Part 24
Oder aber sollte ihn mit herführen zu ihr! Er war in diesem Augenblick bereit, Berlin und „seine Leute“ zu lassen -- wenn sie nur ein Wort sagte! Nur ein Wort. Luise sollte wieder zu Adele ziehen, sollte sehen, wie sie fertig wurde -- er gehörte zu Karla, wie Karla zu ihm gehörte. Sie war die Mutter seines Kindes. Und das Kind mußte sie ihm wieder zuführen -- hier oder dort!
Karla löste ihren Arm aus dem seinen. Über der Gloriette mit den lichtumwobenen Säulen funkelte die Herbstsonne. Gelbe Blätter rieselten von den Bäumen, und der Himmel wölbte sich blaßblau, mit violetten Schatten über der fernen Stadt.
Von irgendwo klang übermütiges Lachen. Eine junge Männerstimme rief: „... ich werde warten ... war--ten ...!“
Karla fuhr zusammen. Es war nur ein Wort -- ein Klang -- ein Bild. -- Dort oben im Pommerschen saß auch einer, der wartete ... wartete auf sie.
Und sie liebte ihn.
Nie hatte sie es so gefühlt wie jetzt. Und dabei stammelte sie: „Du kannst mir doch mein Kind nicht vorenthalten ... +mein+ Kind!“
Hart antwortete er -- und wußte nicht, woher die Kraft ihm kam zu dieser Härte:
„Der Platz des Kindes ist im Elternhause. Wir erhoffen nichts sehnlicher, als daß du kommst.“
„Ich bin doch gebunden ... das weißt du ...“
„Es gibt Urlaub -- Ferien ... Das Kind wartet auf dich.“
Da taumelte sie zurück, stieß mit dem Kopf gegen einen Baumstamm, wendete sich ab und weinte.
Er schritt hin und her auf dem weichen Moosgrund, bohrte seinen Stock in das lockere Erdreich. Seine Lippen zuckten, seine Brauen ...
„Wir wollen jetzt heimgehen, denke ich ...“
Er lächelte bitter. „Heimgehen!“ Er -- in sein Hotelzimmer, sie -- in ihre Wohnung. Sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen, ihre Lippen glühten heiß.
Kalter, grauer Dämmerschein senkte sich nieder. Lautlos still war es ringsum -- die Stadt lag schmutzig grau und tot hinter Rauch und Nebel. Karlas Röcke rauschten seidig unter dem einfachen Loden, die Feuchtigkeit löste den Duft von ihrem Spitzenbäffchen, daß sie einherschritt wie in einer wohlriechenden Wolke.
„Gehen wir“, murmelte sie tonlos.
Und der Abstieg begann. Langsam, dann immer rascher wurden ihre Schritte, als wollten sie dem Dunkel entfliehen, das aus dem Walde auf sie zukroch. Sie sprachen kein Wort. Als wären sie voll Angst, Worte zu hören und zu sagen, die alles zerschnitten zwischen ihnen. Erst im Wagen brach Altmann das Schweigen.
„Ich fahre morgen früh zurück, nach Hause. Soll ich etwas bestellen?“
Er konnte es nicht sehen, wie das Blut ihr aus den Wangen lief, und er hörte das Zittern ihrer Stimme nicht beim Wagengerassel, als sie fragte:
„Morgen früh schon?“
Aber sie unterdrückte ein Aufatmen.
„Morgen singe ich ...“
„Ja ... ich weiß.“
Das brachte er nicht über sich. Sie als eine Fremde da oben zu sehen. Er brachte auch die Freude nicht auf an ihrem Erfolg. Zu gut ahnte er, was dieser Erfolg ihn kostete.
Aber sie bat ihn, mit zu ihr heraufzukommen. Sie hatte allerlei gekauft -- für die Schwägerinnen, für Vicki, für Schmerzchen vor allem.
Er wehrte ab mit düster zusammengezogenen Brauen: „Das ist alles viel zu kostbar ... Du hast die Verhältnisse vergessen. Für Vicki allenfalls ...“
Vicki Völkel rauschte in Seide und Samt, seit ihr Bodo Aufträge hatte. Sein erstes Haus hatte verblüfft. Man fing sogar schon an, von einem Völkelschen Stil zu sprechen. Er machte Schule, seit er einen reichen Teilhaber gefunden hatte. Es hieß, er sollte ein Theater bauen. Vicki sprach von nichts anderem. Völkels wohnten jetzt in dem erst neuerbauten Hause am Kurfürstendamm draußen ...
Sie hielten zwei Mädchen und eine Nurse. Trotzdem kam es noch vor, daß Vicki die Mutter um einige Goldstücke anpumpte. Aufgeschrieben und eingeteilt wurde nichts. Die „Kasse“ waren die Brief- und die Hosentaschen Bodo Völkels! Vicki hatte keine Ahnung von seinen Einnahmen. Aber da er ihr die Hunderter über den Tisch zuwarf, so wirtschaftete sie darauf los, bis es alle war. Es kam aber vor, daß er, ohne sie vorher zu benachrichtigen, plötzlich auf eine Woche und mehr verreiste -- mit der „Kasse“ natürlich. Langte es nicht bis zu seiner Rückkehr, wurden die Eltern angepumpt. Ohne Bedenken und aus dem sicheren Gefühl des Vollen heraus. Aber zurückgezahlt hatte Vicki kaum je etwas.
Jedenfalls würde sie sich über den hübschen Schlafrock freuen. Altmann hatte sie eines Morgens in einem alten Rock und vertragener Bluse überrascht und daraus geschlossen, daß es vorläufig noch nicht für alles „langte“, sondern das Geld hauptsächlich nach außen hin angelegt wurde.
Und dabei saß Altmann doch wieder am Abendbrottisch in Karlas Wohnung. Sie hatte ihn nicht fortgelassen. Als müßte sie ihm noch diese letzte Herzlichkeit erweisen, ehe er abfuhr. Sie sagte stockend und die Farbe wechselnd:
„Mich kostet mein Leben so wenig -- ich habe immer so viel Geld übrig. Du brauchst mir nur zu sagen, wenn ihr mehr zu Hause braucht. Auch wegen Fritz ... So ein junger Leutnant gibt mal was aus.“
Altmann brachte kaum einen Bissen herunter. Er fragte sich, warum er denn nur hergekommen, warum er sich dieser Qual ausgesetzt hatte. Warum er nicht abgeschlossen hatte mit ihr -- schon damals, als sie ihm die Depesche schickte: „Vertrag mit Berlin gütlich gelöst, bleibe Wien.“
Wie ein dumpfer Schlag vor die Stirn war ihm die Depesche gewesen, und er hatte nicht gewußt, was er tun sollte. Dann hat er sich entschlossen, abzuwarten, was weiter noch von ihr kam. Aber es kam nichts. Nur alle paar Wochen die Bitte: „Gib mir Schmerzchen!“ Und von Zeit zu Zeit Karten an Luise, an Alwin -- an ihn selbst. Zeitungsausschnitte -- Geld, Geschenke ... und so selten ein Brief. Ein Brief, der nichts erklärte, nur nackte Tatsachen brachte oder einen leidenschaftlichen Ruf nach dem Kind.
Und jetzt wieder nur die Frage: Was braucht ihr? Habt ihr genug? ... Als wollte sie sich loskaufen von ihm mit all dem.
Er strich mit der flachen Hand heftig über das Tischtuch.
„So ein junger Leutnant hat sich zu bescheiden. Das habe ich ihm geschrieben. Ein für alle Mal. Wir leben einfach. Ich könnte es aus eigenem bestreiten, wenn nicht Fritz ... und die Wohnung ...“
Es würgte ihm am Halse und er fuhr hastig fort: „Die Wohnung möchte ich behalten ... Ich habe jetzt eine Schauspielschule und brauche Platz.“
Er dachte: „Und schließlich findest du heim ...“
Aber er sagte es nicht. Die Bewegung schnürte ihm den Hals vollends zu. Sie aber starrte auf den Tisch herab und krampfte die Hände ineinander.
Es waren Minuten, die sich zu Ewigkeiten dehnten.
„Selbstverständlich führe ich Buch über alles, was du schickst. Was übrigbleibt am Ende des Monats, geht zum Teil an die Sparkasse auf Isoldens Namen, zum Teil an eine Versicherung. Wenn sie zwanzig Jahre alt ist, wird ihr eine nette Summe ausgezahlt. Sie kann dann etwas anfangen oder heiraten ... kurz, sie kann sich ihr Leben schaffen ...“
Karla sah ihn mit großen, feuchten Augen an.
„Das ist schön von dir, Ernst ...“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Das ist selbstverständlich. Dazu sind die Eltern da ... Das ist Notwehr gegen das Leben. Das lernt man an Beispielen.“
Sein Ton wurde wieder lehrhaft, ohne daß er es wollte. Und dieser Ton gab sie der Wirklichkeit zurück.
„Nächsten Sommer singe ich in Bayreuth -- weißt du das schon?“
Sie sagte es sehr feierlich. Was gab es denn auch Größeres für sie als ihr Kind, ihre Liebe und Bayreuth?!
Es waren die Gipfelpunkte ihres Lebens, um die all ihre Sehnsucht, alle ihre Gedanken kreisten. Bayreuth -- das hatte sie noch erleben wollen -- bevor sie dem Warten Erfüllung gab.
Bayreuth sollte ein Abschied und ein Wiedersehen sein -- ein glanzvolles Ende und ein seliges Beginnen!
Aber sie brachte nichts von alledem über ihre Lippen.
Er sah ihre Bewegung. Deutete er sie richtig oder falsch --? Er ergriff ihre beiden Hände, drückte sie an die Lippen und ging.
Sie rührte sich nicht, lehnte totenbleich an der Wand. Hatte er verstanden? Oder hatte er Hoffnung geschöpft -- eine Hoffnung, die sie nicht erfüllen konnte ...?
Die ganze folgende Nacht war er aufgeblieben. Hatte sich zu Ronacher gesetzt und hatte den König-Schampus getrunken, war zu den Schrammeln gefahren und dann von Café zu Café bis zum frühen Morgen. Hatte sich in seinem Hotelzimmer aufs Bett geworfen und war dann abends in die Oper gegangen ... ganz oben, „aufs Paradies“ hinauf, wo die Enthusiasten sich aneinanderdrängten.
Und die verwöhnte Wiener Jugend raste, wie einst die Kieler Jugend, wie die Neger und die Brasilianer gerast hatten.
Aber damals war er es gewesen, der ihre Schritte leitete, sie schützte; jetzt bedurfte sie seines Schutzes nicht mehr, war ihm entwachsen, entflohen ...
Der Vorhang fiel ein zweites Mal herab. Brausende, tosende Rufe erfüllten die heiße Luft.
Karla erschien wieder und immer wieder. Durch sein großes Opernglas konnte er jeden Zug in ihrem Gesicht erkennen. Er sah auch, wie sie plötzlich stutzte, wie durch die Schminke hindurch ein heißes Rot ihr in die Schläfen stieg und ihre Augen sich starr auf eine Loge richteten. Er beugte sich vor, hob sein Glas bis zur Höhe des ersten Ranges. Da schoß auch ihm das Blut zu Kopf, und seine geraden, dichten Brauen zogen sich heftig zusammen.
In einem nilgrünen, tief ausgeschnittenen Samtkleid, Brillanten und Perlen um den blendend weißen, schlanken Hals, zwei flimmernde Brillantsterne im tiefgewellten, leuchtend roten Haar saß Mariette de Santos. Neben ihr John Russel, in Frack und weißer Binde, den kühnen Abenteurerkopf vorgebeugt über die Brüstung, die Hände mit den krallenartigen Nägeln zu lautem Klatschen vorgestreckt. Hinter dem Stuhl seiner Frau stand Don Pedro de Santos. Sein Bart lag jetzt lang und breit wie ein Fächer auf dem bläulichweißen Frackhemd. Er stand da, regungslos, feierlich, wie es seine Art war, mit dicken, müden Lidern und sattem Besitzerlächeln.
Elegant und temperamentvoll schlug Madame de Santos ihren Spitzenfächer gegen den Rücken ihrer Hand, auf die Gefahr hin, ihn zu zerbrechen, ergriff dann einen Teerosenstrauß, der vor ihr auf dem roten Samt der Logenbrüstung lag, und warf ihn mit graziösem Schwung auf die Bühne.
Er flog Karla zu Füßen. Sie bückte sich nicht nach ihm und übersah es, daß ein Kollege ihr ihn reichte. Mit einer letzten Verneigung ging sie ab und kam trotz allen Rufens und Tobens nicht wieder.
Die Luft wurde Altmann eng und schwül. Er glaubte ersticken zu müssen. Mit den Ellbogen bahnte er sich einen Weg aus dem Menschenknäuel heraus und stürzte die endlosen steinernen Treppen hinunter.
Auf der stillen, frostig kalten Ringstraße aber blieb er stehen und schöpfte tief Atem.
Hatte er das nicht schon einmal empfunden? Hatte er das alles nicht schon einmal erlebt ...? Wo nur? ... Wann? ...
Und plötzlich wußte er es.
An jenem Abend war es, da die Nordeni von ihrem Elternhause sprach, von ihrem Vater, der gekommen war, sie zu hören, und dann davongegangen war auf Nimmerwiederkehr ... an jenem Abend, da auf einer mondbeglänzten Terrasse Brasiliens ein rotes Schöpfchen vor ihm hergegaukelt war, ihn um all seine Besonnenheit gebracht hatte ...
Kaum je war ihm der Abend noch eingefallen. Nie hatte er mehr dieses kurzen Abenteuers gedacht, und nie anders, als mit heimlichem Ärger über sich, mit kalter Verachtung gegen das kokette Pariser Grisettchen.
Er hatte Karla albern und geschmacklos gescholten, als sie einst darauf zurückgekommen war, hatte es nicht mal der Mühe wert gefunden, sich ihre Verzeihung zu erbitten -- und nun hatte er gesehen, wie auch jetzt noch alles harte Abwehr in ihr war gegen die Frau, um die er ihrer nur auf kurze Stunden vergessen? War er denn selbst an allem schuld, an der Entfremdung, der Ferne zwischen ihnen? ... Hatte diese Entfremdung nicht schon damals begonnen in Brasilien, und hätte er den Weg noch finden können zu ihr, als sie aus bangem Schauer heraus ihm an den Hals geflogen war am Totenbett der Nordeni?
Altmanns Schritte hallten in den menschenleeren engen Gassen der fremden Stadt, die ihn dünkte wie ein unentwirrbares Labyrinth. Nun stand er zum fünften oder sechsten Male vor der Stefanskirche. Aber er mochte nicht fragen, ließ sich die Richtung nicht gerne weisen. Und so war er immer denselben Weg gegangen, und es war immer der falsche gewesen!
In Wien! Im Leben! In seiner Ehe!
Hatte sich im Kreise herumgedreht und war zum Ausgangspunkte zurückgekehrt -- in der Sackgasse stecken geblieben -- bei „seinen Leuten“.
Da fiel ihm das Kind ein.
Und wie ein Sonnenstrahl durchbrach es das dunkle Gewölk um ihn herum.
Mochte sein Leben verpfuscht, vernichtet sein -- das Kind hielt ihn aufrecht. Die Liebe seines Kindes sollte die Nacht erhellen, die sich um ihn zusammenballte. -- -- --
Und jetzt, nach so langen Wochen, saß Schmerzchen auf seinen Knien und fragte, wie Kinder fragen, die lächelnd auf Wunden treten:
„Warum fahren wir nicht nach Wien?“
„Du dummes, dummes Schmerzchen du ...“
So gab auch er ihr, aus verbissenem Weh heraus, den Namen, den die Mutter ihr gegeben, aus schmerzerfüllter Seligkeit.
Diese letzten Wiener Herbsttage -- Karla vergaß sie nicht so bald. Auch ihre Empfindungen nicht, an jenem Opernabend, da sie Mariette de Santos in der Loge erblickt hatte.
Der Theaterdiener brachte ihr die Teerosen in ihre Garderobe, wo bereits ein großer Korb mit Riesenorchideen von John Russel stand.
Sie warf die Rosen der Ankleidefrau zu.
Die zornige Erregung über die Dreistigkeit der in all ihrer Millionenpracht immer noch grisettenhaften kleinen Pariserin überwog fast die Freude über die Anwesenheit John Russels.
Doch er kam zu ihr am nächsten Tage. Halb Freund, halb Geschäftsmann, in alter brutaler Offenheit.
„~Well~, Karla König ... ich hätte nicht geglaubt, daß Sie noch immer in Gefühl machen, wie man in Berlin sagt. Ich habe die de Santos’ in Paris getroffen, und wir sind zusammen hergereist. Von Paris aus hatten wir telegraphisch die Loge bestellt. ~Dear me~, die kleine Frau hat vor Wut über Sie einen Weinkrampf bekommen im Zwischenakt -- sonst wäre ich schon gestern in Ihre Garderobe gekommen. Ich wußte, daß Ihr ... daß Mister Altmann in Berlin geblieben ist. So nahm ich an ... ~well~, wir wollen nicht davon sprechen. Man häutet sich alle sieben Jahre -- schöne Frauen sollen sich sogar öfter häuten.“
Karla lächelte und legte ihre Hand in seine Pranke.
„Sie haben es immer nur gut mit mir gemeint. ... Aber das muß ich Ihnen sagen, mit dem Häuten ist es nichts bei mir.“
„Hat auch was Gutes, Karla König ... das macht dickfellig mit den Jahren ... unverwundbar ... Und dann geht’s einem erst recht gut!“
Sie schüttelte leise den Kopf.
Aber John Russel war nicht gekommen, um zu philosophieren. Er kam mit sehr bestimmten Vorschlägen. Wie lange lief der Vertrag mit der Wiener Oper? Bis zum übernächsten Jahr vorläufig? Schön. Dann sollte sie nicht verlängern, nicht anschließend jedenfalls. Ein Jahr sollte sie sich frei halten für die Metropolitan in New York. Im Juni acht Vorstellungen in London. Wenn sie vernünftig wäre, konnte er für das darauffolgende Jahr mit St. Petersburg abschließen. Er bot ihr ein Vermögen.
Aber sie schüttelte wieder den Kopf. Sie war nicht „vernünftig“ in seinem Sinne.
Er lehnte sich zurück in den Sessel und legte die Beine übereinander. Es schwante ihm -- das gab eine lange Sitzung.
„Ich muß Ihnen was sagen, Karla König, es ist ja diesmal gut ausgegangen -- aber dem Kapelle hab’ ich eins ’reingewürgt. War ja Unsinn mit Berlin. Berlin ist Ende, nicht Anfang. Das eine Mal hat man Sie gehen lassen, ein zweites Mal nicht. Hofoper ist eine Lebensversicherung! Der Tod für den Künstler. Dazu sind Sie zu jung. Ein Name muß rollen. Rauf und runter. Muß Spektakel machen, anwachsen, groß werden von allem, was er angesammelt hat, was an ihm hängen geblieben ist! Sie sagen Bayreuth. Kapelle besauft sich vor Entzücken. Aber ich sage: Bayreuth ist wie ein Orden. Ich biete Ihnen mehr! Ich biete Ihnen Gold. Millionen. Weltruf.“
Karla saß vor ihm in einem einfachen hellgrauen Kleid und hatte die Hände über dem Knie verschlungen. Sie hielt ihre sprechenden braunen Augen unter den kaum angedeuteten, hochgezogenen Brauen beharrlich gesenkt. Nur ihre Wangen brannten und verrieten ihre innere Bewegung.
Sie dachte an Schmerzchen. Dachte daran, daß es ihre Pflicht war, für sie zu sorgen. „Ihr Kind soll das meine sein“, hatte Gaudlitz gesagt .... Wenn aber Altmann die Sorge des fremden Mannes um das Kind, das ja auch das seine war, zurückwies? Welchen Leiden ging sie entgegen, wenn ihr Schmerzchen, ihr erstes, angebetetes Kind, in kümmerlichen Verhältnissen groß wurde, während ihre künftigen Kinder in Reichtum aufwuchsen, auf den Höhen des Lebens wandelten ...?
John Russel kniff seine scharfblickenden Habichtaugen zusammen. Holla ... war da wieder ein Mann im Spiel? Wieder einer, den er mitzerren, durchfuttern mußte? Wieder ein Sekretär, Begleiter, Geliebter oder künftiger Gatte?
„~Well~, Karla König, überlegen Sie nicht lange. Freie Reise für Sie und Zofe und -- für noch eine Person, wenn Sie wollen ...“
Da mußte sie lachen.
Und das Lachen gab ihr den Selbsterhaltungstrieb zurück, das stärkste Gefühl für ihr ureigenstes Recht als Frau. Wie kleinmütig sie nur gewesen war. Sie schlug die Hände zusammen und lachte wieder, hell, froh und im tiefsten Innern beglückt über ihr befreiendes Lachen.
„Also abgemacht?“ John Russel hielt ihr die Hand hin.
Sie aber sagte, noch immer vergeblich mit dem Lachen kämpfend: „Abgemacht ist, daß Sie jetzt bei mir speisen werden. Sonst nichts. Nicht New York, nicht St. Petersburg -- nicht einmal Wien. Ich verlängere den Vertrag nicht und schließe keinen anderen.“
Sie legte ihren Arm in den des zum erstenmal vor Verblüffung sprachlosen John Russel und zog ihn mit sich fort in das kleine Eßzimmer.
An diesem Nachmittag aber schickte auch sie ihr erstes Lebenszeichen an Gaudlitz:
„Warten bis nach Bayreuth.“ -- -- --
-- -- -- Lang und still dehnten sich die Tage in Adelens neuer, kleiner Wohnung. Wenn sie mit Hilfe der Bedienungsfrau ihre drei Stuben instand gesetzt, ihren Marktbesuch erledigt und das Mittagessen gekocht hatte, setzte sie sich auf den hohen Tritt vor dem Fenster und spähte nach ihrem Manne aus. Eines Tages ließ sie sich sogar den unter altem Gerümpel gefundenen „Spion“ am Fenster anbringen. Der brachte ihr die größte Zerstreuung, indem er ihr das Bild der Straße in ihre stille Stube warf. Und auch während ihr Mann seinen Nachmittagsschlaf hielt oder seine Privatstunden gab, saß sie vor dem stummen Berichterstatter des Straßentreibens und flickte und stickte. Es war ihr kaum bewußt, daß sie dasselbe tat, was ihr einst in jungen Mädchenjahren als der Gipfel des Stumpfsinns an ihrer Mutter erschienen war.
Es waren seltene Festblicke, wenn Vickis „Nurse“ an ihrer Tür läutete und den eigenwilligen, stets opponierenden Robbi hereinzerrte. Robbis Gunst war nur von Gassenjungen zu erringen. Großmamas Kuchen und Schokolade machten ihm nicht den mindesten Eindruck. Von dem Zeug bekam er zu Hause so viel er wollte. Er greinte und war so lange unausstehlich, bis er wieder draußen war.
Der Enkel war ein Ruppsack, Vicki in ihrer Fahrigkeit kaum noch für ein ernstes Gespräch zu brauchen. Sie hatte nie Zeit. Nicht in, nicht außer dem Hause. Kein gemütliches Fleckchen gab es bei ihr, wo sich Adele zum Geplauder hätte niederlassen wollen, und wenn es klingelte, zuckte Vicki zusammen -- ob es am Telephon oder an der Wohnungstür war. Es gab immer Plötzlichkeiten: Besuche, die kamen oder gemacht werden mußten, ein Auftrag ihres Bodo, der keinen Aufschub erduldete, ein Brief, der jetzt in dieser Stunde aufzugeben war. Vicki war immer auf dem Sprung, immer unruhig, zerstreut, auf Meilen entfernt mit allen Gedanken ...
Und wenn gar der Schwiegersohn nach Hause kam: „... die Mama ist da? ... So ... ja ... ’Tag, aber ... auf mich bitte zu verzichten ... ich hab’ zu arbeiten ... ich habe Geschäftsbesuch ... ich muß verreisen ...“ Dann klappten Türen -- zwei -- drei, als wollte er sich verstecken! Vicki lief wie ein Irrwisch umher, von ihm zu ihr -- von ihr zu ihm, rote Flecke auf den Wangen ....
Adele kannte diese heißen roten Flecken! Wußte, was an Hast und Erregung hinter ihnen steckte ... Nein -- Vickis Haus war nichts für sie. Das war ähnlich, wie wenn man zwischen zwei elektrischen Straßenbahnen und einem Automobil eingeklemmt war und nicht ’raus wußte! Diese Aufregung genoß sie zehn Mal am Tage an anderen -- wenn sie in ihren „Spion“ blickte ... Dafür dankte sie.
Blieb Fritz.
Adele’s Augen leuchteten und feuchteten sich zugleich, wenn sie an ihn dachte.
Alle Frauen sahen sich nach ihm um auf der Straße, so ein hübscher, flotter Leutnant war er. Flott ... ja ... zu sehr. Unbekümmert, liebenswürdig dreist.
„Kram’ in deinem Strumpf, alte Dame ... da findest du noch ein paar Goldfüchse, wie?“
„Heute nehme ich meine alte Dame mit ins Schauspielhaus ... he? Kabale und Liebe! Was zum Weinen ... entzückend!“
Er brachte ihr ein Veilchensträußchen für einen Groschen, eine Schachtel Pralinés für fünf Mark, bestand auf einem Wagen, dem er die „Tour“ bei ihrem Einsteigen bezahlte, und holte sich am nächsten Morgen „was aus ihrem Strumpf“.
Sie schüttelte den Kopf, sie weinte sogar. Er aber lachte.
Lachte sorglos beruhigend.
„Meine alte Dame“ -- „Mein alter Herr“ -- es klang feudal. Es brachte einen Hauch von Vornehmheit in die bürgerliche Dreizimmerwohnung. Adele bestand darauf, daß ihr Mann den Zylinder aufsetzte, wenn er mit seinem Sohne ausging. Und sie sah, wie auch seine Augen aufleuchteten, wenn er den frischen blonden Jungen mit den strammen, schlanken Gliedern vor sich stehen sah.
Selbst Vicki fand Zeit, mit dem Bruder auszugehen, wenn er aus Küstrin über Sonntag Berliner Luft schnappen kam. Völkels waren überhaupt „patente Menschen“, erklärte Fritz zur großen Beruhigung der Mutter, die sich über die neue geschwisterliche Zusammengehörigkeit freute.
Manchmal frühstückte er mit dem Schwager, beim Austermeyer. Es waren Bodo Völkels beste Stunden, und er war dann einem kleinen Pump sehr zugänglich. Selbst einem Pump, der nie zurückgezahlt wurde.
Schwieriger wurde Fritz sein Verhalten zu Altmann und Luise. Er wußte mit diesen zwei starren, ernsten Menschen, deren Leben so streng geregelt war, nichts anzufangen.
Wenn auch Luise ihm noch manchmal mit der hageren Hand über das blonde gescheitelte Haar strich, Altmanns Hand legte sich nur schwer auf seine Schulter, um der Frage Nachdruck zu geben:
„Keine Dummheiten gemacht, wie? Alles in Ordnung? Ich möcht’ es mir auch ausbitten!“
Das war kein Ton, der ihm eine Beichte erleichtert hätte.
Bei Tisch saß er strammer, als wenn er der Kommandeuse seine Aufwartung machte.
Er wußte nicht, wohin mit seinen Beinen und seinen Worten -- so ernst blickten der Onkel, die Tante und selbst das kleine Bäschen mit den braunen Zöpfen.
Selbst nach der „Tante Karla“ wagte er kaum zu fragen, seit die Antworten so merkwürdig einsilbig gelautet hatten und Vicki ihm unter dem Siegel des Vertrauens einmal zugeraunt hatte:
„Weißt du ... da ist was mulmig ... Daran würde ich in der Landgrafenstraße lieber gar nicht tippen. Bodo sagt, sie wäre jetzt eine ganz große Nummer in Wien -- da kann man sich ja denken, nicht wahr? Mir tut nur das Kind leid. Herrgott, hat sie sich mit ihrem ‚Schmerzchen‘ gehabt! Es war wirklich nicht mehr schön -- na, und was steckt hinter allen ihren Worten? ... Gar nichts. Das ist eben so am Theater. Mama hat schon ganz recht, wenn sie sagt, daß Onkel Ernst im kleinen Finger wertvoller ist als sie. Ja ... er hat eben der Bühne entsagt und sich ganz der Erziehung seines Kindes gewidmet. Das ist doch gewiß hochachtbar ... da bin ich ganz Mamas Meinung.“
Einmal, zwischen zwei Zigaretten, im Zimmer des Vaters, brachte Fritz das Gespräch auf Karla -- schnodderig, ein bischen überlegen.
„Amüsiert sich wohl in Wien, die gute Tante, wie? ...“
Aber er brach ab, als er sah, wie der Vater erblaßte.