Part 25
„Untersteh’ Dich nicht ... hörst Du ... untersteh’ Dich nicht, in diesem Ton von ihr zu sprechen! Noch ein Mal -- und Du kriegst es mit mir zu tun!“
Das junge Blut huschte Fritz über die Stirn. Er stand auf, zupfte an seinem Kragen.
„Bitte gehorsamst um Verzeihung ... es lag mir fern ... es lag mir wirklich ganz fern.“
Innerlich dachte er: Sieh Einer meinen alten Herrn an! Hätt’ ich ihm gar nicht zugetraut! ...
Es war anerkennend; aber ihm war nicht mehr ganz behaglich in der einfachen Studierstube, mit dem alten bequemen Sessel, den gestrichenen Bücherregalen und der großen Nietzschebüste auf dem Sockel hinter dem Schreibtisch.
An den Weihnachtsabend erinnerte er sich genau, da der Vater sie zum Geschenk erhalten, und erinnerte sich auch noch, wie die Mutter mit spitzen Fingern die Bücher hochgehoben, die der Vater geschenkt hatte.
Donnerwetter ja ... sein alter Herr mochte wohl was übrig haben für die hübsche, lustige Schwägerin mit der schönen Stimme ... Er selber war ja auch verknallt in sie gewesen. Eigentlich nett von seinem alten Herrn ... Da fiel plötzlich all der dicke, klebrige Schulstaub ab, und es kam der Mann zum Vorschein, der Kamerad, der Geschlechtsgenosse zum mindesten, der sich ritterlich vor der Frau aufpflanzte, der seine Verehrung galt ...
„Ehrenwort, Papa ... war ganz harmlos, die Frage ... ganz harmlos ...“
Alwin Maurer löschte in der Erregung seine halbgerauchte Zigarre.
„Na ja, mein Junge ... das will ich auch annehmen. Denn Du ... gerade Du ...“
Er dachte an das Schweigen, zu dem er sich Altmann gegenüber verpflichtet hatte, als er Karlas Hilfe angenommen hatte, und winkte mit der Hand ab.
„Na ja ... also ... Kein Wort weiter.“
Fritz ruhte nicht eher, als bis der Vater mit ihm ausging, Versöhnung feiern und ein Glas leeren auf das Wohl der Tante.
„Wir zwei allein, alter Herr ... in einem gemütlichen Eckchen -- is’ recht?“
~Dr.~ Maurer sah ihn an, und ein blasses Lächeln überflog sein graues Gesicht. Was aus dem Rüpel doch geworden war! Aus dem „verdammten Bengel“, den er bis zu seinem vierzehnten Jahr in der Furcht des Stockes gehalten hatte. Bis zu dem Tage, da Karla gekommen war und von dem Apothekerssohn erzählt hatte -- mit ihrer jungen, warmen Stimme.
Diese Stimme hatte ihm den Stock aus der Hand gewunden ... hatte vielleicht in letzter Stunde den neuen Weg gezeigt, den er als Vater zu gehen hatte. Hatte ihn Milde, Nachsicht, Verständnis gelehrt, hatte ihm einen Kameraden geschenkt in seinem Sohn!
„Gehen wir, Junge.“
Und heimlich, auf Zehenspitzen, damit Adele sich nicht an sie hinge mit Fragen und Einwänden, schlichen sie ins Vorzimmer, holten ihre Mäntel vom Riegel und zogen die Tür leise hinter sich ins Schloß.
Eine Stunde später ging eine Karte ab nach Wien, Kärntner Straße: „Meine liebe Karla! Sitze hier mit meinem Jungen und trinke mit ihm auf Dein Wohl, Deinen Erfolg und Dein Glück. Alwin.“ Und darunter in eleganter, flüchtiger Schrift: „Handkuß von Deinem gehorsamen Neffen und Bewunderer Fritz.“
Als sie heimkehrten, Fritz bereichert um einen blauen Lappen, ~Dr.~ Maurer in gehobener Stimmung, sagte er:
„Wollen wir doch wiederholen, die kleine Kneiperei -- was, mein Junge?“
„Selbstredend, alter Herr! Wird mir ein Hochgenuß sein ...!“
Und er trug Grüße für Mama auf und verabschiedete sich mit herzlichem Händedruck vor dem Haustor -- weil er „nach Küstrin zurückmußte“! ...
In Wirklichkeit hatte er eine Verabredung mit Kameraden bei Hiller. -- -- --
-- -- Zum Frühjahr ließ Alwin Maurers Gesundheitszustand wieder viel zu wünschen übrig. Es stellten sich ernstere Beschwerden und schließlich Anfälle von Gallenkolik ein. Der Arzt warnte vor Aufregungen und Überarbeitung.
Adele lief jetzt wieder alle Tage zu Luise, klagte ihr Leid.
Luise erbot sich, mit dem Bruder zu sprechen. Alwin mußte diesmal nach Karlsbad -- unweigerlich! Adele nickte und trocknete die Augen.
Gewiß. Das Geld dafür war ja auch zusammen. Aber die Ferien mußten abgewartet werden. Und bis dahin ...
Wieder fing sie an zu weinen.
Luise legte ihre hageren Arme um die vollen Schultern der Schwester.
„Na, was ist denn noch?“
Adele wickelte ihr feuchtes Taschentuch um die Hand. Leicht gesagt, keine Aufregungen! Fritz dachte nicht daran, sie ihnen zu ersparen! Er „aaste“ mit dem Gelde! Alle paar Wochen kam er mit einem Schuldenzettel an. Sie hatte zusammengerechnet: sechshundert Mark waren in den letzten acht Wochen zusammengekommen.
Luise schlug entsetzt die Hände zusammen:
„Was habt ihr denn gemacht?“
„Gezahlt natürlich. Erst hat Alwin gelacht. Ich sollte dem Jungen sein bißchen Leben nicht vergällen mit meinen Predigten! Dann ging er wieder mal ein Glas Wein trinken mit ihm, um ihm den Kopf zurechtzusetzen -- aber zum Schluß war er nur wieder einen Hunderter los oder sechzig, siebzig Mark ... Und das reißt nicht ab ... Wenn er sich anmeldet, dann schlägt mir immer das Herz bis hier oben herauf ...“
Adele schluchzte auf, empfand plötzlich die Tragik ihres Lebens. Alles war falsch gewesen. Alles, was sie je getan, geraten, gefordert, erbettelt! Nun stand sie da, verängstigt von der Erfolglosigkeit ihres Tuns, verprügelt vom Leben, wollte schützen, wollte retten. Konnte nicht das eine -- nicht das andere.
Blieb wieder nur der Bruder.
Doch er war härter geworden in diesen letzten Jahren, verschlossener als früher.
Luise hatte einmal gesagt:
„Weißt du, Adele, manchmal kommt es mir vor, als gäbe er uns schuld an Karlas unverantwortlichem Benehmen!“
Und Adele hatte verständnislos ihre Augen aufgerissen:
„Uns?! Ja ... was können denn wir dafür? Wir, die wir uns immer nur für sie aufgeopfert haben?“
Mit Mühe hatte Luise sie davon abgehalten, eine Auseinandersetzung zwischen dem Bruder und ihnen beiden herbeizuführen.
„Tu das nicht ... glaube mir ... Er ist wie eine allzu straff gespannte Saite. Empfindlich war er immer -- jetzt aber verträgt er kaum eine leise Berührung! Man muß ihn schonen.“
Und auch jetzt sagte Luise:
„Man muß ihn schonen. Wenn er erfährt, daß Fritz ...“
Sie hatte lauter gesprochen, als sie beabsichtigt, und sie beide hatten es nicht gemerkt, daß er ins Eßzimmer gekommen war.
„Ist schon wieder was mit dem Jungen los?“
Die Schwestern schraken zusammen. Adele wollte alles vertuschen, abstreiten. Altmann aber runzelte die Stirn.
„Ich verbitte mir die Geheimniskrämerei. Ich muß wissen. Wenn wir nicht im Einverständnis handeln, dann ist alles zwecklos. Ihr habt keine Ahnung, wie man mit solchem Burschen umgeht! Alwins Art ist ein Verderb für den Jungen! Nicht einen Pfennig darf er über seinen Zuschuß hinaus kriegen, nicht einen halben Pfennig! Er muß es lernen, auszukommen, muß es lernen, sich etwas zu versagen!“
Er schlug gegen seine Gewohnheit heftig auf den Tisch.
Fühlte denn Adele nicht, daß es noch immer Karlas Geld war, das der Junge bekam? Fühlte sie nicht, daß es vielleicht eine Zeit geben würde, da er keinen Pfennig mehr von Karla würde annehmen dürfen, für sich oder einen der Seinen --?
„Kann ich Isoldchen noch sehen?“, fragte Adele im Aufstehen.
Altmann machte die Korridortür auf. Er rief:
„Schmerzchen! ... Tante Adele ist da!“
Die Schwestern tauschten einen Blick. Luise nickte dabei: Ja ... ja ... so nannte er das Kind jetzt oft ...
Adele seufzte auf.
Schmerzchen kam herein; nicht sehr eilig. Ein weißes Schürzchen mit gestickter Krause deckte fast vollständig das dunkelblaue, an den Ellbogen geflickte Kleidchen. Ihr Haar war in zwei ordentliche Zöpfe geflochten, die eine schwarze Schleife zusammenhielt. Ihr Gesichtchen war länglich und zart, die Brauen gerade und dunkel. Kurze, dichte Wimpern umschatteten die großen braunen Augen, die rund waren, wie die ihrer Mutter. Sie knixte, sagte guten Abend. Ihr Lächeln hatte einen wehmütigen Zug. Ihre Augen blickten meist vorbei an dem, der mit ihr sprach -- blickten geradeaus durchs Fenster oder zur Tür, als müßte in der Luft draußen etwas Ersehntes vorüberschweben oder zur Tür irgendwas Erwartetes eintreten.
Das war ihr nicht abzugewöhnen. Es lag darin eine große, fast unheimliche Gleichgültigkeit für ihre Umgebung. Nur ihrem Papa und Pauline, die sie ganz selten einmal besuchte oder zum Großpapa abholte, sah sie lange und mit heiterer oder ernster Aufmerksamkeit ins Gesicht. Und auf dem Grunde ihres Ernstes, ihrer Heiterkeit lag es immer wie eine stumme Frage.
Denn die Erwachsenen hatten ihr verboten, zu fragen -- so oft zu fragen, wann die Mama käme. „Im Sommer“, sagte Papa ausweichend.
Schmerzchen bekam wunderschöne Ansichtskarten von der Mama, mit so vielen, vielen Küssen darauf, daß sie sie gar nicht zählen konnte. Schmerzchen las Mamas Schrift wie Gedrucktes und war sehr stolz darauf. Mama schrieb so zärtlich, hatte so viele, gute, schöne Wörtchen für sie. Die Mamas der anderen Kinder hatte sie nie so zärtliche Worte sagen hören!
Ja ... aber die anderen Mamas blieben bei ihren Kindern, gingen nie fort von ihnen ... nie. Sie hatte es manchmal aufgeschnappt, wenn Damen unter sich sprachen: „Ich könnte mich von meinem Kinde nicht trennen --“, „Ohne mein Kind -- nein, dazu habe ich es viel zu lieb“. Das gab Schmerzchen jedesmal einen bösen, heftigen Stich.
Seit nun aber der Papa gesagt hatte: „Im Sommer“, hatten Schmerzchens Zukunftsvorstellungen einen gewissen Umriß erhalten. Sie würde weiße Kleider tragen und mit Mama spazieren gehen wie andere Kinder. Mama würde sie von der Schule abholen, und sie würde sagen: „Ich habe keine Zeit, mich mit euch herumzubalgen, meine Mama wartet unten.“ Ganz laut würde sie sagen „meine Mama“, daß die ganze Klasse es hörte! Und auf der Straße würde sie sich von ihrer Mama küssen lassen ... da konnten die anderen sehen, wie die Mama sie lieb hatte.
Die Aprilsonne brannte bereits durch die Fensterscheiben. Aber wen sie auch fragte -- noch war es nicht Sommer. -- -- --
Das Fenster stand weit auf, und die warme Abendluft kroch über die Weinranken und Geranientöpfe der kleinen Loggia in Adelens Eß- und Wohnstube. Auf dem Tisch lag die Wäsche ihres Mannes. Auf den Stuhllehnen hingen die Röcke, auf dem Boden standen Stiefel, braune Schuhe, Pantoffeln. Adele zählte alles durch, trug es auf zwei weiße Blätter ein, unter die Überschrift: „Verzeichnis“. Sie holte noch eine Flasche Kölner Wasser, drei Seifenstücke und eine Schachtel Zahnpulver aus dem Schlafzimmer. Dann stand sie noch einmal auf und holte den Schwamm, den Waschhandschuh. Zu dumm, wie ihr Gedächtnis nachgelassen hatte. Bald hatte sie dies, bald das vergessen und jenes übersehen. Seit Wochen hatte sie nichts getan, als geplättet, geflickt, geputzt, gekauft. Sie war wie zerschlagen! Der Mann verreiste auf kaum einen Monat, und es machte ihr fast ebensoviel zu schaffen, wie Vickis Hochzeit. Wie hatten doch ihre Kräfte nachgelassen in den paar Jahren! Im Grunde war sie es zufrieden, daß sie allein blieb. Ganz allein. Daß sie nur sich selbst leben konnte, nicht kochen, nicht räumen brauchte. Ausruhen durfte. Endlich mal ausruhen! Auch die Bedienungsfrau durfte ihr nicht ins Haus.
Alwin Maurer kam herein, blinzelte mit den Augen im grellen Weißlicht der Gaskrone. Er fuhr streichelnd mit der Hand über Adelens Rücken.
„So viele Mühe machst du dir ...“
„Ach was ... komme du nur gesund zurück. Ja und dann bitte ich dich Alwin ... gib Acht auf deine Sachen. Sieh mal her ...“
~Dr.~ Maurer nickte zerstreut.
„Ja ... ja, gewiß ... danke schön .. Sag’ mal, hat Fritz nichts geschrieben? Noch immer nicht?“
Sie neigte den Kopf tiefer, drückte das Kinn an die Brust. Daß ihr Mann gerade jetzt ...
Alwin Maurer baute die Seifenstücke aufeinander. Tiefe Schatten lagen um seine Augen. Die heftigen Schmerzen, die er in der letzten Zeit ertragen mußte, hatten eine scharfe Leidenslinie um seinen Mund eingegraben, die der kurze, rötliche, grauuntermischte Bart kaum verdeckte.
„Der Junge gefällt mir nicht ... schon eine ganze Weile nicht. Paß auf.“
„Ich soll aufpassen ... ich! Ich kann mich nicht zwischen ihn und meinen Bruder stellen. Das weißt du. Du kennst Ernst genau so gut wie ich. Früher war er anders, aber jetzt ... Er hat Worte, die wie scharfe Messer sind. Wenn er so mit Fritz gesprochen hat ... Fritz ist kein kleiner Junge mehr ... Fritz ist Offizier. Er selbst hat es ihn ja werden lassen. Er konnte sich denken, daß ein Leutnant anders auftreten muß als ein kleiner Schauspieler, ein Lehrer.“
Zum ersten Male in ihrem ganzen Leben gab Adele den heißgeliebten Bruder der Kritik ihres Mannes preis. Zum ersten Male klagte sie ihn an, verurteilte ihn.
Jetzt wußte sie erst, wie er war, wie er sein konnte. Jetzt klammerte sie sich an ihren Mann, erwartete von ihm Trost, Beruhigung, Abhilfe.
„Du mußt noch vor deiner Reise mit Ernst sprechen. Mußt ihm sagen ...“
Aber Alwin Maurer schüttelte den Kopf, und sein Gesicht wurde noch grauer.
„Wir haben freiwillig auf unser Elternrecht verzichtet, Adele, an dem Tage, da wir das Anerbieten deines Bruders annahmen. Unsere +Sorge+ um unsere Kinder gibt uns ein Recht auf sie -- nicht der Umstand, daß wir sie in die Welt gesetzt haben.“
Adele führte die grobe, dunkle Schürze an die Augen.
„Darum ist er aber doch immer unser Kind ...“
„Ja ... wie Vicki unser Kind ist, seitdem ihr Mann für sie sorgt. Genau so. -- Zum Packen ist auch noch morgen Zeit. Komm, Adele, laß uns einen Abschiedsschoppen irgendwo trinken.“
„Ach ja, Alwin ... das wollen wir.“
Sie kleidete sich um, tupfte ein Stückchen Watte in Reismehl und suchte so die Spuren ihrer Tränen und die heißen Flecken auf den Wangen zu verwischen.
„So, Alwin ... nun wollen wir vergnügt sein.“
Denn es blieb ja doch das Beste in ihrer langen Ehe, diese Ausgänge zu zweien, an Sommerabenden, wenn der Flieder blühte oder die Linden ihren starken Duft ausströmten und sie in der verschwiegenen Stille eines entlegenen Gartenlokals, beim flackernden Schein einer einsamen Laterne einander zutranken, und wenn sie sich zurückversetzte in jene längst vergangene Zeit, da solche Abende, durchduftet von Sommer und Hoffen, zu den schönsten Augenblicken ihrer einst so schwer erkämpften Brautzeit gehörten. -- -- --
Die Familie brachte Alwin Maurer zur Bahn, wie einst Karla. Sogar Vicki erschien mit einem Körbchen, das sie sich mit hastig zusammengekaufter Backware hatte füllen lassen.
Schmerzchen blickte mit gespanntem Ausdruck auf Onkel Alwin.
„Fährst du nach Wien, Onkel?“ fragte sie.
Alwin Maurer beugte sich über ihr zartes, ernstes Gesicht. Er wurde ganz rot dabei. „Vielleicht“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Aber das wissen nur du und ich!“
„Ja“, nickte Schmerzchen.
Und nun wurde auch sie rot. Denn es war ein wichtiges Geheimnis, das der Onkel ihr anvertraut hatte, und ihr kleines Herz schlug ganz schrecklich schnell vor Freude darüber.
Alwin Maurer drückte noch ein letztes Mal die ausgestreckten Hände.
„Fritz ist richtig nicht gekommen!“ sagte er.
Altmann überhörte es. Alwin war unverzeihlich in seiner Schwäche. Es war nur gut, daß er dem Jungen letzthin mal eine ordentliche Standpauke über seinen „katastrophalen“ Leichtsinn gehalten hatte. Wenn er noch ein einziges Mal Dummheiten machte, dann würde die Zulage auf die Hälfte herabgesetzt! Dann sollte er sehen, wie er fertig wurde. Natürlich -- jetzt maulte er. Spielte den Beleidigten!
„Mach’ dir keine Sorgen, Alwin ... denk’ an dich und nur an dich. Hast dir’s verdient!“
Altmann schüttelte ihm kräftig die Hand. Ging noch eine Strecke mit dem langsam abfahrenden Zuge.
„Du ... +sie+ wird wohl jetzt in Bayreuth sein ... Vielleicht ..“
Das „Vielleicht“ war das letzte, was Alwin Maurer noch hörte. Und er sah die Frauen mit ihren wehenden Tüchern nicht mehr.
Wie aus einem tiefen Schacht heraus brach das Bewußtsein hervor, daß er mit diesem ratternden Zuge nicht nur der Heilung entgegenfuhr -- sondern auch Karla. Und dies Bewußtsein weckte aufs neue jenes Sehnen in ihm, das wie ein wildes, wärmendes Licht die traurigsten und ödesten Strecken seines ereignisarmen Lebens verklärt hatte.
„Vielleicht ...“
Ein letztes, banges Hoffen sprach aus diesem Wort -- aus dem Blick, der es begleitet hatte ...
Alwin Maurer ließ die Luft um sein Gesicht streichen. Wie wohl das tat ... wie das erfrischte! Anderes Land, andere Menschen ...
Nur gesund werden ... stark ... lebensfroh ...
Und dann ...
Vielleicht brachte er sie wirklich heim -- dem Manne, dem Kinde ... und sich.
Vielleicht ...
Im kleinen Speisesaal des Reichenbergschen Palais am Schwarzenbergplatz wurde von zwei Lakaien das Obst um den ovalen Tisch gereicht.
„Befehlen Durchlaucht den Mokka im Wintergarten?“ fragte der alte Haushofmeister.
„Hast du noch Zeit?“
Alice Reichenberg sah ihren Bruder an.
Gaudlitz blickte auf die Uhr, nickte.
„Reichlich.“
Fürst Reichenberg, unnachahmlich vornehm und elegant, mit seiner müden, vornübergebeugten, hageren Gestalt, tauchte die Fingerspitzen in die silberne Wasserschale.
„Eine furchtbare norddeutsche Gewohnheit, dieses ewige Auf-die-Uhr-schauen“, meinte er. „Habt ihr den Rhythmus der Zeit nicht im Blut -- aus der Westentasche seine Tagesbefehle holen ... nehmt’s mir nicht übel, aber das find’ ich schrecklich! Das könnt’ mir das Leben verleiden. Oder brauchens auch immer den Metronom, gnä’ Frau?“
Er küßte Karla die Hand -- ein bißchen lässig, wie er alles tat, aber mit einem in seiner Weichheit fast zärtlichen Blick in den gleichsam ausgewaschenen, hellen, länglichen Augen.
Karla lachte.
„Ich komme immer zu spät -- trotz all meiner Uhren, denn ich sehe nie hin.“
Gaudlitz faßte ihre beiden Hände, umschloß sie mit den seinen.
„Ich seh’ schon -- jetzt muß ich dir eine Uhr schenken. Die wirst du doch ansehen ... oder etwa nicht?“
Er sagte es flüsternd, daß nur sie allein das „Du“ hören konnte. Aber sie wurde doch rot. Zu rasch war alles gekommen. Noch war ihr diese äußere Nähe zu ungewohnt. Keine Werbung war vorangegangen, kaum eine Frage.
Während sie mit Reichenbergs am Morgen nach ihrem letzten Auftreten in Bayreuth im Hotelgarten frühstückte, war er plötzlich die kurze Allee heruntergekommen, hatte seinen Strohhut geschwenkt, war an den Tisch getreten.
„So. Nun habe ich lange genug gewartet!“
Schob mit lachendem Gesicht einen Stuhl zwischen seine Schwester und Karla, reichte dem Schwager über den Tisch die Hand.
„Jetzt wollen wir wenigstens Vorverlobung feiern -- bei einem Glase Milch und Butter, mit Honig. Das soll das Symbol unserer Ehe werden, Karla.“
Sogar Alice Reichenbergs Gesicht wurde flammend rot.
„Du bist unmöglich, Hans Jochen. Ein Wilder.“
Aber Reichenberg meinte:
„Warum denn, Alice? Ich find’ das sehr fesch. Grüß dich Gott, Hansel! Schad’, daß du die gnä’ Frau gestern nit g’hört hast! ... Also weißt, wenn Wagner noch lebte ... Heut’ sind wir zum Tee in Wahnfried. Wenn du willst, führ’ ich dich ein ...“
Gaudlitz schüttelte lachend den Kopf.
„Danke verbindlichst. Das könnt’ uns passen, heute ... Karla, wie? Sagen Sie selbst?“
Sie widersprach eifrig.
„Doch, Graf Gaudlitz ... ich muß hingehen.“
Gaudlitz gab ihr einen Klaps auf die Hand.
„Erstens: nicht Graf Gaudlitz, sondern Hans Jochen. Nur nicht Hansel! Mein Schwager hält mich scheint’s für einen Kanarienvogel. Ich möchte mir’s verbeten haben. So. Und zweitens +müssen+ Sie nichts anderes tun, als was Sie +wollen+. Von heute ab ist es so. Verstanden? Und was Sie wollen, das muß genau dasselbe sein, was ich will.“
Karla faßte lachend und nicht ohne Verlegenheit die Hand der Fürstin.
„Alice, schützen Sie mich -- vor diesem Manne.“
Es nahm Karla den Atem. Sie war wirklich nicht vorbereitet auf diesen Zwiespalt, nicht vorbereitet auf das Kommen von Gaudlitz. Sie hatte an einen Telegrammwechsel gedacht; an lange Briefe, an ein sich langsames Gewöhnen -- nun war er da. Lachte sie mit seinen blauen Augen an, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, daß er da war, sie „Karla“ nannte vor seiner Schwester, von der Ehe mit ihr sprach, ihr seinen Willen aufzwang ...
Und wenn das Herz ihr auch vor Seligkeit schlug -- da war doch noch anderes. Viel anderes ... ihr Leben bisher, ihr Erfolg hier ... Ehren, die ihr -- ganz allein galten ... Verpflichtungen, die sie allein erfüllen mußte, als selbständiger, freier Mensch -- als Künstlerin ...
Aber nein -- sie mußte richtig absagen in der Villa Wahnfried. Mußte Alice Reichenberg bitten, sie mit Migräne zu entschuldigen. Durfte keine Zeitung ansehen, die doch alle Depeschen gebracht hatten, alle ihren Ruhm verkündeten! Mußte einen Boten zu dem berühmten Maler schicken, der sie gebeten hatte, ihm zu einer Skizze eine halbstündige Sitzung zu gewähren; konnte kaum die Karten durchsehen, die für sie während des Vormittags abgegeben worden waren, die Briefe und Depeschen lesen, die sich auf dem Schreibtisch ihres kleinen Hotelsalons stapelten, -- ja, es blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als in einem weiten Staubmantel, einen dicken Schleier vor dem Gesicht, in ein Auto zu steigen und sich von Gaudlitz ganz weit weg von allen abgeklapperten Ausflugsorten entführen zu lassen, nur damit er seinen Willen hatte und sie ganz für sich behielt an diesem ersten Tage.
Als sie dann am späten Nachmittag heimkehrte, da wußte ihr Mädchen nicht recht, was mit ihrer „gnä’ Frau“ geschehen war. So glückstrahlend und geistesabwesend hatte sie sie nie gesehen.
Am selben Abend noch wurde gepackt. Und auch die Rückreise mit Reichenbergs nach Wien war wie eine Entführung.
Aber Gaudlitz erklärte, er müsse gleich wieder zurück aufs Gut. Das könnte ihn jetzt nicht entbehren. Die neuen Maschinen wären gerade eingetroffen, von denen der alte Verwalter nichts hatte wissen wollen. Da gälte es, seinen Willen durchzusetzen. Die Maschinen müßten in seiner Gegenwart zusammengesetzt und aufgestellt werden ... Aber vorher wollte er mit Karla am Tisch und im Hause seiner Schwester ein Glas Sekt trinken.
Das sollte die Weihe sein.
Fürst Reichenberg lächelte sein müdes, ein bißchen ironisches Lächeln. „Sozusagen -- die zweite Vorverlobung. Sag’s lieber gleich, Hansel, wie oft du dich noch mit der gnä’ Frau zu verloben gedenkst ...“
Gaudlitz lachte. „So oft ich wiederkomme: im Herbst und im Winter und nächstes Frühjahr ... und so weiter -- bis es ans Heiraten geht! Und darauf, daß es bald ist, wollen wir zusammen anstoßen. Denn viel Zeit zu verlieren haben wir nicht mehr. Jeder Augenblick muß ausgenutzt werden!“
Im Wintergarten des Reichenbergschen Palais sagte er ihr noch einmal:
„Keine Minute dürfen wir versäumen. Darum sollst du die Uhr von mir haben. Mir darfst du nicht zu spät kommen -- hörst du, mir nicht!“
Es flackerte plötzlich wie eine Unruhe, wie eine Angst in seinen lachenden, blauen Augen auf.
Jetzt, da Karla vor ihm stand, im Hause seiner Schwester, im einfachen Sommerkleid, war sie ihm so nahe, so vertraut. Als hätte er nicht bloß in Sehnsucht an sie gedacht diese endlos lange Zeit, sondern als hätte sie bereits sein Leben geteilt, als wäre sie bereits wirklich durch die großen hellen Räume des großen weißen Hauses geschritten, des Grafenhauses, wie die auf Pinnow sagten. Als hätte nicht nur in seinen wachen Träumen ihre wundervolle Stimme die Halle durchbraust, in der noch ein alter, verstimmter, langer Klapperkasten stand.
Aus dem Holze wollte Gaudlitz eine Wiege zimmern lassen ... Das gab es her. Und an dieser Wiege würde Karla sitzen; ihre Stimme würde über sie fluten, aus dem Schnitzwerk würde es widerklingen. So sollte jedes seiner Kinder von Vergangenheit und Gegenwart träumen in seinem ersten Schlaf, Vergangenheit und Gegenwart einen, durch das Singen der Mutter, das Singen der Wiege ...
Auch ein langer Tisch sollte in der Halle des Grafenhauses stehen ... so ein Tisch, von dem Karla manchmal geträumt hatte ...
Ein hastiger, herzlicher Abschied. Ein Winken vom Fenster, ein Winken zurück aus dem Auto. Ein kurzes Ankurbeln, Fauchen und Rattern, und in stolzem Bogen glitt der dunkelgrüne Wagen mit den zwei Schwägern die Auffahrt hinab. Wie betäubt blieb Karla noch eine Weile stehen, dann warf sie sich Alice Reichenberg an die Brust.