Part 21
„Ja ... wissen Sie das auch?“
Was war sie doch für ein liebes, vernünftiges Menschenkind, diese Karla König ... Wenn die frei wäre ... so ganz frei .. Donner .. ja ... „Du bist nicht recht gescheit“, hatte ihm seine Schwester schon einmal gesagt -- --
Nein, nein ... er war gewiß nicht „recht gescheit“! Aber wen ging das was an? Auf wen brauchte er Rücksicht zu nehmen?
Alice hatte ihm von dem Traum Karlas erzählt: dem langen Tisch mit den Kindern ringsherum ... Da war es über ihn gekommen wie eine Erleuchtung. Das war es wohl, was ihn so hinzog zu ihr -- dieses Mutterhafte. Auch in ihrer Stimme lag es ...
Nicht um ihr den Hof zu machen, hatte er sie in dem verlorenen kleinen mecklenburgischen Nest aufgesucht, sondern weil die Sehnsucht nach ihr ihn so stark gefaßt hatte, wie nach einem Trunk Quellwasser bei brennender Hitze. Er hatte schöne Frauen in allen Ländern gekannt, hatte geliebt und war geliebt worden, ohne eigentlich ein Fraueneroberer zu sein. Der Knoten seiner Liebeserlebnisse hatte sich stets ohne Anstrengung geschürzt, ohne Schmerz gelöst. Seine Schwester hatte sich mehrfach Mühe gegeben, ihn zu verheiraten -- immer vergebens. Die Frau war ihm bisher nie mehr gewesen als ein kurzes Begehren oder dankbares Erwidern.
Es war das erstemal, daß in ihm das Bedürfnis nach einer Ergänzung seines Ichs erwachte. So ließ er sich treiben von seinem Empfinden, wie er sein Fahrzeug vom Winde treiben ließ ...
Das große Wasser schluckte den flammenden Sonnenball, als Gaudlitz und der Kapitän Karla heimruderten. Karla empfand es dankbar, daß Gaudlitz weiter kein Alleinsein mit ihr herbeigeführt hatte. Das gab ihrem Wesen fröhliche Sicherheit, ihrer Seele freien Schwung.
„Nun noch etwas zum Mitnehmen“, sagte sie und sang als Abschied ein einfaches, schönes Lied. Glockenrein erhob sich ihre Stimme über dem Wasser, wie ein Gebet. Die Männer zogen die Ruder ein und nahmen die Mützen ab. Leise schlugen die Wellen ihre plätschernde Begleitung gegen den Kahn -- -- --
Als Karla König in die Halle des Stettiner Bahnhofs in Berlin einfuhr, überkam sie etwas wie Schuldbewußtsein. Um ganze acht Tage hatte sie ihren Aufenthalt an der See verlängert -- weil sie nach einem schönen Erlebnis nicht sobald zurückfand in den Alltag ihres Berliner Lebens. Nun hatte sie vier wundervoll friedliche Wochen verbracht in der schönsten Luft, während ihr Mann den Staub der Stadt eingeatmet und seine Stunden gegeben hatte. Sie wollte sehr sanft und sehr gut sein zu Hause. Luise und ihr Mann sollten es empfinden, daß sie das Opfer, das sie beide ihrem Wohlergehen gebracht hatten, zu schätzen wußte.
Altmann empfing sie am Zug. Sie war erstaunt, wie wohl er aussah. Kaum mehr schlank -- ein sehr stattlicher, nicht mehr junger Herr, der behaglich seines Lebens frühen Herbst genoß und nur leidend die Lippen herabzog, wenn etwas sein Behagen störte.
„Na, das ist schön, daß du wieder da bist, Karla ... Es war ja ein bißchen gegen die Abrede, aber wir haben dir die paar Tage gegönnt -- von Herzen gegönnt.“
Ähnlich sprach Luise.
Schmerzchen stand in einem langen, wollenen Morgenröckchen im Speisezimmer, ein weißes Tüchelchen um den Hals. Sie war sehr gewachsen, war sehr blaß und hatte große braune Augen, die ernst und abwartend blickten.
„Was ist ... was ist denn mit Schmerzchen?“
Karla hatte das Kind zu sich auf den Schoß gezogen und bedeckte das feine, nußbraune Haar mit leidenschaftlichen Küssen. Die Geschwister wechselten einen Blick.
„Ich war krank“, sagte Schmerzchen, mit einer gewissen Genugtuung im Ausdruck.
Karla blickte von Mann zu Schwägerin. Ihr Herz schlug zum Zerspringen, sie konnte kaum atmen.
„Wie denn ... krank ... und ich habe nichts erfahren?“
Der Papa erklärte alles. „Du mußt begreifen, liebes Kind ... eine Diphtheritis, wenn sie auch sehr leicht aufgetreten ist, bleibt ansteckend und gefährlich! Du hättest ja doch nicht in der Wohnung sein und das Kind pflegen dürfen. So zogen wir es vor, dir gar nichts darüber zu schreiben. Luise hat sich geradezu aufgeopfert ...“
Karla nickte. Ja, sie konnte sich schon denken ... Und das Kind hing mehr denn je am Papa, an Tante Lis’ ... mehr denn je -- --
„Ich danke dir, Luise ...“
Ihre Hand, mit der sie die Finger der Schwägerin umschloß, war eiskalt.
Als das Mädchen die Suppe hereinbrachte, sagte Luise:
„Du bist mir nicht böse, Karla -- ich habe dem Kind den Platz zwischen Ernst und mir gegeben; es hat jetzt seine kleinen Gewohnheiten ...“
„Nein ... bitte, Luise ... Warum sollte ich böse sein?“
Sie mühte sich, sehr sanft, sehr ruhig zu bleiben. Luise hatte sich ja „aufgeopfert“! Aber der Bissen blieb ihr im Halse stecken, wenn sie sah, wie das Kind manchmal lächelte. So erwachsen. So bewußt. Und wie es in dem Lächeln die beiden einte, die in ihrer Krankheit um es gewesen waren.
Wie es in der Motzstraße ginge?
Luise machte ein leidendes Gesicht. Sie sah in diesem Augenblick Altmann zum Verwechseln ähnlich.
„Alwin arbeitet sich zuschanden, und Adele hat Vickis Zimmer an einen Herrn vermietet. Das macht weniger Arbeit als Jungens. So kräftig ist Adele nicht mehr -- die hat sich verbraucht im Hause. Wenn man für alles aufkommen muß ...“
„Alwin hat doch immer verdient“, unterbrach Karla und hatte Mühe, ihren aufsteigenden Ärger zu unterdrücken.
„Ja, ja, gewiß ... das ist selbstverständlich. Aber knapp war’s. Und einteilen und auskommen, das ist zum mindesten so aufreibend wie verdienen. Das hast du ja gottlob nicht nötig gehabt. Das hat dir unser guter Ernst immer abgenommen. Aber es ist nicht leicht, glaube mir ...“
Was das junge Paar machte? Karla war froh, wenn sie etwas fand, was ablenkte von ihr.
Das junge Paar ließ sich fast gar nicht sehen. Zweimal war Vicki im ganzen bei der Mutter gewesen in diesen vier Wochen. Eigentlich nur, um sich ein paar Zwanzigmarkstücke zu holen. Sie sparte, soviel sie konnte, aber Bodo brauchte sehr viel außer dem Hause. Anzüge und Geld fürs Café und Restaurants. Er machte viel neue Bekanntschaften, behauptete, die würden sich schon eines Tages rentieren. Im übrigen ließ er sich bei den Schwiegereltern nicht sehen.
Einmal, ganz im Anfang von Karlas Abwesenheit, waren sie alle in einem Biergarten zusammengewesen.
„Aber nicht wahr, Ernst, gemütlich war es eigentlich nicht?“
Altmann lehnte sich zurück und versenkte die Hände in den Hosentaschen.
„Gott ... Du weißt, Lis, was man so gemeinhin ‚gemütlich‘ nennt -- davon halte ich nicht viel. Aber Zugehörigkeit -- die vermißte ich. Wir saßen da alle wie ... ja wie soll ich nur sagen ... wie zusammengewürfelt, ohne Kitt.“
„Und Vicki?“
„Vicki ...! Vicki trinkt seine Worte -- wenn er welche spricht! Sie ist in der Furcht des Herrn erzogen. Mir unbegreiflich, dieses Mädel ...“
Altmann sprach mit großer Überzeugung.
Karla zerrte ihr Mundtuch glatt.
„Ich werde jetzt auspacken“, sagte sie.
„Ich will Dir gerne helfen, so wie Isoldchen im Bett ist ...“, erbot sich Luise.
„Nein, nein ... danke ... ich werde gut allein fertig.“
Karla hatte nur ein Gefühl: Luise sollte sich nicht auch noch für sie aufopfern! Es war undankbar von ihr, häßlich -- aber sie konnte nicht an dagegen.
Frostig starrte ihr das Schlafzimmer entgegen, in dem grauen Dämmerlicht der Berliner Hofbeleuchtung. Sie dachte an den warmen Sommertag unter gelben Sonnenblumen -- da mußte sie ihre Handflächen an die Augen drücken. So brannten ihre Lider -- -- --
Während des Abendessens fragte Karla sich, was sie nachher wohl tun könnte. Zum Singen war sie zu abgespannt. Im Zimmer ihres Mannes sitzen -- nur um bequemer zu sitzen als anderswo ...?
Altmann ging unentschlossen hin und her, während das Mädchen abräumte und Luise das Obst in die Kredenz einschloß. Er fuhr sich ein paarmal über das Kinn und blieb dann stehen.
„Ich weiß nicht, liebes Kind, wie du dich dazu stellst, aber Lis’ und mir war es ein großer Genuß all die Zeit. Ich ... hm ... ich lese ihr jetzt allabendlich ein Stück vor, von einem unserer großen Klassiker. Es ist katastrophal, wie man sie vernachlässigt! Augenblicklich lese ich ‚Coriolan‘.“
„Wundervoll,“ sagte Luise, während ihr Schlüsselbund klirrte, „aber entsetzlich anstrengend!“
„Gewiß, meine gute Lis’, aber das spricht nicht mit ... Es ist mir, wie gesagt, selbst ein Genuß. In Berlin ist der ganze Stil für die Klassiker verlorengegangen. Schiller drehte sich im Grabe um, wenn er das sähe!“
Luise trank die Worte des Bruders. Sie hatten sich auf einander eingestellt in diesen vier Wochen, mit einer lückenlosen Genauigkeit. Karla war ein Fremdkörper geworden, dem man Platz schaffen mußte; es ging nicht ohne Sprünge und Risse.
„Also, wie meinst du, Karla? Ich will dich selbstverständlich nicht zwingen -- aber an freien Abenden ...“
„Ja ... gewiß ... gern.“
Altmann fuhr ihr liebkosend über die Schulter.
„Das freut mich, Karla, freut mich ehrlich. Das ist meine Auffassung von Gemütlichkeit. Jeder hat die seine, nicht wahr? ... Wir bleiben hier sitzen, des Kindes wegen, falls es ruft, der Schlaf ist noch zeitweise unruhig. Luise nimmt eine Handarbeit ... du vielleicht auch, wie?“
Karla entsann sich der roten Decke, an der sie häkelte.
„Die liegt längst fertig in der Kommode. Die bekommt Isoldchen zu Weihnachten“, sagte Luise, und ein etwas spöttisches Lächeln verzog ihre Lippen.
„Warum denn ... warum hast du meine Arbeit ...?“
„Aber sie wäre ja doch nie fertig geworden, Karla“, schnitt die Schwägerin ab.
Nein ... Karla wäre nicht fertig geworden mit ihrem Träumen und Denken ... und die Arbeit wäre nicht fertig geworden. Es war richtig. Aber es tat weh. Und eigentlich gehörte es sich nicht.
Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und kreuzte die braunen, sonnenverbrannten Hände über der Tischdecke -- ergeben, geduldig, sanft.
Altmann las. Mit vollem Organ und viel Ausdruck. Mit schrecklich viel Ausdruck und aufreizender Deutlichkeit. Jedes „und“ und jedes „aber“ hatten die Bedeutsamkeit eines Gedankens, jeder Gedanke ertrank in dem Gleichmaß der Bedeutung. Luisens Augen glänzten. Nie war sie so durchdrungen davon, daß dem Bruder Unrecht geschah von den Bühnenleitern, wie an den Vorleseabenden. Sie und Adele hatten ihn unterschätzt ... sie hätte weinen können darüber. Er war ein großer, ganz großer Künstler. Er hatte seine Karriere und seinen Ruhm seiner Frau geopfert -- aus Liebe, aus Großmut. Nie konnte Karla ihm das genug danken -- nie! Luisens Blicke ließen nicht ab von seinem schönen Gesicht, das so tragisch aussah bei pathetischen, dramatischen Stellen, und ihre Blicke zogen die seinen zu ihr herüber, zogen seine Stimme, seine Worte an -- daß sie bald nur ihr galten und über Karla hinwegfluteten wie über den Stuhl, auf dem sie saß.
Karla krampfte die Finger ineinander. Etwas bohrte an ihrem Herzen. Erst leise, dann immer stärker. Die Nacht fiel ihr ein auf der Veranda des Hotels in Brasilien, und wie sie gewartet und wie sie es nicht für möglich gehalten hatte, was doch geschehen war ... Und das war nur ein Kinderspiel gewesen gegen das, was jetzt geschah.
Eine Mariette hatte ihr nichts nehmen können -- nichts, als allenfalls eine Stimmung.
Luise nahm ihr alles -- das Kind, den Mann ... löschte sie selbst aus ... ganz sachte; ohne es zu wollen vielleicht, nein, gewiß; ohne es zu wollen -- aber jeden Tag mehr, immer mehr, machte sie überflüssig -- ließ sie nur gelten, weil sie die Stimme hatte, die Mann und Kind ein leichtes, sorgenfreies Leben gewährte ... Aber auch das mochte kaum bewußt sein ... es +war+ nur so und drängte sie, die Mutter, die Frau, sanft aus dem Bereich ihres häuslichen Wirkens, ihrer Frauenrechte ...
Seltsam, wie diese Erkenntnis wirkte. Es war kein Schmerz und kein lodernder Zorn, wie damals in Brasilien ... nur wie ein kalter Hauch zog es durch ihre Seele, vereiste ihr sonst so heißes Empfinden ...
Sie stand auf.
„Laßt euch nicht stören,“ sagte sie freundlich, „-- ich bin müde und will mich niederlegen.“
Altmann blickte auf.
„Verzeih’ .. ja .. ich hatte vergessen .. selbstverständlich ... wir können übrigens auch morgen --“
Aber Karla wiederholte, ebenso freundlich, nur mit einer an ihr fremden Bestimmtheit:
„Nein, bitte ... laßt euch nicht stören ... gute Nacht, Luise.“
Leise schloß sie die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu.
Altmann strich ein paarmal nervös über die Seiten des Buches. „Schade ...“
„Wie meinst du, Ernst ...?“
„Sie hat so gar keine geistigen Interessen ... schade!“
„Findet man das nicht häufig bei Sängerinnen?“
„Möglich ... ja ... aber Karla ist doch auch meine Frau!“
Luise strich mit ihrer hageren Hand über den Ärmel des Bruders.
„Ärgere dich nicht. Wir haben uns hier so eingesponnen, und sie kommt von draußen -- sie ist noch wie ein verspieltes Kind. Das gibt sich. Lies weiter -- es ist mir eine solche Freude ...“
„Gute Lis’!“
Er nickte ihr zu. Von der Bewunderung der Welt, die er erträumt hatte, war ihm nur die Bewunderung der Schwester geblieben. -- -- Aber auch die tat wohl!
Einen Tag vor ihrem Wiederauftreten sagte Altmann:
„Du hast doch nichts dagegen, liebes Kind, ich habe gebeten, daß man dich als Karla König-Altmann auf den Zettel setzen möchte.“
„Als König-Altmann ...?“, wiederholte Karla. „Ja ... warum denn?“
Ihr Name war ihr lieb geworden, sie war in ihn hineingewachsen wie in eine Haut. Der angehängte Name ihres Mannes wirkte auf sie wie etwas Fremdes, gar nicht zu ihr Passendes. In ihren Schläfen pochte es.
„Wenn ich nur wüßte -- warum?“
Altmann reckte sich hoch, seine Mundwinkel vertieften sich.
„Liebe Karla, du tust gerade so, als wäre es eine Unehre für dich, deinen gesetzlichen Namen zu tragen -- eine Schande.“
„Warum hast du es mir nicht vorher gesagt -- wir hätten es überlegen können -- --“
„Ich glaube, liebes Kind, daß es da nichts zu überlegen gibt. Du hast ein Kind, eine Tochter. Ich meine, wenn nicht aus Rücksicht auf mich, so doch aus Rücksicht auf dein Kind ... Die Gemeinsamkeit des Namens ist, scheint mir, doch das allererste und wichtigste Bindeglied zwischen Eltern und Kind ...“
Die Tür zu Altmanns Zimmer ging auf, und Schmerzchen trippelte herein, in einem blauen Herbstmäntelchen und blauem Matrosenhütchen.
Karla hatte Schmerzchen bisher nur in weichen Kappen oder unter dem Gefältel weißer Stickereihüte gesehen, die Matrosenform gab dem zarten Gesicht etwas Hartes, Strenges. Das feine nußbraune Haar ringelte sich in Locken über den Nacken.
„Komm mal her, Isolde ...“
Gehorsam ging Schmerzchen auf den Papa zu, mit einer gewissen Spannung im Blick. In Papas Ton lag immer etwas, worauf sie gespannt war.
Karla fielen die Arme, die sie dem Kinde entgegengestreckt hatte, in den Schoß zurück.
„Sag’ mal, wie heißt du?“
„Isolde Altmann“, sagte Schmerzchen sehr deutlich und gewichtig.
„Gut. Und wie heiße ich?“
„Ernst Altmann, Landgrafenstraße siebzehn.“
„Ja, ja ...“, unterbrach er. „Und Mama? Wie heißt Mama?“
„Karla König-Altmann, Königliche Hofopernsängerin.“
„Brav.“
Er wendete sich an Karla:
„Na -- klingt das gar so schlimm?“
Karla antwortete nicht. Sie hielt Schmerzchens Hände und drückte sie an die Lippen.
Schmerzchen blickte unruhig nach der Tür.
„Ich gehe mit Tante Lis Haare abschneiden.“
„Wieso Haare abschneiden ... wessen Haare?“
„Meine Haare ... ritz--ratz, sagt Tante Lis ...“
Karla war ganz erschüttert. Das feine braune Härchen ringelte sich so weich über ihre Hand, und nun sollte es abgeschnitten werden, sollte ...
Luise trat, ebenfalls zum Ausgehen angekleidet, über die Schwelle.
„Komm, Isoldchen ...“
Karla hatte Schmerzchen den Matrosenhut abgenommen, bedeckte das braune Haar mit Küssen.
Luise lächelte nachsichtig.
„Du hast dich aber auch gleich, Karla! ... Das Kind bekommt nie starkes, dichtes Haar, wenn es nicht geschoren wird. Jawohl, Isoldchen, wie ein Schäfchen wirst du geschoren und wirst aussehen wie ein kleiner Junge.“
Schmerzchen nickte. Die bevorstehende Verwandlung hatte etwas ungemein Geheimnisvolles für sie. Das Leben war überhaupt voller Reize und Schauer. Die Mama schien das zu verstehen -- die Mama weinte sogar! Und das wäre natürlich sehr erschreckend gewesen, wenn Papa und Lis nicht gelacht hätten. Die wußten es doch immer besser.
„Warte, Schmerzchen ... halt’ still ... es tut nicht weh.“
Karla ergriff die Papierschere auf Altmanns Tisch. Eine Locke wollte sie für sich abschneiden. Wenigstens eine greifbare Erinnerung haben an das seidenweiche, nußbraune Haar ihres Kindes.
Schmerzchens Gesicht wurde ganz rot vor Anstrengung, stillzuhalten. Am liebsten wäre sie ja davongelaufen, aber ihr war noch vom Weihnachtsabend erinnerlich, daß die Mama ihr nicht weh tat. Nur begriff sie nicht, warum die Mama weinte. Tante Lis begriff es auch nicht. Papa aber ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und sagte:
„Karla ist immer noch der reine Backfisch.“
Karla fuhr in die Stadt und kaufte sich eine dünne Kette und ein goldenes Medaillon für Schmerzchens Locke.
Der Juwelier hatte nur zweiseitige Medaillons vorrätig und fragte, ob sie nicht ein Bild für die zweite Seite habe. Aber Schmerzchens letztes Bild war vor mehr als einem Jahre aufgenommen, und jetzt sah das Kind noch immer so elend aus, daß sie es nicht photographieren lassen mochte. Später.
Als sie nach Hause kam, erschrak sie, weil sie Schmerzchen mit dem runden Jungenskopf nicht gleich erkannte.
Schmerzchen sah dem Vater sprechend ähnlich.
Luise und Altmann sprachen an diesem Abend viel von dieser Ähnlichkeit, so daß Karla darüber sogar ihre Namensveränderung vergaß.
Erst am nächsten Abend wurde sie wieder daran erinnert. Gegen seine Gewohnheit kam der Papa zu ihr in die Garderobe.
„War gespannt, liebes Kind, zu hören, wie -- Frau König-Altmann singt -- erwartete eine bedeutsame Veränderung, aber ich muß gestehen ... daß ich nur eine kleine Mattigkeit bemerkt habe ... vielleicht von der Bürde solcher zwei Namen ... Warum läßt du ‚König‘ nicht ganz fort ... eigentlich überflüssig, wie?“
Der Papa war sehr gallig. Aber in einem hatte er recht: Karla war an diesem Abend wirklich nicht ganz auf der Höhe.
Und auf dem Eckplatz des ersten Ranges saß ein wildfremder, dicker Herr mit einem breiten, schwarzen Klemmer auf der Nase. -- -- --
-- -- In der Motzstraße war die Familie um den Abendbrottisch versammelt. Karla war in Potsdam zu einem Hofkonzert, das am Spätnachmittag stattfand. Sie hatte versprochen, geradeswegs in die Motzstraße zu kommen, wenn sie fertig wäre. Adele war rasend neugierig, wie es „bei Kaisers“ zuging. Übermorgen fand ihr Kaffeekränzchen statt -- das gab dann Gesprächsstoff, und ein bißchen von dem Glanz, der sich um Karlas Namen verdichtete, fiel dann auch auf sie ab und ihr Haus. Sie brauchte sich dann von den Damen auch nicht so viel über Vicki ausfragen zu lassen.
Adele hatte es schwer. Immer mußte sie entschuldigen, bemänteln. Auch ihrem Manne gegenüber. Harte Worte lagen ihm nicht. Aber Bitterkeit legte sich auch um seine Mundwinkel, wenn er sich nach Vicki erkundigte. Er zählte manchmal an den Fingern die Wochen ab, die sie sich nicht hatte sehen lassen, als wüßte sie nicht, welche Arbeitslast der Vater auf sich genommen, um den jungen Hausstand zu stützen. Ein Teil der Möbel hatte auf Abzahlung genommen werden müssen, weil Bodo Völkel erklärt hatte, daß er die Spießereinrichtung, die Luise für ihn in Aussicht genommen, nicht über seine Schwelle ließe. Er wollte sich seine Umgebung selbst zusammenstellen. Wenn es auch ein bißchen teurer würde, so hätte er doch Verbindungen, die eine bequeme Abzahlung ermöglichten.
Adele war aufs Tiefste verletzt von diesem „auf Borg“ gestellten Haushalt; aber diesmal unterstützte ~Dr.~ Maurer seinen Schwiegersohn und beschwichtigte seine Frau.
„Bodo ist nicht wie Karla -- er läßt sich nicht in seinen Entschlüssen vergewaltigen. Mag der Mann sich seine sieben Sachen aussuchen, in denen Vicki mit ihm glücklich sein soll -- wir schaffen’s schon.“ Daß es ohne Karlas Hülfe doch nicht so einfach gewesen wäre, ahnte er nicht.
Es sah immerhin recht eigenartig und hübsch aus bei Völkels, obwohl Vicki selbst wenig hineinpaßte in den verstiegenen, neuartigen und noch nicht geklärten Stil ihrer Wohnung. Ja, sie gestand sogar, daß ihr die schwarzen, geraden Fenstervorhänge im Schlafzimmer gruselig und die kaum zu bewegenden drei Sessel im Wohnzimmer unbequem seien. Immerhin -- Bodo hätte es so ausgesucht, und was Bodo beschloß, war geheiligt.
Nur wenn er nicht zu Hause war, schleppte Vicki einen Rohrstuhl aus der kleinen Stube neben dem Schlafzimmer überall mit sich herum oder setzte sich in die der Sparsamkeit wegen ungeheizte Kammer, wo sie wenigstens in aller Bequemlichkeit und ohne befürchten zu müssen, die stilvollen Möbel zu verderben, ihre häuslichen Angelegenheiten erledigte: das Gemüse putzte, Kinderwäsche zuschnitt, flickte und ihre Ausgaben einschrieb.
Das Ausgabenbuch machte ihr viel Kummer. Bodo aber hörte kaum zu, wenn sie ihm von teuren Zeiten oder gar von Marktpreisen sprach.
„Ja ... ja ... na, das wird ja mal anders werden. Sieh doch zu, daß die Eltern ein bißchen aushelfen ...“
Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, auszuhelfen. Sie hatten den Salat angerührt -- bitte! Dieses „Hundeleben“ war nur erträglich, weil Vicki ein im Grunde liebes, vernünftiges Ding war, das die Schwierigkeiten seiner Lage einsah und ihm kleinweise auf ihre Art half.
Selbst dem Onkel hatte sie im Laufe der Monate an dreihundert Mark abgeluchst, das Schlauchen, mit ihren hübschen blauen Augen und ihrem molligen Gehabe. Wenig genug! Aber immerhin etwas.
Die Zärtlichkeiten des Onkels waren nicht immer nach Vickis Geschmack. So bitter es ihr ankam -- lieber noch holte sie Aushilfe bei der Mutter.
Adele schlug die Hände zusammen: „Schon wieder? ... Noch? ... Worauf geht denn das viele Geld bloß?“ ...
Sie rechnete der Tochter vor, wieviel ihr eigener junger Haushalt gekostet hatte. Nicht die Hälfte!
„Und Vater hatte immer ein paar Silberstücke in der Tasche zum Ausgehen!“
Das war jetzt anders. Die Silberstücke bekam Vicki. Und wenn’s in den letzten Tagen des Monats nicht langte für Fleisch, dann aß sie eben ein paar Eier oder einen Grießbrei, während er auswärts speiste, bei Bekannten oder auf Borg in einem guten Gasthaus, wo man ihn kannte! Und der Kellner rief sogar beim Weitergeben der Bestellung zur Küche: „Für den Herrn Baumeister!“, woraufhin Bodo Völkel das Essen besonders reichlich zugemessen wurde.
Der Bodo kannte sich eben aus. Der Bodo war nicht so wie Vater! Der Bodo verstand es, sich in der schwierigsten Lage zu helfen! Sie würden noch alle staunen, wie weit der Bodo es brächte! Das stilisierte Bauernhaus hatte er dem Grafen Gaudlitz ausgeredet und einen Plan für ein prachtvolles vierstöckiges Miethaus entworfen. Die Zukunft Berlins läge in der Gegend! Palast an Palast würde sich da erheben. Graf Gaudlitz sollte den Anfang machen.
„Und der Graf ist darauf eingegangen. Nur ist es mittlerweile zu spät geworden, und so kann der Bau erst im Frühjahr beginnen.“
„Das Bauernhaus jetzt wäre mir lieber gewesen als der Palast in der Zukunft!“
Adele seufzte schwerbedrückt auf; immerhin, sie gab die heiß verlangten Goldstücke.
Eine stürmische, rasche Umarmung, und Vicki verschwand bis zur nächsten Geldklemme.
Adele aber sah, wie ihr Mann immer grauer wurde in der stickigen Luft des verqualmten Zimmers und der überfüllten Schulstube. Ja, es kam vor, daß er mit warmen Flanelltüchern über dem Magen zum Unterricht ging, oder daß sie ihm rasch Pfeffermünztee mit Baldrian hereinbringen mußte, wenn er mit einem Privatschüler an seinem Tisch saß.
Sie sagte dann: „Du mußt zum Arzt. Ich verlange es, Alwin ...“
Und er nickte: „Ich war ja bei ihm ... es ist nichts. Ein nervöses Magenleiden ... ich sollte das Rauchen aufstecken. Aber die zwei Zigarren täglich ... wenn man darauf auch verzichten soll ...“