Part 22
Das gab ihr jedesmal einen Stich. „Darauf auch!“ Das andere war Karla. Mit seinen regelmäßigen Besuchen in der Landgrafenstraße war es vorbei. Die Zeit dazu brachte er nicht mehr auf. Und abends war er wie abgeschlagen, hielt sich kaum noch beim Abendbrot aufrecht und schlief mit der Zeitung in der Hand in der Sofaecke ein.
Dann sah sie es recht deutlich, beim weißen Schein der Gaskrone, wie schlecht er aussah, wie tief seine Augen eingesunken waren, wie schlaff die Haut ihm um die Wangen hing. Auch sein Haar hatte sich bedenklich gelichtet, das wellige, blonde Haar, das es ihr einst angetan hatte! An den Schläfen ringelten sich graue Büschel, und auch der kurze blonde Bart war mit Silberfäden durchsetzt.
Es kam vor, daß Adelens Augen sich feuchteten und eine bange, stumme Frage ihr aus dem Herzen stieg: Warum war er ihnen so schwer geworden, der Kampf mit dem Leben, warum hatte ihr armer Mann seine Tage in Arbeit und Mittelmäßigkeit verbringen müssen, während so manch anderer über seinen Kopf hinweg höher gestiegen war?
Was hatte die Tatkraft ihres armen Mannes so gelähmt, daß er nie über seine erste Stellung hinausgewachsen war?
Adele sprach darüber mit Luise, mit dem Bruder. Sie wußten keine Antwort darauf, alle drei nicht! Adele hatte in allem ihre Pflicht getan. Mehr als ihre Pflicht. Sie hatte keine Ansprüche gestellt, hatte ihre Kleider länger getragen als es ihre Dienstmädchen taten, hatte Stoffe gewendet, geflickt, die Kinder gewartet. Hatte die Schwester zum Verlassen des Hauses gedrängt, um ihrem Manne mehr Bewegungsfreiheit einzuräumen, hatte stundenlang darüber nachgedacht, was sie wohl kochen könnte, und ihm dann das Beste vorgesetzt, was ihre Kunst und ihr Wirtschaftsgeld hergaben, hatte durch Betteleien beim Bruder, bei Karla die Sorge um die Kinder fast zur Hälfte auf sie abgewälzt, hatte die Tochter verheiratet -- in stetig wachsender Angst um ihre Zukunft und in Sehnsucht nach einem friedlichen Alter, hatte, ohne ihn mehr als nötig davon zu unterrichten, gerechnet und gespart ... und dennoch -- -- trotz allem und allem hatte ihr Wohlstand sich nicht vergrößert, waren seine Kräfte verbraucht, seine Gesundheit untergraben, seine Lebensenergie erschlafft! -- --
So saß denn ~Dr.~ Alwin Maurer auch an diesem Sonntag mit müdem, grauem Gesicht am Abendtisch und kaute an seiner Zigarre. So recht schmecken wollte der Glimmstengel nicht mehr! An den zwei Pfennigen, die er jetzt weniger bezahlte, konnte es doch nicht liegen!
Wie früher so darauf lospaffen konnte er ohnedies nicht mehr, seit Fritz wie ein Schlot rauchte. Und unter einer Fünfpfennigzigarette tat der’s nicht! Konnte er den Häusern, in denen er verkehrte, gar nicht zumuten! Überhaupt, was der Junge verbrauchte an Handschuhen, an Blumen! Er fühlte sich schon ganz als Leutnant, machte Hausbälle mit bei den Eltern seiner Kameraden, hielt sich für verpflichtet, Aufmerksamkeiten zu erweisen.
„Die paar Blumen ... Bitte dich, Papa ... Ist doch selbstverständlich!“
Es war vieles „selbstverständlich“ für Fritz, und Adele unterstützte ihn, fand nie etwas zu viel für ihn. Es war ja auch nicht viel; aber es mußte da sein.
Die Sorgen hatten sich jedenfalls nicht verringert durch das Fernsein der Kinder.
Und während ~Dr.~ Alwin Maurer träge an seiner Zigarre zog, dachte er, daß es eigentlich schon ein Alteleutetisch war, an dem er jetzt mit Frau und Geschwistern saß. Wie schnell die jungen Jahre doch vergangen waren! Und wie wenig Jugendlust in ihnen gewesen war ... wie wenig Freudigkeit und Vorwärtskommen!
Draußen klingelte es, Adele ging öffnen -- es war Karla.
„Endlich ... Na ...? Wie war’s? ...“
Karla brachte eine Welle frischen Duftes mit in ihrem Pelz, ihrem Spitzentuch; sie lachte, war ganz freudige Bewegung, ihr langes Schleppkleid rauschte über die Läufer.
„Habt ihr was zu essen für mich? Ich sterbe vor Hunger ...“
Sie hielt ihre Wangen hin, drückte die ausgestreckten Hände.
„Ja ... es war wunderschön! Eine Menge Prinzen und Prinzessinnen waren da -- ein Großherzog. Uniformen ... auch ein paar Fracks. Der Kaiser erschien später ... aber gerade, bevor ich drankam ... Er war so guter Laune ... hat mir die Hand gereicht: ‚Na, Frau König ... was singen Sie uns Schönes?‘ Ich konnte meinen Knix kaum zur Hälfte machen, da sprach er schon auf mich ein! ... Ich weiß gar nicht, was ich geantwortet habe! ... Na ja -- im ersten Augenblick, nicht wahr? ... Und die Kaiserin -- so liebenswürdig hat sie gelächelt, und ein Kleid aus hellblauem Samt hat sie angehabt und eine lange weiße Boa aus Straußfedern.“
Die Jettperlen ihres schwarzen Spitzenkleides glitzerten und klirrten aneinander bei jeder ihrer Bewegungen. Ihr dunkles Haar bauschte sich in großen Wellen um ihr froh belebtes Gesicht.
„Weißt du noch, Ernst ... mein erstes Hauskonzert bei Astrongs ... wie man da eine Schnur um uns gezogen hat? Jetzt kann ich’s verstehen. So eine Schnur braucht wohl jeder Mensch -- nur daß sie bei dem einen zu sehen, bei dem anderen zu fühlen ist. Man muß nur innerlich spüren, wo sie anfängt. Ein bißchen Tastsinn muß man haben, denke ich mir, nicht wahr? Und darum bin ich so froh ... weil ich mich heute gar nicht an ihr gestoßen habe ... keinen Augenblick. Ich durfte singen und reden, wie mir der Schnabel gewachsen war, mit all den großen Herrschaften, und wenn’s wirklich einmal nicht ganz nach der Etikette ging, so habe ich doch gleich gesehen, daß mir keiner darum böse war. Nur zum Essen bin ich nicht gekommen -- und es waren doch so herrliche Brötchen und Kuchen und alles mögliche da. Aber ich glaube, ich habe fünf Tassen Tee nacheinander in die Hand gekriegt und kaum einen Schluck zu mir genommen aus jeder Tasse ...“
Altmann streckte sich und weitete die Brust. Er empfand Genugtuung, ehrliche Befriedigung. So weit war die kleine König aus Kiel doch gekommen! Ob auch ohne ihn ...?
Allen schwebte es in diesem Augenblick auf den Lippen, dieses „die kleine König“. Nicht neidlos bei Adele, tief dankbar für den Bruder bei Luise.
Nur Alwin Maurer erkannte mit leiser Freude all die Einflüsse und Strömungen, aus denen dieser prächtige, frische Mensch, diese wundervolle Künstlerin, ihre Lebenskraft geschöpft hatte. Altmann ... ja gewiß. Er hatte die erste grobe Arbeit getan, das Gold von den Schlacken gereinigt -- aber war es dann nicht dieser Sonderling Kapelle, der Karlas gefahrvolle Laufbahn in ehrenvolle Bahnen geleitet hatte? War er selbst es nicht gewesen, der ihr inneres Leben zu feinerem Bewußtsein geweckt hatte, und war dann nicht noch einer gekommen, der ihrer Kunst die tiefste Innigkeit gegeben, durch das Erwecken einer starken, keuschen Empfindung -- --?
Sie alle zusammen hatten der Welt dieses köstliche Geschenk gegeben, das den Namen Karla König führte, und sie alle mußten es ertragen, daß sie keinem von ihnen, sondern eben der Welt angehörte, für die sie sie geformt hatten ...
„Warum siehst du mich so an?“ fragte Karla plötzlich den Schwager, und ihre Gabel, mit der sie ein Stück Schinken aufspießte, blieb in der Luft stecken.
„Du bist des Ansehens und Nachdenkens wert, Karla“, sagte Alwin Maurer, mit einem Versuch, zu scherzen.
Aber ihre Augen blieben hängen an ihm.
„Wie müde du aussiehst, Alwin .... Nicht wahr, Adele, nicht wahr, Ernst, er sieht elend aus ... er muß etwas für sich tun.“
„Ja ... das müßte er“, sagten die Schwestern wie aus einem Munde, mit dem gleichen, dumpfen Klang der Stimmen.
„Du hast heute Besseres zu denken, als dir über mich Sorgen zu machen“, meinte ~Dr.~ Maurer.
„Nein, warum ...? Gerade heute ... ja, gerade heute, neben dem Zimmer, wo sich die Majestäten befanden, habe ich über dich gesprochen ...“
„Über Alwin? Wie das?“ Altmann trat wieder nahe an den Tisch heran -- auch die Schwestern rückten näher.
„Ja, das kam so ... Nachdem ich gesungen und die hohen Herrschaften mir Freundlichkeiten gesagt hatten, stand ich plötzlich -- ich weiß nicht wie -- im Nebenzimmer. Wie ich nun dastehe -- eine ganze Menge Herren um mich herum, und der eine sehr nett -- Orden von da bis da ... na, also dieser Herr spricht nun ganz besonders viel mit mir. Wo ich studiert hätte und wo ich geboren wäre, wo ich wohnte, und ob ich viel in Gesellschaften herumkäme, ob ich eine große Familie hätte, Kinder und so weiter. Schließlich wurde ich ärgerlich und platzte heraus: Ich habe ein kleines Mädchen, namens Isolde, eine Schwägerin Luise, noch eine Schwägerin Adele, einen Schwager ~Dr.~ Alwin Maurer, Oberlehrer am ... und da unterbrach er mich! ‚So ... so ... das ist ihr Schwager? Ach was!‘ Und weil ich ihn ganz dumm ansehe, erzählt er, daß er vor soundsoviel Jahren Dezernent im Kultusministerium gewesen wäre. Und damals sei ihm dein Name aufgefallen. Du hättest, sagte er, einen so famosen Aufsatz geschrieben über ... Herrgott, wie war das doch ... über den Unterricht alter Sprachen oder so was Ähnliches ... stimmt doch, nicht? Also diesen Aufsatz hatte er gelesen, und er hätte damals jedes Wort unterschreiben mögen. Und es wäre sehr mutig von dir gewesen in deiner Stellung, so etwas auszusprechen, und er hätte gleich Erkundigungen über dich eingezogen und hatte schon große Dinge mit dir im Sinn, aber dann hättest du alles zurückgenommen ... sagte er ... oder ... also ich weiß nicht mehr genau, wie das war; jedenfalls ..“
Karla fiel das Besteck aus der Hand.
„Um Gotteswillen, Alwin ... was ist dir ... was ist euch ...?“
Sie sprang vom Stuhl auf, starrte entsetzt auf den Schwager. Die graue Farbe seines Gesichtes war bleiern geworden; aber auch ihr Mann und die Schwägerinnen hatten sich verfärbt. Blicke, die sie nicht begriff, flogen von einem zum andern. Adelens Lippen zitterten, Luisens Hand krampfte sich in das Taschentuch ein.
Alwin Maurer stierte immer geradeaus.
„So sagt doch ... was ist Euch ... was ist geschehen?“
Karla war dem Weinen nahe.
„Nichts“, sagte Altmann. „Nichts jetzt ... das ist lange her ...“
Adele hatte beide Arme auf den Tisch geworfen und das Gesicht vergraben. Ihre Schultern zuckten. Luise rieselten die Tränen, klein, kalt und schnell der Nase entlang.
Karla lief auf den Schwager zu, schlang ihren Arm um seine Schultern. Der frische Duft ihres jungen Körpers rüttelte alles in ihm wach: die eigene Jugend, die frischen, starken Gedanken, das heiße Sehnen ...
„So rede doch, Alwin ... lieber guter Alwin!“
„Da gibt’s nichts zu reden ... Karla ... Ernst kann es dir später erzählen ... später ... jetzt nicht ... Es gibt eben Irrtümer ... mein Leben war ein Irrtum ... für mich und ... für die da.“
Er zeigte mit dem Kopf auf Frau und Schwägerin.
„Solange man jung ist ... kann man’s gutmachen ... aber jetzt ... da bleibt nur ein Trost: die gute Absicht. Sie meinten es ja alle gut ...“
Und er fügte hinzu:
„Dein Mann erfuhr es übrigens später. Da war es geschehen ... da hatte ich ... da hatte ich es schon getan ...“
„Wie konnten wir ahnen, daß es so aufgefaßt werden würde ... der Direktor selbst ...“
Adele schluchzte fassungslos vor sich hin. Alles war aufgewühlt in ihr. Eine Welt stürzte in ihr zusammen.
Alles, was ihr eingedrillt worden war von Jugend auf: Gehorsam gegen den Vorgesetzten, Bescheidenheit, stilles Dulden, nicht herumdeuteln an dem, was Größere aufgebaut hatten, stillschweigende Pflichterfüllung ...
War denn das alles nichts, großer Gott -- war das so garnichts?
„Wir wußten es nicht anders ... nicht wahr, Luise ... anders wußten wir es nicht ...“
Alwin Maurer wollte seine Hand auf Adelens Arm legen, aber er reichte nicht bis hin; und so blieb sie liegen auf dem bläulich-weißen Tischtuch -- grau, schlaff, kraftlos und wohlgepflegt -- das Sinnbild seines Lebens.
Altmann legte beide Arme um die Schwestern.
„Alwin hat recht ... laßt das jetzt ... es ist müßige Spielerei, sich vorzustellen, wie es hätte sein können ... Es war nicht -- weil der Geist der Auflehnung nicht in euch lag, weil ihr im Grunde Wertvolleres könnt als Umstürzen: Ihr erhaltet! Ihr seid nicht der Pflug, der den Boden aufreißt, ihr seid der Speicher, der unser Korn birgt für unser tägliches Brot. Habt Dank, ihr Lieben, auch dafür! Meinst du nicht auch, Alwin?“
Alwin Maurer nickte matt.
„Ja ... auch dafür.“
Seine Hand kroch langsam vom Tischtuch herab. Es war vielleicht gut, daß es tönende Worte gab. Die Frauen trockneten ihre Tränen.
Knapp vor zehn Uhr klingelte es von draußen. Es war Vicki. So spät am Sonntag -- da hatte sie es wieder einmal „dringend“!
Vicki hatte schon den schweren Tritt gesegneter Frauen. Sie begrüßte alle flüchtig und ein bißchen verlegen. Sie begann zu erzählen.
„Der Bau“ sollte bereits im März begonnen werden. Dann klappte auch alles mit dem Geld -- das würde Bodo schon einrichten. Nur die paar Monate noch ... Bodo wollte sich mit einem Kapitalisten vereinigen ... irgendeinem reichen Kerl vom Bau, der nicht viel konnte und nach Aufträgen lechzte. Es liefen so viele in Berlin herum. Bodo sagte, bald bräche die goldene Zeit für die Baumeister an. Man müsse sich nur ranhalten und endlich mal den alten Kram über den Haufen werfen. Die Leute würden wohl im Anfang schimpfen, aber das war ja immer so! Nur nicht nachgeben, ihnen das Verrückteste vorsetzen, alle alten Gesetze auf den Kopf stellen -- verblüfft mußten sie werden! Und pompös mußte es sein -- die Pracht müßte ihnen den Atem rauben! Dann zögen sie in die neuen Häuser ein. Vor allem die Fassade ... die Fassaden wären die Hauptsache!
„Und die Wohnungen?“ fragte Alwin Maurer.
„Bodo ist der Meinung, der Schwerpunkt der Pracht und Raumverschwendung müßte jetzt nach außen verlegt werden. Das lockt an. Die Wohnungen bedürften keiner solchen räumlichen Ausdehnung, und in einem Zimmer dürften nie mehr als drei, vier Sessel stehen und überhaupt sehr wenige Gegenstände. Unsere Zimmer sollen eine Andeutung über uns geben, keinen Roman erzählen ...“
~Dr.~ Maurer streifte die Asche seiner Zigarre ab.
„Sehr nett -- Andeutung. Nur leider stapelt sich im Laufe des Lebens allerlei Kram an, der einem wertvoller ist, als eure Andeutung. Das Leben, liebes Kind, weiß mit Andeutungen verflucht wenig anzufangen. Das sind so eure jungen Hirngespinste --“
Alwin Maurer brach ab. Ihm war es, als sähen Karlas Augen traurig zu ihm herüber.
Ja so ... nun sprach er wirklich wie ein alter Mann, wie einer, der am Rande des Lebens stand und nur zusah, mißtrauisch und übellaunig, wie die Jungen drüben ihre neue, junge Zeit zurechtzimmerten ...
„Ja .. ja .. Vicki, mag schon sein ... alles Gute deinem Mann ... alles Gute.“
Vicki küßte die Hand des Vaters, die graue, schlappe Hand. Aber ihre Augen irrten immer wieder zur Mutter -- fragend, bittend.
Und die Mutter verstand.
Sie erhob sich und machte Vicki ein Zeichen, ihr zu folgen.
Sie kam zurück mit brennend roten Flecken auf den Wangen. Vicki folgte ihr, ein breites Lächeln um den Mund. Sie war wieder einmal ruhig, brauchte ihrem Bodo nicht den Kopf warm zu machen mit den teuren Marktpreisen und ihrer leeren Geldbörse. Die Mutter zankte und maulte, aber schließlich „rückte sie doch heraus“.
Vicki machte die Runde, hielt jedem ihre frische Wange zum Kuß hin.
„Das war nun alles?“ fragte Alwin Maurer und hielt sie am Kinn fest.
Er griff in die Tasche und holte einen Taler heraus.
„Für die Fahrt ... kosten soll’s dich nichts.“
„Dank schön, Papa.“
Vicki nahm alles. Zwanzig Mark von der Mutter, drei vom Vater ... es war ja für ihren Bodo, damit er einen freien Kopf hatte.
Und Karla fühlte, daß Alwin das eine wußte und das andere.
Sie saßen noch eine Weile beisammen, nachdem Vicki das Haus verlassen hatte. Alle Frohstimmung war von Karla gewichen, aber sie brachte es nicht über sich, Alwin jetzt schon allein zu lassen mit Adele ... es mußte erst alles verklingen, der Schlaf sich auf seine Augen senken, ihm Lust und Kraft nehmen, noch einmal von dem „Irrtum“ zu sprechen.
„Ja, die Abende sind jetzt still zwischen Adele und mir“, hub Alwin Maurer plötzlich an „und wenn erst Karla nach Wien geht, wird’s --“, er wollte sagen: tot -- „dann wird’s noch stiller werden.“
„Ist es denn nun sicher mit Wien?“ fragte Adele.
„Vorläufig habe ich nur einen Gastspielantrag auf drei Abende für Ende Februar ...“
Karlas Augen blitzten unwillkürlich auf, aber sie wagte es jetzt nicht zu sagen, wie sehr sie sich freute.
Der Drücker wurde draußen im Vorzimmer in das Schloß gestoßen, einmal, zweimal ... die Kette klirrte.
„Das ist der Mieter“, sagte Adele auf Karlas fragenden Blick.
„Ach so ... ja ... ich vergaß.“
Alwin Maurers Mundwinkel zuckten nervös.
„Ein unausstehlicher Mensch ... als ob’s gerade +der+ hätte sein müssen!“
„Na, na ... er zahlt sehr anständig“, begütigte Adele.
Aber gleichzeitig horchte sie auf, und mit ihr die anderen am Tisch.
Unsichere, schwere Schritte trappsten über den dünnen Läufer ... es klirrte etwas, es schlug etwas gegen einen Stuhl ... die Schritte kamen näher, die Klinke wurde von außen hart und heftig niedergedrückt -- ein Mann trat über die Schwelle. Groß, breit, mit klobigen Zügen und trüben, hervortretenden Augen ...
„’n Abend ... was ist denn das, zum Deuwel nochmal, kost’ det Wasser so ville Jeld ... wie? ... Verdammte Wirtschaft ...“
Er war betrunken, schwenkte immerfort die kleine Wasserflasche vor sich her, aus der ein letzter Rest über den Estrich herausplantschte.
Adele stürzte ihm entgegen, ehe sie jemand daran hindern konnte.
Er torkelte bei der leisen Berührung ihrer Hand zurück. Altmann und Alwin Maurer sprangen zu, schoben Adele zur Seite.
„Sie sind betrunken, Mann, gehen Sie in Ihr Zimmer“, befahl Alwin Maurer.
Aber jetzt torkelte er nicht mehr, stand kerzengerade, breit und unbeweglich wie eine Mauer da.
„Betrunken? Sie sind woll ...?“
Er tippte sich an die Stirn.
„Na, und wenn? ... Sekt haben wir jesoffen, verstehn Se ... de Flasche zu zwölf Mark, und Rotwein und denn wieder Sekt ... tjawoll! ’n bisken anders, als Sie hier ...“
„Sie gehen jetzt auf Ihr Zimmer -- hier sind Damen“, herrschte Altmann ihn an.
„Ick jehe ... selbstverständlich ... ick jehe, aber bloß, wenn’s mir paßt, verstehn Se ... Da haben Sie mir jar nischt zu sagen ... Wer sind Sie denn ieberhaupt? Ick kenne Sie jar nich! Ick habe nischt mit Ihnen zu tun, Sie ... Und wenn ick durch’s Speisezimmer jehe -- det is mein gutes Recht hier ... allemal! Wenn ick mein’ Kopp im Badezimmer unter’n Wasserhahn stecken will, denn ... verstehn Se ... denn ...“
Altmann schob die Frauen in den ungeheizten „Salon“ hinein.
„Ihr seht doch, der Mann weiß nicht mehr, was er spricht ... Morgen muß der Kerl raus ... aber heute -- --“
Adele rang die Hände.
„Fünfzig Mark zahlt er monatlich ... denke doch, Karla, fünfzig Mark ...!“
Karla sah durch die angelehnte Tür, wie der Mann drohend das Eßzimmer durchquerte, sich plötzlich an einer Stuhllehne festhielt, zusammenbrach und von einem heftigen Unwohlsein gepackt wurde.
„Das auch noch ...!“ stöhnte Adele auf. „Das auch noch ...“
Das Mädchen war nicht da, stand wohl noch vor dem Haustor. Adele holte selbst Eimer und Scheuertuch. Ihre guten Sachen mußte sie retten -- die vor allem.
Aber der Ekel schüttelte sie.
Als sie wieder ins Speisezimmer kam, hatten Altmann und ~Dr.~ Maurer den Mieter in seine Stube gebracht. Er war wohl noch leichenblaß, aber sehr nüchtern. Er stammelte etwas von „infamer Kneiperei“ mit „Jeschäftsfreunden“, bat um „Verzeihung“, faselte etwas von „revanchieren“.
Im Eßzimmer war das Fenster weit auf und ließ die kalte Winterluft herein. Adele stand immer noch kurzgeschürzt in der Stube und schrubberte und schrubberte.
Alwin Maurer nahm ihr den Schrubber aus der Hand und schloß das Fenster.
„Erkälte dich nicht ... das ist wichtiger ... Über die fünfzig Mark kommen wir noch hinweg ... Aber vermietet wird nicht mehr! Zwei Stuben und Küche, meinetwegen; Fremde ... nie mehr ... hörst du, nie -- ich verbiete es!“
Und wie um die Härte seiner Worte zu mildern -- dieses erste Verbot in seiner langen, dumpfen Ehe -- strich er immer wieder mit zitternder Hand über Adelens eisig kalten Arme.
Als er den Kopf hob, sah er Karla, begegnete dem kummervollen Blick ihrer braunen Augen. Er versuchte zu lächeln.
Karla aber wendete sich ab und schlug die Hände vors Gesicht. -- -- --
Karla zählte Tage und Stunden, die sie vom Wiener Gastspiel trennten. Aber es gab noch endlose Auseinandersetzungen darüber, ob ihr Mann sie begleiten sollte oder nicht.
Luise blickte trübe in die Zukunft. Wenn Karla Erfolg hatte in Wien, würde sie nur daran denken, dorthin zu übersiedeln! Sie alle nach Wien? Das war Wahnsinn! Luise fühlte sich nicht mehr jung genug dazu. Sie sah auch für den Bruder nichts Gutes. Was sollte er in Wien? Sein streng norddeutsches Wesen war ihnen drüben fremd. Sollte er dort nur als der Mann seiner Frau herumlaufen oder sich in der Einsamkeit vergraben? Luise verwünschte das Wiener Gastspiel.
Karla aber traf auf dem Heimwege von den Proben -- zu oft, als daß es Zufall sein konnte -- Gaudlitz.
Er tat immer sehr überrascht, aber die spitzbübische Freude, sie abgefaßt zu haben, leuchtete ihm aus den Augen.
Manchmal gingen sie noch eine Stunde im Tiergarten spazieren, ehe sie sich trennten, und Karla bestieg dann das erstbeste Auto, um die Tischzeit nicht zu versäumen.
Aber es kam doch vor, daß das Mädchen mit dem Auftragen warten mußte, und dann stand Luise am Fenster des Musikzimmers und spähte mit zusammengezogenen Brauen auf die Straße hinaus.
„Die Probe hat heute mal wieder lange gedauert“, sagte Altmann.
Er war arglos. Aber Luise ließ Karla nicht aus den Augen. Und Karla fühlte, wie unter diesem bohrenden, stechenden Blick jedes Wort und jede Bewegung von ihr alle Unbefangenheit verloren.
Die erste, wie sie selbst erst dachte, zufällige Begegnung mit Gaudlitz hatte sie erzählt. Luisens Gesicht war nicht angetan, sie in ihrer Offenheit zu bestärken, und so erwähnte sie seinen Namen nicht mehr. Aber ihr Schweigen wurde der Schwägerin noch verdächtiger, und Karla merkte, wie die Röte ihr oft ins Gesicht stieg während der mittäglichen Stille am Eßtisch.
Der Druck, der zu Hause auf ihr lastete, verlangte nach einer Auslösung, und da sie keine Freundschaft verband mit einer Kollegin, so gewöhnte sie sich daran, alles, was sie bedrückte, Gaudlitz anzuvertrauen.
Einmal sagte er:
„So lassen Sie doch den ganzen Krempel und ...“
„Und was?“
Karla richtete erschrocken ihre Augen auf ihn. Wie konnte sie das alles lassen? Was wurde aus ihnen allen ohne sie? Wie konnte er nur so etwas aussprechen!
„Sie müssen nicht etwa denken ... nein ... es sind lauter ausgezeichnete Menschen ...“
Gaudlitz nickte.
„Selbstverständlich ... habe ich auch nie bezweifelt. Aber diese ausgezeichneten Menschen haben nicht die Gabe, Sie glücklich zu machen. Und das ist sehr schade.“
Mehr durfte er nicht sagen, das wußte er.
Gaudlitz war jetzt oft übler Stimmung. Je teurer ihm Karla wurde, desto weniger wußte er den Weg, den er ihr gegenüber einzuschlagen hatte. Sie war entwaffnend und aufreizend zugleich.
Im Schachklub, den er jetzt öfters besuchte, traf er manchmal ihren Papa, den ehemaligen Tänzer. Über zehn Worte war er früher nie mit ihm hinausgekommen -- jetzt suchte er Anknüpfungspunkte.
Aber er wurde auch aus dem zierlichen kleinen Herrn mit dem silberweißen Kopf und der altfränkischen Baletteleganz nicht immer klug. Lobte Gaudlitz eine Leistung Karlas, sprach er begeistert von ihrer Stimme, dann warf der Papa eine Kußhand in die Luft.
„Superb ... die Kleine ist superb ... überraschend ... Müßte mehr aus sich machen ... viel mehr. Aber das kommt noch. Wenn sie erst die Angst kriegt ... wenn sie erst in die Jahre kommt ... Dann kriegen sie alle das Fieber, wollen alle das Rennen machen! So lange sie jung sind, hüpfen sie herum wie kleine Mädchen -- pflücken Blumen, flechten Kränze -- spielen ...“