Die Primadonna

Part 23

Chapter 233,715 wordsPublic domain

Gar so viel lag Gaudlitz garnicht an einem neuen, großen Aufstieg Karlas. Sogar das Gastspiel in Wien, für das seine Schwester sich so eingesetzt hatte, reute ihn. Er kannte seine Schwester. Entweder ernstmachen -- oder weit weg vom Schuß bleiben. Wenn es ihm einfiele, in Wien zu hocken, Karlas wegen, würde Alice ihn mit ihren großen blauen Augen ernsthaft ansehen und ihn fragen: „Soll mein Haus euer Treffpunkt sein -- oder was meinst du?“ ... Und wenn er dennoch blieb, dann fand Karla verschlossene Türen im Palais der Fürstin Reichenberg. Ohne ihre Schuld. Dann schadete er ihr -- in den Augen der Gesellschaft, der Schwester ...

Die Sache war gar nicht so einfach. Ja, hätte er Alice nicht gleich reinen Wein eingeschenkt ...! Aber da war es eben mit ihm durchgegangen, und auch, wenn er nichts gesagt hätte -- gemerkt hätte sie es.

Karlas Papa wurde einsilbig, wenn Gaudlitz auf ihr Privatleben zu sprechen kam.

„Ja -- so -- hm -- möglich -- weiß ich nicht -- kümmere mich nicht -- ihre Sache ...“

Der Papa hatte auch blaue Augen. Aber die konnten verflucht hart blicken, wie geschliffener Stahl. Und er hatte auch seine Mucken, der alte Herr. Merkte es doch genau, wie brennend gern er von ihm mehr und Näheres über Karla erfahren hätte -- tat aber gar nichts dergleichen, spielte nur um so eifriger Schach, wenn Gaudlitz um ihn herumstrich.

Weiß der Teufel, was der Alte sich dachte. Aber er, Gaudlitz, konnte doch nicht erst in aller Form um Karla anhalten, da sie verheiratet war.

Und wie verheiratet! Das hing alles mit tausend Ketten an ihr -- und sie schleppte alles mit durch.

Aus Liebe? Aus Pflichtgefühl?

Er dachte daran, seinen Rennstall aufzulösen und wieder auf Reisen zu gehen.

Alice schrieb ihm, sie könnte ihm den Posten eines Gesandtschaftsattachés in Peking verschaffen. Er telegraphierte zurück: „Geht’s nicht noch weiter?“

Es fehlte nicht viel daran, daß er ihr die Freundschaft gekündigt hätte. Sie ging diesmal zu weit in ihrer schwesterlichen Fürsorge!

Er wollte irgendwo auf einem schönen Flecken Erde seinen „Kohl bauen“, wollte Kinder haben mit einer Frau, die er liebte, wollte allenfalls aus dem umfriedeten Gehege seines persönlichen Glückes heraus erkennen lernen, was not tat im eigenen Lande. Diplomat -- nein, das lag ihm nicht. Er hatte wohl den Mut, eine Ansicht vor der Öffentlichkeit zu vertreten, aber nicht die Geschicklichkeit, sie zu verbergen.

Seine üble Laune hatte den Höhepunkt erklommen.

„Ich will mal bißchen zu den Pyramiden, meinen Schnupfen auskurieren“, sagte er in seinen Klubs.

Seine Bekannten lachten, wie über einen Scherz. Aber drei Tage später war er wirklich abgereist. --

Karla ging sehr langsam von den Proben nach Hause, hielt sich in verschiedenen Geschäften Unter den Linden auf, schrak zusammen, wenn ein Hut, ein Mantel, eine Größe ihr von weitem eine Ähnlichkeit vorspiegelten.

Ihm begegnete sie nicht mehr.

Sie wurde stiller. Als hätte sich grauer Nebel auf alle Freudigkeit und Spannkraft ihrer Seele gelegt.

Es kam vor, daß, wenn Schmerzchen ihr ein Spiel vorschlug, sie sich mit einem Kuß loskaufte ...

Der Tag von Karlas Abreise war angebrochen. Karla hatte fast ihre frischen Farben verloren -- beinahe wäre Altmann doch mit ihr gefahren, weil er ihr stilles und gedrücktes Wesen der Angst vor dem Wiener Auftreten zuschrieb.

Auch jetzt noch, am frühen Nachmittag, sagte er:

„Du weißt, Karla ... wenn du mich brauchst, wenn es dir eine Beruhigung ist ... meine paar Sachen sind gleich gepackt ...“

Vielleicht hoffte er, sie würde sagen: „ja, ich brauch dich.“ Aber es wäre eine Lüge gewesen, und sie sagte es nicht.

Sie dankte nur ein bißchen matt. Die Fürstin würde sich ihrer annehmen in Wien.

„Ja ... das ist auch mir eine Beruhigung“, gab Luise zu. „Das scheint ja eine ganz reizende Dame zu sein ....“

Luise hatte gar nichts mehr gegen die Fürstin Reichenberg, seit Karla ihr den letzten Brief zu lesen gegeben. Die Fürstin hatte für den Vorabend ihres Auftretens einen großen musikalischen Abend bei sich anberaumt, Karla sollte singen und sich gleich Publikum schaffen.

„... alle unsere Freunde sind schon sehr gespannt auf Sie und freuen sich. Von meinem Bruder erhielt ich Nachricht aus Kairo, wo er einen Bronchialkatarrh auskuriert. Mein Mann küßt Ihnen die Hand ....“

Luise war ganz ruhig. Und es war sehr überflüssig, daß der Bruder die Unbequemlichkeit einer Reise auf sich nahm. Karla war erwachsen genug ...

Maurers hatten sich am Bahnhof Zoologischer Garten eingefunden. Adele erzählte von ihrem im April bevorstehenden Umzug. Drei Zimmer und Nebengelaß, mit Gartenbenutzung! Ganz neues Haus, Warmwasserheizung und wunderschöne Tapeten. Den ganz alten Kram wollten sie verkaufen, das gab dann Geld für ein paar Anschaffungen. Auch mit dem Dienstmädchen hatten sie sich’s überlegt. Sie brauchten nur eine Bedienungsfrau.

... Vielleicht klopfte man auf diese Art eine Reise nach Karlsbad für Alwin zusammen. Der Arzt hatte gesagt ...

Alwin drückte den Arm seiner Frau herunter und unterbrach:

„Das hat ihm Adele in den Mund gelegt .... Badereise -- lächerlich!“ Er reichte Karla noch einmal die Hand durch das Fenster ihres Abteils.

„Mit hellen Augen wiederkommen, Karla ..“

Karla lächelte mit einem wehen Zug um den Mund.

Es war nicht mehr das erstemal, daß sie allein zu einem Gastspiel reiste, aber doch schien es ihr, als wäre es diesmal etwas ganz anderes, etwas viel Bedeutsameres .... „Telegraphiere gleich, wie du angekommen bist“, sagte Altmann.

Er hatte sich von „seinen Leuten“ entfernt und stand einen kurzen Augenblick allein vor Karlas Fenster. Es überkam ihn etwas, was ihm die Augenlider rötete. Wie eine heiße, zärtliche Welle war es, wie ein ganz plötzlicher Schmerz, eine unerklärliche Sehnsucht. Wenn sie ihm jetzt sagte: „Steig ein, Ernst, fahren wir zusammen --“, er hätte sich nicht besonnen. So wie er da stand, wäre er gefahren. Und es riß ihn, es zu tun, ohne ihre Worte abzuwarten.

„Du, Karla ...“

Sein Körper wendete sich, als suche er die Wagenstufen, in seinen Augen glomm es auf.

„Du, Karla ...“

Aber die letzte Tür wurde zugeschlagen, die Schwestern drängten sich mit ihren weißen Tüchern an seine Seite.

„Zurück! ... Platz da! ...“ rief der Schaffner.

Altmann griff nach seinem Hut. Und während der Zug langsam aus der Halle glitt, die weißen Tücher neben ihm wehten, erstand vor seinem inneren Auge jener Tag, da er neben Karla an dem offenen Wagenfenster gestanden und sie beide vereint die Fahrt ins Ungewisse, in die weite Welt angetreten hatten -- -- -- -- --

-- -- -- Karla war traurig. Traurig darüber, daß die Trennung ihr so leicht geworden war, daß sie beinahe aufgeatmet hatte, als sich der Zug in Bewegung setzte. Als wenn eine Last von ihr abgefallen wäre --

Und wie aus weiter Ferne drangen die Worte des alten Kieler Direktors an ihr Ohr: „Schleppen wirst du an ihm, denk dran, Kleine ... Du wirst schleppen!“

Nur vierzehn Tage heraus aus dem allen ... vierzehn Tage an sich denken dürfen, nur an sich und was sie tief in ihrem innersten Empfinden barg ... Wenn Gaudlitz auch weit weg war, in einem anderen Weltteil, ohne Abschied und Gruß in der Ferne blieb ... sie bebte dem Augenblick entgegen, da sie in seiner Schwester etwas von ihm wiederzufinden hoffte.

Langsam rollte der Zug über die Gleise der inneren Stadt.

Karla stellte sich an das breite Fenster des Ganges. In dem flirrenden Licht der Bogenlampen liefen und drängten die Menschen durcheinander. Plötzlich zuckte sie zusammen.

Ihre Arme wurden von rückwärts leicht umschlossen, süßer Rosenduft schlug über ihr zusammen.

„Frau Karla ...“

Sie schrie leicht auf, wurde blaß und rot.

„Graf Gaudlitz ... Sie hier ... jetzt ... reisen Sie nach Wien ... mit mir zusammen nach Wien?“

„Nach Wien nicht, Frau Karla ... aber bis zum Schlesischen Bahnhof -- wenn ich darf ...“

Ob er durfte. Sie zog ihn in ihr Abteil, die Blumen im Arm. Sie lachte wieder ihr altes frohes Lachen.

„Erzählen Sie ... sagen Sie mir ... seit wann sind Sie da ... woher wußten Sie, daß ich im Zuge bin ...?“

„Das war nicht schwer, Frau Karla. Wozu hat man eine Schwester, die mit der Mitwirkung einer gewissen Karla König an ihrem Musikabend renommiert? Sie konnte es ruhig tun, denn ich hatte mich im Wüstensand vergraben. Ich war ungefährlich. So kriegte ich alles von Ihnen zu wissen, sogar die Stunde Ihrer Ankunft in Wien, und da ich nicht nach Wien kommen darf, so verließ ich Ägypten, um Sie von der Friedrichstraße nach dem Schlesischen Bahnhof zu begleiten ...“

Sein Gesicht war gebräunt, er sah so froh, so stark und jung aus, wie an jenem ersten Dämmerabend im Tiergarten.

Sie war unendlich glücklich. Sie hielt die Rosen vor ihre Augen, vor ihr Gesicht, damit er nicht sehen sollte, wie feucht ihre Augen glänzten. Und sie fand auch keine Worte mehr, solange sie zusammenblieben, und keine Bewegung.

Wie erstarrt war sie in diesem neuen, jubelnden Glücksgefühl, das weder Begehren noch Reue, weder ein Gestern noch ein Morgen kannte.

Unter dem Rattern der Räder aber und dem gelben Licht der halbverhängten Deckenlampe sagte Graf Gaudlitz:

„Ich hab’ Sie lieb, Karla, und will warten, bis Sie die Kraft finden, allem zu entsagen, was Sie jetzt beglückt und auch bedrückt. Dann, Karla -- sollen Sie meine Frau werden.“

Er zog ihre Hand an seine Lippen und fügte leiser und nahe zu ihr geneigt hinzu:

„Ich sage Ihnen das schon heute, weil Sie wissen sollen, Karla, wie ich es meine. Ich verlange jetzt keine Zustimmung und kein Versprechen, denn ich weiß, daß Sie Zeit brauchen für das, was Sie tun müssen. Nur -- lassen Sie mich nicht zu lange warten.“

Karla entzog ihm ihre Hand, die er mit warmem Druck umschlossen hielt. Sie war sehr blaß, und ihre Lippen bebten.

„Ich habe ein Kind, Graf Gaudlitz ... mein Kind lasse ich nicht --“

„Ihr Kind wird das meinige sein, Karla ...“, sagte er fest.

Sie schüttelte heftig den Kopf, ihre Augen brannten in ihrem erblaßten Gesicht.

„Er gibt es nicht her .. nie .. das tut er nicht.“ ...

„Dann müssen Sie mich eben mehr liebhaben als Ihr Kind.“ ...

Er stand auf und griff nach seinem Hut. Sie klammerte sich an seinen Mantel.

„Gehen Sie nicht fort ... gehen Sie jetzt nicht fort, ...“ stammelte sie.

Schonend, sanft löste er ihre Finger.

„Wir müssen ruhig bleiben, Karla ... ganz ruhig. Unserer Zukunft zuliebe! .. Und wo immer ich fortab sein mag -- ich werde warten, Karla.“

Sie erhob sich, taumelte, fiel in die Polsterung des Wagens zurück. Feurige Räder tanzten vor ihren Augen.

Sie fühlte nicht mehr den Druck seiner Hand, sah nicht mehr, wie er sich neigte unter der schmalen Tür, hörte seine raschen Schritte nicht im Gang ...

Als sie zu sich kam aus der Erstarrung ihres tiefsten Schmerzes und ihres höchsten Glückes, sauste der Zug zwischen vereisten Wassertümpeln und verschneiten Feldern in die dunkle Nacht hinein ....

Graf Gaudlitz schritt aufrecht und entschlossen durch den Menschenknäuel des Bahnsteiges. Er bemerkte nicht, daß ein kleiner, eleganter Herr, in kurzem Gehpelz, einen Zylinder auf dem weißen Lockenkopf, sich rasch an ihm vorbeidrückte.

Nun war der Papa bis nach dem Schlesischen Bahnhof hinausgegondelt, um der Kleinen einen guten Wunsch mit auf den Weg zu geben -- ohne jemand von ihrem Anhang zu begegnen ... und mußte gerade den verteufelten Kerl, den Gaudlitz, erblicken, wie er aus dem Zuge stieg --!

Der Papa steckt ärgerlich seine zwei langstieligen Rosen in die Manteltasche und machte kehrt.

Dem Gaudlitz lief er den Rang ja doch nicht ab.

Fürstin Alice Reichenberg schickte einen langen Brief an ihren Bruder. Es war viel darin die Rede von Karla „... Alles ist in Wien auf Karla König gestimmt. Sie hat einen beispiellosen Erfolg gehabt und ihr Gastspiel auf weitere vierzehn Tage verlängern müssen. Kein Modegeschäft, das nicht seine ältesten Ladenhüter unter der Patenschaft ihres Namens wieder in Schwung bringt. Die Schrammeln singen ein G’stanzl auf sie bei Brady. Ronacher hat einen Karla-König-Schampus als neue Hausmarke eingeführt. Die Fiaker vor ihrem Hotel in der Weihburggasse reißen sich um die Ehre, sie fahren zu dürfen. Bösendorfer hat ihr einen herrlichen Flügel zum Geschenk gemacht, die Erzherzoginnen geben Soireen, in denen Karla die ‚große Attraktion‘ bedeutet. Die ersten Blätter bringen Abhandlungen über sie, -- heute von einem ersten Musikschriftsteller, morgen von einem Laryngologen, übermorgen von einem Ästheten. Sie ist berühmt, sie ist populär, sie wird bewundert, umworben, geliebt. Und sie tut gar nichts dafür: sie singt, sagt ein paar liebe Worte -- nicht übermäßig bedeutend und nicht übermäßig originell; aber wie sie sie sagt -- das gewinnt jedes Menschen Herz. Sie steht immer da wie eine, der von allen Seiten Blumen zugeworfen werden, und die sie alle auffangen, keine zu Boden gleiten, keine zertreten lassen will. Das spürt ein jeder, und das ist ihr großer Reiz. Man muß ihr gut sein, muß es ihr immer und immer wieder zeigen, denn ihre Freude hat etwas Erwärmendes und Beglückendes. Selbst mein großer und mein kleiner Rudi sind unter ihrem Bann. Der kleine Graf Doczy aber hat ganz den Kopf verloren. Seine Mama kam vorgestern zu mir und fragte recht naiv, ob man denn die König nit ausweisen lassen könnt’ -- ihr Bub wäre toll geworden, hätte die Komtesse Löwenstein von heute auf morgen plantiert, wo er doch wüßte, daß die Ausstattung schon bei Braun bestellt worden sei. Gestern sah ich die Komtesse mit den Doczys in der Oper -- sie hat Karla ihr Brustbukett zugeworfen! Ich glaube, sie würfe ihr den kleinen Doczy am liebsten nach, trotz seiner Millionenbesitzung im Böhmischen und der Aussicht, Sternkreuzdame zu werden .... Andeutungen, die Du machtest, mein lieber Junge, erfüllen mich mit großer Sorge. Wenn Du auch stark genug wärest, die Schwierigkeiten zu besiegen, die innerer Art sind und in ihren Familienverhältnissen ihren Ursprung haben -- aber wie willst Du es fertig bringen, Karla aus ihren jetzigen Triumphen zu reißen? Dein Vermögen dürfte sie kaum bestechen -- sie hat ein Vermögen in ihrer Kehle. Dein Name? Es hat viele nette Gräfinnen Gaudlitz gegeben, aber nicht viele Karla Königs! .. Zudem: Du hast eine Stadt gegen Dich, mein lieber Hans Jochen! Wien würde in seinem augenblicklichen Karla-König-Rausch den Mann steinigen, der sie ihm entführte. Es sind sehr ernste Verhandlungen zwischen der Wiener und der Berliner Hofopernbühne im Gang, um Karla jetzt schon an Wien zu fesseln. Karla unterstützt diese Verhandlungen aufs lebhafteste durch ein großes Aufgebot von persönlichen Beziehungen. Es liegt ihr offenbar alles daran, hierzubleiben. Was Dich betrifft -- so wirst Du begreifen, daß ich jede Vermittlung ablehnen muß, solange die Verhältnisse ungeklärt sind. Dein Name fällt nie zwischen uns -- darf nie fallen, bis Karla nicht innerlich zu einem Entschluß gekommen ist.“

Gaudlitz lächelte, als er diesen Brief las. Sein Name „fiel nicht“ zwischen den zwei Frauen .... Er hätte Karla soviel Zurückhaltung kaum zugetraut. Und die sagte mehr, als wenn sie ihn nach ihrer offen-kindlichen Art immer auf den Lippen gehabt hätte.

Und noch mehr bedeutete es für ihn, daß sie in Wien bleiben wollte, daß sie sich zu einer Trennung von ihren Angehörigen entschloß ....

Als er das im Schachklub, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, als ein „Wiener Gerücht“ ihrem Papa erzählte, blitzten die blauen Augen des alten Herrn zum ersten Male freundlich auf:

„So ... Sie glauben? Das wäre wirklich möglich? Hm ... Ausgezeichnet ... sehr vernünftig ... endlich mal ... endlich“ ...

Der Papa hatte ganz heiße Wangen und verlor die Partie nach wenigen Zügen.

Gönnerhaft ließ er sich von Gaudlitz durch ein paar Straßen begleiten. Plötzlich blieb er stehen:

„Ich hörte, Sie lösen Ihren Rennstall auf, Graf Gaudlitz ... übersiedeln Sie etwa nach Wien?“

Da war er wieder, der harte Blick, den der Alte haben konnte.

Gaudlitz schüttelte lachend den Kopf.

„Ich -- nach Wien? Nö ... ich übersiedle im Frühjahr auf mein Gut in Pommern, baue meinen Kohl.“

„So ... so“ ...

Sehr freundschaftlich schüttelte der Papa ihm die Hand. Gaudlitz war doch ein famoser Kerl .... Er stellte sich vor ihn hin und faßte ihn am Knopf seines Mantels.

„Unter uns, Graf .... Alles ist nur Sprungbrett im Leben. Wer’s zu benutzen weiß! Meine Tochter wird’s jetzt hoffentlich lernen. Keine Fesseln -- weder Ketten, noch seidene Bänder ... Eine Künstlerin muß frei sein ... ganz frei ... ein blinkender Stern dort oben ... für alle. Meine Tochter kann größer werden als die Patti. Gute Nacht, Graf.“

Er drückte ihm flüchtig die Hand und bog mit kleinen, federnden Schritten in eine Seitenstraße.

Gaudlitz rückte an seinem Hut und starrte dem zierlichen kleinen Herrn ein bißchen verblüfft nach. Donnerwetter ja .... Wenn man das so bedachte: ein Gaudlitz, mit einem Millionenvermögen -- und der ehemalige Tänzer war imstande und sah es als eine Mesalliance für seine Tochter an, wenn sie ihn heiratete ... Gaudlitz drehte sich ärgerlich auf seinem Absatz um.

Eines war ihm jedenfalls klar, und nicht von heute: mit seinem leeren, müßigen Leben durfte er zu Karla nicht kommen. Er wußte, was er zu tun hatte, und würde es schon mit der ihm eigenen raschen Entschlossenheit ausführen. Der alte Verwalter auf seinem Gute Pinnow würde ihm der beste Lehrmeister werden! Inzwischen besuchte er noch land- und volkswirtschaftliche Vorlesungen, ackerte die einschlägige Literatur durch. Dann machte er die Runde bei den alten Herren, den Freunden seines Vaters, die alle auf ihrer Scholle saßen. Seinen Wandertrieb hatten sie immer mißbilligt. Seine neuen ernsten Pläne würden sie erfreuen. Er stand gerade vor dem Telegraphenamt. Und seiner Eingebung folgend, die froh und stark war, schickte er als erstes Lebenszeichen seit langen Wochen die Depesche an Karla:

„Wie und wo immer -- ich werde warten.“

Ohne Unterschrift, ohne Gruß, ohne Bitte um Antwort.

Schmerzchen war die Erste in ihrer Klasse. Ihre Hefte waren am besten gehalten, ihre Aufgaben wußte sie am sichersten. Sie hatte eine Art, die Lehrerin anzusehen, die wie ein Zwang wirkte, nur zu ihr zu sprechen.

Denn Schmerzchen, die es von Hause aus gewöhnt war, Hauptperson zu sein, wollte in der Schule nichts von ihrem Rang einbüßen.

Schmerzchen hatte hochentwickeltes Ehrgefühl und war unbeschreiblich eifersüchtig, aber sie war auch verschlossen und schwer zu gewinnen.

Sie hatte keine Freundin und litt darunter. Aber sie konnte sich nicht entschließen, ihren Arm um ein Mädchen zu schlingen, das sie nicht wirklich liebhatte. Zum Liebhaben kam es aber nicht, weil sie für hochmütig galt und als „Musterschülerin“ verschrien war.

Ihren Versuch, einen häuslichen Verkehr anzubahnen, gab sie bald auf, obwohl Tante Lies für die besten Kuchen und die herrlichste Schokolade gesorgt hatte.

Die Mädchen waren zu neugierig und albern mit ihren Fragen; sie wollten es gar nicht begreifen, daß ihre Mama nicht bei ihr war, sondern im Ausland lebte. Und überhaupt -- eine Mama, die am Theater war ... Schauspielerin ....

„Sängerin ist meine Mama, nicht Schauspielerin“, sagte Schmerzchen mit stolzem Zurückwerfen ihres Köpfchens.

„Ach, das ist doch egal“ ...

Alle bürgerlichen Instinkte dieser kleinen Dinger krochen an die Oberfläche. Abgeschmackte und aufgeschnappte Redensarten sprudelten über ihre unschuldigen Kinderlippen, machten sie welk und alt.

Die einen fanden das interessant, himmlisch, suchten Schmerzchen zu kicherndem Gespräch in einen Winkel zu locken; die andern rümpften die Nasen, renommierten:

„Mein Papa ist Hauptmann“, oder: „Mein Vater ist Geheimrat“, oder: „Meine Mama nimmt mich immer mit, wenn sie im Sommer reist!“

Es kam danach vor, daß Schmerzchen sich die Bilder ihrer Mama ansah, eines nach dem anderen. Sie fand ihre Mama wunderschön. Besonders mit dem langen, wallenden Haar auf dem Rücken. Schmerzchen begriff nur nicht, warum das Haar so viel heller war.

Tante Lis sagte, das sei eine Perücke, und zeigte ihr so eine Perücke im Schaufenster eines großen Friseurs.

Seitdem wendete Schmerzchen ihre Vorliebe dem Bilde von Mama zu, das auf Papas Schreibtisch stand. Da war sie nicht so schön, aber sie lachte so nett und hatte so gute Augen und ...

„Warum fahren wir nicht nach Wien? Zu Mama?“ fragte sie einmal, mit jener ernsthaften Plötzlichkeit, die die Erwachsenen im ersten Augenblick immer in Verlegenheit um die Antwort brachte.

Altmann zog sein kleines Mädchen auf den Schoß.

Warum nicht? ....

Vor einigen Monaten war er dort gewesen. Die sehr elegante Dreizimmerwohnung in der Kärntner Straße hatte keinen Platz für ihn gehabt. Er hatte im Hotel absteigen müssen.

Karla hatte tausend Entschuldigungen gestammelt, hatte ihm die Hand gedrückt -- aber es war doch so geblieben, und er hatte die acht Tage auf drei verkürzt.

Es war etwas ganz Neues und Fremdes zwischen Karla und ihm. Wenn er „liebes Kind“ sagte, so schien es ihm oft, als wäre er wirklich nur ihr alter Freund, nicht ihr Mann mehr. Jeder Zärtlichkeit wich sie aus. Und war doch gut und lieb.

Sie brachte einen Apfelstrudel auf den Tisch, den „sie selbst“ gebacken hatte, wie sie mit Stolz erklärte. Ihr kleines Hauswesen ging am Schnürchen.

„Wie du dich herausgemacht hast ...“

Sie wurde rot, nickte.

„Ja ... das mußte ich wohl lernen. Ich habe viel Besuch, und die Leute sind hier verwöhnt. Ab und zu muß ich einladen ...“

Altmann schlug das Herz bis in den Hals hinauf:

„Wer kommt denn alles zu dir? ...“

Wie ein hinterlistiges Ausfragen kam es ihm vor. Aber sie antwortete harmlos, ohne sich zu besinnen, nannte die Namen.

Er fragte weiter:

„Und deine Gönnerin ... die Fürstin Reichenberg? ...“

Da färbte sich ihr Antlitz mit dunkler Glut.

„Ja ... die kommt auch zuweilen -- sehr selten. Du kannst dir denken ... eine so große Dame ...“

Er zerschnitt den Apfelstrudel in immer kleinere Stücke, vergaß zu essen.

„Ist ihr Bruder hier ... der ... wie hieß er doch ... Graf Gaudlitz, glaube ich ...?“

Nie war ihm das Komödiespielen so schwer geworden, und er wagte es nicht, ihr ins Gesicht zu blicken. Er hörte nur ihre Stimme, eine merkwürdig dunkel gefärbte, warme Stimme.

„Ich habe ihn nicht gesehen seit Berlin ... aber die Fürstin sagte mir, er sei auf seinem Gut in Pommern ...“

Er wollte es noch einmal hören, dieses „ich habe ihn nicht gesehen seit Berlin“ -- aber wie sollte er es anfangen, daß sie es sagte?

Die Hände wurden ihm kalt und feucht dabei.

Sie klingelte dem Mädchen, daß es den Mokka brächte. Sie selbst holte den Kognak aus der Kredenz.

Er sah, wie ihre Hand leicht zitterte, als sie einschenkte.

Und er wagte keine weitere Frage.

Später ließ sie ihn kaum zur Besinnung kommen, schleppte ihn durch die Museen und Theater, auf den Kahlenberg und nach Schönbrunn.

Sie war unermüdlich, gesprächig, heiter, aufmerksam.

Aber dann sprach sie von dem Kinde, mit dem zitternden Unterton heißer Sehnsucht.

„Wenn du mir Schmerzchen geben wolltest, auf ein paar Monate ... auf ein paar Wochen ...“

Sie hing sich dabei in seinen Arm ein. Ihr blühendes, frisches Gesicht streifte seine Wange, der Duft ihres braunen Haares stieg zu ihm auf. Und sie wurde bleich vor Erregung, während ihre Augen flehend auf ihn gerichtet blieben.

Da strafften sich seine Glieder, und seine Mundwinkel zogen sich herab wie im Krampf.

„Auf das Kind mußt du verzichten, solange du hier bist -- es ist zart und starken, neuen Eindrücken nicht gewachsen.“

Er sah es ihr an, wie sie losschreien wollte. „Das ist nicht wahr ... es ist nur ein Vorwand!“ ...

Und er wartete darauf. Denn er wollte es zugeben. Ja, es war ein Vorwand! Das Kind gab er nicht her ... Das sollte sie ihm zurückbringen -- sollte sie halten an seiner Seite für alle Zeit!