anträge und Schmähungen, Rechnungen über Gegenstände, die sie nie gekauft, und Schmuck mit beigelegter Quittung.

Sie dachte an die Zeit, da Altmann ihr alles so klug und bedacht ferngehalten, was ihr nicht nähertreten durfte, da sie ihn beratend, oft bestimmend an ihrer Seite gehabt hatte, keinen Finger zu rühren brauchte, da alles ihr aus dem Wege geräumt war, sie vor keiner Besudelung, keinem Irrtum Angst zu haben brauchte, da ihr Haus wie eine Festung gewesen war, unter deren Schutz sie ihrer Kunst gelebt hatte ...

Und wieder würde solch eine Festung sie umschließen, schirmender, schützender als die erste. Würde auch ihre Kunst mit einschließen -- --

Manchmal durchfuhr es sie dann wie ein leiser Schrecken -- mit eigentümlichem Prickeln in der Haut und dem Aussetzen eines Herzschlages.

Und sie telegraphierte: „Ich liebe Dich und sehne mich nach Dir.“

Sie brauchte die Gegenwärtigkeit. Brauchte seine blauen Augen, seine eigensinnige blonde Stirn, seinen lachenden Willen, seine heiße Liebe, den Ton seiner Stimme ... Alles das brauchte sie, um das andere lösen zu können .... das viele, unsagbar viele „andere“, das ihr Leben war!

Und mit schauerndem Erbeben ließ sie noch einmal die Welle der Begeisterung über sich zusammenschlagen, badete sich in allem Köstlichen und allem Schlamm, womit diese Welle sie überschüttete, faltete die Hände wie ein frommes, unschuldiges Kind und betete leidenschaftlich:

„Lieber Gott, ich danke Dir, daß ich ihm so viel opfern darf ... so viel! ...“

Dieses Opfer sollte die Heiligung ihrer Liebe sein.

Die Einladung nach Baden zu einer Dame der ersten Gesellschaft gab ihr bald wieder ihre alte Zuversicht zurück.

Der Kreis hochgebildeter und abgeklärter Menschen, die ihre Bewunderung für Karla mit einem zarten Hauch erlesener Geistigkeit umkleideten, wirkte wie eine Erlösung auf sie nach all dem Schwülen, Traumhaften, Überreizten, kaum Faßbaren der letzten Wochen.

Vielleicht waren es die glücklichsten Stunden ihres ganzen Lebens, die in diesen zwei Badener Tagen sich zusammendrängten, Stunden, in denen sich gleichsam alle Höhepunkte ihres Daseins in ihrer feinsten Wesenheit zu einer leuchtenden Kette zusammenschlossen.

Ruhig, stolz und strahlend kehrte sie nach Wien zurück. Das Mädchen nahm ihr die Sachen ab, berichtete, was sich ereignet hatte in den zwei Tagen.

Ein Herr von einer Zeitung wäre dagewesen. Der Schneider hätte das Lodenkostüm zum Aufbügeln g’holt. Der Hauswirt hatte eine Kollekte herunterg’schickt für blinde Kinder. Noch eine Masse Leit’ -- und dann wär’ heute mittag noch ein Herr dag’wesen, ein ganz fremder -- keiner von Wien ... ein älterer Herr ...

Sie holte die Karte vom Schreibtisch -- er tät wiederkommen, hätt’ er g’sagt.

Karla stand vor dem Spiegel und bauschte ihr vom Hut zusammengedrücktes Haar auf, stand da in einem knappen weißen Rock, mit duftiger weißer Batistbluse, einen schmalen goldenen Gürtel um die Mitte, mit ihren, wie es immer hieß, „statuenhaft schönen“ Armen, die rosig unter dem durchsichtigen Gewebe hervorschimmerten.

Dabei hatte sie ganz vergessen, daß sie noch immer die Visitenkarte zwischen den Fingern hielt. Ja .... richtig ... wer war denn das gewesen? Sie las den Namen und hörte gleichzeitig Läuten von draußen hereinschallen.

Alwin! ...

„Alwin ... mein guter, lieber Alwin ...“

Alwin Maurer blinzelte sie aus seinen tiefliegenden Augen verwirrt und sprachlos an.

„Du, Karla ... du ...“

„Ja, wer denn, Alwin ... bin ich so alt geworden, daß du mich nicht erkennst? ...“

‚So schön ...‘ hätte er beinahe geantwortet. Aber er schwieg noch immer, starrte sie nur an und merkte es kaum, wie sie ihn hereinzog.

„So zieh’ dich doch aus, Alwin ... Nein, wie bist du nur auf den herrlichen Gedanken gekommen .... Wie ... wo kommst du her ... geradeswegs aus Berlin? ....“

„Ja ... das heißt, nein ... aus Karlsbad ... vielmehr aus Bayreuth .... aber du warst schon fort, und da ....“

Jetzt stand er in ihrem Zimmer, in dem weichen warmen Licht der ockerfarbigen Seidenschirme, im betäubenden Duft der Rosen.

„So wohnst du ... so ...?“

An den Wänden hingen Bilder, von schmalen Goldleisten gerahmt, zwei hohe, schlank gebaute Schränke zeigten ihren reichen Inhalt an Noten und Büchern in einfachen Lederbänden. Über dem Schreibtisch mit einem großen Bild von Schmerzchen in silbernem Rahmen hing die Radierung des Beethovenkopfes. Auf dem Flügel, der aus der Ecke des großen Zimmers schräg hereinragte, standen zwischen zwei großen, blumengefüllten Schalen Bilder in Rahmen, die eine geschlossene Krone zierte, und mit kurzen, verschnörkelten Unterschriften.

Keine Kränze. Keine Schleifen. Nur einzelne kostbare Gegenstände.

Er sah sie an, in ihrer voll erblühten Frauenschönheit, mit ihrem alten Kinderlächeln um die roten Lippen. Und er vergaß alles, was er hatte sagen, alles, womit er zerrissene Fäden wieder hatte zusammenknüpfen wollen.

Eine große Traurigkeit befiel ihn, ein trostloses Fremdgefühl. Als wäre sein Körper zu grob und schwer für diesen Raum.

„Stör’ ich dich auch nicht, Karla -- nein? Sag’s mir ruhig ... ich kann gut morgen wiederkommen, zu einer gelegeneren Zeit ...“

Hundetreu blickten seine Augen sie an, bereit, sofort sich zu entfernen, wenn sie ihn fortschickte, und doch voll Bangen, sie könnte es tun.

„Was fällt dir denn ein, Alwin ...? Ich bin ja froh, daß du da bist ... so froh ...“

Und während sie seine Hand drückte, ihm ins Gesicht sah, das grau war und abgemagert, da mischte sich in ihre Freude tiefe Bekümmernis.

Gleichzeitig aber, so seltsam es sein mochte, auch die Hoffnung, daß ihr in ihm, der ihr so treu ergeben war, der Helfer gekommen war für ihr Vorhaben, das allein zu vollbringen ihr bis jetzt die Kraft gefehlt hatte. Ihr lachendes Gesicht wurde plötzlich und ohne daß es ihr bewußt war, ernst.

„Erzähle mir, wie es dir gegangen ist, Karla .... Denke -- all die Zeit ohne dich ... und so wenig, woran man sich halten kann. Zeitungsnachrichten zumeist ...“

Sie fühlte in diesem Augenblick, daß auch das, was er zu hören begehrte, bereits der Vergangenheit angehörte, daß sie selbst kaum mehr darüber zu sagen vermochte, als was die Öffentlichkeit berichtet hatte.

Das Mädchen kam herein und fragte, ob sie ein zweites Gedeck auflegen sollte.

Alwin Maurer erhob sich. Er wollte nicht stören: „Nein. Keinesfalls.“

Sie mußte Gewalt anwenden. Sie hielt seinen Hut hinter ihrem Rücken versteckt. „Ich bin böse, wenn du gehst ....“ Und sie sah ihm an, daß es ihm eine Erleichterung war, bleiben zu dürfen. Er nahm ihre Hand.

„Du darfst nicht böse sein ... mußt immer daran denken, daß unsereins dich anders sieht. Was kennt meine Philisterweisheit vom Leben einer Künstlerin? Es mag gewiß anders in Wirklichkeit aussehen, als die Phantasie es uns vorspiegelt.“

Und Karla dachte mit Wehmut daran, wie fremd sie ihm wohl geworden war, daß er sich so gar keinen Begriff mehr von der Wirklichkeit machte.

Sie nahm seinen Arm, ging mit ihm in ihr kleines Speisezimmer und sagte:

„Die Abende, an denen ich hier ganz allein vor meinen Tellern sitze, sind häufiger als die anderen. Viel häufiger! Und wenn mir’s dann zu einsam wird, stelle ich oft Schmerzchens Bild vor mir auf oder ...“

Sie brach ab.

„Hier, Alwin ... mir gegenüber. Es tut wohl, ein lebendiges, liebes Gesicht an seinem Tisch zu sehen ...“

Karla ließ Wein aufstellen. Nach dem zweiten Glase fragte sie: „Und wie geht es deinen ... wie geht es in Berlin?“

Er antwortete:

„Durch deinen ... Durch Ernst wirst du wohl das meiste wissen -- --“

Sagte es, obwohl er wußte, daß die Briefe selten waren, die hin und her gingen. Sie nickte, spielte mit dem Messerbänkchen.

„Ja ... es scheint dort alles beim alten zu sein ...“

„So weit. Man wird nicht jünger.“

Nein -- das hatte er nicht sagen wollen. Das war ganz verkehrt. Aber je länger er Karla ansah, desto mehr fühlte er die Last der freudlosen Jahre auf seinem Rücken. Dem Schwager konnte es nicht gut anders gehen. Wie durfte er nur hoffen ... was mochte er denn erwarten ...? Er nahm sich zusammen.

„Die Kinder ... bleiben die größte Freude.“

Und ein zweites Mal biß er sich auf die Lippe.

„Ja ...“, murmelte Karla und legte auf.

Angst packte sie -- es könnte zu schnell das Wichtige gesagt, zu schnell der letzte Schleier reißen. Sie lenkte ab und fragte nach Vicki.

„Ein gutes Kind, gewiß -- ein Juwel für ihren Mann. Aber ihr Leben führt andere Wege.“ Da gab’s nur selten ein Treffen. Wenn auch der Wille nicht fehlte, so doch die Möglichkeit ... Der Mann vor allen -- das mußte ja auch so sein! Nun, er durfte sich nicht beklagen -- da war ja noch Fritz, der Stolz seines Alters, ein Prachtjunge! Seine ganze Freude war der Bengel!

„Da sitzen wir so in irgendeinem verräucherten Winkel, eine Flasche Mosel zwischen uns oder zwei -- und dann geht’s ans Erzählen. Was ich hatte werden wollen und was ich wurde, sage ich dann ... und von der Zeit, da Du zuerst ins Haus kamst, erzähle ich ... dann vertraut er mir an, daß er in dich verschossen war -- und wir sprechen von deiner Stimme, von deinen Erfolgen. Über diese Stunden mit dem Jungen geht mir eben nichts. Auf die freue ich mich lange Wochen vorher, die entschädigen mich für so manches ... so manches recht schwer entbehrte ...“

Karla beugte den Kopf tiefer auf das Tischtuch herab. „Sage mal, Alwin ... kommt er denn auch aus mit dem, was ihm Ernst gibt? ... Ernst ist so starr in seinen Ansichten, er versteht vielleicht nicht ...“

Ein fahles Rot huschte über Alwin Maurers Wangen, und er machte eine heftig abwehrende Bewegung.

„Er hat genug ... mehr als genug ... überreichlich.“

Das fehlte gerade noch, daß sie ihm Geld anbot für Fritz ... das wäre was!

„Bitte ... laß das ... ein für allemal ... laß das ... Ich wollte dich sogar bitten ... Ernst kein Geld mehr für Fritz zu schicken ... ja! Ich verdiene genügend -- mehr, viel mehr, als wir verbrauchen können. Die Zulage wird er fortab von mir bekommen. Ich bitte dich, Karla, ... nicht mehr darauf zurückkommen ... keinesfalls. Du hast so viel getan ... immerfort getan ... für alle gesorgt ... für alle anderen zuerst ... jetzt laß es genug sein! Jetzt denk’ an dich ... nur an dich! ...“

Er stand auf, ergriff ihre beiden Hände.

„Denk’ an dich, Karla ...“

Ein kurzer, schriller Klingelzug -- gleich darauf trat das Mädchen ein.

„Ein Telegramm, gnä’ Frau.“

Heiß stieg Karla das Blut zu Kopf.

„Doch nichts Böses?“

Alwin Maurer konnte sich schwer andere Depeschen vorstellen.

„Nein, Alwin ... nichts Böses ... nur Gutes, nur Glückliches.“

Ihre Augen strahlten, ihre Finger rissen hastig das Siegel auf. Sie stutzte -- das Blut lief ihr aus den Wangen. Sie las einmal, zweimal.

„Also doch Böses, Karla?“ ...

Ängstlich blickten seine Augen sie an. Sie faßte sich, faltete das Blatt zusammen, schob es unter ihren Teller.

„Nein ... nichts von Bedeutung.“

Die Worte fielen trocken und kurz von ihren Lippen, aber sie reichte ihm die Kristallschüssel mit roten Johannisbeeren, den Streuzucker, lächelte mühsam, schien etwas zu überlegen.

„Du sagtest vorhin, Alwin, ich sollte an mich denken?“

„Ja, Karla, ... das sollst du.“

„Und willst du mir einen Dienst leisten, Alwin? Einen großen Freundschaftsdienst?“

Alwin Maurer schob den Teller zurück, beugte sich über den Tisch.

Sie atmete schwer und reichte ihm die Hand über den Tisch.

„Du weißt, Karla, daß du in allem über mich verfügen darfst -- in allem und jedem.“

„Ich danke dir, Alwin. Und wenn es so ist -- dann fahre morgen ... morgen früh zurück nach Berlin und sage Ernst ... sage ihm, daß ich nicht mehr zurückkomme.“

Die Erregung hatte ihr den Mut gegeben. Alwin mußte fort, mußte abreisen. Und da es heute zu spät war -- morgen mit dem Frühzug. Er durfte den Sohn nicht treffen -- seinen Fritz, der von Mutter und Schwester geschickt wurde zu ihr -- damit sie ihn aus „einer verzweifelten Lage errette“. Sie wollte ihm sein einziges Glück erhalten -- seine einzige Freude ... Das war sie ihm schuldig ... Schuldig auch, daß er es nie erfuhr, daß ihn nicht eine neue Last, ein drückendes Schamgefühl noch tiefer beugte, als es das Leben schon ohnehin getan.

Alwin Maurer aber wiederholte:

„Du kommst nicht mehr zurück ... nie mehr?“

Und obwohl er es längst geahnt, obwohl er es nicht einmal anders für sie gewünscht, so legte sich doch fahle Blässe auf seine Wangen.

„Ja ... Karla ... ja, gewiß ... ich kann’s verstehn ... und bedacht wirst du es haben ...“

Er sprang vom Stuhl auf, suchte nach seinem großen weißen Taschentuch in der Hintertasche seines Rockes.

„Nicht, Alwin ... nicht!“

Karla legte ihren Arm um Alwin Maurers Schulter. Auch sie war blaß, und ihre Lippen zuckten.

„Mach mir’s nicht schwer ... nicht schwerer als nötig. ... Gewiß hab’ ich’s bedacht ... nicht seit heute und nicht seit gestern ... zwei volle Jahre habe ich gewartet, und nur der Mut hat mir gefehlt ... der Mut, es zu sagen ...“

Alwin Maurer legte seine Hände um Karlas Wangen. Wie ein Vater, der seinem Mädel eine Beichte abnimmt.

„Ich kenne dich, Karla .... Du bist keine, die allein durchs Leben geht, die einsam bleiben kann -- ohne Mann, ohne Kind ...“

Sie sah ihn an, offen, vertrauend.

„Ich bleibe nicht allein“, sagte sie leise.

Er strich ihr über die Wange, behutsam, scheu und zärtlich.

„Gaudlitz?“ fragte er leise.

„Ja.“ ...

Sie hob bittend die Hände.

„Sag’s ihm nicht -- nicht gleich .... Dir mag’s ja eine Beruhigung sein -- ihm ...“

„Ihm auch“, sagte Alwin Maurer ernst. „Er liebt dich doch mehr, als du glaubst.“

Da fiel ihr Kopf auf seine Schulter, und ihre Tränen tropften heiß und schwer auf seinen schwarzen Rock.

„Und was wird dann aus deiner Kunst, Karla?“

Sie hob den Kopf, und ein Lächeln flog über ihr tränenfeuchtes Gesicht.

„Die wiege ich in den Schlaf Alwin -- wie die Kinder, die mir Gott bescheren wird.“

Und Alwin Maurer fühlte es deutlich, daß, so lieb sie auch ihr Schmerzchen hatte, so tief ihre Sehnsucht war, die Allmacht der Natur einen Trost für sie bereit hielt, der den Verlust des einen Kindes aufzuwiegen vermochte.

„Du kannst auf mich zählen, Karla .... Gleich nach meiner Ankunft spreche ich mit Ernst.“

Er drückte ihre Hand. Ihre Augen sagten ihm Dank.

„Was immer geschieht, Alwin -- wir bleiben die alten ... willst du?“

Da drückte er in einer letzten, starken Bewegung ihre Hand an seine Lippen. „Leb’ wohl, Karla ...“

Sie lächelte ihm noch zu über die Rampe der Treppe. „Vergiß nicht, Alwin -- daß du mir immer über Schmerzchen Nachricht geben mußt!“

Er nickte noch einmal zu ihr herauf und dachte, wie wunderlich die Frauen doch waren. Schlugen ein Leben entzwei und konnten lächelnd mit den Scherben spielen! Wie weit war Karla doch schon entfernt von ihnen allen ... ja selbst von ihrem -- ersten Kind! -- --

-- -- -- -- Ganz zeitig wachte Karla am nächsten Morgen auf. Ihr war, als hätte sie schon alles getan, was von ihr abhing, als hätte sie sich ihr Glück schon verdient durch die Aussprache mit Alwin Maurer. Als wäre eine große, schwere Last ihr vom Herzen genommen worden. Es waren ein paar Briefe zu durchfliegen, während Resi den Tee auf das Tischchen am Fenster stellte und die Semmeln mit Butter bestrich. Eine Einladung nach Reichenau -- ein paar Zeitungsausschnitte, die Bitte eines Photographen um eine Sitzung -- und dann ... der dickste von allen Briefen, schwer wie ein Stein .... Die Schrift kannte sie doch, ... die hatte sie doch oft gesehen ... wo denn nur? ... In ... in Kiel, ja ... und in Amerika .... Altmann hatte Briefe erhalten, die diese Schrift trugen .... Adele! ... Richtig! Das betraf Fritz! Karla las:

„Liebe Karla! So peinlich es mir ist, aber ich muß Dich herzlich bitten, mir in einer Angelegenheit zu helfen, da Dein Mann sich leider so zu Fritz gestellt hat, daß es ihm unmöglich ist, sich an ihn zu wenden. Aber da ja schließlich Du es warst, die ihm zu seiner Laufbahn verhalf, so bist auch Du die Nächste. Mir zittern noch die Glieder, wenn ich an das Entsetzliche denke, das ich erlebte. Du mußt wissen, liebe Karla, daß es einem jungen Offizier, der in der Nähe Berlins steht, einfach unmöglich ist, mit der kleinen Zulage auszukommen, die Dein Mann für Fritz ausgeworfen hat. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß wir unser Möglichstes getan haben, Fritz zu unterstützen. Aber leider hat der arme, dumme Junge immer nur einen Teil seiner Schulden gebeichtet und ist so immer tiefer ins Verderben geraten. Vor drei Tagen kam er in heller Verzweiflung zu Völkels, um sich von Bodo Hilfe zu holen. Aber Bodo war verreist und, wie Vicki ihm sagte, augenblicklich selbst nicht bei Kasse. Er sagte, das machte nichts, und ging fort. Aber Vicki war sein verstörtes Gesicht aufgefallen. Und sie setzte sich noch an demselben Nachmittag auf und fuhr nach Küstrin. Er wohnt dort in der Kaserne, und Vicki suchte ihn auf seinem Zimmer. Aber sie traf ihn nicht an. Der Bursche sagte, er wäre seit frühem Morgen auf Urlaub und wollte erst abends wiederkommen. Vicki schlug die Mappe auf Fritzens Schreibtisch auf, um ihm ein paar Zeilen zu hinterlassen. Da findet sie einen Brief von ihm, der an mich adressiert war. Sie öffnete den Brief und erfährt aus ihm alles.

Fritz ist in Wuchererhände geraten. Um seine erst kleinen Schulden zu decken, hat er geborgt, wieder geborgt, Wechsel unterschrieben -- an fünftausend Mark werden es sein! Wenn er keine Deckung findet, müsse er sich das Leben nehmen! Ich hatte das so oft in Romanen gelesen. Ich hatte immer dabei gedacht: Soll sich der Lump nur erschießen -- er verdient keine Träne. Aber jetzt ... da es mich trifft -- meinen Jungen ... Alwins Stolz und Freude ... da ... Liebe Karla, Du kannst Dir denken, was da in mir vorging!

Nur so viel noch: Vicki spazierte zwei Stunden vor dem Tor der Kaserne auf und ab, bis die Füße sie kaum noch tragen konnten. Endlich kam er. Ganz blaß und entstellt -- gewiß schon zum Letzten, zum Äußersten entschlossen. Sie sagte ihm: ‚Ich habe deinen Brief an Mutter gelesen. Du bist ein schlechter Kerl. Aber das Leben brauchst du dir nicht zu nehmen. Die Deckung ist da.‘ Da soll er losgeweint haben wie ein kleiner Junge, soll ihr die Hände geküßt haben. Er hat sie dann zur Bahn gebracht, und gestern früh traf er mit Vicki bei mir zusammen. Die arme Vicki war ganz fassungslos. Deckung -- woher? Sie hatte nur Zeit gewinnen wollen. Diesmal weinte Fritz nicht. Er ließ mich reden und Vicki reden und machte ein Gesicht dazu, daß wir genau wußten -- er ließ nicht ab von dem, was er beschlossen hatte zu tun. Vicki klingelte Deinen Mann an. Ein glattes Nein! Er hätte nichts. Was auf Isoldens Namen eingezahlt sei, könnte er nicht abheben. Wenn der Junge geschaßt würde, dann geschähe es ihm recht ... Oh, er fand so harte Worte ... so schrecklich harte Worte ... Luise kam angelaufen, mit Isolde, die sie von der Schule abgeholt hatte. Und in der Aufregung wurde alles vor dem Kinde wieder durchgesprochen.

Und wie ich schließlich fast zusammenbrach und aufschrie: Ja, wo nehme ich denn nur das Geld her ... wer gibt es mir nur? da kam Isoldchen auf mich zu und sagte mit ihrem feinen Stimmchen: ‚Schreibe doch nach Wien an die Mama. Mama schickt immer Geld.‘ -- -- So war es, wie ich es Dir hier schreibe! Und Luise und ich, wir dachten, daß ein Engel durch das Kind zu uns gesprochen hätte, und da sagten wir Fritz, daß eigentlich Du es gewesen bist, die für ihn bis jetzt gesorgt hat. Und daß Du ihn nicht zugrunde gehen lassen würdest, wenn er zu Dir käme und Dich bäte ... Wir sagten das alles! Verzeih, liebe Karla, wenn ich mein Versprechen nicht gehalten habe, das ich Deinem Mann gegeben ... aber Dein Mann weiß eben nicht, wie eine Mutter leiden kann um ihr Kind. Luise aber sagte mir, daß Du so viel Geld verdienst ... so schrecklich viel Geld ... und wir wissen, daß Du gut bist und uns nicht im Stiche läßt. Es sind im ganzen -- mit den fünftausend Mark auf den Wechsel -- vielleicht siebentausend. Nicht ein Pfennig mehr! Fritz hat sein Ehrenwort gegeben. Er hat auch noch etwas anderes gesagt, aber das will ich nicht glauben. Darüber würde er zu unglücklich sein -- an dieses Wort dürfen wir ihn nicht binden ... Er wird nun um Urlaub bitten und um Erlaubnis, nach Wien zu fahren auf vierundzwanzig Stunden. O könnte er doch gute Nachricht bringen, daß nur mein armer, guter Mann nichts davon erfährt! Es wäre ein so furchtbarer Schlag für ihn ... er darf es nicht erfahren. Nie! Hab’ Dank für alles, was Du Gutes getan und jetzt noch tun wirst. Luise und meine liebe Vicki bitten mit mir.

Deine alte unglückliche Adele.

Nachschrift: Wenn es Dir schwer fallen sollte, ihm zu helfen -- denk an Dein Schmerzchen, die uns den Gedanken an Dich gab und der nichts unmöglich scheint bei Dir.

A. M.“

Es war ein bittres Lächeln, das Karlas Lippen herunterzog, als sie den Brief aus der Hand legte. Solche Briefe mochte Adele an ihren Bruder geschrieben haben, so mochte sie ihn eingekreist haben mit allem, was das Arsenal weiblicher Schlauheit und weiblichen Gemütes hergab.